Es geht schon wieder los. Kaum ist eine neue Star Trek-Serie auf dem Markt, betreiben die Film- und Serien-Websites sofort Clickbaiting vom Feinsten. Die einen haben zwei Episoden vorab bekommen, andere fünf. Alle wissen aber schon jetzt, wie das Ganze enden wird. Mich verblüfft das.
Der Rezensent der neuen Serie geht flott auf die 80 zu. Er ist kein Trekkie, aber ein bekennender Star Trek-Fan. Das Alter hat den Vorteil, dass er TOS gesehen hat, als die Serie noch nicht der Heilige Gral war. Wohl im Gegensatz zu den Trekkies, die mittlerweile ihre eigenen Websites haben, aber The Original Series und die anderen Serien des Franchise erst gesehen haben, als ich in Rente ging. Das Feeling, TOS und TNG zeitnah und in einem völlig anderen kulturellen Umfeld gesehen zu haben, ist daher und besonders heute nur schwer zu vermitteln. Es war etwas Besonderes.
Mein Gott, die Trekkies
Trekkies als Hüter des Kanons und als Verteidiger eines als humanistisch und utopisch (nicht vergessen: Das ist der Gegensatz zur Dystopie!) definierten Serienkosmos sind wichtig. Ich respektiere sie mit Nachdruck. Ohne die Trekkies wäre Macken in der Zeitlinie oder Logikfehler nicht aufgedeckt worden. Für andere war „Star Trek“ eine Weltanschauung, in der die Erde alles hinter sich gelassen hat, was sie beinahe zerstört hätte: Geld, Krieg, Zerstörung der Natur.
Aber Trekkies können auch nerven, wenn sie daran glauben, dass Star Trek bis ans Ende aller Zeiten (nicht vergessen: dies ist näher als wir denken!) einer Schablone zu folgen hat: das ikonische Raumschiff „Enterprise" erkundet dank Warp-Antrieb unser Universum und lernt fremde Zivilisationen kennen. Und die Fremden machen häufig alles falsch, bis Captain Kirk und erst recht Captain Picard als moralische Instanzen die Depperten auf den richtigen Weg bringen. Aber auch die Crew machte vieles falsch – und lernte daraus. Gene Roddenberry sei Dank.
Das hat zu einer Reihe vorzüglicher Episoden geführt. Bloß hatte dies einen Haken: exzellente Episoden waren in der Unterzahl. Wer also über „Star Trek: Academy“ lästert (was ich auch später tun werde), sollte sich noch einmal die erste Staffel von „The Next Generation“ (TNG) anschauen (nicht vergessen: auch damals wurde gelästert). Episoden wir „Code of Honor“ (S1 E4) würde bei jungen Trekkies in der Lernphase wohl eher Fassungslosigkeit auslösen, bevor ihnen dann eingebläut wird, dass dies pure Blasphemie ist. Selbst einigermaßen gelungene Episoden wie „Lonely Among Us“ bekamen 1991 nur vier von sechs Punkten. Und nach „Justice“ (S1 E8) schrieb ein Rezensent: „… ich kann diese Folge einfach nicht ernstnehmen. Ich frage mich, wie es diese Story überhaupt auf den Bildschirm geschafft hat.“
Gute Frage. Das alles liegt 36 Jahre in der Vergangenheit. Fazit: TNG brauchte gefühlt zwei Staffeln, um danach zur Höchstform aufzulaufen. Einige Folgen waren auf dem Peak thematisch so gut gestrickt, dass sie in ethisch-moralischer Hinsicht ganze Generationen von Fans prägten. Übrigens: Internet gab es damals nicht (wow!) und Streamingportale auch nicht (nochmal: wow!). TOS konnte man in Deutschland erst 1972 sehen. Zunächst nur 26 von 79 Folgen, alle zensiert, gekürzt und lächerlich synchronisiert (Geschichten aus dem Weltraum war etwas für Kinder).
