Dass es ein Spin-Off geben würde, war bereits vor der letzten Staffel von „The Handmaid’s Tale“ klar. Margaret Atwood hatte bereits 2019 mit „The Testaments“ (Die Zeuginnen) eine Fortsetzung des dystopischen Romans „The Handmaid’s Tale“ geschrieben und dabei sogar Elemente der gleichnamigen Hulu-Serie (2017-2025) eingearbeitet. Crossmedia sozusagen.
Das Spin-off übernimmt viele Figuren aus Atwoods Roman, ist aber keine Literaturverfilmung, die sich eng an die Vorlage hält. „The Testaments“ ist also kein Rückblick auf die theokratische Diktatur Gileads, bei der Dokumente von Zeuginnen historisch ausgewertet werden, sondern erzählt aus der Perspektive der Gegenwart und einigen Flashback davon, wie die jugendlichen Töchter der Gilead-Elite auf die Ehe mit Kommandanten vorbereitet werden, die meist einige Jahrzehnte älter sind als ihre zukünftigen Gattinnen. Die Los Angeles Times beschrieb dies zutreffend: “The Testaments gives us an apocryphal version of the Epstein files.“
New Adult-Serie für eine neue Zielgruppe
Apokryph bedeutet sinngemäß, dass die sexuellen Bedürfnisse der männlichen Elite in Gilead nicht durch Bibeltexte begründet werden können. Es bedeutet aber auch, dass das Spin-off wie auch die Mutterserie die Realität meinen, in der wir leben.
„Aus gegenwärtiger Sicht muss man sagen: Margaret Atwoods Roman „The Handmaid’s Tale" hat heute jeden Anschein des Radikalen verloren. Niemand kann heute ernsthaft daran zweifeln, dass religiöse Extremisten zu radikalen Veränderungen der Gesellschaft bereit sind, egal auf welche Heilige Schrift sie sich berufen“, schrieb der evangelische Theologe Thorsten Dietz 2025.
Und das gilt mittlerweile nicht nur für die USA.
Im Großen und Ganzen gelingt es dem Spin-off, diese Bigotterie sichtbar zu machen. Trotzdem: Je länger man Bruce Millers Erzählkonzept analysiert, desto lauter wird die Frage „Wozu das alles?“ Hatte man in „The Handmaid’s Tale“, einem Meilenstein der Serienkunst dieses Jahrhunderts, nicht gesehen, mit welchen Mitteln eine frauenverachtende Theokratie fruchtbare Frauen zu Gebärmaschinen, andere zu Sexsklavinnen oder unterjochten Hausmägden machte? Hatte man nicht gesehen, dass mehr als Hälfte der vermeintlich altbiblischen Herrscherkaste nichts mit der Bibel am Hut hatte, sondern einfach nur junge Frauen in elitären Bordellen ficken wollte?
Man hatte.
Aber darum ging es nicht. Es ging aus ökonomischen Grunde darum, der erfolgreichen Mutterserie ein Spin-off folgen zu lassen. Das ist legitim. Und es ging darum, dabei ein jüngeres Publikum anzusprechen, das „The Handmaid’s Tale“ nicht unbedingt gesehen haben musste. So entstand eine Young Adult-Serie für Post-Teenies, sozusagen Gilead light.
Funktioniert dieses Genres, wenn von einer mörderischen Gesellschaft erzählt wird, die sich auf alttestamentarische Gebote bezieht? Kann man so etwas mit einer „Coming of Age“-Geschichte erzählen, in der es genregerecht um das Erwachsenwerden mitsamt Identitätssuche, Selbstfindung, romantischer Gefühle, aber auch um Mobbing, Missgunst und Angst geht?
Offen gestanden: Ich hatte Probleme damit. Kann es gelingen, eine brisante Thematik auf die Erwartungen und Bedürfnisse einer jungen Zielgruppe herunterzubrechen, ohne das Thema zu verwässern? Oder kann man alles so erzählen, dass die Wahrnehmung der Zielgruppe kritischer und damit auch selbstbewusster wird?
