Mittwoch, 1. April 2026

„Paradise“ - Staffel 2: irgendwo zwischen brillant und hoffnungslos überladen

Fans und Kritiker sind von Fortsetzung der SciFi-Mystery-Serie überwiegend begeistert. Bis die vierte Episode gefühlt die Hälfte der Zuschauer schockierte. Doch dies war nicht mehr als ein Erzähltrick. Und davon gibt es in „Paradise“ eine Menge. Die folgende Kritik wird sich mit ihnen beschäftigen und erklären, warum sie einen aktuellen Trend widerspiegeln.

Insgesamt schwankt Staffel 2 inhaltlich zwischen brillant und überladen, geklauten Plot-Ideen und überraschenden Wendungen hin und her. Schaden muss das Auf und Ab nicht, wenn die Chemie stimmt. Aber stimmt sie wirklich? The truth ist out there. Aber Vorsicht: Wenn Sie Verzerrungen und Doppelbilder sehen, dann fummeln Sie nicht TV-Gerät herum und gehen sie auch nicht zum Augenarzt! Die Figuren sehen sie nämlich auch.

Dystopische Landschaften und durchkreuzte Erwartungen

Ähnlich wie in „Fallout“ kann man die Geschichte von Überlebenden in einem Bunker nicht endlos erzählen, ohne die Frage zu beantworten: Wie sieht es draußen aus? Kann man nach einem gigantischen Vulkanausbruch, dem vernichtenden Tsunami und einem globalen EMP etwas anderes erwarten als Verwüstung?

Doch wir sind nicht bei Roland Emmerich. Grandioses CGI gibt es in „Paradise“ nicht. Creator und Showrunner Dan Fogelman schrieb zusammen mit Eric Wen die erste Episode – und „Graceland“ beschäftigt sich überwiegend mit einer einzigen Person, die nicht nach draußen geht. Und die scheint sich in der Apokalypse trotzdem gut eingerichtet zu haben.

Als Standalone-Folge verdient E 1 „Graceland“ die Note „Herausragend“. Sie erzählt von der gescheiterten Medizinstudentin Annie Clay (Shailene Woodley, Golden Globe Award-Nominierung für „The Descendants“), die vor dem großen Crash als Museumsführerin in der der Elvis-Enklave Graceland arbeitete. Nach dem zerstörerischen Desaster verbringt sie zwei Jahre in völliger Einsamkeit – Elvis‘ verchromter Colt Python ist immer griffbereit. 

Die Welt „da draußen“ ist eingehüllt in Staub und Asche. Und wenn Annie mit dem Fernrohr nach anderen Überlebenden sucht, sieht sie marodierende Menschen, die sich umbringen. Aber plötzlich scheint wieder die Sonne und mit ihr dringen Fremde in Graceland ein. Annie muss das Schlimmste befürchten. Es kommt jedoch anders, denn die Fremden sind keine Plünderer, sondern Teil einer Gruppe, die alle Nuklearreaktoren in den USA abschalten wollen, bevor es zu einem Gau kommt. Und sie wollen nach Colorado, wo es angeblich einen Bunker mit unendlichen Ressourcen gibt. Annie verliebt sich in Link (Thomas Doherty), einen der Überlebenden, zieht aber nicht mit der Gruppe weiter. Vielleicht, weil sie heimlich hörte, dass man dort einen gewissen „Alex“ töten wolle. Annie bleibt zurück und einige Wochen später erkennt sie, dass sie schwanger ist.

