Die von Jeffrey Addiss und Will Matthews entwickelte Serie ließ aufhorchen. Immerhin wurde sie von en Duffer Brothers produziert. Und die haben „Stranger Things“ erfunden. Tatsächlich wurde „The Boroughs“ schnell zum Streaming-Hit.
Das Rad neu erfunden haben die Macher nicht. Auch die Enthüllung der mysteriösen Ereignisse in einer scheinbar paradiesischen Rentnerstadt ist ein wenig zu abstrus, um restlos zu begeistern. Dafür überzeugen die Figuren mit ihren Macken, Problemen und traurigen Verlusten. Ihr komplexer Zusammenhalt ist ziemlich fragil, gewinnt am Ende doch den Kampf gegen das Böse. Man lernt: Kurz vor dem Ende gibt immer noch ein Stückchen Zukunft.
Großartiger Cast hält die Story zusammen
Gleich in der ersten Episode „Welcome to the Boroughs“ sieht man, was die NETFLIX-Serie zusammenhalten wird: nämlich der hervorragenden Cast der Sci-Fi-, Horror- und Fantasy-Show. Sam Cooper (Alfred Molina), ein übelgelaunter Ingenieur, ist in der Seniorenresidenz “The Boroughs“ mitten in der Wüste gelandet. Seine Tochter Claire (Jena Malone) liefert ihren Vater wie ein überflüssiges Möbelstück ab. Dort, wo laut Werbung auf die Senioren in einer kleine paradiesischen Stadt der beste Abschnitt ihres Lebens wartet. Sam will aber nicht mehr in den Boroughs leben, denn kurz zuvor ist seine Frau gestorben: „Ich war Ingenieur, jetzt bin ich Gefängnisinsasse.“
Der 73-jährige Alfred Molina („Spider-Man 2“) spielt den depressiven und renitenten alten Mann bedrückend gut. Und Molinas grantige Figur würde den Vertrag in den Boroughs sofort aufkündigen, wären da nicht die Bemühungen seiner netten und teilweise skurrilen Nachbarn, die den Neuen unter ihre Fittiche nehmen. Da sind der Womanizer und ständig gut gelaunte Jack Willard (Bill Pullman, „Independance Day“) und die Ex-Journalistin Judy Daniels (Alfre Woodard, 18x nominiert für die Primetime Emmy Awards, 4x gewonnen, zuletzt für „The Practice“) und ihr kiffender Ehemann Art (Clarke Peters, „The Wire“). Der ehemalige Arzt Wally Baker (Denis O’Hare, 28 Nominierungen, 13x gewonnen) hat Prostatakrebs im Endstadium, scheint aber dank seines sarkastischen Humors gut damit klarzukommen.
Besser dran ist die blendend aussehende 70-jährige Renee (Geena Davis, 1989 Oscar für “The Accidental Tourist“), die früher eine Musikproduzentin war, aber immer noch so sexy ist, dass sie sich den jungen Security-Mitarbeiter Paz (Carlos Miranda, „Grey’s Anatomy“) als Lover zulegen kann. Bevor sich die sehr unterschiedlichen Figuren zu einer zielgerichteten Gruppe zusammenraufen, wird aber noch viel Zeit vergehen, denn das Pacing der Serie ist nicht übermäßig schnell. Dafür sind die Figuren spannender sind als die düsteren Ereignisse. Und das ist kein Wunder, denn in der Serie ist die Crème de la Crème gecastet worden.
Besonders der überbordende Optimismus von Jack, der heimlich eine Affäre mit Judy hat, überzeugt Sam davon vorerst zu bleiben. Der weiß noch nicht, was der Zuschauer gleich zu Beginn gesehen hat: ein großes spinnenartiges Monster tötet nachts seine Vormieterin Claire. Bald darauf taucht ihr Mann Edward (Ed Begley Jr.) bei Sam auf und faselt etwas von einer Eule hinter der Wand und dass der Schlüssel im Licht zu finden sei. Sam ist beunruhigt. Wenig später findet er Jack und sieht, dass ein Monster auf dem Toten hockt und sofort die Flucht ergreift.