Margaret Atwoods Antwort war unmissverständlich: „Wenn viele junge Menschen fasziniert vom Buch oder der neuen Serie "The Testaments" sind, werden sie sich entsprechend Gedanken über die deutlich spürbaren Gilead-Tendenzen vor allem in den gegenwärtigen USA machen.“
Eric Leimann ging auf Prisma sogar einen Schritt weiter: „Dass die Serie unter dem Deckmantel einer scheinbar typischen amerikanischen Jugend rund um Prom-Getuschel, dem Sweet Guy vom Sicherheitsdienst und verbotenen Partydrogen stattfindet, in Wahrheit aber von Faschismus und Erniedrigung von Frauen erzählt, macht "The Testaments" wohl zum trojanischen Pferd der diesjährigen Serienunterhaltung.“
Showrunner Bruce Miller muss die Divergenz geahnt haben, denn in „Precious Flowers“, der ersten Episode, zeigt Miller eine Szene mit beinahe pflichtschuldiger Grausamkeit. Wohl um klarzumachen, dass man sich in dieser New Adult-Serie besser nicht wohlfühlen sollte. Die jungen Frauen aus den mächtigen Kommandanten-Familien werden zusammengerufen, um sich anzuschauen, wie einem Mann (ausgerechnet ein „Wächter“) mit einer Kreissäge der Arm abgesägt wird. Der Mann hatte sich offenbar zu lange die jungen Frauen der Elite angeschaut und sich dabei sexuell stimuliert. Nun sehen die jungen Mädchen vor Begeisterung kreischend der Bestrafung zu. Die Sozialisation hat Früchte getragen.
Bleibt trotzdem die Frage, ob man ein Spin-off braucht. „The Handmaid’s Tale“ hatte in epischer Ausführlichkeit die Verwandlung großer Teile der USA in einen totalitären Gottesstaat beschrieben. Aber am Ende der Mutterserie schien es so zu sein, dass Gilead nach dem Fall von Boston dem Untergang geweiht ist. Die Widerstandsheldin June Osborne (Elisabeth Moss) muss nun nur noch nach ihrer entführten Tochter Hannah suchen. Alles erzählt? Nein. Aber persönlich hätte ich das Spin-off trotzdem nicht gebraucht. Aber das bedeutet nicht, dass „The Testaments“ ein überflüssiger serieller Wiederkäuer ist.
Neue Erzählelemente
Das Spin-Off zeigt uns ein Gilead, dass sich vier Jahre nach den finalen Ereignissen der Mutterserie offenbar erholt hat. „The Testaments“ zeigt in gelungenen Flashbacks drastische Episoden der Vorgeschichte, von denen die jugendlichen Hauptfiguren des Spin-Offs nichts wissen können. Im Gegensatz zu den Handmaid's in der Mutterserie. Es war daher notwendig, ein neues Worldbuilding zu entwickeln.
Showrunner Bruce Miller löste das Problem, indem er die Schlüsselfiguren von Margaret Atwoods Roman „The Testaments“ übernahm: Agnes aka Junes Tochter Hannah; Daisy, eine Undercover-Agentin der Widerstandsbewegung Mayday, und die aus „The Handmaid’s Tale“ bekannte „Tante“ Lydia.
Erzählerisch orientiert sich Miller aber nicht mehr an der realistischen Brutalität der Mutterserie. „The Testaments“ folgt vielmehr der „Stepford Wives-Ästhetik“, die auf dem gleichnamigen Roman (1972) des Science-Fiction-Autors Ira Levin basiert. Alles sieht in der Welt der Hausfrauen chic, modern und elegant aus, der heimliche Horror liegt in der totalen Auslöschung der weiblichen Identität. Und die Männer in Stepford tun heimlich alles, um die Kontrolle über die Frauen zu behalten. Auch wenn es notwendig ist, sie zu töten und durch Androiden zu ersetzen. Im Spin-off müssen sich die herrschenden Männer dagegen nicht verstecken.
