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Mittwoch, 24. Mai 2017

Alien: Covenant

Fünf Jahre hat Ridley Scott gewartet, um das Alien-Franchise nach dem umstrittenen Prequel „Prometheus“ fortzusetzen. Nun hat er es getan und dem Affen Zucker gegeben. Jene, für die in „Prometheus“ zu viel gelabert wurde, dürften nun sabbersatt das Kino verlassen. Sie wurden mit der erhofften Metzelei bedient. „Alien: Covenant“ ist ein unerhört schlechter Film.

Dabei fängt alles noch vielversprechend an. Im Prolog des Films spielt David (Michael Fassbender), der Android, der sich in „Prometheus“ noch an Peter O’Toole ergötzte, seinem Schöpfer Peter Weyland (Guy Pearce) in einem schnellweißen, lichtdurchfluteten Raum einige Takte Wagner vor. Auf dem Klavier, was doch einigermaßen ernüchternd viel zu wenig vom orchestralen Pomp Wagners erkennen lässt. In dem folgenden Gespräch wird deutlich, dass David ernste Zweifel an Weylands superiorer Rolle hat. Wer ihn denn geschaffen hat, fragt der Android listig, daran erinnernd, dass er selbst unvergänglich ist, Weyland jedoch sterblich sei. Eine Antwort wird ihm verwehrt, stattdessen verlangt Weyland, dass David ihm den Tee anreicht. Am Ende des Films wird David dann „Mutter“, den entzückenden Bordcomputer der Covenant (und später auch der Nostromo), bitten, ihm den
Einzug der Götter in Walhall“ aus dem Rheingold vorzuspielen – er hat gewonnen.

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Der Marsianer - Rettet Mark Watney

Notfall auf dem Mars. Der Astronaut Mark Watney wird versehentlich von der Crew der Hermes auf dem roten Planeten zurückgelassen. Man hält ihn für tot. Doch statt sich philosophisch mit existentiellen Fragen auseinanderzusetzen und in aller Demut zu sterben, beschließt Watney in dem neuen Film von Ridley Scott, dass er einfach nur überleben möchte. Er baut Kartoffeln an. Er verliert seinen Humor nicht. Das hat einige deutsche Kritiker angeödet.

Eine Robinson Crusoe-Geschichte auf einem feindlichen Planeten – da fallen einem
routinemäßig gleich mehrere Vergleiche ein. Man denkt an „Cast Away“ oder Brian de Palmas grandiosen, aber leider völlig unterschätzten Film „Mission to Mars“. Ridley Scotts Verfilmung von Andy Weirs Bestseller „The Martian“ orientiert sich am Pragmatismus von Robert Zemeckis Klassiker, stellt aber visuell eine engere Verbindung zu de Palmas elegant gefilmter Mars-Saga her, allerdings ohne deren utopisches Ende. Der gestrandete Mark Watney entdeckt auf dem Mars keine untergegangene Kultur, dafür viel Sand und Steine. „Der Marsianer“ lässt aber sich auf jenen Teil ein, den de Palma nicht ganz so ausführlich erzählt hat – in „Mission to Mars“ geht es um die Rettung eines Mannes, der auf dem Mars in einem Gewächshaus überlebt hat. Ridley Scott zeigt nun, wie das gelingen kann. Man baut Kartoffeln an. Die haben den besten Kalorienertrag pro Quadratmeter Ackerboden, rät auch Andy Weir. Gut zu wissen.


"I am going to science the shit out of this"

Der Mann, dem dies gelingt, ist Matt Damon. Er spielt den Astrobotaniker Mark Watney, der Mitglied der Ares III-Mission ist. Watneys Crew beschließt während eines verheerenden Sandsturms, zum Mutterschiff zurückzukehren. So sehen es die NASA-Richtlinien vor. Während man sich durch den Sturm kämpft, wird Watney von einem herumfliegenden Teil getroffen. Die Crew von Commander Melissa Lewis (Jessica Chastain, „Interstellar“) wartet bis zuletzt, fliegt dann aber ohne den für tot gehaltenen Watney ab. Der gräbt sich am nächsten Morgen aus einer Sanddüne und kann bis Drei zählen. Danach weiß er, dass er so gut wie tot ist.

Mit wem redet man, wenn man allein auf dem Mars ist? Mit einer Kamera! Watney führt per Video ein Logbuch – es ist auch sein Tagebuch. In dem weitgehend unbeschädigten künstlichen Habitat rechnet er sich vor dem Objektiv zusammen, was ihm geblieben ist: Nahrung und Wasser für 300 Tage. Danach muss er weitere drei Jahre überleben, bis die nächste Mars-Mission Ares IV mit einem Schiff auf dem roten Planeten landen kann. An einem Ort, der über 3000 Meilen entfernt ist. Dort muss er hin, natürlich mit ausreichenden Vorräten. Das ist so gut wie unmöglich – da bleibt nur noch der Humor.

"I am going to science the shit out of this", stellt Watney fest. Frei übersetzt: ich prügele wissenschaftlich die letzten Ressourcen aus diesem Mist. Matt Damon spielt den Überlebenskünstler mit typisch jungenhafter „Ich pack das mal an“-Attitüde. Halt so, wie man Damon kennt. In Christopher Nolans „Interstellar“ gab er einen Gestrandeten, der in einer ähnlichen Situation mental zusammenbricht. Ridley Scott zeigt ihn nun als all-American boy, der zu überleben versucht, weil er gerade nichts Besseres zu tun hat: Er baut Kartoffeln an („Ich bin der beste Botaniker auf dem Mars!“). Per Katalyse Wasser- und Sauerstoff verbinden? Kein Problem, das Bewässerungsproblem ist gelöst. Der Dünger? Nun ja ...

Aber was hilft das alles, wenn keiner weiß, dass man noch lebt? Watney erinnert sich an den Pathfinder, eine Raumsonde, die seit 1997 unter rotem Sand vergraben ist. Er buddelt das Gerät aus und ersinnt eine rudimentäre Kommunikation mithilfe des Hexadezimal-Codes. Der Kontakt zur Erde ist hergestellt. Dort ist der Astronaut kurz zuvor feierlich beigesetzt worden. Nun muss die NASA über eine neue „Mission to Mars“ nachdenken.