Eine Figur verschwindet zu früh
Leider war der frühe Tod von Bill Pullmans Figur ein Fehlgriff, denn Pullman spielte seine Rolle so überragend und mitreißend, dass man auf seine Funktion für die Story gespannt sein durfte. Verantwortlich für diese unglückliche Entscheidung waren Jeffrey Addiss und Will Matthews, die Showrunner der Serie. Zusammen den Executive Producern Marc und Ross Duffer, den Schöpfern der dystopischen Serie „Wayward Pines“ (2015) und „Stranger Things“, entstand ein Genremix aus Horror, Science-Fiction, Fantasy und einer komödiantischen Tonalität, die den Horror verdrängt, um sich mehr und mehr auf Figuren zu konzentrieren. Sozusagen „Stranger Things“ als Light-Version und mit revoltierenden Rentnern.
Alles Weitere ereignet sich in kleinen Schritten, etwa wenn Wally herausfindet, dass die Kreaturen das Gehirnwasser ihrer Opfer anzapfen. Art beobachtet dagegen, wie sich Tausende von Krähen vom Himmel stürzen und offenbar Selbstmord begehen. Und Renee findet heraus, dass Hank Williams (Eric Edelstein), der grobschlächtige Chef des Sicherheitsdienstes, genauso aussieht wie der vor Dekaden gestorbene Gefängniswächter Milton Hauser. Noch gruseliger: Renee entdeckt alte Fotos, auf denen Hauser und der CEO der Boroughs, Blaine Shaw (Seth Numrich), genauso jung aussehen wie in der Gegenwart.
Art, der nach einer Erklärung für den Massen-Suizid der Krähen sucht, findet in einem weit verzweigten Tunnelsystem einen mysteriösen Baum, an dem ein Pfirsich hängt. Ein Biss und schon verwandelt er sich in eine jüngere agilere Version seiner selbst, kollabiert aber Stunden später und wird buchstäblich wieder der Alte. Und schließlich kommt es zu einer Konfrontation zwischen einem Monster und Sam, Wally und Judy, die auf die fliehende Kreatur schießt. Erklären kann den Horror aber niemand. Aber alle rücken zusammen und suchen nach einem Plan.
Memento mori: Eine Frage der Moral?
In der zweiten Hälfte von “The Boroughs“ wird das Geheimnis des Seniorendorfes allerdings (zu) rasch aufgedeckt. Blaine Shaw, seine Geliebte Anneliese (Alice Kremelberg) und seine Handlanger halten ein mysteriöse Greisin gefangen, deren Blut sie unsterblich macht. Die Monster sind die „Kinder“ dieses Wesens und sie saugen nachts Gehirnwasser aus den schlafenden Alten, um ihre „Mutter“ damit zu füttern.
Es gibt also eine profitable Symbiose zwischen den Menschen, den Monstern und der „Mutter“. Und mythologisch geht es um die ewige Jugend, die Unsterblichkeit und auch um die Heilung aller Krankheiten. Wally schlägt sich kurzfristig sogar auf die Seite der Schurken, beseelt von dem Wunsch, alle Krankheiten auf dem Planeten Erde beseitigen zu können. Sams Gruppe will dagegen auch ohne Wally diesem Spuk ein Ende bereiten, nachdem sie das Geheimnis von „Mutter“ enthüllen konnten.
Dieser Plot Twist dürfte angesichts der verführerischen Möglichkeiten nicht jeden Zuschauer überzeugen. Warum nicht einen Deal mit Blaine Shaw vereinbaren, der der der Rentnergang das Sterben erspart? In Ron Howards „Cocoon“ (1985) waren die gebrechlichen Alten nicht so zimperlich, als ihnen das ewige Leben angeboten wurde. Aber es gehört halt zu den konservativen Genretropen, dass die moralische Integrität der Hauptfiguren nicht angekratzt werden darf und den vermeintlichen Mainstream widerspiegeln muss. Und dazu gehört offenbar die Akzeptanz des Todes.
Innovativ ist das nicht. Ausgerechnet der krebskranke Arzt verzichtet am Ende selbstlos auf seine Genesung, während er zusieht, wie „Mutter“ die während dem finalen Showdown getötete Judy ins Leben zurückholt. Das ist arg konstruiert und nicht wirklich eine moralische Frage, sondern eine, die sich mit der Plausibilität der Figurenentwicklung beschäftigen sollte.
