Donnerstag, 12. Februar 2026

Blood & Sinners – Ganz großes Kino

Ryan Cooglers Film, der als Vampir-Horrorfilm scheinbar genregerecht eingestuft wurde, ist tatsächlich ein Neo-Western, aber hauptsächlich ein Musikfilm. Aber nicht einer, der nur das emotionale Unterhaltungsbedürfnis des Publikums befriedigen soll, sondern kulturelle Identität meint. 

„Blood & Sinners“ ist daher eine Hommage an die Black Musik, also die afroamerikanische Musik, die nicht nur die schwarze Kultur in den USA bestimmte. Und als Genremix bietet der Film eine Reihe von Botschaften, Gedanken und Anspielungen an, die klug, vielschichtig, aber hauptsächlich grandios sind. Der mit 16 Oscar-Nominierungen früh geadelte Film ist ein Meisterwerk, und wer seine Zweifel hat, wird immerhin einen der besten Musikfilm der letzten Dekaden sehen können. 

Landschaftspanoramen als Hintergrundrauschen 

Auch die Weißen hörten Blues, Soul, Rhythm & Blues, Funk und Hip-Hop, obwohl weiße Musiker diese Musik selbst nicht spielen konnten. Zumindest nicht den Blues, wie der ständig angesäuselte Blues-Virtuose Delta Slim (Delroy Lindo) mit einem Grinsen feststellt. Sie, die Weißen, stampften mit den Füßen, verloren aber die Orientierung, wenn man den Rhythmus änderte. Und das bedeutet, dass man den Blues nur dann ‚richtig‘ spielen kann, wenn man weiß, warum man ihn spielt. „Den Weißen gefällt der Blues auch ganz gut“, erklärt Delta Slim. „Aber die, die ihn spielen, mögen sie nicht so sehr.“

„Blood & Sinners“ spielt Anfang der 1930er-Jahre in Mississippi. Ein Neo-Western ist er aufgrund seiner Datierung im 21. Jahrhundert. Aber eigentlich ist Cooglers Film ein klassischer Western. Coogler zeigt wie die Western-Ikone John Ford grandiose Bilder einer Landschaft, in der seine Protagonisten keine Idylle finden, sondern um Identität und Gerechtigkeit kämpfen müssen. Fords weiße Figuren waren nicht selten weiße Patrioten in Uniform, aber auch Verlorene wie John Wayne in „The Searchers“. Ganz am Ende seiner Laufbahn beschrieb Ford die Mythen über White Surpremacy als zivilisatorischen Blackout. Das Ende in 
„Blood & Sinners“ tut dies auch.
In Ryan Cooglers Film sind ebenfalls überwältigende Naturaufnahmen zu sehen, es sind Bilder der sich bis zum Horizont erstreckenden Baumwollplantagen, die aber keine Idylle sind, obwohl sie grandios aussehen. Vielmehr sind diese Landschaftspanoramen für die Farbigen nur das Hintergrundrauschen eines (noch) nicht befreiten Lebens. Sklaverei gibt es nicht mehr, aber eine ökonomische Unterwerfung ist an ihre Stelle getreten. Jene, die auf den Baumwollfeldern arbeiten, werden von den Herrschenden in einer eigenen Währung bezahlt. Fliehen kann man nicht, denn woanders wäre das Geld nichts wert.

Das bekommen auch die Brüder Elijah ‚Smoke‘ Moore und Elias ‚Stack‘ Moore (beide gespielt von Michael B. Jordan) zu spüren. Die beiden Brüder sind WK I-Veteranen, die als Berufskriminelle in Chicago eine Menge Geld beiseiteschafften. Nun wollen sie in Clarksdale, einem Zentrum des Blues, einen Juke Joint aufmachen, also eine Kneipe für Afroamerikaner, in denen es Black Music, Alkohol, Glücksspiel und Frauen gibt. 
Warum sie überhaupt zurückgekehrt sind, fragt sie ihr Cousin Sammie. In Chicago sei es nicht besser, antwortet Smoke und spielt damit auf die „Große Migration“ an, während der Hunderttausende Afroamerikaner vor dem Südstaaten-Rassismus in den Norden flohen. "Lieber setzen wir uns mit dem Teufel auseinander, den wir schon kennen." 