Authentisch synchronisiert und ungeschnitten gab es TOS erst Anfang des 21. Jahrhunderts. Auch danach tobte ein Deutungskrieg. Für die einen war das Ganze Propaganda für den Kalten Krieg und Ausdruck des amerikanischen Imperialismus. Andere Kritiker behaupteten das Gegenteil. Und die Trekkies? Die gab es zum ersten Mal auf einer Fan Convention zu sehen, als TOS abgesetzt wurde.
Halt, stimmt nicht ganz. Damals wurde noch zwischen „Trekker“ und „Trekkie“ unterschieden. Leonard Nimoy beschrieb den Trekker als vernünftig und rational argumentierenden Fan. Trekkies seien dagegen „Schwachköpfe“ (Bubble Heads). Gut zu wissen.
„Starfleet Academy“ will lustig und ernst sein – und wirkt dabei sehr konstruiert!
Persönlich halte ich es für unprofessionell über eine Serie zu schreiben, bevor man die erste Staffel ganz gesehen hat. Daher will ich einfach nur ein bisschen schwadronieren und die ersten Eindrücke beschreiben. Natürlich zu den beiden ersten Episoden, aber auch darüber, was Andere so schreiben oder podcasten. Nicht zielführend war, dass Daniel Rabiger und Jens Grossjohann auf scifinews.de der neuen Serie den ultimativen Abschuss verpassten: null von 10 Punkten, aber alles so entsetzt begründet, dass beide vergaßen, konkrete Argumente zur Diskussion zu stellen. Stattdessen: „Wir sind nicht wütend, wir sind nicht empört, wir sind einfach desinteressiert.“ Wöchentliche Reviews gibt es von den beiden nicht.
Ich kann das verstehen, akzeptiere aber die Konsequenzen nicht. Andererseits akzeptiere ich auch nicht, dass jemand allen Ernstes schrieb, dass man Star Trek nie (!) wirklich verstanden habe, wenn man „Academy“ nicht frenetisch feiert. Hilft uns das? Nein.
Kurze Einführung in den Inhalt
„Academy“ ist ein Spin-Off von „Star Trek: Discovery“ und spielt im 32. Jahrhundert. Zur Erinnerung: Im „großen Brand“ explodierte auf allen Schiffen der Föderation das Dilithium (ausgelöst durch den Schrei eines Kelpianers, was aus meiner Sicht der denkbar dämlichste Plot Twist in der jüngeren Star Trek-Geschichte war). Millionen kamen um, Starfleet war Geschichte. Nun aber, auch dank des Auftauchens der „Discovery“, die 800 Jahre in die Zukunft sprang, und dank der unverwüstlichen Captain Burnham, will die alte Föderation ihre Sternenflotte wieder neu erschaffen. Dazu braucht man geschultes Personal, das auf der „Starfleet Academy“ in San Francisco ausgebildet werden soll. Die Serie erzählt, welchen Herausforderungen sich die Kadetten stellen müssen.
Nun zum Konzept der Macher.
Etwas Triviales zu Beginn: 1. Mit Serien will man Geld verdienen. 2. Das ist nichts Böses. 3. Zielgruppen anzusprechen, ist auch nichts Böses.
Die Showrunner Alex Kurtzman und Noga Landau hatten Punkt 3 ins Auge gefasst. Mit einer Serie, in der junge Leute im Mittelpunkt stehen. Um damit die junge Leute zu gewinnen, die bislang nur wenig Interesse an Star Trek hatten. Die älteren Fans, geprägt durch die Rick Berman-Ära, durften über die Schulter gucken. Spannend wird das Ganze, wenn nicht junge Autoren die Drehbücher schreiben, sondern ältere, die glauben zu wissen wie jüngere schreiben würden.
Gaia Violo, die die vielsagende erste Episode „Kids These Days“ verfasste (Regie: Alex Kurtzman höchstpersönlich), hatte offenbar die Idee, sich zielgruppenspezifisch anzubiedern. Die jungen Kadetten sprechen sich im 32. Jahrhundert mit „Hey, Bro!“ an, und dann, wenn sie nicht gut drauf sind, mit „Bitch“. Dies ist so plump, dass es mir auf der Stelle den Spaß verdorben hat. Wie naiv muss man sein, um etwas zu machen, was die Kids hassen: nämlich, wenn alte Säck*innen ihre Sprache klauen, um hip rüberzukommen. Nö, Sister, das war nix. Alles zu konstruiert.