Schönheit im Angesicht des Todes

In den USA ist „The Martian“ der große Renner. Die Zahlen des Box-Office-Mojo wiesen bereits kurz nach dem Kinostart einen Umsatz von 147 Mio. US-Dollar (weltweit $ 250 Mio.) aus. In der Jahreswertung ist Scotts Science-Fiction-Film bereits auf Platz 16.
Gedreht wurde in Ungarn, die Außenaufnahmen entstanden in einem jordanischen Flussbett, dem berühmten Wadi Rum, auch Valley of the Moon genannt. Hier haben vor über 30 Millionen Jahren geologische Prozesse die Gesteinsmassen aus Granit und Sandstein auf ungewöhnliche Weise erodiert. Die phantastischen Gebilde, die dabei entstanden, sind im Film zum Valley of the Mars geworden, das von Ridley Scotts Lieblingskameramann Dariusz Wolski in überwältigenden 3D-Bildern festgehalten wurde. Während Erbsenzähler sich über die Wolken beschweren, die man in diesen Bildern einer kargen lebensfeindlichen Natur sehen kann (Wolken gibt es auf dem Mars nicht), könnte man auch zu einem anderen Schluss kommen: Gäbe es kein 3D, dann hätte es für diesen Film erfunden werden müssen. Immer wieder fährt Wolski in den ersten Szenen mit der Kamera im die Protagonisten herum und zeigt die roten Sandstein-Wüsten des jordanischen Sets. Keine Frage: so und nicht anders stellt man sich den Mars vor.
Aber warum man dieser Ödnis einen ästhetischen Reiz abgewinnen kann, bleibt ein faszinierendes Rätsel. Folgt man den Theorien der Evolutionären Ästhetik, dann finden wir das ‚schön’, was für unser Überleben nützlich ist. Aber wenn Watney trübsinnig wird, besteigt er einen Berg und blickt in die bizarre Landschaft. Es sind diese kurzen kontemplativen Einstellungen, in denen „Der Marsianer“ enigmatisch wird. Man muss aber genau hinschauen, wenn Scott diese Metaphern in das Narrativ einfließen lässt. Sie lassen ohne viel Tamtam fühlen, was es bedeutet, auf einem 15 Millionen Meilen entfernten Planeten zu leben. Schönheit im Angesicht des Todes.



Loblied auf die Technik

„Der Marsianer“ gehört zweifellos zu den besten Filmen von Ridley Scott, der mit „Blade Runner“ immerhin einen dystopischen Meilenstein des Genres geschaffen hat. Scotts Space Survival Guide ist (endlich mal) Science-Fiction ohne schleimige Monster, heimtückische Invasoren und auch ohne Star Wars-Fantasy. Dafür detailversessen und nicht nur deshalb ein Plädoyer für das nüchterne wissenschaftliche Denken und damit auch ein Loblied auf die Technik. 
Schaut man sich die obligatorische Technologiekritik in unserem Kulturkreis an, hat man den Eindruck, dass sie zu einem Mythos der rationalen Kritik geworden ist. Generell fragwürdig ist, was sich der Mensch austüftelt und zusammenbaut. Technikfeindlichkeit ist in Genrefilmen mittlerweile zum guten Standard geworden. Denn Technik richtet sich gegen den Menschen, die Natur sowieso, sie wird missbraucht, meistens von den Bösewichtern in den großen Konzernen und den noch geheimeren Geheimdiensten. So wird die berechtigte kritische Reflexion zu einer stereotypen Erzählformel, die einen nur noch gähnen lässt.

Ridley Scott erzählt dagegen eine ganz andere Geschichte. Sein Held macht dank seines technischen Wissens das Beste aus seiner Situation, auch wenn die Crew ihm nur Disco-Klassiker wie "Waterloo", "Don't Leave Me This Way" und "I Will Survive" zur Unterhaltung zurückgelassen hat. So what.
Dabei verzichtet Ridley Scott programmatisch auf Love Affairs und klassische Bösewichter. Zwar ist man sich auf der Erde zunächst nicht klar darüber, wie und womit man Mark Watney helfen kann, aber die politischen und emotionalen Verwicklungen bei der NASA beschränken sich auf interne Querelen zwischen NASA-Direktor Terry Sanders (Jeff Daniels, „The Newsroom“), der einer erfolgreichen Rückkehr der Ares III-Crew Vorrang einräumt, und dem Mars Mission Director Vincent Kapoor (Chiwetel Ejofor, „12 Years A Slave“) und Flight Director Mitch Henderson (Sean Bean, „Der Herr der Ringe – Die Gefährten“), die alles dransetzen wollen, um Watney zu retten.

Dramatisch wird es, als eine Rakete, die neue Vorräte auf den Mars schicken soll, kurz nach dem Start explodiert, während zeitgleich die Luftschleuse des Habitats explodiert und dies Watney endgültig in eine aussichtslose Lage bringt. Melissa Lewis und ihre Mannschaft auf der Hermes beschließen daraufhin, alle NASA-Befehle zu ignorieren. Henderson ist es, der ihnen heimlich entscheidende Informationen über einen alternativen Plan des Computer-Nerds Rich Purnell (Donald Glover) zuspielt. Auf diese Weise kann die Crew die Erdgravitation als Sprungbrett nutzen, um mit einer chinesischen Versorgungskapsel und enormer Beschleunigung zurück in Richtung Mars zu fliegen. Dort muss Mark Watney allerdings noch die enorme Entfernung zum geplanten Landeplatz der Ares IV-Mission zurücklegen und dort eine von der NASA im Krater Schiaparelli geparkte Rückflugkapsel flott machen (1). Das fällt fast noch spektakulärer aus als die eigentliche Rettung

„Der Marsianer“ ist in einigen Jahren vermutlich ein Genreklassiker. Trotz unvermeidlicher Auslassungen und Verkürzungen wird eine packende Geschichte mit hoher Plausibilität, viel Humor und gebremstem Pathos erzählt, in der das Prinzip Hoffnung von der Hauptfigur ohne großes Palaver in die Tat umgesetzt wird. In ihrer Moralität erinnert sie gelegentlich an einige der betulichen, aber nicht zu unterschätzenden Produktionen aus der DEFA-Schmiede (2). Zudem wird dem Zuschauer, anders als in Christopher Nolans „Interstellar“, keine intellektuelle Gratwanderung zugemutet, allerdings muss er schon etwas Schulphysik mitbringen. Dazu kommen wir jetzt.



