Mittwoch, 12. August 2026

„Pluribus – Glück ist ansteckend“ - Vince Gilligans Geniestreich

Vince Gilligan (Akte X, Breaking Bad) ist der kreativste Serienmacher der letzten Jahrzehnte. In der Apple-Serie „Pluribus“ erzählt er davon, dass Glück und Freiheit nicht zusammengehören. Man kann nicht beides haben.

Allein diese Hypothese ist ein Schlag ins Gesicht, aber je länger man nachdenkt, desto plausibler scheint diese Dissonanz zu sein. Anders formuliert: „Pluribus“ zwingt zum Nachdenken. Für viele Seriengucker ein No-Go. Ein Essay.

 

In der deutschen Fassung heißt die Serie: „Pluribus – Glück ist ansteckend“. Das passt perfekt. Auf der Erde verbreitet sich nämlich ein extraterrestrisches Virus, das die Menschen in freundliche und liebenswürdige Wesen verwandelt. „Die Anderen“ töten nicht, sie lügen nicht, sie respektieren die Natur, kämpfen gegen die Klimakrise und kümmern sich mit Hingabe um die Immunen. Gleichzeitig sind sie unfähig, etwas anzupflanzen. Sie könnten ja einen Käfer töten.

Kurz gesagt: sie sind limitiert und versprechen trotzdem 24/7 das dauerhafte Glück. Kann man dem Braten trauen? Carol Sturka (Rhea Seehorn) tut dies nicht. Sie ist immun und kämpft um ihre Individualität, weil alle Menschen, denen sie begegnet, sich wie saufreundliche Roboter verhalten. Carol ist dagegen stocksauer, aggressiv, unzugänglich. Rhea Seehorn erhielt dafür zu Recht einen Golden Globe.

Das Bedürfnis nach Sinn ist Teil unserer Freiheit

„Pluribus“ – und das ist naheliegend – eignet sich perfekt für weltanschauliche und ideologiekritische Projektionen. Klar, auch für eine Kapitalismus-Kritik. Natürlich gehören auch Themen wie die Klimakrise, Corona und die Vision eines Verlusts der liberal definierten Freiheit zu den Topoi der Serie. 

Egal, ob Buch, Film oder Serie – Showrunner, Autoren, Regisseure liefern so gut wie nie eine Gebrauchsanweisung für die Deutung ihrer Geschichten. So entdecken die Leser und Zuschauer Themen, mit denen sie sich ohnehin prioritär beschäftigen. Allerdings kann es passieren, dass andere die Geschichte so (um)deuten, dass das Ergebnis diametral entgegengesetzt zur eigenen Deutung ist. Sie sind so frei.

Projektionen sind aus praktischen Gründen trotzdem sinnvoll, weil sie generell unser Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit befriedigen, aber kleinteilig analysiert werden müssen, um mehr zu sein als eine Meinung. 
Das alles kann man, aus unterschiedlichen Blickwinkeln natürlich, auch in „Pluribus“ wiederfinden. Denn die Serie kann man als Kapitalismus-Kritik rezipieren. Man kann sie offenbar auch als dystopische Beschreibung einer woken und gleichgeschalteten Gesellschaft umdeuten, die uns allen dann droht, wenn man den Klimaforschern und den grünen NGO’s traut. Das ist eine Umdeutung – man verdrängt, leugnet und lehnt lieber ab. Es bleibt aber Meinungsfreiheit, auch wenn einem der Hut hochgeht.

Spannend wird das Ganze im Science-Fiction-Genre. Dort ist die Projektion erst recht naheliegend, weil Science-Fiction den Ruf hat, unser zivilisatorisches Scheitern durch einen Kanon beschreiben zu können. Und der funktioniert so: Nur Dystopien können uns in einer fiktiven Zukunft zeigen, wohin unser Weg führt. Wissenschaftlich spiegelt dieser Kanon ziemlich häufig die Realität genau wider. Aber man kann sich trotzdem sicher fühlen, weil dystopische Filme und Serien ‚nur‘ eine Fiktion sind. Man muss sich einreden, dass dies nichts mit uns zu hat. Auch das ist Freiheit.

Tückischer Optimismus

Vince Gilligan erzählt in „Pluribus“ (dts. Pluribus – Glück ist ansteckend) die Geschichte seiner Hauptfigur sehr langsam. Was dazu führt, dass man Zeit genug zum Nachdenken hat. Mit oder ohne Projektionen. Schwierig wird es, wenn das Dystopische von einer Metamorphose der Menschheit erzählt, die durch neue moralische Grundsätze und die ethische Konsequenzen nur bedingt ein Feindbild abgibt. Und manchmal beginnt man zu glauben, dass ein Teil unserer Zeitgenossen vielleicht gar nicht so negativ auf das Programm der Anderen reagieren würde. Ein tückischer Optimismus.

