Montag, 25. Juli 2011

DVD-Review: Classic Sci-Fi (Universal)


Preiswerter geht's nicht
Die englische Filiale eines großen E-Tailers hält aktuell ein Angebot bereit, das man mit gutem Gewissen als Knaller-Schnäppchen bezeichnen kann. Für weniger als 8 ₤ (GBP) und damit für umrechnet € 10,- und ein paar Cent wird die 2007 veröffentlichte DVD-Box „Classic Sci-Fi“ angeboten, auf der man sieben DVDs mit Klassikern des Science Fiction-Films findet.
Einen Schwerpunkt bilden die Filme von Jack Arnold (1916 – 1992), dem großen B-Picture-Spezialisten, der 1954 mit dem ‚Kiemenmenschen‘ auch das berühmteste 3 D-Filmmonster der 1950er Jahre schuf. So findet man in der Universal-Box neben „Creature from the Black Lagoon” (Der Schrecken vom Amazonas, 1954) auch die Arnold-Klassiker  „It Came From Outer Space“ (Gefahr aus dem Weltall, 1953),  „Tarantula“ (1955) und „The Incredible Shrinking Man“ (Die unglaubliche Geschichte des Mister C., 1957), in  „This Island Earth“ (Metaluna IV antwortet nicht) erledigte Arnold nur Nachdreharbeiten.
Zu den Filmen, die bis heute als All-Time-Classics gelten, gehören auch Don Siegels „Invasion oft he Body Snatchers“ (Die Dämonischen, 1956) und „The Thing from Another World“ (Das Ding aus einer anderen Welt, 1951) von Christian Nyby und Howard Hawks (Producer). Don Siegels Film ist zudem als colorisierte Fassung auf der DVD, allerdings sollte man hier nicht mehr als schlechte VHS-Qualität erwarten.
Das Faszinierende den B-Pictures ist die naive Schaulust auf den Schrecken und ihr Kultstatus, der immerhin zu einigen veritablen Remakes geführt hat: So wurde „The Thing from Another World“ einmal neu aufgelegt, wobei ich die Carpenter-Version und ihren blutigen Naturalismus durchaus für ein adäquates Spektakel halte. Der Film war sehr lange indiziert und wurde erst vor kurzem freigegeben, wobei die Bluray-Version uneingeschränkt zu empfehlen ist.
Nicht weniger interessant waren die Versuche, den „Dämonischen“ neue Aspekte abzugewinnen. Die 1978er-Version von Philip Kaufman konnte man als gelungen betrachten, die 1993er-Version von Abel Ferrara bot kaum mehr als solides Handwerk, während Oliver Hirschbiegels Variante (2007) offenbar von den Produzenten verhunzt wurde. In beiden Fällen kann man festhalten, dass sich das Original immer noch blenden hält.

Beängstigender Körperhorror
Die naive Schaulust hingegen vermitteln alle Filme der Box recht überzeugend. B-Pictures, die in so genannten Double Features zusammen mit einem aufwändigen A-Film gezeigt wurden, mussten sich in der 50er Jahren genauso wie ihre teuren Kollegen gegen den großen Konkurrenten behaupten, das Fernsehen. Großartige Effekte und ausgeklügelte Drehbücher dufte man nicht erwarten, aber mitunter waren die billigen Filmen für einige Regisseure das Sprungbrett in die A-Kategorie, andere Filmemacher wie z.B. Jacques Tourneur entwickelten trotz bescheidener Budgets außergewöhnlich kreative und stilistisch prägende Filme, die man eigentlich ungern als „billiges“ B-Movie bezeichnen möchte.
Trotz all dieser Einschränkungen konnten einige B-Picture durchaus schaurige Effekte vorführen: „The Incredible Shrinking Man“ und „Tarantula“ sind auch heute, in Zeiten teurer CGI-Effekte nicht übel anzusehen.
Die vorliegende Collection bietet dem Genrefreund auch eine weitere, durchaus erwähnenswerte Sichtweise an: nämlich dass das Essentielle des Science Fiction-Films nicht immer greifbar ist, was damit zu tun hat, dass die B-Movies der 50er Jahre sehr nah am Horrorfilm angesiedelt sind. Das gilt auch heute noch. Also wenig Science, dafür aber Körper-Horror und eine Sexualisierung der Sujets, die wie Vorläufer des Themenparks von David Cronenberg anmuten.
Die dabei thematisch geschickt platzierten Angst- und Schauereffekte können kaum voneinander getrennt werden und scheinen sich zu bedingen, Bedrohung und physische Verwandlung stehen in enger Beziehung: in „The Thing“ hat das Monster, das sich wie eine Pflanze reproduziert, weder Sexualität noch Gefühle und droht seinen Opfern mit Körperexploitation. In „Invasion“ bieten die Kopien ihren zukünftigen Opfern eine Welt ohne Sex, Liebe und Gefühle an, ein Prozess, der mit Körperaneignung, Körperwandlung und –zerstörung zu tun hat. In „It came from Outer Space“ werden von den Aliens Körperkopien erstellt, die –natürlich- gefühlsneutral und zombifiziert wirken. In „This Island Earth“ werden Transformationen vollzogen, die den Opfern den freien Willen rauben, während in „Tarantula“ der Mad Scientist natürlich mit grässlichen Körperverformungen seinen Preis bezahlt. „The Incredible Shrinking Man“ erzählt bereits dank seines Titels, was mit dem Körper des Helden geschieht, während der berühmte Kiemenmensch reichlich diffusen erotischen Neigungen nachgeht.
Nun ist die simple Ideologie der B-Pictures gar nicht mal so schwer zu verstehen: einerseits geht es ganz in der Tradition des Rummelplatzes um möglichst gruselige Unterhaltung für ein zumeist adoleszentes Publikum und keineswegs um die schlichte Formel ‚Wer Sex hat, wird bestraft‘, sondern um die nicht weniger beunruhigende Aussicht, dass die Rätsel des Körperlichen möglicherweise unbekannte Schrecken bereithalten und uns im schlimmsten Fall der völlige Kontrollverlust droht. Wen das nicht gruselt, dem ist nicht zu helfen.

Ordentliche DVD-Qualität
Technisch ist der Sci-Fi-Box angesichts des Preises wenig anzulasten, obwohl die Qualität doch stark schwankt („Invasion“ ist insgesamt mangelhaft, und zwar sowohl in s-w als auch in der Farbversion), insgesamt kann man aber ausreichende bis befriedigende DVD-Qualität erwarten. Wer sich die Klassiker nicht in der Originalfassung (bei „The Thing“ angesichts der rotzfrechen schnellen Dialoge eigentlich Pflicht!) ansehen möchte, findet bei folgenden Filmen eine deutsche Tonspur: „Tarantula“, „Shrinking Man“ und „It came from Outer Space“. Alle Filme besitzen umfangreiche Subtitles, wobei leider kein einziger ausschließlich englischsprachiger Filme deutsch Subs besitzt. Aber keine Sorgen: in der Regel sind die Dialoge doch so schlicht gehalten, dass normales Schulenglisch bequem ausreicht. Sicher ein Vorteil dieses Genres.
Fazit: preiswerter wird man diese Filme, die ja überwiegend Filmgeschichte geschrieben haben, in Zukunft wohl nicht bekommen. Ein Pflichtkauf für Genrefans.

Donnerstag, 30. Juni 2011

Bluray-Review: The Walking Dead

In den USA ein Serienhit
2010 produzierte der US-Pay-TV-Sender AMC zusammen mit Frank Darabont die Serie „The Walking Dead“. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Comic von Robert Kirkman und Tony Moore und enthält in der ersten Staffel neben dem Piloten fünf weitere Episoden.
Darabont (der mit „The Shawshank Redemption“, 1994, „The Green Mile, 1999 und „The Mist“, 2007 drei kongeniale Stephen King-Verfilmungen als Regisseur und Drehbuchautor gestaltete) ist Executive Producer der Serie, zudem arbeitete er am Drehbuch für die ersten drei Folgen und führte Regie beim Piloten.
Die Dreharbeiten für die zweite Staffel haben im Juni begonnen, geplant sind 13 Episoden. Angeblich soll Darabont bei den Autoren kräftig durchgemischt haben, während die Gerüchteküche vermeldet, dass man sich um Stephen King bemüht, der zumindest eine Episode der zweiten Staffel schreiben soll.
Erzählt wird die Geschichte des Polizisten Rick Grimes (Andrew Lincoln), der nach einem Schusswechsel mit Gangstern schwer verletzt im Krankenhaus liegt und den Ausbruch einer Zombie-Pandemie zunächst nicht mitbekommt. Als er erwacht, hat sich die Welt verändert: Untote haben die großen Städte überrannt und Grimes durchstreift das Land auf der Suche nach Überlebenden.

Handwerklich hervorragend
„The Walking Dead“ wird voraussichtlich im Herbst in Deutschland auf DVD und Bluray erscheinen. Im Folgenden wird allerdings der bereits in Großbritannien erhältliche 2-Disc-Set besprochen, der zu einem moderaten Preis erhältlich ist.

Wer von „The Walking Dead“ einen toughen Zombie-Splatterfilm erwartet, sollte besser die Finger von Staffel 1 lassen. Filmfreunde, die allerdings die Art und Weise schätzen, mit der Frank Darabont Geschichten erzählt, sollten auf jeden Fall zuschlagen. Im Mittelpunkt der Episoden, die einer zusammenhängenden Storyline folgen, steht ganz eindeutig die Figurenentwicklung. Der nicht unbedingt originelle Plot (was man in diesem Genre auch nicht unbedingt erwarten sollte) interessiert sich dafür, wie Menschen im Angesicht der Apokalypse miteinander um's Leben kämpfen – oder auch nicht. Denn Grimes, der rasch eine große Gruppe von Nicht-Infizierten findet, macht bald die Erfahrung, dass die Not die Menschen nicht unbedingt zu besseren Exemplaren ihrer Gattung macht.
Darabont, und das ist der fette Pluspunkt der Serie, lässt sich Zeit beim Erzählen, entwickelt sorgfältig die Figuren und auch die mit den folgenden Episoden betrauten Regisseure übernehmen diese Handschrift. Dies dürfte hartgesottenen Undead-Nerds nicht immer gefallen, aber gerade diese Erzählweise sorgt in jeder Episode für eine beklemmende Spannung.
Wenn Grimes und seine Mitstreiter allerdings die Walking Dead stoßen, geht es schonungslos zur Sache und nicht nur einmal wird die Ekelgrenze kräftig überschritten.