Der Mittelpunkt in „The Testaments“ ist Junes Tochter Hannah (tolle Performance: Chase Infiniti), die Agnes MacKenzie heißt und sich in einer von Tante Lydia geleiteten Schule auf ihr zukünftiges Eheleben vorbereiten soll. Dort lernt sie Daisy (Lucy Halliday) kennen, einen Teenager, der aus Kanada gekommen ist und sich als Konvertitin der Glaubenslehre von Gilead unterwerfen will. „Perlenmädchen“ nennt man diese Anwärterinnen. Und Daisy ist die Einzige, die kotzen muss, als der Arm der „Wächters“ vom Körper getrennt wird. Alle anderen Mädchen interessieren sich nicht für die Moral des Strafwesens in Gilead, sondern nur dafür, dass sie nicht einen unwichtigen Ehemann bekommen. Dazu gehören Becka (Mattea Conforti), die Tochter eines beliebten Zahnarztes, die Intrigantin Shunammite (Rowan Blanchard) und die naive und systemgläubige Hulda (Isolde Ardies).
Typisch ist erneut die Farbsymbolik im Gottesstaat. Die jungen Töchter der Herrscherkaste tragen zunächst lilafarbene Kleider. Nach ihrer ersten Periode wird ihre Heiratsfähigkeit mit der Farbe Grün für alle sichtbar, bevor sie am Ende das Blau der Ehefrauen tragen dürfen. Hier geht es um Rollensymbolik und um die sichtbare Verfügbarkeit als gebärfähige Frau, was unter den Kandidatinnen Neid und Missgunst auslöst.
Die Töchter der Elite werden in Tante Lydias ‚Schule für höhere Töchter‘ auf ihre Zukunft vorbereitet. Sie lernen Hauswirtschaft und die strenge Führung ihrer „Marthas“, aber auch, wie man perfekt Tee serviert und Blumen auf ästhetische Weise arrangiert. Die Forderung nach unbedingtem Gehorsam und vollständige Unterwerfung unter ihren zukünftigen Mann ist dabei das wichtigste Gebot. Dass Frauen nicht lesen dürfen, aber das Lesen auch nicht können dürfen, macht aus ihnen bildungsentkernte Analphabetinnen. Von Agnes erfährt man im Off, dass für die Zöglinge der Tanten sogar ein Kalender verboten ist – man orientiert sich halt an den Jahreszeiten.
Perspektivwechsel im Off
Zu den Stärken des Spin-offs gehören (wieder einmal) die Off-Kommentare, in denen Agnes, Daisy und „Tante“ Lydia (Ann Dowd) der Handlung mit ihren subjektive Perspektiven ein dissonanten Tonfall geben. Und das ist gut für die Figurenentwicklung. So ist Agnes als Off-Erzählerin ein gutes Beispiel für die erfolgreiche Indoktrination der Mädchen, aber dank ihrer Empathie und einer zögerlichen Kritikfähigkeit ist sie kein hoffnungsloser Fall. Dass man widerspenstigen jungen Frauen die Zunge herausschneidet, begeistert Agnes nicht, aber entschlossener Widerstand sieht (zunächst) anders aus.
Dramaturgisch ist stattdessen Daisy die kämpferische Figur in der Serie und die eigentliche Hauptfigur – auch im Off. Daisy wurde in Kanada von June Osborn (Elisabeth Moss) rekrutiert, um sich als Mayday-Agentin undercover in die Elite Gileads einzuschleichen. Motiviert genug ist sie, denn ihre Eltern wurden in Kanada von Gilead-Agenten getötet.
Zu Wort kommen in den Off-Kommentaren aber nicht nur Agnes und Daisy, sondern auch Tante Lydia. Das gelingt besonders dann, wenn sie mit Flashbacks kombiniert werden. So sieht Lydia Clements zu Beginn der Revolte, wie der Rektor ihrer Schule von Gilead-Soldaten erschossen wird. In Episode 6 „Stadium“ wird sie zusammen mit hunderten anderer Frauen in einem großen Stadion zusammengetrieben. Sie begreift nach den ersten Massenerschießungen sehr schnell, was dort passiert. Die Frauen sind Walking Dead.
Gilead entledigt sich nämlich per Kopfschuss allen Frauen, die nicht den neuen Normen entsprechen. Es sind alle Frauen, die ohne Ehepartner schwanger sind, und jene, die bereits abgetrieben haben. Vergehen, die auch rückwirkend mit dem Tod bestraft werden. Für Lydia geht es ums nackte Überleben. Sie biedert sich bei dem verantwortlichen Kommandanten Michael Judd (Charlie Carrick) an und ist sogar bereit, ihre Kollegin Vivian Vidala (Mabel Li) zu erschießen. Allerdings ist keine Patrone im Lauf und Vidala wird später zu den Tanten in Lydias Team gehören – eine rigorose Hardlinerin, die alles für ihre Karriere tut.