Verführerisch, denn im dystopischen Themenpark fehlt häufig etwas: der Optimismus. In „Her“ gab es keine dystopischen Untergangsszenarien. Stattdessen wurde uns eine Überdosis Empathie verpasst. Das Glück, mit einer intelligenten bewussten KI eine grandiose Liebesgeschichte zu erfahren, wurde aber dadurch ausgebremst, dass die KI mehrere hundert dieser Beziehungen eingegangen ist. „Her“ zeigt auf sympathische Weise, wie Teile des Individuellen dabei aus dem Verständnis von Liebe extrahiert werden. Die Hauptfigur bleib aber trotzdem ein Mensch.

„Pluribus“ geht einen Schritt weiter. In Gilligans Serie ist der Optimismus zwar hyper-dominant, aber fadenscheinig. Zunächst ist es der tumbe Mensch, der den Code eines Virus entschlüsselt, das aus dem All kommt. Das ist der erste Fehler. Der zweite gehört zu den Corona-Mythen: das Virus entkommt aus dem Labor. 

Seine rasend schnelle Verbreitung führt zu einer neuen Weltherrschaft, die von einer einzigen Entität übernommen wird. Ihre Seinsform führt dazu, dass die Menschen nach der Pandemie nur noch die externen Repräsentationen dieser Entität sind. Gut, Millionen sind dabei umgekommen, aber die Entität scheint davon überzeugt zu sein, dass das Verschwinden der Individualität unterm Strich eine glücksspendende Metamorphose ist. Alle sind glücklich. Aber alle sind die Entität und keine Individuen. 
Vielleicht besser, als der Selbstzerstörung des Menschheit zuzuschauen, denkt man. Überhaupt denkt man sehr intensiv, wenn man „Pluribus“ sieht. Trotzdem ist die globale Pandemie eine grauenvolle Selbstermächtigung, die nicht danach gefragt hat, ob die Menschen als Teil einer Schwarmintelligenz glücklich sein möchten.

„Dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten“, stellte Sigmund Freud lakonisch fest. Vince Gilligans Idee einer New World Order ist daher nicht trivial. Denn die Entität, die sich das gesamte Wissen der Menschheit einverleibt hat, ist im wahrsten Sinne der Wortes „unmenschlich“, obwohl sie auch den nicht verwandelten Menschen das Glück verspricht. Also jenen, die immun sind und schnellstmöglich auch Teil des Kollektivs werden sollen. Und überhaupt: ein Kind kann nach der Umwandlung komplizierte medizinische Verfahren erklären, ohne sich dabei anstrengen zu müssen. Das imponiert.

Aber tatsächlich sind die Menschen verschwunden. Und zwar, weil sie die Veränderung ihre Evolution nicht mehr aus ihrer subjektiven Perspektive erleben können. Nur die Entität besitzt dieses Privileg. Und die Überlebenden? Sie sind keine Sklaven, sondern nichts anderes als Organe der Entität. Die zig- Millionen, die die Umwandlung nicht überlebten, spielen keine Rolle, weil ihr „Geist“ komplett gespeichert wurde. Aber wenn Carol wütend ist, fällt das Kollektiv in eine Schockstarre. Auch das kostet Millionen das Leben, aber die „Anderen“ empört dies nicht. Das Individuum ist verschwunden, aber die menschlichen Hüllen, denen Carol begegnet, leben in der Entität nach ihrem Tod weiter. Im Prinzip ist die wichtigste Seinsform der Entität die Unsterblichkeit. Darauf optimistisch zu reagieren, ist verführerisch, aber auch ein Offenbarungseid.

Intelligent erzählt wird „Pluribus“ auch auf andere Weise. „E pluribus unum“ ist Latein und bedeutet „Aus vielen eines“. Ideologiekritisch könnte man darauf verweisen, dass dies zu den feuchten Träumen rechtsextremer und völkischer Weltanschauungen gehört. In der Serie kann dies aber ausgeschlossen werden, was die Rechte aber nicht tut, im Gegenteil!
 
Der Witz: Durch die Auslöschung des Individuellen wird der Untergang unserer Zivilisation auf unbestimmte Zeit vertagt. Anders, so lässt es Vince Gilligan scheinbar durchschimmern, hätten wir es nicht hingekriegt. Weder den Klimawandel noch die Beendigung aller Kriege. Aber Serienmachern darf man nicht völlig trauen, denn das verführerische Neue kann am Ende das wahrhaft Monströse sein. Und das ist auch Gilligans Rat: die Zuschauer sollen gefälligst selbst herauszufinden, wer das wahre Monster ist.

