Mit der Miniserie „The Danish Woman“ präsentiert ARTE in seiner Mediathek eine Perle der schrägen Serienkunst, die man nicht verpassen sollte. In sechs Episoden erzählt die französisch-isländische Co-Produktion, an der ARTE und das ZDF beteiligt waren, eine mit Gewalt aufgeladene Geschichte. Dabei wird nicht nur bigotte Bürgerlichkeit aufgedeckt, sondern auch die manische Besessenheit einer extrem gefährlichen Frau, die für Ordnung und Gerechtigkeit sorgen will, aber einen nicht enden wollenden Alptraum auslöst.
Ditte Jensen heißt die Frau, die auf den ersten Blick als harmlose Oma durchgehen könnte. Jedenfalls nur so solange, wie sie in einem unattraktiven Wohnviertel von Reykjavik Gemüse in einem von ihr angelegten Beet anbaut und sorgsam pflegt. Doch Ditte verbirgt ein düsteres Geheimnis, das so übel ist, dass man aus Jugendschutzgründen bei ARTE „The Danish Woman“ ohne Account nur zwischen 22.00 und 6:00 Uhr sehen kann.
Es ist etwas faul im Staate Island
Ditte ist Dänin, will aber in Island ihren Lebensabend verbringen. In aller Ruhe. Ausgerechnet in einem Mehrfamilienhaus, in dem die Mitbewohner alles andere als ruhig und normal sind. Wenn zu später Stunde der mörderische Lärm einer Party alle um den Schlaf bringt, sind sich alle einig, dass dies abgestellt werden muss. Ansonsten verbergen alle Parteien schlimme Geheimnisse voreinander, denen Ditte peu à peu auf die Spur kommt. Da ist eine Opernarien singende Alkoholikerin, deren Mann pausenlos in der Wohnung nach versteckten Flaschen sucht. Und einen Stock höher lebt ein Party-Freak, der seinen Lebensunterhalt als Dealer für einen brandgefährlichen schwedischen Drogenbaron verdient. In der Wohnung einer überforderten Mutter frönen die Kinder ihrer Computer- und Handysucht, während ein Paar mit Migrationshintergrund die Ausweisung droht, obwohl die Frau schwanger ist. Auch ein 15-jähriges Mädchen, das im Waschkeller Sex mit einem dubiosen Mann hat, sollte man nicht aus den Augen verlieren. Ganz zu schweigen von einer Frau, die regelmäßig von ihrem Mann grün und blau geprügelt wird und bereits ein Stockholm-Syndrom entwickelt hat.
Das denkt auch die von Trine Dyrholm („Das Fest“, 1998, „Rematch“, 2024) grandios gespielte Rentnerin Ditte. Spätestens als eine Katze, die immer wieder in ihr Beet kackt, in einer Katzenfalle geköpft wird, ahnt man, dass die sehr rüstige Neumieterin nicht das ist, was sie vorgibt zu sein.
Ditte beschließt nämlich, in dem Haus für Ordnung und Zusammenhalt zu sorgen, was der sich regelmäßig treffenden Mietergemeinschaft offenbar nicht gelingen will.
Das Spannende dabei ist, dass Ditte zwei Gesichter hat. Wenn sie freundlich, aber bestimmt, mit ihren Nachbarn diskutiert, ist sie klug, lebenserfahren, offen und freundlich. Etwa wenn sie ein Konzept vorlegt, mit dem man Kinder von ihrer Mediensucht befreien kann. Da aber Argumente nicht überzeugen, lernt man sie bald von einer anderen Seite kennt. Ditte schreckt nicht vor Gewalt zurück und geht erstaunlich professionell vor, wenn sie kein Gehör findet. Die Stereoanlage des Partyfreaks wird zertrümmert und beim spielsüchtigen Sohn ihrer Nachbarin Gulla setzt sie pädagogisch auf Waterboarding, um ihm danach zu erklären, wie sie gelernt hat, Menschen zu töten und Kinder wie ihn psychisch zu brechen. Was auch gelingt, denn der Junge bleibt bis zur sechsten und letzten Episode ein traumatisierter Pflegefall.
