Zumindest hinsichtlich der Quoten bleibt die Serie ein Buch voller Rätsel. Während eine bekannte Website die völlige Vernichtung der 3. Staffel um den Nachwuchsagenten Peter Sutherland protokollierte, weil sich 40% der Zuschauer*innen abgewendet hatten, sah die Bilanz einer anderen Plattform anders aus: „The Knight Agent“ sei in 54 Ländern die unangefochtene Nr. 1. Dies, so argumentierte die Gegenseite, sei nur möglich, weil aktuell alle anderen Serien so schlecht seien, dass sie mit der NETFLIX-Serie nicht mithalten könnten.
Aha, also „Fallout“, „A Knight of the Seven Kingdoms“, „Pluribus“, „Wonder Man“ sind nicht konkurrenzfähig. Eine steile These, die den Rezensent nicht teilen kann. Obwohl Showrunner Shawn Ryan das Rad nicht neu erfindet und die Fans der Genres deswegen auch nicht enttäuscht, gibt es in den Agententhriller einige Plot Twists, die man selten oder noch nie zu sehen bekam. Anders formuliert: „The Knight Agent“ legt die Messlatte für extreme Spannung einen Meter höher auf.
Verschwörer sind überall
Wir erinnern uns: Peter Sutherland (Gabriel Basso) saß in Staffel 1 in einem Kellerloch des Weißen Hauses, um Anrufe von Agenten des Night Agent-Programms anzunehmen und weiterzuleiten. Etwas naiv und ohne berufsgerechte Ausbildung ist er einige Episoden später ein Night Agent auf Probe in einer sehr, sehr geheimen Geheimorganisation. Sutherland rettet am Ende die US-Präsidentin vor einem Attentat und ist danach endgültig ein Night Agent.
Staffel 2 und 3 gehören zusammen. Zwar gibt es in der Story über ein tödliches Kampfgas (Staffel 2) neue Schurken, aber staffelübergreifend ist der gefährlichste Gegner Jakob Monroe, der ‚Broker‘ (dts. Händler), der Informationen kauft und verkauft und jederzeit in der Lage ist, die mächtigsten Männer und Frauen zu erpressen oder zu manipulieren. Um seine entführte Freundin Rose (Luciane Buchanan) zu retten, begeht Peter Geheimnisverrat, um vom Broker (Louis Herthum) den Aufenthaltsort von Rose zu erfahren. Am Ende entgeht Peter nur deshalb der lebenslangen Inhaftierung, weil er bereit ist, als Doppelagent den Behörden Monroe auszuliefern.
Und das Ende? Um das Leben von Rose nicht länger zu gefährden, trennen sich beide einvernehmlich. Monroe verschafft dem Präsidentschaftskandidaten Richard Hagen (Ward Horton) das erforderliche Material, um Hagens Konkurrenten zu desavouieren.
Der Main Plot der 3. Staffel dreht sich zunächst um einen terroristischen Anschlag. Ein Flugzeug wird abgeschossen, über 150 Menschen kommen ums Lebens und Raul Zapata, ein mexikanische Drogenbaron und Chef der Terrororganisation LFS, ist die Nr. 1 auf der Liste der Verdächtigen. Doch bald stellt sich heraus, dass die LFS massive Geldsummen erhalten hat. Wurde die Terrororganisation von mächtigen Akteuren in den USA unterstützt?
Action ja, aber der Cast ist noch wichtiger
Also wieder ein Verschwörungsplot, der die politische und wirtschaftliche Elite des Landes verdächtig macht. Neu ist das nicht. Welche Rolle der Broker dabei spielt, muss nun Peter Sutherland herausfinden. In der 3. Staffel helfen ihm dabei Schlüsselfiguren aus des alten Cast. So auch Chelsea Arrington (Fola Evans-Akingbola), die nun als Personenschützerin im Weißen Haus für die Sicherheit des neuen Präsidenten und seiner Frau Jenny Hagen (Jennifer Morrison) verantwortlich ist. Als die First Lady von einem Mann bedrängt wird auf den Alarmknopf drückt, erschießt Chelsea den Angreifer. Es ist der Chefkoch der Hagens. Als Chelsea herausfindet, dass Jenny Hagen sich acht Minuten lang mit ihrem Koch unterhalten hat, spürt Chelsea, dass etwas vertuscht werden soll. Sie wird dadurch zu einer Bedrohung für die Strippenzieher im Hintergrund. Und deren Spur führt ins Oval Office.
Neu ist Genesis Rodriguez als Isabel de Leon, eine Investigativ-Journalistin, die auf Fakten stößt, die auf eine gewaltige Geldwäsche hinweisen. Und die verdächtige Bank schreckt nicht davor zurück, Killer auf jene anzusetzen, die ihre Machenschaften aufdecken könnten. Spannend wird es, als sich herausstellt, dass der Broker Isabels Vater ist. Und der hat seine eigene Agenda: er will den Tod von Isabels Mutter rächen und Raul Zapata beseitigen.
