Freitag, 30. Januar 2026

"Hamnet" - Chloé Zhaos neuer Film ist wieder ein Oscar-Kandidat

Man darf gespannt sein, ob Chloé Zhaos neuer Film den Erfolg bei den Golden Globe Awards 2026 wiederholen kann. Bei der 83. Verleihung wurde „Hamnet“ als Bester Film ausgezeichnet. Für die Oscar-Verleihung im März wurde der Film achtmal nominiert. Chloé Zhao ist übrigens die einzige Regisseurin, die für einen Oscar bei den Academy Awards vorgeschlagen wurde.

Ob das für den Besten Film oder die Beste Regie reicht, ist eine spannende Frage. Paul Thomas Andersons Film „One Battle After Another“ ist stilistisch mutiger und auf schräge Weise komisch, Ryan Cooglers “Blood & Sinners” ist actionreicher und bildästhetisch opulenter. Chloé Zhaos „Hamnet“ erzählt dagegen sehr asketisch vom Zerbrechen einer Liebe, einem ultimativen Verlust und in einem bittersüßen Ende von der aussöhnenden Kraft der Kunst. Ein bittersüßes Ende ist aber sehr beliebt bei der Academy…

Das Drama einer schleichende Entfremdung

Paul Mescal spielt als William Shakespeare in „Hamnet” eine der beiden Hauptrollen, aber ein Biopic über den berühmtesten englischen Dichter und Theaterunternehmer ist der Film nicht. Shakespeares Lebenslauf ist aufgrund fehlender Quellen und Dokumente bis heute Flickwerk und ein Mysterium geblieben. 
In Zhaos Film wird dagegen die Geschichte eines Lateinlehrers erzählt, der sich in eine Frau verliebt, die völlig anders ist er. Der heißt William (Paul Mescal, „Gladiator II“) und ist von der Bauerntochter Agnes (Jessie Buckley) fasziniert, die mit einem eigenen Falken den Wald durchstreift und ansonsten als Waldhexe bezeichnet wird. Zusammengekrümmt liegt sie zwischen den Ästen eines Baums, unweit entfernt von einem mysteriösen Loch, das Chloé Zhao nicht nur einmal zeigt. Agnes ist eine Außenseiterin, die selbstbestimmt in der Natur lebt und alles andere als eine gute Partie ist, jedenfalls nicht für Williams Mutter Mary (Emily Watson). 

In Chloé Zhaos Film überrollt William Agnes mit einer Liebeserklärung und ist auch sexuell sehr forsch. Agnes ist endgültig hingerissen, als ihr William die Geschichte von Orpheus und Eurydike erzählt. Ein Mann mit Charme und Bildung: perfekt. Es folgen die Hochzeit und die Geburt von drei Kindern. Susanna (Bodhi Rae Breathnach) kommt im Wald zur Welt, die Zwillinge Judith (Olivia Lynes) und Hamnet (Jacobi Lupe) werden im Haus geboren. Nicht problemlos, denn Judith wird von der Hebamme zunächst für tot erklärt. Der Vater ist allerdings weit entfernt. Er lebt in London, wo er eine Laufbahn als Stückeschreiber begonnen hat.

Der reale Shakespeare heiratete 1582 in Stratford-upon-Avon Anne Hathaway, die acht Jahre ältere Tochter eines Großgrundbesitzers. Die nachfolgenden Jahre 1984 bis 1592 werden von der Shakespeare-Forschung als „verlorene Jahre“ bezeichnet, nicht im Sinne von vergeblich, sondern vielmehr als schwarzes Loch, das alle Informationen über den Dichter verschluckte. 
Chloé Zhao schließt die Lücke nicht und bleibt erstaunlich vage. Gespräche über Williams Ambitionen, über sein Verständnis von Kunst, über seine Arbeit finden zwischen den Eheleuten kaum statt. Als William bei Kerzenlicht etwas niederschreibt und einen Wutanfall bekommt, ahnt man, dass er kurz davor ist zu scheitern. Es ist Agnes, die ihren Bruder Bartholomew (Joe Alwyn) auffordert, mit ihm nach London zu reisen, um William Arbeit bei einem Theater zu verschaffen. Es ist ein Zeichen der Liebe, aber auch der Kapitulation. „Hamnet“ ist daher ein stilles Drama, das von einer schleichenden Entfremdung erzählt, ohne dabei nach psychologischen Erklärungen und Lösungen zu suchen. 