Stilistisch ist die in den Staaten überaus erfolgreiche Serie erfreulich konventionell, aber sorgfältiges Inszenieren und hochwertige Kameraarbeit haben Darabont-Filme schon immer ausgezeichnet. Keine Wackelkamera, keine hysterischen 3 sec-Schnitte, keine überreizte und hektische Montage – „The Walking Dead“ wirkt im Vergleich zu der hyper-modernen Bildästhetik, wie sie etwa in „The Shield“ oder „Battlestar Galactica“ zu sehen ist, fast schon betulich.

Technisch gut, aber keine Referenz
Technisch repräsentiert der auf 16 mm aufgenommene Film nach dem Transfer auf Bluray nicht Referenzqualität. Dies liegt am gelegentlich sehr deutlichen Filmkorn, das besonders bei Totalen etwas lästig wirkt. Mitunter hat man auch das Gefühl, dass digital nachgeschärft worden ist. Insgesamt ist das Bild aber scharf und ohne Artefakte, sodass man sich an die gelegentlich auftretenden kleinen Mängel rasch gewöhnt hat. Für die Note „Gut“ reicht es allemal.

Mark up: Top-Fifty überarbeitet - nun mit Bluray-Bewertung

Die drei Bestenlisten wurden überarbeitet und aktualisiert. Filme, die auf Bluray vorliegen, werden mit einem Qualitätssiegel versehen, das den Bereich BD ++ (exzellent), BD + (gut), BD = (ausreichend, besser als DVD), BD - (enttäuschend) und BD - - (mangelhaft) umfasst.
Bei der Bewertung werden keine mildernden Umstände gewährt: ältere Filme werden genauso bewertet wie aktuelle, so dass relativierende Bewertungen ("Gemessen am Alter des Films ist das durchaus gelungen") völlig entfallen - entweder ist etwas High Def oder es ist es nicht.
Der Grund: es gibt zahllose Filme, die mehr als 60 Jahre alt und dennoch vorzüglich restauriert worden sind. Also keine Ausreden.

Mittwoch, 29. Juni 2011

Die kommenden Tage

Deutschland 2010 - Regie: Lars Kraume - Darsteller: Bernadette Heerwagen, Johanna Wokalek, Daniel Brühl, August Diehl, Susanne Lothar, Ernst Stötzner, Jürgen Vogel, Vincent Redetzki - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 129 min.

Es kam wie es kommen musste: auch im Filmclub gab es heftige Kontroversen über „Die kommenden Tage“. Dem einen war es zu wenig SF-like, dem anderen sagten die konventionellen Figuren nicht zu. Da ging es uns eben auch nicht besser als den Filmkritikern, die sich in überwiegender Anzahl entschlossen haben, den Film zu verreißen. Dabei wurde nicht immer zimperlich verfahren. So kam einer meiner ehemaligen Berufsgenossen offenbar zu dem Schluss, Details des Films umzubiegen (ach ja, eigentlich bin zu höflich: man muss schon von fälschen reden), um den Film in den gewünschten Kontext hineinzuzwingen. Man möge entschuldigen, wenn ich hier nicht Ross und Reiter nenne.
Warum diese Aufregung?

Eine politische deutsche Familiengeschichte
 „Die kommenden Tage“ ist (möglicherweise) ein politischer Film. Ich weiß zwar selbst nicht ganz genau, was dies genau ist, aber wir können uns darauf einigen, dass Regisseur Lars Kraume, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist (wie schön: Autorenfilm! Hat ihm bei der Kritik allerdings auch nicht geholfen), eine Geschichte erzählt, die uns zeigt, wo unser Land im Jahre 2020 möglicherweise ankommen könnte. Es ist eine Geschichte über den Terrorismus, über Bundeswehrsoldaten, die für ein schwer zu vermittelndes Interessengemenge in fremden Ländern längst nicht mehr ‚zivil‘ agieren, sondern handfest zu den Waffen greifen. Natürlich, um Ressourcen zu verteidigen (wem auch immer sie gehören mögen).
Wir sehen auch, wie Europa sich vor den Wirtschaftsflüchtlingen aus Afrika und Asien abschottet, eine hohe Mauer baut und sie von FRONTEX (nur am Rande: die gibt’s tatsächlich, das ist nicht Science Fiction) verteidigen lässt.
Kraume zeigt uns, dass dies leider nicht hilft, dass in deutschen Städten Notunterkünfte wie Pilze aus dem Boden schießen und dass sich in den Supermärkten die Regale leeren (vermutlich, weil die Dritte-Welt-Länder kein preiswertes Obst mehr liefern), während in der Gesellschaft die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht.
„Die kommenden Tage“ erzählt auch vom Irrwitz des Terrorismus – sehr subjektiv, nicht immer befriedigend, aber durchaus schlüssig in Zeiten, in denen nur noch wenige begreifen, warum auch junge Deutsche zum Islam konvertieren und sich dem Dschihad anschließen.
Und das alles, die disparaten Teile, oft nur durch kurze Einstellungen angedeutet und nicht weiterverhandelt, und die konsistenten, werden durch ein episches Konstrukt zusammengehalten, das man kurz und bündig eine deutsche Familiengeschichte nennen darf.
Das ist nicht neu. Ich darf dezent daran erinnern, dass Edgar Reitz in zweiten Teil seines seines Epos „Heimat“ nichts anderes getan hat, als relativ zeitnah eine Familiengeschichte zu erzählen, um die Geschichte der Sechziger zu entkernen.
Michael Haneke hat dagegen in „Das weiße Band“ den Blick auf die deutsche Geschichte gleich um 100 Jahre zurück verlegt. Das scheint sicherer zu sein und wohl am sichersten ist es, gleich die „Buddenbrocks“ zu verfilmen, denn wenn Filmemacher von der jüngeren Vergangenheit berichten oder gar einen Science Fiction-Film über unsere nahe Zukunft machen, scheint sich die Masse der Kritiker dezent zurückzuziehen.

Es ist interessant, wie 1993 der SPIEGEL den grandiosen Flop (Heimat I und sein Schabbach in den Zeiten des Nationalsozialismus hatten noch 4 Millionen gesehen, das Fortspinnen der Geschichte in den 60er Jahren wollte kaum mehr als eine Million Zuschauer sehen) von „Heimat II“ mit einem Rekurs auf die Verflachungstendenz in den Medien kommentierte: „Kein Wunder also, dass zur Sendezeit der Reitz-Chronik Schwachsinnsstreifen wie "Manta Manta" oder die Unterhaltungsschabracke "Das Traumschiff" mit einem Vielfachen der Zuschauer davonfuhren. Im Zeitalter des Fast-food-TV ist bündige Kürze gefragt, statt der Unerklärbarkeit der Welt das patente Sinnsurrogat, statt des Lebens langen Atems die Kurzatmigkeit zwischen zwei Cliffhängern, den Spannungshebern der Serie.“ (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13682401.html).

Allerdings teilte das Magazin dann auch saftige Hiebe aus, die darin gipfelten, dass Reitz dann doch wohl zu elitär und versponnen ein Bild der 60er und 70er entworfen habe. Ich kann mir nicht helfen: Heimat II hielt ich immer für den besten Teil der Reitzschen Trilogie, weil in die bittersüßen Liebesgeschichten und die kleinen Problemchen der Münchener Künstler-Schickeria immer wieder viel Zeitgeist der Sechziger eindiffundierte. Auch der Kommentar Reitz´ zum Elend des deutschen Terrorismus hatte mehr zu erzählen als der trotz aller berechtigten Kritik unterschätzte „Baader-Meinhof-Komplex“.
Was lernt man daraus? Es ist schwer kalkulierbar, unter welchen Bedingungen ein Sujet, in dem Politisches und Geschichtliches neben durchaus auch melodramatische Einzelschicksale gestellt wird, den Zuschauer emotional und intellektuell erreicht. Und es ist noch schwerer zu verstehen, warum die deutsche Kritik geradezu aufgeregt mit Schimpfkanonaden herumfuchtelt, wenn es ein Filmemacher überhaupt versucht. 

Zwei Schwestern
Film ist zunächst einmal nicht analytisch, auch nicht, wenn es um Politik und Zeitgeschehen geht. Er infomiert auch nicht unmittelbar, auch wenn sich dies der eine oder andere wünscht. Zur Grammatik der Narration gehört zunächst die Kunst, sich geschmeidig konventionellen Erzählmustern anzupassen und dann in diese Disparates einzuschmuggeln, was an den Sollbruchstellen wenigstens irritiertes Innehalten auslösen sollte.
Das gelingt Kraume recht gut. Er steckt den Rahmen der Kernerzählung mit einem Prolog und einem Epilog ab, die beide im Jahre 2020 spielen und lässt im Off eine seiner Hauptfiguren erzählen: es ist die etwas naivere der beiden Schwestern Laura (Bernadette Heerwagen) und Cecilia Kuper (Johanna Wokalek). Während also Laura im Zug sitzt und gen Süden reist, erzählt sie im Off davon, wie in Europa die Zivilisation verteidigt wird und dabei den Bach runtergeht. Kraume blendet zurück auf das Jahr 2012 und auf die Familie, die zumindest den Alt-Sechzigern immer schon als verdächtiger Schoß des Übels galt. Nun gibt es aber bei den Kupers keine Alt-Nazis, nein, der Herr Papa arbeitet im weitesten Sinne für Kunden aus der Energieindustrie, während im Fernsehen die Nachrichten vom zweiten Golfkrieg über den Bildschirm flimmern.
In dieser Familie wird Politik von der Eltern nur am Rande registriert, dafür gerät anderes aus den Fugen: Laura und Cecilia wissen nicht, ob ihr Vater (Ernst Stötzner) tatsächlich auch der biologische Vater ihres ganz offensichtlich drogenabhängigen Bruders ist, die Mutter (Susanne Lothar) reagiert gereizt, überfordert und resigniert auf den sich anbahnenden Zerfall der Familie. Und ein und aus geht auch Cecilias Freund Konstantin (August Diehl): frech, renitent und anmaßend.
„Doch die Erzählstruktur ist zu verstrickt, viele Handlungsstränge verlaufen ins Nichts, andere Themen werden nur oberflächlich angekratzt, große Zeitsprünge und Auslassungen sorgen für Verwirrung. Gerade am Ende wird alles aufgefahren, was nur geht, die Dramatik steigt ins Unermessliche und auch das ist einfach zu viel des Guten. Der fulminante, übertriebene Schluss macht die gesamte Geschichte zunichte und unglaubwürdig. Man verlässt das Kino völlig geplättet mit vielen offenen Fragen und fühlt sich von diesem wuchtigen Film fast erschlagen. Dennoch gelingt dem Film eine durchaus realistische Schilderung der Zukunft (Julia Binder, Bayern 3)“.

