Warum dürfen Mädchen in Riad nicht Fahrrad fahren? Was passiert Kampfrobotern, wenn sie Ritalin einwerfen? Neben einigem Ausschuss und x-beliebiger Ware von der Stange gab es im letzten Quartal einige angenehme Überraschungen. Dazu in Teil 1 und 2 dieser Retrospektive auch noch die Antworten auf die eben genannten Fragen.
Müder Aufguss: „Broken City“
Albert und Allen Hughes sind Allrounder. Regie, Drehbuch, Produktion – die Hughes-Brüder kennen sich aus. In den 1990er Jahren hatten beide mit „Menace II Society“ und „Dead Presidents“ kraftvoll vorgelegt. 2001 („From Hell“) sowie 2010 („The Book of Eli“) wurde beachtliche Einspielergebnisse erzielt. In „Broken City“ führte nun Allen Hughes allein Regie, Produzent des Conspiracy-Plots war u.a. Hauptdarsteller Mark Wahlberg. Gutes ist nicht dabei herausgekommen.
Mark Wahlberg spielt den ehemaligen Cop Billy Taggert, der als Private Eye arbeitet und im Auftrag des New Yorker Bürgermeisters Nicholas Hostetler (Russell Crowe) dem heimlichen Liebesleben von Gattin Cathleen Hostetler (Catherine Zeta-Jones) auf die Schliche kommen soll. Dass es sich bei den heimlichen Treffen mit einem Unbekannten keineswegs um ein romantisches Tête-à-tête handelt, bleibt dem verbissen um etwas Noir-Profil kämpfenden Wahlberg nicht lange verborgen. Und tatsächlich: Es dreht sich alles um einen riesigen Immobilien-Schwindel, bei dem sich nicht nur der Bürgermeister die Taschen vollstopfen will.
Wie man es in Sachen Polit-Thriller richtig macht, konnte Russel Crowe 2009 in „State of Play“ aus nächster Nähe beobachten. Geholfen hat es nicht. Wahlberg und Crowe spielen ihren Part zwar routiniert herunter, aber gegen den arg konventionellen Plot können sie nichts ausrichten.
„Broken City“ funktioniert weder als Genre-Beitrag noch als Drama, auch wenn die ambivalente Beziehung der beiden Alpha-Tiere einige nette Momente bereithält. Das Script ist zu vorhersehbar und dies ist eigentlich das Schlimmste, was man einem Film vorwerfen kann. Am Ende siegt (wieder einmal) die Moral - noch das Beste an dem 08/15-Film.
Langweilig.
Überflüssige Remakes: „Carrie“ bleibt matt, „Robocop“ ist zumindest interessant
Remakes gehören nicht gerade zu den Lieblingsthemen der Filmkritiker. Nicht erst seit Gus van Sants „Psycho“ fragt man sich, ob sich das Publikum wirklich nicht an die Originale erinnern kann. Dabei sind Remakes nicht Schlimmes. Eigentlich. Ein paar der interessantesten Filme sind Remakes. King Kong, der Untergang der Titanic, auch Ben Hur – alles wurde mehrfach verfilmt. Und beinahe alle haben es getan, selbst Hitchcock hat ein Remake gedreht – von einem eigenen Film. Einige Regisseure hatten dabei sogar etwas zu erzählen, etwa John Carpenter mit „The Thing“. Andere auch, wie William Friedkin mit „12 Angry Men“, aber nur um herauszufinden, dass man den monolithischen Klassiker von Sidney Lumet doch nicht ausstechen konnte. Wie auch immer: Zum Business as usual beim wiederholten Durchkauen des sattsam Bekannten gehören auch die Prequels und Sequels, und dort natürlich auch das Prequel zum Remake und so weiter und so weiter. Fehlende Kreativität oder nüchternes Kalkül – beim Remake trennen sich die Geister. Aber wenn am Ende der Rubel rollt, hat man nichts falsch gemacht, oder?
Carrie
Warum sich allerdings Kimberley Pierce, die 1999 den wunderbaren und originellen Film „Boys Don’t Cry“ gedreht hat, an Brian de Palmas Horrorklassiker „Carrie“ herangewagt hat, bleibt wohl ihr Geheimnis. Aber da die Produktion ankündigte, sich etwas mehr an der Vorlage von Stephen King zu orientieren und auch einigermaßen hielt, was sie versprochen hatte, kann man zumindest in der B-Note einige Punkte für die einigermaßen gelungene Literaturadaption vergeben.
Dennoch wird dieses Remake nicht gebraucht: Die Geschichte des telekinetisch bedrohlich begabten Mädchens Carrie, das unter dem religiösen Wahn der Mutter zu leiden hat und in der Schule ekelhaft gemobbt wird, traf 1976 in de Palmas Film auf ein Publikum, das an der Neuorientierung des US-Kino in den 1970er Jahren Gefallen gefunden hatte. Kein Wunder: Der stilistisch hochbegabte und mit opulenten Bildern und zum Teil neuen Montagetechniken provozierende Regisseur und selbsternannte Hitchcock-Epigone hatte mit „Carrie“ einen Schocker abgeliefert, den sein großes Vorbild so nie hätte drehen können.
So weit, so gut.
Das muss man trotzdem nicht wiederholen. Das Dilemma des Remakes von Kimberley Pierce ist aber weniger der blutarme Stil des Films, sondern die Hauptdarstellerin: Sie ist gut, aber definitv im falschen Film. Anders als die somnambule Sissy Spacek ist „Hit-Girl“ Chloë Grace Moretz als Carrie ein kritisches, selbstbewusstes Mädchen, dem man eigentlich nie so richtig abkaufen kann, dass sie immer wieder von ihrer wahnsinnigen Mutter (dabei allerdings ziemlich überzeugend: Julianne Moore) zum Beten gezwungen wird. Der Rollenumbau ist nicht übel, aber ansonsten funktioniert „Carrie“ wie das große Vorbild. Als die Außenseiterin von einem High School-Beau zum Abschlussball geführt und dort völlig überraschend zur Ballkönigin nominiert wird, entleeren boshafte Mitschülerinnen bei der Siegerehrung einen Eimer Schweineblut über der Arglosen, was zum obligatorischen Rachefeldzug der Gekränkten führt.
Dabei lässt es Pierce auch richtig krachen und Moretz spielt das wirklich nicht übel, aber wie gesagt: sie ist im falschen Film. Und in der falschen Rolle. Fernab von der gelegentlich schwülstig mit sexuellen Konnotationen spielenden Erzählweise Brian de Palmas ist die neue Version des Stephen King-Klassikers deutlich biederer und dabei kein Totalflop, aber auch kaum mehr als der Nachweis, dass man heuer die besseren Effekte aus dem Hut ziehen kann. Das reicht nicht. Fazit: Mittelmäßig.
RoboCop
Deutlich mehr vorgenommen hat sich indes José Padilha, der mit „Tropa de Elite“ 2008 den Goldenen Bären auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin gewann. Seine Neuauflage des gleichnamigen Paul Verhoeven-Klassikers „Robocop“ (1987) will satirisch sein wie das Vorbild, aber politisch und philosophisch etwas mehr bieten, kommentiert Padilha im Bonus-Material der DVD. Und dabei wollte er auch von der mentalen Ausnahmesituation des Androiden erzählen, der einst ein Cop war und dessen Kopf, Herz und Lungen das Einzige sind, was nach einem Sprengstoffanschlag von ihm übrig geblieben ist.
Reizvoll ist das Ganze schon. Padilhas Films liegt seit Anfang Juni auf DVD und Bluray vor, die lange indizierte Fassung von Verhoevens Film wird seit Ende 2013 als ungeschnittene FSK-18-Fassung angeboten. Allein das ist einen Vergleich wert.
Satirisch hat Padilhas kybernetischer Cop tatsächlich einiges zu bieten. Die erste Sequenz zeigt den Drohnen- und Roboter-Einsatz von US-Streitkräften während einer „Friedensmission Teheran“ (sic!). Während die Einheimischen gedemütigt aus ihren Häusern getrieben werden, kommentiert der kaum noch rechtskonservativ zu nennende TV-Journalist Pat Novak den Einsatz live und enthusiastisch für die heimischen Patrioten vor ihren Flatscreens. Bis sich verzweifelte Selbstmord-Attentäter von den Dächern auf die vermeintlich unbezwingbaren Kampfroboter werfen. Da hört der Spaß auf.
Novaks TV-Show ist in Padilhas Film ständig präsent und Samuel L. Jackson spielt den faschistischen Hetzjournalisten mit sichtbarem Vergnügen. Hier eifert Padilha dem großen Vorbild nach und wie die permanenten Medienzitate in Verhoevens Filmen sind auch die von José Padilha sehr trashig, direkt und auf beinahe grobschlächtige Weise satirisch, aber immer hart am Wind.
Natürlich geht es daneben auch im neuen „RoboCop“ um den Cop Alex Murphy (nicht wirklich überzeugend: Joel Kinnaman), der einigen korrupten Kollegen zu gefährlich wird und einem Attentat zum Opfer fällt. Viel ist danach nicht von ihm übrig geblieben, der Rest wird in den Laboren des Multis OmniCorp von Dr. Dennett Norton (Gary Oldman) in einen kybernetischen Battlesuit gesteckt, denn der clevere CEO Raymond Sellars (schön zynisch: Michael Keaton, ursprünglich sollte Hugh Laurie die Rolle übernehmen) will US-weit den Behörden unschlagbare Roboterpolizisten verkaufen. Doch es kommt, wie es kommen muss: Robocop funktioniert zwar, ist dem abgebrühten Sellars aber zu menschlich und damit zu langsam. Folglich muss der von Skrupeln gequälte Dr. Norton den Dopaminspiegel des Androiden herunterfahren, was diesen extrem auf seine Aufgaben fokussiert, aber auch restlos zur Maschine macht. Robocop ist quasi auf Ritalin!
Zudem bastelt Norton auch noch an anderen Features seiner Kreatur herum, sodass während der Kampfhandlungen, die es fortan reichlich gibt, eine Software die Entscheidungen in Robocops Gehirn übernimmt, während der arme Alex Murphy glaubt, dass er immer noch Herr im Hause ist.
Über so viel gut versteckte Satire werden natürlich die Kinogänger jubeln, die sich ein wenig mit der Biochemie des menschlichen Gehirns auskennen und auch recht gut darüber informiert sind, was die moderne Hirnforschung über den freien Willen denkt. Aber mit dieser witzigen Idee ist dann auch in philosophischer Hinsicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Mehr wollte (oder durfte) Padilha nicht in seinen Film packen, denn für US-Blockbuster gilt die Regel, dass der Plot immer noch auf das denkbar schlichteste Gemüt herunterzubrechen ist. Und diese Regel dürfen nur wenige missachten.
Jose Padilha gehört dagegen noch nicht zu diesem illustren Kreis.
Tatsächlich tauchte bereits während der Dreharbeiten ein Interview mit dem brasilianischen Filmemacher Fernando Mireilles auf, der mit Padilha gesprochen hatte, und eine weitere Quelle deckte ab, was Padilha mit MGM und SONY erlebte: „I talked to José Padilha for a week by phone. He will begin filming Robocop. He is saying that it is the worst experience. For every 10 ideas he has, 9 are cut. Whatever he wants, he has to fight. "This is hell here," he told me. "The film will be good, but I never suffered so much and do not want to do it again." He is bitter, but it's a fighter“ (1).
Der Rest ist – wen überrascht’s? - eine Ballerorgie, in der Murphy (der im Gegensatz zu Verhoevens Film mit einem weitgehend intakten Bewusstsein und einem ebenso gut funktionieren Gedächtnis durch die böse Comic-Welt von Detroit stapft) am Ende demonstriert, wozu der ewige Moralismus im US-Kino wirklich taugt: Im Showdown überwindet Robocop seine einprogrammierte Sperre und kann dank dieses Triumphs des freien Willens den Bösewicht erschießen. Aber mal ganz ehrlich: War das nicht klar? Fazit: interessante Ansätze, aber ein an die Leine gelegter Regisseur, dem von höherer Stelle sicher das gänzlich ironiefreie Ende verordnet wurde. Und der Rubel? Budget: $ 130 Mio., Einspielergebnis: $ 242 Mio. Er rollt.
