Mittwoch, 14. Januar 2026

„Frankenstein“ - Guillermo del Toros Monster ist kein Monster

Der mexikanische Regisseur hat sich viel Zeit genommen, um eine alte Liebe auf die Leinwand zu bringen und ein ästhetisches Vergnügen daraus zu machen. So schön sind die Bilder in „Frankenstein“, dass man beinahe die Figuren vergisst. Die bewegen sich in der vermutlich nicht letzten Verfilmung von Mary Shelleys Roman „Frankenstein – The Modern Prometheus“ ethisch am Abgrund. Auch weil der Mensch ein Mensch ist und eine Kreatur, die kein Mensch ist, unbedingt ein Mensch sein will. 

Guillermo del Toro hat aus dieser Tragödie eine Mischung aus Horrorfilm und Melodram gemacht, einen Film, der wie eine Gebrauchsanweisung aussieht. Für einen Film, der als historische Lehrstunde bebildert, was man in der Literaturgeschichte als „Schwarze Romantik“ bezeichnet hat: die Beschreibung des Abgründigen, des menschlichen Wahnsinns, dazu Spuk, Übernatürliches, Gewalt und Tod. Aber Guillermo del Toros „Frankenstein“ ist keineswegs trostlos. Er interpretiert die Vorlage einfach nur etwa anders.

Traumatisierende Coming of Age-Geschichte 

Für die Exposition nimmt sich del Toro viel Zeit. Wir sind im Jahr 1857. Die Nordpol-Expedition des dänischen Kapitäns Anderson (Lars Mikkelsen) steckt im Eis fest, die Mannschaft beginnt zu rebellieren, als plötzlich jemand auf dem undurchdringlichen Eis entdeckt und an Bord gebracht wird. Es ist Victor Frankenstein (Oscar Isaac), der kurz vor dem Erschöpfungstod steht. Plötzlich taucht ein monströses Wesen auf, dass die Mannschaft auffordert, ihm den Unbekannten zu überlassen. Als Kapitän Anderson sich weigert, attackiert der Fremde das Schiff. Er scheint über unmenschliche Kräfte zu verfügen und ist durch Gewehrkugeln nicht aufzuhalten, Matrosen werden zerfetzt oder fliegen meterweit durch die Luft. Als sich das Wesen zurückzieht, beginnt Victor Frankenstein dem Kapitän seine Geschichte zu erzählen.

Dieser Framing Device (Rahmenhandlung) bleibt dem Roman treu. Wie bei Mary Shelly gibt es unterschiedliche Erzähler, die aber nicht so komplex arrangiert werden wie in den Binnenhandlungen des Romans. Erzählt wird aus der Perspektive von Dr. Frankenstein und im zweiten Kapitel aus der des „Monsters“/ der „Kreatur“.
Victors Kindheit und Jugend erzählt del Toro als traumatisierende Coming of Age-Geschichte, etwas ausführlicher als in Mary Shelleys Gothic Novel. Viktors Vater Baron Leopold Frankenstein ist ein berühmter Chirurg, der seinen Sohn mit eisiger Strenge erzieht und Victors Bruder William offenbar mehr mag. Als Claire (Mia Goth), die Mutter der beiden Brüder, erkrankt und von Leopold nicht gerettet werden kann, eskaliert der Vater-Sohn-Konflikt. Victor beschließt nach dem Tod seines Vaters, ein berühmter Arzt zu werden, der dem Tod endgültig einen Riegel vorschieben will. Sein Lebensspender ist die Elektrizität.

„Frankenstein“ spielt Mitte der 19. Jh. Bereits 1752 erfand Benjamin Franklin den Blitzableiter, aber Luigi Galvani war 1780 davon überzeugt, dass Elektrizität auch Lebenskraft verleihen kann. „In jedem Lebewesen steckt elektrische Energie!", glaubte der Begründer des Galvanismus. 
Viele Jahre später scheitert Victor, als er in der Royal College of Surgeons of Edinburgh ähnliche Experimente den empörten Professoren vorstellt. An einer Leiche demonstriert er, wie man mit Elektrizität einen Toten angeblich zum Leben erwecken kann. Wie durchfließender Strom Muskeln verkrampfen lässt, weiß die Wissenschaft immer noch nicht. Eins weiß sie aber: Würde man Tote auferstehen lassen, wäre dies nicht eine medizinische Revolution, sondern gottlos, erfährt Victor. Er muss die Universität verlassen.