Aus diesem Ensemble werden sich die beiden Hauptstränge der Geschichte herausschälen: Cecilia wird aufgrund ihrer sexuellen Abhängigkeit dem zunächst nur als Spaß-Protestierer auftretenden Konstantin bald zu den „Schwarzen Stürmen“ folgen, einer Untergrundbewegung, die sich rasch zu einer gewaltbereiten Terrorbewegung entwickelt; die eher brave Laura, eine Promotionsstudentin, die sich nicht von ungefähr mit Evolutionsbiologie beschäftigt (da wirft halt gelegentlich auch mal eine hübsche Dialogzeile ab), wird sich in den schwer kranken Aussteiger Hans (Daniel Brühl) verlieben. Hans (er hat tatsächlich zuvor bei Lauras Vater in der Anwaltskanzlei gearbeitet, was man, nun ja, durchaus als über-konstruiert empfinden darf) droht zu erblinden und hat seinen schicken Anzug mit wetterfester Kleidung getauscht, um sich an der Schwelle zum Sehverlust als Hobby-Ornithologe seinen privaten Neigungen hinzugeben. In einer untergehenden Welt, wie er selbst konstatiert.
„Man fragt sich, welchen 2000-Seiten-Roman Kraume hier auf zwei Stunden eindampfen musste. Dabei hat er sich die disparaten Handlungsstränge und die arg verquasten Dialoge alle selbst ausgedacht“ (Philipp Bühler, Berliner Zeitung).

Bestandsaufnahme, Science Fiction und Melodram - zu viel des Guten?
Kraume hat zugegebenermaßen sehr viel in den Grundaufbau seiner Geschichte hineingepackt. Die Figuren sind allesamt miteinander vernetzt, ihre Lebensgeschichten  tragen trotz der vielfältigen Facetten etwas Typologisches und Lehrbuchaftes in sich. Daran kann man sich kritisch abarbeiten, besonders auch weil die politischen Analogien unschwer auch als private sichtbar werden und leicht zu entziffern sind: der Weg der Emanzipation, wie immer sie auch ausfallen mag, ist besonders im deutschen Kino immer auch eine Befreiung von der Familie und hin zu der Familie. Dies gilt offenbar für Aussteiger und Angepasste.
Cecilia wird mit den „Schwarzen Stürmen“ einen radikalen Gegenentwurf zur restaurativ-konservativen Familien-Keimzelle finden: sexuell libertär, verschwörerisch, am Ende autoritär-faschistisch; Laura will und wird mit dem rührend sensiblen Hans eine nette Kleinfamilie gründen, die fähig, sich hermetisch gegen die Außenwelt abzuschirmen, auch wenn man dazu nicht unbedingt in eine Hütte in den Alpen ziehen muss, wie es Hans vorschlägt.
Beide Schwestern werden (mehr oder weniger) an ihren Träumen zugrunde gehen: Laura wird sich von Hans trennen, weil eine seltene genetische Anomalie es verhindert, Kinder mit ihm zu zeugen; Cecilia wird trotz gelegentlicher Gegenwehr dem zynisch-charmanten Konstantin folgen und daran zerbrechen, dass ausgerechnet ihr Freund seine Schwester als bürgerliche Tarnkulisse missbraucht und mit ihr ein Kind zeugt.
„Wie diese Figuren für divergierende Lebenskonzepte einstehen müssen, ist allzu exemplarisch und lässt kaum Ironie erkennen – vermag aber doch zu faszinieren, denn in der eleganten Verknüpfung der Zukunftsvision mit Melodrama-Klischees gelingen Lars Kraume zahlreiche zwingende Szenen“ (Patrick Seyboth, epd-Film).

Das riecht alles, wie Seyboth richtig feststellt, ein wenig nach Melodrama und es ist nicht zu leugnen, dass der Plot seine ehrgeizigen Ziele offenbar nur umsetzen kann, wenn er seine Figuren emotional auflädt und gleichzeitig das Exemplarische und Typologische an ihnen betont. Zum Glück gelingt es Kraume, die Erzählstränge plausibel zusammenzuhalten und dabei die Glaubwürdigkeit der Figuren nicht einzubüßen.
Das liegt natürlich auch an den Darstellern. Während Johanna Wokalek nach ihre Gundrun Ensslin im „Baader-Meinhof-Komplex“ durchaus im Fach geblieben ist und August Diehl den abgezockten und sexuell omnipotenten Terroristen mit deutlicher Anlehnung an die Baader-Figur spielt (was keineswegs unplausibel ist), haben mich
Bernadette Heerwagen und Daniel Brühl noch mehr überzeugt – ihre Figuren laufen am wenigstens Gefahr, im Rollenklischee zu landen, ihre Glaubwürdigkeit wird durch ihre Fragilität und ihre Verletzlichkeit überzeugend begründet.
Und überhaupt ist Kraume dann am besten, wenn es nicht knallig zugeht.
„Der schlechteste Film mit der besten Besetzung: Lars Kraumes Film „Die kommenden Tage“ versammelt die Creme der deutschsprachigen Film- und Theaterszene, Stars wie August Diehl, Bernadette Heerwagen, Johanna Wokalek und Daniel Brühl. Was braucht man da noch ein gutes Drehbuch?... Die Dekadenz aber, von der „Die kommenden Tage“ erzählt und die in der mit einer reichen Kunstsammlung dekorierten Lounge-Wohnung ihre Schaltzentrale hat, besitzt durchaus ein Vorbild in der Wirklichkeit. Es ist eine maßlos gewordene Förderkultur, die das Teure und Pompöse über das künstlerisch Überzeugende stellt. Die Qualität eines Drehbuchs, die Überzeugungskraft eines Regiekonzepts, spielen beim Deutschen Filmförderfonds keine Rolle mehr. Welches Prestige will man damit gewinnen? Wie lange soll die Party noch weitergehen? Auf internationalen Festivals kann man einen Film wie diesen kaum unterbringen.“ (Daniel Kothenschulte, Frankfurter Rundschau. Programmatische Überschrift der Kritik: „Zu ernst um gut zu sein“.

Und damit nähern wir uns auch der Crux des Ganzen? Was will uns „Die kommenden Tage“ eigentlich erzählen? Fangen wir mit etwas anderem an: zunächst verbucht Kraumes Film bei mir einen Pluspunkt aufgrund des Umstandes, dass es ihn überhaupt gibt.
Das ist eigentlich skandalös, denn offenbar ist dies kein qualitatives, sondern ein rein quantitatives Argument. Aus gutem Grund: Ich mache keinen Hehl daraus, dass mir das Elend des deutschen Kinos seit Jahrzehnten auf den Geist geht. Bereits der Nachkriegsfilm hat aus meiner Sicht inmitten der restaurativen Grundstimmung im Lande filmhistorisch komplett versagt und sich einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte verweigert. Und auch der Neue Deutsche Film der Sechziger blieb trotz seines unverkennbar großen Potentials eine Fußnote. Ich will mich auch nicht zu einer elitären Kritik an den aktuellen deutschen Box-Office-Hits versteigen. Stattdessen die These: abgesehen von einigen Ausnahmen (auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, ja, es gibt sie, ich will dies nicht leugnen) schweigen das filmgeförderte deutsche Kino und das TV-Fernsehspiel, wenn es um Dinge geht, die die Menschen offenbar doch bewegen: Globalisierung, Arbeitslosigkeit, Finanzkrise, deutsche Kriegseinsätze im Ausland.
 
Gibt es den politischen Film?
Will man im Kino einigermaßen intelligente und provozierende Kommentare zu zeitnahen Themen sehen, muss man sich im britischen Kino bei Ken Loach (It’s a free world) und Mike Leigh (Vera Drake, Happy-Go-Lucky)  umsehen (allerdings ist die Situation des New British Cinema alles andere als viel versprechend, wenn man berücksichtigt, dass auch auf der Insel die gepriesenen Vertreter des Sozialrealismus eher ein Fall für das Cineasten-Festival als für die harte Kinokasse sind: http://www.nzz.ch/2004/06/04/fi/article9IOGA.html). 
Oder man schaut sich Frankreich um: zuletzt im Filmclub: „Welcome“, ein Film des Regisseurs Philippe Lioret aus dem Jahr 2009. Der lief zumindest im französischen Parlament.

Lars Kraume hat es wenigstens versucht, den Spagat zwischen einer Geschichte, die viele erreichen kann, und der Darstellung zeitnaher Themen in ein zugegeben anspruchsvolles Genre zu packen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich ein deutscher Regisseur bislang an einen politischen Science Fiction-Film herangetraut hat und es geschafft hat, so zielsicher kleine verstörende Irritationen in ein mainstream-taugliches Format zu packen: die Entgleisung des in unserer Verfassung festgeschriebenen Verteidigungsauftrages unserer Bundeswehr? Zu weit hergeholt? Wirklich?  Die Angst vor den politischen und wirtschaftlichen Flüchtlingen, die bald ante portas stehen. Ist das zu strange angesichts der politischen Aufstände in Libyen, Tunesien und Syrien? Der unaufhörlich voranschreitende technologische Progress in einem Land, dem die Grundnahrungsmittel ausgehen? Tobt nicht seit Jahren ein Preiskampf um unsere Grundversorgung, um Lebensmittel, Energie und medizinische Versorgung, der deutlich die Unterschiede zwischen den prekären und den einigermaßen gesicherten Lebensverhältnissen abbildet? Wird uns etwas auf Dauer die Entscheidung erspart bleiben, entweder politisch zu reagieren oder uns in eine private Nische zurückzuziehen? Ich glaube nicht.
„Mutlos flüchtet sich Die kommenden Tage in Eskapismus-Ideale. Die Lösung aller Probleme findet sich ausgerechnet auf der Alm. Ein Aufbegehren gegen die eigene dystopische Vision lehnt der Film ab und entwirft trotz Systemversagen ein konservativ gezeichnetes Bild von Gut-Böse-Zuweisungen. Die Ereignisse der deutschen Gesellschaft aus den 1960er und 70er Jahren werden mit Problemen der Gegenwart vermischt, um aus beiden ein Bild der Zukunft zu stricken, das logischerweise recht unharmonisch und anachronistisch gerät.
Übrig bleibt die Frage, wem der Film als filmische Dystopie eigentlich als Warnung wovor dienen soll. Die kommenden Tage erscheint wie ein Lehrfilm, der einen leisen Appell an die gegenwärtige Regierungskoalition und gutbürgerliche Besitzstandswahrer richtet, grüne und soziale Reformen nicht zu vernachlässigen. Progressives und politisch mutiges Kino sieht jedenfalls anders aus“ (Till Boller in SCHNITT).