Kamera und Montage sind zurückhaltend

Stilistisch ist Chloé Zhaos Film spartanisch. Lange Plansequenzen sind die Regel und anders als in Sam Mendes Kriegsfilm „1917“ machen sie nicht durch elegante Kamerafahrten auf sich aufmerksam. In „Hamnet“ sind sie kein dynamisches Stilmittel, das bildästhetisch das Ungewöhnliche der Kameraarbeit so eindringlich zeigt, dass die Bildinhalte beinahe ihre Bedeutung verlieren. Auf die Spitze getrieben wurde die Plansequenz durch Sebastian Schipper, der 2015 seinen Spielfilm „Victoria“ mit einer einzigen ungeschnittenen Einstellung drehte. Chloé Zhaos lange Einstellungen wirken wie in „Nomadland“ naturalistisch, eine Bildsprache, die Bedeutung hat ohne zu schnell Deutungsangebote zu machen.

In „Hamnet“ bleibt die Kamera daher statisch. Und wenn es einen Schwenk gibt, dann geschieht er so langsam, als hätte die Kamera ein schlechtes Gewissen dabei, die ursprüngliche Kadrierung zu verlassen. So zeigt Zhao immer wieder das Zimmer von Judith und Hamnet, nur dass nach Hamnets Tod eines der beiden Betten fehlt. 
Über diese Einstellungen hätte sich André Bazin gefreut. Allerdings hätte er sich eher eine etwas komplexere Nutzung gewünscht, etwa wie in Orson Welles „Touch of Evil“, der den französischen Filmtheoretiker auch mit seiner innovativen Montagtechnik begeisterte.

Der Bildschnitt, den Zhao eigenhändig übernahm, ist in „Hamnet“ alles andere als innovativ, aber wirksam. Der mehrfach für den Oscar nominierte polnische Kameramann Łukasz Żal (u.a. „The Zone of Interest“) zeigt das Geschehen in „Hamnet“ überwiegend in Totalen und Halbtotalen, die von Zhao selten durch Schnitte unterbrochen werden. Zeit, um sich umzusehen, hat der Zuschauer in Zhaos Film auf jeden Fall. Wenn sich Agnes in der Natur bewegt, dann erhalten die Bilder eine befreiende Offenheit, während sie im Inneren eines Hauses eher so aussehen wie ein Bühnenbild im Theater, in dem sich die eigentlichen Tragödien ereignen. Etwa, wenn William von seinem Vater (David Wilmot) immer wieder gedemütigt und geschlagen wird, obwohl er mit seine eigenen Einkünften die Schulden der Eltern begleichen will. Erst als William Gewalt mit Gewalt beantwortet, kann er seinen despotischen Vater brechen.
Dies alles wird von Zhao in Szenen gezeigt, die als zu kurz erscheinen. Zhaos finaler Cut erfolgt gefühlt zwei Sekunden zu früh, die Handlung wird nicht beendet, sondern abgebrochen. Dass Gefühl, das dabei entsteht, lässt nichts Gutes ahnen. Die Szenen wirken daher fragmentiert, wenn sie nicht durch Schwarzblenden unterbrochen werden, so als sollten sie die unvermeidliche Vorbereitung auf den Kern der Tragödie sein.

Schreiben als Therapie, Theater als Ort der Versöhnung

Die Tragödie findet während einer der vielen Pestwellen statt, die nach dem „Schwarzen Tod“ im 14. Jahrhundert auch England heimsuchten. So auch 1592-93, als in London über 15.000 Menschen starben. Auch Judith erkrankt, weicht ihr elfjähriger Bruder Hamnet nicht von der Seite der Schwester. Wortwörtlich, denn er liegt im Bett neben ihr und spricht aus, was er fühlt: nämlich anstelle der Schwester sterben zu wollen. Dies geschieht auch, während Judith überlebt. Und wieder wird der Vater zu spät sein Haus erreichen.

