Samstag, 5. September 2026

„Strange New Worlds”, Staffel 4 – Teil 3

Man stelle sich vor, dass „Star Trek“ für immer verschwindet. Aus dem Kino sowieso, aber auch als Serienformat. Für konservative Trekkies sicher kein Problem, man schaut sich halt alles an, was im 20 Jahrhundert produziert wurde. Und irgendwann auch das, was man gehasst hat. In der Not frisst der Teufel Fliegen.

Und die anderen? Sie finden achselzuckend neuen Content. Serien gibt es genug. Zwar beteuert Paramount, dass weitere Serien im Fokus sind. Nur Konkretes gibt es nicht zu vermelden. Nicht nur für mich wäre dies ein Kulturschock, sondern auch für alle Fans, die glaubhaft beteuern, dass sie erst durch (gutes) „Star Trek“ gelernt haben, reflektiert nachzudenken. Sollte nach der letzten Staffel von ”Strange New Worlds“ alles vorbei sein, wird man garantiert nostalgisch werden und einiges bedauern, was man gedacht, gesagt oder geschrieben hat. So ist das halt: Wenn die Zukunft zur Gegenwart wird, ändert sich der Rückblick.

Ep 6: “Off-Hour”

 

The Madness is out there

Das ist natürlich die Verballhornung eines Akte X-Slogans. Aber sie bringt gut auf den Punkt, in welcher Welt wir leben. Die Dinge sind schon schlimm genug. Muss man sich da sich über eine merkwürdige Rezension der 6. Folge von SNW aufregen? Kann man nicht einfach nur darüber debattieren, was gut und schlecht war? 
Nö, die Gegner der Serie befinden sich nämlich in einer Spirale, die es auf zwanghafte Weise unmöglich macht, eine gute Episode als gute Episode zu bezeichnen. Sie suchen verkrampft nach Kritikpunkten, und wenn es keine gibt, dann wechselt man einfach das Thema. Darüber kann und sollte man sich schon aufregen.

Den Gipfel seines „Könnens“ erreichte ein Autor von „Trekzone“, den ich bereits in einer vorangegangenen Rezension erwähnte. Über die neue SNW-Folge „Off-Hour“ schreibt er 8 Zeilen. Der 67 Zeilen lange Hauptteil des Textes beschäftigt sich mit der Agentenserie „24“, in der die Hauptfigur Jack Bauer (Kiefer Sutherland) in jeder Episode 24 Stunden Zeit hat, um die USA vor Terroristen zu retten. Besagter Rezensent verachtet die 25 Jahre alte Serie aus politischen Gründen (die ich übrigens teilen kann) und kommt zu dem Schluss, dass „Off-Hour“ wegen „24“ gescheitert ist.

Warum? In „24“ tickt eine eingeblendete Uhr als Spannungselement. In „Off Hour“ tickt ebenfalls eine Uhr! Als Spannungselement! Eine politische, moralische oder ethische Korrelation zwischen SNW und „24“ gibt es laut Autor nicht, aber allein die tickenden Uhr in „Off Hour“ ruiniert die Episode vollständig.

The Madness is out there.

Dabei ist alles ganz einfach. Die Star Trek-Episode „Off-Hour“ ist eine Echtzeitgeschichte. Davon gibt es viele. Im Western-Klassiker „High Noon“ tickt auch eine Uhr. „Lola rennt“ zeigt drei Varianten einer 20 Minuten langen Handlung, die alle anders verlaufen. Aber entscheidend ist, dass in Echtzeitgeschichten die Laufzeit der Episode der Erzählzeit entspricht. Das ist alles. Eine tickende Uhr ist also nicht das Markenzeichen des Bösen an sich.

Mit das Beste, was Star Trek je zu bieten hatte

„Off-Hour“ ist für mich eine der besten Episoden, die ich in SNW gesehen habe. Und wäre diese Geschichte in „The Next Generation“ erzählt worden, dann hätten nicht nur im Writer’s Room die Sektkorken geknallt, sondern auch draußen in den Wohnzimmern der Serienkonsumenten. „Off-Hour“ ist nämlich gnadenlos spannend.