Das wird mit viel Empathie erzählt - ein vielversprechender Staffelstart und eine neue spannende Figur im „Paradise“-Universum. Ein Procedural ist „Graceland“ allerdings nicht, auch wenn die Episode an „Long, long time“ in der ersten Staffel von „The Last of Us“ erinnert. Sie zeigt aber, wie sich Dan Fogelman mit originellen Ideen den genretypischen Mustern einer dystopischen Geschichte entzieht. Links Gruppe gehört eben nicht zu den gewalttätigen Irren, die man aus „The Walking Dead“ kennt. Der Showrunner durchkreuzt nicht zum letzten Mal in dieser Staffel die Zuschauerwartungen und schafft gleichzeitig neue Fragen und Rätsel. Denn Annies Geschichte ist nicht zu Ende. Sie bricht mit einem Pferd nach Colorado auf und findet den verletzten Xavier Collins (Sterling K. Brown), der mit seinem Flugzeug abgestürzt ist. Dies ändert alles.

Der Erzählstil ist logisch, aber auch riskant

Nach der ersten Episode endet Fogelmans kohärenter Erzählstil, der non-lineare Erzählstil mit zahlreichen Flashbacks wird mit einer Ausnahme die Serie bis zum Staffelende bestimmen. Dan Fogelman gelingt es, diese Rückblenden logisch in die Handlung einzubauen. Sie vertiefen das Verständnis für die Figuren, ihre Motive und für die Konsequenzen ihrer Handlungen in der Gegenwart. Gut nachvollziehbar, auch im Wissen um die bevorstehende Zukunft: Auch formal hat das einen Vorteil. In einer linear erzählten Story ist der Aufwand für das Kreieren von Spannung meistens etwas aufwändiger. Fogelmans Hin- und Herzappen in der Zeit treibt dagegen das Pacing an. Der Zuschauer muss ständig und häppchenweise neue Fakten verarbeiten. Also inhaltlich ein cleveres Storytelling.

Dass Dan Fogelman non-lineare Flashbacks „kann“, bewies er sechs Jahre lang als Showrunner des Comedy-Dramas „This is us“. So erfährt man in Episode 2 „Mayday“ in einem Flashback, wie sich Annie und Xavier begegnen, während ein weiterer Flashback ins Jahr 2004 springt, dem Jahr, in dem sich Xavier und seine Frau Teri (Enuka Okuma) kennenlernen. Zwei völlig unterschiedliche Beziehungen in unterschiedlichen Zeiten. In der Gegenwart trifft Xavier auf eine Gruppe von Kindern, die das Sprechen eingestellt haben und sich überwiegend mit Gesten verständigen. Als die Kinder mit Xaviers Vorräten verschwinden, taucht Annie auf und zwingt den Verletzten, sie nach Colorado zu bringen.

Erst mit E3 „Another Day in Paradise“ und E4 „A Holy Charge“ zeigt der Showrunner, was inzwischen im Bunker geschehen ist. Überraschenderweise verflacht die Handlung. Das liegt am Cast. Wichtige Supporting Actors wie Nicole Robinson (Krys Marshall), die Secret Service-Agentin und Marsdens Ex-Geliebte, und die Psychotherapeutin Gabriela Torabi (Sarah Shahi) müssen ebenso Screentime bekommen wie die soziopathische Secret Service-Agentin Jane Driscoll (Nicole Brydon Bloom). Flashbacks, in denen der ermordete Präsident Cal Braford (James Marsden) erneut auftaucht, wirken dagegen belanglos. Insgesamt wirkt die Handlung der beiden Episoden überladen. Und dies wird sich im letzten Drittel wiederholen.

Kaum überraschend ist, dass die Schurkin Samantha „Sinatra“ Redmond (Juliane Nicholsen) die Attacke auf sie überlebt hat. Wie sie ihren Auftragskiller Billy Pace (Jon Beavers) kennengelernt hat, ist ebenfalls ein überflüssiger Flashback. 
In der Gegenwart hat Redmond nun enorme Probleme damit, ihre alte Machtposition im Bunker zurückzuerobern. Driscoll ermordet daher den neuen Präsidenten Henry Baines (Matt Malloy), der Redmond ausschalten will, und schiebt den Mord Nicole Robinson in die Schuhe. Zwischendurch taucht eine von Bradfords Sohn Jeremy (Charlie Evans) angeführte Dissidenten-Gruppe beiläufig auf, obwohl dieses Thema mehr Screentime verdient hätte. Immerhin werden die Menschen im Bunker zunehmend autoritär gegängelt und viele verschwinden in den Katakomben eines unterirdischen Gefängnisses. Insgesamt also zu viele Akteure und zu wenig Kontext.