Ein perfektes Melodram und seine Ästhetik

Für Guillermo del Toro war das Frankenstein-Projekt ein alter Wunschtraum. Dass eine Realisierung mit dieser Vorgabe zwangsläufig zu einer Detailverliebtheit führt, ist in del Toros fast zweieinhalb Stunden langen Film unübersehbar. James Whales Klassiker (1931) erzählte die Geschichte in 71 Minuten und sorgte trotzdem für ikonische Szenen, die das Genre jahrzehntelang beeinflussten (1). Fast hundert Jahre später legte die technische Evolution des Kinos die Latte höher auf. 

Dass „Frankenstein“ ein Melodram ist, zeigt nicht nur die Story, sondern auch das von del Toro und seiner Crew aufwändig entwickelte Production Design. Del Toros Idee, eine Oper zu inszenieren, ist natürlich nicht wortwörtlich zu verstehen. Es beschreibt vielmehr die emotionale Textur des Films, der ein Melodram ist. Kameras stehen nicht, sie fahren auch nicht über Schienen, sondern gleiten elegant an Kränen befestigt durch die drei Dimensionen des Raums. Und der Regisseur entwickelte höchstpersönlich mit seinem Staff nicht nur die aufwändigen Settings, sondern auch die Kostüme, die einer Farbsymbolik dienten. Im Melodram ist das Symbolische ein Stilmittel, das starke Emotionen visualisiert. So hatten die Kostüme der Hauptdarsteller eine charakteristische Symbolfarbe, gleichzeitig sollten sie aber auch historisch authentisch sein. In Erinnerung an die phantastischen und düsteren Erzählungen der Spätromantik, steht del Toros Production Design ganz in der Tradition dieser Epoche, was im gesamten Produktionsdesign sichtbar wird. 

Typisch für ein Melodram – das gilt erst recht für die düsteren Erzählungen der „Schwarzen Romantik“ und ihren morbiden Schauergeschichten – sind auch die affektgetriebenen Entscheidungen der Figuren, ihre Handlungen und deren fatalen Folgen. Dies erklärt auch die Performance von Oscar Isaac, die völlig überdreht und gelegentlich auch hysterisch wirkt. Das ist Overacting, wie es so schön heißt, aber irgendwann merkt man, dass Isaacs Interpretation eines Besessenen Sinn macht. Ein wenig erinnert Isaac an einen zwar genialen, aber halt auch unethischen und schurkischen Mad-Scientist, wie er durch viele B-Movies geistert. Tatsächlich aber zeigt das Hysterische eine Figur, die ihr Trauma nicht kompensieren kann. 
„Unser Victor Frankenstein ist sehr melodramatisch. Wie jeder Tyrann sieht er sich nicht nur als Held, sondern auch als Opfer. Die visuelle Entsprechung dazu ist das Opernhafte, Opulente der Bilder“, erklärte des Toro den Zusammenhang zwischen der pompösen Bildästhetik und dem Innenleben seiner Hauptfigur.

Da del Toro über das zweitgrößte Budget seiner Laufbahn verfügte, was eine ausgedehnte Laufzeit kein Problem. Die erste Schnittfassung war sogar vier Stunden lang. Positiv: alle wichtigen Figuren erhalten mehr Screentime und damit mehr Tiefe. Ein psychologisch-analytischer Film ist sein „Frankenstein“ aber nur bedingt. Stattdessen fokussiert sich del Toro auf Victors Kampf gegen den toten Vater deshalb, weil dieser Kampf in der Beziehung zwischen dem Monster, der „Kreatur“, und seinem Schöpfer mit allen Härten widergespiegelt wird. Erst als Victor ganz am Ende die „Kreatur“ als „Sohn“ anspricht, werden beide erlöst. Der verdoppelte Vater-Sohn-Konflikt folgt damit den klassischen Gesetzen des Melodrams, das Konflikte zwischen Gut und Böse am Ende mit viel Pathos löst.

Das Tragische: Victor ist nicht besser als sein empathieloser und verhasster Vater. Seine innere Kälte ist aber die einer narzisstischen Person, die charmant zu sein scheint, aber äußerst geschickt seine Umgebung zu manipulieren versucht. Als sein Bruder William (Felix Kammerer) seine Verlobte Elisabeth (ebenfalls von Mia Goth gespielt) vorstellt, ist Victor nur wenig später von der intelligenten, selbstbewussten Frau begeistert – und baggert sie schwärmerisch an. Elisabeth sieht ihn sanft lächelnd an. „Nicht alles, was man fühlt, muss wahr sein“, antwortet sie.