„Diese Negativ-Utopie mag auf den ersten Blick weit hergeholt erscheinen, in der Verdichtung der lebensweltlichen Umstände seiner Protagonisten aber erzielt Kraume hohe Plausibilität… Als Land, das man auf der ganzen Welt für seine spezifische "German Angst" schätzt und fürchtet, brachte Deutschland in den letzten Jahrzehnten erstaunlich wenig große Zukunftspanoramen hervor. Die paar aber, die gedreht worden sind, entwickelten enorme Wucht und Breitenwirkung - vom ARD-Zweiteiler "Welt am Draht", Rainer Werner Fassbinders paranoider mediengesellschaftlicher Betrachtung von 1973, bis zum ZDF-Dreiteiler "2030 - Aufstand der Alten" aus dem Jahr 2007, der vor dem Hintergrund einer überalternden Gesellschaft furios von neuen Verteilungskriegen erzählt.“ (Christian Buß im SPIEGEL).

Politische Filme mit einer Botschaft, die einer Handlungsanweisung ähneln und die uns die Welt bruchlos erklären, gibt es nicht oder sie sind Propaganda und bestenfalls Ideologie. Auf eine gewisse Weise bin ich bescheiden geworden: mir reicht es, wenn jemand nach einem Film irritiert blickt und stutzig wird. Wenn er danach eine Frage stellt, ist dies bereits der Anfang.
„Es ist bestimmt nicht wenig, was Kraume, der auch Autor und Produzent des Films ist, und diese seltene Freiheit weidlich nutzt, in seinen neuen Film hineinpackt. "Die kommenden Tage" ist zweifelsohne eines der ehrgeizigsten deutschen Filmprojekte der letzten Jahre und manche werden das alles schrecklich überladen finden, oder einfach ehrgeiziger, als es einem deutschen Film gebührt. Aber P.T. Andersons "Magnolia" und Afonso Cuarons "Children of Men", die diesen Film spürbar inspiriert haben, hat man so etwas auch nicht vorgeworfen.“ (Rüdiger Suchsland in TELEPOLIS).
„Jetzt mal ganz ehrlich, Scherz beiseite, genau genommen, wirklich, echt und ohne Scheiß: Warum sind wir eigentlich immer so schockiert davon, wenn jemand eine Wahrheit ausspricht?“ (Sophie Albers im STERN).

Postscriptum

Interessante Lektüre bietet ein Schrift der Friedrich-Ebert-Stiftung: „Mit Bilder bewegen – der politische Film heute“.
Im einleitenden Aufsatz „Die Wiederkehr des politischen Films“ gewährt Jan Hans einen (vielleicht zu optimistischen) Ausblick. Interessant sind seine Kriterien:
„Aus dem Programm des „politischen Films“ der 1970er Jahre sind drei Aspekte in der Diskussion geblieben:
• die Idee, dass Politik nicht auf der großen Bühne und in den Abkommen und Verträgen anschaulich wird, sondern in den Formen, in denen sie in den Lebensverhältnissen der Einzelnen greifbar wird („das Politische ist das Private“);
• die Vorstellung, dass es vor allem darum geht, ein Thema im allgemeinen Medienrauschen überhaupt sichtbar zu machen, es dem allgemeinen Diskurs zuzuführen („Öffentlichkeit herstellen“);
• schließlich der erklärungsbedürftige Satz Godards, man solle „keine politischen Filme, sondern Filme politisch machen“.

In „Das Politische, das Dokumentarische, das Utopische und der Film - Suchbewegungen mit offenem Ausgang“ schreibt Georg Seeßlen: Ein Film beginnt also politisch zu werden, wenn er die Ideologie infrage zu stellen beginnt, die in der Umwelt (im Abgebildeten), die in den eigenen Produktionsbedingungen (im Abbilden) und die in sich selbst (in der Abbildung). Eine besondere Methode dabei ist das, was man als den „transzendentalen Stil“ beschrieben hat. Der Begriff ist missverständlich, weil nur ein Teil der Regisseure und Regisseurinnen, die sich ihm verschrieben haben, damit eine spirituelle oder (wie etwa Robert Bresson) gar eine religiöse Dimension verbunden haben. Entscheidend in der Dramaturgie eines solchen Films (wir vereinfachen für den Zusammenhang, in dem wir uns bewegen) ist es, dass die Lösung eines Konflikts weder in den Bildern noch in den Erzählungen noch gar in den Charakteren liegt, sondern außerhalb des Filmes. Ein „transzendentaler“ Film zeigt das Elend der Menschen (ohne Ideologie, ohne Gerechtigkeit) und verfolgt es bis zu dem Punkt, an dem es wahrhaft unerträglich ist.
Was dann bleibt, ist nur die Empfindung der Gnade – oder die Revolte.“

Noten: BigDoc = 2, Mr. Mendez = 2,5, Klawer, Melonie = 3

Mittwoch, 8. Juni 2011

Hereafter - Das Leben danach

Es kann sein, dass man Filme macht, weil es Spaß bereitet. Besonders dann, wenn man es kann. In den zahlreichen Dokus der frisch auf den Markt geworfenen Bluray des letzten Clint Eastwood-Films Hereafter sieht man den Meister möglicherweise aus diesem Grund pausenlos lächeln. Ja, einige Mitstreiter behaupten sogar in den wie üblich vor gegenseitigem Lob überbordenden Interviews, dass nur jemand, der mehr weiß als alle andere, so wissend lächeln kann. 
Und dann sieht man den über Achtzigjährigen, der kein Rentenalter kennt, immer wieder auf seinem Regieklappstuhl am Meer sitzen, entspannt den Blick in die Ferne gerichtet. Klar ist nur, dass der Mann Spaß hat. Aber was hat er uns zu sagen? Und was erzählt er uns für Geschichten?

Samstag, 14. Mai 2011

Das letzte Schweigen


Deutschland 2009 - Regie: Baran bo Odar - Darsteller: Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Katrin Sass, Burghart Klaußner, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker, Claudia Michelsen, Oliver Stokowski, Jule Böwe - FSK: ab 16 - Länge: 118 min.

Eine deutsche Kleinstadt, wogende Kornfelder vor den Stadttoren, ein Hauch beschaulicher Provinzialität. Vorsichtig tastet sich die Kamera an die Protagonisten heran, dringt in eine Wohnung vor. Warmes Licht dringt unter einem Vorhang in das dunkle Wohnzimmer, dessen Fenstervorhänge von außen keinen Blick in das Innere gestatten. Schnitt auf einen 8mm-Filmprojektor, zwei Männer schauen sich einen Film an. Schnitt auf ein Kindergesicht auf der Leinwand, ein trauriges Closeup, das sofort ahnen lässt, das hier Verbotenes geschieht. Peer und Timo sind Pädophile.
23 Jahre später verschwindet in eben dieser Stadt ein dreizehnjähriges Mädchen. Das ist schon einmal geschehen und sogar am gleichen Tag und damals hat man erst viel später die Leiche des Kindes gefunden. Gleich zu Beginn von „Das letzte Schweigen“ zeigt uns Regisseur und Drehbuchautor Baran bo Odar allerdings, dass er den dominanten und manipulativen Peer (Ulrich Thomsen) und den schüchternen, verführten Timo (Wotan Wilke Möhring) keineswegs zu seinen Hauptfiguren machen will. In „Das letzte Schweigen“ gibt es keine Hauptfiguren.

Packende Story, exzellentes Ensemble – kann da noch was schief gehen?
Der 1978 in der Schweiz geborene Baran bo Odar studierte von 1998 bis 2006 Film- und Fernsehspielregie an der Hochschule für Fernsehen und Film München und beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit Industrie- und Imagefilmen. 2006 drehte Odar seinen ersten längeren Film: "Unter der Sonne", der den Studio Hamburg Nachwuchspreis und den Starter Filmpreis München (jeweils beste Regie) erhielt. „Das letzte Schweigen“ ist eine Co-Produktion, u.a. in Zusammenarbeit mit dem ZDF (Das kleine Fernsehspiel) und mit ARTE - eine Verfilmung von Jan Costin Wagners Roman „Das Schweigen“ (2007), einem von bislang fünf Kriminalromanen. Die meisten spielen in Finnland, wobei der um seine verstorbene Frau trauernden Kommissar Kimmo Joentaa im Mittelpunkt steht. Dieser Figur findet man in der Rolle des traumatisierten Polizisten David Jahn wieder.

Filmförderungsprojekte müssen ein eigenes Profil haben, aber in diesem Fall taucht auch die Klientel des am deutschen Standard-Krimi orientierten Zuschauers im Hintergrund auf, auch wenn das ZDF und ARTE sicher in den jeweiligen Formaten deutlich mehr Experimentierfreude erlauben dürften. Wenn man dann einen Roman des Shooting-Stars der deutschen Krimiszene verfilmen kann und mit einem Ensemble der besten deutsche Schauspieler arbeiten darf, dürfte eigentlich nicht mehr viel schief gehen. Allerdings muss man eine Balance zwischen tradierten Genremustern und einer eigenen, dem Sujet angemessenen Bildsprache findet. Baran bo Odar hat dies versucht und sein Film ist durchaus beachtlich geworden, wenn man das beklemmende Gefühl zum Gradmesser nimmt, das diese Geschichte zurücklässt. Trotzdem ist „Das Schweigen“ kein wirklich guter Film.