Zu diesen Dissonanzen gehört eine tödliche Wendung. Was auch immer Fogelman antrieb: es war eine unglückliche Entscheidung. In „A Holy Charge“ (Eine heilige Anklage) tötet der Showrunner seine sorgfältig zur Supporting Actress aufgebaute Figur „Annie“, die nach der Geburt ihres Kindes in den Armen Xaviers verblutet. Ausgerechnet nachdem sie lernte, dass sich in einer Dystopie nicht alle Menschen in Monster verwandeln. 
Annies tragisches Ende erinnert unangenehm an die umstrittene „Tötung“ von Joel (Pedro Pascal) in der zweiten Staffel von „The Last of Us“. Das entsprach zwar dem Videospiel und entwickelte die Figur der Bella Ramsey und ihren Rachewunsch, zerstörte aber die komplexe und hochemotionale Vater-Tochter-Beziehung der beiden Hauptfiguren.

In der Filmbranche nennt man das Women in Refrigerators (Frauen im Kühlschrank) – eine wichtige Frau wird gekillt, damit der Held charakterlich wachsen kann oder einen brutalen Rachefeldzug beginnt, bei dem alles getötet wird, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Offenbar funktioniert das auch mit ‚Männern im Kühlschrank.‘ Annies Tod passt auch ziemlich gut zur Kategorie Tearjerker (rührseliger Schmachtfetzen). Auch dieser Tropus stärkt den Fokus auf die Hauptfigur, geht aber das Risiko ein, dass die Zuschauer intuitiv spüren, dass dies ein ausgeleierter Plot Twist aus dem Lehrbuch für Drehbuchschreiber ist. 
„Paradise“ läuft also nach gutem Start etwas aus dem Ruder. Erzähltechnisch war Fogelmans Übernahme dieses Midseason-Tricks - gelinde gesagt – riskant. Um nicht zu sagen: hochriskant.

Zweite Staffelhälfte: „Paradise“ in Höchstform, aber völlig überladen

Wer keine Spoiler will, sollte den folgenden Absatz nicht lesen!

Hochriskant ist auch die zweite Staffelhälfte, in der Fogelman das Tempo herunterdimmt und zunächst wieder auf ein klassisches Procedural setzt. Xavier erreicht zusammen mit „Annies Baby“ einen Ort, an dem er Teri finden kann. Ein ausgedehnter Flashback erzählt in E5 „The Mailman“ die Geschichte des schüchternen Postboten Gary Jones (Cameron Britton), der mit seinem Prepper-Freund Ennis eine Gruppe gründet, um die Jahre nach der großen Krise zu überleben. Dann taucht Teri auf und Gary verliebt sich prompt in sie. Als eine größere Gruppe von Überlebenden auftaucht, deren Ziel Colorado ist, schließt sich Teri den Neuen an. Gray will dies verhindern, er überzeugt Xavier davon, dass die Fremden gefährlich und feindselig sind, bringt heimlich seinen Freund Ennis um, der Teri helfen will, und plant auch Xavier zu töten. 
„The Mailman“ ist eine subtile Charakterstudie. Originell ist, dass Fogelman erneut gängige Erwartungen durchkreuzt, denn Gary überlebt seinen Verrat und bleibt in E7 „The Final Countdown“ einsam und ohne Perspektive zurück.