Und so kaufen die Brüder von einem Weißen, der sich später als lokaler Chef des Ku-Klux-Klan entpuppen wird, eine Scheune ab. Noch am gleichen Tag soll das Etablissement eröffnen. Was auch aufgrund eines beachtlichen logistischen Talents und ausreichender Menschenkenntnis gelingt. Mit von der Partie sind nicht die von der Konkurrenz mit importiertem Bier abgeworbene Blues-Legende Delta Slim, sondern auch Stacks Ex Mary (Hailee Steinfeld). Auch Smokes Freundin Annie (Wunmi Mosaku), die ein gemeinsames Kind während einer Fehlgeburt verlor. Annie ist eine Schamanin, eine spirituelle Heilerin, die sich mit Kräutern auskennt, aber auch das Erscheinen böser Geister spürt.

Musik als Tor zwischen den Dimensionen

Im Prolog erfährt der Zuschauer, dass es auf der ganzen Welt Musiker gibt, die ihre Musik so beseelt spielen, dass sie eine Tür für das Gute, aber leider auch für das Böse öffnen können. Zu diesen mystischen Musikern gehört die eigentliche Hauptfigur des Films, Sammie Moore, der „Preacher Boy“. Für den bislang unbekannten 20-jährigen Musiker und Schauspieler Miles Caton kann dies der Sprung in Hollywoods Major League sein, obwohl der Schauspieler nicht für die Academy Awards nominiert wurde. 

In „Blood & Sinners“ taucht er als in einem Framing Device auf. Schmutzig, verdreckt und mit einer kaputten Gitarre in der Hand, betritt er die Kirche seines Vaters und unterbricht abrupt den Gottesdienst und Gospelgesang der Gemeinde. Sein entsetzter Vater fleht seinen Sohn an, der Gitarre zu entsagen. Schlimmes ahnte er bereits, als er erfuhr, dass sein Sohn im Juke Point Blues spielen wird.

Coogler erinnert mit dieser Rahmenhandlung daran, dass nicht nur fanatisch religiöse Weiße den Blues als Werkzeug des Satans diskriminierten. Auch die schwarzen Gemeinden waren vom Blues nicht begeistert. Tatsächlich gibt im Blues ein Riff mit einem disharmonischen Ton, das „Teufelsintervall“. Ein Beweis dafür, dass Musik Gott preisen müsse. Harmonisch! 
Zu den teuflischen Mythen über den Blues gehörte im Mississippi-Delta auch die Legende, dass der Bluessänger Robert Johnson in Clarksdale dem Teufel seine Seele verkaufte und aus heiterem Himmel zu einem begnadeten Virtuosen wurde. 
Cooglers Botschaft ist dagegen einfach: die schwarze Community muss sich auf ihre eigene Kultur einlassen. Nur so kann sich Identität bilden. Alles andere ignoriert die Bedeutung, die der Blues für die farbige Bevölkerung hatte, erst recht für die auf den Feldern ausgebeuteten Baumwollpflücker.
 
Flashback: Den „Preacher Boy“ kann die Angst seines Vaters nicht aufhalten. Er wird für Smoke und Stack den Blues spielen und Coogler zeigt in einer genialen Plansequenz, was dies bedeutet. Die Kamera von Autumn Durald Arkapaw (
Black Panther: Wakanda Forever) gleitet ohne Schnitt und aus der Vogelperspektive als zuschauender Zeuge durch die Scheune, in der die Gäste ekstatisch tanzen, während plötzlich Musiker auftauchen, die aus der Zukunft kommen: ein Gitarrist legt ein Solo à la Jimi Hendrix hin Und alles, was Black Music sein wird, taucht aus dem Nichts aus – bis zum Hip-Hop und dem Rap. Eine überwältigende Kamerafahrt, die in wenigen Minuten erklärt, was Musik über die Dekaden sein kann: Befreiung. Wenigstens für einen Moment. Kamerafrau Arkapaw wurde wohl auch dank dieser überwältigend guten Kameraführung als erste Farbige für die Academy Awards in der Rubrik „Beste Kamera“ nominiert. Und spätestens jetzt sollte man begriffen haben, dass „Blood & Sinners“ zuallererst ein Musikfilm und als kulturelle Reflexion ein Film über Musik ist.

Mississippi Burning – Vampires too!

