Serienkiller und Massenmörder faszinieren. Dies zu erklären, ist nicht einfach. Aber wenn Serien wie „Dahmer – Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer“ (2022) für Netflix ein Volltreffer wurden, dann zeigt dies, dass die Zuschauer gerne den Thrill des Bösen suchen. Jedenfalls solange sie nicht selbst in Gefahr geraten. Voyeurismus findet man halt nicht nur dort, wo Passanten ihre Handys zücken, wenn sie Zeugen eines Unfalls werden.
Über den Unabomber John „Ted“ Kaczynski gab es bereits eine komplette Staffel in der Netflix-Serie „Manhunt“ (2017). Nun hat der dänische Regisseur Janus Metz Pedersen dessen Geschichte erneut für Netflix noch einmal aufgerollt. In „Unabomber“ geht es weniger um den Terroristen, sondern um den jungen Ted Kaczynski, der in die Fänge eines skrupellosen Psychologen gerät. Dies ist ein riskanter Ansatz, suggeriert der Film doch, dass Kaczynski nicht nur Täter, sondern auch ein Opfer ist.
Ein psycho-pathologischer Grenzgänger
Ted Kaczynski hatte es nicht eilig. Zwischen 1978 und 1995 verschickte er 16 Paketbomben an Menschen, die er dem industriell-technologischen System zuordnete. Drei Menschen wurden getötet, 23 verletzt. Zu den Toten gehörte auch ein Computerladenbesitzer. Zwischendurch legte er Pausen ein, etwa zwischen 1987 und 1993. Das machte die Jagd des FBI nach einem als Eremit im Wald lebenden Revolutionär zur einer der teuersten FBI-Fahndungen des vergangenen Jahrhunderts. Gefasst wurde er, weil brillante Texte schreiben konnte.
Angetrieben wurde Kaczynski von einer Mischung aus Kapitalismus-Kritik und einem extremen Freiheitsbegriff, der die vollständige Abkehr von einer durch den industriellen Komplex geformten Gesellschaft als einzige Alternative betrachtete. Kaczynski gehörte damit zu den Neo-Ludditen, deren extremste Vertreter eine Rückkehr zur Steinzeit fordern. Die Paketbomben waren für Kaczynski unvermeidlich.
In Pedersens Narrativ laufen zwei Zeitstränge fließend ineinander. Erzählt wird von den letzten Wochen kurz vor Kaczynskis Verhaftung und den Jahren, die der spätere Unabomber in Harvard verbrachte. 1958 erhielt er als 16-Jähriger (IQ: 165) ein Stipendium in der Elite-Universität, wo er mit mäßigem Erfolg Mathematik studierte. Erst als er zur Universität of Michigan wechselte, hatte er Erfolg. Er promovierte, galt als Genie und bekam 1967 in Berkeley eine Assistenzprofessur an der Universität von Kalifornien. Zwei Jahre später verschwand er im Wald.
Von Kaczynskis späteren akademischen Erfolgen ist in „Unabomber“ nichts zu sehen. Im Mittelpunkt der Rückblenden stehen die Jahre in Harvard. Pedersen skizziert seine Hauptfigur als post-pubertären jungen Mann, der sich eher für Philosophie interessiert als für Zahlen. Der 20-jährige Jacob Tremblay spielt den nach Selbstfindung und Identität Suchenden überzeugend als Figur, die psycho-pathologisch ein Grenzgänger war. Kaczynski hat es mit deutlich älteren Kommilitonen zu tun. Soziale Kontakte fallen ihm schwer. Zudem zeigt er Anzeichen einer schizoiden Persönlichkeitsstörung. Als ihn eine Studentin nach einer Party küsst, beschreibt er dies als Berührung „mit offenem Mund“ und sinniert darüber, ob er im richtigen Körper steckt.
Ein zweites Monster im Raum
Für seinen Professor Henry Murray (Russell Crowe) scheint der rhetorisch zunächst eher gehemmte Stundent trotzdem oder gerade deswegen der richtige Kandidat für ein Debattier-Experiment zu sein. Die Probanden werden mit einem älteren Kommilitonen konfrontiert und sollen über unterschiedliche Themen diskutieren. Während des Experiments werden der Blutdruck und Puls des Probanden gemessen. Ted Kaczynski lässt sich auf das vermeintlich harmlose Experiment ein.