Mark Watney und die Physik: Beschleunigen, bewegen, bremsen!

Wie in „Gravity“ und „Mission to Mars“ spielen auch in „Der Marsianer“ die entscheidenden Szenen im Weltall. Wie dockt man mit einer Kapsel an einem anderen Raumschiff an, wenn man sich zu schnell bewegt? Gar nicht, wenn man die gesamte Bordtechnik zuvor entsorgen musste. Also bleibt nur eins: Aussteigen und und Richtung der Retter fliegen. Mit anderen Worten: richtig zielen und dann bremsen. Leider hat man keine Bremse. 
Wenn Mark Watney am Ende gerettet wird, spielen Schwerelosigkeit, Beschleunigung und/oder gleichbleibende Geschwindigkeit also eine entscheidende Rolle. Doch anders als in „Gravity“ werden in Ridley Scotts Film gravierende Fehler vermieden.
Zunächst etwas Schulphysik: Schwerelosigkeit gibt es während eines freien Falls im Vakuum oder bei einem Parabelflug, wobei, das ist die Feinheit, die Schwerkraft quasi nicht wirkt, aber natürlich immer noch präsent ist. Schwerelosigkeit ist ein also Nullsummen-Spiel, bei dem die Gewichtskraft durch die entgegengesetzte Fliehkraft kompensiert wird. Beispiel: eine Raumstation bewegt sich mit einer definierten Geschwindigkeit und ‚fällt’ gleichzeitig auf ihrer Umlaufbahn. Das Ergebnis: Man ist schwerelos.

Während gefühlte 90% der Kritiker über „Gravity“ schrieben, dass im Raum die Erdanziehung nicht mehr besteht, liegt sie in Wahrheit bei 90%. Immerhin sind die Zahlen gleich, egal ...
Da die Körper in Schwerelosigkeit immer noch dieselbe Masse besitzen, greift natürlich der Trägheitseffekt. Einmal beschleunigt, z.B. durch einen kurzen Impuls, bewegt sich der Körper mit gleichbleibender Geschwindigkeit. Doch wo bleibt die Bremse? Da muss man etwas tricksen. Matt Damon macht es dabei besser als George Clooney in „Gravity“, der offenbar Newtons Gesetze und auch das Prinzip der Impulserhaltung nicht kannte und sich opfert, weil er das rettende Raumschiff nicht erreicht.
 


Wie es richtig gemacht wird, demonstriert Mark Watney, als er eine Bremse braucht. Einfacher Trick: Er könnte etwas wegwerfen, was ihn bremst. Watney schneidet sich aber seinen Handschuh auf und erzeugt durch den aus seinem Raumanzug austretenden Sauerstoff eine ähnliche Wirkung. Verrechnen darf er sich nicht, denn sonst geht ihm buchstäblich die Puste aus. Ein Übel: er erzeugt zwar einen Bremseffekt (Beschleunigung in die entgegengesetzte Richtung), der ist leider aber unkontrollierbar, was das genau Zielen betrifft. 
Immerhin hat Watney in der finalen Sequenz Newtons Prinzip von Aktion und Reaktion klar kalkuliert, als er sich beim Bergungsmanöver mit zu hoher Geschwingkeit auf die Rettungscrew der Hermes zubewegt. Denn im All herrscht dank fehlender Reibung das Trägheitsprinzip besonders gnadenlos – theoretisch hat dies bereits der große Isaac Newton gewusst, sich aber wohl kaum ausmalen können, zu welchem Kuddelmuddel dies im Weltraum führt.
Hätte sich Watney allerdings einen Gegenstand mit dem Gewicht von mehreren Tonnen umgeschnallt, würden die auf ihn einwirkenden Kräfte deutlich geringeren Einfluss auf seine Geschwindigkeit haben. So aber kommt es nach den Zusammenstößen mit der ihn erwartenden Melissa Lewis zu einem bizarr anmutenden und unberechenbaren Chaos von Aktion und Reaktion. Anders formuliert: alle fliegen wild durcheinander. Auch das ist Newton.

In „Der Marsianer“ wurden übrigens alle Schwerelosigkeitsszenen in einem Parabelflieger der NASA gedreht. Und wie sieht es sonst mit der Physik in „Der Marsianer“ aus? Viele Details stimmen, aber Sandstürme auf dem Mars wären in ihrer Wirkung banal, da der atmosphärische Druck dort oben (oder unten?) nur ein Hundertstel des irdischen Luftdrucks beträgt – da würde ein Blatt Klopapier im härtesten Sturm bestenfalls leicht wedeln. Und es müsste alles deutlich leiser sein. Stichwort: Luftdichte.
Dass sich Watney auf dem Mars zudem auf eine Weise bewegt, die so aussieht, als würde er durch die Wüste Sahara marschieren, ist ebenfalls nicht nachzuvollziehen. Warum? Auf dem roten Planeten existieren nur 38% der Erdschwere.
An solchen Details hat sich Verena Lueken in ihrem Verriss für die Frankfurter Allgemeine festgeklammert und generalisierend festgestellt, dass „alles, was hier geschieht, aus einer physikalischen Unmöglichkeit“ folgt. Stimmt leider nicht.
Dass die Rezensentin sich von der Figur des Mark Watney zudem philosophisch abgestoßen fühlt („Dieser Mann denkt über nichts nach, was über die Frage hinausgeht, wie er Wasser erzeugen kann, um seine Kartoffeln zu sprengen“), erinnert dann doch an ein fruchtloses Lamentieren à la ‚Warum erzählt Ridley Scott ausgerechnet diese Geschichte und keine andere?’ Nun, er hat sich die Freiheit genommen.

