Mittwoch, 12. Dezember 2012

Bluray-Review: Prometheus - Dunkle Zeichen


Der Film wurde bereits ausführlich von mir besprochen: http://bigdocsfilmclub.blogspot.de/2012/08/prometheus-dunkle-zeichen.html

Die vorliegende Bluray hat wie erwartet einige neue Erkenntnisse vermittelt. So muss ich zunächst einige Fehler in meiner Rezension ausbügeln.


  •  „Das Team entdeckt nicht nur eine riesige humanoide Gesichtsskulptur, die an den Konstrukteur aus der Pre-Title-Sequence erinnert, sondern später auch eine Abbildung, die den berüchtigten Xenomorph darstellt, jenes tödliche Alien, das später die „Nostromo“ verwüsten wird.“


Das ist leider falsch, ich konnte derartige Artefakte oder ähnliches nicht entdecken. Was ich wohl gesehen habe, was eine Wandskulptur, die große Ähnlichkeiten mit dem Giger-Style von „Alien“ aufweist, aber ein Motiv ist nicht zu sehen.
Nachtrag: kaum hatte ich diese Rezension eingestellt, musst ich feststellen, dass der rührige Brad Brevet doch den Xenomorph im Film entdeckt hat und dies auch mit einem Foto belegt: http://www.ropeofsilicon.com/what-is-going-on-in-prometheus-a-universe-of-questions-answers-and-theories/6/
Oupps - was denn nun? Möge sich jeder ein Bild machen, aber falls es ein Xenomorph ist, dann ist die Frage berechtigt, warum die Konstrukteure ausgerechnet von diesem Monster eine Skulptur hergestellt haben und nicht von uns?

Man kann es drehen und wenden, wie man will: wir erfahren natürlich in einer filmischen Fiktion keine Tatsachen, keine Wahrheiten über die Entstehung unserer Spezies oder den tieferen Sinn unseres Seins - bestenfalls intelligente Konzepte und durchdachte Rätsel.
Also nicht in die Akte X-Falle laufen und alles deuten, als wäre es real life!

Zur These, dass „Prometheus“ ein „völlig schlüssiges Alien-Prequel“ ist, habe ich geschrieben:


  •   „…und selbstverständlich gibt es auch die „Facehugger“ und „Chestburster“, jene monströsen Viecher, die sich unterschiedlicher Wirtskörper bedienen, um das Alien zu gebären.“


Leider gibt es keine ‚richtigen‘ Facehugger, aber Kreaturen, die oral in die Wirtskörper eindringen (wie Aale durch den Mund!) – das ist schon ein Unterschied. Der Hinweis auf die Chestburster war allerdings richtig, was der Epilog deutlich zeigt, zumal dort auch ein Alien ‚geboren‘ wird, das entfernt an das Alien aus den älteren Filmen erinnert.

Zur handwerklich-stilistischen Qualität des Films habe ich festgestellt:


  •  „Scott gelingt es trotz der enigmatischen Plotstruktur tatsächlich, die Figurenzeichnung einigermaßen im Griff zu behalten und die Charaktere so auszuarbeiten, dass sie mehr sind als Stichwortgeber in einem ruhelosen Actionspektakel, aber eine emotionale Bindung des Zuschauers an das Motivgemenge will dennoch nicht recht gelingen. Vielleicht liegt dies auch an den 25 Minuten, die Scott für die immer noch über zwei Stunden lange Kinofassung herausgeschnitten hat. Ein Director’s Cut ist nicht vorgesehen, aber was heißt das schon?“


Hier ist tatsächlich nichts zu ändern. Im Gegenteil: auf der Bluray findet man fast 30 Minuten herausgeschnittenes Material (in HiDef-Qualität und deutsch untertitelt). Einige Szenen sind wie üblich entbehrlich, andere wären geradezu umwerfend gewesen. Zum einen, weil sie wichtige Figuren verständlicher und pointierter herausarbeiten, z.B. die Beziehung zwischen Vickers und Janek oder die zwischen Vickers und ihrem Vater. Aber auch die zwischen Shaw und ihrem Freund, die nun doch etwas weniger romantisch ausfällt.
Zum anderen, und das ist wohl noch wichtiger, hat Scott die Szene, in der es zur Begegnung mit dem überlebenden Konstrukteur kommt, drastisch zusammengeschnitten. In dieser Szene kommt es zu einem Dialog zwischen Peter Weyland und dem Konstrukteur, der zwar nicht restlos alle Rätsel aufklärt, aber entscheidend zum Verständnis des Plots beigetragen hätte.
Von der Schnittversion der Kinofassung waren dann auch weitere Szenen beeinflusst, die konsequenterweise auch gekürzt werden mussten und immerhin einiges zur Herkunft der Konstrukteure zu sagen gehabt hätten. Stichwort: „Paradies“. Das hat dann auch sehr viel mit dem von mir erwähnten Scott-Zitat über die „Dark Angels“ zu tun. Hier hat sich das Bonus-Material also wirklich gelohnt!


Und die Gründe? Cutter Pietro Scalia hat in seinen Kommentaren zu den Deleted Scenes deutlich gemacht, dass in fast jedem der geschilderten Fälle das ‚Geheimnis‘ wichtiger war als der Zufluss an Informationen. Mit anderen Worten: man strich den sprechenden Konstrukteur, weil der schweigende einfach mysteriöser war.
Diese Gründe dürften aber nicht dafür verantwortlich gewesen sein, dass auch eine längere Kampfszene zwischen Shaw und dem Konstrukteur der Schere zum Opfer fiel. Auch diese Szene hätte dem Film gut getan, denn in der Kinoversion taucht der Konstrukteur nach der Zerstörung seines Mutterschiffs einfach zu abrupt auf.
 

Last but not least bleibt das Fazit: „Prometheus“ hat einen Director’s Cut verdient.
In punkto Bildqualität macht es wenig Sinn, hier technische Einzelheiten aufzuzählen. „Prometheus“ ist rundum brillant, auch dort, wo die etwas dunklen Szenen in der geheimnisvollen Pyramide nicht gerade das sind, was nach Tiefenschärfe verlangt. Es fällt mir schwer, einen Grund zu finden, der gegen das Urteil "Referenzqualität" spricht.


Fazit: diese Bluray verdient eine glatte Eins.

Dienstag, 11. Dezember 2012

Cloud Atlas


USA / Deutschland 2011 - Regie: Lana und Andy Wachowski, Tom Tykwer - Darsteller: Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Doona Bae, Ben Whishaw, Zhou Xun, Susan Sarandon, Hugh Grant - FSK: ab 12 - Länge: 172 min.

Wenn das letzte Kapitel von „Cloud Atlas“ erzählt wird, befinden wir uns nicht mehr auf der Erde. Am Himmel stehen ein fremder Mond und ein großer Nachbarplanet, aber am Lagerfeuer sitzen einige Kinder und ein Opa, der wie Tom Hanks aussieht und der den Kleinen seine alten Geschichten erzählt. Irgendwo, einige Lichtjahre entfernt, glitzert ein kleiner blauer Punkt, auf den der Alte mit dem Finger deutet: da ist die Erde, da kommen wir her.

