Kurz vor dem Ende der 4. Staffel rücken TOS-Figuren nicht häufiger in den Mittelpunkt der Story. "Like Chronitons Through the Hourglass" war überwiegend eine Pike-Geschichte, “Off-Hour” erzählte von Teams, die aus TOS-Figuren bestanden und solchen, von denen man sich irgendwann verabschieden muss.
Vielleicht auch von La'An. "Once La'an a Time", die vorletzte Folge der vierten Staffel, rückt die Sicherheitschefin in den Mittelpunkt und soll laut Showrunner Henry Alonso Myers auf einem Fantasy-Planeten spielen, der etwas mit „The Elysian Kingdom" (S1E) zu tun hat. Wer den Episodentitel mit „Once Upon A Time“ kurzschließt, sollte sich aber nicht mit Sergio Leone beschäftigen, sondern mit der gleichnamigen Episode aus „Star Trek: Voyager“ (S5E5).
Ep 8: Orders of Magnitude
Zwei Männer unterwegs im Weltall. Beide fliegen mit einem Shuttle. Wie geht das, wenn man weiß, dass Starfleet-Shuttles vor TOS überwiegend mit Impulsgeschwindigkeit fliegen? „Strange New Worlds“ spielt zeitlich vor TOS (2265-2269). Es dürften also laut Kanon nicht einmal warpfähige Typ-4-Shuttles geben. Wer sich darüber ärgert, verplempert aber Zeit.
Pike muss verschwinden, damit der Plot funktioniert
Die beschränkte Reisegeschwindigkeit hindert die beiden Männer nicht daran, der „Enterprise" hinterherzufliegen. Einer der beiden ist James T. Kirk, der wieder einmal auf seinem Schiff nicht gebraucht wird. Der andere ist Admiral Simon Reeger (Joe Morton), der an Bord der „Enterprise" geht und die Befehlsgewalt übernimmt. Für einen militärischen Einsatz. Der Konflikt ist vorprogrammiert, als Reeger den Urlauber und Lieutenant Commander James T. Kirk als ranghöchsten Offizier zu seiner Nr. 1 macht und dramatisch verkündet, dass die „Enterprise" in den Krieg ziehen wird.
Für diesen Plot musste der Captain der „Enterprise" allerdings vom Writer’s Room aus der „Enterprise" entfernt werden. Folglich begibt er sich zusammen mit seiner Nr. 1 Una Chin-Riley, Nyota Uhuru und der ungeselligen vulkanischen Kadettin A’Sha (Bianca Nugara) in einem Nebenplot auf einen Planeten, der ein schwaches Hilfesignal sendet. Als das Team in eine unterirdische Höhle vordringt, bricht (natürlich) die Com zusammen. Pikes Team wird von Andorianern überwältigt, die mit Waffen handeln und nun von Pike einen Code erpressen wollen. Währenddessen ist die „Enterprise" unter der Führung Reegers davongeflogen.
Der Nebenplot hat ein leicht erkennbare Funktion. Der sich anbahnende Konflikt auf der „Enterprise" nähert sich TOS an. Nicht Pike, sondern der zukünftige Captain James T. Kirk soll den Konflikt mit einer ikonischen Figur austragen und gewinnen, damit er peu à peu sein TOS-Profil als intelligenter und risikofreudiger Captain erhält. Denn Admiral Reeger ist nach einer erfolgreichen und beinahe aussichtslosen militärischen Aktion eine mythische Figur geworden, ein glorreicher Held, dem die Crew der „Enterprise" devot und mit offenem Mund staunend und blind gehorcht. Es wird also schwer, sich mit ihm anzulegen.
„Admirals“ = „Badmirals“?
Dass „Orders of Magnitude” eine der konservativen (und das darf mit „altmodisch“ übersetzt werden) Episoden werden sollte, die Alex Kurtzman und seine Showrunner Akiva Goldsman und Henry Alonso Myers den Fans versprachen, ist von Beginn an klar. Alles steuert nämlich auf einen ethischen Konflikt zu, also klassisches Star Trek.
Dass das Auftauchen neuer Captains nichts Gutes bedeutet, weiß man seit TNG S6E10/11 „Geheime Mission auf Celtris III“. Reißt ein Admiral das Kommando an sich, erinnert sich der Trekkie sofort an TNG S1E25. In „Conspiracy“ („Die Verschwörung“) übernehmen Parasiten die Kontrolle über die irdische Admiralität. Das ist nicht gerade vertrauensbildend.