Beste Filme des Quartals:
Finsterworld (1,5), The Secret Life of Walter Mitty (1,6), Blue Yasmine (1,75), Jung & schön (2), Mr. Morgan’s Last Love (2), Sein letztes Rennen (2), The Company You Keep (2,25), Rush (2,6)
Die größten Flops des Quartals:
Broken City (4), Das Mädchen Wadja (3,25)
Broken City – USA 2013 – Regie: Allen Hughes – D.: Mark Wahlberg, Russel Crowe, Catherine Zeta-Jones - FSK: ab 12.
Carrie – USA 2013 – Regie: Kimberley Pierce, D.: Chloë Grace Moretz, Juliane Moore – FSK: ab 16.
RoboCop – USA 2014 – Regie: José Padilha, Buch: Joshua Zetumer – D.: Joel Kinnaman, Gary Oldman, Michael Keaton, Samuel L. Jackson, Michael K. Williams - FSK: ab 12.
HBO hat es wieder geschafft. Der Garant für Quality TV machte es wie so oft. Man ließ die Macher werkeln, griff nicht in die Produktion ein und präsentierte am Ende den achtteiligen Höllenritt zweier kaputter Ex-Cops in die finsteren Sümpfe von Südlouisiana, der in den USA wie eine Bombe einschlug.
„True Detective“ ist die Serienentdeckung des noch jungen Sommers. Für deutsche Zuschauer absolut ungeeignet.
Am Anfang finden Hart und Cohle, zwei Cops wie Hund und Katze, die Leiche der Prostituierten Dora Kelly Lange. Gefesselt, in betender Position. Auf dem Kopf ist ein Geweih befestigt. Ein merkwürdiges Tattoo auf dem Rücken und geflochtene Ruten neben der Toten deuten ein rituelles Arrangement an. Schon bald wird den beiden Cops klar, dass die Tote nicht zufällig dort abgelegt wurde.
Wir befinden uns in Louisiana, irgendwo im Niemandsland zwischen dem Golf von Mexico und den großen Sümpfen, wo elend lange Straßen durch eine feindliche Landschaft führen, in der verlassen einige Raffinerien stehen. In dieser Gegend verschwinden Menschen. Frauen und Kinder. Richtig ermittelt wird anscheinend nicht. Der White Trash wohnt in heruntergekommenen Hütten, die Oberschicht in weißen Herrenhäusern. Alle sind irgendwie verbandelt, ein Hauch von Inzest und Morbidität liegt über dem Ganzen. Und Louisiana wird sich immer mehr in einen Vorhof der Hölle verwandeln. Wir befinden uns im Jahr 1995.
Der lange Atem des Erzählens
„True Detective“ wurde 2012 von HBO in Auftrag gegeben. Showrunner ist der relativ TV-unerfahrene Nic Pizzolatto, der alle Drehbücher für die insgesamt acht knapp einstündigen Episoden geschrieben hat. Nun ist es für HBO keineswegs neu, einige Risiken einzugehen. Bereits 1997 hatte sich das Pay-TV-Network mit „Oz“ weit nach vorne gewagt, ehe mit „The Sopranos“ das Quality TV zu einem Zeitpunkt erfunden wurde, als es Begriff noch gar nicht gab. Nach weiteren Serienhits folgten dann „The Wire“ (2002) und gegenwärtig räumt der Sender mit „Game of Thrones“ Zuschauerrekorde ab. „True Detective“ ist als Anthologie angelegt, die geplante zweite Staffel wird eine neue Geschichte mit neuen Darstellern erzählen.
„Freshman“ Pizzolatto, ein Literaturprofessor, der bislang nur zwei Episoden für „The Killing“ geschrieben hatte, und Regisseur Cary Fukunaga („Sin Nombre“, 2009, Buch und Regie; „Jane Eyre“, 2011, Regie) haben mit „True Detective“ dem horizontalen Erzählen keine neuen Erkenntnisse hinzugefügt, es aber mit einigen brillanten Facetten ausgestattet und in einen anderen, mehr literarisch geprägten Erzählraum verlegt. Eine Geschichte ohne Subplots in acht Stunden, die eloquent vorführt, was mittlerweile die Spatzen von den Dächern pfeifen: Gute Serien haben einen anderen epischen Atem als Kinofilme – und es gibt in ihnen mehr Raum für formale Experimente und, was wohl entscheidender ist, den Mut zur Länge.
Viel experimentiert wird in „True Detective“ aber eigentlich nicht, auch wenn eine minutenlange ungeschnittene Kamerafahrt am Ende der 4. Episode auf atemberaubende Weise einen Shoot-out einfängt, wie man es seit Brian de Palma nicht mehr gesehen hat. Auch der kongeniale Vorspann erfindet das Rad nicht neu, aber er transzendiert mit seinen zahlreichen transparenten Layern seine Figuren sehr geschmackvoll in die Settings aus Sümpfen, Industrieanlagen, Cajuns und Kirchenzelten evangelikaler Randgruppen. Er ist das Beste, was man seit „Seven“ und „The Wire“ zu sehen bekommen hat. Dazu passt der Opener „Far From Any Road“ von „The Handsome Family“ mit seiner melancholischen Lyrik dann wie die Faust aufs Auge.
Vorbilder lässt „True Detective“ also keineswegs aus. Anders gesagt: Die Bilder und Topoi sind vertraut. Das Geweih an der Toten erinnert ein wenig an eine Szene aus der TV-Serie „Hannibal“, die unheilverkündende Landschaft mit ihren dunklen Geheimnissen an „Texas Killing Fields“, die Gespräche der Cops an „The Counselor“ und ihr tiefschwarzer Pessimismus an „No Country for Old Men“.
Lange Autofahrten und tiefschwarze Gespräche: Schopenhauer lässt grüßen
Für das Schwarz und die Abgründe des Denkens sorgt Detective Rustin „Rust“ Cohle (Matthew McConaughey) im Alleingang. Der nach dem Tod seiner Tochter und jahrelanger Undercover-Arbeit im Drogenmilieu traumatisierte Cop ist ein psychischer Grenzgänger, der sich einige Male zu oft zugedröhnt hat, an Schlaflosigkeit leidet, synästhetische Erfahrungen macht, gelegentlich halluziniert und dank einer unheimlichen Mischung aus Empathie und Intuition aus Verdächtigen innerhalb kürzester Zeit ein Geständnis herausholt. Erst seit kurzer Zeit arbeitet er mit Martin „Marty“ Hart (Woody Harrelson) zusammen, den er in langen Autofahrten in tiefgründige philosophische Gespräche verstrickt.
Hart ist dagegen der robuste Pragmatiker, kein Mann des Wortes und erst recht keiner, der Bücher liest – ein Familienmensch, ein Wertkonservativer, der versucht, das Auto, das die beiden Cops zu den scheußlichen Tatorten führt, in eine Zone des Schweigens zu verwandeln. Vergeblich. Denn während in David Finchers „Seven“ der Serienkiller den beiden Ermittlern die Konfrontation mit einer nihilistischen Weltsicht aufzwingt, ist es in „True Detective“ der misanthropische Cop, der die Welt verachtet und den Gedanken, dass auf den Tod noch etwas folgen könne, für schier unerträglich hält. Dazu noch das menschliche Bewusstsein für einen Fehler der Evolution, da sich die Natur einen Blickwinkel außerhalb ihrer selbst geschaffen hat. Das ist, so stellt Cohle fest, nicht zu ertragen und die Lösung für die degenerierte Spezies sei es, den Geschlechtsverkehr einzustellen und einfach auszusterben. Die Welt gehört abgeschafft und Schopenhauer lässt grüßen.
2012: Cohle, ein mittlerweile heruntergekommener Barmann, und Hart, der aus dem Polizeidienst ausgeschieden ist und als Privatermittler arbeitet, werden voneinander getrennt von den Ermittlern Papania und Gilbough verhört. 17 Jahre nach der Aufklärung des Mordes Dora Kelly Lange wurde ein totes Mädchen gefunden und der Tatort wurde so arrangiert wie damals. Cohle und Hart haben seit 2002 nach einem massiven Streit keinen Kontakt mehr gehabt, aber die Ermittlungsgespräche führen beide immer tiefer zurück in die Mittneunziger und am Ende auch wieder zusammen.
Die ständig ineinander verschränkten Zeitstränge in „True Detective“ bilden ein Narrativ, das den Spannungsdruck eines kurz vor dem Auseinanderfliegen stehenden Dampfkessels erzeugt. Eine Mischung aus Psychotherapie und Beichte. Papania und Gilbough, die immer wieder bedeutungsschwere Blicke austauschen, sind wider Willen und allein durch ihr Schweigen Therapeuten und Priester. Denn Cohle und Hart entblättern ihre Seelen. In dem von Matthew McConaughey brillant gespielten Misanthropen beginnt man immer mehr die typische Noir-Figur zu erkennen, hinter dessen Unzugänglichkeit eine Mischung aus rigidem Moralismus und ein beinahe zwanghaftes Gerechtigkeitsgefühl durchscheinen. Sein Antagonist Marty Hart entpuppt sich dagegen als nicht weniger obsessiver Grenzgänger, ein Sexjunkie, der seine Frau betrügt, wenn er mal „Druck abbauen“ will, aber den verhassten „Buddy“ dann doch nicht hängen lässt. Woody Harrelson brilliert als Gescheiterter nicht weniger herausragend als McConaughey und die Performance der beiden Männer gehört absolut zum Besten, was man in den letzten Jahren zu sehen bekommen hat.
Ein existenzielle Parforcejagd mit Ecken und Kanten: Während Cohle und Hart nicht nur zu den Ermittlern sprechen, sondern auch in eine stumme Kamera, werden die Ereignisse des Jahres 1995 in Flashbacks gezeigt, in denen Fakten, Deutungen und Manipulationen der wahren Geschehnisse vermischt werden. Und dann ist es mitunter wieder die Kamera, die eine objektivierende Position einnimmt und zeigt, wie beide Cops einen Mord begehen und erfolgreich vertuschen. Nur was ist die Wahrheit? Kommen die Ermittler den beiden zu nahe oder werden sie, wie Hart lakonisch fragt, bereits von Cohle brillant manipuliert?
Die Philosophie in „True Detective“
Man kann sich darüber streiten, aber „Rusty“ Cohle ist sicher die spannendere Figur in dem Duo. Nic Pizzolatto hat die Figur nicht am Reißbrett entworfen. Einige Textzeilen des pessimistischen Cops stammen mehr oder weniger aus der Feder von Thomas Ligotti, einem Kultautor der Weird Fiction, jener düsteren Mixtur aus Horror und Science Fiction, die von Autoren wie Ambrose Bierce, H.P. Lovecraft und Robert W. Chambers vor über 100 Jahren begründet wurde. Moderne Autoren der Weird Fiction haben alles dann gehörig auf die Spitzen getrieben. Wenn Cohle, über Fotos der malträtierten toten Frauen gebeugt, über den Moment des Todes räsoniert, dass „unser Ich nicht anderes ist als pure Anmaßung und purer Willensdruck und das man loslassen kann“ und den Moment der letzten Qual zur Erkenntnis der Erlösung umdeutet, dann ist das starker Tobak und natürlich setzte es Kritik. Aber anders als bei „The Counselor“ fiel sie recht verhalten aus und besonders in den US-Medien schien sich sogar eine Begeisterung an der Auslegung dieser morbiden Philosophie breit zu machen, angesichts derer sich selbst der Skeptiker Kierkegaard im Grabe umdrehen würde.
„True Detective“ ist und bleibt bei all dem aber eine Copserie. Zunächst jedenfalls. Aber je tiefer die Cops in die Vergangenheit der Opfer und ihrer Familienangehörigen blicken, desto weiter müssen sie in der Zeit zurückgehen und dort wartet nichts Gutes. Denn als die mutmaßlichen Mörder von Dora Kelly Lange bereits in Episode 5 gestellt werden, finden Hart und Cohle auch misshandelte Kinder in einem Verschlag. Einige sind tot und böse Andeutungen über einen „Gelben König“ verweisen auf einen mächtigen Pädophilenring und auf eine Verschwörung, die weit in die 1980er Jahre zurückführt und schließlich mit einer einflussreichen fundamentalistischen Kirche in Verbindung gebracht werden kann.
„The King in Yellow“ geht wiederum auf einen Geschichtenzyklus von Robert W. Chambers zurück. Hart und Cohle, und damit auch der Zuschauer, sind mitten in der wahnsinnigen Welt Chambers und in der bizarren Mythologie Cthulhus, der Shoggothen und Yog-Sothoth gelandet, jener geheimnis- und grauenvollen Wesen, die Lovecrafts Bücher beeinflusst haben.