Es fehlt die Zurückhaltung
„Das letzte Schweigen“ hat einen ganz starken Auftritt: In einem für deutsche Tatort-Konsumenten wohl nur schwer zu verdauenden Cross-Cutting montiert Baran bo Odar seine Geschichte packend in kurzen, elliptischen Szenen zusammen. Kaum eine Viertelminute dauert eine Szene und schon springt die Kamera weiter: da ist der eben pensionierte Kommissar Krischan Mittich (Burghart Klaußner, „Das weiße Band“), den der alte Fall nicht ruhen lässt, während Mittichs Kollege David Jahn (Sebastian Blomberg), der seine vor fünf Monaten seine Frau verloren hat, schwer traumatisiert in den Abgründen des Falls wühlt und sein Vorgesetzter Grimmer (Oliver Stokowski) mit fehlendem Einfühlungsvermögen die Aufklärung eher behindert als vorantreibt.
Und da sind die Opfer und die Täter: Elena Lange (Katrin Saß, „Good bye Lenin!“) ist die Mutter des Mädchens, das 1986 ermordet wurde. Und mehrere Flashbacks zeigen uns, wie Peer und Timo nach dem Kinderporno die Wohnung verlassen, mit dem Auto die sommerlichen Felder und Wälder durchstreifen, Elenas Tochter finden, die Peer vergewaltigt und tötet, während Timo aus sicherer Distanz zuschaut. Und Cut: 23 Jahre später warten die Ruth und Karl Weghamm, die Eltern der 13-jährigen Sinikka, vergeblich auf ihre verschwundene Tochter. Und bald kommt der Verdacht auf, dass ein Wiederholungstäter verantwortlich ist, denn das Mädchen verschwindet an dem altbekannten Tatort des ersten Verbrechens. Am gleichen Tag wie vor 23 Jahren.

Mehr als ein halbes Dutzend Haupt- und Nebenstränge werden in einem Rhythmus verwoben, der uns die Vernetzung der Personen zeigt, nicht nur im Hier und Heute, sondern auch in der Verarbeitung alter Wunden, die auch nach über zwei Jahrzehnten nicht heilen wollen. Da ist ein Täter auf der Suche nach seiner Schuld, der dann sogar mit der Mutter seines Opfers Kuchen isst. Und da ist ein Mörder, der einen Freund zurückgewinnen will und eine grausame Botschaft an ihn richtet. Und immer wieder führen uns Bilder in die Vergangenheit, deren grausames Tiefschwarz in einem schrecklichen Gegensatz zu den ruhigen Sommerbildern einer harmlos anmutenden Landschaft steht. Und obwohl die schnelle Montage gewöhnungsbedürftig ist und Flashbacks an sich in einem klassischen Cross-Cutting nichts zu suchen haben, gelingt es dem Cutter Robert Rzesacz zunächst, sowohl eine konsistente Handlung als auch einen nachvollziehbaren zeitlichen Bildrhythmus in eine elegante, allerdings ästhetisch nicht unbedingt innovative Erzählsprache zu überführen.

Dann allerdings begann der Film damit, mir stilistisch gehörig auf den Wecker zu gehen, auch wenn nach einer Stunden die Szenen etwas länger werden und der Erzähler erkennbar mehr in die Psychologie der Figuren investiert. Cross-Cutting ist eine interessante Montagemethode, mit der dichotomische Akzente herausgearbeitet werden können, aber auch gehörig an der Suspense-Schraube gedreht werden kann. Aber, und man sollte dies als Regisseur bei seinem Langfilmdebut durchaus beachten, taugt dies nur häppchenweise. Etwa, wenn man die Klimax des Films in eine zeitlich eng verwobenen Folge simultan ablaufender Handlungselemente einbindet, die auf einen gemeinsamen Höhepunkt zustreben.
Wenn Cross-Cutting dagegen einen Film kontinuierlich beherrscht, muss die Balance zwischen Stil und Psychologie ziemlich ausgewogen sein, um diesen Drahtseilakt gelingen zu lassen (wir sehen Varianten dieses Stils in Magnolia und L.A. Crash).

„Das letzte Schweigen“ schafft dies nur ansatzweise und gerät durch die Übertreibung ins Schleudern, auch dort, wo der über-ambitionierte Stil und das Chargieren der Darsteller zu einer emotionalen Aufladung führen, die den letzten Rest Plausibilität aus den Figuren hinaustreibt. Ein besonders trauriges Beispiel ist Sebastian Blomberg, der die Rolle des David Jahn als Mischung von katatonischer Starre, völliger Geistesabwesenheit und plötzlich eruptiv aufbrechenden Aggressivität spielen muss. Das wirkt, sorry, nun mal leider wie Laientheater und wenn zudem die Filmmusik mit pompöser Geste nur das verstärkt, was man ohnehin dick aufgetragen in den Bildern findet, dann schlingert Baran bo Odars Film gelegentlich haarscharf an der Lächerlichkeit vorbei.
Untern Strich bleibt allerdings ein ambivalenter Eindruck zurück. Dem dank ausgezeichneter Kameraarbeit ästhetisch ausgefeilten Film gelingt es durchaus, auch wegen seiner düsteren und abgrundtief schwarzen Schlusspointe, den Zuschauer zu erreichen. „Das letzte Schweigen“ hätte ein schönes Stück deutscher Film Noir werden können, wenn sein Macher sich etwas mehr Zurückhaltung auferlegt hätte.

Pressespiegel

„Zuviel des Guten: Obwohl für "Das letzte Schweigen" eine hervorragende Darstellerriege zur Verfügung stand, hat der Regisseur scheinbar Figuren und Geschichte nicht so ganz getraut. Er überfrachtet seine Inszenierung mit Symbolen, einem aufdringlichen Sounddesign und einer großen Portion an Zufällen. Zu viele Figuren am Rande des Nervenzusammenbruchs treffen hier aufeinander. Was es dann am Ende mit dem vermissten Mädchen tatsächlich auf sich hat wird damit zur Nebensache“.
Magali-Ann Thomas (Bayern 3)

„Das illustre Ensemble um Wotan Wilke Möhring, der seit Jahren so regelmäßig mit tollem Spiel überrascht, daß es langsam keine Überraschung mehr ist, um den Dänen Ulrich Thomsen, der seinen pädophilen Mörder erschreckend real werden läßt, um Sebastian Blomberg, der eingängig den reflektierten Depressiven gibt, und um Katrin Saß, deren trauernde Mutter als nahezu einzige Figur an Stärke zu gewinnen vermag – das ganze Ensemble also trägt bedeutend dazu bei, daß der Film nicht als bloßer Whodunnit, sondern in erster Linie als psychologische Studie fesselt. Und als solche ragt Das letzte Schweigen auch dank einer sehr persönlichen gestalterischen Handschrift deutlich heraus“.
Oliver Baumgarten (Schnitt)

„Das Ärgerliche ist, dass die vielen guten Ansätze des Films allzu oft nicht zu Ende geführt werden, dass im entscheidenden Moment die künstlerische Radikalität fehlt, der Mut, sich klar auf eine Seite der eigenen Einfälle zu schlagen. So hat dieser Film mitunter den Charakter einer typischen "Visitenkarte", eines ersten Films, in den ein Regisseur möglichst viele weitere andeutungsweise einbaut, um sich für Zukünftiges zu empfehlen, vom "Tatort" über das B-Movie und anspruchsvolles Genrekino - wenn denn beides doch irgendwann einmal in Deutschland gemacht werden sollte -, bis hin zum echten Autorenfilm. Den Zuschauer kann solch ein multipolares Mittelding nicht wirklich befriedigen“.
Rüdiger Suchsland (Telepolis)

Noten: BigDoc = 3

Mittwoch, 4. Mai 2011

Quick Review: Rückkehr ans Meer

Frankreich 2009 - Originaltitel: Le refuge - Regie: François Ozon - Darsteller: Isabelle Carré, Louis-Ronan Choisy, Pierre Louis-Calixte, Melvil Poupaud, Claire Vernet, Jean-Pierre Andréani, Marie Rivière, Jérôme Kircher - FSK: ab 12 - Länge: 88 min.

Die Filme von François Ozon konnten mich bislang nicht begeistern. Es ist halt genauso wie mit Pedro Almodóvar: man liebt ihn oder man schüttelt sprachlos den Kopf. Den Unterschied in der Qualität machen häufig schneidender Humor und gallige Satire aus. Genau dies findet man in „Le refuge“ (was man durchaus mit Refugium = Zufluchtsort, Ort der Ruhe übersetzen kann) aber ausdrücklich nicht. Ozon bietet dem Zuschauer dafür einen kontemplativen und auch visuell lange nachwirkenden Ort der Ruhe und es schön, dass Almut Steinlein in ihrer empfehlenswerten Kritik (1) darauf hingewiesen hat, dass seit Eric Rohmers Das grüne Leuchten (1986) niemand mehr an der baskischen Atlantikküste gedreht hat.
Ich kann nicht leugnen, dass die ruhige und angenehm sparsame Art, mit der gedreht und geschnitten wurde, bei mir nach anfänglichem Zögern zu einer angenehmen Besinnung geführt hat. In diesem Punkt geht es mir mit „Rückkehr ans Meer“ wie mit den meisten Filmen von Rohmer: man muss sie sich ein wenig erarbeiten und das dauert halt. Allerdings ist bei Rohmer die Rendite größer.

An der schönen Atlantikküste hat Mousse (Isabel Carré) ihr Refugium. Die heroinsüchtige und nunmehr auf Methadon eingestellte junge Frau ist schwanger, hat den Vater des Kindes durch eine Überdosis verloren und wartet nun in einem angelegenen Haus an der Küste auf die Geburt. Zwei Männer treten in ihr Leben: Paul (Louis-Ronan Choisy) , der Bruder ihres toten Geliebten, und Serge (Pierre Louis-Calixte), der im Dorf arbeitet und Mousse mit Lebensmitteln beliefert. Beide Männer sind homosexuell und leben dies mit beiläufiger Selbstverständlichkeit. Kurz vor dem Ende wird Mousse mit Paul schlafen und ganz am Ende, nach der Geburt, wird sie das Haus am Meer verlassen, um wieder leben zu lernen. Das Kind lässt sie bei Paul zurück.