Die Gary/Teri-Geschichte ist nur die Ruhe vor dem großen Sturm, der das Pacing wieder beschleunigt. Dieser narrative Tornado wird in den letzten Episoden alles umwerfen, was zuvor aussah wie ein Crime Plot, der mit einer postapokalyptischen Schreckensvision vermischt wurde. Dies sind aber keine handwerklichen Macken, sondern kalkuliertes Storytelling. 

Schauen wir uns daher die Plotstruktur an: sie besteht aus den Schlüsselthemen, überflüssigen und notwendigen Nebenhandlungen sowie unerwarteten Wendungen, die bestenfalls Erwartungen (wieder einmal) durchkreuzen. Im schlimmsten Fall sorgen sie mit einem Overload von Informationen und einer Reizüberflutung des Zuschauers dafür, dass die Komplexität der Handlung gesteigert wird, die finale Erklärung der Geheimnisse und Mysterien aber ausbleibt. Neu ist diese Masche nicht. Trennen wir also das Notwendige vom Überflüssigen.

Episodenübergreifende Themen in „Paradise“, Season 2

  • Der geheimnisvolle „Alex“ ist kein Mensch, sondern ein KI-gesteuerter Quantencomputer, mit dessen Hilfe Redmond die globale Klimakrise aufhalten will. Wie das geschehen soll, wird nicht erklärt.
  • Link ist mit einer großen Armee vor den Toren des Bunkers aufgetaucht und fordert in den Verhandlungen mit Redmond den Zugang zu „Alex“. Welche Gründe er hat, wird nicht erklärt.
  • Gleichzeitig versucht die von Jeremy angeführte Dissidentengruppe, die Tore zum Bunker zu öffnen, um alle, die gehen wollen, zu befreien. Dies kann nur gelingen, wenn die Sauerstoffversorgung durch die Bunker-Technologie zerstört wird.
  • Redmonds Führungsstab beschließt den kompletten Lockdown, der aufgrund der Zerstörungen durch Jeremys Gruppe aber misslingt und eine Kernschmelze der unterirdischen Reaktoren auslöst. Der Supergau kann nicht mehr verhindert werden.
  • Xavier Collins einziges Ziel scheint es zu sein, Links Kind seinem Vater zu übergeben. Dann stellt sich heraus, dass er der Auserwählte sein wird, der Zugang zu einem zweiten Quantencomputer erhält, um dessen Anweisungen zu erledigen.

Linear erzählt würden einige Absurditäten der Handlung auffallen. Aber der Zuschauer wird quasi von einem narrativen Tsunami überrollt. Und der funktioniert so:

Überflüssige Subplots und unerwartete Wendungen

  • In einer Rückblende erfährt man, dass Link vor dem Desaster offenbar ein genialer Jungphysiker war. Ihm gelang während seines Studiums, einen Quantencomputer zu bauen. Zusammen mit seinem Dozenten Henry Miller gründet er ein Unternehmen, um die Entdeckung auszuwerten. Wie man mit Komponenten aus dem Baumarkt einen Quantencomputer bauen kann, bleibt eine offene Frage.
  • Eine weitere Rückblende deutet an, dass Link offenbar Redmonds Sohn ist. An Links Zielen scheint dies nichts zu ändern. „Sinatras“ Reaktion ist Nasenbluten. Wie auch bei Link. Die Handlung hätte auch ohne diese Enthüllung funktioniert.
  • Wer aufgepasst hat, erkennt, dass die vielen Doppelbilder und einige Mini-Flashbacks offenbar durch mysteriöse Eingriffe von „Alex“ ausgelöst wurden. Warum, das erfährt man nicht. Zumindest nicht in dieser Staffel.
  • Mitten in der Kernschmelze muss Xavier seine Tochter aus einem Lift befreien, der steckengeblieben ist. Spannende Last Minute Rescue oder überflüssige Action? Eher wohl überflüssig.

Diese Checkliste kann natürlich in Staffel 3 widerlegt werden. Aber so weit sind wir noch nicht. 