Fola Evans-Akingbola und Genesis Rodriguez spielen ihre Figuren mit so viel Emphase, dass der eigentliche Held der Serie fast in Hintergrund rückt. Aber Gabriel Basso gelingt es, den Spagat zwischen einem moralisch integren Mann und einem Thrillerhelden, der mittlerweile mit Pistole und Fäusten umzugehen versteht, glaubhaft zu bewältigen. Ambivalent und unberechenbar macht ihn das nicht, aber es ist solide genug für eine Figur, die nicht bereit ist, die Grenzen ihres Tuns zu überschreiten.
Spannender sind da schon eher die Schurken. Herausragend ist Stephen Moyer als „The Father“, ein beinahe penetrant akribischer Killer, der von einem Ort zum Ort zum anderen reist und sich liebevoll um seinen hochintelligenten Sohn kümmert, wenn er nicht gerade Menschen erschießt, erschlägt oder vergiftet.
Der 12-jährige Kinderdarsteller Callum Vinson spielt seinen wissensdurstigen Sohn so gut, dass er für diese Performance einen Emmy Award verdient hätte. Genauso wie Stephen Moyer. Die Szene, in der er Peter Sutherland mit einer Wahrheitsdroge ausquetschen will, spielt Moyer so empathisch, dass man beinahe Sympathie für den Killer entwickelt.
Nicht ganz auf diesem Level agiert Davis Lyons als Adam Corrigan, der Peter als Partner unterstützen soll, sich dann aber auf die Seite eines alten Freundes schlägt und für ihn schmutziges Jobs erledigt. Der Buddy aus gemeinsamen Militärzeiten ist ausgerechnet der US-Präsident.
„I made a promise to protect people” (Peter Sutherland)
Das klappt fast immer, ist aber aufwendig. Kein Wunder: Die zehnteilige Serie ist deutlich actionreicher als die vorangegangenen Staffeln und bietet neben erwartbaren Plot Points auch Überraschungen, etwa wenn Peter Sutherland ohne Stuntman in der Fahrerkabine eines in einem Fluss untergehenden Trucks mit einem Killer kämpft. Das wird natürlich in unterschiedlichen Takes gedreht, aber man sieht zwei Männer, denen buchstäblich die Luft ausgeht, während die Türen der Kabine geschlossen sind. Zuschauer, die Angst vor dem Ertrinken haben (Aquaphobie), sollten diese Szene besser überspringen.
Nicht originell sind die Flashbacks in der Pre-Titel-Sequence, zumindest nicht formal. Aber Shawn Ryan platziert mit diesen Geschichten aus der Vergangenheit wichtige Informationen, die die ziemlich komplexe, aber nicht überladenene Handlung mit jeder Episode etwas durchsichtiger machen. Das ergibt einen weiteren Punkt für gutes Storytelling.
Die größte Überraschung wartet auf den Zuschauer in der letzten Episode. (Fast) alle Schurken kommen davon. Der Broker muss sein Business erzwungenermaßen und für immer aufgeben. Auch „The Father“ gibt seinen Job auf, nicht ohne zuvor die Person zu liquidieren, die für die Geldwäsche und die illegale Wahlkampffinanzierung von Richard Hagen verantwortlich war. Auch Adam Corrigan trifft eine unerwartete Entscheidung. Sein Buddy, der US-Präsident, muss zurücktreten, hat zuvor etliche Morde in Auftrag gegeben, nutzt aber nonchalant die Autorität seines Amtes, um sich selbst und seine Frau zu begnadigen. Vielleicht folgt die Abrechnung in einer vierten Staffel, aber auch ohne eine Fortsetzung ist das Finale von „The Night Agent“ sarkastisch genug, um als Zuschauer mehr als dezent schockiert zu sein.
Fazit: Wer ausdrücklich keine Agententhriller mag, sich aber trotzdem „The Night Agent“ ansieht und am Ende nicht Nägel kauend vor dem Fernseher sitzt, der hat ein mentales Problem J
Story/Drehbuch = 2,5 – Storytelling = 1,5 - Cast = 1, Action = 2 - Score (Robert Duncan, “The Equalizer”) = 1,5
Note: BigDoc = 1,5
The Night Agent, Season 3 – USA 2026 – Streaming: NETFLIX – Showrunner: Shawn Ryan – Musik: Robert Duncan – D.: Callum Vinson, Gabriel Basso, Louis Herthum, Fola Evans-Akingbola, Genesis Rodriguez, Ward Horton, Jennifer Morrison, Stephen Moyer, Davis Lyons.