Fast ein wenig Poetischer Realismus
Wie immer bei Ozon steht eine Frau im Zentrum. Mousse ist ein wenig rätselhaft, schweigt gerne, ist aber selbstbewusst und gelegentlich ein wenig unberechenbar. Psychologisch liefert Ozon recht wenig ab, man sieht eigentlich nur ruhige Außenansichten. Im Falle von Mousse ist man daher gut beraten, wenn man mit Elias Canetti die rätselhaft schweigende Schöne betrachtet. Der Philosoph Canetti hat nämlich klugerweise festgestellt, dass der Schweigsame immer so wirkt, als hätte er ein bemerkenswertes Geheimnis zu hüten. Anders gesagt: der letzte Hohlkopf kann durch Schweigen eine Aura des Bedeutungsvollen um sich herum erzeugen. Leider ist es im wirklichen Leben so, dass der Zauber immer dann verfliegt, wenn die Betreffenden den Mund aufmachen.
Im Falle von Mousse ist das nicht ganz so schlimm, aber wirklich Tiefschürfendes hört man auch von ihr nicht. Dafür wirken die Figuren in „Rückkehr ans Meer“ alle irgendwie poetisch veredelt, besonders dann, wenn der pralle Bauch von Mousse immer wieder mit fast mythischer Intensität berührt und gestreichelt, beredet und sogar zum Objekt der sexuellen Begierde wird. Nicht nur warmes Licht umhüllt die Figuren, sondern auch eine angenehme unaggressive Aura und man ist nur allzu gerne bereit, darüber hinwegzusehen, dass Ozon sein Thema sorgfältig vor uns verbirgt und uns dafür einem visuellen Rhythmus der Bilder überlässt, der durchaus seine Reize hat, aber nur bedingt dazu führt, dass man seinen Figuren noch einmal begegnen möchte. Und fast ketzerisch fragt man sich, woher die Helden in Ozons kleinem Universum eigentlich das Geld für ihren erhabenen Lebensstil nehmen. Aber das war jetzt wirklich etwas zynisch.

Empfehlenswerte Kritik:

Noten: Melonie, BigDoc = 3

Fair Game


USA 2010 - Regie: Doug Liman - Darsteller: Naomi Watts, Sean Penn, Sam Shepard, Bruce McGill, David Andrews, Michael Kelly, Noah Emmerich, Brooke Smith, Geoffrey Cantor, Philipp Karner, Kristoffer Ryan Winters - FSK: ab 12 - Länge: 106 min. - Start: 25.11.2010

Was für ein Alptraum: man sitzt mit Freunden in der Küche, es wird politisch und alle lästern kräftig ab. Und natürlich glauben fast jeder, alles besser zu wissen. Selber ist man zum Schweigen gezwungen, obwohl man der Einzige ist, der alle Hintergrundfakten kennt.
Nur darf man nicht darüber reden, denn man ist – Geheimagent!

So funktioniert auch eine Schlüsselszene in Doug Limans „Fair Game“ und sie zeigt den Unterschied zu den peppigen Genreklischees auf: Joe Wilson (Sean Penn) ist ehemaliger US-Diplomat, seine Frau Valerie (Naomi Watts) ist CIA-Agentin und gerade damit beschäftigt herauszufinden, ob Saddam Hussein tatsächlich über Massenvernichtungswaffen verfügt. Den Freunden, die gerade in der heimischen Küche über den irakische Diktator herziehen, darf man als Geheimnisträger aber keine Fakten nennen: das eigene Privatleben ist ein Rollenspiel und man selbst ist ein streng bewachtes Geheimnis, dessen Identität nicht aufgedeckt werden darf.

Realistischer Politthriler
Doug Liman hat mit „The Bourne Identity“ (2002) und „Mr. & Mrs. Smith“ (2005) zwei sehr gegensätzliche Facetten des Agentenfilm-Genres bebildert – den High-Speed-Thriller und die Komödie. Mit „Fair Game“ orientierte sich Liman eher am Politthriller und noch mehr nunmehr an den harten Fakten. Im Mittelpunkt des Films steht Plamegate, jene erstaunliche Affäre, die zwar nicht ganz die Dimensionen von Watergate erreichte, aber immerhin zeigte, mit welcher Brutalität Teile der Bush-Administration mit politischen Gegnern umsprang.
Wir sind im Jahre 2002: Nachdem der Ex-Diplomat Joe Wilson in der New York Times einen kritischen Artikel über die angebliche Beschaffung von Uranoxid („Yellowcake“) durch den Irak veröffentlicht hat, diskreditieren Mitarbeiter aus dem Umfeld des US-Vizepräsidenten Richard Cheneys Wilsons Frau, indem sie deren Identität als CIA-Agentin gegenüber den Medien offenlegen. Über Wilson hat sich bereits der Zorn der Patrioten entladen und nun muss auch Valerie Plame büßen. Sie ist „verbrannt“ und verliert ihren Job.
Indiskretionen wie diese sind in den Staaten ein Straftatbestand und sowohl Wilson als auch seine Frau mussten hart um ihre Rehabilitierung kämpfen, bevor einige Jahre später der Stabschef Cheneys, Lewis Libby, zu 30 Monaten Haft und einer Geldstrafe von 250.000 Dollar verurteilt wurde. Nur wenig später machte George W. Bush von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch und erließ die Haftstrafe.

Liman hat Plamegate in „Fair Game“ minuziös rekonstruiert, das ist die Stärke des Films. Oscar-Preisträger Sean Penn war deshalb sofort bereit, die Rolle Wilsons zu übernehmen, nachdem der echte Joseph Wilson und seine Frau ihm versicherten, dass das Drehbuch von Jez und John-Henry Butterworth faktengetreu bis ins letzte Detail sei. So viel Akribie ist nicht erstaunlich, denn exakte Recherche hat in Hollywood eine (oft unterschätzte) Tradition. Und so spielt „Fair Game“ durchaus in einer Liga mit Alan J. Pakulas „All the President’s Men“, der genreprägend und zudem eine realistische Variante der Paranoia- und Conspiracy-Movies der Siebziger war und das amerikanische Kino dort prägte, wo ein aufklärerischer Impetus angesagt ist.
Dass Filme wir „Fair Game“ nicht unbedingt massentauglich sind, liegt daran, dass die politischen Dimensionen von Affären wie Plamegate jenseits der Großen Teiches nicht immer oder erst viel später erkannt werden. Das gilt auch für einige Hintergrunddetails. Und so fällt es nicht immer leicht, die Protagonisten des Katz und Maus-Spiels im Film auseinanderzuhalten, auch wenn dich die meisten Zuschauer daran erinnern dürften, dass Bush’ Irak-Intervention auf gefakten Dokumenten basierte und eine der größten politischen Lügen der anbrechenden Dekade bleiben wird.
Was einem jedoch wesentlich nachhaltiger den Spaß an „Fair Game“ verdirbt, ist weniger die starke Dialoglastigkeit des Films, sondern die vermeintlich ‚moderne’ und hektische Kameraarbeit, die der Regisseur selbst vorgenommen hat. Das Ergebnis ist eine nicht sonderlich konsistente Montage, die sprunghafter wirkt als der ruhigere und auch erzählerisch expliziter wirkende Film von Pakula, der Robert Redford und Dustin Hoffman berühmt machte.
Ich habe ohnehin den Eindruck, dass sich einige Filmemacher seit geraumer Zeit einen Spaß daraus machen, die bewährten Regeln der Continuity zu konterkarieren, jenes ausgefeilten Regelsystems des Drehens und Schneidens, das nicht nur im US-Kino zu einer professionellen Kunst des Erzählens geführt hat. Eigentlich schade, denn nicht nur der Film, sondern auch der Zuschauer hätte von größerer formaler Sorgfalt nachhaltig profitieren können.

Im Filmclub gab es dennoch ein sehr positives Feedback, nur Melonie wertete den Film aufgrund der hektischen Kameraarbeit ab. Wohl zu recht. Zum Glück, und dies muss nachdrücklich erwähnt werden, liegt die Qualität des Bonusmaterials (gesichtet wurde die DVD-Fassung) doch sehr deutlich über dem gewohnten Niveau und bietet einige zusätzliche Infos, die man sich keineswegs entgehen lassen sollte.

Noten: BigDoc, Klawer, Mr. Mendez = alle 2,5; Melonie = 3

Samstag, 9. April 2011

Splice - Der Pressespiegel

Der Pressespiegel zeigt, das Splice insgesamt als außergewöhnlicher Beitrag zum Horrorfilm-Genre gewürdigt wird. Für alle, die denen Film verabscheuen, habe ich etwas aus dem einzigen Veriss zitiert, den ich finden konnte.