"Was aber ist ein Ocean anderes als eine Vielzahl von Tropfen?" (David Mitchell aka. Adam Ewing)

Wir haben es also geschafft: der Planet ist ruiniert, wir müssen unsere Zelte woanders aufschlagen.
Wie es dazu kommen konnte und kommen wird, erzählen uns Andy und Lana Wachowski und Tom Tykwer mit der nicht für verfilmbar gehaltenen Adaption des verschachtelten Romans „Cloud Atlas“ von David Mitchell. Dass und wie wir unsere Zivilisation vor die Wand fahren, ist im Buch und im Film eine überwiegend deprimierende Geschichte, in der sich alles, was gut und schlecht ist im Menschen, quer durch die Jahrhunderte wiederholt: Gier, Macht und Unterdrückung einerseits, andererseits aber immer wieder Individuen (oder besser gesagt: Helden?), die sich gegen Tyrannei, Rassismus, Dummheit oder das Böse schlechthin auflehnen. In dem sich über fünf Jahrhunderten erstreckenden Epos sind sie dabei durch unsichtbare, aber auch sehr greifbar- und hörbare Bande miteinander verbunden. Jede Entscheidung, jede Handlung, auch die kleinste, hat Folgen für das Ganze und möglicherweise wandern auch unsere Seele von Körper zu Körper und müssen immer wieder nach einer Antwort auf die allertiefsten Fragen suchen.
So könnte man „Cloud Atlas“ in etwa zusammenfassen.
Seelenwanderung, Spiritualität, Mystik, esoterischer Humbug? Oder schlichtweg größenwahnsinniges Kino, das philosophische Binsenweisheiten als Tiefsinn verkaufen will und sich durch die Geschichte nach dem Prinzip eines moralischen „Butterfly Effect“ (Richard Brody, The New Yorker) zappt? Hängt alles miteinander zusammen und kann der kleinste Tropfen im Meer entscheidend dafür sein, was in ferner Zukunft geschieht?

Wer Castaneda gelesen hat und die Chaostheorie mag, wird mit Sicherheit einen Zugang zu „Cloud Atlas“ erhalten: Historie und Selbsterkenntnis als großes Mirakel, kleine Ursache - große Wirkung. Der hartgesottene und naturalistisch geschulte Cineast wird sich auf die ideologie- und zivilisationskritischen Aspekte von Buch und Film stürzen und höhnisch anmerken, dass Hegels Weltgeist im Buch kräftig auf die Schnauze fällt, im Film allerdings etwas besser davonkommt.
So war das schon bei der Matrix-Trilogie der Wachowskis: für jeden ist etwas dabei, für Nerds und Cyberpunks, aber auch für den belesenen Bildungsbürger, der lieber zu ganz anderen Schlüssen kommt.
Was für mich feststeht: „Cloud Atlas“ ist grandioses emotionales Kino mit großartigen Bildern. Eine cineastische Reise, die über fünf Jahrhunderte umspannt, enorm viel Spaß beim Zuschauen macht und dabei kaum weniger ehrgeizig ist als die Deutung des Matrix-Universums. Dieses hat allerdings ein Puzzle zur Deutung vorgelegt, das deutlich intellektueller und komplizierter war und (sieht man vom ersten Teil ab) bei der Kritik ebenfalls unter die Räder kam. Auch in der wirklichen Wirklichkeit wiederholt sich scheinbar alles.

Sprünge durch Zeit und Raum – und durch die Genres!

Non-linear wurde die Erzählweise von „Cloud Atlas“ bezeichnet. Das hört sich schlimmer an als es ist, ein Film wie „Mr. Nobody" von Jaco Van Dormael (2010) ist da wesentlich komplexer. Ich räume aber ein, dass es von Vorteil ist, David Mitchells Buch zu kennen, bevor man sich „Cloud Atlas" ansieht.
Die Episoden werden in
„Cloud Atlas" chronologisch erzählt, enthalten allerdings Rückblenden und Rahmenhandlungen. Achronologisch ist dagegen die Montage und das 'Springen' zwischen den Episoden. Dies erfolgt eben nicht linear, sondern entspricht eher den Prinzipien einer modernen Version der Eisensteinschen Assoziationsmontage: „Assoziationsmontage basiert auf der elementaren Fähigkeit des Menschen, aus signifikativen Bruchstücken höhere Einheiten des Denkens zu synthetisieren: Fügt man Einstellungen aneinander, die keine Handlung gemein haben, keinen gemeinsamen Raum, keine Ähnlichkeit, stellt sich doch der Eindruck eines Zusammenhangs her. Dabei treffen u.U. Bedeutungen aufeinander, die – in Eisensteins Metapher – miteinander kollidieren und dabei Bedeutungsimpulse freisetzen, die zu einem Dritten, Nichtgezeigten voranschreiten" (Lexikon der Filmbegriffe: http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=4585). 

Non-lineares Kino ist nichts Neues: bereits 1941 hat Orson Welles in
„Citizen Kane" eine Geschichte multi-perspektivisch und non-linear erzählt. Der Film floppte, das Publikum verfluchte den Regisseur. Zehn Jahre später gehörten Welles' Erfindungen zum 'normalen' Bestand einer Kinoerzählung, selbst Kinder verstanden auf Anhieb Rückblenden und „Citizen Kane" gilt heute als einer der besten Filme der Filmgeschichte, weil der die moderne Grammatik des Films definierte.

„Cloud Atlas“ erzählt (wie das Buch) sechs Geschichten, wobei die letzte Episode gleichzeitig die Rahmenhandlung bildet:
·      „The Pacific Journal of Adam Ewing“ (Das Pazifiktagebuch des Adam Ewing),
·      „Letters from Zedelghem“ (Briefe aus Zedelghem“),
·      „Half Lives: The First Luisa Rey Mystery“ (Halbwertszeiten – Luisa Reys erster Fall),
·      "The Ghastly Ordeal of Timothy Cavendish" (Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish),
·      „An Orison of Sonmi~451" (Somnis Oratio)
·      „Sloosha's Crossin' an' Ev'rythin' After" (Sloosha’s Crossin’ un wies weiterging).

David Mitchells „Wolkenatlas“ weist im Gegensatz zum Film eine klare Struktur auf, allerdings wird zunächst 'Vorwärts', dann 'rückwärts' erzählt:
·      1) Das Pazifiktagebuch des Adam Ewing
·      2) Briefe aus Zedelghem
·      3) Halbwertszeiten – Luisa Reys erster Fall
·      4) Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish
·      5) Somnis Oratio
·      6) Sloosha’s Crossin’ un wies weiterging
·      5) Somnis Oratio
·      4) Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish
·      3) Halbwertszeiten – Luisa Reys erster Fall
·      2) Briefe aus Zedelghem
·      1) Das Pazifiktagebuch des Adam Ewing

Die Wachowskis und Tom Tykwer haben in ihrer Adaption (die Karteikarten-Montage hat bereits anekdotischen Wert) das Pferd also etwas anders aufgezäumt. Der sequentielle Rhythmus im Film ist ein anderer, besonders am Anfang springt die Erzählung sehr schnell durch die Geschichten, um das Personal zu etablieren, aber später folgt „Cloud Atlas“ eher  assoziativen und an zentralen thematischen Motiven orientierten Verbindungen. Während das Buch den einzelnen Geschichten einen größeren zusammenhängenden Erzählraum verschafft, montiert der Film alles etwas durchlässiger: an den Schnittstellen und Übergängen werden die gemeinsamen Elemente der jeweiligen Geschichten deutlich.