Russell Crowe spielt den ehrgeizigen Professor väterlich, empathisch und verführerisch. Ein Mann, der aus Herman Melvilles „Moby Dick“ zitiert und eine Atmosphäre absoluten Vertrauens aufbaut. Und damit schafft es Janus Metz Pedersen clever, einen Crime Plot mit einem Vater-Sohn-Drama zu verknüpfen.
Dass Kaczynski nicht in einem netten Debattier-Club gelandet ist, merkt er gleich in der ersten Sitzung. Er wird mit obszönen Beleidigungen seines Gegenübers überhäuft, der für den Zuschauer leicht erkennbar einer Methodik folgt, die von Murray festgelegt wurde. Kaczynski wird von dieser feindseligen Aggressivität förmlich überrollt, kann sich nicht wehren und verlässt verzweifelt den Raum.
Henry Murray ist keine fiktive Figur. Der amerikanische Psychologe (1893-1988) gilt auch heute noch als Pionier der Motivationspsychologie. Allerdings ging Murray 1959 einen Pakt mit dem Teufel ein. Als die CIA herausfinden wollte, warum Soldaten, die im Koreakrieg in der Gefangenschaft landeten, als Kommunisten heimkehrten, hatte man nur eine Erklärung: sie waren gebrochen worden. Dass traumatisierte Soldaten kaum noch als kriegsfreudige Patrioten zu gebrauchen waren, machte sie dies automatisch zu Kommunisten.
Murray entwickelte daher für die Agency ein Experiment, bei dem alle Phasen des Zerbrechens einer Person empirisch ausgewertet werden konnten. Was der Feind konnte, wollte man auch können. Das MKULTRA-Projekt gehörte daher zu den zahlreichen Experimenten, die schon damals als unethisch galten, aber gnadenlos an gutgläubigen Probanden vollzogen wurde. Dazu gehörten auch die berüchtigten Versuche der CIA mit LSD.
Auch Ted Kaczynski sollte gebrochen werden.
Pedersen zeigt in beklemmenden Bildern, wie der junge Student (tatsächlich nahm er drei Jahre an dem Versuch teil) Meter um Meter Strategien des Widerstands entwickelt. Er wird rhetorisch gewiefter, aggressiver, aber auch emotionsloser. Das passt nicht im Murray Plan, Methoden des „Zerbrechens“ zu entwickeln. Dann entdeckt Kaczynski, dass nicht nur sein Vater in spe die Versuche überwacht, sondern auch ein professionelles Team von Wissenschaftlern. Die Probanden werden psychisch seziert. Für Kaczynski ist das Verrat. Lange bevor er selbst ein Monster wird, lernte der junge Mathematiker, dass es Monster gibt, die als solche nie Rechenschaft ablegen müssen.
Ein labiles Genie in einer paranoiden Gesellschaft
„Unabomber“ gelingt es über weite Strecken die Beziehung zwischen einem labilen, aber talentierten jungen Mann, und einem karrieresüchtigen Wissenschaftler in einen Psychothriller zu verwandeln, der unterschwellig an die McCarthy-Ära und die fatale Ideologische Verführung der amerikanischen Gesellschaft erinnert. Sie führte geradewegs in die Paranoia.
Getragen wird das auch politisch zu deutenden Drama von zwei Darstellern, die ihre Sache mehr als gut machen. Besonders Russell Crowe gelingt es, den Zuschauer aufs Eis zu locken. Bis zum Schluss glaubt man, dass Crowes Figur doch irgendwo etwas Menschliches besitzen muss. Vergeblich. Murray will sogar selbst seinen jungen Probanden „zerbrechen“, scheitert aber kläglich, als er Kaczynski suggerieren will, dass er unter Schizophrenie leidet.
Am Ende schickt Ted Kaczynski seinem Professor ein Paket. Das sieht dramaturgisch wie ein Cheap Trick aus, aber Murray wird nicht von der Bombe zerfetzt, sondern findet im Paket das Buch „Moby-Dick“, in dem einige Passagen unterstrichen wurden, die Schlimmes ahnen lassen.