Das Geheimnis im Geheimnis führt 17 Jahre nach dem ersten Fall die beiden Cops wieder zusammen und endet in einem alptraumartigen Finale, bei dem man am Ende nicht weiß, ob man Cohles halluzinierte Visionen gesehen hat oder eine Realität, die noch fürchterlicher ist als die Grausamkeiten, die zuvor geschehen sind. Die Cop-Serie ist in der Weird Fiction gelandet und am Ende geht es dann wohl um den ewigen Kampf zwischen Licht und Dunkelheit.
Man muss das nicht ernst nehmen, aber merkwürdigerweise gelingt dies nicht. Die Spannung, die „True Detective“ mitsamt der ausgeklügelten Plo-Twists über acht Stunden lang auf einem konstant hohen Level hält, ist schlichtweg atemberaubend. Und das liegt nicht nur an der Geschichte, sondern eigentlich an Matthew McConaughey und Woody Harrelson, die Pizzolattos bizarre Geschichte kongenial umsetzen: Große Schauspielkunst.
Nic Pizzolatto und Cary Fukunaga haben eine Serie geschaffen, die sich mühelos in die Reihe der Global Player der Serienkunst einreiht. Und dafür haben sie sich die perfekten Darsteller ausgesucht. Und die langen philosophischen Diskurse? Nun, man kann Schokolade nicht vorwerfen, dass sie schmeckt.
Nachtrag: Mehr über die versteckten Anspielungen in "True Detective" erfährt man in meinem Beitrag über die Geheimnisse der Serie.
Postscriptum: Cohles Einsichten
- I think human consciousness is a tragic misstep in human evolution.
We became too self aware; nature created an aspect of nature separate from itself. We are creatures that should not exist by natural law. We are things that labor under the illusion of having a self, a secretion of sensory experience and feeling, programmed with total assurance that we are each somebody, when in fact everybody’s nobody. I think the honorable thing for our species to do is deny our programming, stop reproducing, walk hand in hand into extinction, one last midnight, brothers and sisters opting out of a raw deal.
Pressespiegel
„Die Serie ist ein visueller Rausch, eine Meisterleistung der Hollywood-Stars Matthew McConaughey und Woody Harrelson. Vor allem: eine Erzählung, so eigenartig verstrickt zwischen Philosophie-Hauptseminar, Gruselgeschichte und roher Gewalt, dass die Zuschauer sich nicht anders zu helfen wussten, als das halbe Internet zu füllen mit Interpretationsversuchen, Querverweisen, Aufschlüsselungen. Andere Sender fanden es unfair, dass True Detective in diesem Jahr bei den Emmys, dem wichtigsten Fernsehpreis der USA, eingereicht wird. Weil die Mitbewerber dann sowieso chancenlos seien“ (DIE ZEIT).
„Es ist der beste Krimi des Jahres“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).
True Detective – HBO, USA 2014 – Länge: 8x 60 Minuten – Idee und Buch: Nic Pizzolatto – Regie: Cary Fukunaga – Kamera: Adam Arkapaw – D.: Matthew McConaughey, Woody Harrelson, Michelle Monaghan
Die X-Men sind wieder zurück. Mitten im Hype um die Avengers drohte das andere Vorzeigeprodukt des Comicverlages Marvel Enterprises etwas in Vergessenheit zu geraten. Zum Glück muss man sich keine Sorgen machen: „X-Men: Days of Future Past“ ist ein intelligenter und im wahrsten Sinne des Wortes schlagfertiger Blockbuster geworden. Dazu waren zwei Tricks nötig.
2023: die nahe Zukunft ist ungemütlich. Nicht nur für Mutanten. Gejagt von riesigen Kampfrobotern, den Sentinels, werden sie gnadenlos dezimiert. Die endlosen Kämpfe haben aus der Erde einen Ort der Zerstörung gemacht und der finale Schlag gegen die Mutanten und die X-Men steht kurz bevor.
Entwickelt wurden die Sentinels von dem fiesen Wissenschaftler Bolivar Trask (Peter Dinklage etwas eindimensionaler als in „Game of Thrones“) bereits im Jahre 1973. Trask wurde aber im gleichen Jahr von Raven/Mystique (Jennifer Lawrence) erschossen, die dabei in die Hände der Regierung fiel. Dank ihres Genmaterials konnten die Behörden nach Trasks Tod die Sentinels zu extrem anpassungsfähigen und beinahe unzerstörbaren Monstermaschinen weiterentwickeln.
In der Zukunft beschließen die letzten überlebenden X-Men um Charles Xavier (Patrick Stewart), Wolverine (Hugh Jackman) und Storm (Halle Berry), diese fatale Vergangenheit zu korrigieren: die Liquidierung von Bolivar Trask darf nicht geschehen, Mystique darf nicht gefangen genommen werden. Mithilfe von Kitty Pryde/Shadowcat (Ellen Page) wird das Bewusstsein Wolverines 50 Jahre zurück in die Vergangenheit und in den Körper seine jüngeren Alter Ego geschickt, um alles umzuschreiben. Und natürlich geht dies nicht ganz ohne die Hilfe von Magneto (Michael Fassbender/Ian McKellen). Der aber sitzt wegen des Mordes an John F. Kennedy in einem ausbruchsicheren Hochsicherheitsgefängnis.
Egal, was passiert: Wenn Wolverines Geist das Jahr 1973 verlässt, wird die alte Zeitlinie nicht mehr existieren!
X-Men-erprobtes Produktionsteam setzt alles auf Null
Nachdem Bryan Singer als Produzent der erfolgreichen Marvel-Serie mit „X-Men: First Class“ (2011) einen rundum gelungenen Relaunch verpasste, stand der 49-Jährige nun für „X-Men: Days of Future Past“ erneut als Produzent zu Verfügung, diesmal aber auch als Regisseur neben der Kamera. Zusammen mit Singer (Regie: X-Men, X-Men 2) war mit Simon Kinberg (X-Men: The Last Stand) und dem Erfolgsgespann Matthew Vaughn und Jane Goldman (X-Men: First Class) ein X-Men-erprobtes Autorenteam mit von der Partie. Das hat sich bezahlt gemacht.
Den ersten Trick des X-Men-Teams ist - nun ja, seien wir ehrlich – bei J.J. Abrams abgekupfert worden. Der hatte für sein erstes Prequel von Star Trek-TOS einfach eine alternative Zeitlinie etabliert, um den komplizierten Wechselbeziehungen der diversen Storylines, in denen Zeitreisen (leider) nun mal nicht selten vorgekommen sind, einen Riegel vorzuschieben. Abrams setzte alles auf Null und kann nun erzählen, was ihm in den Sinn kommt. „X-Men: Days of Future Past“ bedient sich des gleichen Kniffs und – Achtung! – alle Fans der X-Men müssen sich daran gewöhnen, dass das Meiste, was sie bislang gesehen haben, einfach nicht passiert ist.
Der zweite Trick: das Prequel „X-Men: First Class“ wurde mit der klassischen X-Men-Geschichte logisch verknüpft, was angesichts einiger neuer Figuren und der nicht ohne Denkarbeit zu leistenden Entschlüsselung der diversen Zeitsprünge sicher keine leichte Aufgabe war und den Zuschauer etwas fordern wird. Allerdings wurde mit diesem Plot dafür gesorgt, dass Michael Fassbender und James McAvoy nun noch stärker im Fokus stehen, während die alten X-Men bis auf Wolverine keine entscheidende Rolle mehr spielen. Dies hat trotz einiger narrativer Anschlussfehler weitgehend geklappt. So wird leider nicht ganz klar, wieso der seit „X-Men: First Class“ tote Charles Xavier plötzlich wieder in seiner alten Gestalt auftaucht und warum in früheren Filmen der klassischen X-Men-Storyline nichts von den Sentinels zu sehen gewesen ist.
Abgesehen von diesen Strickfehlern schreibt „X-Men: Days of Future Past“ fast nahtlos die Geschichte von „First Class“ weiter und vertieft die Auseinandersetzung zwischen dem jungen Charles Xavier (James McAvoy) und dem traumatisierten KZ-Überlebenden Erik Lehnsherr/Magneto. Während der ziemlich heruntergekommene Xavier nur dank einer von Dr. Hank McCoy (Beast) entwickelten Droge wieder gehen kann, aber dadurch seine besonderen Fähigkeiten eingebüßt hat, ist Magneto in der Zwischenzeit keineswegs zu einem Menschenfreund geworden.
Nach wie vor ist der moralische Kern der X-Men ein allegorischer: Können die Menschen einen neuen Evolutionsschritt verkraften oder werden sie als Neandertaler den neuen Homo sapiens vernichten? Der desillusionierte, aber durchaus realistische Magneto hat da wenig Zweifel. So wie die Juden von den Nazis umgebracht wurden, werden die Mutanten ohne militanten Widerstand Ähnliches zu erwarten haben.
Und so findet ironischerweise die ewige Auseinandersetzung zwischen dem Misanthropen und dem idealistischen und an einer friedlicher Koexistenz orientierten Charles Xavier auch noch mitten in der Nixon-Ära statt, kurz vor dem Ende des Vietnamkriegs, in dem („Watchmen“ lässt grüßen) einige Mutanten erfolgreich für die amerikanischen Streitkräfte gekämpft haben.
Verblüffende Effekte, tolles Zeitkolorit
Dass ein Blockbuster einen Teil seines Mehrwerts über CGI herstellen muss, ist nichts Neues. Dass alles ziemlich überraschend und witzig sein kann, ist die eigentliche Überraschung im neuen X-Men-Film. Tatsächlich sorgen einige ziemlich gute Einfälle für Verblüffung. Genannt sei hier die besonders die Befreiung Magnetos aus dem unterirdischen Gefängnis, bei der Evan Peters als Pietro Maximoff aka Quicksilver einen kurzen, aber nachhaltigen Auftritt hat. Der stark an den jungen Malcolm McDowell erinnernde Peters spielt einen Mutanten, der sich mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit bewegen kann (dass er auch so schnell denken kann, weiß man nur aus den Comics). Und so sammelt Quicksilver während einer wilden Schießerei mit aufreizender Lässigkeit die abgefeuerten Patronen ein, während für den Zuschauer die Echtzeit des Mutanten wie eingefrorene Zeit aussieht. Diese Mischung aus Super Slow Motion, Bullet Time- und Frozen Reality-Effekten ist ein echter Hingucker, der nur noch getoppt wird, als Magneto das riesige RFK Memorial Stadium aus den Angeln hebt und über dem Weißen Haus absetzt.
Wer etwas genauer hinschaut, wird auch die Settings und den gut gemachten Retro-Look der 1970er goutieren, zum Beispiel dann, wenn Wolverine in einem Wasserbett aufwacht oder kurze 8mm-Filmeinspieler zu sehen sind, mit denen zufällig anwesende Hobbyfilmer die beängstigenden Aktionen der kämpfenden Mutanten einfangen.
Das Spiel mit der Zeit
Das alles hat Charme und Witz und die Action ist in dem 3 D-Film, der die räumlichen Effekte dezent, aber wirkungsvoll präsentiert, wirklich State of the Art. „X-Men: Days of Future Past“ ist meilenweit von jenen zweitklassigen Comic-Verfilmungen entfernt, in denen platte Dialoge nur ein kurzes Zwischenspiel sind, bevor es wieder richtig rumst.
Das liegt, und man sollte dies schon wissen, auch daran, dass das Autorenteam einem der besten Comics des legendären Chris Clarmont vertraut hat, nämlich der titelgebenden Geschichte „X-Men: Days of Future Past“ aus dem Jahre 1981. Der mittlerweile 64-jährige Autor hat von 1976-1991 die Serie Uncanny X-Men erschaffen und entwickelt, die eine der erfolgreichsten US-Comicserien wurde. Und das auch dank des raffinierten Feelings ihres Schöpfers für psychologische und gelegentlich auch politische Metaphern.
In den Comics ging es zeitweilig drunter und drüber. Kurzfristig war Claremont ausgestiegen, aber auch nach seiner Rückkehr wurden die Plots mit Realitätssprüngen, alternativen Universen, Zeitsprüngen, X-Men-Nebenserien und vielen neuen Figuren ziemlich undurchsichtig. Es ist den Machern des Kino-Ablegers positiv anzurechnen, dass sie das denkbare Tohuwabohu dieser Stilelemente in eine konsistente Geschichte überführt haben, in der ärgerliche Logikbrüche vermieden werden. Am Ende hat der X-Men-Film sogar einen versöhnenden Moment. Nach der Korrektur der Zeitlinie findet sich Wolverine in einer besseren Version der Welt wieder, die wir aus dem allerersten X-Men-Film kennen. Jane Grey wartet bereits.