Themen und Verknüpfungen in "Cloud Atlas"

  • Trotzdem oder gerade deswegen gewöhnt man sich relativ schnell an die Protagonisten: 1850, Pazifik: der Anwalt Adam Ewing wird während der Rückreise von einer neuseeländischen Inselgruppe von seinem Begleiter, einem Arzt, aus Habgier vergiftet. Ein zunächst als blinder Passagier mitreisender Eingeborener rettet ihm das Leben. Ewing, der anfänglich die Eingeborenen als "Thiere" bezeichnet, wird zu einem Gegner der Sklaverei.
    Verknüpfung: Tagebuch. Genre/Sujet: Buch = Tagebuch, Film = Abenteuerfilm / Seereise.
  • 1931, Großbritannien: Der schwule Komponist Robert Frobisher (sein Liebhaber ist Rufus Sixsmith) wird Assistent eines weltberühmten Komponisten und heimlicher Liebhaber von dessen Frau. Als der Komponist Frobishers eigenständiges Werk, das "Wolkenatlas-Sextett", für sich beansprucht und den Homosexuellen erpresst, begeht Frobisher Selbstmord.
    Verknüpfung: eine Hälfte von Ewings Tagebuch, das Sextett, Frobishers Briefe. Genre/Sujet: Buch = Briefroman (klassische Erzählform des 17. und 18. Jh.), Film = Melodrama. Kulturelle Codierung: Frobisher benennt ein eigenes Werk nach Nietzsches Theorie der "Ewigen Wiederkunft".
  • 1975, USA: die Journalistin Luisa Rey kommt einer Intrige auf die Spur - internationale Erdöl-Multis planen den Super-Gau eines Atomkraftwerkes, um die Konkurrenz loszuwerden. Rufus Sixsmith, mittlerweile Wissenschaftler, macht Luisa Rey auf die Enthüllungsstory aufmerksam, zudem bekommt die Journalistin Frobishers Briefe in die Hände und entdeckt eine Platte mit dem "Wolkenatlas-Sextett". Sixsmith wird zwar ermordet, Rey kann aber die Handlanger und Killer der Erdöl-Multis entlarven.
    Verknüpfung: Frobishers Briefe, die Schallplatte mit Frobishers "Wolkenatlas"-Sextett und das Buch, dass der kleine Freund von Luisa als Erwachsener über sie schreiben wird: "Halbwertszeiten - Luisa Reys erster Fall". Genre: Buch = Hard-boiled Krimi (à la Mickey Spillane), Film = Paranoia Thriller.

Wir sehen: es sind nicht nur Themen und Figuren, sondern auch Medien, die historische Schnittstellen bilden und die Menschen miteinander verbinden. Bücher, Schallplatten, Filme – alles hängt miteinander zusammen. Wem das bereits als esoterische Mysterymüll erscheint, der sei daran erinnert, dass das preisgekrönte Holocaust-Drama „Sarahs Schlüssel“ (F, 2010) auf ähnliche Weise erzählt wird.
Doch wohin führt dies?
  • Fast vier Jahrzehnte später, nämlich 2012, wird der Verleger Timothy Cavendish als Opfer einer Racheaktion seines Bruders in einem Altenheim eingesperrt, dass sich als makabrer Rentnerknast entpuppt. Nach der erfolgreichen Flucht wird er seine Jugendliebe zurückerobern und das Buch „Halbwertszeiten. Luisa Reys erster Fall“ verlegen.
    Verknüpfung: das Buch "Halbwertszeiten. Luisa Reys erster Fall", ein Kinofilm über seine Abenteuer (sieht man im nächsten Kapitel), Genre: Buch = Memoiren/Ich-Erzählung, Film = Komödie.
  • Dann ein Sprung: Im Jahre 2144 befinden wir uns im koreanischen Neo-Seoul, wo der weibliche Klon Sonmi~451 heimlich einen stark fragmentierten Film über die Abenteuer von Cavendish sieht. In einer pseudo-religiösen kapitalistischen Zukunftsgesellschaft gibt es wieder Sklaven (wie in Ewings Epoche), diesmal sind es in Bruttanks gezüchtete Klone, die mit Amnesie-Drogen künstlich dumm gehalten werden. Sonmi-451 wird von dem Mitglied einer Widerstandsbewegung befreit und entdeckt, dass Klone an ihresgleichen verfüttert werden (entsprechend dem Kannibalismus der letzten Episode). Vor ihrer Hinrichtung kann sie in einer weltweit übertragenen Ansprache ihr humanistisches Programm verbreiten. In einer Rahmenhandlung wird sie kurz vor ihrem Tod von einem Historiker des Regimes verhört.
    Verknüpfung: der Kinofilm über die Abenteuer des Timothy Cavendish, schriftliche Fragmente ihrer Ansprache. Genre: Buch = Protokoll, Film = Science Fiction (Subgenre: Replikanten-Drama à la "Blade Runner"), kulturelle Codierung: Platons "Höhlengleichnis".
  • Noch ein gewaltiger Sprung, 2346, Hawaii: in einer fernen Zukunft hat sich die Menschheit nach einem weltweiten Krieg fast vollständig ausgelöscht, die Strahlenbelastung ist enorm. Der Ziegenhirt Zachary lebt mit seiner Sippe in einem Tal der Insel, ständig bedroht durch eine Horde Kannibalen. Die "Prescients" sind die Nachkommen der untergegangenen Hochkultur: sie suchen nach einer Verbindung zu den menschlichen Kolonien auf anderen Planeten. Zachary überwindet seine atavistischen Ängste, hilft den Prescients und verlässt mit wenigen Überlebenden in einem Raumschiff den sterbenden Planeten. Am Ende sitzt er mit seinen Enkel am Lagerfeuer und erzählt seine Geschichte - Lichtjahre entfernt von der Erde.
    Verknüpfung: Fragmente der Ansprache von Sonmi-451, die längst nicht mehr verstanden werden, Sonmi wird stattdessen als Göttin verehrt. Genre: Buch = Roman/Neusprech à la Orwell (
    das "Clever des Alten" = Technologie), innerer Monolog, Film = Science Fiction / Subgenre: dystopische Post-Apokalypse à la "Mad Max".

Eine Evolutionsgeschichte?

Während Mitchells Roman also einem klaren Schema folgt, springen Tykwer und die Wachowskis elegant durch die verschiedenen Jahrhunderte und verbinden die einzelnen Geschichten mit einem rhythmischen Duktus, der vieles thematisch verknüpft, dann aber auch den Regeln von Tempo und Entschleunigung gehorcht. Man hat das Gefühl, als sei David Lean in der Post-Moderne angekommen: Helden und Bösewichter, ein großer epischer Atem, aber alles halt nicht kontinuierlich erzählt, sondern scheinbar rätselhaft miteinander verwoben, dass man beim ersten Mal das Gefühl hat, den Film gleich noch mal anschauen zu sollen.

