Dennis Gansel hat einige originelle und weniger originelle Filme gemacht – umstritten waren fast alle. Auch die sogenannte Faschismus-Trilogie, die mit „Napola – Elite für den Führer“ (2004) begann und mit der Manipulation von Schülern in „Die Welle“ (2008) zeigen sollte, dass totalitäre Bewegungen eine fast unbeherrschbare Eigendynamik besitzen.
„Der Tiger“ schließt die Trilogie ab, dürfte aber den Zuschauer auf eine harte und verstörende Weise herausfordern. Denn der Film endet mit einem spektakulären Plot-Twist, der sich mit „The Sixth Sense“ und „Fight Club“ locker messen kann. Allerdings ist Gansels Film keine Kinounterhaltung, sondern die Dekonstruktion eines Genres - dem Kriegsfilm. Und das Ende seines Films und seine Symbolik sind kaum zu verstehen, wenn man nicht Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ kennt.
Nach zehn Minuten ist der Film zu Ende
Alles beginnt wie ein – zugegeben – spannender Kriegsfilm. WK II, 1943: die deutsche Wehrmacht ist im Osten auf dem Rückzug. Ein Panzer, der berüchtigte Tiger, sorgt auf einer Brücke für die Rückendeckung. Erst wenn die deutschen Einheiten in Sicherheit sind, darf auch der Tiger fliehen. Leutnant Gerke und seine Mannschaft schießen einen russischen Panzer nach dem anderen ab und rasen dann verzweifelt auf die andere Seite der Brücke. Jede Sekunde zählt, denn die Brücke soll gesprengt werden. Dann wird der Tiger getroffen. Kurz vor dem Ziel. Schnitt. Gerke sitzt in einem Zug und kehrt mit einer neuen Mission zu seinen „Jungs“ zurück. Da ist aber Film aber längst zu Ende. Nach zehn Minuten.
Das wusste der Verfasser dieser Rezension aber nicht. Und als der Abspann lief, musste ich mich sprachlos sortieren, denn ich hatte komplett die Orientierung verloren. Was ich gesehen hatte, war nicht das, was ich glaubte gesehen zu haben. Die letzten zehn Minuten von Dennis Gansels Film „Der Tiger“: ein Schlag in die Magengrube!
Er kam aus dem Nichts. Und nicht aufgrund politischer oder militärstrategischer Gründe, auch nicht, weil der Film eine ethische Debatte über die Grausamkeiten des NS-Regimes anstoßen wollte, sondern weil Regisseur und Autor Dennis Gansel einen massiven Regelbruch beging. Er wechselte nicht nur das Genre, sondern kündigte auch eine stille Vereinbarung zwischen Erzähler und Zuschauer auf. Und die ist einfach: Was wir auf der Leinwand sehen, nehmen wir so wahr, als wäre es real. Obwohl wir wissen, dass es eine Fiktion ist. Dieses Wissen leitet, wenn man dazu bereit ist, eine kritische Reflexion ein: Worum geht es? Was ist das Thema? Warum hat man die Geschichte so und nicht anders erzählt?
Vorher aber hatte man, wie in den meisten Filmen, etwas gesehen, was ohne Bindungskräfte und emotionale Teilnahme nicht funktionieren kann. Bindungskräfte sorgen dafür, dass wir sogar Figuren wie Anthony Hopkins als Hannibal Lecter irgendwie mögen, weil er sich so einfühlsam um das Trauma von Jodie Foster kümmerte. Von dem Serienkiller kann man sich schließlich auch später moralisch distanzieren, von der emotionalen Teilnehme nicht so einfach. Auf etwas konnte man sich aber immer verlassen: Die narrative Regelhaftigkeit eines Films wird durch die Ambivalenz des Zuschauers nicht ausgehebelt.
Irgendwann liegen die Nerven blank
Und so steckt man auch im „Tiger“ in einem Film fest, der extrem spannend ist. Man wünscht widerwillig, dass der ruhige und erfahrene Leutnant Philip Gerkens (David Schütter spielt das faszinierend) und seine „Jungs“ noch einmal davonkommen. Denn sie sind keine Nazis, sondern Lateinlehrer oder Winzer und wollen einfach nur nach Hause. Gerkens schaut immer auf ein Foto seiner Frau und seines Kindes. Auch die anderen haben solche Fotos irgendwo hingepinnt. So sehen nicht Schuldige aus, sondern eher Opfer.
Aber das Entkommen aus der Hölle des Kriegs ist nicht einfach. Der „Tiger“ und seine Besatzung sollen nämlich den hochrangigen Offizier Paul von Hardenberg aus dem Niemandsland holen. Hardenberg kennt alles Rückzugpläne und auch die Logistik der Wehrmacht – „Die Türen zum Reich wären sperrangelweit offen“, so Gerkens, wenn der Feind Hardenberg gefangen nimmt und ihn umdreht. Ein absurder Auftrag, denn wie und wo soll man den Offizier suchen?