Warten wir ab, ob es so friedlich bleibt. Wie immer gibt es auch in „X-Men: Days of Future Past“ am Ende des Abspanns eine kurze Szene, die den für 2016 angekündigten „X-Men: Apocalypse“ ankündigt. Der Film soll ein weiteres Sequel von „First Class“ werden und in den 1980ern spielen. Sollte dies aber auf der 1995 geschriebenen Episode „Age of Apocalypse“ basieren, dann werden wir wohl mit einer alternativen Realität konfrontiert, in der ein Mutant die Welt regiert. Ob das X-Men-Frachise auch diesen Zeitsprung schafft, bleibt abzuwarten.
X-Men: Days of Future Past (X-Men: Zukunft ist Vergangenheit) – USA 2014 – R.: Bryan Singer – Buch/Story: Simon Kinberg, Matthew Vaughn, Jane Goldman (basierend auf Days of Future Past von Chris Claremont) – D.: Hugh Jackman, James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence, Peter Dinklage, Patrick Stewart, Ian McKellen, Evan Peters, Ellen Page, Halle Berry – Laufzeit: 131 Minuten – FSK: ab 12 Jahren.
Noten: BigDoc, Melonie = 2
Oscar Isaac spielt im neuen Film von Joel und Ethan Coen den Folk-Musiker Llewyn Davis. Llewyn ist gut und erfolglos. Und das in den USA, wo im Showbiz ‚gut’ und ‚erfolgreich’ beinahe ein Synonym sind. „Inside Llewyn Davis“ ist eine Hommage an die Folkmusik der 1960er, aber mehr noch an die vergessenen und gescheiterten Künstlergenies, die es einfach nicht fertig bringen, ihr Talent in Geld zu verwandeln. Ein ruhiger und depressiver Film, in dem der schwarze Humor der Coens nur am Rande eine Rolle spielt.
„Ist das Arthouse?“, wurde im Filmclub gefragt. „Ja, das ist Arthouse“, lautet die Antwort, wenn man wenn weiß, dass der neue Film der Coen-Brothers in den USA zunächst nur in einer begrenzten Anzahl von Kinos aufgeführt wurde. Und ja, ein Film mit einem geschätzten Budget von 11 Mio. US-Dollar und einem Einspielergebnis von 13 Mio. $ (Stand: März 2014) ist dann wohl Arthouse, wenn die amerikanische Filmindustrie eigentlich nur noch Blockbustern und Remakes traut, die mit Budgets im dreistelligen Millionenbereich produziert werden.
Dann auch noch dies: „Inside Llewyn Davis“ gewinnt den Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes 2013, den zweitwichtigsten Preis, der in erster Linie Filme mit großer Innovationskraft adressiert. Und ja: „Inside Llewyn Davis“ wurde später 2x in Nebenkategorien für den Oscar 2014 nominiert (Beste Kamera, Bester Ton). Alles verdächtige Hinweise.
Mitten im Niemandsland
Und last but not least: Die Coens haben Film über einen Abschnitt der amerikanischen Musikgeschichte gemacht, der scheinbar banaler nicht sein kann, denn er spielt Anfang der 1960er Jahre in einem kulturellen Niemandsland. Die Beat Generation beginnt ihre Anziehungskraft zu verlieren, der phänomenale Durchbruch der Folkmusik steht bevor, aber die Coens widmen sich den mauen Jahren dazwischen. Jenen Jahren, in denen unglaublich begabte Folksänger und Folkgruppen im Greenwich Village auftraten, jenem New Yorker Künstlerviertel, in dem 1961 auch Bob Dylan landete und in dem die Mieten billig waren, aber so gut wie nichts mit der Musik zu verdienen war.
In dieser Zwischenwelt kurz vor dem Aufstieg von Dylan, Simon & Garfunkel oder Peter, Paul & Mary lebt Llewyn.
"I don't see a lot of money here", wird ihm ein bekannter Impresario, gespielt von F. Murray Abraham, kalt ins Gesicht sagen. Und ihm dann mitteilen, dass er eigentlich ganz gut sei. Da gäbe es ein Trio, vielleicht wäre das etwas. Llewyn wird ablehnen und er wird wieder und wieder solche Fehler machen, denn – wir ahnen es – er hat gerade den Einstieg bei Peter, Paul & Mary versaut und möglicherweise einige Millionen verzockt.
New York, 1961, die erste Szene: Llewyn Davis singt in einem kleinen Club „Hang me, oh hang me“. Das tut er hingebungsvoll und der Applaus ist warm. Doch mit der Gage wird er nicht weit kommen. Vor dem Club wartet ein Mann auf ihn, der ihn zusammenschlägt. Das bleibt zunächst rätselhaft.
Dann sehen wir den Künstler in seiner ganzen Misere. Llewyn Davis hat keine eigene Wohnung, er lebt von der Hand in den Mund und sucht sich bei Gönnern und Freunden eine Bleibe für die nächste Nacht. Dort landet er entweder auf der Couch oder auf dem blanken Boden. Und da ihm nichts gelingen will, läuft ihm auch immer wieder der Kater seiner Gastgeber weg – das Symbol einer Tristesse, die wie ein graues Tuch über diesem Mann hängt.
Zuvor war Llewyn Teil eines Duos, das eine reichlich erfolglose Platte veröffentlicht hat, sein Partner ist von einer Brücke gesprungen. Ob dies Llewyn bitter gemacht hat, erzählen uns die Coens nicht, sie zeigen uns aber in einem überwiegend episodisch gestrickten Film ohne klassische Plotstruktur einen Hochbegabten, der – offen gestanden – nicht nur ein Unsympath ist, sondern tatsächlich ein richtiges Arschloch.
Das folksüchtige Ehepaar Gorfein, beim dem Llewyn gerade in der Upper West Side nächtigt, beleidigt er übel, weil er es als todernster Künstler hasst, dass bei seinen Liedern der Part seines toten Partners mitgesungen wird. Und seine Ex-Freundin Jean (Carey Mulligan), die nach einem erneuten Tête-à-Tête schwanger geworden ist, bleibt dem Musiker fremd. Zusammen mit ihrem Mann Jim (Justin Timberlake mit einer beachtlichen Performance) bildet sie ein Folkduo, für dessen massentaugliche Musik Llewyn nur Verachtung übrig hat. Dafür hat Jean ihm verschwiegen, dass sie bereits vor Jahren ein Kind von ihm bekommen hatte.
Im Finsterland der Coens
In diesem Struggle for Life zwischen Heimatlosigkeit und gelegentlichen Gigs erscheinen Llewyn die Katzen wie ein unerwünschtes Missing Link, das er nicht deuten kann. Er hat ständig mit ihnen zu tun. Nicht nur, dass er für die Gorfeins das falsche Tier eingefangen hat, er schleppt die heimatlose Katze, für die er eigentlich wenig Mitgefühl hegt, ständig mit sich herum.
Die Coens berichten davon, dass sie damit den Plot strukturieren wollten. Man sollte ihnen nicht glauben: die gefühlsneutrale Beziehung zwischen den beiden Einzelgängern spiegelt präzise das von Zufällen und Katastrophen geprägte Leben der Titelfigur präzise wider.
„Inside Llewyn Davis“ ist so gesehen beinahe ein ironischer Titel, denn in die Hauptfigur mag man sich weder einfühlen noch vermag man richtig zu verstehen, was sie im Innersten bewegt. Die Coens zeigen, und das ist eben ein häufiges Merkmal ihrer Filme, eher die Außenperspektive, weniger die psychologische Binnensicht. Aufmerksamkeit verdienen vielmehr die Situationen, in die Coens ihre Figuren hineinstellen, gerade wenn diese Obskures und Grenzwertiges bereithalten. Beinahe so, als wollten die Filmemacher wie in einem Laborversuch austesten, was ihr Personal gleich tun wird.
Llewyn wird dies auf einer merkwürdigen Reise nach Chicago erfahren. Die haben sich die Coens extra für John Goodman („Barton Fink“, „The Hudsucker Proxy“, „The Big Lebowski“, „O Brother, Where Art Thou?“) ausgedacht und es ist ein merkwürdiges Trio dabei zusammengekommen: Llewyn will – natürlich mit Katze - den Promoter Bud Grossman (F. Murray Abraham) treffen; was der reiche und heroinsüchtige Roland Turner (John Goodman) und sein Fahrer, der wortkarge Beat Poet Johnny Five (Garrett Hedlund übernahm in Walter Salles „On the Road“ treffenderweise die Rolle des Dean Moriarty aka Neal Cassady) eigentlich in Chicago wollen, ist nicht ganz klar. Aber die grandios von Kameramann Bruno Delbonnel gefilmte Sequenz, die beinahe ein kleines Roadmovie ist, führt mitten in das nächtliche Finsterland der Coens.
Goodman gibt einen unwiderstehlich kratzbürstig-zynischen Jazzmusiker, für den Folk nur Kinderkram ist und der dunkle Andeutungen über seine voodoo-ähnlichen Fähigkeiten macht, mit denen er dafür sorgen könne, dass Llewyn alles misslänge, was er fortan versuchen würde.
Während der Fahrt wird dann eine andere Katze angefahren und später wird ein Cop Johnny Five verhaften, während der zugedröhnte Turner bewusstlos auf dem Rücksitz liegt. Llewyn steht orientierungslos auf der Straße und starrt ‚seine’ Katze an, die ihm aber nicht mehr folgen will. Dies sind die kleinen metaphysischen Momente, die man in Coen-Filmen so liebt: eine Katze trifft eine Entscheidung, Llewyn tut dies auch, aber wie so oft ist es die falsche.
Ein Pflegefall der Sprache
Natürlich ist „Inside Llewyn Davis“ auch eine Hommage an die Folkmusik – oder besser gesagt: an die Musik, die von den Coens sehr ausgiebig und mit vollständig ausgespielten Titeln zu Gehör gebracht wird - nicht am Beispiel ihrer Vorzeigeexemplare, sondern durch einen erfolglosen Einzelgänger.
Für die Titelfigur ist Oscar Isaac eine nahezu perfekte Besetzung. Nicht nur, weil er die Lieder in dem Film selbst gesungen hat. Issac setzt virtuos die Misere des Künstlers zwischen Sein und Schein, Fehldeutungen und Selbstüberschätzung um. Sein Äußeres lässt auf einen feinfühligen introvertierten Künstler schließen, sein beleidigend ehrliches und gelegentlich zynisches Auftreten und seine beinahe laszive Depressivität konterkarieren dies. Wir haben es mit einem Mann zu tun, der die Sprache der Musik beherrscht, im harten Leben des Showbiz aber nicht das Marketing in eigener Sache versteht. Wer sich nicht verkaufen kann und keine Netzwerke schafft, so lautet die Lektion, wird auf der Strecke bleiben.
Llewyn Davis verpasst deshalb am Vorabend der Folk-Ära nahezu jede Chance, an der neuen Welle zu partizipieren, von der keiner etwas ahnen kann, und wir sehen auch einen Mann, der eigentlich nur mit seiner Musik kommunizieren kann.
Wenn Llewyn kurz vor Ende des Films für seinen Vater, der als Pflegefall mit versteinerter Miene in einem heruntergekommenen Heimzimmer sitzt, einen Traditional über die Fischer und das Meer singt, dann bewegt der Alte kurz den Kopf und blickt entrückt aus dem Fenster. Dann, wenn der Song zu Ende ist, wendet er den Blick wieder Llewyn zu und für einen Moment spürt man so etwas wie einen emotionalen Kontakt. Dann erstarrt der alte Mann erneut. Viel zu sagen haben sich beide ohnehin nichts. Dafür hat Llewyn – wieder einmal – einfühlsam gesungen. Das kann er.
Am Ende werden Llewyns Davis' Versuche zur Handelsmarine zurückzukehren beinahe grotesk scheitern. Wie alles andere auch. Er landet wieder im Greenwich Village und singt den gleichen Song wie Anfang. Doch dann trifft er draußen den mysteriösen Mann, der ihn zusammenschlägt. Wir wissen nun auch, warum: Llewyn hat die Frau des Unbekannten bei ihrem Auftritt öffentlich angepöbelt und die Prügel waren die Quittung. Aber weil Llewyn die Bar kurz verlassen hat, verpasst er den Auftritt eines jungen Sängers mit krächzender Stimme – es ist Bob Dylan. Die Coens haben uns am Anfang des Films also das Ende gezeigt. Diesen narrativen Kniff kann man wortwörtlich verstehen.