Das wichtigste Bindeglied sind, und das ist einer von zwei großen Unterschieden zu Mitchells Roman, die Darsteller: Tom Hanks spielt in 1849 den mörderischen Arzt Dr. Henry Goose und verwandelt sich am Ende in den schlichten Ziegenhirt Zachary, dessen Taten dann dabei helfen, die Reste der Menschheit zu retten. Auch in den anderen Episoden hat Hanks einen Auftritt.
Halle Berry entwickelt sich von einer Maori-Frau zu Meronym, einer Vertreterin der „Prescients“, die im 24. Jh. noch Teile der untergegangenen Technologien beherrschen. Auch sie ist in allen Episoden zu sehen, ebenso Jim Sturgess, der den Adam Ewing spielt. Nur der großartige Jim Broadbent, der seine Kollegen streckenweise an die Wand spielt, fehlt in einer Episode.
Nicht immer kann man erkennen, wer da wen spielt, aber auch die maskenbildnerischen Tricks werden im Abspann aufgeklärt und das macht zwar Spaß, aber so wichtig ist das eigentlich nicht.

Die Mehrfachbesetzung der Rollen (besonders bei den Hanks-Figuren) suggeriert, dass etwas Evolutionäres die Figuren verbindet, die sich scheinbar in Richtung größerer moralischer Integrität weiterentwickeln. Konterkariert wird dies allerdings durch die statische Besetzung der ‚Bösewichter’: hier vertreten der Matrix-Schurke Hugo Weaving und ausgerechnet Hugh Grant durchgehend das negative Prinzip, das mit einer fast schon mythologischen Penetranz immer wieder das ‚Gute’ konterkariert. Das lernt man schnell in „Cloud Atlas“: das Böse ist immer da und es folgt offenbar immer dem gleichen Antrieb - mehr Geld, mehr Macht, aber auch die Sucht nach einer gesellschaftlichen Ordnung, die ihre Stabilität mit Repression und Unfreiheit verteidigt. Gleich mehrmals verteidigen die Herrschenden in „Cloud Atlas“ ihre Ordnung als gott- oder zumindest naturgewollt.
Wer nun im Einzelnen welche Geschichten erzählt hat, ist vielleicht nicht so wichtig, aber es scheint so, als hätten Lana und Larry Wachowski die beiden Sci-Fi-Episoden und die Geschichte des Adam Ewing gedreht, während Tom Tykwer die Realisierung des Mittelteils (1936, 1973 und 2012) übernommen hat.[1]

Wesentlich interessanter ist da schon mein Eindruck, dass besonders von Lana Wachowski eindeutige Interpretationsangebote gemacht wurden: „Dein Menschsein überschreitet Zeit und Raum, deinen Stamm, deine Spezies. Es gibt eine Verbindung zwischen der Baumwollplantage des 19. Jahrhunderts und der Fabrik, in der heute die Wattepads hergestellt werden, eine Verbindung zwischen denen, die unterdrückt sind, und zwischen den Weavings und Hugh Grants dieser Welt“.
Gut, das ist etwas trivial, aber unwahr wird es dadurch nicht. Nur: welche Verbindungen sind dies denn nun? 
So richtig führt in „Cloud Atlas“ kein eindeutiger Weg aus dem Labyrinth. Manchmal wabert Unklares durch den Film, dann wieder treffen einige Kalenderweisheiten in den Dialogen offenbar den Nerv genau dort, wo es weh tut.
Historiker und Soziologen werden sich mit Grausen abwenden, spirituell und kinohistorisch geerdete Cineasten dagegen äußern sich in Filmforen voller Hingabe, während andere mit wahren Schimpfkanonaden über den „langweiligen", „misslungenen" und „schlechtesten Film aller Zeiten" herfallen, nur um im Gegenzug als Dummköpfe und Bildungsbanausen niedergemacht zu werden.
„Cloud Atlas“ ist als Zeitgeistfilm großartig und banal, voller Fantasie und esoterischer Weisheiten, er polarisiert und spaltet, und doch werden Erwartungen eher erfüllt als unterlaufen. Und es überrascht dann auch nicht, dass ein Großteil der Kritiker ziemlich genervt und streckenweise gehässig auf die Mischung aus Blockbuster und mehrdeutig schillernder Metaphysik reagierte.

Dabei gelingt „Coud Atlas“ zumindest etwas, was man durchaus spüren kann, wenn man es denn will: der Film erinnert an die eigenen, frühen Filmerfahrungen. Und die waren sehr stark mit etwas verbunden, was man später (auch im Kino) sehr schnell verlernen kann: dem Staunen!
Das Gefühl, auf magische Weise von etwas berührt zu werden, was sich nicht augenblicklich wie die Montageanleitung eines Billy-Regals erschließen lässt, hat hoffentlich jeder auf andere Weise im Kino erlebt: egal, ob in Kubricks „2001 - A Space Odyssee“ oder in John Fords „The Searchers“. Andere werden bis ans Ende ihrer Tage „Lawrence of Arabia“ lieben, aber es lässt sich nicht leugnen, dass es diese seltsamen Filme gibt.
Filme, die sich nicht sofort entschlüsseln lassen und immer wieder neue Deutungsangebote machen, die im Kern aber über eine mysteriöse Schlüssigkeit verfügen.

Mag sein, das in „Cloud Atlas“ einiges zu schlicht gestrickt ist. Ich würde es eher als konservative Skepsis bezeichnen: Gewalt und Herrschaft verschwinden nicht aus der Geschichte, der Kampf um Freiheit ist dagegen ein Insistieren auf unverrückbaren moralischen Überzeugungen. „Cloud Atlas“ hat allerdings auch Humor. Und Herz. „Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish“ ist zum Beispiel eine saukomische Komödie, die fast ein wenig aus dem Rahmen fällt.
„Cloud Atlas“, so lautet mein Fazit, ist die gelungene Adaption eines außergewöhnlichen Buches, allerdings mit anderen Akzenten, und der Film findet zudem originäre filmische Lösungen für eine Handvoll formaler Probleme, an denen man auch leicht scheitern konnte.

Buch und Film: Zwei Geschichtsmodelle

Aus meiner Sicht gibt es aber einen Unterschied zwischen Mitchells Roman und dem Film von Tom Tykwer, Lana und Larry Wachowski: das Buch beginnt und endet mit der Geschichte Adam Ewings und erzählt dabei möglicherweise vom Scheitern der Aufklärung des 18. Und 19. Jh. Der Film beendet die Menschheitsgeschichte, billigt ihr aber mit melodramatischem Optimismus eine Zukunft weit draußen im Weltall zu.