Abgesehen davon dürfte sich die Sprache 800 Jahre nach „Discovery“ so extrem verändert haben, dass man einen Universal-Übersetzer braucht, um die Menschen (!) zu verstehen. Einfach mal ein Buch aus dem Jahr 1826 aus der Bibliothek besorgen und kurz reinschauen.
Keine Manieren! Aber ein Genie mit Führungsstärke
Da ich eher stockkonservativ bin und auf gute Erziehung Wert lege, war ich auch skeptisch, als sich die Hauptfigur Caleb als ungezogener Lümmel entpuppte. Die Backstory ist o.k.: Calebs Mutter musste nach dem Brand ums Überleben kämpfen und ließ sich auf einen Kriminellen (Paul Giamatti als Nus Braka) ein, der Lebensmittel klaute. Dabei tötete er einen Mitarbeiter der Föderation, musste lebenslang ins Lager, während Calebs Mutter von ihrem Sohn getrennt wurde. Wofür auch die Starfleet-Kanzlerin Nahla Ake verantwortlich ist. Glaubt sie jedenfalls. Der Sohn floh aber, bevor er in ein idyllisches Erziehungs-Camp der Föderation überstellt werden konnte.
Nahla Ake (Holly Hunter spielt das hervorragend) verzweifelte danach an ihrer Entscheidung, verließ die Föderation und wollte Mutter und Sohn wieder zusammenbringen. Caleb schlug sich inzwischen als Kleinkrimineller herum, bis ihn Nahla findet und dazu nötigt, auf die Akademie zu gehen. Dafür verspricht sie, Calebs Mutter zu suchen. Nahla Ake hat inzwischen ihren alten Posten übernommen und will Caleb beweisen, dass die Warnung von Calebs Mutter („Trau nicht der Sternenflotte“) schlichtweg falsch ist.
Klar, dass Calebs Motivation eher gedämpft ist. Aber ziemlich unhöflich und aggressiv mit seiner Mentorin zu sprechen, sich lümmelhaft irgendwohin zu fläzen und als James Dean für Arme zu agieren, entspricht wohl der klischeehaften Vorstellung der Macher von fast erwachsenen Jugendlichen: Ghetto-Slang und keine Manieren. Ey Alder, Captain Picard hätte den Lümmel auf der nächsten Raumstation abgesetzt!
Gleichzeitig ist Caleb aber auch ein Superheld. Als das Ausbildungsraumschiff USS Athena von dem Schurken Nus Braka (der ist offenbar aus dem Hochsicherheitstrakt entkommen) in der ersten Episode überfallen wird, rettet Caleb auch dank seiner genialen Künste als Hacker das Schiff. Und in der zweiten Episode „Beta Test“ gelingt es ihm sogar, die Betazoiden davon zu überzeugen, dass die der Föderation beitreten sollten. Was zuvor keinem hochdekorierten Diplomaten gelang.
Ansonsten ist Caleb, der seine Kindheit und Jugend auf der Straße und in Gefängnissen verbrachte, gelangweilt, wenn er dem Unterricht folgen soll. Quantenphysik? Kennt er in- und auswendig. Raumschiffe? Er hackt sie alle. Wo hat er das bloß gelernt? Auf der Straße? Im Knast?
Gut, das ist vielleicht etwas pingelig. Aber mich hat diese krampfige Zielgruppenorientierung genervt. Die Handlungslöcher aber auch.
Abstruser Humor: der Holodoc als Clown
Wenn man schon die Augenbrauen hochziehen muss, dann sollte eine neue Star Trek-Serie wenigsten witzig sein. Aber bitte auf intelligente Weise. Gut, ich bin die falsche Zielgruppe, aber musste man sich eine hysterisch lustige junge Kadettin (Kerrice Brooks als holografische SAM) ausdenken? Im Vergleich dazu war Tilly Wiseman als Sylvia Tilly geradezu genialisch in Sachen schrägem Humor.