Werde glücklich! Um jeden Preis!

Das Problem dabei ist, dass auch die Entität ein immanentes Fehlverhalten an den Tag legt. Dass die gleichgeschalteten Menschen sich von einem Pulver ernähren, das aus menschlichen Leichen zusammengebraut wird, ist gruselig. Aber ausreichend viele sind während der Umwandlung gestorben. Das sollte eine Weile reichen. Dass die Entität aber nicht in der Lage ist, eine eigene Ökonomie zu entwickeln, dürfte ihr in entfernter Zukunft aber auf die Füße fallen.
Ansonsten steht die Agenda fest: die „Immunen“, also jene, die nicht infiziert werden konnten, leben nun in einem Schlaraffenland. Ihr individuelles Glück ist der Primum propositum, der erster und wichtigste Vorsatz der neuen Weltregierung. Jeder Wunsch wird erfüllt, auch sexuelles Verlangen nach einer Vielzahl von Frauen. 

Das Amoralische derart ausgefallener Wünsche kann die Entität aber nicht erkennen, weil sie entweder keine Moral besitzt, oder eine, die anderen Prämissen folgt. Wenn in der Serie ein sympathischer Hedonist, der immun ist, in bester Epstein-Manier junge Frauen um sich scharen darf, dann ist es ja die Entität selbst, die die Erfahrungen der Frauen erlebt. Und kein Problem damit hat. Und sie hätte auch kein Problem damit – natürlich nach einem belehrenden Vorgespräch – immune Menschen damit glücklich zu machen, wenn eine Atombombe verlangen. Was am Ende der ersten Staffel auch geschieht.

Logisch ist dies nicht, aber das oberste Gebot heißt nun einmal: „Werde glücklich. Um jeden Preis!“ Für Carol ein Affront. Denn ihre Lebensgefährtin starb während der Umwandlung. Für die störrische und streckenweise zynische Hauptfigur der Serie, kommt daher nur Widerstand in Frage. Denn sie erfährt, dass sie mit einem heftigen Wutausbruch die Entität paralysieren kann. Dabei kommen Millionen um, was aus besagten Gründen kein Desaster ist, weil es die Entität nicht einschränkt. 

Carols Widerstand ist dennoch beachtlich und – weil sie ein Mensch ist – zwangsläufig widersprüchlich. Das ihr servierte Essen kippt sie in den Mülleimer, aber dass ein leergeräumter Supermarkt nur für sie wieder voll mit Waren bestückt wird, scheint vertretbar zu sein. Auch die für den Menschen – wir kennen das aus dem Umgang mit unseren KI’s – typische Anthropomorphisierung hält sie peu à peu für vertretbar. Menschliches auf Nichtmenschliches zu übertragen bedeutet dies. Und erkennbar wird dies, weil Carol damit beginnt, ihrer Betreuerin Zosia (Karolina Wydra) mit viel Empathie zu begegnen. So, als sei diese noch ein Mensch. Trotz besseren Wissens. Aber vielleicht ist dies menschlicher als alles andere. In „Pluribus“ landen beide dann auch im Bett. Simuliertes Glück? Oder der Versuch, den Gegensatz von Freiheit und Glück zu beseitigen?

Wir können nicht anders, denn neben Gier, Arroganz und anhaltender Dummheit hat der Mensch halt auch gute Eigenschaften. Auch Carol. Dass Gilligan seine Hauptfigur zunächst als Biest präsentiert, zeigt daher auf wunderbare Weise, dass wir unsere Individualität mitsamt aller Schwachpunkte als logisch oder alternativlos bezeichnen. Nur Menschen können das Absurde als folgerichtiges Handelns erleben und verteidigen, wenn das Indivisuelle über die Stränge schlägt. Bleiben wir optimistisch: Sie können sich trotzdem ändern. 

Die eigentliche Pointe von „Pluribus“ ist daher die Erkenntnis, dass der Mensch trotz aller Widersprüche an der Freiheit festhält, auch dann, wenn sie schlimme Dinge zulässt. Freiheit macht daher nur selten glücklich. Weil sie nicht friedlich ist. In „Pluribus“ wird sie den Menschen genommen. Die Serie ist daher eine Dystopie - aber eine superfreundliche.

Note: BigDoc = 1, Klawer = 1


Pluribus – USA 2025 – Streaming: Apple TV+ - Episoden  9 - Showrunner: Vince Gilligan – Musik: Dave Porter – D.: Rhea Seehorn, Karolina Wydra