Die Episode hat einen stringenten Plot mit klarer Ansage: Im Prinzip ist die Crew der „Enterprise" so gut wie tot. Und das kurz vor dem Schichtwechsel, auf den sich alle gefreut haben. Das Schiff ist in einem nicht katalogisierten Slipstream-Wurmloch gelandet, in dem eine spezielle Form von Neutrinos dafür sorgt, dass wie bei einem Staubsauber alles extrem schnell in das Wurmloch gezogen wird. Die ramponierte „Enterprise" verliert dabei einen Teil ihrer Systeme und bewegt sich rasend schnell auf die Warp-Grenze zu. Wird diese überschritten, dann landen Schiff und Crew im Reich der kleinen Teilchen. Und man hat nur eine Stunde Zeit, um dies zu verhindern.

Body Horror und bedingungsloser Überlebenswille 

Rettung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Es gibt einen Schwerkraftkollaps. Mit anderen Worten: die künstliche Schwerkraft steigert sich exponentiell, bis alle platt auf dem Boden liegen. Und selbst Scotty kann im Maschinenraum nicht mehr die Energie aus dem Zylinder zaubern, die man überall auf dem Schiff braucht, um die Vernichtung aufzuhalten. 
Number One kriecht angesichts der immensen G-Kräfte vor Schmerzen brüllend über den Boden, um ein Steuerungsmodul zu erreichen, das wenigsten lokal für moderate Schwerkraft sorgt. Als sie sich unter Qualen aufrichtet, zersplittert ihr linker Unterschenkel in einer Nahaufnahme, aber mit letzter Kraft erreicht sie das Modul. Das ist Body Horror pur. Und da die Uhr nicht aufhört zu ticken, sind praktisch betrachtet alle tot.

„Off-Hour“ wird von einigen Kritikern als Remake der TNG-Episode „Disaster“ (S5x5) katalogisiert. Abgesehen vom Kernplot (in beiden Folgen droht der „Enterprise" die Vernichtung) gibt es aber keine Parallelen. Bis auf die Figuren, die sich in beiden Episoden ihren Defiziten stellen müssen, um ihre Stärken zu entdecken (Picard, der keine Kinder mag, ist im Turbolift gefangen – mit drei Kindern!).

In „Off-Hour“ wird alles etwas schneller erzählt. Was auch an der Effekten liegt, die 35 Jahre später ganz andere Optionen bieten. Da ein höllisch schnelles Katastrophenszenario dramaturgisch nicht ausreicht, mussten natürlich Subplots her. In ihnen geht nicht um einzelne Personen, sondern immer um das Team: Chapel und M’Benga, Spock und La’an, Scotty und Pelia. Für sie dachten sich die Macher einige der schönsten Geschichten aus, die man in den letzten zwei Dekaden in „Star Trek“ sehen konnte. Sie bieten ebenfalls grausamen Body Horror und gleichzeitig wundersame Geschichten über Liebe, Freundschaft und bedingungslose Loyalität. Denn der Schwerkraftkollaps erwischt auch M’Benga und Christine Chapel auf dem falschen Fuß. M’Benga stößt seine Krankenschwester zur Seite, als einen tonnenschwerer Tisch auf beide zurauscht, wird aber selbst zwei Hälften zerteilt. Der Schiffsarzt lebt nur noch, weil die Platte, die ihn durchtrennt hat, für einen kurzfristigen Status Quo sorgt. Aber Christine ist nicht bereit, ihren Freund aufzugeben.

Das alles wird frei von Kitsch auf erwachsene Weise erzählt. M’Benga findet sich mit seinem Tod ab. Und seine Krankenschwester sucht in einem zerfallenden Schiff, in dem man kaum noch auf seinen Füßen stehen kann, in einer Datenbank nach einem medizinischen Verfahren, mit dem man zwei Körperhälften „zusammennähen“ kann. 