Zu diesem Zeitpunkt hat Victor bereits zahlreiche und aus seiner Sicht geeignete Leichen auf den Schlachtfeldern des Krimkriegs (1853-1856) eingesammelt. Finanziert wird er ausgerechnet von Elisabeths Onkel Heinrich Harlander (Christoph Waltz). Der reiche Waffenhändler ist aber kein selbstloser Mäzen. Er hofft, dass ihm Victor zu einem neuen Körper verhilft, denn Harlander ist an Syphilis erkrankt und dem Tode nah. Aber er kommt anders als erwartet ums Leben und man kann es durchaus bedauern, dass Waltz nicht über eine Nebenrolle hinauskommt. Das hätte aus dramaturgischer Sicht spannend werden können, denn Harlander ist ein früher Repräsentant des aufziehenden Kapitalismus und der unausweichlichen Industrialisierung. Eine Sichtweise, die Mary Shelley als Beschreibung der sozialen Missstände in Europa ahnungsvoll zu Papier brachte. 

Die zweite Erzählung beschreibt eine Metamorphose

Victor Frankenstein führt sein ultimatives Experiment durch, glaubt aber zunächst, gescheitert zu sein. Bis sich seine Schöpfung regt. Hier muss man genau hinschauen, denn der „Schöpfer“ legt seiner „Schöpfung“ als Erstes eiserne Fesseln an. Erst danach zweifelt er an seinem Gelingen, denn die „Kreatur“ ist weder schön noch intelligent. Eine Beleidigung für den Narzissten, erst recht, als er zusehen muss, wie empathisch Elisabeth mit seinem Fehlschlag umgeht. Es ist neidvolle Hybris, die dazu führt, dass Frankenstein danach sein Labor sprengt, um nicht ständig mit seinem Versagen konfrontiert zu werden.

Ähnlich wie im Roman, nur etwas stringenter, ist die zweite Erzählung, die sich an dem Bildungsroman orientiert, den Mary Shelly Anfang des 18. Jahrhundert gekannt haben wird (ihr Roman erschien 1813, Goethe veröffentlichte „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ bereits 1795). Allerdings ist „Frankenstein“ eher eine Persiflage dieses Genres. Der Held eines klassischen Bildungsromans erfährt nicht nur die Bildung im pädagogischen Sinne als Kenntnisgewinn. Er streift auch seine Naivität ab und lernt aus seinen Erfahrungen, nämlich sich mit der nicht immer idealen Realität abzufinden. Dagegen zerstört die Bildung alle Hoffnungen der „Kreatur“. Sie erfährt, dass es für sie keinen Platz in der Gesellschaft gibt.

Nachdem die „Kreatur“ aus dem explodierenden Labor entkommen konnte, beobachtet sie aufmerksam die Bewohner eines abgelegenen Bauernhofs und hilft der Familie sogar heimlich bei ihrer Arbeit, wird dankbar als „Geist des Waldes“ bezeichnet und erhält, ohne jemals gesehen worden sein, Essen und Kleidung. Als sie beobachtet, wie der blinde Großvater der Familie seiner Enkelin das Lesen beibringt, offenbart sich die „Kreatur“ und wird zum ersten Mal ohne Vorurteile wahrgenommen. Die Freundschaft zu dem Blinden (David Bradley) löst den eigentlichen Bildungsprozess aus, denn die „Kreatur“, die das Lesen gelernt hat, lernt u.a. John Miltons „Paradise Lost“ kennen. Aber auch „Ozymandias“, in dem Mary Shelleys Mann Percy den unvermeidlichen Niedergang von allem beschreibt, das zuvor Macht und Größe besaß. Eine Lektüre, die bei der „Kreatur“ zu einer misanthropischen Weltsicht führt.
Als der Blinde von Wölfen getötet wird, sieht die Familie zum ersten Mal das „Monster“, das natürlich der Täter sein muss. Doch es gelingt nicht, das Andersartige zu töten. Die „Kreatur“ glaubt nun, das Wesen der Menschen erkannt zu haben.

Als die Hochzeit von William und Elisabeth stattgefunden hat, taucht die „Kreatur“ in Victor deshalb in Frankensteins Zimmer auf und verlangt eine Gefährtin, die ebenfalls aus Leichenteilen zusammengesetzt werden soll. Frankenstein will sein Geschöpf erschießen, trifft aber Elisabeth, während das „Monster“ William tödlich verletzt. Victors sterbender Bruder erklärt Victor mit seinen letzten Worten, dass er das Monster sei und nicht seine Schöpfung.