Natürlich wurde spekuliert, ob der spätere Terrorist durch den Psychoterror in Harvard letztendlich doch „gebrochen“ wurde. Das ist aber ethisch zu kurz gesprungen. Keine philosophische und erst recht keine religiöse Vision einer anderen und besseren Zukunft rechtfertigt die Ermordung von vermeintlichen Vertretern des Bösen. Aber Ted Kaczynski schickte trotzdem zwei Studenten eine Bombe ins Haus.
„Unabomber“ gerät als Film unvermeidbar an Grenzen
Die grausame Wahrheit ist, dass es zu allen Zeiten und auch gegenwärtig genug „Visionäre“ gibt, die skrupellos über Leichen gehen. Aus philosophischer Sicht ruderte Kaczynski trotzdem an der Oberfläche: er verknüpfte das verhasste System mit einzelnen Personen. Er hätte sich besser mit professioneller Systemtheorie beschäftigen sollen. So wies nicht nur der deutsche Soziologe Niklas Luhmann darauf hin, dass ökonomische Systeme wie der Kapitalismus, sondern auch andere Gesellschaftsformen, längst nicht mehr von Individuen gesteuert werden. Sie reproduzieren sich aus sich selbst heraus und entwickeln sich völlig ungezielt weiter. Die Selbsterhaltung und Identität eines derartigen Systems bezeichnet man als Autopoiesis. Das ist Altgriechisch und bedeutet „sich selbst erschaffen“.
So kann eine technologische Gesellschaft nur unter größten Anstrengungen minimale Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise ergreifen. Erst recht, wenn große Teile der Bevölkerung die Krise verdrängen. Die ökonomischen Folgen einer radikalen Gegenwehr wären nicht kalkulierbar. Auch Künstliche Intelligenz wurde nicht durch einen demokratischen Mehrheitsbeschluss auf den Weg gebracht. Jemand fing damit an, dann setzten es die Tech-Konzerne fort. Sie taten es, weil sie es konnten.
Derartige Reflexionen kann ein Kinofilm natürlich nicht stemmen. Es ist aber keine Schwäche der Erzählung, wenn man (eigentlich) genötigt ist, sich über die realen Fakten zu informieren. Auch in dieser Hinsicht ist „Unabomber“ ein bemerkenswerter Film.
Und Ted Kaczynski?
Immerhin kann man sein Manifest „Industrial Society And Its Future“ auch heute noch bei Amazon und anderen Buchhandlungen kaufen. Ein Online-Versand macht auf diese Weise Werbung: „Kaczynski (prangert) die verheerenden Auswirkungen moderner Technologie an und berührt dabei Themengebiete, die heute im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, von Gentechnologie und Künstlicher Intelligenz bis hin zu 'Selbstwirksamkeit' und Political Correctness. Das Besondere an der Schrift ist, dass sie in brillanter wissenschaftlicher Stringenz (und mit Quellenangaben und Fußnoten) Analysen trifft, die kaum abzustreiten sind. Die Sprache ist klar, die Schlussfolgerungen sind weitsichtig. Der Text hat eine analytische Schärfe, die nicht hinter Texten von Bertrand Russell, Hannah Arendt oder Sigmund Freud zurücksteht, um einige Beispiele zu nennen. Soziologen und Politikwissenschaftler haben dies anerkannt, selbstverständlich ohne Kaczynskis Terrorismus gutzuheißen.“
Natürlich nicht!
Alles endete damit, dass Kaczynski der New York Times und der Washington Post vorschlug, sein Manifest zu veröffentlichen. Dann würde er mit dem Töten aufhören. In sein Tagebuch schrieb er: „Ich fühlte, dass ich (..) dem größten Teil der menschlichen Rasse überlegen war.“
Sein Bruder entdeckte im Manifest den unverwechselbaren Schreibstil seines Bruders und teilte dies dem FBI mit. Am 6. April 1996 wird Ted Kaczynski verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt. Am 10. Juni 2023 erhängte er sich in seiner Zelle.
Die New York Times verglich den Unabomber mit Jan-Jacques Rousseau und Karl Marx. Ob sie einen Nachruf verfasste, ist mir nicht bekannt.
Noten: BigDoc = 2, Klawer = 2,5
Unabomber – USA 2026 – Streaming: NETFLIX – Laufzeit:100 Minuten – Regie: Janus Metz Pedersen – Buch: Sam Chalsen, Nelson Greaves – D.: Jacob Tremblay, Russell Crowe u.a.