Das ist keine Geschichte, die von strahlenden Helden erzählt, sondern vom Sterben. Sie ist hochemotional, sie zeigt auch, was Willensstärke erreichen kann. Und das Schöne: die Autoren machten daraus kein Melodram, sondern zeigen, dass der Kampf gegen die Vernichtung nur gelingen kann, wenn der Kampf gegen die Verzweiflung erfolgreich ist.
Auch andere Mitglieder der Stammcrew nehmen diesen aussichtslosen Kampf auf. Spock kriecht mit Handmagneten über die Außenhülle der „Enterprise", während er aufgrund der harten Weltraumstrahlung fast zum Monster mutiert. Pike muss ein verstrahltes Objekt wegsprengen, in dessen Nähe sich der Vulkanier befindet. Dass er den Vulkanier damit umgebracht hat, lässt das Grauen in Pikes Gesicht erkennen. La’an rettet aber Spock. Dem Gedächtnis des Halbtoten entnimmt sie die überlebenswichtigen Daten dank Gedankenverschmelzung. 

Und ausgerechnet die skurrile Pelia ist in der Lage, den verzweifelten und resignierenden Scotty davon zu überzeugen, dass er die „Enterprise" wie ein Lebewesen betrachten, um das Schiff vollständig verstehen zu können. Übrigens eine schöne Brücke zu den Fähigkeiten, die den Schiffsingenieur in TOS auszeichnen werden.
Und am Ende ist es Chapel, die entdeckt, dass es im Wurmloch einen besonderen Typ von schweren Neutrinos gibt, die am Ende alle retten werden. Auch M’Benga. Das ist natürlich konstruierte Techno-Magie, funktioniert aber trotzdem. 

„Ohne Sie wären wir alle tot“, sagt Pike zu Chapel am Ende der Episode, bevor er geht.
„Off-Hour“ wird furios erzählt. In rasanten 45 Minuten. Nicht nur als Actionspektakel. „Off Hour“ ist nämlich keine Geschichte über Helden, denen das Unmögliche gelingt. Es ist eine Geschichte über Sterbende, die einfach nicht aufgeben wollen.

Note = 1

Episode 7: “Like Chronitons Through the Hourglass"

 

Die Erfindung des Cliffhangers

Eigentlich sollte man sich nicht wiederholen. Trotzdem taucht nach jeder neuen Folge immer die gleiche Frage auf: Würden nach der letzten und toternsten Folge wieder Klamauk, Absurdes, seichte Comedy oder irgendein Ausflug in ein anderes Genre stattfinden? Vielleicht haben die Produzenten eine to-do-Liste, die abgearbeitet werden muss? Offenbar war dies der Fall: Das Genre der 7. Episode erinnert nämlich an ein Genre, das man noch nicht parodiert hatte: die „Seifenoper“. 

Der Begriff gilt als Synonym für Kitsch. Trotzdem ist ein Blick in die Geschichte dieses Genres interessant. Lesern, denen das schnurzpiepegal ist, können an dieser Stelle gleich zum nächsten Absatz scrollen. Allen anderen sei Folgendes gesagt: 15-minütige „Seifenopern“ (Soap Opera) gab es in den USA bereits in den 1930er-Jahren. Und zwar in der Radiowerbung, wo hochemotionale Geschichten erzählt wurden. 12 Minuten gehörten der Story und 3 Minuten der Werbung für Haushaltsartikel. Eben auch von Seife (Soap). Denn die „Daily Soaps“ hörten überwiegend die Hausfrauen. Fachlich hießen die frühen „Seifenopern“ allerdings „Weekly Soap“ oder „Daily Soap“. „Soap Opera“ ist ebenfalls ein gängiger Begriff.
Entscheidend ist aber das Format und gemeint sind Endlos-Serien mit einem Cliffhanger am Ende. „Dallas“ und die „Lindenstraße“ sind Beispiele, die jeder kennt und – ohne es zuzugeben – jeder auch gesehen hat. Noch wichtiger für die „Soap Opera“ ist eine clevere Erfindung. Vincent Fröhlich beschreibt es in seinem Buch „Der Cliffhanger und die serielle Narration“ (2015): um die Zuhörer:Innen bei der Stange zu halten, musste ein Cliffhanger die Spannung aufrechterhalten. 

Die „Soap Opera“ hatte also den Cliffhanger erfunden!