Auch in anderen Episoden von „The Next Generation“ hatte Picard immer wieder Probleme mit seinen Vorgesetzten. Diese Konfrontationen gibt es abgesehen von „Voyager“ in fast allen Star Trek-Staffeln. Die unterschwellige Botschaft ist einfach: Moralische Integrität gibt es auf den Schiffen und ihren moralisch sauberen Captains. Alles andere ist Politik und Inkompetenz. Später wird es übrigens James T. Kirk sein, der in etlichen Kinofilmen als Admiral Raumschiffe stiehlt oder das Kommando übernimmt.
Auch in anderen Episoden von „The Next Generation“ hatte Picard immer wieder Probleme mit seinen Vorgesetzten. Diese Konfrontationen gibt es abgesehen von „Voyager“ in fast allen Star Trek-Staffeln. Die unterschwellige Botschaft ist einfach: Moralische Integrität gibt es auf den Schiffen und ihren moralisch sauberen Captains. Alles andere ist Politik und Inkompetenz. Später wird es übrigens James T. Kirk sein, der in etlichen Kinofilmen als Admiral Raumschiffe stiehlt oder das Kommando übernimmt.
In „Orders of Magnitude” wird der ethische Konflikt schnell klar. Admiral Reeger will mit der „Enterprise" ein geheimnisvolles Schiff vernichten, das seit Jahren durch die Galaxis vagabundiert und fremde Planeten überfällt. Dass die militärische Aktion persönliche Hintergründe hat, überrascht nicht. Die Fremden vernichteten beim berüchtigten „Vaardan-Massaker“ fünf Mio. Föderationsbürger, darunter auch Reegers Familie. Nun wurde das Schiff in der Nähe des Planeten „Argus II“ entdeckt und ist möglicherweise auch dort gelandet. Reeger will die Chance nutzen und ist fest entschlossen, die gesamte Oberfläche des Planeten zu vernichten – und damit auch die marodierenden Räuber und Planetenvernichter. Den Tod der Zivilbevölkerung nimmt er billigend in Kauf und beruft sich auf „Direktive 24“.
Der ethische Kanon der Sternenflotte hat eine Hintertür
Der Plan ist moralisch grausam, aber kein Vergehen. Es geht um nicht weniger als die legale Nutzung des ethischen Kanons der Sternenflotte. Deren Hauptdirektive (Nichteinmischung in die Entwicklung fremder Zivilisationen) sowie die „Direktive 2“ (Schutz fremder intelligenter Lebewesen) scheinen glasklar zu sein. Gäbe es nicht eine Hintertür, nämlich die Direktiven 23 (Vernichtung intelligenten Lebens) und 24 (Vernichtung des gesamten intelligenten Lebens auf einem Planeten). Letztere tritt in Kraft, wenn die Einwohner des Planeten einen schwerwiegenden (!) Verstoß gegen die Hauptdirektive begangen haben.
Um die Direktive 24 nutzen zu können, beruft sich Reeger daher auf kollaborierende Einwohner, hat dafür aber keine Beweise. Kirks zunehmender Widerstand bezieht sich auf diese Faktenlücke. Und langsam schleicht sich auch bei der Crew der Verdacht ein, dass Reeger nur seinem Verlangen nach Rache folgt.
Kirks erst verhaltener, dann offener Widerstand hat Folgen. Er wird von seiner Funktion als Nr. 1 entbunden. Gleichzeitig wird Reegers emotionale Instabilität immer gefährlicher. Es ist M’Benga, der dem Admiral heimlich eine Droge verabreicht, die Reeger paranoid werden lässt. M’Benga kann ihn als Schiffsarzt nun von seinem Kommando entheben, läuft aber Gefahr, seinen Job zu verlieren.
Kirks erst verhaltener, dann offener Widerstand hat Folgen. Er wird von seiner Funktion als Nr. 1 entbunden. Gleichzeitig wird Reegers emotionale Instabilität immer gefährlicher. Es ist M’Benga, der dem Admiral heimlich eine Droge verabreicht, die Reeger paranoid werden lässt. M’Benga kann ihn als Schiffsarzt nun von seinem Kommando entheben, läuft aber Gefahr, seinen Job zu verlieren.
Das ist ein interessantes Easter Egg, denn bei der Droge handelt es sich um Cordrazine, ein extrem starkes Aufputschmittel, das bei der Reanimation nach einem Herzstillstand eingesetzt wird. In TOS S1E28 „The City on the Edge of Forever“, dts. „Griff in die Geschichte“, taucht Cordrazine erneut auf. „Pille“ McCoy, der Schiffsarzt auf der „Enterprise", injiziert sich die Droge versehentlich, flieht in die Vergangenheit und verändert die Zeitlinie dramatisch. Nur am Rande: Cordrazine gibt es unserer Realität (noch) nicht.