"Der Film ist so verstörend wie David Cronenbergs Exkurse in die filmische Genetik und so abgründig wie der horreur noir des Guillermo del Toro - er ist als Produzent einer der Paten des Projekts."
Anke Sterneborg (sueddeutsche.de)

"Den Feind nicht mehr in der fremden Kreatur, sondern im eigenen Innersten zu verorten, ist darum eine ebenso hellsichtige wie beunruhigende Pointe. Und wie schon in James Whales unerreichtem "Frankenstein" aus dem Jahr 1931 gehören die Sympathien des Publikums zu Recht dem missverstandenen Geschöpf, das idealisierte Wunschprojektionen und grausame Willkür ertragen muss. Denn erst Drens Fähigkeit zu Mitgefühl und Liebe machen sie so bedrohlich für ihre Gegenüber, die sich den eigenen emotionalen Defiziten nicht stellen können. So ist es letztlich kein intellektuelles Versagen, das den Horror heraufbeschwört, sondern die Unaufrichtigkeit des Herzens."
David Kleingers (SPIEGEL online)

"Nach vielen Jahren Pause meldet sich Regisseur Vincenzo Natali ("Cube") wieder zurück und wandelt auf den Spuren des kanadischen Kult-Regisseurs David Cronenberg ("Die Fliege") - allerdings ohne je dessen nachhaltige Wirkung zu erreichen. Das Thema seines Films ist brisant, weil in der Realität bereits zum Greifen nah. Die Unachtsamkeit, mit der die Wissenschaftler im Film Genexperimente durchführen, wirkt jedoch aufgesetzt, und den Charakteren fehlt es an der notwendigen Tiefe, damit ein richtig fesselnder Film daraus würde."
Wolfram Hannemann (Stuttgarter Nachrichten)

"'Splice' ist ein Monsterstück in klassischer Frankensteinmanier, besticht also weniger durch blutrünstige Szenen als durch den psychologisch ambivalent gestalteten Charakter der Bestie, der diese eben nicht nur als Monster erscheinen lässt. Aber auch den beiden anderen Protagonisten wohnt eine meisterhafte Ambivalenz inne, die so manches Mal zur alten Frage führt: Wer ist hier eigentlich das Monster, die Kreatur oder ihre Erschaffer?"
Iris Benker (Stuttgarter Zeitung)

 "David Cronenberg hätte diese Dreiecksbeziehung in eine düstere Parabel über das Familienleben überführt; Vincenzo Natali macht daraus einen Monsterfilm, dessen Figuren zwar charmant sind, jedoch nur wenig zur Empathie einladen. Das verhilft dem Film jedoch zu einer gewissen Distanz zu seinen Zuschauern, die irgendwie jenen Abstand, der zwischen Dren und ihren Eltern herrscht, wiederholt: Man weiß nie, ob man Angst oder Mitleid haben soll mit dem Wesen und den Menschen um es herum."
Stefan Höltgen (SCHNITT)

"Splice ist über weite Strecken so etwas wie die Konkretisierung der psychosexuellen Subtexte des Frankenstein-Stoffs. Verhandelt wird sehr direkt Psychoanalyse: Dren ist einerseits die monströse Materialisierung des real unterdrückten Kinderwunschs Elsas ... wie von Freud’schen Ödipus- und Kastrationskomplexen. Langsam entwickelt sich eine in mehr als nur einem Sinne monströse Subjektivität. In der Psychoanalyse – als einem System, dessen Abstraktionsvermögen sich direkt aus der tiefsten Innerlichkeit des Individuums speist – hat Natali vielleicht sein zwangsläufiges Sujet gefunden."
Lukas Foerster (critic.de)

Splice – Das Genexperiment


Deutscher Titel: Splice – Das Genexperiment, Originaltitel: Splice, Produktionsland: Kanada, Frankreich, USA, Länge 103 Minuten.

Zunächst sieht „es“ aus wie ein kleiner Hase, dann wie ein mutiertes Huhn auf und am Ende wie eine mythologische Chimäre, die als junge Frau auf Straußenbeinen sogar erotisches Flair verströmt: Dren, wie sie von ihren Schöpfern genannt wird, ist das Ergebnis eines Genexperiments, ein künstliches Wesen, das in einem Labor heranwächst, menschliche DNA aufweist und auch menschliche Züge entwickelt, aber dennoch immer etwas Fremdes bleibt, das sich verändert und auf bedrohliche Weise unverständlich bleibt.
Splice ist nach Cube, Cypher und Nothing der vierte Film Vincenzo Natalis, der wie einige der letzten Filme des Kanadiers erneut an einen Laborversuch erinnert: Natali steckt seine Protagonisten in ein filmisches Experiment und beobachtet, ob sie moralisch den Kopf aus der Schlinge ziehen können, obwohl sie das Andere, das sie erschaffen haben, eigentlich nicht verstehen. Dass dies schief geht, ist in diesem fast klassischen Horrorfilm am Ende keine Überraschung.

Was einen magisch anzieht, fürchtet man
Was man fürchtet, zieht einen gleichzeitig magisch an. So weit, so gut. Spannend wird es erst, wenn man den Satz auf den Kopf stellt: Was einen magisch anzieht, fürchtet man. Mit dieser kleinen syntaktischen Korrektur sind wir mitten im Horrorfilm und das, was an dieser kleinen Umstellung so irritierend wirkt, ist die Ambivalenz der Gefühle. Sie lässt uns schlussfolgern, dass wir uns gegen unsere vernunftgeleiteten Überzeugungen richten, wenn wir uns dem Schrecken archetypischer Bilder und unterschwelliger Bedürfnisse aussetzen. Und doch tun wir es gerne. Etwas zieht uns an, eigentlich wollen wir das nicht, aber da ist nun einmal ein Verlangen, das wir leider nicht ganz verstehen. Kein Wunder, dass die Filmkritik immer wieder zur Psychoanalyse greift, um das Missverstandene an der Lust mit Begriffen zu bannen.
Vincenzo Natalis Monsterfilm Splice funktioniert genau auf dieser Ebene: die ehrgeizigen Wissenschaftler Clive (Adrien Brody) und Elsa (Sarah Polley), die auch privat ein Paar sind, experimentieren mit menschlichem und tierischem Erbgut und schaffen ein künstliches Wesen, das ihnen  buchstäblich über den Kopf wächst. Während Clive, furchtsam und doch fasziniert, das illegale und heimlich in den Räumen der Forschungseinrichtung „Nucleic Exchange Research and Development“, kurz N.E.R.D., begonnene Experiment so rasch wie möglich beenden will, zeigt sich Elsa von dem niedlichen Wesen beeindruckt und setzt ihre Untersuchung fort. Sie fühlt sich magisch angezogen, aber noch gibt es keinen Grund zur Furcht.
Clive und Elsa sind Nerds, hochintelligente Außenseiter, völlig fokussiert auf ihre Arbeit, scheinbar autonom und doch abhängig von den ökonomischen Interessen des Konzerns, der sie dafür bezahlt, innovative Wege in der Zellstoffforschung einzuschlagen. Natali stößt uns mit seinen Akronymen etwas aufdringlich auf das Nerd-Motiv der genialen, aber lebensfremden Wissenschaftler: beide arbeiten bei einem Konzern gleichen Namens und auch Dren ist das gleiche Wort, nur rückwärts buchstabiert.
Als Clive und Elsa im Labor zwei amorphe Klumpen heranzüchten, scheint dies den N.E.R.D.-Bossen zu genügen. Mehr soll nicht sein: Experimente mit menschlicher DNA würde die öffentliche Meinung nicht zulassen, auch wenn das Ergebnis die Erlösung von Krebs und anderen Übeln bedeuten würde. Nun ist es Elsa, die nicht locker lässt. Sie kreuzt menschliche und tierische DNA und lässt das unbestimmte Etwas in einer monströsen Fruchtblase heranreifen. Herauskommt ein Hybridwesen, dessen verborgene Fremdartigkeit von äußeren, überwiegend niedlichen Attributen überlagert wird. Und diese lösen instinktiv und sehr schnell zutiefst menschliche Reaktionen aus: während bei Elsa mütterliche Instinkte die wissenschaftliche Objektivität ad absurdum führen, überwiegt bei Clive blankes Entsetzen über den Tabubruch. Er will das fremde Wesen töten, ehe es zu spät ist. Und von Anfang an zeigt uns Natali, dass Projektionen, verborgene Wünsche und tiefer liegende Verstörungen mehr über unsere Wahrnehmungen und Handlungen entscheiden als uns lieb sein kann.

Als eine öffentliche Präsentation der Zellstoffklumpen damit endet, dass sich die experimentellen Lebensformen blutig zerfleischen, wird nicht nur klar, dass es sich aus morphologischer Sicht um zweigeschlechtliche Lebensformen mit hohem Aggressionspotential handelt, sondern auch, dass N.E.R.D. einen schweren Imageschaden erlitten hat. Dren, wie Clive und Elsa ihr heimlich und immer schneller wachsendes „Kind“ nennen, kann nun nicht länger in den Räumen des Labors versteckt werden. Die Wissenschaftler schaffen es auf einen entlegenen Bauernhof und in der erneut hermetischen Enge des neuen Schlupfwinkels entsteht rasch eine morbide Stimmung aus Eifersucht, unterdrückten traumatischen Erfahrungen und sexueller Stimulierung. Während Elsa kindliche Missbrauchserfahrungen durch eine zwanghaft kontrollhafte Mütterlichkeit verarbeitet, wird Clive mit der erwachende Sexualität Drens konfrontiert, die innerhalb weniger Wochen zu einer jungen Frau heranwächst und durchaus auch wegen ihrer engelsgleichen Flügel liebenswerte Züge besitzt, wäre da nicht ihr langer Schwanz, der mit einem tödlichen Stachel versehen ist.

Klassische Motive des Horrorfilms
Hybridwesen sind klassische Figuren des Horrorfilms, wie sie Universal mit Frankenstein (1931) und The Wolf Man (1941) definierte. Während der Werwolf eher ein Betriebsunfall der Natur ist und unschwer an unkontrollierbares Triebverlangens erinnert, ist das aus Leichenteilen zusammengesetzte Frankenstein-Monster ein leeres Gefäß, dessen Verhalten durch das definiert wird, was ihm widerfährt: Menschlichkeit und Boshaftigkeit.
An die Grundkonstellation von James Whales Frankenstein erinnert auch Splice, genauso wie die Namen des Forscherteams Clive und Elsa in Whales Bride of Frankenstein zu verorten sind, nämlich in den Namen der Schauspieler Colin Clive und Elsa Lanchester. In beiden Filmen definierte Whale eine auch heute noch überraschend differenzierte Grammatik des Horrorfilms, die leider zu schnell durch die eindimensionalen Psychologie schlichter gestrickter Nachfolger verloren ging: Whales Monster ist ein Spiegel des sozialen Verhaltens und gehört so eher in eine Studie behavioristischer  Entwicklungspsychologie - es lernt aus dem, was im widerfährt. Während der Wolfsmensch sich einer psychoanalytischen Deutung anbietet, ist das Frankenstein-Monster ein Spiegel unserer sozialen Natur – und dazu gehören die menschliche Hybris und unsere sonstigen Schwächen.