Sorry, das ist längst nicht alles. Denn natürlich hatten Kurtzman & Co. die kaum überraschende Idee, einige beliebte Star Trek-Veteranen in der Serie zu platzieren. In Fall von Jett Reno als Tig Notaro ist das geglückt – die Figur ist absolut resistent, wenn es um schlechtes Storytelling geht.
Den 73-jährigen Robert Picard als Holodoc wiedersehen zu dürfen, hatte mich ebenfalls mit Vorfreude erfüllt. Doch was machte man aus der Figur, die ebenfalls 800 Jahre in die Zukunft reiste? Eine billige Witzfigur, die erklären muss, warum sie so alt aussieht (peinlich) und die ansonsten Opernarien singt und sich wie ein Clown benimmt. Leute, was habt ihr aus einer der interessantesten Figuren der Voyager-Crew gemacht?
Ansonsten kann man „Starfleet Academy“ nebenbei wegkonsumieren. Die Settings sind klasse, die Effekte wie gehabt über jeden Verdacht erhaben und einige Nebenfiguren sind durchaus vielversprechend. Vermutlich bekommen sie in den nächsten Episoden Solo-Geschichten, damit man sich an sie gewöhnen kann. Trotzdem muss „Starfleet Academy“ eine Schippe drauflegen, um auch die nicht zielgruppen-affinen Zuschauer bei der Stange zu halten. Auch wenn wir alt sind, wollen wir gutes Star Trek sehen!
Scheint aber nicht zu klappen, denn auf Rotten Tomatoes waren 85% der Kritiker begeistert, aber nur 35% der Zuschauer. "Ekelhaft für die Fans von Star Trek und beleidigend für jeden über 12 Jahren. Dies ist möglicherweise die schlechteste TV-Show, die ich je gesehen habe, und ich bin immerhin fast 55 Jahre alt", schrieb ein Alt-Fan.
Ich werde mir trotzdem alles anschauen. Ich bin seit über 60 Jahren Fan und würde ohne Star Trek eingehen wie eine Primel an der Sonne. Und ich werde versuchen, beim nächsten Mal nichts zu schreiben, bevor ich nicht alles gesehen habe. Versprochen!
Postskriptum: noch ein Hinweis für die deutschsprachige Synchronisation. Caleb sagt zu Nahla: "Sie haben ein Versprechen gemacht."
Versprechen werden gegeben, Zusagen gemacht. So viel Zeit muss sein beim Korrekturlesen.
Pressespiegel
- „Star Trek: Starfleet Academy setzt die nahezu makellose Erfolgsbilanz bisheriger Kurtzman-Produktionen fort und präsentiert sich mit einem fantastischen Ensemble und tadellosen Schauwerten … Starfleet Academy gelingt es nicht, einen qualitativen Sprung über den bekannten Rahmen von Discovery, Picard oder Strange New Worlds hinaus zu machen. Die Grundzüge der äußeren Handlung wirken fragil“ (Christopher Kurtz auf Trekzone.de).
- „Starfleet Academy geht dorthin, wo noch nie eine Star-Trek-Serie gewesen ist. Und das ist großartig“ (Peter Osteried auf golem.de).
- „Vom Ton her erwartet die Zuschauer in „Starfleet Academy“ in etwa das, was man nach den vorherigen Serien der Ära Kurtzman gewohnt ist: In die Abenteuer wird eine dem Ernst der Lage nicht immer angemessene Menge Humor gemischt, die Figuren sind sehr modern gehalten und für Altfans von „Star Trek“ gibt es eine nahezu unüberschaubare Menge an Easter Eggs, Referenzen zur umfangreichen Geschichte des Franchises … Altfans, die schon mit „Star Trek: Strange New Worlds“ zuletzt Probleme hatten, sollten diese „Star Trek“-Serie vielleicht einfach auslassen“ (Bernd Krannich auf fernsehserien.de).
- Nach einem Screening gab es ein Interview mit den Showrunnern.
Did you get any surprises from the audience watching the screening and how the crowd reacted?
Alex Kurtzman: The surprise was that everybody laughed at every joke we put in. [laughs]
Noga Landau: They actually thought we were funny, which was great!