Unmittelbar nach dem Ende der 4. Staffel hätte es den Rezensenten beinahe erwischt: er hatte keine Lust mehr, einen Schmarrn wie in „Once La’An a Time“ zu erklären, in dem es nur darum ging, spektakuläre und effektgeladene Szenen aneinanderzureihen und die Plotidee zu einem lästigen Vehikel zu degradieren.
Aber man soll nicht aufgeben. Bei näherem Hinsehen konnte man feststellen, dass die Autoren im Writer’s Room keine Volldeppen sind. Im Gegenteil. Sie waren clever und skrupellos genug, tatsächlich existierenden Themen der theoretischen Physik auszuweiden, um die Crew der „Enterprise" danach mit absolut irrwitzigen Problemen zu konfrontieren. So musste die Crew in der letzten Episode „Tomorrow’s Enterprise“ harte Hebammenarbeit leisten, um bei der Geburt eines „Weltraum-Babys“ zu helfen. Man kann es sarkastisch auf den Punkt bringen: Der Zuschauer bekam tatsächlich Strange New Worlds zu sehen.
Ep 9: Once La’An a Time
Die vorletzte Episode war eine Neuauflage von „The Elysian Kingdom“ (S1E8). Dort verwandelte sich die Realität zumindest auf der „Enterprise" in eine simulierte Realität. Sie spiegelte den Inhalt eines Buches wider, aus dem Schiffsarzt M’Benga seiner todkranken Tochter Rukiyar regelmäßig vorlas. Die neue Realität, in der die Crew in mittelalterlichen Klamotten herumlief und billige Witze machte, wurde am Ende als Eingriff eines Boltzmann-Gehirns erklärt. Diese mysteriöse Entität integrierte Rukiya am Ende in ihre komplizierte Seinsform. M’Bengas Tochter würde nun weiterleben, der Vater blieb allein zurück. Ein grässliches Ende, das leider das Dramatische unter den Teppich kehrte. Wenn in SNW gelacht werden soll, ist kein Platz für Trauer.
Laut Physik ist vieles möglich
Das Boltzmann-Gehirn ist keine Erfindung. Die Autoren Akela Cooper & Onitra Johnson bedienten sich in „The Elysian Kingdom“ bei einem Gedankenexperiment, das der Physiker Ludwig Boltzmann Anfang des 20. Jahrhundert hypothetisch in die Statistische Physik eingeführt hatte. Es ging darum, einen Aspekt der Thermodynamik zu beleuchten: die Entropie.
Das Boltzmann-Gehirn ist allerdings auch Teil einer Debatte, ohne die es Filme wie „Matrix“ nicht gegeben hätte. Könnte es sein, dass alles um uns herum nur eine Simulation ist? Ja, das beschäftigt viele Physiker, aber wichtig ist Folgendes: der Unterschied zwischen virtueller Realität und einer Simulation der Realität.
Trägt man eine VC-Brille oder amüsiert sich auf dem Holodeck, dann kann man zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. In einer Simulation der Realität ist das nicht ohne Weiteres möglich. Das galt auch für die Crew in „The Elysian Kingdom“. Sie konnten sich am Ende an nichts erinnern.
Aus Sicht der Physik ist so ein Szenario keineswegs unmöglich. Etwas tröstet allerdings: die Definition der simulierten Realität bedarf einer Prämisse, nämlich einer Realität an sich. Das ist logisch, würde ein Vulkanier sagen. Ich schließe mich dem an.
Und das Boltzmann-Gehirn? Lieber Leser, wenn Sie sich fragen, was das mit Star Trek zu tun hat, haben Sie bitte Geduld. Also: unter Entropie versteht man in der Thermodynamik die maximale Unordnung. Ordnung entsteht durch Strukturen. Nehmen Sie bitte ein Wasserglas und geben Sie einen Tropfen Tinte hinzu. Es bilden sich nette Formen, aber irgendwann verteilen sich die Moleküle so gleichmäßig, dass man keine Formen mehr sehen kann: das ist die maximale Unordnung im Prozess der Entropie. Gut, einige werden das als „aufgeräumt“ und „ordentlich“ bezeichnen, aber sorry: Sie liegen falsch.
Dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik ist unser Kosmos unterworfen. Derartige Prozesse sind übrigens irreversibel. Und nun kommt Boltzmann. Der fragte sich, was passiert, wenn erstens die Zeit endlos ist und zweitens das Universum als statisch bezeichnet werden kann. Wenn das Universum die maximale Entropie erreicht, dann sei es denkbar, dass in einer endlosen Zeit trotzdem alles Mögliche entstehen kann. Auch ein Boltzmann-Universum, in dem ein denkendes Gehirn entsteht.
Außerhalb dieses Gehirns ist allerdings alles eine Illusion. Möglicherweise auch das Universum. Spannend. Ein Erfolg war „The Elysian Kingdom“ trotzdem nicht. Und ein Autor, der alles erklärt hätte, wäre auf der Stelle gefeuert worden.
Im Prinzip hatte das Gedankenexperiment etwas im Sinn, was an dieser Stelle nicht näher beschrieben werden soll. Es war eine sich selbst widerlegende Hypothese, aus der sich fundamentale Rückschlüsse für die Richtigkeit der Thermodynamik ergaben.
Und Star Trek? Die Autoren verwursteten Boltzmanns Hypothese und erfanden ein Boltzmann-Gehirn, das die Fähigkeit besitzt, eine simulierte Realität zu erschaffen. Und in dieser Realität erkennt niemand die Illusion. So weit, so gut.
Leider fliegt das Gehirn durch unser Universum und rettet kleine Kinder. Das ist eine Trivialisierung der Boltzmann-Hypothese, allerdings kein für Star Trek typisches Techno-Bubble, was die erfahrene Elysian-Autorin Onitra Johnson für „Once La’An a Time“ ins Skript schrieben. Immerhin. Aber ganz ehrlich: In einer Zeit, in der ein Film wie "War Machine" das Maß aller Dinge ist, interessiert sich kein Sau für Ludwig Boltzmann.
Trotzdem: man erkennt, dass sich der Writer’s Room darum bemühte, wenigstens ein paar Querverbindungen zur realen Physik herzustellen. Seht her, wir sind nicht doof, all das kann passieren. Schön, aber das macht eine Story nicht besser.
Effektgeilheit ohne Handlung
Das Thema von „Once La’An a Time“ wurde bereits im Vorfeld von den Machern erklärt. Die Episode sollte endlich den Struggle beenden, mit dem die Sicherheitschefin La’An mittlerweile die gesamte Crew abnervte. Gewinnt die Augment-DNA in ihr am Ende doch die Überhand? Wird sie zu einer skrupellosen Nachfolgerin des globalen Massenmörders Khan Noonien-Singh? Klar, wenn man einem Dinosaurier einen Kinnhaken verpasst, ohne sich die Hand zu brechen, dann kommt man schnell ins Grübeln.
Das kann man ja nun wirklich und naheliegend als Charakterdrama erzählen. Vielleicht muss man es sogar. Aber Die Showrunner und ihre Autorin machten daraus eine schreckliche Kostümkomödie. Nur so konnte man der adressierten Gruppe der Young Adults zwei Episoden am Stück ersparen, die typisches Star Trek waren. Auf etwas Ernsthaftes musste zwingend etwas Albernes folgen! Auch in den folgenden Staffeln wurde diese Regel kanonisch verfolgt.
In „Once La’An a Time“ entdeckt die „Enterprise" einen im All schwebenden Diskus, den sie unter Angabe fadenscheiniger Motive untersuchen will. Und schon ist das Landungsteam mittendrin in einem „Elysium Kingdom“, in dem die Alter Egos der Crew in einem ziemlich ruppigen und gewalttätigen Königreich leben, in dem La’An eine Prinzessin und Uhura die brutale Königin Neve ist. Alles geschieht, so M’Benga, um La’An von ihren Ängsten zu befreien. Aber bitte kein Drama!
Den Humor zwingt der Plot der Zielgruppe mit einem einfachen Stilmittel auf: dem Rollentausch. So landen die Alter Egos von Pike (dem „Feigling“ in „Elysium Kingdom“) und Spock, der erneut der schwarze Magier ist, auf der „Enterprise". Und das führt zu flachen Witzen, bei denen nur äußerst bedürfnisarme Zuschauer passend bedient werden.