In Splice ist dies nicht anders, nur ist Natalis Monster nicht so naiv wie das von Whale. Es ist intelligent, lernt schnell von seinen „Eltern“, kann zwar nicht sprechen, aber lesen, ist zudem hilfsbedürftig, will kuscheln, spielt mit Puppen und tötet im Affekt – alles sehr menschliche Eigenschaften. Was Dren allerdings noch mehr von den alten Monstern aus der Frühzeit des Horrorfilms unterscheidet, ist ein Rest an Rätselhaftigkeit, ein verborgener Kern in der manipulierten DNA, der den Zuschauer ahnen lässt, dass keiner so recht wissen kann, in was Dren sich verwandeln wird: in  ein fühlendes menschliches Wesen oder ein mörderisches Biest, das fremden tödlichen Instinkten folgen wird.
Auch in Splice entscheidet der Mensch, wo es lang geht. Als Elsa bemerkt, dass sich Dren auffällig für Clive zu interessieren beginnt, verwandelt sie sich in die ‚böse’ Mutter, eine von verborgenen pathologischen Untiefen beherrschte Frau, die dem ‚unartigen Kind’ den ‚schlimmen Stachel’ amputiert. Die symbolisch aufgeladenen Konstellationen, die von Natali gelegentlich etwas dick aufgetragen werden, laufen konsequent auf das von Freud beschriebene ödipale Dreieck zwischen Dren, Clive und Elsa hinaus. Und zwangsläufig führt dies zur Realisierung inzestuöser Wünsche : Dren verführt Clive und dieser schläft mit seiner ‚Tochter’. Und letztlich, so sieht man, geht es einer neuen Lebensform doch nur um eins: das eigene Überleben und seine Fortpflanzung.

Splice ist wie viele moderne Genrefilme ein Crossover-Film, der nicht nur aufgrund seiner Ausgangssituation Elemente des Sci-Fi-Genres verarbeitet. Zu ihnen gehört natürlich die sattsam bekannte Frage nach den moralisch-ethischen Dimensionen künstlicher Lebensformen und nicht-menschlicher Intelligenz. Doch anders als in Spielbergs emotionaler Allegorie A.I.-Artificial Intelligenz taucht dieser Subtext bei Natali nur am Rande auf, auch wenn er immer mitschwingt.
Dass Splice als Genrefilm so gut funktioniert, liegt nicht nur an der intelligenten Verarbeitung klassischer und moderner Genremotive, die entfernt an Species und Alien und ganz am Ende an Rosemarys Baby erinnern, aber auch an Cronenbergs ‚Body Horror’, sondern an seiner erzählerischen Glaubwürdigkeit. Dies verdankt Natalis Film auch den überzeugenden darstellerischen Leistungen von Adrien Brody und Sarah Polley, Qualitäten, die B-Movies häufig fehlen. Brody und Polley spielen streckenweise hinreißend ihre Ratlosigkeit und neurotischen Dispositionen und zeigen, warum die Filmmonster unsere Ängste in Schreckensbilder verwandeln, Ängste, die uns abstoßen und anziehen. Das gilt auch für Delphine Chanéac, die dem ambivalenten Hybridwesen rätselhaften Charme und Komplexität verleiht, was nicht zuletzt auch den exzellenten Effekten zu verdanken ist, die beim Sitges Festival Internacional de Cinema de Catalunya mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurden.
Natalis hermetische Versuchsanordnung funktioniert aber auch genre-didaktisch: die Alpträume des Horrorfilms meinen eigentlich immer den Zuschauer , der weniger im Monster als vielmehr in den Reaktionen seiner Umgebung auch sich selbst wiederfindet. Nicht restlos überzeugen konnte mich das actiongeladene, allerdings auch furiose Ende des Films, das mehr Fragen erzeugt als Antworten gibt und mit einem Plot-Twist endet, der leider etwas vorhersehbar ist. Trotzdem steht unter dem roten Strich ein dickes Plus: Splice zeigt uns nuanciert, was uns erwartet, wenn wir das autonom Fremde eigenen Bedürfnissen unterwerfen wollen.

Postscriptum: im Filmclub ging der Film zu meiner Verblüffung völlig unter. Die Palette umfasste heftige Reaktionen wie „einer der schlechtesten Filme, die ich jemals gesehen habe“, aber auch irritiertes Unbehagen. Warum ein Film, der eigentlich sehr offensichtlich größere Qualitäten besitzt als manch anderer ‚Film von der Stange’, so abgewatscht wurde, gehört zu den gelegentlichen Rätseln unseres Expertentreffs. Für mich war dies weniger eine Enttäuschung, als vielmehr die Bestätigung, dass Horrorfilme halt funktionieren – und zwar so, wie oben beschrieben.

Noten: BigDoc = 2, Klawer, Melonie = 4, Mr. Mendez = 6.

Dienstag, 1. März 2011

Wir sind sauber!

Das tun doch alle!
Wer immer in diesen Tagen etwas schreibt, muss darauf gefasst sein, dass ihm mit vermeintlich wohlwohlendem Grinsen die Frage gestellt wird, wo und wie man mit "Copy & Paste" seine Texte zusammenklaubt. Auch der arglose Filmkritiker kann seinen Blog offenbar nicht mehr pflegen, ohne dass ihm Anzüglichkeiten zu Ohren kommen. Da hilft auch nicht der Rücktritt des Haupt-Übeltäters - der soziale und kulturelle Schaden ist angerichtet: Schreiben wird besonders von denen, die selbst nicht schreiben können, als Patchwork erkannt. Und endlich können sie sich Luft machen, immerhin haben sie es ja schon immer gewusst. Jene, die alles zu wissen glauben und doch nichts wissen, konnten sich schon früher nicht vorstellen, dass Schreiben etwas mehr sein kann als das Zusammenklauben von Vorgefundenem, das man bestenfalls etwas umformuliert als sein eigenes Gedankengut ausgibt. Nun ist es offenkundig geworden. Alles Betrug.

Hätte man einen Seismographen für öffentliches Denken, würde dieser im Moment unterschwelliges Beben registrieren. All das, was 'alle' schon längst gewusst haben, darf nun endlich offen ausgesprochen werden. "Ich verstehe die Aufregung nicht", erklärte mir ein Bekannter. "Das tun doch alle!"
Gemeint ist das systematische Plagiieren.
So sprechen im Moment viele und der Schreiber dieser Zeilen, der vor dreißig Jahren seine Promotion redlich und nach mehrjähriger Arbeit gemeistert hat, erfährt nun durch Vox Populi, dass allein sein akademischer Titel die folgende Bedingung erfüllt: "Mitgegangen, mitgefangen". Oder meinetwegen auch 'mitgehangen'. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus: Menschen, die nicht den geringsten Schimmer vom Wissenschaftsbetrieb in dieser Republik haben, offenbaren urplötzlich intime Kenntnisse des wissenschaftlichen Arbeitens: "Das tun doch alle!"

"The Stammtisch rules!"
Mitunter kommt es gar schlimmer. Da trifft man einen weitläufigen Bekannten, der einem wohlwollend auf die Schulter klopft und dröhnend erklärt: "Glück gehabt, was?" Wenn man fassungslos nachfragt, wobei man denn in Gottes Namen Glück gehabt hat, dann hört man die zur Gewissheit betonierte Aussage, dass wohl jeder, der einen akademischen Appendix in seinem Namen führt, ganz automatisch und mit frivoler Genugtuung dem vermeintlichen Heer der Plagiateure zugeschlagen wird. Man selber habe wohl das Glück gehabt, nicht erwischt worden zu sein. Plagiieren ist so gesehen kein Übel, sondern gängige Methode.
Der Stammtisch wusste es ja schon immer: die Klugscheißer, die Besserwisser, alle jene, die ihrer Meinung nach vorgeben, etwas 'Besseres zu sein', haben mit Sicherheit ihr Oberschichgetue ähnlichen Methoden zu verdanken, denen sich unser tragischer Freiherr bedient hat. Alles nur abgeschrieben.

Kein Vorsatz? Blödsinn!
Aber die Rückzugsgefechte des heute zurückgetretenen Freiherrn haben bei allen, die es wirklich besser wissen, nur Kopfschütteln ausgelöst. Er habe nicht mit Vorsatz gehandelt, durfte er behaupten. Welch eine Schmierenkomödie! Jeder, der irgendwann einen Wissenschaftstext verfasst hat, weiß genau, dass vor der Niederschrift das Exzerpieren steht, jene methodische Form der Vorbereitung, in der man Thesen und gängige Positionen, die in der akademischen Diskussion und in der Fachliteratur vertreten werden, zusammenfasst. Bereits in dieser Phase treten auch eigene Überlegungen und Thesen hinzu und so ist es zwingend notwendig, die für die spätere Niederschrift der Arbeit relevanten Zitate methodisch zu erfassen und unter genauester Angabe der Quelle in den "Zettelkasten" zu übernehmen. Wer in dieser Phase seitenweise Fremdtexte ohne Quellenangabe in seine Exzerpte übernimmt oder wortähnlich Zusammengefasstes ohne Literaturverweis niederlegt, der handelt definitiv mit Vorsatz oder er ist so abgrundtief blöde, dass es schon an Imbezilität grenzt. Da Letzteres nur schwer anzunehmen ist, jedenfalls im vorliegenden Fall, darf vermutet werden, dass das raumgreifende Schummeln bereits bei der Materialzusammenstellung und den methodischen Vorbereitungen systematisch betrieben wurde. Es gibt unterschiedliche Formen der Vorbereitung: Précis, Konspekt, Exzerpt. Für alle gilt: Fremdes ist von Eigenem auf das Genaueste zu trennen!
Dererlei Feinheiten dürften dem Stammtisch in diesen Tagen wohl herzlich egal sein. Endlich darf frank und frei drauflos geledert werden und für alle, die ehrlich gearbeitet und gewissenhaft geforscht haben, gilt schon längst nicht mehr die Unschuldsvermutung. Alle in einen Sack und mit dem Knüppel drauf, da trifft man gewiss keinen Falschen!
Mir bleibt an dieser Stelle nur eins: Lieber Blog-Leser, Du darfst Dir sicher sein, dass Du an dieser Stelle saubere Texte zu lesen bekommst! Hier wurde nichts zusammengeschustert und mit CRTL+V in die Kritiken eingefügt. Blättere ruhig zurück und schaue Dir die letzte Kritik zum Film "Welcome" an und Du findest am Ende des Textes alle erforderlichen Quellenangaben, wobei sich der Autor auch die Mühe gemacht hat, die Quellen gegenzuchecken. Dieser Blog ist sauber!