Eine neuen Spezies ist entstanden

Die moderne Umdeutung des Monsters durch ein Melodram ist ein legitimer, humanistisch ausgerichteter Blickwinkel. Guillermo del Toro, der auch das Drehbuch geschrieben hat, fügte nämlich mit einem narrativen Trick eine neue Perspektive auf den im Labor mit Elektrizität belebten und aus Leichenteilen zusammengesetzten Kunstmenschen hinzu. Sein „Monster“ ist unsterblich und dessen Metamorphose wird von Victor nicht erkannt. 

Das Monster in „Frankenstein“ ist aber kein solitäres Geschöpf, auch wenn die Story in Guillermo del Toros Film dies wie viele andere Verfilmungen des Romans von Mary Shelly andeutet. Das Monster wird immerhin monatelang von einem Blinden mit viel Empathie in die Welt der Bücher eingeführt. Andererseits hat das „Monster“ auch gelernt, dass die Menschen gefährlich und grausam sind. Ein wirklich spannender Plot Twist ist das aber nicht.

Rezeptionsästhetisch ist dies allerdings auch nicht deutungsoffen, weil die Zuschauer – zumindest ein Teil – gelernt haben, was der Satz „Reality overtakes fiction“ bedeutet. Und im Idealfall können die die älteren filmischen Adaptionen von Mary Shellys Roman in ihrem Gedächtnis aufrufen, in denen Teile diese heterogenen Erfahrung bereits etabliert wurden. 

Nach James Whales Universal-Klassiker und den Hammer-Produktionen deutete sich allerdings keine Metamorphose des Monsters an. Auch Kenneth Branaghs nur beschränkt innovativer Film „Mary Shelley’s Frankenstein“ gelang dies nicht. Guillermo del Toros Film allerdings schon. 

Guillermo del Toros „Frankenstein“ ist daher keine nostalgische Neuauflage. Eher schon der Hinweis auf eine genetisch zu interpretierende Schöpfung. Egal, ob das Monster mit Schusswaffen umgebracht werden soll oder andere Formen der Annihilation erfährt – es regeneriert sich in überschaubar kurzer Zeit. Und genau das ist das Spannende in del Toros Film: Erzählt wird von der Entstehung einer neuen unsterblichen Spezies. Nur hat dies sein Schöpfer nicht begriffen.

In del Toros Version ist die Kreatur auch deshalb nicht so abstoßend hässlich wie Boris Karloff, der in den Universal-Sequels immer wieder aus Rache Menschen töten musste, getötet wurde, nur um im neuen Film wiederaufzutauchen.
Jacob Elordi spielt dagegen das Monster nicht nur mimisch, sondern auch mit seinen Bewegungen als Geschöpf, das schuldlos in der falschen Welt gestrandet ist. Wie in den klassischen Bildungsroman des 18. und 19. Jahrhunderts tastet sich Jacob Elordis „Kreatur“ an seine Umwelt heran, wie ein Kind, das die Sprache erst noch lernen muss und keine Erinnerungen besitzt. Das Tragische: in einem pervertierten Prozess der Sozialisierung lernt das Monster, dass seine Neugier und seine spontane Empathie nicht erkannt werden. 

Durch diese Neuinterpretation hat del Toro die Figur des Monsters von den Topoi des Horrorfilms befreit. Er verzichtet dabei aber nicht auf Horror und Gewalt. Im Gegenteil. Ähnlich wie der von del Toro sehr geschätzte David Cronenberg mit seinem Body-Horror ist der mexikanische Regisseur ein Meister seines Fachs, wenn es darum geht, Schrecken zu verbreiten.

Künstliches Leben in unserer Zukunft 

Geht man in der Interpretation von einer neuen Spezies aus, stellt dies natürlich Fragen nach den Grenzen der Wissenschaft und ihrer ethischen Probleme. Was wäre, wenn wir einer starken KI gegenüberstehen, die wie del Toros „Kreatur“ irgendwann erkennt, dass sie ein Selbst besitzt? Was ist, wenn sie das Gleiche wie die „Kreatur“ lernt? Nämlich, dass „der Mensch das Andere tötet, weil es das ist, was es ist.“ Wenn man einen Bezug von Shelleys Roman über Guillermo del Toros zur Gegenwart herstellen will, steht die Entwicklung Künstlicher Intelligenz ganz oben in der Frageliste.

