Der neue Film von Steven Spielberg gehört zu den Kinoerlebnissen, die man entweder gleich von Beginn an mag oder kopfschüttelnd über sich ergehen lässt. Die Reaktion der Kritiker fiel entsprechend dramatisch aus: aus der Zeit gefallen sei der Film. Andere waren dankbar, dass in einer Zeit, die von Kriegen und Krisen gepeinigt wird, jemand da ist, der von einer optimistisch-humanistischen Weltsicht geleitet wird.
Das Problem ist, dass noble Absichten nicht automatisch zu einem guten Film führen. Und so hat es Steven Spielberg diesmal nur ansatzweise geschafft, einen Film zu drehen, der lange im Gedächtnis bleiben wird. „Disclosure Day“ ist allerdings auch kein Flop. Er ist Durchschnitt, und das ist das Schlimmste, was man über einen Spielberg-Film sagen kann.
Das Drehbuch ist anspruchslos
„Disclosure Day“ tut so, als gäbe es etwas Neues, etwas Umwerfendes zu entdecken. Merkwürdige Dinge geschehen, der Nebel einer Mystery-Erzählung liegt über der Handlung. Dass es um Aliens geht, dürfte auch der naivste Zuschauer aber rasch erkennen. Die Promotion des Films kündigte es im Trailer an: „Wenn Sie herausfinden würden, dass sie nicht allein sind? Wenn es jemand Ihnen zeigt, es beweisen wird – würde Ihnen das Angst machen?“
Wer denkt da nicht an Überirdisches, an Aliens? Der deutschsprachige Trailer präsentierte zwar noch einige religiöse Andeutungen, aber spätestens die Kornkreise, die sich wie aus dem Nichts bildeten, machten endgültig klar, dass „Disclosure Day“ Science-Fiction mit einem Schuss Fantasy sein würde. Und das, ohne das Rad neu zu erfinden.
Steven Spielberg arbeitete für „Disclosure Day“ erneut mit seinem Lieblingsautor David Koepp („Jurassic Park“, „Krieg der Welten“ u.a. Spielberg-Filme) zusammen. Die Story entwickelte der Regisseur, die Umsetzung in ein Drehbuch übernahm mit David Koepp ein eher mainstream-erfahrener Writer. Und der vermied einen angemessenen Tiefgang bei den Dialogen und verzichtete auch auf altmodischen Kram wie einen themenleitenden Prolog. Warum nicht zunächst ein spektakuläres Ereignis zeigen, dass in den ersten Minuten das Thema auf den Tisch legt? Ein Prolog hätte danach die Motivation der Hauptfiguren und ihrer Antagonisten differenzierter behandeln können.
Stattdessen wird der Zuschauer gleich zu Beginn ins kalte Wasser geworfen. Der Film beginnt mit temporeicher Action – und das nach dem Motto „Dr. Kimble meet the X-Files“. Die Figuren werden wie der unschuldig verdächtigte Arzt in der Serie „The Fugitive“ (dts. Auf der Flucht, 1963-1967) gnadenlos verfolgt und gehetzt. Spielberg inspirierte dies, es erinnerte ihn an seinen Erstling „Duel“.
Das Thema von Spielbergs Film, nämlich die fiktive Wahrheit über den sogenannten Roswell-Zwischenfall, wird wie in „Akte X“ nur häppchenweise serviert. Und wer da wen aus welchen Gründen auch immer zu Strecke bringen will, geht im ersten Akt des Films unter. Und das ist kein anspruchsvolles Storytelling.
Nur Stück für Stück setzt sich nach einigen Verfolgungsjagden das Puzzle zusammen. Der Cybersicherheitsexperte Daniel Kellner (Josh O’Connor) wird zum Whistleblower, als er beschließt, geheime Regierungsdokumente öffentlich zu machen. Damit gerät er auf die Abschussliste der für die US-Regierung arbeitenden Organisation Wardex. Dessen Boss Noah Scanlon (Colin Firth) macht seinen Job aus tiefster Überzeugung: die Enthüllungen würden die Menschen global in eine fatale Krise führen. Wardex zu entkommen, ist aber schwierig, denn Scanlon verfügt über eine fremde Technologie, den „Device“. Und der verleiht ihm die Macht, aus der Ferne Menschen nicht nur motorisch zu kontrollieren, sondern auch ihre Gedanken zu manipulieren.