Schauen wir etwas genauer hin: Bei Mitchell erinnert uns der Notar Ewing ein wenig an Daniel Kehlmanns Naturforscher Alexander von Humboldt und seine arroganten Missdeutungen angesichts der Begegnung mit alten untergegangenen indianischen Hochkulturen und ihren Opferritualen („So viel Zivilisation und so viel Grausamkeit ...gleichsam der Gegensatz zu allem, wofür Deutschland steht!“).
Auch bei Mitchell gibt es eine vergleichbare ironische Pointe, etwas wenn Ewing am Anfang über die „angeborene thierische Stumpfheit“ der Eingeborenen spricht. Am Ende hat im Buch ein geläuterter Adam Ewing das letzte Wort: „Ein Leben mit der Gestaltung einer Welt zu verbringen, die ich ... nicht voller Furcht, sondern mit Freude hinterlassen kann, das erscheint mir als Leben, das zu leben werth ist.“
Die Wachowskis und Tykwer beginnen am anderen Ende der Zeitschiene (Prolog) und hören dort auch auf (Epilog), in fernster Zukunft nämlich: alles ist kaputt, aber alles wird trotzdem gut. David Mitchell lässt seinen Protagonisten Adam Ewing dagegen eine Bildungsreise unternehmen, die ihn mitten ins Zentrum des geschichtsoptimistischen, aufklärerischen Denkens, aber halt auch in dessen Krise führt, ohne dass er es wissen kann. Männer wie Ewing werden, wenn man ihr Leben weiter ausspinnt, in einigen Jahrzehnten miterleben, welchen Blutzoll die amerikanische Nation bei der Lösung der Sklavenfrage leisten musste und der geschichtskundige Leser wird schwerlich einen Gedanken an die Schlachthöfe des 20. Jh. unterdrücken können.

Kein kleiner, aber ein feiner Unterschied: der Film will den notorischen Skeptiker versöhnen, im Roman weiß der Leser als historischer Besserwisser, wo der aufklärerische Humanismus eines David Ewing enden wird, nämlich in den Grausamkeiten des 20. Jh.
Ich denke, dass Mitchells Version die finale Volte des Films klar in den Schatten stellt. Seine Geschichte endet in einer fast schon etwas entmutigenden Kreisbewegung wieder am Anfang, der Film wählt die Sci-Fi-Perspektive und lässt ein Happy-End zu, kein bruchloses, aber jenseits der großen Katastrophe wartet dann doch ein Licht am Ende unserer fatalen Geschichte.

Humorlose Kritik

Am Ende kam es, wie es kommen musste: „Cloud Atlas“ wurde kräftig in die Mangel genommen. Wieder einmal reagiert(e) die Gilde der Filmkritiker mit unübersehbarer Hysterie und schlug irgendwo zwischen „größenwahnsinnig“ und „Jahrhundertwerk“ auf. Das geschieht eigentlich regelmäßig, wenn Mainstream vermutet wird und sich bei näherem Hinsehen als Autorenfilm entpuppt. Zuletzt hatten wir so ein Rumoren bei Terrence Malicks „Tree of Life“, obwohl der wohl kaum Mainstream im Sinn hatte, und in geringerem Ausmaß bei Lars von Triers „Melancholia“ – der eine zeigte die Geburt des Kosmos, der andere den Weltuntergang. Größenwahn oder Jahrhundertwerk?

Wenn es darum geht, dann erinnere ich mich lieber an Michael Ciminos „Heaven’s Gate“ (1980), dem geradezu epochaler Größenwahn vorgeworfen wurde. Ciminos keineswegs durchgehend gelungener Western trieb nicht nur das verantwortliche Studio in die Pleite, sondern gewann auch die „Goldene Himbeere“ für die „Schlechteste Regie“, nachdem der Film – auch von Teilen der Kritik – wie eine Sau durchs Dorf getrieben worden war.
Über 30 Jahre später befindet sich „Heavens’ Gate“ samt Regisseur zwar nicht an zentraler Stelle im Olymp der Filmgötter, Michael Cimino steht aber irgendwo ganz nahe bei ihnen, halb vergessen, aber immer noch im Sinn. Man fragt sich, was den Kritikern von damals durch den Kopf geht, wenn sie den Film heute sehen, aber vielleicht ist das nicht so wichtig.
Zum Glück vergisst die Filmgeschichte die Kritiker, nicht aber die Filme.

(Diese Kritik wurde am 23.4.2013 überarbeitet).

Noten: BigDoc, Melonie = 1, Klawer = 1,5, Mr. Mendez = 3.

Pressespiegel

Rüdiger Suchsland (http://www.heise.de/tp/artikel/37/37971/1.html) verreißt lustlos "Cloud Atlas" ("Zappen ohne Fernbedienung", "nervtötende Musiksoße"). Er beklagt sich über "banale Gedankenwolken" und zitiert Lebensweisheiten aus dem Film. Doch jene, die er eingangs zitiert, ist keine, sondern ausgerechnet das zentrale Paradigma der Herrschaftsideologie.[2] Oupps!
Dafür weiß der Kritiker, was man mit den 100 Millionen besser angestellt hätte: "Wie viele Studentenfilme könnte man dafür machen? Wäre nicht mindestens einer genauso gut, und einer besser, interessanter innovativer, zukünftiger, als "Cloud Atlas"?"
Leider werden wir das nicht herausfinden, denn die Mios sind verbraten.
Am Ende sieht er aber ein "interessantes Werk", weil der Film das Leben außerhalb des Kinos widerspiegelt und das sei nun mal vom ADHS der meisten Zuschauer geprägt, was der Film prächtig bedienen würde.[3]

US-Filmkritikerzar Roger Ebert stellt fest: "...one of the most ambitious films ever made!" Es gibt aber auch US-Kritiker, die konstatieren, dass „Cloud Atlas" nun doch wohl "the badest movie ever made" ist, also noch schlechter als "Angriff der Killertomaten".

Thorsten Funke resümiert auf critic.de: „Cloud Atlas galt nicht umsonst gleich nach seinem Erscheinen als unverfilmbar. Nun ist doch ein Film daraus geworden, einer, der zugleich über- wie unterfordert, ein Hochglanzprodukt, das es auf Überwältigung anlegt, für eine übertrieben prononcierte, dennoch schwer zu greifende humanistische Botschaft. Es handelt sich, das sollte deutlich geworden sein, um alles andere als ein gelungenes Werk. Man langweilt sich im Kino dennoch nicht: Wegen mancher schauspielerischer Kabinettstückchen, vor allem aber, weil das über den Film gespannte Beziehungs- und Verweisnetz bei aller Aufdringlichkeit voller entdeckenswerter Details steckt.“
Was will man mehr vom Kino? Und das bei einem misslungenem Film...

Filmpapst Georg Seeßlen fasst für DIE ZEIT zusammen: „Was bei Mitchell freilich eine einsichtig-aufklärerische moralische Haltung ist, das wird in diesem Film zu einer etwas verquasten Mischung aus Esoterik, Sonntagsschule und halb verdauten Philosophiebrocken: Wie schon die letzten Teile der Matrix-Trilogie scheint auch dieser Wachowski-Film beständig auf der Flucht vor den Konsequenzen seiner eigenen Wagnisse. Kurzum: Cloud Atlas hat begriffen, welche Aufgaben sich dem Popcornkino der Zukunft stellen. Aber bei der Lösung dieser Aufgabe ist nicht viel mehr herausgekommen als ein ansehnlicher Bilderbrei.“
Immerhin ansehnlich...