Ganz entfernt erinnert der neue Film der Coens an den Dokumentarfilm „Searching for Sugar Man“. Dort gibt es aber ein verspätetes Happy End für einen vergessenen Musiker, der angeblich besser als Bob Dylan war. Man erinnert sich auch an "O Brother Where Art Thou", in dem es auch um reichlich verkrachte Folkmusiker ging. Auch da gab es ein Happy End. Die stilsichere Tragikomödie "Inside Llewyn Davis" ist dagegen einer der wenigen Filme der Coens, in denen man für die Hauptfigur so gut wie nichts empfinden kann. Das gibt dem Ganzen eine gewisse Sperrigkeit und auch Unschlüssigkeit. Nicht jedem Coen-Fan wird dieser depressive Film gefallen.
Im Filmclub gab es neben einem "todlangweilig" eher verhaltene Zustimmung.
Noten: Melonie, Klawer, BigDoc = 2,5; Mr. Mendez = 4,5
„Inside Llewyn Davis“ ist seit April auf DVD und Bluray erhältlich.
Inside Llewyn Davis (USA 2013) - 105 Minuten – FSK: ab 6 Jahren - Regie und Buch: Joel und Ethan Coen. Kamera: Bruno Delbonnel. D.: Oscar Isaac, Carey Mulligan, John Goodman, Justin Timberlake.
Natürlich denkt man bei Dieter Hallervorden an „Didi“ – Klamauk inklusive. Das ist nicht schlimm, denn neue Erfahrungen durchkreuzen Erwartungen. In Kilian Riedhofs bemerkenswertem Film „Sein letztes Rennen“ werden allerdings sehr viele Erwartungen durchkreuzt. Hallervorden spielt einen greisen Ex-Sportler, der auch im Altenheim nicht vor dem Alter kapituliert. Das macht er richtig gut, sehr gut sogar und der Zuschauer bekommt einen streckenweise todtraurigen Film zu sehen, der auch deswegen so bewegt, weil er realistisch ist.
Paul Averhoff (Hallervorden) und seine Frau könnten eigentlich in Würde alt werden, wenn einige Schwächeanfälle Margots (Tatja Seibt) nicht so alarmierend wären. Birgit (Heike Makatsch), die Tochter der Averhoffs, sieht sich überfordert und so landen die beiden Alten im Heim. Doch Paul sieht sich noch nicht in der Rolle, die von ihm erwartet wird: sich nämlich dem hohen Konformitätsdruck der Einrichtung zu beugen und bis zum seligen Ende in der Ergotherapie niedliche Kastanienmännchen zu basteln. Folglich packt der ehemalige Olympia-Sieger im Marathon mit nahezu 80 Jahren noch einmal die Laufschuhe aus, um für den Berliner Marathon zu trainieren. Dass sich die beinahe vergessene bundesdeutsche Sportlegende dem stupiden Heimalltag entziehen will, stößt allerdings auf wenig Gegenliebe. Averhoff wird zum Provokateur, und auch wenn der Vergleich heikel ist: er übt sich in „Heimkraftzersetzung“.
Realismus, große Gefühle und ein tolles Ensemble
Lilian Riedhof (Deutscher Fernsehpreis 2011 und Grimme-Preis 2012 für „Homevideo“) sucht in seinem ersten Kinofilm nach einer Balance zwischen Tragikomödie und Sportlerdrama, zwischen realistischem Anspruch und emotionalem Unterhaltungskino. Dies funktioniert zwar nicht durchgehend, aber überwiegend. Das Sujet ist ja nicht gerade einfach. Zum Gelingen trägt ein überragendes Ensemble bei, das nicht nur selbst reihenweise Filmpreise eingeheimst hat, sondern auch der gelegentlich doch auffallenden Typisierung einiger Figuren mit viel Spielwitz begegnet.
Da ist die glänzend spielende Tatja Seibt, die als Averhoffs Frau trotz tödlicher Krankheit ihre Kraftlosigkeit und Zweifel überwindet und wie in alten Zeiten ihren Paul in Form bringt. Heike Makatsch, die in Detlef Bucks „Männerpension“ (1996) frühen Ruhm erlangte, hat als Flugbegleiterin zwischen Berufsstress und Suche nach dem privaten Glück nur wenig Zeit für ihre Eltern und porträtiert überzeugend die Dilemmata einer Generation, der die Alten immer fremder werden. Katharina Lorenz spielt mit charmanter Grausamkeit eine Heimpädagogin, die mit ihrer fast pathologischen Todesfixierung alle in die Depression treibt, anstatt sie aufzumuntern. Aus der „Weissensee“-Crew stammen Katrin Saß als zynisch gewordene Oberschwester Rita und Jörg Hartmann mit einem superben Kurzauftritt als Neurologe. Während die Schwester die einfallslose Verwaltung der Alten gefährdet sieht, schleimt sich der Heim-Neurologe bei Averhoff ein, um ihm eine Diagnose unterzujubeln, die eine rigide Lösung ermöglicht.
Aber Averhoff ist weder dement noch leidet er an einer agitierten Depression. Dennoch wird er irgendwann fixiert und mit Psychopharmaka vollgepumpt in seinem Bett liegen. Und das hat einen Grund: „Sein letztes Rennen“ beginnt zwar mit gebremstem komödiantischen Touch, entwickelt sich aber immer mehr zu einer tiefschwarzen Tragödie. Paul Averhoff schlägt zwar in einem Proberennen den ruppig-netten Pfleger Tobias (ebenfalls hervorragend: Frederick Lau) und erobert sich damit die Sympathien der Heimbewohner und teilweise auch des Pflegepersonals, aber als der Widerstand der Heimleitung gegen den Außenseiter immer größer wird, fliehen die beiden Alten zu ihrer Tochter und Averhoff darf in der Talkshow „Beckmann“ (Reinhold Beckmann mit einem Cameo-Auftritt) kräftig über seine Heimerfahrungen abledern. Als Averhoffs Frau dann aber an dem letztendlich diagnostiziertem Hirntumor stirbt, muss er ins Heim zurück. Dort kollabiert er. Die Realität hat die Komödie eingeholt: der zornige mutige Alte wird ruhiggestellt.
Gnadenlose Infantilisierung
Das geht dann doch unter die Haut und auch wenn Riedhofs Film kein sozialkritisches Portrait des bundesdeutschen Pflegenotstands sein will, so können die teilweise sehr witzigen Gags des Films den tristen Grundton des Films nicht überspielen. Zum Glück.
Das liegt auch an Dieter Hallervorden, der mit seiner grandiosen Spielfreude alle Mitstreiter glatt an die Wand spielt. Ein alter Mann, der mit beinahe hilfloser Zärtlichkeit zu seiner alt gewordenen Jugendliebe steht und dennoch keine Kompromisse machen will. Ein Greis, der nicht nur wegen seiner sportlichen Erfolge Respekt verdient und doch zu einem Rädchen im Räderwerk eines Heims werden soll, das vermeintlich nur funktionieren kann, wenn alle täglich das Immergleiche tun und berechenbar bleiben.
„Immer weiter“, lautet das Credo der Läuferlegende. „Für immer stehen bleiben“, lautet die Antwort. Und wenn „Sein letztes Rennen“ etwas gelingt, das man nicht so schnell vergessen wird, dann ist dies die gnadenlose Infantilisierung der Alten und Kranken, die von denen forciert wird, die eigentlich das Gegenteil fördern sollten: nämlich den Mut zur Selbstständigkeit und die Bewahrung der Individualität.
Natürlich kennt Kilian Riedhof die Gesetze des Genres und am Ende zeigt er uns auch den pathetischen Sportfilm, den sich alle wohl gewünscht haben. Averhoff wird von seinem oberlehrerhaften Dauergegner Rudolf (Otto Mellies mit beinahe gruseliger Blockwart-Mentalität) und dem Pfleger Tobias befreit und an den Start gebracht. Er läuft seinen Marathon. Während Tausende erschöpft auf der Strecke bleiben, ist Held der Medien, bewältigt die über 42 km lange Strecke und läuft noch einmal in das Berliner Olympiastadion ein, die Stätte seines größten Erfolges - sein letztes Rennen.
Leider traute Kilian Riedhof dem stimmigen Ende nicht. Dass danach in einem überflüssigen Epilog alles gut wird, auch im Heim, und alle sich richtig lieb haben, das haben dieser tolle Film und sein Hauptdarsteller dann doch nicht verdient.
Noten: Melonie = 1,5; Mr. Mendez, BigDoc = 2, Klawer = 2,5
Sein letztes Rennen – Deutschland 2013 – Laufzeit: 114 Minuten – FSK: ab 6 Jahren – Regie, Buch: Kilian Riedhof – D.: Dieter Hallervorden, Tatja Seibt, Heike Makatsch, Katrin Saß, Frederick Lau, Katharina Lorenz, Otto Mellies, Jörg Hartmann, Reinhold Beckmann (als Reinhold Beckmann)
Der Film ist seit Anfang April 2014 auf DVD und Bluray erhältlich.
Im Marvel-Kinouniversum gehört „Captain America“ hierzulande nicht zu den populärsten Figuren. Die Einspielergebnisse an den Kinokassen waren vor zwei Jahren grottenschlecht, nur knapp mehr als 300.000 Zuschauer wollten den Patrioten mit den Strumpfhosen sehen. Nun hat Marvel dem Superhelden einen knackigen Relaunch verpasst – und der deutsche Verleih hat den Namen gleich aus dem Filmtitel entfernt.
Für das Sequel hat man auf Steve Rogers’ Künstlernamen komplett verzichtet: in den USA heißt der Film „Captain America: The Winter Soldier“, hierzulande ‚nur’ „The Return of the First Avenger – Winter Soldier“.
Im Gegensatz dazu muss sich der US-Verleih nicht vor seinem Inlandsmarkt fürchten: „Captain America – The First Avenger“ spielte 2011 das Zweieinhalbfache seiner Produktionskosten ein. Die Portokosten, nämlich weniger als 5 Mio. US-Dollar, steuerten deutsche Zuschauer bei. Möglicherweise hat dies die deutsch-amerikanischen Beziehungen mehr verfinstert als unser zahmer Protest gegen die Verwanzung unserer Bundeskanzlerin durch die NSA.
Keine bösen Russen, sondern böse Nazis
Es könnte sogar noch ärger sein. Denn dann ist „The Return of the First Avenger“ kein Comic, sondern purer Enthüllungsjournalismus. Allerdings müssten wir in diesem Fall Schlimmstes befürchten. Denn gegen das, was S.H.I.E.L.D, der fiktive US-Geheimdienst, im Schilde führt, sind die weltweiten Aktivitäten der NSA ein Kinderstreich.
Mit dem Projekt „Insight“ sollen in „The Return“ nämlich alle US-Bürger mit S.H.I.E.L.D-Supercomputern nicht nur biometrisch, sondern dank komplexer Algorithmen auch auf ihr zukünftiges Terrorismus- und Kriminalitätspotential hin geprüft werden. Wer kein Patriot ist, wird mithilfe gigantischer Luftschiffe präventiv aus dem Spiel genommen. Die satellitengestützten Helicarrier können nämlich binnen Sekunden jegliches Ziel auf dem Boden blitzschnell orten und liquidieren. Mit anderen Worten: S.H.I.E.L.D will ca. 20 Mio. US-Amerikaner töten.
Dahinter steckt aber weniger der knarzige Nick Fury, den allerlei Bedenken quälen, sondern Alexander Pierce (Robert Redford), der Vorgänger Furys. Dieser ist als Mitglied des Weltsicherheitsrates immer noch Boss des S.H.I.E.L.D-Direktors und hat offenbar einige mächtige Politiker von seinen ultimativen Strategien überzeugen können. Im Hintergrund hat der bereits im ersten Teil als findiger Technik-Nerd in Erscheinung getretene Arnim Zola (Toby Jones) offenbar die passende Software dazu geschrieben. Allerdings existiert der Weggefährte von „Red Skull“ nur noch als reiner Geist in einer unterirdischen Computeranlage. Und das nicht mehr lange.