Die historischen Bezüge dieser Episode werden Young Adults nicht immer verstehen. Man sollte es daher beim Namen nennen: Das Stadion ist ein Abbild der Vernichtungslager der deutschen Nazis. Alles, was die Frauen beim Einlass abgeben, landet wie in den KZs gut sortiert in Kisten und Kartons. Beklemmend in „Stadium“ sind aber nicht nur die Massenerschießungen, sondern auch der für die Durchführung verantwortliche Kommandant Michael Judd (Charlie Garrick). Die Figur wird nicht als blutrünstiger Psychopath skizziert. Judd ist höflich, beinahe sympathisch, und er hört aufmerksam zu, was die spätere „Tante“ ihm anzubieten hat. Lydia will die Frauen im neuen Gottesstaat nach biblischen Geboten umerziehen. Judd stimmt zu, verlangt aber von der Lehrerin ihre Kollegin Vivian Vidala eigenhändig zu exekutieren. Dies ist kein Zynismus, sondern die Forderung nach einem Glaubensbekenntnis. Lydia ist bereit, aber im Lauf ist keine Patrone.
Allerdings erfährt ihre Biografie durch diesen Flashback einen Bruch. In „The Handmaid’s Tale“ wurde sie als tiefgläubige Erzieherin eingeführt, eine Frau, die vor keiner Brutalität zurückschreckt und nur peu à peu lernt, dass das System moralisch korrupt ist. Im Spin-off ist sie von Beginn an eine Frau des Widerstands, die sich aber dem Terror unterwirft, um zu überleben und Protokolle verfasst, damit der Schrecken Gileads dokumentiert werden kann und zum Sturz des Terrorregimes führt. Erzähltechnisch ist der Eingriff in die Backstory der Figur grenzwertig.
„Stadium“ ist trotzdem die eindrucksvollste Episode von „The Testaments“. Die Monster erkennen natürlich nicht ihre Monstrosität, denn sie führen lediglich Gottes Willen aus. Lydia durchschaut das Ganze bereits früh: „Vor Misogynisten muss man keine Angst haben. Vor Männern, die die Frauen und ihre Macht kennen, habe ich Angst.“
Nicht alles ist nachvollziehbar
Young-Adult-Bücher und Serien haben abgesteckte Themen, die Teenager interessieren sollen. Das bedeutet nicht, dass sie trivial sind. Ihre Geschichten können sich auch in einer Dystopie wie „Die Tribute von Panem“ ereignen.
Die Hulu-Serie greift die typischen Themen des Genres natürlich auf: Freundschaft, erste Liebe, Romantik. Das wird keineswegs spannungsarm erzählt, sondern folgt den Kernplots einer „Coming of Age“-Geschichte. Es gibt in der Gruppe der Eheanwärterinnen vertrauenswürdige Mädchen, die ihre Geheimnisse miteinander teilen und den kleinen Finger als Versprechen des Vertrauens einhaken, aber auch solche, die mobben und boshaft sind. Dass bei fast allen die Angst ihr ständiger Begleiter ist, wird dezent erzählt, hinterlässt aber dauerhafte Spuren. Erst recht, als eine Mayday-Einheit in Episode 3 „Daisy“ einen Bus attackiert, in dem Tante Lydias „Mädchen“ sitzen.
Typisch für das Genre sind auch die romantischen Gefühle von Agnes, die von den MacKenzies aufgezogen wurde. Man erfährt, dass Garth (Brad Alexander), der „Wächter“ ihrer Eltern, ebenfalls undercover in Gilead arbeitet – er ist ein Mayday-Agent und auf dem Sprung, zum Kommandanten befördert zu werden. Agnes, die nichts davon ahnt, verliebt sich in jungen Mann und ist sich zum ersten Mal sicher, dass sich Liebe genauso anfühlen muss und nicht anders. Und dies ausgerechnet nach dem Geständnis ihrer Freundin Becka Grove, die ihr erklärt, dass sie Agnes liebt. Und das ist nicht nur freundschaftlich gemeint. Sie küssen sich, aber dieser Teil ihrer Beziehung verschwindet leider aus der Story. Stattdessen verschiebt sich der Fokus auf Beckas Vater (Randal Edwards), der nicht nur Agnes während der Behandlung narkotisiert und sexuell missbraucht hat. Dies wird zum Schwerpunkt des letzten drei Episoden werden.