Fazit meiner Gesamtlektüre: gefühlte 70% der Kritiker kloppen auf den Film ein als sei dieser DIE Kinoblasphemie der letzten 100 Jahre, wo doch Lars von Trier für diese Sparte zuständig ist, der Rest feiert den Film als Jahrhundertwerk, das man vermutlich erst in 20 Jahren richtig würdigen wird. Eingespielt hat der Film seine Kosten noch nicht, aber Lana Wachowski weiß in einem Interview mit dem TAGESSPIEGEL bereits die Antwort: „Sartre hat gesagt, alle materialistischen Philosophien reduzieren Kunst auf das Objekthafte. Genau das geschieht, wenn man „Cloud Atlas“ am Einspielergebnis bemisst. So funktioniert Unterdrückung, so will der Markt es regeln: Er reduziert Menschen auf Zahlen und Bilanzen.“

Dann wollen wir doch hoffen, dass sie trotzdem das Geld für ihren nächsten Film zusammen bekommen. Ich bin gespannt.


[2] „Es gibt auch Längen, vor allem Anfang. Es gibt von allem etwas und nichts richtig, außer ein paar Lebensweisheiten, die nicht ganz falsch sind, aber vielleicht banal, und bei denen man sich zudem nicht ganz sicher sein kann, wie ernst sie überhaupt gemeint sind: „Unsere Welt folgt einer naturgegebenen Ordnung und wer versucht, sie umzukrempeln, dem wird es schlecht ergehen.“
 [3] "Aber er ist ein interessantes Werk, weil er sehr zeitgemäß ist, weil er in seinen ständigen Perspektivwechseln, die Netzstrukturen unserer Wirklichkeit ebenso spiegelt, wie er die Aufmerksamkeitsdefizite vieler User/Zuschauer bedient, denn seine Struktur und Verwirrtheit und sogar sein ständiges Moralisieren und seine Esoterik haben sehr viel mit den digitalen Wolken zu tun, die unser gegenwärtiges Leben jenseits des Kinos prägen. 'Unsere Leben gehören nicht uns. Wir sind verbunden mit anderen, in Vergangenheit und Gegenwart. Und mit jedem Verbrechen und jedem Akt der Güte erschaffen wir unsere Zukunft'.“

Dienstag, 4. Dezember 2012

Cosmopolis


Kanada / Frankreich 2012 - Regie: David Cronenberg - Darsteller: Robert Pattinson, Juliette Binoche, Sarah Gadon, Mathieu Amalric, Jay Baruchel, Kevin Durand, K'Naan, Emily Hampshire, Samantha Morton, Paul Giamatti - FSK: ab 12 - Länge: 108 min.

David Cronenberg hat einen Roman des Untergangspropheten Don DeLillo verfilmt: das hätte er besser nicht getan. Die Geschichte eines blutleeren Superkapitalisten, der in seiner gepanzerten Limousine durch Manhattan fährt, um sich einen Haarschnitt verpassen zu lassen, versinkt in schwurbeligen Dialogen über Geld, Sex und Körpergerüche.

Eric Packer („Twilight“-Vampir Robert Pattinson) ist das, was sich Lieschen Müller unter einem Finanzmarkt-Monster vorstellt: ein Egomane, der etliche Milliarden mit Spekulationen diverser Art gescheffelt hat. Umgeben von Bodyguards fährt er durch Manhattan, um am anderen Ende der Stadt seinen Frisör aufzusuchen. Das könnte er einfacher haben, aber er will es halt so. In seiner Liga bekommt man, was man will.
Zwischendurch empfängt er seinen Hofstaat: vom kulturskeptischen Systemadministrator, der ihm versichern soll, dass nicht einmal die Stretch-Limousine gehackt werden kann, in der beide gerade sitzen, bis zum Doktor, der on the fly seinem mächtigen Patienten aufreizend lange die Prostata abtastet. Da der US-Präsident in der Stadt weilt und die Straßen verstopft sind, werden zwischendurch in Fast-Food-Restaurants wenig frugale Portionen verzehrt und Zeit für einen Quickie mit seiner deutlichen älteren Kunsthändlerin (Juliette Binoche) hat Packer auch. Als dies absolviert er mit stoischer Gelassenheit, die angesichts der etwas limitierten Schauspielkünste Pattinsons fast zombieartig wirken. 
Aber irgendwie passt das auch zu dem Film.

Was David Cronenberg aber bewogen hat, ausgerechnet diesen Stoff zu adaptieren, findet man nicht heraus. Dafür versinkt der Film in skurrilen Dialogen, die zwar gelegentlich den absurden Charme eines Samuel Beckett besitzen, aber die Story mit einem anarchistischen Einlauf spätestens nach einer halben Stunde aus dem Auto spülen. Je länger die sinnfreien Gespräche andauern, desto weniger erfährt man von Packer, obwohl dieser in jeder Szene zu sehen ist. 
Möglicherweise ist es gerade die relative Sinnfreiheit, die Cronenberg interessiert hat. Jene Mischung aus Autismus und blitzschnellen Analysen asiatischer Währungsbewegungen, die als typisch für die gierige Weltfremdheit von älter gewordenen New Economy- Strategen herhalten soll. Doch mit Lieschen Müller haben wir eins gemeinsam: wir wissen nichts oder nur wenig von den heimlichen Herrschern der Welt, deren Computer in Bruchteilen einer Sekunde Transaktionen abwickeln, die Millionen in den Abgrund stürzen können und wenige reich werden lassen.
Und länger diese inhaltlichen Leerstellen mit Leerlauf gefüllt werden, desto ermüdender wird „Cosmopolis“. Auch wenn man sich diebisch freuen mag über das Auftauchen von Anarchos, die mit toten Ratten die Schickeria des Geldadels attackieren. Das erinnert zumindest an bessere Ideen Cronenbergs, zum Beispiel in „eXistenZ“, aber mehr auch nicht. Der Film gibt sich als Rätsel, aber auch Rätsel haben gelegentlich etwas zu sagen, auch wenn man sie nicht auf Anhieb lösen.

Auch technisch hat sich Cronenberg überraschende Blößen gegeben. Viele Szenen wurden im Studio gedreht, die Straßenlandschaften der Mega-City wurden per CGI in die Autofenster hineingerechnet. Aber vielleicht ist die digitale Künstlichkeit in ihrer Hässlichkeit mehr als eine Erinnerung an die klassischen Rückprojektionen des US-Kinos früherer Tage. Um Theodor W. Adorno umzustricken: Es kann nichts Echtes im Unechten geben.

Noten: BigDoc = 4

Mittwoch, 7. November 2012

Bluray-Review: The Walking Dead – Season 2


TV-Serie: USA 2011. Darsteller: Andrew Lincoln, Chandler Riggs, Emma Bell, Jeffrey DeMunn, Jon Bernthal, Laurie Holden, Sarah Wayne Callies, Steven Yeun. Deutscher Vertrieb: WVG Medien. Show-Runner: Glen Mazzara. FSK: freigegeben ab 18 Jahren.