Sieht man von dererlei Kleinigkeiten ab, so hat Drehbuchautor Drew Goddard mit seiner Adaption des Buches von Andy Weir hervorragende Arbeit geleistet. Das hielt einige Feuilletonschreiber aber nicht davon ab, diesen Film nicht nur aus technischen Gründen zu verreißen. Wohl, weil man sich nach „Gravity“ und „Interstellar“ warm geschrieben hatte, zum anderen, weil die Kritiker einfach nicht bereit sind, sorgfältig zu recherchieren, um ihre längst vergessenen Kenntnisse über elementare Schulphysik aufzupeppen. 
„Selbstverliebtheit ins eigene Nichtwissen“ nennt dies Prof. Ulrich Walter in seinem Beitrag über die Physik in „Der Marsianer“. Allerdings macht auch Walter auf einige Unstimmigkeiten aufmerksam. Der Autor dieser Kritik hat sich zumindest anständig um seine Recherchen bemüht und er weiß daher zu schätzen, dass „Der Marsianer“ insgesamt doch ein sehr sorgfältig produzierter Film ist, auch wenn sich einige Kollegen in ihren Redaktionsstuben wieder einmal über den amerikanischen Technologieoptimismus echauffiert haben.

Aber in „Der Marsianer“ geht es ja nun wirklich nicht nur um Technik. Ridley Scott erzählt in keineswegs zu langen 144 Minuten eine Geschichte, die trotz ihres naturalistischen Grundtons extrem spannend ist. Denn spannend ist auch die Frage, was uns umtreibt, wenn wir ins All fliegen.
"Space is not cooperative“, wird Mark Watney am Ende feststellen. Und jene, die in einigen Jahren tatsächlich zum Mars fliegen werden, sollten ihre philosophischen Büchern am besten vor dem Start gelesen haben. Denn da draußen warten Einsamkeit und Leere und fremde Planeten, deren Landschaften schön und tödlich sind. Aber möglicherweise warten dort auch altmodische Tugenden, die das Mainstream-SF-Kino zu oft vergisst: Kreativität, schöpferisches Denken und Mut. Dazu Charakterstärke und andere Nebensächlichkeiten wie Freundschaft, Loyalität und Hingabe. In solchen Momenten erinnert
Der Marsianer“ dann doch sehr an Star Trek.
 
Noten: BigDoc = 1
 

(1) Mark Watneys Tour zum Krater Schiaparelli wurde vom DLR-Institut für Planetenforschung in einem sehenswerten Video nachgestellt, das aus 2,5 Millionen präzisen Kartierungen zusammengesetzt wurde.
(2) In der DDR und anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks gab es in der 1960er- und 1970er-Jahren eine ganz eigene Tradition von Weltraumfilmen, die nicht von ungefähr als „wissenschaftlich-phantastisch“ deklariert wurden. Technisch konnten die besten Exemplare mit der westlichen Konkurrenz durchaus mithalten, wirken heute aber etwas museal. Die Macher orientierten sich häufig an literarischen Vorbildern wie Stanislaw Lem oder Isaac Asimov – nicht immer zum Wohlgefallen der politischen Führung. DEFA-SF besaß häufig eine realistische Ausrichtung und eine unübersehbare Fokussierung auf technische Details. Eine Special-Edition mit drei der bekanntesten DEFA-Sci-Fi-Filmen plus Soundtrack-CD gibt es bei einem bekannten E-Tailer.

Pressespiegel


„...meiner Meinung nach das Beste, was es an Weltraumfilmen bis heute gibt“ (Ulrich Walter auf N24).

„Dieser Mann denkt über nichts nach, was über die Frage hinausgeht, wie er Wasser erzeugen kann, um seine Kartoffeln zu sprengen (...) Keine packende Geschichte. Keine Angst, kein Gefühl überhaupt“ (Verena Lueken in der Frankfurter Allgemeinen).

„Das ist auch das Tolle an Ridley Scotts Film. Er zeigt in jeder Einstellung das Abenteuer, das entsteht, wenn Überlebenswille auf Wissenschaft trifft. Im Grunde ist "Der Marsianer" eine Kreuzung aus Gravity und Robinson Crusoe“ (Jan Küveler in DIE WELT).

„Das Ergebnis ist vielleicht nicht tiefschürfend und sicher nicht so wegweisend wie einst »Blade Runner« oder »Alien«. Aber eben immerhin die wohl überzeugendste und unterhaltsamste Großproduktion des Jahres. Und obendrein Scotts bester Film in mindestens diesem Jahrzehnt“ (Patrick Heidmann in epd-Film).

„So ist Der Marsianer letzten Endes ein fast frömmelndes Loblied auf den Menschen selbst: „Endlich sind wir wieder wer!“ Und tatsächlich, die Natur wurde wieder einmal bezwungen, der Traum des Technooptimismus, er darf wieder geträumt werden, und die USA als Nation hat wieder alles im Griff. (...) So gehen kosmopolitische Blockbuster im Jahr 2015 eben: Am Ende feiert die Welt die Rettung, einträchtig vereint und verbrüdert – eine sentimentale Utopie“ (Johannes Bluth, critic.de)

„Scotts Marsianer ist vielmehr praktische Anleitung für eine handfeste Vision in einer an politischen Visionen armen Gegenwart. Und möglicherweise erklärt gerade diese offenkundige Pragmatik, warum der Film in den USA bei Publikum und Kritik begeistert aufgenommen wird und in Deutschland nicht“ (Axel Timo Purr, artechock.de).

