Warum man acht Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende des deutschen Faschismus vermeintlich vergessene Horrorfiguren des Nationalsozialismus im Kino wieder ans Tageslicht befördert, ist eine No-Go-Frage. Man stellt sie besser nicht, denn die deutsche Erinnerungskultur gehört zur Staatsräson. Doch das Schweigen wäre ein Fehler.
Dafür, dass man Filme wie „Das Verschwinden des Josef Mengele“ braucht, gibt es zwei Gründe: Man muss Geschichte immer wieder erklären und es gibt einen statistisch nachweisbaren außerordentlich hohen Bedarf nach historischer Aufarbeitung. Die Zielgruppe für diese Aspekte entdeckt man dort, wo man sie eher nicht erwartet. Jedenfalls dann, wenn man sich Vorteilen hingegeben hat. Doch die können schnell ausgeräumt werden.
(Der Film ist aktuell im Streaming von Magenta TV zu sehen).
Ausgerechnet die Jungen!
2023 wurde im Rahmen des „MEMO“-Projekts des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld eine Studie veröffentlicht, in der zuvor 16- bis 25-Jährige gefragt wurden, welche Bedeutung die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus hat und wie in Zukunft historisch-politische Bildungsangebote aussehen sollten.
Das Ergebnis: Das Geschichtsinteresse und -bewusstsein junger Menschen in Deutschland ist groß, wobei nicht nur der Nationalsozialismus, sondern auch die beiden Weltkriege sowie Themen der Nachkriegsgeschichte genannt wurden. Und bitte schön alles im schulischen Kontext, denn jenseits der Schulmauern befriedigen die Befragten ihre Neugier nur ungern.
Wer dies nicht erwartet hatte, musste seine Vorurteile über die Jüngeren umgehend entsorgen, denn statistisch übertraf die Zielgruppe die Bedürfnisse der Allgemeinbevölkerung um Längen. Zur Kehrseite der Medaille gehört allerdings, dass die Befragten bestenfalls Basiswissen über die deutsche Geschichte des 20. Jh. mitbrachten. Und noch eine Kröte muss geschluckt werden: Lesen wollen die Wenigsten. On the top stehen das Internet (z.B. ein Channel wie „MrWissen2go“, den ich nachdrücklich empfehlen kann) sowie Dokumentar- und Spielfilme. Es gibt also einiges zu tun.
Psychopathologie im Exil
Ob der Spielfilm „Das Verschwinden des Josef Mengele“ des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikow den Wissensdurst der Kids und jungen Erwachsenen befriedigen kann, ist schwer zu beantworten. Denn abgesehen von wenigen Szenen erzählt Serebrennikow jenen Teil der Nachkriegsgeschichte, der nach der Flucht des „Todesengel von Auschwitz“ geschah. Mengele hielt sich nach Kriegsende noch bis 1948 in Deutschland auf, ehe er sich entschloss, über die berüchtigte „Rattenlinie“ nach Argentinien zu fliehen. Berüchtigt, weil hochrangige Vertreter der Katholischen Kirche daran beteiligt waren, Nazis dem Zugriff der Alliierten Kräfte zu entziehen.
August Diehl spielt den SS-Arzt als paranoides und cholerisches Monster, dessen Auftreten im Exil bereits psychopathologische Züge besitzt. Für die Darstellung eines Mannes, der weiterhin wie ein „Herrenmensch“ auftrat, erhielt Diehl zu Recht den Deutschen Filmpreis.
Wirtschaftlich hatte Mengele nichts zu befürchten. Er erhielt größere Geldsummen von seiner Familie und besaß die Chuzpe, 1956 sogar in das schwäbische Günzburg zu reisen, um seine Familie aufzusuchen und die Hochzeit mit seiner verwitweten Schwäger Martha vorzubereiten. Offenbar stand Mengele nicht auf der Liste der meistgesuchten Kriegsverbrecher. Dies geschah erst 1973.
Schrecklich und scheinbar der Gegenwart zeitlich entrückt sind die Szenen, in denen Mengele viele Gleichgesinnte in Argentinien trifft. Männer, die die Wiedergeburt des „Großdeutschen Reichs“ in nur wenigen Jahren erwarten und halluzinierend ihre Heldentaten feiern, während das Personal die mit einem Hakenkreuz versehenen Riesentorten in den Saal schleppt.
Auch Mengeles Besuch bei seiner Familie zeigt die hartnäckige Selbstbeweihräucherung einer grausamen Ideologie, in der die schweigenden und mit gesenktem Kopf agierenden Dienstmädchen auch den Klassencharakter der Nazi-Kultur widerspiegeln. Burghart Klaußner spielt als Mengeles Vater den unerbittlichen Faschisten mit einer Selbstgewissheit, die einem den Magen umdreht. Tatsächlich fand eine konsequente juristische Auseinandersetzung mit Nazis und Kriegsverbrechern erst Anfang der 1960er-Jahre statt.