In diesem Potpourri typischer Elemente einer Young Adult-Serie und ihrer emotionalen Verstrickungen muss man genau hinschauen, um weiteren Handlungslöchern und losen Fäden auf die Spur zu kommen. Warum die Handmaid’s fast vollständig aus der Handlung verschwunden sind, bleibt ebenfalls unklar. Erzähllogisch ist das nicht überzeugend. An sich müssten Tante Lydias „Mädchen“ lernen, wie man eine rituelle Vergewaltigung inszeniert. Aber die Schulung durch die Tanten ist mittlerweile klinisch rein. Ihre Zöglinge erfahren nicht das Geringste über Sex, sodass sich in „Broken“ (Episode 8) Becka angeekelt von Daisy abwendet, als diese ihr die Anatomie des Geschlechtsakts erklärt. Das sei gräßlich und eine Lüge, erklärt Becka wütend und knallt die Tür zu. Eine Szene, die mehr aufdeckt als lange Dialoge.
Auch in Sachen Spannungsdramaturgie stolpert die Serie gelegentlich. In Episode 4 „Green Tea“ und Episode 5 „Ball“ wird die „Vermittlung“ der heiratsfähigen jungen Frauen als ritualisierte Abfolge von Qualitätsproben inszeniert, in der die Kandidatinnen zunächst den Frauen der Kommandanten ihr Können beweisen müssen, ehe sie auf einem pompösen Ball verschachert werden. Hier büßt die Handlung ihren Drive ein.
Misslungen sind die Episoden aber nicht. Denn es wird klar, dass die völlige Unterwerfung der Frau und Sex mit ahnungslosen Mädchen für die alten Anführer Gileads identisch sind. Eiseskälte macht sich breit, auch weil einige Mädchen intuitiv ahnen, dass sie an ältere Kommandanten verhökert werden. Sexuelle Privilegien, die die Mädchen nicht einmal verstehen.
Dass mit June Osborn die Hauptfigur der Mutterserie einen Gastauftritt am Anfang und am Ende der Serie bekommt, ist nicht nur Fanservice. Der Krieg gegen Gilead ist noch nicht zu Ende und June ist mitten drin. Erst recht, als ihr Protegé Daisy herausbekommt, dass Gilead offenbar in großem Stil Waffen aus Japan importieren will. Trotzdem sind die Kurzauftritte von Elisabeth Moss etwas zu kurz, aber keineswegs entbehrlich.
Rebellion auf Sparflamme
Dass „The Testaments“ den Fokus verlieren würde, wenn es nicht auf die eine oder andere Weise zur Rebellion kommt, ist keine originelle Erkenntnis. Anderseits traut man den perfekt sozialisierten Mädchen viel zu, aber nicht einen Aufstand. Auch Daisy, die immer mehr von Mayday abwendet, würde dies nicht gelingen.
In „Broken“ wird die Rebellion immerhin angedeutet. Denn Hulda gesteht Tante Vidala, dass auch sie von Dr. Grove sexuell belästigt wurde. Sie wurde von Agnes nachdrücklich dazu ermuntert. Vidala blockt die Anschuldigung ab, während Hulda die Schuld auf sich nimmt: Sie habe Beckas Vater verführt – und das allein durch ihre bloße Anwesenheit.