„Orders of Magnitude” klassisches Star Trek. Wie so oft findet die Crew der „Enterprise" einen Ausweg aus dem Dilemma „Hierarchie“ oder „Moral“. Das funktioniert überwiegend sehr spannend, denn mit Joe Morton holte man einen EMMY-Preisträger an Bord, der den Badmiral mit soviel Charisma, Wucht und Energie spielte, dass Paul Wesley als James T. Kirk sich anstrengen musste, um auf Augenhöhe agieren zu können. Und thematisch ist das Thema „Befehlsverweigerung“ ohnehin immer ein spannender Stoff im Star Trek-Universum gewesen.
Ratlosigkeit, das Geheimnis einer guten Geschichte
Trotzdem hat man ab und an das Gefühl, dass die Episode das Thema nach Schema F erzählt wird. Reegers dunkle Seite wird etwas zu schnell enthüllt, der Zuschauer hat also keine Probleme damit, ein eigenes ethisches Urteil zu fällen: Wer bringt gerne 5000 intelligente Lebewesen um?
Wirklich spannend werden Konflikte aber erst, wenn sie ein schwer lösbares Dilemma heraufbeschwören. In diesem Fall hätte Reeger so überzeugende Argumente vorbringen müssen, dass den Zuschauern eine Beurteilung nicht auf dem Silbertablett serviert werden kann. Episoden, nach denen man erst mal ratlos ist, haben eine größere Wirkung. Man nennt dies „Nachdenken“.
Wirklich spannend werden Konflikte aber erst, wenn sie ein schwer lösbares Dilemma heraufbeschwören. In diesem Fall hätte Reeger so überzeugende Argumente vorbringen müssen, dass den Zuschauern eine Beurteilung nicht auf dem Silbertablett serviert werden kann. Episoden, nach denen man erst mal ratlos ist, haben eine größere Wirkung. Man nennt dies „Nachdenken“.
Diesen Effekt können historisch forschende Treekies allerdings selbst erzeugen. Pikant ist nämlich, dass James T. Kirk selbst von der „Direktive 24“ Gebrauch machen wird. Viele Jahre später droht er in der Folge „A Taste of Armageddon“ (Krieg der Computer) zwei kriegsführende Planeten mit der „Direktive 24“, um sie zum Friedensschluss zu zwingen. Zum Glück kommt es nicht zum Schlimmsten. Natürlich ist das ein weiteres Easter Egg. Es zeigt, dass die Ethik in einem Konflikt immer von der vermeintlich effektiveren Gewalt bedroht wird.
Unterm Strich ist „Orders of Magnitude” eine gute Episode geworden. Das ethische Thema ist typisches Star Trek, ohne dass Autor Alan B. McElroy und Regisseurin Sharon Lewis das Rad neu erfinden konnten/wollten.
Unterm Strich ist „Orders of Magnitude” eine gute Episode geworden. Das ethische Thema ist typisches Star Trek, ohne dass Autor Alan B. McElroy und Regisseurin Sharon Lewis das Rad neu erfinden konnten/wollten.
Am Rande erfährt man, warum der Vater von James und Sam Kirk nie das Kommando über ein Schiff erhielt. Tatsächlich waren ihm Reegers Heldentaten gelungen, als dieser mitten im Kampf gegen die Klingonen schwer verletzt wurde. Reeger manipulierte das Logbuch, eignete sich den Ruhm an und rächte sich an Kirk, indem er dessen Karriere jahrzehntelang bremste. Diese Enthüllung führt zur endgültige Demontage des ruhmreichen Helden, der keiner war.
Und Pike? Der rückt nicht zum ersten Mal in der Hintergrund. Was auf der „Enterprise" geschah, wird er aus dem Logbuch erfahren. Nicht einmal den Konflikt mit den Andorianern kann er lösen – das erledigt Uhura. Die erschießt die Aliens in einer furiosen Actionszene mit deren eigenen Schnellfeuer-Phasern. Das verstößt gegen keine Direktive. Als Form der Konfliktlösung ist es angesichts des Hauptthemas der Episode allerdings ein wenig zynisch, aber halt auch sehr pragmatisch.
Und Pike? Der rückt nicht zum ersten Mal in der Hintergrund. Was auf der „Enterprise" geschah, wird er aus dem Logbuch erfahren. Nicht einmal den Konflikt mit den Andorianern kann er lösen – das erledigt Uhura. Die erschießt die Aliens in einer furiosen Actionszene mit deren eigenen Schnellfeuer-Phasern. Das verstößt gegen keine Direktive. Als Form der Konfliktlösung ist es angesichts des Hauptthemas der Episode allerdings ein wenig zynisch, aber halt auch sehr pragmatisch.
Note: = 1,9
Noten: Story/Plot/Drehbuch = 2, Kamera / Bildmontage = 2, Darsteller = 1, Score / Soundtrack = 1,5, Kohärenz/Logik = 3.