Ein Leben im Niedergang
Allein diese historischen Details sind es wert, gesehen zu werden. Serebrennikow zeigt sie nicht linear, sondern wechselt rasch die Zeitebenen, verknüpft Kausalitäten, die sonst unsichtbar geblieben wären. Dem überwiegend in Schwarz-Weiß gedrehten Film gelingt es, auch ästhetisch die zerreißende Eindimensionalität in Mengeles Leben zu zeigen. Der weist jeden in seiner Umgebung zurecht, verbietet seiner Frau das Rauchen und Schmatzgeräusche beim Essen und macht aus seiner Verachtung für die Bevölkerung seiner jeweiligen Gastländer keinen Hehl („Halbaffen“).
Nur einmal zeigt Kirill Serebrennikows (Drehbuch für „Der Staat gegen Fritz Bauer“, 2015) in seinem Film, der auf dem gleichnamigen und gut recherchierten Roman von Oliver Guez basiert, vielfältige Farben. Ausgerechnet im KZ Auschwitz, wo ein kleines Orchester aus kleinwüchsigen Musikern die „Neuen“ freundlich empfängt. Ein gut gelaunter Mengele steht am Bahnsteig, sieht zu, wie die Leichen aus den Waggons getragen werden, dann selektiert er jene, die sofort in die Gaskammer müssen. Ein Zwillingspaar wird der Mutter entrissen und dies deutet an, was den „Teufel von Auschwitz“ medizinisch faszinierte: Zwillinge, Kleinwüchsige und sonstiges „Menschenmaterial“, das er obskuren Tests und Operationen unterzog. Natürlich alles in Namen der Wissenschaft. Nachdem er zwei Kleinwüchsige erschießen lässt, diskutiert er aufgeräumt, wie man das Fleisch der Toten vom Skelett trennt, das er einem medizinische Institut in Berlin schicken will.
Nachdem Serebrennikow diese Szene verlässt, wird der Rest endgültig vom Niedergang bestimmt. Mengele flieht erst nach Paraguay, dann nach Brasilien. Das peronistische Argentinien war nicht mehr sicher, die Entführung Adolf Eichmanns durch den Mossad wird zum Menetekel des Herrenmenschen, der immer tiefer in seiner Paranoia versinkt.
Auch der Besuch seines Sohnes Rolf (Max Bretschneider) kann das aus seiner Sicht zu Unrecht leidende Monster nicht mehr zur Einsicht zwingen. Rolfs Frage „Was hast du getan?“, wird nicht beantwortet. In seinem Kosmos ist Mengele der leidenschaftliche Mediziner, der Großes für die Menschheit hätte leisten können – wenn man ihn gelassen hätte. Es ist das Jahr 1977, zwei Jahre später wird Mengele im Meer ertrinken, weil er in einer Vision zwei KZ-Insassen sieht, die schießend auf ihn zu rennen.
Serebrennikow zeigt Mengeles Sohn als ethisch motivierten Vertreter einer Nachkriegszeit, die nach Antworten suchte. Dramaturgisch ist das erforderlich. Im Film wird aber nicht erwähnt, dass Mengeles Sohn vom Verlagshaus Burda eine Million DM für den Nachlass seines Vaters erhalten haben soll. Die gleiche Summe soll einer karitativen Organisation in Jerusalem gezahlt worden sein.
Ob „Das Verschwinden des Josef Mengele“ zu den Filmen gehört, die den erwähnten 16- bis 25-Jährigen weiterhelfen können? Der Rezensent kann diese Frage nicht beantworten. Die Grausamkeiten des „Todesengel von Auschwitz“ werden nur kurz skizziert. Vielleicht zu kurz. Mehr hätte aber erneut die Diskussion entfacht, ob man das Grauen der Vernichtungslager realistisch darstellen darf.
Klar ist etwas anderes: Die Geschichte des Nachkriegsdeutschland müsste als Akt des Verdrängens im schulischen Kontext ebenfalls aufgearbeitet werden. Denn viele ehemalige Parteigenossen blieben in Adenauers junger Republik in hohen Ämtern. Strukturell endete das Dritte Reich erst Anfang der 1960er-Jahre. Gut, das ist gewagt. Trotzdem: Auch in Kenntnis dieser Aspekte wird man Kirill Serebrennikows Film nicht so schnell vergessen können.
Kritiken:
- „Immer wieder nimmt Serebrennikow die Perspektive des Täters ein, auch erzählerisch. (…) Das Verschwinden des Josef Mengele ist ein perfider Film, eine Zumutung für den Zuschauer – und eine Zumutung für seine Figur“ (Anke Leweke in: DIE ZEIT, 22.10.2025).
- „Man mag dem Film keinen allzu hohen Erkenntnisgewinn bescheinigen, aber als Film über das Fortleben faschistischer Ideologie und Strukturen in der Nachkriegszeit funktioniert er“ (Rudolf Worschech in epd-Film, 26.9.2025).
- „Darin liegt die verstörende Qualität von Serebrennikovs Film, der gleichermaßen auf das Ungenügende und das Versagen jenes Entnazifizierungsprozesses verweist wie auf das anhaltende Wirken der Gewalt des 20. Jahrhunderts, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen“ (Jannick Nolting in artechock).
Note: BigDoc = 2
Das Verschwinden des Josef Mengele – Deutschland 2025 – Regie und Drehbuch: Kirill Serebrennikow - Länge: 135 Minuten – FSK: ab 12 Jahren – August Diehl, Burghart Klaußner, Max Bretschneider u.a.