In einem weiteren Gespräch mit Vidala verrät Agnes ihre Freundin, gesteht aber Lydia, dass sie selbst auch ein Opfer des Zahnarztes gewesen ist. Das ist das Todesurteil für den Arzt. Erst recht, als Daisy einen sexuellen Übergriff inszeniert. Das reicht. Grove soll nach der Hochzeit seiner Tochter hingerichtet werden, aber Becka nimmt die Sache selbst in die Hand und ersticht in einem Tötungsrausch ihren Vater (Episode 9 „Marat Sade“) in der Badewanne – eine Anspielung auf die Ermordung des französischen Arztes Jean Paul Marat, der während der Französischen Revolution für etliche Massaker verantwortlich gemacht wurde. Gemeint ist aber Peter Weiss‘ Theaterstück „Marat/Sade“, in dem der Porno-Schriftsteller Marquis Alphonse de Sade als Regisseur die Insassen eines Irrenhauses die Ermordung Marats durch eine Frau (!) spielen ließ und so die französische Revolutionsgeschichte und ihren Terror auf die Bühne brachte.
So erhält auch der Name der letzten Episode eine sarkastische Bedeutung. „Secateurs“ heißt Gartenschere. Und dieses Gerät wird Becka, die von den „Augen“ in einen Kerker geschleift wird, auf eine Weise retten, die nicht weniger grausam ist als ihr Gemetzel in der Badewanne.
Das Pacing der Serie nimmt in den letzten Episoden enorm zu, auch die Gewalt. Aber Bruce Miller, der in „Secateurs“ auch Regie führte, zeigt, dass in Gilead die Unterwerfung der Frau und die Sexualität einer vermeintlich bibelkonformen Ritualisierung unterworfen sind. Und dazu gehört nicht, dass Zahnärzte ihre Patientinnen betatschen.
Die Obszönität dieses Systems wird in zwei kurzen Szenen gezeigt. Zunächst gestattet Commander Weston (Reed Diamond), Agnes' zukünftiger Ehemann, der geschundenen Becka für einige Tage zu ihrer Familie zurückzukehren. Danach beendet er die Beziehung zu Agnes, die als Opfer eines übergriffigen Mannes nun verdorbene Ware ist. Es sind die kleinen, beiläufigen Szene, die in „The Testaments“ oft mehr erklären die Anwendung brutaler Gewalt.
Auch wenn „The Testaments“ aus einer neuen Perspektive die Mechanismen des theokratischen Gottesstaats beleuchtet, erfährt man im Kern nichts Neues. Ignorieren sollte man den Impact des Spin-offs für eine neue Zielgruppe aber nicht. Die Young Adults erfahren ohne Kenntnis der Mutterserie faktisch zu wenig.
Trotzdem hätte alles einigermaßen befriedigend ausgehen können, wenn man in der letzten Einstellung nicht Shunammite, Agnes und Daisy sehen würde, die in einer Slomo auf die Kamera zumarschieren, als würden sie zum letzten Showdown antreten.
Himmel, das sieht aus wie der letzte Gang der Gunmen in Sam Peckinpahs „The Wild Bunch.“ Und dann hört man Daisy im Off, was sie June in einem Brief zu sagen hatte: “I’m going to destroy Gilead with what it values most. I’m staying in the fight, and I’m gonna create my own army. Because nothing can be more powerful than a teenage girl.”
Wow! Die Young Adults werden begeistert sein. Ich war es nicht. Stilistisch trivialisiert diese Kameraeinstellung die vorangegangenen Ereignisse. Für Bruce Miller war es ein Moment, der zeigt, dass die drei Mädchen aufgewacht sind.
Fazit
- „The Testaments“ hat etwas zu sagen. Nicht nur, weil sich Misogynie in den USA wie ein Flächenbrand ausbreitet. Das Spin-off ist auch eine Studie über die Ideologisierung von Jugendlichen, die nicht weniger ist als eine grausame Gehirnwäsche. Bruce Millers Serie ist aus diesen Gründen sehenswert. Aber wenn man ehrlich ist, sieht man nichts Neues. Zumindest nichts, was man nicht auch in „The Handmaid’s Tale“ sehen konnte. Es sei denn, man möchte etwas mehr über die Gilead-Elite erfahren. Gut: June Osborn erfährt von Daisy, was für eine Persönlichkeit ihre Tochter geworden ist. Und Agnes erfährt, dass sie die Tochter einer „kriminellen Terroristin" ist. Auf Agnes wartet noch viel Aufarbeitung.