Formal ist die Trek-Episode aber keine Seifenoper. Sie ist weder endlos noch endet sie mit einem Cliffhanger. “Like Chronitons Through the Hourglass” ist vielmehr ein waschechtes Melodram. Cliffhanger gibt es in der Handlung allerdings schon, man nennt diese Erzähltechnik Mini- oder Binnen-Cliff. Es geschieht etwas Spannendes – und schwupps landet man in einer anderen Szene. Oder in einem Werbeclip. Nichts ist halt umsonst.

Der Titel der neuen Trek-Episode bezieht sich dagegen auf eine konkrete Soap Opera. Und zwar auf „Days of Our Lives“ (Zeit der Sehnsucht). Die Serie ging 1965 an den Start und kam in 62 Staffeln auf 15.454 Episoden. Das ist Platz 2 hinter der unverwüstlichen Soap „General Hospital“.
Im Main Title von „Days of Our Lives“ spricht eine Männerstimme: “Like sand through the Hourglass, so are the days of out lives”. Der Titel der Episode zitiert mit dem Verweis auf die unerbittliche Sanduhr also „Days of Our Lives“ und fügt Partikel hinzu, die im Star Trek-Kosmos mit meist merkwürdigen Zeitphänomenen zu tun haben: die Chronitons. Beispiele sind: Deep Space Nine: „Der Besuch“ (The Visitor); The Next Generation: „Gefahr aus dem Weltall“ (Timescape); Raumschiff Voyager: „Zeitsprung mit Q“ / „Vor dem Ende der Zukunft“ (Future's End).

Der extravagante Titel “Like Chronitons Through the Hourglass” wird erst am Ende verständlich. Nämlich als Pike weinend zusammenbricht. Er hat den Verlust von Bartel nicht verkraftet, aber verdrängt. Und obwohl Bartels Manipulation der Zeit (dank Chronitons?) ein erfülltes Leben mit Pike in Echtzeit ermöglichte, lief der Sand gnadenlos durch eine Sanduhr, bis alles zu Ende war. Das alles sollte man wissen, bevor man “Like Chronitons Through the Hourglass” als kitschige Seifenoper in die Tonne kloppt.

Zum Kopfschütteln, denn der „Kosmische Wahnsinn“ steht vor der Tür

Allerdings machen die versteckten Anspielungen die Episode zunächst nicht besser. Auch Pike ist entsetzt, nachdem er auf der Krankenstation aufwacht und M’Benga und Chapel ihm mitteilen, dass er auf ungeklärte Weise unter einer Amnesie leidet. 
Der Captain erkennt schnell, dass auf dem Schiff nichts mehr normal ist. Alle reden und handeln wie in einem schlechten Film. „Warum sind Sie so melodramatisch? Bin ich wieder in einem Musical?“, fragt Pike, bis man ihm die Suspendierung ankündigt. Nicht dienstfähig. Retten kann er seinen Job nur durch eine Therapie bei Dr. Chivers, dem Bord-Counsellor (Deidre Hall in einer Gastrolle; die 79-jährige Schauspielerin spielte von 1976-1987, 1991-2009 und schließlich von 2011 bis heute in „Days of Our Lives“). Deanna Troi lässt grüßen.

„Bin ich in einer Simulation?“ Eine Antwort erhält Pike auch später nicht. Dafür teilt ihm Ohura erregt mit, dass er ihr Vater sei, DNA-Tests hätten dies bewiesen. M’Benga stellt mit zitternden Findern und per Eigendiagnose fest, dass er am „Kosmischen Wahnsinn“ leidet und kaum in der Lage sein wird, eine Herztransplantation an Spock vornehmen zu können. Der liegt nach einem Shuttle-Unfall im Koma. Das neue Herz will indes La’An besorgen. Der Spender wider Willen ist Spocks Bruder Sybok (ebenfalls von Ethan Peck gespielt), ein windiger und krimineller Antagonist seines logischen Verwandten. La’An hat ihn aus einem Gefängnis befreit und ist zweifellos bereit, dem „Spender“ notfalls das Herz aus dem Körper zu schneiden, um Spock zu retten – was immerhin zu witzigen Dialogen der beiden führt.