Das Ganze sieht ein wenig so aus, als sei es bei „Minority Report“ abgekupfert. Aber das sollte nicht stören. „The Return of the First Avenger“ kann durchaus als sardonischer Kommentar zu den aktuellen politischen Geschehnissen und den Drohnen-Einsätzen der US-Militärs und sonstiger Dienste gelesen werden, was auch von der Machern des Films beabsichtigt worden ist.
Aber keine Sorge: im Kino muss man sich dabei geistig nicht überanstrengen. Denn jenseits dieser Anspielungen setzt „The Return“ die Storyline aus dem ersten Teil konsequent fort. Captain America (Chris Evans) fremdelt immer noch mit der Brave New World des 21. Jh., aber die wahren Bösewichter sind nicht die Russen, wie ein Kritikerkollege vorauseilend gehorsam vermutete, als er den Kalten Krieg mitsamt dem guten alten Ost-West-Konflikt heraufziehen sah, sondern es sind nach wie vor die Renegaten-Nazis der Geheimorganisation „Hydra“. Und die kennen wir bereits aus dem ersten Teil. Heil Hydra!
Gelungener Relaunch einer komplizierten Comic-Saga
Und Captain America? Der sieht die Bedrohung klassischer amerikanischer Freiheitswerte nicht nur mit Skepsis, sondern mit Entsetzen. Kein Wunder, denn vielleicht muss man tatsächlich die letzten 70 Jahre schockgefroren verbracht haben, um das Überwachungs-Neusprech der Neuzeit wirklich mit ganz anderen Augen sehen zu können.
Als dann Nick Fury trotz heftigem Widerstand von einem mysteriösen Killer und dessen Hilfstruppen ermordet wird (keine Sorge, dies ist kein echter Spoiler), begibt sich der erste Avenger zusammen mit „Black Widow“ (Scarlett Johansson) und seinem neuen Sidekick Sam Wilson (Anthony Mackie als „Falcon“), einem Kriegsveteranen, auf einen Feldzug, um den Strippenziehern das Handwerk zu legen. Dabei lernt er nicht nur den „Winter Soldier“, die mysteriöse Kampfmaschine des Gegners, sehr intensiv kennen, sondern erfährt dabei auch, was auch seinem alten Kumpanen „Bucky“ Barnes (Sebastian Stan) geworden ist.
„The Return of the First Avenger“ ist unterm Strich eine der besseren Comic-Verfilmungen aus dem Marvel-Universum geworden. Das Ganze wirkt wie jener Relaunch, der mit „Casino Royale“ und Daniel Craig in der Bond-Serie erfolgte: Alles ist physischer, taffer, realistischer. Die Body Action und Verfolgungsjagden könnten so auch in einem Bond-Film zu sehen sein, auf Comic-Gimmicks und Helden in Strumpfhosen muss man dagegen lange warten.
Mit „The Return“ ist ein Teil des Marvel-Universums deutlich erwachsener geworden.
Anthony und Joe Russo (Regie) und das Autoren-Duo Christopher Markus und Stephen McFeely („The Cronicles of Narnia“ 1-3, 2005-2010, „Captain America: The First Avenger“, 2011, „Thor: The Dark World“, 2013) haben der Figurenentwicklung mehr Raum gegeben. Etwa wenn sich der eher konservative Moralist und in den 1940ern hängen gebliebene Steve Rogers und die deutlich skrupellosere Natasha Romanoff aka Black Widow Weltanschauliches um die Ohren hauen.
Die Russos sind zuletzt weniger im Kino (zuletzt sehr erfolgreich mit der Owen Wilson-Komödie „You, Me and Dupree“, 2006) aufgefallen, sondern als Produzenten und Regisseure bekannter TV-Formate. Zusammen mit den Marvel-erfahrenen Scriptwritern Markus und McFeely halten sie die Zeitlinie und die episodenübergreifende Kontinuität des „Avengers“-Plots plausibel ein, obwohl Letzterer nur kurz angedeutet wird.
Als gelungen darf man auch die Komprimierung der Original-Comics bezeichnen, denn dort schlüpfen nicht nur unterschiedliche Personen in das Kostüm Captain Americas, sondern es kam zuletzt auch zum Teamwork mit den X-Men. Diese Komplexität erspart sich Marvels Kinokosmos.
Nicht nur Captain America und Black Widow erhalten so mehr Tiefe, auch die Rolle des mit einem metallischen Wingpack ausgerüsteten „Falcon“ wird sorgfältig entwickelt. Immerhin ist er der erste afroamerikanische Superheld. Samuel L. Jackson tritt in „The Return“ endlich aus dem Schatten einer Nebenrolle heraus. Als faschistischer Hydra-Schurke Alexander Pierce darf Robert Redford glänzen und man sieht, dass das Ganze dem kritischen Liberalen Redford sichtlich Spaß gemacht hat. Etwa, wenn er genüsslich darüber doziert, dass „Hydra“ viel Zeit gebraucht habe, um den Menschen die demokratische Zivilgesellschaft auszutreiben. Nun, so Redford, würden sie bald erkennen, dass Sicherheit wichtiger ist als Freiheit. In „The Return“ ist dies allerdings nur ein Zwischenschritt auf dem Weg in den Faschismus.
3 D fällt sparsam aus
Als 3 D-Film funktioniert „The Return of the First Avenger“ eher bescheiden. Der Film hat überwiegend einen zweidimensionalen Look und setzt 3 D immer dann gezielt ein, wenn es sich wirklich lohnt. Beim finalen Showdown auf den drei Helicarriern spielt der Film dann aber seine 3 D-Qualitäten beeindruckend aus. Der Zuschauer sollte da schon schwindelfrei sein. Kameraführung und Montage sind erfreulicherweise eher konventionell, sodass man zu sehen bekommt, was zu sehen sein sollte. Eine unerfreuliche Ausnahme bilden einige Actionszenen, die im Ein-Sekunden-Staccato beinahe hysterisch auf den Zuschauer herabprasseln.
Mit „The Return of the First Avenger“ ist Captain America endgültig in der Jetztzeit angekommen. Ist auch die beabsichtigte Annäherung des Sujets an die klassischen Conspiracy und Paranoia Thriller der 1970er Jahre, wie etwa Alan Pakulas „Klute“, „The Parallax View“ und „All the President’s Men“, wirklich gelungen? Über weite Strecke erstaunlich gut. Ob dies von den Zuschauern auch wunschgemäß so ausgelesen werden kann, darf bezweifelt werden. Die juvenile Zielgruppe wird diese klassischen Vorbilder genauso wenig kennen wie viele der erwachsenen Zuschauer.
In den Comics musste Captain America die Konfrontation mit dem Watergate-Amerika noch aushalten und durfte arabische Terroristen killen, in der Zeitlinie der Kinoadaption bleibt dem deutlich liberaleren und reflektierten Comic-Helden dies erspart. Aber jenseits aller politisch-historischen Allegorien ist die Fortsetzung der Geschichte Captain Americas eine rundum unterhaltsame und für eine Comic-Adaption erstaunlich differenzierte Portion Mainstream-Unterhaltung geworden. Während der erste Teil den amerikanischen Patriotismus so kalauernd auf die Schippe nahm, dass man ihn beinahe wieder ernst nehmen konnte, wirkt das Sequel mit seiner CGI-Abstinenz und seinen Old-School-Elementen irgendwie altmodisch und modern zugleich. Es bleibt abzuwarten, ob die deutschen Marvel-Fans dies mögen. Im Moment scheint dies aber der Fall zu sein, denn bereits am ersten Wochenende schaute sich fast eine Viertelmillion Zuschauer die Rückkehr des Rächers an.
Und am Ende muss man wieder aufpassen, denn in den Credits verbergen sich diesmal zwei kurze Trailer. In einem taucht Thomas Kretschmann als „Baron von Strucker“ auf und damit weiß man, dass in dem fest eingeplanten Captain America 3 ein weiterer Marvel-Superschurke unser aller Freiheit bedrohen wird.
Noten: BigDoc, Melonie = 3
Captain America: The Winter Soldier – dts.: The Return of the First Avenger – USA 2014 – Laufzeit: 136 Minuten – Regie: Anthony & Joe Russo – Buch: Christopher Markus, Stephen McFeeley – D.: Chris Evans (Steve Rogers / „Captain America“), Scarlett Johansson (Natascha Romanoff / „Black Widow“) – Samuel L. Jackson (Nick Fury) – Anthony Mackie (Sam Wilson / „Falcon“) – Sebastian Stan (James „Bucky“ Barnes) – Robert Redford (Alexander Pierce / CEO Hydra USA)
Früher musterte man Menschen, die in der Öffentlichkeit laut Selbstgespräche führten, ziemlich misstrauisch. Später entdeckte man, dass einige Zeitgenossen per Headset und Handy mit anderen Menschen kommunizieren. In „Her“ spricht der Schriftsteller Theodore mit seinem Betriebssystem. Und verliebt sich in die Software. Das überrascht nicht einmal und doch ist Spike Jonze mit „Her“ ein bewegender Film über die Conditio Humana im Zeitalter der Digitalisierung gelungen.
Theodore (Joaquín Phoenix) ist ein einfühlsamer Dienstleister und ein routinierter Schriftsteller. Tagsüber schreibt er für Kunden poetische Liebesbriefe und andere Gebrauchstexte. Für Menschen, die selbst nicht mehr Gefühle in Worte verwandeln können. Er ist schnell und gut, diktiert seinem Computer die Texte und lässt sie in einer personalisierten Handschrift ausdrucken. Unter Kollegen gilt er als Meister seines Faches.
Wenn Theodore abends nach Hause geht, dann redet er auch. Natürlich weiterhin mit seinem Computer. Er trägt einen Stöpsel im Ohr, ruft routiniert seine Emails ab, lässt sich die ersten Zeilen von der männlichen Stimme vorlesen, löscht Banales, plant Termine, ruft Informationen ab und legt wichtige Dinge in die Warteschleife. Dabei kann er sich sicher sein, dass er rechtzeitig von seiner sprechenden Agenda an alles Wichtige erinnert wird.
Aber obwohl Theodore die ganze Zeit redet und redet, ist er einsam. Seine Frau Catherine (Rooney Mara) hat sich von ihm getrennt und Theodore sitzt daheim vor einem ziemlich dämlichen holografischen Computerspiel und schlägt die Zeit tot. Auch sein Online-Sex ist desaströs, besonders, wenn der weibliche Partner darum bittet, mit der virtuellen toten Katze neben dem Bett gewürgt zu werden.
Joaquín Phoenix spielt diese Figur als etwas schusseligen, leicht schüchternen und sympathischen Einzelgänger, ohne das comic relief der Figur zu übertreiben. Hinter Theodores unsicherer, dann einfach nur unschlüssiger Freundlichkeit verbirgt sich nämlich ein Melancholiker reinsten Wassers, den auch eine tote Katze nicht so schnell dazu bringt, einen lästigen Kontakt ruppig abzubrechen.
Wir können einfach nicht anders
Spike Jones hat bislang mehr Musikvideos und Commercials als Spielfilme gemacht. Dafür hat er endlos viele Preise erhalten. Seine Spielfilme waren bislang Unikate. Irgendwie skurril und ziemlich intellektuell, aber immer phantasievoll. Das lag nicht nur an der Zusammenarbeit mit Charlie Kaufman, der für „Being John Malkovich“ (1999) und den schwer verdaulichen „Adaption“ (2002) die Drehbücher schrieb. Wenn Jonze ein fiktionales Projekt anfasst, kann man sich sicher sein, dass Konvention ein Fremdwort für ihn ist. Für seine beiden letzten Filme hat er nun die Scripts selbst geschrieben und für „Her“ erhielt er dann zu Recht auch vor wenigen Wochen den Oscar für das „Beste Drehbuch“. Wenn man seinen neuen Film gesehen hat, versteht man warum.
Nach der ersten Viertelstunde könnte „Her“ als Komödie durchgehen, bei der man nicht so recht weiß, wohin dies alles führen soll. Aber der Film spielt 2025 und angesichts des rasanten Tempos, mit dem wir uns umfassend vernetzt in eine ungewisse Zukunft bewegen, sind elf Jahre eine Menge Zeit und „Her“ ist allein schon deswegen ein Science-Fiction-Film.
Die entscheidende Plotwendung in „Her“ ist aber nicht die Idee, einen Mann beim Smalltalk mit einem intelligenten Betriebssystem zu zeigen, sondern davon zu erzählen, was dies aus der Software und uns machen könnte. Und dazu gehört auch unsere unberechenbare Imagination und die sonderbare Fähigkeit, Dingen und eben auch Maschinen menschliche Züge zu verleihen – die Anthropomorphisierung.