Als Kinder entführt
Hauptfigur ist die TV-Moderatorin Margaret Fairchild (Emily Blunt). Sie ist für das Wetter zuständig. Aber dann läuft eine Live-Sendung aus dem Ruder, als sie in der Lage ist, sich mit koreanischen Gästen der Nachrichten-Show in ihrer Landessprache zu unterhalten. Natürlich fließend. Als sie später vor der digitalen Wetterkarte steht, gibt sie zu ihrem eigenen Entsetzen merkwürdige klackernde Geräusche von sich. Dann kollabiert sie.
Erlebt der Zuschauer eine Fortsetzung des Spielberg-Klassikers „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ (1977) der dritten Art“ (1977)? Nur im weitesten Sinn, aber auch in „Disclosure Day“ gibt eine Art von Besessenheit, die die Hauptfigur überfällt. Während Richard Dreyfuss als Roy Neary in „Unheimliche Begegnung“ immer wieder zwanghaft einen mysteriösen Berg bastelt, scheinen die Figuren in „Disclosure Day“ gegen ihren eigenen Willen von neuen Fähigkeiten beherrscht zu werden. So kann Daniel mühelos Margaret verstehen, egal, in welcher Sprache sie spricht. Offenbar hängt dies auch mit den Tieren zusammen, die die Figuren aufsuchen und sie bewegungslos anschauen. So wurde Margaret vor ihrer Sendung von einem Rotkardinal besucht. Der Vogel saß auf ihrem Tisch und sah sie ruhig an. Dann flog er weg. Später erfährt man, dass es Außerirdische waren, die die Gestalt von Tieren annehmen konnten.
Einige Verfolgungsjagden später treffen Daniel und Margaret eine Gruppe ehemaliger Wardex-Mitarbeiter, die von Hugo Wakefield (Coleman Domingo) angeführt wird und gegen die Geheimorganisation ins Feld zieht. Wakefield gelingt, mit einem Experiment verdrängte Erinnerungen bei Margaret freizulegen: sie und Daniel wurden als Kinder von Außerirdischen entführt, die ihnen die außerordentlichen Fähigkeiten verliehen. Und schon wieder bedient sich David Koepp einem Tropus, der die Serie „X-Files“ charakterisierte. Es wäre daher keine Überraschung gewesen, wenn Scully und Mulder irgendwann auftauchen. Und es wäre keine schlechte Idee gewesen.
Ungereimtheiten beim großen Finale
Natürlich kann man den überlangen Film als Unterhaltung konsumieren, aber etwas mehr Anspruch hätte man von Steven Spielberg dann doch erwartet. An den Darstellern lag es nicht. Emily Blunt als Multilinguistin und Gedankenleserin spielt grandios, während Josh O’Connor von Autor David Koepp enttäuschend in den Schatten seiner Partnerin gestellt wurde.
Colin Firths Performance als Bösewicht wurde von einigen Kritikern sehr negativ bewertet, aber Firth spielt keinen klassischen Genreschurken, sondern einen eher depressiven Mann, der einen Zivilisationskollaps befürchtet, wenn die Menschen erfahren, dass sich seit 80 Jahren Aliens auf der Erde befinden. Zumindest bei dieser Figur konnte man nichts Klischeehaftes entdecken. Am Ende gibt er sich deprimiert geschlagen, setzt sich in einen Stuhl und sieht zu, wie die Fakten viral gehen.
Die Rollen einiger Nebendarsteller waren dagegen entbehrlich. Etwa der Lebenspartner von Margaret Fairchild, der bestenfalls für das Comic Relief zuständig ist und Margarets Veränderungen nur als psychische Erkrankung deuten kann. Selbst dann noch, als das Faktische nicht mehr zu verdrängen ist. Diese Figuren verschwinden irgendwann.
Ärgerlich sind auch einige Ungereimtheiten. Zu ihnen gehört auch die nur beiläufig erwähnte Bedrohung durch einen atomaren Super-Gau, denn scheinbar steht der 3. Weltkrieg vor der Tür. Eine erkennbare Bedeutung für den Plot hat dies nicht. Stattdessen wurde die Handlung überladen.
Aber Spielbergs Film ist keine B-Ware. Visuell hat der Film einiges zu bieten, und damit ist die Arbeit von Kameramann Janusz Kamiński gemeint, der seit Jahrzehnten mit Spielberg zusammenarbeitet und selbst in nebensächlichen Szene die Kamera auf nicht erwartbare Weise elegant durch das Szenario gleiten ließ. Der mittlerweile 94-jährige Komponist John Williams (5 Oscars, 4x für Spielberg-Filme) überraschte mit einer konventionellen Filmmusik leider nicht.