Dass der Captain der „Enterprise" nicht in der realen Welt ist, zeigt auch der ästhetische Stil der Episode: weiche Bilder mit einem Touch Unschärfe und zudem dezent überbelichtet lassen den Zuschauer glauben, dass ihr TV-Gerät eine Macke hat. Die Szenen enden meistens mit einem Cliffhanger, den man an den Reißzooms erkennen kann. Und das sehr oft, da sich auch die harmlosesten Dinge in Katastrophen verwandelt. Auch Schwarzblenden mit anschließender Wiederholung des zuletzt gehörten Dialog sehen so aus, als hätte man Werbepausen aus der Episode herausgeschnitten.

Alles nur ein Experiment

Nach einem absurden Auftakt, und das ist semantisch noch schmeichelhaft, präsentiert der 2. Akt die Auflösung. Hinter dem Ganzen steckt Trelane, Q’s Sohn, der in Episode „Wedding Bell Blues“ (S2E2) bereits sein Talent als allmächtiger Manipulator der Realität gezeigt hatte. Nun unterzieht er die Crew einem psychologischen Feldversuch. Trelane will nämlich dem Q-Kontinuum eine audio-visuelle Dissertation vorlegen, um zu beweisen, dass die Spezies Mensch eine wissenschaftliche Untersuchung verdient. Wenn man ihnen zuvor zeigt, wie sie ihre wahren Gefühle authentisch ausleben können. Trelane spielt dafür den Regisseur am Set der Episode und gibt pausenlos Regieanweisungen. Dass Pike alles durchschaut, war aber kein Teil des Plans. Trelane ist entsetzt, bekommt aber von einer Q-Repräsentantin immerhin die Note 2,5.

Dass einige Rezensenten über die „Vierte Wand“ schrieben, ist nicht falsch, aber Pike richtet sich nicht an den Zuschauer, sondern an seine Crewmitglieder. Die Episode ähnelt eher an “A Space Adventure Hour” (S3E4, Buch: Dana Horgan & Kathryn Lyn, Regie Jonathan Frakes).
Konzipiert haben die Episode zwei Autoren, die eigentlich zum qualitativ gehobenen Personal des Writer’s Room gehören: Dana Horgan & Bill Wolkoff haben „Subspace Rhapsody“ geschrieben, eine Kreativfolge, die zum Besten von „Strange New Worlds“ gehört. Zumindest meiner Meinung nach, aber die singenden Klingonen waren für viele die ultimative Attacke auf den Kanon und alles, was Star Trek ausmacht. Damit muss man leben.

Mit “Like Chronitons Through the Hourglass” haben Horgan und Wolkoff (was sie vermutlich nicht wissen konnten, als sie das Skript verfassten) eine Episode in einer Zeit platziert, in der die Fans und Trekkies „Starfleet Academy“ längst noch nicht verkraftet haben und panisch mit jeder neuen experimentellen Folge endgültig die völlige Dekonstruktion des Roddenberry-Kosmos erwarten. 
Was 2023 noch klappte, weil die experimentellen Star Trek-Folgen treffsicher und originell waren und auch sonst vieles innovativ war, das geht jetzt durch eine verkrampfte Übertreibung häufig den Bach runter. Nur zur Erinnerung: Dana Horgan hat „Ad Astra per Aspera“ (S2E2) geschrieben. Bill Wolkoff war an „Those Old Scienctists“ beteiligt – alles Episoden mit großartigem Unterhaltungspotential und schlagfertigem Witz. Aus seiner Feder stammt auch das exzellente „Off-Hour“, eine Episode, die tatsächlich richtiges Star Trek war. Sie wurde hierzulande sarkastisch in den Mülleimer geschmissen, aber in den USA als Masterpiece gefeiert. Geht doch, möchte man meinen.

Das Melodram als psychoanalytisches Instrument

Nun ist aber alles anders. Die experimentellen Folge spiegeln mittlerweile eine Zwanghaftigkeit wider, die das selbstverordnete Programm des Genre-Hoppings nicht mehr im Griff hat. Kosmischer Wahnsinn? 