Die gefährlichste Frau in Island
Gewalt und Folter sind das zweite Gesicht einer Frau, die in Geheimdienstkreisen den Kampfnamen „Red Worm“ trägt und als Elitesoldatin Auslandseinsätze im Irak und in Afghanistan mit Bravour überlebt hat. Ditte, die sich ihren Ruf als lebende Legende auch als Scharfschützin erworben hat, ist keineswegs die nette Oma von nebenan, sondern die gefährlichste Frau, die bislang isländischen Boden betreten hat. Und so überrascht es nicht, dass der dänische Geheimdienst bald vor ihrer Tür steht und sie erpresst, einen letzten Einsatz durchzuführen. Ansonsten wäre ihre Pension futsch.
Showrunner, Regisseur und Autor Benedikt Erlingsson, der das Drehbuch zusammen mit Ólafur Egill Egilsson geschrieben hat, gelang es, mit „The Danish Woman“ eine Geschichte zu kreieren, die außergewöhnlich originell ist. Dittes Aufräumaktion ist eine Mischung aus Schwarzer Pädagogik und einem Schuss nihilistischer Komik, an der Quentin Tarantino viel Spaß haben würde. Ein wenig erinnert die Story an Ilya Naishullers Film „Nobody“ (2021), in dem der nette Bob Odenkirk („Breaking Bad“) erfolgreich gegen seinen Rollentyp antritt. Denn der trottelige Familienvater ist tatsächlich ein Top-Killer, der seine Gegner mit allem töten kann, was gerade griffbereit herumliegt.
Stilistisch überrascht die Serie auch als sarkastische Komödie
Für schrägen Humor sorgen auch einige stilistische Volltreffer. In der Pre-Title-Sequenz und auch im Abspann tanzt und singt Trine Dyrholm, während die Credits durchlaufen. Nicht immer allein, sondern auch mit Figuren, die in der jeweiligen Episode wichtig sind. In dem von Matti Kallio komponierten Score hat die Hauptfigur zudem ein eigenes Leitmotiv bekommen, das immer dann auftaucht, wenn Ditte ihre nächste Attacke durchführt. Hört man die ersten Takte, dann weiß man: Jetzt wird es brutal.
Überhaupt spielt die Musik auch als Stimmungsaufheller eine wichtige Rolle, etwa wenn zwei Mädchen mit ihren Smartphones Reels mit aktuellen Hits und Tanzeinlagen produzieren, in denen gelegentlich auch Ditte auftaucht.
Als makabre Komödie funktioniert „The Danish Woman“ hervorragend. Allerdings nur dann, wenn man die Eskalation der Gewalt unterhaltsam findet. Dass muss man nicht, denn die Hautfigur ist im Kern eine kontrollsüchtige Vigilantin. Ditte kann ihr Problem, nämlich das Gefühl für Gerechtigkeit, nur durch extreme Selbstjustiz lösen. Häusliche Gewalt? Kein Problem. Ihr Nachbar, der seine Frau prügelt, wird mit dem Vorschlaghammer beseitigt, während Ditte noch am gleichen Tag versucht, ihre noch lebenden Nachbarn davon zu überzeugen, dass man als Hausgemeinschaft ein Konzept zur Reduzierung der Co2-Emissionen entwickeln muss. Klar, dass der SUV eines Nachbarn als Motivationshilfe abgefackelt wird.
Das Ende überzeugt leider nicht
Pointiert witzig wird die Geschichte, wenn Benedikt Erlingsson seine Heldin politische Statements abgeben lässt. Und so wettert Ditte sarkastisch, dass die schwedischen Sozialdemokraten allesamt korrupte Lügner sind, weil sie das Gesundheitswesen durch Privatisierung ruinierten, um anschließend ihre Einnahmen aus diesem Coup in fette Villen zu investieren. Mögen sich Dänen und Schweden etwa nicht? Man muss es glauben, denn Ditte rattert die Daten aller dänisch-schwedischen Kriege mühelos runter. Nach solchen Szenen ist man erst recht nicht bereit, die Sympathie für diese rabenschwarze Serie aufzugeben.