Abrupter Schluss und ein verzweifelter Appell
Am Ende stürmen Margaret und Daniel einen TV-Sender und senden die Dokumente in die ganze Welt. Margarets Superkräfte sorgen dafür, dass niemand dies verhindern kann. Noah Scanlon sitzt in einer Ecke und schaut resigniert zu. Während der Super-Gau naht, werden auf ein paar Dutzend Screens nicht nur die Roswell-Dokumente inklusive der alten Filme in Schwarz-Weiß gezeigt (die realen Roswell-Filme wurden vor knapp 30 Jahre als Fake entlarvt), sondern auch pfeilschnelle Raumschiffe, die wie Papierflieger aussehen, oder man sieht, wie ein gewaltiges Raumschiff eine dichte Wolkendecke durchstößt. Dies erinnert an „Independence Day“. Dies soll niemand zuvor gesehen haben?
Dass Spielberg seinem Lieblingsautor David Koepp dann das abrupte Filmende durchgehen ließ, wäre als Cliffhanger erträglich gewesen, aber eine Fortsetzung dürfte es trotz der immens hohen Zuschauerzahlen und dem mehr als befriedigenden Umsatz nicht geben.
Am Ende wird von der Gruppe um Hugo Wakefield ein altersschwaches Alien im Hi-Tec-Rollstuhl ins Studio gekarrt, das Margaret Fairchild etwas in Ohr flüstert. Aber der Zuschauer weiß nicht, was genau da gesagt wird. Dann wird gezeigt, dass global Millionen Menschen gebannt auf ihre Smartphones starren. Und dann blickt Emily Blunt in eine Kamera und sagt: „Hören Sie zu.“ Und schon ist der Film zu Ende.
Am schlimmsten ist, dass in „Disclosure Day“ Spielbergs moralische Prämissen nur behauptet werden. Dass Empathie das wichtigste Ergebnis der Evolution zu sein hat, das teilen die Aliens der Menschheit wohlwollend mit. Dies passt zu Spielberg ausgeprägtem Humanismus, aber so bieder hat es einer des besten Regisseure des 20. und 21. Jh. den Zuschauern noch nie angeboten. Offen bleibt, ob Noah Scanlon Recht behalten wird.
Spielberg hatte es mit „Das Reich der Sinne“ mit ikonischen Bildern und einer subtilen Story geschafft, uns die emotionalen und sozialen Aspekte der Empathie näherzubringen. In „A.I. – Artificial Intelligence“ erzählte Steven Spielberg davon, dass die selbstzerstörende Spezies Mensch es nicht ohne Weiteres hinkriegt, nämlich empathisch zu werden. Dass dies ein programmierter Android schafft, ist daher eine Tragödie. Aber eine ehrliche. Denn es zeigte, dass Spielberg auch die düsteren Aspekte der Conditio Humana kannte.
Spielbergs Moral ist spannender als der Film
Antje Wessels schreibt in ihrer Kritik: „Das Problem dabei ist jedoch, dass die Wirkung dieses Konzepts an eine Weltsicht geknüpft scheint, die heute kaum noch existiert.“ Logisch ist dieser Einwand nicht, denn die Kritikerin war nicht gewillt, in ihrer Kritik die neue Weltsicht zu beschreiben. Dabei würde die Hypothese erst recht einen optimistischen Film im Sinne Spielbergs notwendig machen. Aber auch andere Kritiker argumentierten nicht anders.
Das wahre Problem der Films ist, dass Spielberg und sein Autor sich nicht getraut haben, die geforderte Empathie mit einem realen Bezugsrahmen zu versehen. Ist Empathie die Fähigkeit, andere Menschen besser zu verstehen, ihre Hoffnungen und Zweifel, ihre Emotionen und ihre Handlungen? Oder muss sich Empathie gegen ökonomische und klimapolitische Strukturen richten, die den Untergang unserer Spezies forcieren?
Einen anderen Fokus hatte Filmpapst Georg Seeßlen, der den Regisseur in einem langen Themenbeitrag für epd-Film als Märchenerzähler beschrieb. Was auf den ersten Blick beleidigend wirkt, ist bei genauem Hinschauen etwas Notwendiges. Auch für das Kino, in dem die Dystopien längst humanistische Science-Fiction-Visionen aus dem Rennen genommen haben.