Leider öffnen Musiker wie der Preacher Boy – so will es die Legende – als „Bad Blues Boy“ auch dem Bösen die Tür. Verkörpert wird es in Cooglers Film durch Remmick (Jake O’Connell), der mit zwei Begleitern auftaucht und gerne im Juke musizieren will. Obwohl Smoke und Stack befürchten, dass sie mit dem Fake-Geld der Farbigen bald pleite sein werden, wollen sie keine Weißen im Juke haben, auch wenn diese gerne viel Geld ausgeben wollen. Die drei müssen gehen, aber Mary will mehr wissen und folgt ihnen. Als sie Remmicks glühende Augen sieht, holt sie eine Pistole aus dem Strumpfband und will zurück ins Juke. Aber es ist zu spät. Remmick fliegt ihr nach. Cut. Kurz danach bittet Mary an der Tür zum Juke um Einlass und nur Minuten später findet man sie und Stack in einem Nebenzimmer. Mary, blutüberströmt, und Stack mit aufgebissener Halsschlagader. Stack ist tot, erhebt sich wenig später aber von den Toten. Es seien keine Geister, die das getan haben, erklärt Annie dem verzweifelten Smoke, sondern Vampire. Und die warten vor dem Juke, den sie ohne Einlass nicht betreten können. Was sie wollen, erklärt der Anführer der mittlerweile auch zahlenmäßig überlegenen Blutsauger: sie wollen den „Preacher Boy“ und seine Fähigkeiten.

Dass Ryan Googler aus dem historischen Drama schlagartig einen blutigen Horrorfilm macht, hat einige Kritiker verwirrt, verstört und irritiert. Erklären lässt sich dies aus dramaturgischer Sicht: der Film brauchte einen Antagonisten. Dies hätte der Ku-Klux-Klan sein können (der taucht am nächsten Morgen im blutigen Finale des Films auf, weil man im Mississippi-Delta Negern keine Scheune verkauft, ohne sie danach zu töten). Aber dies wäre ein wenig zu stereotyp gewesen und hätte die Nacht im Juke Joint ohne einen dramatischen Plot-Twist ablaufen lassen.

Das Auftauchen der Vampire ist aber nicht nur ein erzähltechnischer Trick. Denn Remmick ist ein ambivalenter Gegenspieler, preist seine Geschöpfe der Nacht als Gemeinschaft und als Hort der Liebe an. Und natürlich als Ort der Befreiung von den Rassisten, denn Remmick deutet an, dass man sich auch um den Klan „kümmern“ würde. Eine Inkarnation des Bösen ist der Anführer der Vampire nur bedingt. Und wer den Abspann durchlaufen lässt, erfährt, dass ein ewiges Leben als Vampir seinen Reiz hat. 

Musikalisch ist Remmicks Auftritt aber auch eine Analogie, denn das Trio spielt Smoke und Stack ein Lied der Bluessängerin Lilli Mae „Geeshie“ Wiley vor, interpretiert den Song aber wie weiße Country-Musik – und das ist der Blues der Weißen. 
Also auch die blutrünstigen Musiker saugen die Black Music und die Identität der Afroamerikaner auf. Erneut ein Vorgriff auf die Zukunft, auf die kommerzielle Vereinnahmung schwarzer Musik durch weiße Musiker und weiße Produzenten. Sind sie unter sich, singen die Vampire dagegen irische Folklore wie „Rocky Road to Dublin“, denn ihr „Führer“ war in besseren Zeiten ein Ire. Und das bedeutete Anfang des 20. Jahrhunderts, dass Remmick als Mensch den brutalen Kolonialismus in seiner Heimat am eigenen Leib erfahren hat.

Wie auch immer die Vampire gedeutet werden: „Blood & Sinners“ wird ein sehr blutiger Film, denn die große Schlacht zwischen den Menschen und den Blutsaugern überleben nur wenige. Nachdem die Sonne aufgegangen ist und (fast) der letzte Vampir verbrannt ist, steht Smoke dem anrückenden Ku-Klux-Klan also allein gegenüber – natürlich bis an die Zähne bewaffnet. Sammie, der 
Preacher Boy, flieht dagegen in die Kirche seines Vaters. Und seine Gitarre? Mit der hat Sammie dem Obervampir fast den Kopf gespalten. Den Rest besorgt Smoke.

Wer aber die Nacht im Juke überlebt hat, erfährt man in einer Mid-Credit-Szene, und die letzten musikalischen Takte dieses außergewöhnlichen Films hört der Zuschauer in einer Post-Credit-Szene. Also Geduld und beim Streaming unbedingt den Abspann durchlaufen lassen.