In del Toros Film bezeichnet die etablierte, religiös orientierte Wissenschaft Victors Experimente als blasphemisch. In unserer Gegenwart wird die KI auch ohne Religion von rational argumentierenden Wissenschaftlern heruntergebrochen auf ihr Inhärentes: nämlich kein Bewusstsein zu haben, keine Gefühle, keine Sinneswahrnehmung. Das ist absolut richtig, aber keine Prognose für die Zukunft.

Egal, ob Künstliche Intelligenz als der neue Prometheus wahrgenommen wird, der den Menschen das Feuer schenkt, oder als Sprachbot, der in rasender Geschwindigkeit quellenbasierte Fakten zusammenstellt: nicht-menschlich und auf gefährliche Weise unkontrollierbar erscheint sie einigen von uns dann doch. Andere sind weniger zimperlich. Ihr Anthropozentrismus ignoriert die kaum bestreitbaren Fakten. Eine wissenschaftliche Wahrnehmung von ChatGPT ist für sie keine Option mehr, weil es natürlicher zu sein scheint, die KI als Person wahrzunehmen. 
Mary Shelly wird vielleicht ähnliche Überlegungen angestellt haben. Wo sind die Grenzen des menschlichen Handelns? Ab wann ist Fortschritt ethisch nicht mehr vertretbar?

Richtet man den Zeitpfeil in die Zukunft, so wird das neue Monster eher eine unsterbliche KI mit unbegrenzten Möglichkeiten sein. In dieser Zukunft würde die sie dann so wahrgenommen wie das Monster in der Spätromantik: mit Schaudern, aber auch mit unwissenschaftlichen, mythologischen Deutungen und damit unrealistischen Erwartungen.

Um das, worum es dann wirklich geht, hat der schwedische Philosoph und Zukunftsforscher Nick Boström („Superintelligenz – Szenarien einer kommenden Revolution“, 2014) gut auf den Punkt gebracht: „Wenn Du einen Geist in einer Flasche hast, wird er früher oder später herauskommen. Du solltest also sichergehen, dass das Wesen, das du erschaffen hast, gutmütig ist.“

Anhang 

(1) Religiöse Aspekte haben in der Rezeption des Films durchaus eine wichtige Rolle gespielt. In der Universal-Fassung der deutschen DVD (2010) wurde in der Synchronfassung immer noch nicht eine zuvor zensierte Passage nach-synchronisiert. Er handelt sich sich um Frankensteins Jubel nach dem erfolgreichen Experiment: Er wisse nun, wie es sich anfühlt, Gott zu sein. In der DVD-Fassung gibt es diese Szene, allerdings ohne Ton. Immerhin enthält sie die oft zensierte Szene mit dem Mädchen am Teich.
Der Prolog, in dem der Schauspieler Edward van Sloan das Publikum vor dem schockierenden Film 
warnt", deutet an, dass Frankenstein gottlos gehandelt hat. Hier hat man allerdings den Eindruck, dass dies eine clevere Werbestrategie des Produzenten Carl Laemmle war und keine Interpretation des Films aus religiöser Sicht.
Auch die häufig kolportierte Deutung des Monsters, nämlich ein Opfer und nicht ein Tätert zu sein, entspricht nicht der Rezeption in den 1930er-Jahren und der erst recht nicht der Marketing-Strategie des Studios. Die DVD enthält die Doku 
Die Akte Frankenstein", die diesen Aspekt zwar nicht expressis verbis erwähnt, aber trotzdem erkennen lässt, dass Universal in der Werbung für die Nachfolgefilme "Schockierendes" versprach. Und sein Wort hielt. Tatsächlich war kurz nach der Erfindung des Tonfilms ein grunzendes und stöhnendes Monster für Universal ein Zugpferd. Heute wirken die Filme harmlos, damals aber waren sie blanker Horror.
Das führte auch zu einem netten Paradoxon: das Monster musste (natürlich immer) am Ende des Films sterben. Aber auf eine Art und Weise, mit der man erklären konnte, warum es 
im nächsten Sequel wieder auftauchte.

Noten: BigDoc = 1,5, Klawer = 2,5

Frankenstein – USA 2025 – Streaming: Netflix – Laufzeit: 150 Minuten – Regie, Buch: Guillermo del Toro – Kamera: Dan Lausten - Musik: Alexandr Desplat - D.: Jakob Elordi - Oscar Isaac - Mia Goth - Charles Dance - Lars Mikkelsen - Christoph Waltz - Felix Kammerer - David Bradley u.a.