Der Marsianer – Rettet Mark Watney (The Martian) – USA 2015 – Regie: Ridley Scott – Drehbuch Drew Goddard (nach dem Roman „The Martian“, 2011, von Andy Weir – Kamera: Dariusz Wolski – FSK: ab 12 Jahren – D.: Matt Damon, Jessica Chastain, Kate Mara, Jeff Daniels, Chiwetel Ejiofor, Sean Bean, Donald Glover

Montag, 17. März 2014

The Counselor

Man hätte nicht erwartet, dass dies Ridley Scott einmal passieren würde: Cinema Score, ein mit Publikumswertungen arbeitendes US-Marktforschungsunternehmen, verpasste „The Counselor“ ein D-Rating. Die F-Kategorie ist die schlechteste. Sie bleibt Leuten wie Ed Wood vorbehalten, D ist nicht ganz so schauerlich, kategorisiert aber immer noch schlimmsten Schrott. D, das sind Machwerke, die nach Ansicht der Score-Experten gar nicht erst ins Kino kommen dürfen. 

Und nun dies auch bei einem Thriller von Ridley Scott mit Michael Fassbender, Javier Bardem, Cameron Diaz, Penélope Cruz, Brad Pitt und Bruno Ganz, für den der Pulitzer-Preisträger und bereits für den Literatur-Nobelpreis gehandelte Cormac McCarthy das Drehbuch geschrieben hat. Was ist passiert? Nun, in dem Film wird geredet. Sehr viel sogar.
 

Nun, um es vorwegzunehmen: „The Counselor“ ist vielleicht nur ein kleines Meisterwerk und der Film reicht auch nicht ganz an die McCarthy-Adaption „No Country For Old Men“ von den Coen Brothers heran. Aber er ist ein guter Film, ein verdammt guter sogar. Einer von denen, die man gerne noch einmal sehen möchte. Und noch einmal.

„Erkennen Sie die Wahrheit der Lage, in der Sie sich befinden?“, fragt der Kartellboss am Ende des Films den um Mitleid bittenden Counselor, während er gleichzeitig dessen Freundin foltern und ein paar andere Leute hinrichten lässt. „Die Welt, in der Sie die Fehler ungeschehen machen wollen, die Sie begangen haben, ist eine andere als die, in der die Fehler gemacht wurden. Es gibt nichts, das sie wählen könnten. Die Welt, in der man wählen konnte, ist eine andere!“ Was ist daran so schwer zu verstehen?

  • „Wenn überhaupt, dann dürfte "The Counselor" ein Anwärter auf eine Goldene Himbeere sein, so heißen die in Hollywood alljährlich vergebenen Preise für die miesesten Filme. Und das liegt nicht nur an der schon vor Filmstart unrühmlich verstörenden Szene, in der Cameron Diaz akrobatisch auf der Windschutzscheibe eines Ferraris masturbiert …“ (Andreas Borcholte, SPON) 

 

Die Welt von Cormac McCarthy: eine Welt mit eigenen Regeln


Was verstörend ist, das weiß ich. Was unrühmlich verstörend ist, muss mir erst noch erklärt werden.
Kommen wir zum Film: der Plot, den es angeblich nicht gibt und den man angeblich nicht verstehen kann, ist simpel wie ein Fertiggericht, das man nur in Mikrowelle schieben muss, damit es erhitzt wird: ein Rechtsanwalt, der Counselor (Michael Fassbender), lässt sich von einem seiner Mandanten, dem Drogendealer Reiner (Xavier Bardem), beschwatzen, einen Drogendeal mit dem mexikanischen Kartell abzuschließen. Es winkt eine gewaltige Rendite. Beraten werden sie von dem cleveren Westray (Brad Pitt), der den Counselor nachdrücklich vor der Welt warnt, die er betreten möchte. Doch dann werden Drogen im Wert von 20 Mio. Dollar geraubt, das war nicht geplant, das Kartell erobert sie sich blutig zurück. Der Drahtzieher des Coups steht danach mit leeren Händen da, aber wegen einer banalen Nichtigkeit fällt der Verdacht des Kartells auf den Counselor, aber auch auf Reiner und Westray. Deren Uhr beginnt zu ticken, die Zeit ist bald abgelaufen, es gibt keine Nachverhandlungen. Menschen werden gefoltert und sterben, andere sterben und werden zuvor nicht gefoltert, aber tot sind sie auch.



Der Conselor landet irgendwann in einem mexikanischen Drecksloch. Als er mitten in der Nacht eine Bar verlassen will, warnt ihn der Wirt, davor nach draußen zu gehen und vor den Menschen, die dort warten: „Wenn sie jemanden auf der Straße hören, dann schießen sie. Dann machen sie das Licht, um zu sehen, wer tot ist.“ „Warum?“, fragt der Conselor. „Um zu zeigen, dass der Tod ein Witz ist. Dass er egal ist!“, antwortet der Wirt.
  • „Vielmehr ist dieser Film … eine Tragödie nahezu altgriechischen Charakters, in der es keinen Ausweg gibt für die meisten Beteiligten. Sie wissen das allerdings nicht, was die Sache nur noch schrecklicher macht“ (Anke Westphal, Frankfurter Rundschau).
Die Welt, die der Counselor besser nicht betreten hätte, kennen wir aus „Breaking Bad“, „No Country For Old Men“ und dem nicht weniger bemerkenswerten „Das Paradies der Mörder“. Es ist das amerikanisch-mexikanische Grenzgebiet, seien es nun Albuquerque, wo Walter White sein Meth kocht, oder der Terrell County der Coens und am schlimmsten El Paso, das an das berüchtigte Ciudas Juárez grenzt. Jenes mexikanische Juárez, auf dessen Straße pro Jahr einige Tausend Menschen getötet und liegen gelassen werden. Darunter abertausende Frauen, für deren Leichen sich kaum jemand interessiert.
Als der Conselor die Kneipe verlässt, landet er mitten in einer politischen Demonstration aufgebrachter Menschen. Auf Plakaten die Fotos verschwundener oder ermordeter Frauen. In einer Nebengasse wartet ein MG-bestückter Panzerwagen. Falls alles aus dem Ruder läuft. Ob der Counselor, seinen Namen erfährt man nicht, versteht, worum es geht? Man darf es bezweifeln.
Die Szene ist kurz, sie dauert nur einige Sekunden. Sie ist die einzige Brücke zur Realität, die in dem McCarthy-Kosmos existiert. Aber man sollte sich das Ganze merken.
Der Rest des Films spielt im sicheren El Paso, in Amsterdam, in London. In den teuren Wohnungen und Lofts der durch Drogendeals reich Gewordenen, die sich mit mehr oder weniger geschmackvollen Möbeln und Kunstwerken und mehr oder weniger gut ausgewählten Frauen umgeben und einfach noch viel mehr von all dem haben wollen. Es sind Menschen, die sich beim Reden nicht näher kommen, auch wenn sie ständig die intimsten Details ausplaudern.