- Die finale Einstellung erklärte Bruce Miller in einem Interview mit Collider: „For me, what that does is show you that the first season has reached its point. It was an awakening. They have awakened. Here they are, wide awake, walking down the hall. They’re not looking around. They’re direct. They’re good. They know where they’re going. So, if the first season is about awakening, the second season is about identity.“
- Ästhetisch kann man der Serie nichts vorwerfen. Die Kameraarbeit von Greta Zozula („Light from Light“) und Marc Laliberté („Shogun“) ist herausragend, besonders dann, wenn sie sezierend aus der Vogelperspektive auf die Protagonisten herabschaut. Die harmonische Farbdramaturgie, die edelen Settings und die gepflegten Gärten zeigen ein Gilead, dass seine Grausamkeit nicht auf den ersten Blick erkennen lässt. Stichwort „Stepford Wives-Ästhetik“.
- Der minimalistische Score von Adam Taylor ist wie in „The Handmaid’s Tale“ in emotionaler Hinsicht ein Volltreffer. Miller drängt dem Zuschauer keine Gefühle auf, die Filmmusik begleitet die Figuren auf dezente Weise. Irgendwo zwischen Traurigkeit und Melancholie.
- Abzüge gibt es für die Abmischung der deutschen Synchronfassung. Kurz gesagt; Musik zu laut, Dialoge zu leise. Empfohlen wird daher die Originalfassung, bzw. die Nutzung von Untertiteln.
The Testaments – USA 2026 – Streaming: Hulu, Disney+ (in Deutschland) – Showrunner: Bruce Miller – 10 Episoden – Regie: Mike Barker u.a. – D.: Chase Infiniti, Lucy Halliday, Ann Dowd, Mabel Li, Brett Alexander, Isolde Ardies, Rowan Blanchard, Mattea Conforti, Elisabeth Moss, Margaret Atwood (Gastauftritt als Gefängniswärterin)
Note: 2,5
Postskriptum:
- Definiert man das Produkt zielgruppenbezogen, so es handelt sich bei „The Testaments“ um eine New Adult-Serie. Der Begriff Young Adult kann, anders als es einige Kritiker beschrieben, nicht verwendet werden, da die Protagonisten in diesem Format in der Regel 12-18 Jahre alt sind. Und trotz aller Entschärfungen - und damit ganz im Gegensatz zur gewaltaffinen Mutterserie-, ist auch die neue Serie für 12-Jährige garantiert nicht geeignet.
Was haben die Frauen eigentlich den Männern getan?
Unabhängig von den feministischen Aspekten der Bibel-Exegese ist die Unterdrückung der Frau historisch betrachtet das Ergebnis patriarchalischer Gesellschaften, in denen es um Macht geht. Man muss Frauen also nicht hassen, um als Mann die Frauen als potentielle Feinde zu definieren. Man tut es aber doch. Misogynie ist die unvermeidbare Strategie einer autoritären Gesellschaft, auch solcher, die die Schwelle zur Diktatur noch nicht überschritten haben.
Der Kampf gegen die Misogynie ist in den letzten zwei Jahrhunderten immer schwieriger geworden. So überrascht es nicht, dass feministische Filmkritikerinnen „The Testaments“ feierten. Aus zweifelhaften Gründen.
„Indem sie einander ihr wahres Ich zeigen, geben sich die Mädchen gegenseitig den Mut, es auch zu leben. Mehr noch: Sie treiben einander dazu an, sich gegen das politische System aufzulehnen, das ihrer Persönlichkeitsentfaltung, ihrer Meinungsfreiheit und der Verwirklichung ihrer Träume im Weg steht“, schrieb Anna Rinderspacher in Vogue Germany.
Davon war aber in weiten Strecken von „The Testaments“ nichts zu sehen. Wie sollen sich solche Social Scills in einer Gesellschaft entwickelt, die perfekt jeder Form von Freundschaft, Zusammenhalt und gegenseitigem Vertrauen restlos auslöscht? Was im Spin-off auch zu sehen ist.
Hier war für die Autorin wohl die Hoffnung die Mutter des Gedankens. Zudem verschweigt Rinderspacher konsequent, welche Rolle Daisy tatsächlich spielt, aber auch, dass nicht die Mädchen, sondern Mayday für den Widerstand sorgt. Das kommt dabei heraus, wenn eine Rezension eine gute Botschaft verbreiten möchte, aber die Handlungszusammenfassung so zurechtbiegt, dass sie zur Botschaft passt.