Fazit

Regisseur und Drehbuchautor Ryan Googler (u.a. „Fruitvale Station”, 2013; „Black Panther”, 2018), der Gründungsmitglied der Kampagne Blackout For Human Rights ist, ist ein Geniestreich gelungen. Aus historisch-politischer Sicht ist „Blood & Sinners“ kein Film, der sich authentisch mit dem Leben der Schwarzen in den Südstaaten beschäftigt (das hat Alan Parker mehr oder weniger gelungen 1988 in „Mississippi Burning“ versucht). 
Googler rückt dagegen sehr emotional die Geschichte der Black Music in den Mittelpunkt. Diese Musik ist kein Retter vor dem Bösen, aber ein kathartischer Akt der Befreiung, auch wenn dieser nur temporär wirkt und die Unfreiheit nicht ohne Weiteres beseitigen kann. Die beinahe orgiastische Feier im Juke Point ist, wie auch der ganze Film, visuell und musikalisch trotzdem ein Ereignis der besonderen Art, zeigt er jenseits der Befreiung durch Blues auch generell die Bedeutung von Musik für uns alle. 

Auch deshalb ist der Soundtrack in „Blood & Sinners“ exzellent. Fast noch besser ist der Score des schwedischen Komponisten Ludwig Göransson (Oscar für die Mitarbeit am Album „Black Panther: The Album“ und einen Golden Globe Award sowie einen Oscar für die Filmmusik in „Oppenheimer“), der erneut Maßstäbe für die Ewigkeit setzt.
 
Auch visuell ist die Kameraarbeit von Autumn Durald Arkapaw nicht nur wegen ihre eleganten Plansequenzen ein ästhetisches Masterpiece – schwer vorstellbar, dass die Kamerafrau keinen Oscar dafür bekommt.

Der Cast überzeugt nicht nur wegen Michael B. Jordans souveräner Interpretation zweier ungleicher Brüder: einerseits gefährlich und als ‚Smoke‘ ein strategischer Mastermind, als ‚Stack‘ dagegen ein protziger und hedonistischer Optimist. Miles Canton, der als „Preacher Boy“ den Cousin der beiden Brüder spielt, eignete sich für die Dreharbeiten das Gitarrenspiel an und dürfte nicht das letzte Mal auf den Leinwand zu sehen sein. 
Für sarkastischen Humor sorgt Delroy Lindo als „Delta Slim“, während Wunmi Mosaku die Voodoo-kundige Annie mit enormer Gravitas spielt. Mosaku ist auch während des Prologs im Off zu hören.

Parallelen zu dem in vielen Kritiken zitierten „From Dusk Till Dawn“ gibt es nur formal. Der Kultfilm von Robert Rodriguez (Script: Quentin Tarantino) zeigt ebenfalls die brutalen Ereignisse eines Tags und einer Nacht. Vampire gibt es in der Bar „Titty Twisters“ auch, aber die Hauptfiguren in dem zynischen Actionfilm sind ein soziopathischer und hochintelligenter Gangster und sein sadistisch-psychopathischer Bruder, beide Figuren mit geringem Identifikationspotential.

Cooglers Film setzt dagegen auf differenzierte Figuren und auf etablierte Genres. Den Anfang bilden Reminiszenzen an epische Western wie William Wylers „Weites Land“ oder John Fords „The Searchers“. Die Brüder Smoke und Stack könnten aber auch die Gunmen aus einem Neo-Western sein. 
Das andere Genre ist der Horrorfilm, der nach der Vernichtung der Vampire konsequent einen realen Horror aufmarschieren lässt: den lokalen Ku-Klux-Klan, der den Brüdern die verkaufte Scheune wieder abnehmen will. Die finale Abrechnung mit dem Klan ist New Black Cinema in der Tradition der Blaxploitation-Filme. Die waren aber (zumindest teilweise) eine Erfindung der Filmindustrie, die für eine farbige Zielgruppe Low-Budget-Filme über schwarze Gangster und viel Sex und Gewalt produzierten.
 
Verblüffend: Alle Rezensenten unterschlagen eine Schlüsselszene. Der sterbenden Smoke sieht in einer Vision seine Geliebte und ihr gemeinsames Kind, die in einem friedlichen Jenseits auf ihn warten. Kitsch oder Katharsis? Auf jeden Fall ein Versprechen, dass die Vampire nicht geben können – sie sind unsterblich. Es sei denn, jemand kennt ihre Achillesferse.

Note: BigDoc, Klawer = 1,5

 

Quellen

 

Blood & Sinners - USA 1025 - Regie, Drehbuch: Ryan Coogler - Kamera: Autumn Durald Arkapaw - Score: Ludwig Göransson - Länge: 138 Minuten - D.: Michael B. Jordan, Miles Canton, Delroy Lindo, Wunmi Mosaku, Jake O’Connell, Hailee Steinfeld u.a.