Absurdes Theater mit Raubtieren


Cormac McCarthy hat das Drehbuch zu dem Ganzen geschrieben. Ridley Scott hat zusammen mit seinem exzellenten Kameramann Dariusz Wolski („Pirates of the Caribbean“, „Prometheus“) alles in Bilder übersetzt, die elegant, präzise und gelegentlich roh sind. Musik ist kaum zu hören, und wenn, dann fällt sie nicht auf. Wir sind mitten drin in der hermetischen Welt Cormac McCarthys, einem Kosmos mit eigenen Regeln. Wir sind mitten drin in einem Film, der wie ein Neo-Noir-Thriller wirkt, aber keineswegs dessen Look besitzt. Die Drogengeschichte und die teilweise verwickelten Raubzüge erinnern dagegen in ihrer Komplexität ein wenig an den Neo-Noir-Klassiker „L-A. Confidential“, sind aber nicht ganz so schwer zu verstehen. Aber all diese Drogendeals  scheinen nur ein McGuffin zu sein, die äußere Hülle des inneren Kerns.
  • „Cormac McCarthy meint es ja ernst. Er erfindet bedeutungsschwangere Zeilen wie "Wahrheit hat keine Temperatur" oder Vor der Trauer verblasst der Wert" nicht zu unserem Amüsement, auch wenn es für Schauspieler schwierig sein muss, beim Rezitieren ein Kichern zu unterdrücken“ (Hanns-Georg Rodek, DIE WELT).
Tatsächlich dreht sich alles um absurdes Theater mit Raubtieren. Absurd, weil McCarthy mit der zentnerschweren Dialoglastigkeit und theaterhaften Geschichte das Neo-Noir-Genre kräftig unterminiert (die klassischen Noir-Filme der 1930er und 1840er Jahre spielten allerdings sehr häufig in Innenräumen). Und absurd (im Sinne von unverständlich), weil alle Figuren Bestandteile einer Kunstwelt sind, in der schöne Menschen in schönen Settings Dialoge produzieren, als hätten sie ihr ganzes Lebens nichts anderes getan, als über Männer und Frauen, Tod und Vergänglichkeit und die Reinheit im Herzen der Bestien zu philosophieren.
  • "Ridley Scott hat den ersten und hoffentlich auch letzten didaktischen Mafiafilm gedreht, man erhält in diesem Werk derart viele Ratschläge, nach denen man nie gefragt hat, dass eine per Gericht verordnete Therapiesitzung im Vergleich unterhaltsam wäre" (Frankfurter Allgemeine, Daniel Haas).
Der Prolog ist glasklar (dazu muss man aber vermutlich den Film zweimal sehen): Ridley Scott zeigt in der ersten Einstellung zwei Menschen, die unter weißen Laken verborgen sind. Es sind der Counselor und seine Freundin Laura (Penélope Cruz). Er, der sexuell erfahrenere, ist verliebt und will seine Zukünftige nicht nur mit gutem Sex, sondern auch mit Luxus beglücken. Leider fehlt das erforderliche Geld, wie wir bald erfahren werden.

Dann ein Schnitt: zwei Menschen in der Wüste. Es sind Reiner (Javier Bardem) und seine Geliebte Malkina (Cameron Diaz), die in gemütlicher Picknick-Atmosphäre zuschauen, wie einer der beiden Geparde der schönen Malkina in der Wüste des amerikanisch-mexikanischen Grenzlandes einen Hasen jagt. Ob sie etwas vermisse, fragt Reiner. „Vermissen bedeutet zu hoffen, dass etwas zurückkehrt: Das geschieht aber nicht!“, erwidert Malkina. Ob das nicht etwas unterkühlt sei? „Die Wahrheit hat keine Temperatur“, erwidert sie.
Es ist die Philosophie eines Raubtiers, das seinen Blick auf die nächste Beute lenkt und nicht lange darüber nachdenkt, ob der entkommene Hase freiwillig zurückkehrt. 
Zwei Naive und zwei Jäger in ihren eigenen Welten. Beide Welten werden sich bald berühren und einer der beiden Männer und eine der beiden Frauen werden dies nicht überleben.

  • „Nicht dass all die Gespräche, die hier geführt werden, Bockmist wären. McCarthy weiß schließlich, wie man so etwas schreibt, und sicherlich hat er auch etwas zu sagen. Doch Papier ist eben geduldiger als Celluloid - und spätestens, wenn zu Beginn des Films Bruno Ganz als Diamantenhändler ins Philosophieren gerät, ohne dass sein Monolog zu großem Erkenntnisgewinn für den Rest des Films führt, stehen die Zeichen auf bedeutungsschwangere Langeweile“ (stern.de).
Dann sehen wir den Counselor bei einem Diamantenhändler (Bruno Ganz) in Amsterdam. Auch dieser philosophiert ausgiebig: über die schöne Unvergänglichkeit der Diamanten. Vielleicht auch über deren unvergängliche Schönheit. Aber möglicherweise ist die Suche nach Schönheit und Dauer einfach nur irrational. Und so interessiert sich der Diamantenhändler für die Einschlüsse im edlen Stein, für den kleinen Makel, der den Diamanten für ihn interessant macht.
Bruno Ganz erklärt dies höflich und beinahe bescheiden und Michael Fassbender hört ihm zu wie ein lernendes staunendes Kind, dem eine Illusion weggenommen wird, aber alles irgendwie doch nicht begreift. Hier lernt man die titelgebende Figur kennen: cool, clever, adäquater Dresscode, gute Umgangsformen. Dahinter wenig Tiefgang, viel Naivität, ein Mann, der nur in seine Welt passt, aber nicht in die, in der er leichtes Geld verdienen will.