Und so führt die Mission „Labyrinth“ dazu, dass der Tiger sich pausenlos in aussichtslosen Situationen befindet. Landminen müssen unter Lebensgefahr händisch ausgebuddelt werden. Dem Angriff eines russischen Panzer, der technisch dem Tiger überlegen ist, kann die Mannschaft nur entgehen, indem sie wie ein U-Boot einen Fluss unterquert, ohne dass sie dabei ersäuft. In solchen Situationen gibt es Panzerschokolade. Und die hat sehr viel Methamphetamin zu bieten. Im Prinzip sind alle im Panzer Junkies.
Trübt die Droge die Wahrnehmung? Warum zeigt Gansel immer wieder eine hellauf brennende Fenstergalerie? Sind dies die Halluzinationen von Gerkens und seinen „Jungs“?
Irgendwann beginnt endgültig der Horror in dieser Reise in die Finsternis. Kelig (Sebastian Urzendowsky), der Lateinlehrer, verreckt nach einem Kampf mit einem Panzer jämmerlich, weil ein Splitter ihn zerfetzt hat. Aber warum finden die Überlebenden in dem besiegten russischen Panzer nur Skelette und keine verbrannten Leichen? Und warum treffen sie inmitten der endlosen Wälder im Niemandsland ein SS-Bataillon, das sich die Zeit nimmt, von Dorf zu Dorf zu fahren, um die Menschen in Scheunen zu verbrennen? Weil sie die Partisanen unterstützt haben und überhaupt würde das Verbrennen viel Munition sparen, erklärt der Oberstleutnant Krebs (André Hennicke) zynisch und sichtbar vergnügt Gerkens und seinen Leuten. Die blicken fassungslos in die Flammen, hören die Schreie. „Wir müssen hier weg“, sagt Gerkens.
Spätestens nach diesem Massaker liegen die Nerven im Tiger blank. Christian Weller (Laurence Rupp) fordert die Absetzung seines Panzer-Kommandanten, aber die anderen stehen zu Gerkens. Der erklärt, dass ein Befehl nicht nur Befehl ist, sondern das Einzige, was ihnen übrigbleibt. Ohne Befehle würde das Reich untergehen, die Gesellschaft und die Menschen daheim. Und wie hätte ihr Handeln einen Sinn, wenn es nicht den Befehl gäbe? Hier bröseln die Bindungskräfte bereits langsam. Ist der unbesiegbare Panzer-Kommandant wirklich so unbeugsam, ist er ein Nazi oder nagt der Wahnsinn an ihm?
Der Kreis schließt sich, die Verdrängung findet ein Ende
Schließlich findet man Hardenberg in einem riesigen labyrinthischen Bunker. Das Unmögliche ist wahr geworden, aber das Absurde überwältigt alle, denn im Bunker wird kräftig gefeiert. Es gibt Frauen, Schnaps, Wein und üppiges Essen. Und endlich kann Gerkens seinem alten Freund gegenübertreten. Denn Hardenberg, den er notfalls erschießen muss, um einen Verrat zu verhindern, kennt er aus früheren Zeiten. Es folgt der Schlag in die Magengrube.
Dennis Gansel hat sich mit „Der Tiger“ weit aus dem Fenster gelehnt. Denn das, was man fast zwei Stunden lang als Kriegsfilm rezipiert hat, als einen Film, dessen Regelhaftigkeit unbestreitbar war, all das ist tatsächlich ein Zombiefilm mit einem kräftigen Schuss Mystery. Eine Reise, die wie in Francis Ford Coppolas „Apokalypse Now“ den Terror des Krieges als psychopathologisches Phänomen deutet, eine zivilisatorische Selbstvernichtung, die unmittelbar dem Wahnsinn entspringt. Aber einem Wahnsinn, den man selbst zu verantworten hat. Ähnlich wie in Josef Conrads „Herz der Finsternis“, der vorrangig den britischen Kolonialismus aufs Korn nahm, aber Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ und dessen Höllenkreise gekannt haben wird. Bei Dante wartet auf die Seelen der Toten entweder das Paradies, oder die Hölle (ewige Verdammnis) und das Fegefeuer (Buße mit Aussicht auf Erlösung).
Letzteres wartet am Ende auch auf Gerkens, der mit seiner Schuld konfrontiert wird: einem barbarischer Akt in Stalingrad - natürlich ein Befehl. Und nun weiß der Zuschauer auch, was die brennenden Fenster bedeuten.
Ob die Zuschauer dem Experiment folgen können, ist fraglich. Allerdings ist mit einer konventionellen Erzählung einem sattsam bekannten Thema, nämlich der Frage nach der Schuld und der Verantwortung der deutschen Wehrmacht für zahlreiche Gräueltaten, wahrscheinlich nicht mehr beizukommen. Das dürfte das eigentliche Problem sein, nicht Gansels Film.
Der ist auf kreative, intelligente und überwältigende Weise missglückt.
BigDoc: Note = 2
Der Tiger – Deutschland 2025 – Produktion: Amazon MGM Studios – Regie: Dennis Gansel - B:Dennis Gansel, Colin Teevan – Länge 121 Min - FSK: 16 - Darsteller: David Schütter, Laurence Rupp, Leonard Kunz, Sebastian Urzendowsky, Yoran Leicher, Tilman Strauß, André M. Hennicke.