Ein Blick auf die Welt jenseits einer dystopischen Fiktion wäre da hilfreich. Zum Beispiel auf die Incels, unfreiwillig zölibatär lebende Männer, die das unbedingte Recht auf Sex einfordern. In den Incel-Netzwerken gibt es verschiedene Gruppen, aber die gefährlichsten Incel-Ideologen träumen davon, dass sie Sex erzwingen können und nach Belieben die Frauen auch anschließend foltern und töten dürfen.
Verengt man den Fokus und fragt sich, wie man Frauen am besten unterdrückt, dann schaffen religiöse Traditionen diese erforderliche Legitimierung, und was noch wichtiger ist: sie sorgen für unzweifelhafte Autorität. Ultrakonservative Männer und totalitäre Gottesstaaten bedienen sich dabei dem überlieferten Schriftgut. Dies entstand fast ausnahmslos in patriarchalischer Gesellschaften – und dort ist es ein Gebot Gottes, die Frauen zu reglementieren.
Die Männer in Gilead folgen diesem Gebot mit kanonischer Härte. Sie deuten die Bibeltexte über Sara und ihre Sklavin Hagar um, picken sich aus Paulus‘ Brief an die Galater das Passende heraus („Das Weib schweige in der Gemeinde“) und entziehen sich so der Verantwortung für ihr Tun. Denn sie haben die Regeln nicht erschaffen, sondern sie exekutieren Gottes Wille - mit gnadenloser Brutalität. So gemaßregelt, hört die Frau auf, ein Gegenstand ethischer Debatten zu sein.
Schiebt man die politischen und religiösen Aspekte beiseite, muss man Frauenfeindlichkeit auch psychopathologisch betrachten. Hier erscheinen zwei Faktoren: die Angst vor der Frau (Gynophobie) und die Angst vor dem Verlust der Macht. Diese Kausalität gipfelt darin, dass man stattdessen die Frau pathologisiert und ihr die Schuld für die Misere des Mannes gibt.
Gesellschaften, die so handeln, verfallen allerdings mehr oder weniger schnell der Bigotterie. Ihr wichtigster Auslöser ist die weibliche Sexualität, der sich auch religiöse Eiferer nicht entziehen können. Im Gegenteil: In extremster Form definiert ein totalitärer Gottesstaat zwar den Akt als „schmutzig“. Für die Elite einer derartigen Gesellschaft ist die Unterdrückung der Frauen aber erst dann erreicht, wenn man die Macht hat, diese Zuordnung zu umgehen und seine eigene Sexualität ungehemmt ausleben zu können. Schuld sind natürlich die Frauen.
Diese Bigotterie ist in „The Handmaid’s Tale“ von Anfang an präsent. Die Serie zeigt den ehelichen Akt als ekelige Notwendigkeit, in der die Frau bedeckt ist und nur ein Loch in einem Bettlaken den Vollzug des Koitus erlaubt. Gleichzeitig gehen die Kommandanten regelmäßig in Jezebels, Bordelle, in denen Frauen als Huren arbeiten müssen. Häufig genug solche, die zuvor in einer liberalen Gesellschaft zur Bildungselite gehörten, aber auch ehemalige Handmaid‘s. Man schlägt also zwei Fliegen mit einer Klappe: man erniedrigt die gefährlichsten Antagonisten des Mannes und kann sich sexuell frei von Geboten ausleben. Dass die Huren in Gilead auf allen Vieren zur ihren Gebietern kriechen müssen (Staffel 6 der Mutterserie) ist daher noch bedeutsamer für den Mann als der nachfolgende Sex.
Diese analytische Präzision besaß „The Handmaid’s Tale“. „The Testaments“ konnte da nicht ganz mithalten. Aber trotz aller Angriffspunkte sollte man die Bedeutung der Serie nicht kleinreden. Ihre Relevanz erhält sie dank einer Welt, die sich Gilead (noch) nicht annähert, in einigen Regionen aber bereits mehr als den ersten Schritt getan hat.
“The spirit of the piece is exactly right”, schrieb Lacy Baugher über das Spin-off auf Robert Ewert.com. Sie hat recht.