Neue Strategien des Storytellings

Warum das alles? Dazu muss man zurückblicken. Die Evolution des Storytellings in den letzten 20-30 Jahren führte neben klassischen Procedurals zu den sogenannten „Serials“, also Serien mit einer horizontal erzählten Geschichte. Beispiel: „The Wire“. Das Quality TV war entstanden. Und es war linear.

Jedenfalls solange bis Macher wie Damon Lindelof und Carlton Cuse entdeckten, dass man mit dem Aufbrechen der Linearität und immer wieder neu auftauchenden Geheimissen den Zuschauer bei den Hörnern packen kann. „Lost“ entstand, verlor sich aber in unübersichtlichen Mysterien und überflüssigen Rückblenden. Nach dem Ende hatten viele Fans frustriert begriffen, dass es eine befriedigende Erklärung nie geben würde. Das änderte wenig daran, dass die Serie ein gigantischer Vermarktungserfolg war. Dass einige Zuschauer schlau genug sind, um die Parallelen zwischen „Lost“ und „Paradise“ erkennen, kann man auf Reddit finden, nämlich hier.

Die Stunde der „Mindfuck“-Serien war gekommen. Und Serien wie „Dark“ oder „Mr. Robot“ und Co. brauchten danach kein Marketing mehr, da die Fans dies durch endlose Debatten in den Social Media selbst erledigten. Dan Fogelman war aber clever genug, um das Geflecht von parallelen Sequenzen, Flashbacks und diversen Mysterien nicht vollständig vor die Wand der Logik zu fahren. Aber dies gelang nicht immer.

Ein Beispiel ist die Episode 7 „Jane“. Sie ist eine Verzögerungsepisode. Ihre Aufgabe: mit Mini-Cliffs (Cliffhanger in einer Episode, nicht an deren Ende) den Main Plot zu unterbrechen, um die Spannungskurve anzuheben. Mit langen Rückblenden wird in E7 die Vergangenheit von Jane Driscoll aufgerollt. Vor ihrer Geburt bekam ein Nachbar (!) der Driscolls kurz vor Janes Geburt von dem unbekannten „Alex Q“ viele Emails mit einer einzigen Botschaft: „A Killer will be Born“. Das Ergebnis: Jane wurde von ihrer überforderten Mutter misshandelt, entwickelte eine dissoziative Störung und wurde zu einer mörderischen Soziopathin, die Lust am Töten hat und nun im Bunker völlig empathiefrei Macht und Kontrolle anstrebt, ohne eine eigene Agenda zu haben. 

Allein funktioniert dies nicht. Aber zum Glück gibt es eine weitere Rückblende. Redmond erfährt von dem Quantenwissenschaftler Henry Miller, dass die KI „Alex“ damit begonnen hat, mit der Zeit zu experimentieren. Er schlägt vor, die Arbeit an dem Quantencomputer zu beenden.
 
Das Problem: Wenn es sich bei „Alex Q“ um den Quantencomputer handelt, dann haben dessen E-Mails im Leben der jungen Jane genau das ausgelöst, was sie verhindern sollten. Anders formuliert: „Alex“ kennt die Wirkung, aber erst mit seinem Eingriff in die Zeit werden die Ursachen generiert. Ein Paradoxon, das mit einem dicken Finger auf die 3. Staffel zeigt. 

Und kaum, dass der Zuschauer zu ahnen beginnt, dass die Lustmörderin zur heimlichen Hauptfigur im großen Finale mutiert, wird sie bei dem Versuch Gabriela Torabi zu liquidieren, von dieser erstochen. Sie hatte ausgedient. Women in Refrigerators? Welcher Strategie man beim Scriptwriting damit verfolgt, wird im letzten Absatz erklärt.

Zum Schluss ein Schuss Medientheorie: Was ist disruptives Erzählen?