“The Boroughs“ ist kein Hardcore-Horror, sondern eine Dramödie
Nach dem ersten Drittel driftet die Serie aus dem Horrorgenre ab ins Komödiantische. Das gelang nicht durchgehend, denn einige Figuren wurden zu klamaukig und völlig überzeichnet konturiert. Zum Beispiel Beth Bailey, die ihre Rolle als supernette und überdrehte Managerin so grotesk überpacen musste, dass dabei sogar der Begriff „Klischee“ ad absurdum geführt wurde. Es war einfach nur albern und nervig.
Und dass Blaine Shaw, der CEO der Rentnerresidenz, mit seiner grotesk übertriebenen Empathie garantiert nicht der ist, der er zu sein scheint, fordert die Intelligenz der Zuschauer kaum heraus. Tatsächlich ist er ein übler Soziopath. Seth Numrichs Overacting nervt allerdings. Spannend ist das nicht. Lustig auch nicht. Aber ein Whodunit will die Serie nicht sein.
Klar ist: Die Macher von “The Boroughs“ mussten sich entscheiden, ob die Serie dramatischen Horror bieten oder in eine komödiantische Nebenstraße abbiegen sollte. Sie entschieden sich für einen Kompromiss. Lustig war der kauzige Humor in Sams Team, aber die Figuren hatten allesamt eine interessante Backstory. Trotzdem hatte man den Eindruck, dass die Balance zwischen Horror und Humor nicht immer gut ausbalanciert war.
Aber vermutlich kann man eine Geschichte über heldenhafte Rentner und Gehirnwasser schlürfende Monster nicht ohne einen Schuss Komik erzählen. Allegorisch wird die Story durch etwas anderes. Nämlich, dass ein gefährliches Abenteuer den Alten noch einmal Lebenslust verschafft. Trotz schwieriger Freundschaften gewinnt die Loyalität, die sich aber immer wieder beweisen muss. Aber es gelingt! Nicht umsonst heißt eine Episode „The Grey Rebellion“.
Was nach dem Ende der letzten Episode auf die heldenhaften Rentner wartet, wird aber nicht beantwortet. Einen Cliffhanger gibt es nämlich nicht. Nur Sam deutet in der letzten Szene an, dass die Geschichte noch das eine oder andere Rätsel bereithält. Er steht im Badezimmer vor dem Spiegel und glitcht. Und das bleibt ein Rätsel wie auch die vielen Gesichter mit ähnlichen Verzerrungen, die Sam regelmäßig peinigten.
Dass die Serie auch als Dramödie interpretiert werden kann, erkennt man aus einem weniger lustigen Blickwinkel. Wenn die Alten etwas sehen, was andere nicht sehen können, und wenn sie etwas deuten können, was andere nicht deuten wollen, dann werden sie in “The Boroughs“ in eine Schublade gesteckt: querulatorisch, dement, undankbar, geistig gestört. Darauf wird mit Ignoranz reagiert oder schlimmstenfalls mit Medikamenten, die übler sind als die vermeintlichen Symptome. Oder man lacht die Senioren im günstigsten Fall einfach aus.
Dass man sie würdelos behandelt, können die Senioren in der NETFLIX-Serie nur bekämpfen, weil sie sich zusammentun und das Böse besiegen. Vielleicht muss man so etwas in einer Serie ab und an sehen. Besonders dann, wenn man so alt ist wie die Hauptfiguren. Und dann darf es ruhig skurril-humorig sein. Auch wenn nicht jeder Gag gelingt.
Note: BigDoc = 2,5
The Boroughs – USA 2026 – Streaming: Netflix – Showrunner: Jeffrey Addiss, Will Matthews – Produktion: Duffer Brothers – 8 Episoden – Regie: Ben Taylor, Augustine Frizell, Kyle Patrick Alvarez – D.: Alfred Molina, Alfre Woodard, Denis O’Hare, Clarke Peters, Carlos Miranda, Seth Numrich, Bill Pullman.