Wie man so eine verführerische Geschichte richtig zu Ende erzählt, ist allerdings schwierig. Benedikt Erlingsson scheitert leider. Mit Trine Dyrholm (Silberner Bär 2016 als Beste Darstellerin in Thomas Vinterbergs „Die Kommune“) besetzte der Showrunner die Hauptrolle mit der wohl populärsten Schauspielerin Dänemarks. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass ihre brillante One-Woman-Show die Figur ungestraft davonkommen lässt.
Aber der pädagogische Zeigefinger von Benedikt Erlingsson ruiniert stilistisch und inhaltlich das Ende der Story: die Hauptfigur muss scheitern. Dittes bessere Welt gerät aus den Fugen. Sie erfährt nach ihrem erfolgreichen Einsatz für den dänischen Geheimdienst, dass nicht nur ihr Gemüsebeet von Parasiten zerstört wird, sondern auch, dass einige ihrer Nachbarn ebenfalls Parasiten sind. Sie haben ihre „Helferin“ belogen und hintergangen. Und als der schwedische Drogenboss sie mithilfe eines Kindes (sic!) aufs Kreuz legt, indem er Waffen und Drogen in ihrer Wohnung deponiert, steht wenig später ein schwer bewaffnetes Einsatzkommando vor Dittes Tür.
Da Ditte auch im Nahkampf eine tödliche Waffe ist, kommt es zu einem martialischen Kampf, in dem Trine Dyrholm ihre Rolle splitterfasernackt spielen muss, bevor sie in der letzten Einstellung zusammen mit einer Leiche aus dem Haus getragen wird. Das hat mit schwarzem Humor nichts zu tun, es ist einfach nur peinlich. Überhaupt wirkt die letzte Episode konstruiert, aber nicht zu ihrem Vorteil
Doch wie kommt man aus der Story raus, nachdem man den Zuschauer verführerisch mit einer Frage getriggert hat: Was ist zu tun, wenn eine Gesellschaft nicht in der Lage ist, den Schwachen und Hilflosen zu helfen?
Genau das hat der Showrunner fünf Episoden lang clever hingekriegt. Sein Finale behauptet stattdessen: „Wir hauen noch mal alles raus, aber Strafe muss trotzdem sein!“ Aber gerade bei einer ambivalenten Anti-Heldin hätte ein offenes, stilles Ende der Serie gutgetan, um den Zuschauer nach einer Antwort suchen zu lassen.
Ein moralisierende Statement zur Serie hat Benedikt Erlingsson stattdessen frei Haus geliefert: "Wir leben in einer Kultur, die Machiavellis Gedanken akzeptiert: Der Zweck heiligt die Mittel." Krieger können einer Gesellschaft nicht helfen, sie führen sie vielmehr in den Untergang.
So einfach ist nicht. In der wissenschaftlichen Philosophie der Ethik wurde schon immer darüber diskutiert, ob man Fragwürdigens tun darf, wenn es dem Gesamtwohl dient. Stichwort: Utilitarismus. Folter und Waterboarding gehören zweifellos nicht dazu.
Erlingssons moralische Fazit ist also nicht falsch, man hätte es aber dem Zuschauer überlassen sollen. Denn die Unterdrückten, Misshandelten und Schwachen werden sich fragen, ob sie so eine Nachbarin ganz gut brauchen könnten. Die Pointe ist, dass man spontan "Nein" sagt, sich heimlich aber fragt, ob so eine Frage überhaupt mit einem Ja oder Nein beantwortet werden kann.
Note: BigDoc = 2
The Danish Woman – Island, Frankreich 2025 – Showrunner: Benedikt Erlingsson – Buch: Benedikt Erlingsson, Ólafur Egill Egilsson – Miniserie, 6 Episoden – Stream: ARTE-Mediathek – D.: Trine Dyrholm u.a.