Ansonsten verliert sich die Handlung mit einem hektischen Tempo in Fragmenten, die keine konsistente Handlung ergeben, aber einen Trekkie verzweifeln lassen. Das Kirk-Alter Ego ist eigentlich ein Werwolf und Königin Neve verwandelt sich in einen riesigen Drachen, der unverzüglich die „Enterprise" angreift. Toll, wie überraschend! Und dann wieder eine Raumschlacht der besonderen Art!
Und La’An? Die liefert sich einen Schwertkampf mit ihrem Alter Ego. Als beide die Waffen senken, ist La’An von ihren Ängsten befreit. Warum denn? Hat der melodramatische Dialog der beiden ein Wunder bewirkt?
„Once La’An a Time“ ist trotz Boltzmann ein weiterer Tiefpunkt der Serie. Ihrem Staffelnamen wird die Episode gerecht, dann strange ist in dieser New World wirklich alles. Ansonsten ist es schwer, diese Episode am Stück zu sehen.
Note: = 4,75
Noten: Story/Plot/Drehbuch = 6, Kamera / Bildmontage = 4, Darsteller = 3, Score / Soundtrack = o. A., Kohärenz/Logik = 6.
Ep 9: Tomorrow’s Enterprise
Die letzte Folge war etwas seriöser. Das lag auch am Spannungsfaktor, denn das Leben eines Crewmitglieds stand auf dem Spiel. Es handelte sich um „Scotty“, den genialen Bordingenieur. Natürlich weiß jeder, der schon vor einem halben Jahrhundert Star Trek konsumierte, dass der beliebte Scotty in TOS zu den Hauptrollen gehört. In „Tomorrow’s Enterprise“ geschieht allerdings das Undenkbare – Scotty stirbt tatsächlich, als ein Shuttle explodiert. Die Frage lautete daher: Wie wird er ins Leben zurückgeholt? Richtig geraten: Das gelingt nur durch Time Travels.
Alles beginnt damit, dass die „Enterprise" ein „Weißes Loch“ untersuchen soll. Mitten in einer Turbulenz hört Uhura plötzlich Musik und dann einen verzweifelten Hilferuf von Scotty. Uhura spürt, dass da jemand mit Musik kommunizieren will (perfekte Aufgabe für Uhura) und dass der Hilferuf eine Nachricht aus der Zukunft ist.
Offenbar untersucht die „alte“ „Enterprise" das Weiße Loch, während die „Enterprise" aus der Zukunft ein Jahr später die Rückseite untersucht – und die ist ein Schwarzes Loch. Es kommt zu einer Explosion, in der Scotty ums Leben kommt, sein Hilferuf aber in der Vergangenheit ankommt.
Uhura ist nicht zu stoppen – auch nicht durch Zeitlinien
Bei dem Versuch Uhuras, das Fürchterliche ungeschehen zu machen, entsteht ein Kontakt zu der Uhura aus der Zukunft. Beide Frauen versuchen, die Katastrophe rückgängig zu machen und landen dabei sogar in falschen Zeitlinien. Anders formuliert: sie tauschen ungewollt ihre Rollen. Chaos ist vorprogrammiert. Und das führt zu einigen gelungenen Szenen, besonders dann, wenn die Crew feststellt, dass die falsche Uhura an Bord ist.
An einer Stelle kommentiert Kirk augenrollend, dass er Zeitreisen hasst. Der Rezensent mag sie auch nicht, aber diesmal funktionierte es einigermaßen, da es die tapfere Uhura ist, die alles dransetzt, um Scotty zusammen mit einer Uhura aus der Zukunft zu retten. Denn auf der alten Enterprise hat es zwischen den beiden gefunkt. Es ist die voller Empathie agierende Uhura, die beweist, dass die Liebe alle temporalen Aussetzer reparieren kann. Für die Uhura aus der Zukunft ist Scotty dagegen vor einem Jahr ums Leben gekommen, aber auch sie kann vom Unmöglichen überzeugt werden. So viel Mut und Optimismus erfreut einen Zuschauer. Und Celia Rose Gooding spielt die Doppelrolle richtig gut. Es ist nicht die erste Episode, in der ihre besonderen Fähigkeiten entscheidend sind. Aber mitreißend ist die Hingabe, mit der diese mutige Frau ein Problem löst. „Faszinierend“ würde Spock sagen.