Immerhin zieht sich die Episode am Ende selbst an den Haaren aus dem Sumpf. Wie in einem brillanten Melodram von Douglas Sirk müssen sich die Protagonisten aus dem Dschungel der von ihnen in einer Schublade versteckten Emotionen befreien. Allen voran Pike. Das bedeutet auch, ein gesellschaftliches Korsett abzustreifen, das den Weg versperrt.
Das ist schwer für Pike, der die Sitzungen bei Dr. Chivers nur schwer erträgt, besonders dann, wenn die Therapeutin von der Kraft der emotionalen Wahrheit spricht. Aber als er in der fiktiven Welt des Q-Wesens seine Tochter Juliet trifft, die Teil von Bartels Familien-Universum war, muss er sich seinem zweiten Leben stellen: “Just because it didn’t happen, doesn’t mean, it wasn’t real.”
Doch, es war geschehen, zumindest wenn man glaubt, dass eine Illusion wahr sein kann, wenn sie sich so anfühlt, als wäre sie real. Dass Pike am Ende weinend kollabiert, folgt beeindruckend der Erzählweise der gelungenen Melodramen, die das Tragische zulassen können. Douglas Sirk konnte dies meisterhaft. Er wurde aber zu Lebzeiten für seine „kitschigen“ Filme verachtet und erst nach seinem Tod als Auteur erkannt. 

Das Wirkungsvolle an einem Melodram ist, dass man sich seiner Emotionalität nicht entziehen kann. Es sei denn, man ist ein Soziopath. Ein Melodram berührt uns, etwas, was man ungern zugeben möchte (ein amerikanischer Redakteur gestand offen, dass er während der Pike-Szene weinen musste). 
Die Macht des Melodrams erkannt man auch an den Aphorismen dieses Genres, die man verächtlich als Kalender-Weisheit abstempeln kann. In “Like Chronitons Through the Hourglass” begreift Pike, dass er Bartel nicht nur verloren hat, sondern auch ihre „gemeinsame Zukunft“. Deshalb bricht er am Ende weinend zusammen. Emotional ist das eindrucksvoll, logisch aber nicht. Denn Pike hat ja diese Zukunft erlebt, allerdings in einer Parallel-Realität.
 
Skurril ist, dass alle Protagonisten sich an das Erlebte erinnern können, nachdem Trelanes Regiekarriere beendet wird. Das sie ferngesteuert wurden, ist für die meisten peinlich. Deshalb kann man auch Spocks Deutung von Trelanes Experiment zustimmen: „Ich würde dazu raten, nicht zu tief hineinzulesen. Naturgemäß war alles konstruiert.“

Ach ja, ganz am Ende des Abspanns gibt es dann doch noch einen Werbespot, über den man aber nicht richtig lachen kann. Also liebe Trekkies, schaut euch alles genau an. Das melodramatische Ende der Episode ist nämlich absolut gelungen.

Note: = 3

Noten: Story/Plot/Drehbuch = 4, Kamera/Bildmontage = 2, Darsteller = 2, Score/Soundtrack = o.W., Kohärenz/Logik = 4.

Pressespiegel

"Pike’s heartbreak isn’t the only real emotion “Like Chronitons Through The Hourglass” forces its characters to face. It touches on M’Benga’s professional anxiety, Ortegas’ post-Gorn PTSD, La’an’s complicated feelings about Spock, and Uhura’s longing to grow into the next phase of her adulthood. This isn’t an hour that necessarily offers any concrete answers to any of these issues, but maybe it doesn’t need to. After all, as any good soap opera will tell you, it’s the feelings that matter."
Lacy Baugher in Den of Geek.

“Like Chronitons Through the Hourglass” is an unexpectedly powerful episode. I was not prepared for the emotions that came up when I watched it. Yes, it’s a cheesy soap opera episode, but writers Dana Horgan and Bill Wolkoff managed to add a deep message as well.”
Andy Wagner in SDCC Blog.

The soap opera is an outdated television genre. I’ll be surprised if any of the younger members of this show’s audience recognize it for what it is. I’ll also be surprised if they recognize or understand the significance of one of the guest stars of the episode as well."
John Kirk in Original-Cin.