Neben HBO gehört der amerikanische Pay-TV-Fernsehsender AMC zu den Anbieter, die für den Aufschwung des vielzitierten Quality TV verantwortlich sind. AMC ließ ab 2007 Mad Men und ab 2008 Breaking Bad produzieren, beide Serien werden mittlerweile von Lions Gate bzw. Sony produziert.
Völlig überraschend war dann der Erfolg der von Showrunner Frank Darabont realisierten Horror-Serie „The Walking Dead“, der neue Maßstäbe im Horrorgenre definierte. Die Mischung aus spannender Figurenentwicklung und expliziten Splatterszenen ist eindeutig der Erwachsenenunterhaltung zuzurechnen, erreichte aber Quoten, die von dieser Zielgruppe nicht ohne Weiteres erwartet werden konnten. Aktuell erreicht die dritte Season durchschnittlich 11 Millionen Zuschauer.

Spannung gehalten

Nach der ersten Staffel stieg Showrunner Frank Darabont aus. Dennoch konnte die zweite Staffel weiterhin überdurchschnittliche Quoten erzielen, was nicht allein durch Neugier und Anhänglichkeit der Zuschauer zu erklären ist. Offenbar überzeugte die Mischung aus Soap und massivem Body Horror weiterhin.
Die zweite Staffel hat sich ähnlich wie George A. Romeros misslungener Survival of the Dead in ein ländliches Milieu begeben. Große Teile der Handlung spielen auf einer Farm, gelegentlich unternimmt die Gruppe um den Ex-Sheriff Rick Grimes aber auch Beschaffungsausflüge in die nahe gelegenen Gemeinden.
Die in der ersten Season sehr dichten Szenen im urbanen Milieu fehlen ein wenig, aber insgesamt lässt die Spannung nichts zu wünschen übrig, da neuer Konflikte abgearbeitet werden müssen: Farmer Hershel ist ein Tierarzt mit sehr eigenwilligen Auffassungen über die Verwahrung von Untoten, die Rivalität zwischen Rick und Shane steuert auf einen letalen Höhepunkt zu und recht überzeugend sind auch die Diskussionen zwischen dem Moralisten Dale und der zunehmend härter werdenden Fraktion um Shane: Kann man inmitten der Apokalypse noch die Regeln einer zivilen Gesellschaft erhalten oder werden extreme Lösungen, wie z.B. eine präventive Hinrichtung, durch die extremen Umstände gerechtfertigt?
Ohne die Pointen vorwegzunehmen: Rick wird nach der 2. Staffel kein Demokrat mehr sein!
Den Erfolg von „The Walking Dead“ kann dies alles nicht erklären, auch die teilweise extreme Gewaltdarstellung reicht dazu nicht aus, denn andere Serien wie „Boardwalk Empire“ sind auch nicht zimperlich. Da geht eine Serie wie „Dexter“ im Vergleich zu „The Walking Dead“ geradezu schonend mit den Nerven ihrer Fans um.

Kein HD: Bild wie auf einer guten DVD und mauer Ton

Die Verwertung auf DVD und Bluray begann pünktlich nach der Premiere der zweiten Season auf RTL 2. Die Bluray-Edition erscheint hierzulande sowohl exklusiv in einer Steelbox und bei anderen Anbietern im üblichen Keep Case im Schuber auf Double Layer-BD (50 GB). Das Bildformat 1,78:1 in der Auflösung 1920x1080p ergibt ein normales 16:9-Bild. Als Codec wurde MPEG-4/AVC verwendet, was unter normalen Umständen zu sehr guten Ergebnissen führt.
Normal sind die Umstände aber wohl nicht gewesen, da fast fünf Stunden Video auf die Scheibe mit den Folgen 1-6 gepresst worden sind (normal sind vier Stunden). Die zweite BD enthält sogar sieben Episoden. Das führt bei der weiterhin mit 16 mm gedrehten Serie fast zwangsläufig zu Problemen, die gegenwärtig ziemlich vehement von der Fans in einschlägigen Foren diskutiert werden.
Das Ergebnis ist ernüchternd: „The Walking Dead“ sieht (von wenigen Ausnahmen abgesehen) wie eine DVD aus. Persönlich habe ich schon ältere Filme auf DVD-Beilegern gesehen, die deutlich schärfer, kontrastreicher und völlig frei von Kompressionsartefakten gewesen sind.
Nun ist „The Walking Dead“ nicht etwa durchgehend unscharf, aber die Detailzeichnung bei Totalen ist im Vergleich zu Nahaufnahmen und Closeups schon erkennbar reduziert. Auch Farben und Kontraste können nicht durchgehend überzeugen.
Am heftigsten muss die Kritik leider beim Bildrauschen ausfallen, wobei nicht immer klar ist, was auf das Konto des Filmkorns geht und was nun digitales Bildrauschen ist. Wer hier das erwartet, wofür er sich ein entsprechendes Equipment angeschafft hat, wird vermutlich genervt reagieren.
Dazu passt auch folgende Info: in den USA ist TWD 2 auf insgesamt vier Datenträgern erschienen. Die Besprechungen fallen deutlich besser aus, obwohl auch bei Blu-ray.com auf vereinzelte Schwächen hingewiesen wird [1]

Ähnliche Abstriche muss man beim Ton machen, obwohl der deutsche Release immerhin DTS-HD zu bieten hat. Auch hier muss man schon hinhören, aber dort, wo der Ton scheppert, muss man kein feines Gehör haben. Was scheppert, das scheppert halt. Ob dies der deutschen Synchronisationsfirma anzulasten ist oder ob dies ebenfalls auf das Konto der Kompression geht, kann ich nicht erschöpfend beantworten.
Bei den Extras wurde allerdings nicht gegeizt – eine volle Scheibe (in HD) mit 12 Features plus Deleted Scenes warten auf den Serienjunkie. Auf die Inhalte werde ich zu einem späteren Zeitpunkt eingehen.

Fazit: „The Walking Dead“ enttäuscht in dieser Verfassung doch sehr und liegt in der Qualität erkennbar unter der ersten Season (hier liegt mir aber zum Vergleich nur die GB-Version vor). Die Fans der Serie müssen für sich selbst entscheiden, ob diese Serie wirklich eine ‚schmutzige’ Bildästhetik benötigt oder ob dies einfach nur Quatsch ist. Sollte das US-Release wirklich deutlich besser sein, dann hat sich Schmuddel-Look-Argument erledigt und der europäische, oder besser gesagt: der deutsche Kunde hat teuer zu bezahlen, was einfach besser gehen muss.

Samstag, 3. November 2012

Skyfall

Großbritannien / USA 2012 - Regie: Sam Mendes - Darsteller: Daniel Craig, Judi Dench, Javier Bardem, Ralph Fiennes, Naomie Harris, Bérénice Marlohe, Albert Finney, Ben Whishaw, Rory Kinear, Helen McCrory, Ola Rapace - FSK: ab 12 - Länge: 143 min.