Am Ende fliegt der Bunker in die Luft und eigentlich müssten die in Massen aus dem Bunker geflohenen Menschen, die das Spektakel aus geringer Distanz fassungslos beobachten, Opfer der austretenden Radioaktivität werden. Aber geschenkt. 

Fassen wir zusammen: Die zweite Staffel von „Paradise“ ist erzähltechnisch ambivalent. Es gibt einen beeindruckenden Spannungsbogen, mit dem man grandios unterhalten wird. Auch dem Rezensenten hat es Spaß gemacht: die 2. Staffel war deutlich besser als die erste. Das Storytelling ist überwiegend brillant, die Figuren werden subtil entwickelt und einige Nebenhandlungen sind überraschend finessenreich. Sozusagen ‚The Cream on the Coffee‘. Das ist eine Seite der Medaille.
Die andere Seite läuft dagegen aus dem Ruder. Die letzten drei Episoden sind schlichtweg zu atemlos. Als würde die Dramatik der Parallelmontage der vielen Handlungsstränge nicht ausreichen, wurde der Zuschauer mit zum Teil ziemlich überflüssigen Flashbacks und neuen Informationen gestresst. Letztere dürften die eisernen Fans der Serie aber positiv getriggert haben, andere aber nicht. Mich auch nicht.

Entscheidend ist etwas anderes: Wir haben es mit einer neuen Erzählstrategie zu tun - dem disruptiven Erzählen. In Fachkreisen nennt man dies (etwas, was mich schon in „Devs“ genervt hat) „Multimodal and immersive storytelling“. Und dazu gehören neben vielen anderen Elementen das Erzählen in unterschiedlichen Medienformaten (transmediales Storytelling), aber auch die Aktivierung der Zuschauer in Web-Netzwerken und ihre Debatten in anderen Medien. Als Beispiel sollte man folgenden Thread in Reddit lesen. Es ist schon sehr interessant, zu welchen Erkenntnissen man gelangt, wenn man sich über das Nasenbluten von zwei Figuren austauscht.

„Neues Erzählen“ nennen das die Profis. Und das bedeutet auch, das klassische Erzählen mit der Anti-Linearität einer Story aufzubrechen. Kaum überraschend: auch die Zeitmanipulation gehört dazu. Die traditionellen linearen Erzählmuster werden also konterkariert, Logik wird zweitrangig und last but not least muss der Zuschauer die Puzzleteile der Erzählung selbst zusammensetzen. Aber bitte nicht allein, sondern mit anderen. Das nennt man dann Teilhabe, tatsächlich ist dies aber eine Illusion.

Es überrascht daher nicht, dass das disruptive Erzählen (übersetzt: störendes, unterbrechendes Erzählen) auch das Produkt-Marketing erreicht hat. Kunden sollen dadurch Produkte völlig neu erleben. Die Sinnhaftigkeit der Geschichte bleibt auf der Strecke. Und das ist gewollt. Dan Fogelman kann man also nicht vorwerfen, dass er sich dem Zeitgeist verweigert. Letztendlich geht es beim disruptiven Erzählen um die Steuerung (oder Manipulation) der Konsumenten.

„In der Regel interessiert (…) das Publikum die Botschaft überhaupt nicht. Menschen wollen keine Botschaften, sie wollen gute und überraschende Geschichten“, schrieb der Marketing-Experte Timo Sohr. „Erreicht man beim Publikum den SLAT-Moment („shit, look at that“) und fügt dem Ganzen einen Mehrwert, in Form von Unterhaltung oder Information zu, macht sich die Botschaft selbstständig. Disruptive Storytelling ist das Gebot der Stunde.“

Ein zynisches Menschenbild? Ich will jedenfalls Botschaften. Weil sie da sind. Auch dann, wenn man sie nicht beim Namen nennt.