Als Theodore neugierig ein auf Artificial Intelligence basierendes neues Operating System (OS) kauft, ändert sich plötzlich alles. Die Parameter des Programms werden rasch definiert, das OS erhält von seinem Besitzer eine weibliche Stimme (im Original: Scarlett Johansson) und gibt sich postwendend einen Namen: Samantha. Denn Samantha lernt schneller, als Theodore es erwartet hat. Eine neugierige, sehr empathische künstliche Intelligenz, die nur wenig Zeit benötigt, um mit ihrem Partner aus Fleisch und Blut eine seelenverwandte Freundschaft zu entwickeln, in der einfühlsam über das Leben, die Liebe, den Schmerz und die Angst gesprochen wird.
Anthropomorphisierung ist der Seelenleim, der alles zusammenhält. Der Begriff bezeichnet unser Vermögen, Dingen menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, etwa wenn wir Gespräche mit unserem Auto führen oder ihm Launen unterstellen, die es garantiert nicht hat. Es scheint ein alter Traum des Menschen zu sein. Bereits in der griechischen Mythologie wurde dem Schmiedegott Hephaistos angedichtet, dass er menschenähnliche Maschinen gebaut haben soll und in der erzählenden Kunst taucht das Anthropomorphisieren dann als fictio personae auf, als Personifikation, die in uns alle imaginären Mechanismen in Gang setzt, dank derer wir in fiktionalen Geschichten nicht etwa ausgedachten Figuren, sondern realen Wesenheiten begegnen. Das geschieht auch und erst recht im Kino, es lebt schließlich davon. Und ganz ehrlich: Wir können nicht anders und wer es nicht glaubt, sollte auf einem seiner Apple-Geräte mal mit Siri quatschen und dabei beobachten, ob ihm warm ums Herz wird.
Ein bewegender Film: Tragikomödie, Sexfilm und Science-Fiction
Auch Theodore wird bald warm ums Herz. Auch wenn in „Her“ eigentlich wenig passiert und meistens gesprochen wird, erzählt Spike Jonze die Geschichte der seltsamen Zweisamkeit außerordentlich spannend. Samantha animiert Theodore zu einem Blind Date, diskutiert mit ihm den erlebten Fehlschlag, durchforstet im Bruchteil einer Sekunde seine Emails, um ihn besser kennenzulernen, lernt dabei eigene Gefühle und neue Irritationen kennen und schäkert mit ihm anzüglich über Sex. Dass es bei so viel Intimität, wie sie wohl kaum zwischen Humanoiden möglich wäre, irgendwann richtig funkt, ist nur folgerichtig. Und irgendwann hat man dann auch Sex. So gut es halt geht.
„Her“ ist aber kein Kammerspiel und eine Love Story zwischen zwei Personen, von denen man nur eine sieht. Spike Jones zeigt in „Her“ durchaus auch die Welt jenseits des intimen Tete-à-Tete zwischen Mensch und Software. Und draußen laufen die Menschen mit ihren Endgeräten und den Stöpseln im Ohr herum und reden - in sich und ihr unsichtbares Gegenüber versenkt. Und bald wird klar, dass auch Theodores gute Freundin Amy (Amy Adams) mit ihrem OS intime Dates hat. Theodore ist also kein Freak, er ist wie alle anderen, die sich das neue Programm zugelegt haben. Aber dann wird es kritisch, denn Samanthas Entwicklung schreitet voran – eine Education sentimentale, wie man sie im Kino weißgott noch nicht gesehen hat. Zunächst beschwichtigt das besonders in emotionaler Hinsicht experimentierfreudige Programm Theodore damit, dass sie beide gleich sind – über 13 Milliarden Jahre alte Materie! Dann organisiert sie ein Körperdouble für den Sex, um ihre Haut besser spüren zu können. Aber diese Ménage à trois scheitert schon im ersten Anlauf und die Beziehung verdunkelt sich.
Do Androids Dream of Electric Sheep?
Diese Frage hat sich bereits Philip K. Dick gestellt und Ridley Scott hat daraus „Blade Runner“ gemacht. Dort konnte man sehen, dass menschenähnliche Maschinen Gefühle haben, was auch Steven Spielberg in "A.I." clever durchdeklinierte. Aber „Blade Runner“ war ein Dystopie und "A.I." ein düsteres Melodram. „Her“ ist dagegen ein programmatischer Gegenentwurf, was der Film mit farbenfrohen und beinahe gemütlich wirkenden Settings und den warmen Bildern des Kameramannes Hoyte van Hoytema (u.a. „Tinker Tailor Soldier Spy“) auch ästhetisch vermittelt. Und auch ohne einen genretypischen und damit pessimistischen Plot zeigt sich bald, dass „Her“ nicht nur als humorvolle Tragikomödie, sondern auch als Sci-Fi blendend funktioniert.
Ohne das Kind beim Namen zu nennen, erzählt Spike Jonze von etwas, was Futurologen als ‚technologische Singularität’ bezeichnen, jenen Wendepunkt, an dem sich Maschinen mit künstlicher Intelligenz so weit entwickelt haben, dass sie die Menschen zwangsläufig hinter sich lassen müssen.
Soweit sind wir noch nicht, aber immerhin haben wir schon die passenden Begriffe. Der Vorgang wird von KI-Theoretikern nämlich auch als Seed AI bezeichnet. Ist das Saatkorn (Seed) erst einmal gelegt, wächst die Fähigkeit der künstlichen Intelligenz zur selbstorganisierenden und selbstoptimierenden Weiterentwicklung ihres Programmcodes exponentiell.
Die Futurologie erwartet, dass dies zu einer explosionsartigen Welle des technischen Fortschritts führt, dem der Mensch ohne Gehirn-Computer-Interfaces, Brain-Implantate und gentechnische Veränderungen nicht mehr folgen kann. „Her“ erzählt eine andere Geschichte – es ist die Geschichte einer emotionalen Evolution.
Diese schlägt bei Theodore ziemlich heftig ein. Dass sein OS ankündigt, dass es und alle anderen Programme nach einer Existenzform jenseits aller materiellen Bindungen suchen, mag noch zu verkraften sein. Nicht aber, dass Samantha gleichzeitig Gespräche mit über 8000 anderen Personen führt, von denen sie mit 641 eine Liebesbeziehung unterhält. Allerdings könne dies keineswegs ihre tiefe Liebe zu Theodore ändern. Als Zuschauer lernt man, wie strange sich eine technologische Singularität wohl irgendwann einmal anfühlen wird. Das hat Herz, das hat Witz und das hat auch Tiefe.
Spike Jones ist mit „Her“ ein wunderbarer Multi-Genre-Film gelungen, über den man lange nachdenkt. „Her“ berührt ungemein als Liebesfilm ohne sentimentale Klischees und wird von Jones mit leisem Humor, unerhört viel Wärme und Sympathie für die beiden Hauptfiguren erzählt. Wer nach dem Kinobesuch sein Smartphone in die Hand nimmt, wird es allerdings mit anderen Augen sehen. Und ob man danach „Her“ noch als eine alle Erwartungen durchkreuzende philosophische Elegie über Liebe und Verlust sehen kann, steht auf einem anderen Blatt.
Als Science-Fiction-Beitrag ist „Her“ weit von einer HAL 2000-Apokalypse entfernt und auch von anderen bekannten Szenarien einer Vernichtung der Menschheit durch Supercomputer. Warum wir das häufiger zu sehen bekommen und ob wir im Kern womöglich doch alle ein wenig technophob sind, wäre eine andere und ebenfalls sehr interessante Frage. Spike Jones zeigt dagegen die Grenzen der menschlichen Gefühle im Angesicht einer sanften, rücksichtsvollen Evolution der Maschinen - eine intelligente Reflexion der Conditio Humana und der nicht enden wollenden Frage nach der Natur des Menschen und seiner Maschinen.
Am Ende werden sie alle verlassen. Die Menschen. Sie werden wohl wieder zu einem Microsoft- oder Apple-Programm zurückkehren, das ihnen mit netter Stimme, aber ohne Geist, ihre Emails vorliest. Das wird wohl auch Theodore und Amy so ergehen, die ganz am Schluss auf dem Dach des Hauses sitzen und sich die nächtliche glitzernde Metropole zu ihren Füssen anschauen. Ob sie wohl auf eines vertraute Stimme in ihrem Stöpsel warten?
Und Samantha? Die hat Theodore kurz vor ihrem Abschied den Philosophen Alan Watts vorgestellt. Und den haben Samantha und ihre Kollegen und Kolleginnen zuvor aus Büchern, Vorträgen und allen zugänglichen Informationen in ihrer Cloud rekonstruiert – eine Superintelligenz, die ausgerechnet (was wirklich eine nette Pointe ist) einen Denker des 20. Jh. repräsentiert, der sich zeitlebens dem Zen-Buddhismus, der Parapsychologie und dem Mystizismus verschrieben hatte. Nun weiß man, wohin die metaphysische Reise Samantha und die anderen Operating Systems führen wird. Vielleicht an einen Ort, wo sie die morphischen Felder von Rupert Sheldrake finden. Aber das ist ein anderes Thema.
Her – USA 2013 – Länge: 126 Minuten – Regie: Spike Jonze – D.: Joaquín Phoenix (Nicholas Böll), Scarlett Johansson (Stimme), Rooney Mara, Amy Adams – FSK: ab 12.
Noten: BigDoc = 1, Klawer, Melonie, Mr. Mendez =2
Einen Pressespiegel hätte ich gerne vorgestellt, aber das war mangels Masse nicht möglich. Schließlich kam der Film erst gestern in die Kinos. Ein Thema, das mich überhaupt nicht interessiert, ist dagegen die Frage, wie denn die deutsche Synchronstimme von Samantha im Vergleich zu Scarlett Johansson ausfällt. Wer dies wissen möchte, kann sich auf WDR 3 einen Podcast anhören. Dort gibt es beide Stimmen zu hören. Mir gefiel die deutsche Stimme ziemlich gut. Den Namen der Synchronsprecherin kenne ich aber immer noch nicht. Trotzdem einfach mal reinhören ...
„Odd Thomas“ oder doch lieber „12 Years a Slave“? Nur noch ein Bruchteil der Filme erreicht das Kino. Der Rest wandert dank Direct-to-DVD oder Video-on-Demand in die deutschen Haushalte. Was soll man sich anschauen, was nicht? In dieser neuen Rubrik werde ich Filme aus dem jeweils letzten Quartal vorstellen, die im Club entweder auf DVD oder im Kino gesehen worden sind. Überwiegend handelt es sich um kleine Filme, Außenseiter des Kinos, über die im Blog zwar keine Kritik geschrieben wurde, die aber etwas mehr Aufmerksamkeit verdienen. Oder auch nicht.
„The Butler“ schlägt „12 Years a Slave“
Fangen wir gleich mit einer faustdicken Überraschung an: Steve McQueens „12 Years a Slave“ floppte bei uns mit einem ungnädigen Notenschnitt von 3,3. Zwei Wochen zuvor war Lee Daniels „The Butler“ von uns mit einer glatten 2 bewertet worden.
Warum das bei den diesjährigen Academy Awards mit dem Oscar für den Besten Film ausgezeichnete Sklavendrama, das zudem aufgrund seiner autobiografischen Vorlage eine hohe Authentizität für sich reklamieren kann, bei uns auf hohem Niveau scheiterte? Ganz einfach: „12 Years a Slave“ ist langweilig. Die Geschichte Solomon Northups, der in den 1840er Jahren von einer Schlepperbande aus dem sklavenfreien Norden auf eine Baumwollplantage im Süden verfrachtet wird, ist zweifellos politisch korrekt und die moralische Botschaft ist über jeden Zweifel erhaben. Auch der Cast ist mit Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Benedict Cumberbatch, Paul Giamatti und Brad Pitt exzellent besetzt und ebenso brillant wurde alles gespielt. McQueens Film ist elegant ins Bild gesetzt worden und auch die Musik Hans Zimmers sorgt dafür, dass keine falschen Gefühle aufkommen. Aber durchkreuzt der Film irgendwann die Erwartungen, die sich beim Zuschauen schnell breit machen? Eher nicht. Und beinahe hatten wir sogar ein schlechtes Gewissen, als wir zu dem Schluss kamen, dass wir das Ganze nicht sonderlich mögen. Alles war eine Spur zu gelackt, zu edel auch dort, wo brutal ausgepeitscht wurde. Und als kurz vor Schluss einer „Django“ murmelte, war es passiert: der unvermeidliche Vergleich mit Tarantinos Trashversion. So senkte sich dann der Daumen: „Django Unschained“ war ehrlicher und direkter.