Natürlich gibt es Bond-Fans, die lieber sehen würden, wie ein 85-jährigen Roger Moore durch die Wüste rennt, als den bartstoppeligen und (fast) abgehalfterten Daniel Craig, der in „Skyfall“ dann auch noch mit Pauken und Trompeten durch den Eignungstest für Außeneinsätze fällt. Aber so ist es nun mal: 50 Jahre lang hat uns der britische MI6-Agent mit der Lizenz zum Töten mehr oder weniger gut unterhalten – und immer war er ein Kind seiner Zeit. Und smarte Helden im Smoking, ausgerüstet mit zahllosen Gimmicks, sind heuer nicht mehr angesagt. Heute sind die Helden allesamt beschädigt.

Zerrupfte Helden und charmante Bösewichter

In „Skyfall“ gibt es nach vierjähriger Pause eine Menge Beschädigungen: Bond wird gleich zu Anfang von „M“ (Judi Dench) mehr oder weniger zum Abschuss freigegeben und später wird „M“ nicht nur einmal anderen vorrechnen, wann und wo sie einen Agenten geopfert hat, um vielen anderen das Leben zu retten. „Skyfall“ ist damit auch eine Geschichte über professionelle Loyalität und gekränkte Liebe.
Dazu passt ganz gut, dass der Held diesmal ziemlich zerrupft auf Tauchstation geht. Nachdem er versehentlich „erschossen“ wurde, hängt er billigen Schnapsbunden ab und nimmt Wetten an, bei denen es darum geht, einen Drink zu nehmen, während ein Skorpion auf dem Handrücken sitzt. Natürlich sticht der dann nicht zu, aber wenn Bond schon nach einer halben Stunde zum Kneipenheld mutiert, werden viele Bond-Fans heftig schlucken.

Klar, dass er bald wieder gebraucht wird und an die Front zurückkehrt, in das Reich der „Schatten“, für das sich „M“ vor einem Regierungsausschuss verantworten muss. So weit ist das MI6 also gekommen! Klar, dass Bond das Spiel wieder spielen will, denn seine liebste Passion ist die „Auferstehung“, wie er dem Gegenspieler Raoul Silva (Javier Bardem) lakonisch mitteilt. Nun geht es in „Skyfall“ aber nicht um religiöse Motive, sondern schlichtweg um biblische Rache, denn Silva gehörte als „Liebling“ von „M“ einst zu den tragischen Helden, die zum Wohl des Empires geopfert werden mussten. Nun will er „Mami“ aus nachvollziehbaren Gründen an den Kragen und zu diesem Zweck enttarnt er bei YouTube britische Auslandsagenten.

Bonds Gegenspieler ist also Bonds Ebenbild und sein böse Spiritus Rector in Sachen Geheimdienst und pessimistischer Lebensanschauung. Bardem spielt diese Rolle mit Grandezza – ein böser Charmbolzen, der seinen gefesselten Widersacher schon einmal zärtlich streichelt und auch sonst einige Fragen zu seiner sexuellen Orientierung unbeantwortet lässt. In seinen besten Szenen lässt Bardem auf jeden Fall viele Ex-Bond-Gegenspieler wie verkalkte Wackelgreise aussehen (seine Ratten-Analogie ist grandios gespielt) und er gibt dem Affen viel Zucker, denn Bond muss sich schließlich auch damit auseinandersetzen, dass „M“ bereit war, über seine Leiche zu gehen. Aber Bond ist zu wenig introvertiert, um Vaterland und MI6 im Stich zu lassen und so geht er dem Schurken mit der wortwörtlichen Gemeinheit einer Ratte an den Kragen, auch wenn er letztendlich mehr mit ihm gemein hat als zu er zugeben möchte.

Visuell kraftvoller Film

Natürlich gibt jede Menge Bond-gerechte Action, allein das Intro, in dem Bond mit einem Schaufelbagger auf einem fahrenden Zug zum Angriff übergeht, ist das Geld schon wert. Aber was dem Film über weite Strecken gut tut, dass ist der ausgewogene Rhythmus, den Sam Mendes („American Beauty“ „Zeiten des Aufruhrs“) seinen Figuren mit auf den ungewissen Weg gibt.
Mendes, der nicht gerade häufig hinter der Kamera steht (sechs Kinofilme seit 1999), hat ein schönes Gefühl für Timing und gibt dem dramatischen Dreigestirn „M“ – Bond – Silva genau die Zeit, die benötigt wird, um die verkappte Geschichte von der bösen Mutter und ihren toughen Jungs glaubwürdig zu erzählen. Dabei wirkt Daniel Craig, an dessen stoischer Miene und dem unerbittlichen Sarkasmus die meisten, aber längst nicht alle Gefühle abperlen, noch als Mime mit der geringsten emotionalen Tiefenschärfe.

Fürs Visuelle war diesmal Roger Deakins („Fargo“, „A Beautiful Mind“, „No Country for Old Men“, „Der Vorleser“, „Zeiten des Aufruhrs“) verantwortlich, der seit 1975 für einige der besten amerikanischen Filme an der Kamera gestanden hat. Deakins gehört eher zu den klassischen Künstlern, denen es am Herzen liegt, das genau zu zeigen, was gesehen werden muss. Statt Wackelkamera und verrissener Schwenks, die zu einem 1-Sekunden-Schnittgewitter montiert werden, gehen von Deakins Bildern Gelassenheit und Anschaulichkeit aus, Eigenschaften, die nicht mehr die Regel sind im zeitgenössischen Actionkino. Und so kommt es dazu, dass „Skyfall“ einer der visuell kraftvollsten Filme der 50-jährigen Bond-Ära geworden ist.

Trotzdem: 50 Jahre nach „Dr. No“ hat sich viel geändert. Das Franchise hat dabei einen konsequenten Weg gewählt: die Schurken sind nicht einfach nur irre und größenwahnsinnig, sie sind Teil einer Welt, in der die Gegensätze zwischen Gut und Böse alles andere als klar zu beschreiben sind; „M“ muss sich von ihrem potentiellen Nachfolger Gareth Mallory (Ralph Fiennes) vorhalten lassen, das man in einer Demokratie lebe und nicht einfach tun und lassen kann, was man möchte und Bond muss wohl oder übel eine Reise in die eigene Vergangenheit antreten, die an alter Jugendstätte in den schottischen Highlands endet, dort wo das Grab seiner Eltern ist. Auch die Gimmicks sind bescheidener geworden und „Q“ ist ein junger Nerd („Die Zeiten, in denen wir explodierende Bleistifte gemacht haben, sind vorbei!“), der Bond ganz nebenbei erklärt, dass er in einer halben Stunden am Computer mehr Unheil anrichten kann als Bond in einem Jahr.
Aber eins ist dann doch so geblieben wie es immer war: harte Jungs wie James Bond sind auch in einer ambivalenten Welt am Ende die, die im Chaos eine verlässliche Konstante abgeben – ich denke, in 50 Jahren wird das nicht anders sein.

Noten: Melonie = 2, Mr. Mendez, BigDoc = 2,5