Die drei ersten Szenen des Films sind grandios gespielt, sie gehören beinahe schon zum Besten, was der Film zu bieten hat. Der Rest der Geschichte wird eine Reise antreten, die mit der Unvergänglichkeit beginnt und mit dem schäbigen Tod endet. Spätestens dann, wenn schöne Frauenkörper auf schmutzigen Müllhalden entsorgt werden.


Es werden Köpfe rollen

Nun ist „The Counselor“ in den Staaten abgestürzt. Wenn der Kassenflop ausgewertet wird, so ein Kritiker, würden Köpfe rollen. Nun könnte der auf Krawall gebürstete Verfasser dieser Zeilen eine lange Suada über die Amis vom Stapel lassen, über eine böse Filmindustrie, die Kinomachen als Gelddruckmaschine betrachtet und am liebsten Blockbuster produziert, in denen turmhohe Kampfroboter lärmend aufeinander einschlagen oder berühmte Comic-Helden gleich im Dutzendpack die Welt retten. Und dass man, müde geworden, lieber Qualitätsserien sehen sollte, wenn man verhindern möchte, dass einem im Kino das Gehirn auf Walnussgröße schrumpft.
Aber auch das ist ein dämlicher Allgemeinplatz. Das US-Kino macht nämlich immer wieder und nicht nur gelegentlich sehr gute Filme und wie lange das mit den guten Serien weitergeht, weiß auch kein Mensch.

  • „‘Der schlechteste Film der je gemacht wurde‘, dröhnte der sonst so besonnene Andrew O'Hehir vom Online-Magazin Salon.com, ohne Frage eine der wichtigsten Stimmen unter den anspruchsvollen US-Kritikern […] Die Deutschen Filmkritiker beten die US-Kritik nun nach. Jedenfalls die schlechteren, oberflächlicheren unter ihnen. Sie werfen dem Film ‚Konstruiertheit, seine Kälte, sein Peepshowtum‘ vor, was sie noch nie gestört hat, wenn der Regisseur Michael Haneke, Lars von Trier oder Apichatpong Weerasethakul heißt. Und wenn es dann poetisch oder philosophisch wird und heißt ‚Wahrheit hat keine Temperatur‘ oder ‚Vor der Trauer verblasst der Wert‘, dann überlegt der deutsche Kritiker nicht, was das meinen könnte, sondern fordert ‚unser Amüsement‘ und beschwert sich über das ‚Bedeutungsschwangere‘ der Dialoge“ (Rüdiger Suchsland, Telepolis).

Zum Glück gibt es ja Europa mit seiner reichen Kinokultur und mittendrin Deutschland mit seiner tollen Filmförderung. Vielleicht schaut man hier genauer hin und nimmt sich die Zeit für einen schwierigen Film? Weit gefehlt! „The Councelor“ wurde auch bei uns (von einigen nachdenklichen Ausnahmen abgesehen) geradezu hingerichtet, zynisch durch den Kakao gezogen, mit Häme übergossen und gar als „eine der größten Enttäuschungen des aktuellen Kinojahres“ (SPON) abgewatscht. Das ist sogar noch höflich formuliert, denn (natürlich) folgten auch Einschätzungen wie „schlechtester Film seit Dekaden“ und im britischen „The Observer“ setzte der Kritiker mit einem „Blah bloody blah“ einen markanten stilistischen Schlusspunkt unter seiner Einlassungen.


Aber die Briten müssen mit ihren Kritikern leben, wir mit unseren. Und in unseren Feuilletons wiederholt sich oft folgendes Schema (Achtung: Polemik!): Filmkunst ist das, was im Kino keiner sehen will und Unterhaltungskino sollten überschaubar dämlich sei. Das regt keinen auf. Blockbuster oder groß angelegte Genrefilme, die riskant experimentieren und sich ins Arthouse drängen, werden schäumend vor Wut angegriffen. 
Klar, sie brechen alle Regeln. Das ist Lars Kraumes „Die kommenden Tage“ so gagangen, vor gut einem Jahr wurde „Cloud Atlas“ als nächste Sau durchs Dorf getrieben und nun ist Ridley Scotts „The Counselor“ dran – ein Film, der es wagt, einigen Mittelklasse-Gangstern und Dealern und einem mexikanischen Drogenboss Worte in den Munde zu legen, als hätte die ganze Bande mindestens ihr halbes Leben Kierkegaard, Schopenhauer, Sartre, etwas Quantenphysik und einige Konstruktivisten gelesen. Heute sind viele Kritiker dagegen nur noch daran interessiert, flott zu texten und den Lesern passable Freizeitempfehlungen mit auf den Weg zu geben. Sie sind anti-intellektuell und zelebrieren eine letztlich cinéphobe Einstellung, als hätte es in diesem Land nie Autoren wie Hans-Christoph Blumenberg oder Wolf Donner gegeben.
  • „Viel entscheidender aber ist der zweite Teil des Films, in dem der Counselor erkennen muss, dass ihm jede Kontrolle über sein Schicksal, und jede Initiative dazu entglitten ist. Ein Nicht-Held, auf dessen Handlungen es gar nicht mehr ankommt, weil sie sowieso nichts ändern werden - das ist geradezu unerhört im amerikanischen Kino. Es erschüttert die Grundfesten eines Weltbildes, dem wir nicht nur auf der Leinwand täglich huldigen“ (Tobias Kniebe, Süddeutsche Zeitung).
Dabei muss der Zuschauer keine Angst vor dem Film haben. Gute Filme haben keine Botschaft, die man enträtselt oder an denen man scheitert. Sie führen vielmehr Gespräche mit dem Zuschauer, nur dass der Zuschauer nicht einfach nachfragen kann, wenn er etwas nicht versteht. Man muss schon etwas Geduld haben. Wer aber „The Counselor“ für zu prätentiös hält, wird sich ärgern. Wer sich sorgt, ihn nicht zu verstehen, muss ihn allerdings nicht sehen. Das ist sein gutes Recht, das ist der Preis der Freiheit. 
Es wird zu viel geredet? Gut, das war auch bei Eric Rohmer der Fall, aber das war Arthouse und keiner hat sich beklagt.
  • „But awake or dreaming, “The Counselor” is a ravishing object — a triumph of mood and style, form as an expression of content, and dialogue that finds a kind of apocalyptic comedy in this charnel-house existence … “The Counselor” is one of the best films Ridley Scott has made in a career that is not often enough credited for just how remarkable it has been“) Scott Foundas, VARIETY).