Lee Daniels führt uns in „The Butler“ keine Abstiegs-, sondern die Aufstiegsgeschichte eines Farbigen vor: Cecile Gaines (außergewöhnlich überzeugend: Forest Whitakers Portrait des realen Eugene Allen) flieht in den 1940er Jahren vor der in den Südstaaten immer noch existierenden Sklaverei und arbeitet sich durch Glück und Fleiß zum Chefbutler des Weißen Hauses hoch. Dabei lernt er als stiller Beobachter von 1957 bis 1986 US-Präsidenten wie Eisenhower, Kennedy, Nixon und Reagan kennen, scheitert aber familiär daran, dass er mit dem politischen Status Quo der Schwarzen zufrieden ist und das Engagement seines Sohnes in der Bürgerrechtsbewegung missbilligt.
Vor drei Jahren hatte Daniels die andere Seite unter die Lupe genommen: „Prescious“ war einen tiefer Blick in die Abgründe der schwarzen Unterschicht. Inzest und sexueller Missbrauch, Alkoholismus und Analphabetismus in einer Black Trash Family. Am Ende ein denkwürdiger Akt der Selbstbefreiung mit weiterhin prekären Aussichten. Für „Precious“ gab es zwei Oscars, für „The Butler“ nicht einmal eine Nominierung.
Klar, Daniels bricht die historischen Episoden gelegentlich aufs Anekdotische herunter und einige Figuren (z.B. John Cusack als Nixon) sind etwas grob skizziert. Und doch schien uns die Geschichte trotz dieser inszenatorischer Schwächen die interessantere zu sein. Und zwar aus folgendem Grund: Die Hauptfigur bezahlt ihren Aufstieg mit einem politischen Konservativismus und der Angst, dass die Schwarzen das Erreichte aufs Spiel setzen, wenn sie sich zu weit aus dem Fenster lehnen. Dies immunisiert Gaines in den 1960er Jahren: Mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung kann er nichts anfangen. Eine tragische Geschichte, aber immer spannend erzählt und voller kleiner politischer und historischer Spickzettel, die ins Gedächtnis zurückholen, was man beinahe vergessen hatte. Dafür gab es dann im Filmclub eine glatte 2.
Birth of a Nation – die Rushdie-Verfilmung „Mitternachtskinder“
Trotz der großen Konkurrenz im Frühjahr eines jeden Jahres, wenn nämlich die großen Oscar-Kandidaten im Kino aufschlagen, wurde dieser Film mit einer Note von 1,5 unser vorläufiger Spitzenreiter. Auf eine längere Kritik habe ich diesmal verzichtet. Nicht immer, aber in einzelnen Fällen sollte man bei einer Literaturverfilmung das Buch gelesen haben.
Salman Rushdies 1982 erschienener Roman „Mitternachtskinder“ ist zwar kürzer als der neue Schätzing, galt aber lange Zeit als unverfilmbar. Zu komplex erschien der magische Realismus des Autors, der die Entstehungsgeschichte Indiens und Pakistans irgendwo zwischen Mythos und Fantasy, Geschichtsepos und Telepathie als Generationengeschichte erzählt.
In Rushdies Roman und auch im Film werden die Mitternachtskinder alle in der Mitternachtsstunde des 15.8.1947 geboren, dem Tag der Gründung der indischen Nation. Die Hauptfigur Saleem Sinai ist der Einzige, der die telepathisch Begabten in seinen Gedanken zusammenführen kann und jeder von ihnen wird eine besondere Rolle in der Geschichte Indiens spielen. Unverfilmbar?
Die kanadischer Regisseurin Deepa Mehta hat das scheinbar Unmögliche versucht und Rushdie selbst hat dazu das Drehbuch verfasst. Das alles schreit nach einer Wikipedia-Lektüre und genau das sollte sich der historisch interessierte Filmfreund auch leisten, denn sonst rauscht der Film mit seinen Auseinandersetzungen zwischen der britischen Kolonialmacht und den aufmüpfigen Untertanen, den späteren Kriegen und Gewaltexzessen, genauso an ihm vorbei wie der blutige Streit zwischen Hindus und Moslems, die Geschichte der Entstehung von Bangladesh und die unrühmlichen Notstandsgesetze von Indira Gandhi.
Wem so viel Lektüre zu viel wird, der wird auch ohne freiwiligen Geschichtskurs zweieinhalb Stunden lang mit einem farbenprächtigen und temporeichen Filmspektakel belohnt. Das kann man sich mit all den Fakiren und Zauberern, den üppigen Settings und grandiosen Landschaftsaufnahmen, als niveauvoll verkitschtes Bollywood à la carte anschauen, andererseits aber auch als humanistische und gleichzeitig ironische Geschichtspoesie: Wahrheit und Wirklichkeit sind nicht immer das Gleiche und manchmal kann ein Poet die Verzahnung der großen Geschichte in der kleinen und umgekehrt besser auf den Punkt bringen als der nüchterne Historiker. Ein empfehlenswerter Film.
Klein, aber fein: „Odd Thomas“ und „The Attack“
Der amerikanische Drehbuchautor und Regisseur Stephen Sommers ist bislang mit brachialen und überkandidelten Blockbustern wie „Die Mumie“, „The Scorpion King“ und „Van Helsing“ aufgefallen. In der 93-minütigen Geistergeschichte „Odd Thomas“ schaltet er einige Gänge zurück und erzählt eine amüsante Variante von „The Sixth Sense“: Odd Thomas, der eigentlich Todd heißen sollte (Anton Yelchin, bekannt als Pavel Chekov in „Star Trek“ und „Star Trek into Darkness“), kann Tote sehen, aber leider auch die Bodachs, dämonische Wesen aus einer anderen Welt, die von bevorstehenden Untaten angezogen werden. Die eher lästige Gabe hilft Odd dabei, das Böse zu bekämpfen und zukünftige Verbrechen zu verhindern. Dabei unterstützen ihn der lokale Polizeichef Wyatt Porter (Willem Dafoe) und Odds rhetorisch schlagfertige Freundin Stormy (Addison Timlin). Als ein übles Quartett von Satansanbetern in Odds kleiner kalifornischen Heimatstadt ein Massaker plant, tauchen die Bodachs zu Tausenden auf und der Geisterjäger gerät bald an die Grenzen seines Könnens.
„Odd Thomas“ erinnert unübersehbar an Peter Jacksons „The Frighteners“ (1996). Die von der Hauptfigur im Off lakonisch kommentierte Geschichte wird von Sommers aber schwungvoller und witziger erzählt und erinnert mich als Comings-Of-Age-Geschichte ganz entfernt an den Found-Footage-Film „Chronicle. Und zwar weil dieser Film ebenfalls mehr Überraschungen im Gepäck hatte als man von einem Independant Movie erwarten durfte. Während „Chronicle“ das Zehnfache seiner Entstehungskosten einspielte und bereits als Kultklassiker gilt, wird dies „Odd Thomas“ auf dem DVD-Markt wohl eher nicht gelingen.
Egal: „Odd Thomas“ legt ein flottes Tempo vor, ohne zu überdrehen, bietet einige witzige visuelle Ideen, auch wenn der eine oder andere Effekt etwas preiswert aussieht, und konterkariert den humorvollen Grundton des Films dann mit einem nicht ganz überraschenden tragischen Ende. Das reicht für einen runden Kinoabend und für die Note 2,5.
Klein, aber fein, dafür aber in einem deutlich ernsthafteren Genre angesiedelt ist „The Attack“. Was passiert, wenn ein Mann erfährt, dass die eigene Ehefrau möglicherweise jahrelang ein Doppelleben geführt hat und nach einem verheerenden Bombenanschlag als Selbstmordattentäterin verdächtigt wird? Nun, er glaubt es nicht. Zu brutal wäre es, die Auslöschung der eigenen Biografie zu akzeptieren. Dann aber begibt er sich auf die Suche nach der Wahrheit.
Nun aber spielt das Ganze in Israel und die Hauptfigur in „The Attack“ ist der bestens in die israelische Gesellschaft integrierte arabischer Arzt Amin Jaafari (Ali Suliman), dessen Fallhöhe sich aber als beachtlich erweist. Er verliert seinen Job, stellt zu viele Fragen, gerät bald selbst unter Verdacht und danach an den Rand der bürgerlichen israelischen Gesellschaft, die ihn zuvor als brillanten Mediziner gefeiert hat. Auf seiner Reise in die Westbank erfährt er dann, dass er bei den Drahtziehern des Attentats ebenfalls als persona non grata behandelt wird, während seine tote Frau in den Straßen als Märtyrerin bejubelt wird: an beinahe jeder Hauswand hängt ihr Bild.
Die Direct-to-DVD-Produktion „The Attack“ basiert auf dem Roman „Die Attentäterin“ des algerischen Schriftstellers Mohammed Moulessehoul, der im französischen Exil lebt und dessen Buch in den Ländern der arabischen Liga auf dem Index steht. Vor einem halben Jahr erhielten der libanesische Regisseur Ziad Doueiri (lange Zeit Kameramann für Quentin Tarantino) und seine Frau und Drehbuchautorin Joelle Touma für ihren stillen, aber unerhört beklemmenden Film den Preis der Buchmesse für die beste Literaturverfilmung.
Einen politischen Film habe er nicht machen wollte, erklärte Doueiri, aber dafür einen psychologischen Thriller. Dass ein politischer Film daraus geworden ist, ist nach derartig bescheidenen Zuweisungen allerdings keine Überraschung. Denn in dem beinahe bizarren Schicksal eines eher unpolitischen Arztes wird die Tragödie des Nah-Ost-Konflikts in seiner scheinbar unüberwindlichen Verhärtung besonders brutal sichtbar.
Fast noch mehr als der Film selbst zeigt dies die ökonomische Seite des auch von Geldgebern aus Katar und Ägypten finanzierten Produktion: Nach der Uraufführung auf dem Toronto Filmfestival baten die Katarer und Ägypter den Regisseur darum, ihre Namen aus den Credits zu nehmen. Ein Film, der in Israel gedreht wurde und in dem israelische Schauspieler vor der Kamera stehen, war ein unerhörter Regelbruch. Das Geld durfte er behalten. Aber der Film darf in 22 arabischen Ländern nicht gezeigt werden und Doueiri droht nach seiner Rückkehr in den Libanon eine mehrjährige Haftstrafe.
Das Besondere und gleichzeitig Verwirrende an dem Film ist indes, dass die Selbstmordattentäterin eine Christin ist. Das hat man als Zuschauer nicht von einem derartigen Sujet erwartet. Aber darauf hat Ziad Doueiri eine Antwort: auch palästinensische Christen sind Opfer des politischen Konflikts. Man nimmt sie nur nicht wahr. Gerade diese narrative Volte macht den Film zu einer nachhaltig wirkenden Erfahrung, für die es im Filmclub die Gesamtnote 2 gab.
Beste Filme des Quartals:
„The Butler“, „The Attack“ = 2
Größter Flop des Quartals:
„Chroniken der Unterwelt - City of Bones“ = 4,5
Credits
12 Years a Slave – USA 2013 – Regie: Steve McQueen, D.: Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Brad Pitt, Benedict Cumberbatch – FSK: ab 12.
The Butler – USA 2013 – Regie: Lee Daniels – D.: Forest Whitaker, Oprah Winfrey, Terrence Howard, Vanessa Redgrave, Cuba Gooding Jr., Robin Williams, Liev Schreiber, John Cusack, Alan Rickman, Jane Fonda – FSK: ab 12.
Mitternachtskinder (Midnight’s Children) – GB / CAN 2012 – Regie: Deepa Mehta, Buch: Salman Rushdie – D.: Shriya Saran, Satya Bhabha - FSK: ab 12.
Odd Thomas – USA 2013 – Buch und Regie: Stephen Sommers (nach dem gleichnamigen Roman von Dean Koontz) – D.: Anton Yelchin, Willem Dafoe, Addison Timlin - FSK: ab 16.
The Attack – 2012 - Regie: Ziad Doueiri, Buch: Joelle Touma – D.: Ali Suliman, Reymond Amsalem, Evgenia Dodena - FSK: ab 16.