Agnes wird durch Hamnets Tod aus der Bahn geworfen. Man spürt, dass dies nicht nur Trauer ist, sondern Selbstentfremdung. Denn in Agnes‘ Welt gibt es nun weder Trost noch eine Erklärung, sondern einfach nur Leere. Trotzdem reist sie nach London, um im Globe Theatre die Uraufführung des Dramas „Hamlet“ zu sehen. Denn Hamnet, so wird es ganz am Anfang erklärt, bedeutet das Gleiche wie Hamlet. Würde William die Chuzpe haben, den Tod ihres Sohnes zu kommerzialisieren? 
Agnes drängt zum Bühnenrand, schreit wütend, ist nicht zu beruhigen. Als Hamlet dem Geist seines Vaters begegnet (William spielt ihn selbst), spürt Agnes, dass ihr Mann ihr mit dem Stück etwas mitteilen will, dass er mit eigenen Worten nicht ausdrücken kann. Agnes greift in der Schlussszene tröstend zur Hand des vergifteten und sterbenden Hamlet (herausragend gespielt von Noah Jupe, dem Bruder von Jacobi Jupe). Auch die Zuschauer greifen zur Hand der Schauspielers, der verblüfft ist, aber seinen letzten Auftritt professionell zu Ende spielt. Dann sieht Agnes eine Vision ihres toten Sohns, der lächelnd hinter den Kulissen verschwindet. Zum ersten Mal kann Agnes wieder lachen. 

Eine fulminante Schlussszene, die die Zuschauer im Kino reihenweise zu Tränen rührte.

Fazit

"Hamnet" basiert auf dem gleichnamigen Historienroman von Maggie O’Farrell, die zusammen mit Chloé Zhao das Drehbuch geschrieben hat. 2026 erklärte sie in einem Interview mit dem „Guardian“, dass sie es traurig findet, dass Shakespeares einziger Sohn in Shakespeare-Biographien so gut wie keine Rolle spielt. Auch O’Farrell verlor beinahe ihr eigenes Kind im Alter von 4 Jahren und erkrankte als Kind selbst schwer und musste um ihr Leben kämpfen.

Chloé Zhao war dagegen von der Figur der Agnes fasziniert, die in O’Farrell Buch eine besondere Beziehung zum Wald und zum Mystischen hat. Dies wäre auch für die Liebe zwischen William und Agnes entscheidend, so Zhao, zwei Menschen, die „so unterschiedlich sind und sich gerade darin ergänzen. Ihre Unterschiede sind das, was sie aneinander lieben, und was es ihnen zugleich schwer macht, sich zu sehen, wenn eine (…) Tragödie eintritt.“

Der Cast des Films setzte das Dilemma überragend um. Paul Mescal, der zunächst locker und unbekümmert auftritt, ist als William Shakespeare ein widersprüchlicher Mann, der sein obsessives Verhältnis zur Kunst nicht verbergen kann. Zhao zeigt dies in einer Szene, in der William den Hamlet-Darsteller wütend und unbeherrscht zu einer endlosen Wiederholung einer Textpassage zwingt, weil ihm Leidenschaft und Hingabe fehlen. Paul Mescal spielt das herausragend, zeigt das Bipolare seiner Figur, ohne ihr das Verständnis zu entziehen. 

Jessie Buckley, die für ihre Performance den Golden Globe Award for Best Actress – Drama erhielt, variiert exzellent die Facetten ihrer Figur, wenn sie als Waldhexe mysteriös erscheint, die Geburt ihrer Kinder (wortwörtlich) mit brüllender physischer Präsenz spielt und nach dem Tod ihres Sohns als Mutter immer noch funktioniert, aber innerlich leer ist.

Eine Entdeckung sind die Brüder Jacobi und Noah Jupe. Jacobi beherrscht als Hamnet perfekt eine Kinderrolle, in der er klug und einfühlsam agiert wie ein empathischer Erwachsener. Noah ist in seinem Kurzauftritt ein souveräner Hamlet, der es locker mit Hamlet-Darstellern wir Laurence Olivier, Kenneth Branagh oder Ethan Hawke aufnehmen kann.