Übertragen auf die Serienkultur, die ja auch Produkte produziert, bedeutet diese Strategie: der Erfolg eines Produkts ist dann am größten, wenn sich Tausende in unterschiedlichen Medien gemeinsam darum bemühen, eine Geschichte zu kommentieren, zu enträtseln und zu bewerten. Die Zuschauer sind keine Konsumenten mehr, sondern werden dadurch Botschafter eines Produkts, für das sie ohne Bezahlung Werbung betreiben. Brave New World.

Fazit

  • Die zweite Staffel von „Paradise“ ist gute Unterhaltung, die gekonnt eskapistische Bedürfnisse befriedigt. Dass „Paradise“ als „Political Thriller“ verortet wurde, ist nach der zweiten Staffel nicht mehr möglich. Kritisch sind die Erzähltechniken (disruptives Erzählen) zu bewerten. Note: 2.
  • Filmästhetisch erfindet die Serie das Rad nicht neu. Aufwändige CGI-Effekte werden nicht geboten. Insgesamt ist die Kameraarbeit solide, mehr aber auch nicht. Note: 3.
  • Dafür ist der Cast exzellent. Sterling K. Brown agiert in Staffel 2 besser als in der ersten Staffel und James Marsden als totem POTUS wurde am Ende ein herrlicher Monolog über untergehende Imperien ins Skript geschrieben. Es blieb nicht die einzige intelligente Szene, die aus dem Writer’s Room kam. In Sachen Charakterentwicklung kann man der Serie nicht vorwerfen. Note: 1.
  • Im Gegensatz zur ersten Staffel missglückte den Machern der Score. Das elegische Main Theme des Komponisten Siddhartha Dinesh Khosla („This is us“) wurde fast über jede Szene gegossen, egal, ob es sich um Action-, romantische oder ruhige Szenen handelte. Das hat aber nicht der indische Komponist zu verantworten, sondern die für den Final Cut Verantwortlichen. Note: 4.
  • Ein Tipp: Ein Geheimnis wird nie ganz gelöst, sondern nur durch ein anderes ersetzt.


Noten: BigDoc = 2,5.


Rezension der 1. Staffel 

Paradise (Staffel 2) – USA 2026 – Network: Hulu – Streaming: Disney+ - Creator und Showrunner: Dan Fogelman – 8 Episoden – D.: Sterling K. Brown, Julianne Nicholson, Sarah Shahi, Nicole Brydon Bloom, Aliyah Mastin, James Marsden, Enuka Okuma, Krys Marshall.


Nachtrag

KI-gesteuerte Quantencomputer gibt es nicht. Überhaupt gibt es keine fehlerfreien Quantencomputer. Und gäbe es sie, könnten sie nicht in die Zeit eingreifen. Auch weil die etablierte Physik den Begriff „Zeit“ aufgegeben hat. Nur einige Aspekte der Thermodynamik verteidigen den Faktor „Zeit“. 

Quantencomputer wären auch nicht die allmächtigen Götter in einer zweifelhaften Zukunft. Aber seit den 1950er-Jahren gibt es in der Science-Fiction Geschichten über größenwahnsinnige Computer, die die Weltherrschaft anpeilen. Es reicht langsam. 

Und die Quantenphysik? Sie wird in populären Medien und einer Handvoll von Esoterikern nur benutzt, um Bullshit zu erzeugen. Wollen Sie einige Multiversen besuchen? Kein Problem. Kaufen Sie sich ein subatomares Quantenauto! Ehrliche Quantenphysiker geben zu, dass nur eine Handvoll Menschen die Quantenphysik verstehen. Die Autoren von „Paradise“ gehören nicht dazu. 

Da Quantenphysik offenbar alles kann, zelebrieren einige Web-Plattformen ihr Clickbaiting mit der Ankündigung „Was in Staffel 3 geschieht“. Folgt man ihnen (dem ist abzuraten), werden alle in „Paradise“ getöteten Figuren dank „Alex“ wieder von den Toten auferstehen. Das ist absurd, aber vielversprechend, denn „Annies Baby“ braucht schließlich seine Mutter.