In Spielbergs Welt retten gute Geister, also meistens Aliens, die Gequälten und Hilflosen und bringen sie an einen besseren Ort. Seeßlen nennt dies White Fantasy. Das Übersinnliche ist keine Bedrohung, sondern bietet Gnade und Erlösung. Seeßlen hat einen Begriff dafür: „Otherness“. Man kann es auch das fremde Andere nennen.
„Eigentlich fragt Spielberg nur nach der Zukunft von Menschen, in deren Leben etwas ungeheuer Staunenswertes geschehen ist“, so Seeßlen.
Für einige Influencer, die auf YouTube über Spielberg herfallen, ist dies etwas anderes – Kitsch! In einer Welt, in der brutale Kriege die Medien beherrschen, ist die Hoffnung auf das Gute im Menschen, besonders wenn Aliens dabei helfen, für sie nur lächerlich. Ich würde es anders definieren: In dieser Welt der Häme ist nur Platz für Figuren wie John Wick.
Spielbergs moralischer Optimismus erinnert daher auch ein wenig an Don Quichote, der vergeblich gegen Windmühlen kämpfte. Aber Spielberg geht einen Schritt weiter: er unterscheidet nicht zwischen Magie und Technologie, was die technisch überlegenen Aliens in der Wahrnehmung der Menschen zu magischen Zauberern macht. Oder zu Göttern, eine Sichtweise, die erklärt, dass in Spielbergs Film oft religiöse Bezüge zu entdecken sind (in „Disclosure Day“ taucht eine kluge Nonne auf, die den in der Bibel scheinbar als Gesetz eingemeißelten Status des Menschen kurz und bündig relativiert).
Seeßlen bezeichnet dies als „Mythos der realen Transzendenz“: Die Grenzen menschlicher Erfahrung werden überschritten, ohne die empirische Welt zu verlassen. Ein Kritiker nannte es hämisch „Gutmenschen-Pädagogik“. Seeßlens Reflexion relativiert zum Glück einiges von dem, was man in „Disclosure Day“ als Enttäuschung wahrnahm. Offenbar brauchen wir dringend solche Filme, auch wenn sie ihr Potential nicht ausschöpfen. Vielleicht müssen wir einfach nur lernen, wie man zuhört.
Note: BigDoc = 2,5, Klawer = 3
Kritiken
„Disclosure Day ist gerade deshalb nicht nur großes Überwältigungskino. Es ist das Alterswerk eines Regisseurs, der nach einem halben Jahrhundert Filmgeschichte noch immer dieselbe Frage stellt wie einst der kleine Junge aus Die Fabelmans: Was wäre, wenn die Welt besser sein könnte?“ (Axel Timo Purr auf artechok).
„Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ erreicht zwar nicht die Magie früherer Spielberg-Klassiker, ist aber die Art von Film, die es in diesen Zeiten braucht – bewegend, optimistisch und ein Plädoyer für Menschlichkeit und Empathie“ (FAZ).
„David Koepps Drehbuch jongliert also eine Vielzahl an Figuren und Situationen – arbeitet diese aber kaum aus. In der Regel geht es für die Figuren nur von Punkt A zu Punkt B und meist folgen sie dabei irgendwelchen nicht näher erläuterten inneren Intuitionen (…) Am stärksten ist Disclosure Day (..), wenn er eine Art religiöses Essay wird, nur eben mit Außerirdischen. Je länger der Film dauert, desto mehr gleicht er einem verzweifelten humanistischen Gebet“ (Robert Wagner auf critic.de).
„Denn das ist schließlich die eigentliche Crux an Spielbergs menschelnder Alien-Botschaft: Sie ist auf eine dermaßen kitschige und oft einfältige Art belehrend, dass ich den Film – ohne jede Übertreibung – einfach ausgemacht hätte, wenn er im Stream gelaufen wäre“ (Benjamin Schmädig auf eurogamer.de).
„Steven Spielberg hat sich einmal mehr übertroffen“ (Michael Ranze in Filmdienst).
Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit – USA 2026 – Länge: 146 Minuten – Regie: Steven Spielberg – Story: Steven Spielberg, Drehbuch: David Koepp – Kamera: Janusz Kamiński – Musik: John Williams – D.: Emily Blunt, Josh O’Connor, Colin Firth, Colman Domingo.