Ausgerechnet in der englischen Presse bekam der Film trotzdem einige schallende Ohrfeigen. Es ging um das Ende des Films. „Warum also sind so viele Menschen davon berührt worden? Die einfache Antwort lautet, dass der Film erbarmungslos (…) auf die Tränendrüsen zielt. (..) der Film ist manipulativ, wenn sich Agnes nach Hamnets Tod die Erstaufführung von ‚Hamlet‘ anschaut“, schrieb Nicholas Barber (BBC), der die Emphase des Theaterpublikums als Form von Massenhypnose interpretierte, unterlegt von der Musik Max Richters, der mit On the Nature of Daylight dem Schluss zusätzliche eine vermeintlich kitschige Textur verabreichte.

Es geht auch pathetisch: „In diesen letzten Momenten macht Zhao schließlich den eigentlichen Zweck des Films deutlich. Es ging ihr nicht bloß darum, uns etwas hübsch Gefilmtes und Trauriges zu zeigen, wie es der Film allzu oft erscheinen lässt. Vielmehr läuft alles, wie sich herausstellt, auf eine große Meditation über die gewaltige Fähigkeit der Kunst hinaus. Mit Staunen beobachten wir, wie etwas, das für Agnes und ihren Mann zutiefst persönlich ist, sich (..) ins Universelle erhebt“, schrieb Richard Lawson für „The Guardian“. Schließlich habe sich private Trauer in eines der wichtigsten Kunstwerke verwandelt, die die Welt je gekannt hat.

Ganz ehrlich: ich sehe dies etwas anders. Dass der reale Shakespeare „Hamlet“ drei bis vier Jahre nach dem Tod seines Sohns als Trauerbewältigung auf die Bühne brachte, dies vermuteten bereits einige Shakespeare-Biografen. Beweise dafür gibt es nicht. Plausibler wird es, wenn man den berühmten Monolog des dänischen Prinzen richtig interpretiert.

Sein oder Nichtsein? Das ist nicht nur eine Frage, sondern auch ein Antagonismus. Entweder greift man zu den Waffen, um sich zu wehren, oder man bringt sich um, um sich der „See von Plagen“ zu entziehen. Sterben sei wie schlafen, so Hamlet. Doch Hamlets Kokettieren mit dem Tod scheitert an der menschlichen Verfassung: Die Übel, mit denen der Mensch konfrontiert wird, werden lieber ertragen als dass der Mensch zum Unbekannten flieht, dem Tod. 
„So macht das Gewissen Feiglinge aus uns allen”, sagt Hamlet (Thus conscience does make cowards of us all. Wobei ‘conscience’ in deutschen Fassungen des Stücks häufig mit ‘Bewusstsein‘ übersetzt wird. Letzteres heißt aber ‚self conscience’).
 
Es ist also nicht nur Hamlet, sondern der Autor und Dichter selbst, der seine Selbstmordgedanken negiert und stattdessen eine Katharsis in der Kunst sucht. Nur ist es so, dass Katharsis kein Massenphänomen ist, sondern eine individuelle Erfahrung. Deutungen, Erklärungen und Wahrheitsgehalt bleiben subjektiv – niemand hat etwas zu erklären.
Und was ist die 
Katharsis für Agnes? Möglicherweise hat sie erkannt, dass Hamnet durch die Kunst unsterblich wurde. Es darf aber Rätsel bleiben. Was den Zuschauer betrifft: Nicht jede starke Emotion muss erklärt werden, manchmal spürt man auch ohne Worte, ob etwas wahr ist oder nicht. 

Noten: BigDoc = 1,5

Hamnet – USA 2025 – basierend auf dem gleichnamigen Roman von Maggie O’Farrell – Laufzeit: 126 min – FSK: Ab 12 Jahren - Regie: Chloé Zhao – Buch: Chloé Zhao, Maggie O’Farrell - Jessie Buckley, Paul Mescal, Jacobi Jupe, Noah Jupe, Emily Watson, Joe Alwyn, Olivia Lynes.