Die Story ist mit ihren Zeitlinien (ich habe drei gezählt, kann mich aber irren) etwas überladen. Es gibt die „Enterprise", in der Pike der Captain ist. Eine „Enterprise" aus der Zukunft, in der Scotty ums Leben kommt, und die „Enterprise", in der Pike inzwischen Admiral ist und Kirk der Captain des Schiffs. Um das richtig erkennen zu können, ist ein zweimaliges Anschauen nicht die schlechteste Idee.
Himmel, auch noch ein kosmisches Baby mit schlechter Steißlage
Neben dem Hauptplot um Scotty gibt es noch einen B-Plot, denn die Gefahren, in die sich die „Enterprise" begibt, liegen letztendlich daran, dass eine aus reiner Energie bestehende Spezies nicht so recht weiß, ob von einem Raumschiff mit biologischen Lebensformen Gefahr ausgeht. Immerhin stehen die Energiewesen unmittelbar vor der Geburt eines Kindes. Am Ende muss die Crew der „Enterprise" auch bei der Geburt helfen, was nichts daran ändert, dass der B-Plot hart an der Kategorie „schwachsinnig“ vorbeischrammt. Am Ende muss nämlich händisch (!) und mit speziellen Handschuhen (!) die Steißlage des komischen Babys korrigiert werden. Wie gesagt: es besteht aus purer Energie. Für diesen Unsinn gab es eine Note Abzug.
Einen Bezug zu „Once La’An a Time“ gibt es auch. Während dort das Boltzmann-Gehirn keine überkandidelte Erfindung der Autoren ist, ist auch das „Weiße Loch“ in „Tomorrow’s Enterprise“ kein dämliches Gimmick. In der Theoretischen Physik gibt es zumindest ein hypothetisches Weißes Loch, das allerdings Masse ausstößt, während ein Schwarzes Loch sie aufsaugt. In ein Weißes Loch kann man nicht hineinfliegen, einem Shuttle mit Warpantrieb könnte dies gelingen. Es war also überflüssig, dass ein Kritiker sich darüber erregte, dass in „Tomorrow’s Enterprise“ die Physik mit Füßen getreten wurde.
Trotzdem ist es unsinnig, dass in dieser Episode ein Shuttle ausgerechnet in ein Schwarzes Loch fliegt, denn das würde aufgrund der gravitativen Zeitdilatation einige tausend Jahre dauern. Für das eindringende Shuttle gefriert die Zeit, ein äußerer Beobachter würde nie sehen, wie es in das Loch fliegt. Um dort zerfetzt zu werden. Hier wurde die Physik tatsächlich gegen den Strich gebürstet.
Insgesamt ist die letzte Episode aber recht unterhaltsam. Trotz ihrer Merkwürdigkeiten. Auch als Melodram funktioniert „Tomorrow’s Enterprise“ ziemlich gut. Gut getan hätte dem Ganzen der Verzicht auf den B-Plot. Aber insgesamt konnte man sich das Ganze schon ansehen.
Note: 3
Noten: Story/Plot/Drehbuch = 4, Kamera / Bildmontage = 3, Darsteller = 1, Score / Soundtrack = o. A., Kohärenz/Logik = 4.
Ep 1: Valles Marineris. Note 2,5 (Fantasy, Military Action)
Ep 2: The Griffin Incident. Note: 1,5 (Horror)
Ep 3: Human Best Friend. Note 4 (Komödie)
Ep 4: A Case of Chiaroscuro. Note: 2,5 (Noir, klassisches Star Trek)
Ep 5: Level Five Transporter Accident. Note: 2,5 (Muppet Show)
Ep 6: Off-Hour. Note: 1 (Klassisches Star Trek)
Ep 7: Like Chronitons Through the Hourglass. Note 3 (Komödie)
Ep 8: Orders of Magnitude. Note: 1,9 (Klassisches Star Trek, Action)
Ep 9: Once La’An a Time. 4,75 (Komödie)
Ep 10: Tomorrow’s „Enterprise". Note 3 (Melodram, Time Travels)
Unterm Strich ergibt dies eine Gesamtnote von 2,6. Staffel 3 musste sich mit 2,75 P abfinden. Allerdings wurden die Kriterien bei der Benotung etwas differenzierter gestaltet. Ohne diese Methodik hätte Ep 9 eine glatte 6 bekommen.