 

Die Eleganz des Bösen


„The Counselor“ ist als Thriller ein Wolf im Schafspelz. Er funktioniert wie eine Kneipe, die harmlos aussieht, vor der alle warnen, weil dort nachts die bösen Jungs sitzen und man dort besser nicht sein Bier trinkt. Wenn man reingeht, muss man auf alles gefasst sein. 
Ich selbst habe mich beim Zuschauen an einen Film erinnert, der mich ähnlich gepackt und begeistert war und den man beim ersten Mal auch nicht ganz versteht: und zwar „Lone Star“ von John Sayles (1996), ein Film, der auch in einer texanischen Stadt nahe der mexikanischen Grenzen spielt und in dem viel geredet wird. Auch über Tod und Gewalt und verschwundene Leichen. Allerdings war Sayles Film nicht so zynisch und nicht so hermetisch wie der „Counselor“, sondern historisch aufklärend, politisch und sozial konkreter und ehrlicher und alles andere als agnostisch. Sayles zeigt ein Grenzland, in dem sich die Kulturen begegnen und verstehen können, McCarthys und Scotts Film schiebt dem einen Riegel vor.

  • „Wirklich wundern, wenn der Film in einigen Jahren plötzlich als Kultklassiker wiederentdeckt wird, würde man sich allerdings auch nicht“ (stern.de).
Und das ist es auch, was am Ende ein wenig abstößt: der ausweglose, fast schon boshafte Nihilismus des großen alten Mannes der amerikanischen Literatur. „The Counselor“ ist ein Film von Cormac McCarthy und weniger von Ridley Scott. Er ist eine bitter-böse Studie über das Zerschellen des American Dream im texanisch-mexikanischen Grenzgebiet, das sich in einen magischen Ort verwandelt. Dem der Film einen genauen Blick verweigert. Er streift die andere Kultur, das tatsächliche Leben der Mexikaner, nur aus den Augenwinkeln wie in der erwähnten Demonstrationsszene. 
Und so wird das Brutale und Gefährliche, das jenseits der Grenze auf den vom Counselor repräsentierten Lifestyle wartet, dann ‚nur‘ zu einer Studie über die Eleganz des Bösen. Denn tatsächlich ist „The Counselor“ in seinem Kern eine misanthropische Studie über Finsternis, Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit und gleichzeitig eine elegant fotografierte Elegie über Raubtiere, deren schlimmstes eine Soziopathin ist, die für ihren Nihilismus sogar ästhetische Qualitäten reklamiert.
Es ist ausgerechnet die Frau, die am meisten mit diesem magischen Ort anfangen kann, der Trostlosigkeit der Wüste, dem achtlosen Tod, der alles Dauerhafte ad absurdum führt.
Zunächst mit einem großen Coup gescheitert, dann aber mit eisiger Brutalität doch noch an die fette Kohle herangekommen, mahnt sie am Ende ihren Banker in einem noblen Londoner Restaurant, nun schleunigst auszusteigen, da es sonst gefährlich für ihn werden könne. Auf ihre Geparde angesprochen, antwortet sie: „Der Jäger hat Schönheit, Anmut und Reinheit im Herzen. Man kann nicht unterscheiden zwischen dem, was er ist und dem, was er tut. Und was er tut ist Töten! Und es wurde nicht langweilig, dabei zuzuschauen, wie die Beute mit Eleganz getötet wurde.“ Dann bestellt sich das Monster lächelnd etwas zu essen, weil es halb verhungert ist.

  •  „Movie history is littered with films that we all sneered at and we all laughed at and we all thought were terrible and the critics hated them and no-one went to see them, and then 40 years later they fetch up on programmes like this (gemeint ist die BBC-Sendung ‚Film 2013‘, d. Verf.) with everyone saying ‚what a masterpiece!‘“ (Danny Leigh, BBC).
Noten: BigDoc = 1,5

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Bluray-Review: Prometheus - Dunkle Zeichen


Der Film wurde bereits ausführlich von mir besprochen: http://bigdocsfilmclub.blogspot.de/2012/08/prometheus-dunkle-zeichen.html

Die vorliegende Bluray hat wie erwartet einige neue Erkenntnisse vermittelt. So muss ich zunächst einige Fehler in meiner Rezension ausbügeln.


  •  „Das Team entdeckt nicht nur eine riesige humanoide Gesichtsskulptur, die an den Konstrukteur aus der Pre-Title-Sequence erinnert, sondern später auch eine Abbildung, die den berüchtigten Xenomorph darstellt, jenes tödliche Alien, das später die „Nostromo“ verwüsten wird.“


Das ist leider falsch, ich konnte derartige Artefakte oder ähnliches nicht entdecken. Was ich wohl gesehen habe, was eine Wandskulptur, die große Ähnlichkeiten mit dem Giger-Style von „Alien“ aufweist, aber ein Motiv ist nicht zu sehen.
Nachtrag: kaum hatte ich diese Rezension eingestellt, musst ich feststellen, dass der rührige Brad Brevet doch den Xenomorph im Film entdeckt hat und dies auch mit einem Foto belegt: http://www.ropeofsilicon.com/what-is-going-on-in-prometheus-a-universe-of-questions-answers-and-theories/6/
Oupps - was denn nun? Möge sich jeder ein Bild machen, aber falls es ein Xenomorph ist, dann ist die Frage berechtigt, warum die Konstrukteure ausgerechnet von diesem Monster eine Skulptur hergestellt haben und nicht von uns?

Man kann es drehen und wenden, wie man will: wir erfahren natürlich in einer filmischen Fiktion keine Tatsachen, keine Wahrheiten über die Entstehung unserer Spezies oder den tieferen Sinn unseres Seins - bestenfalls intelligente Konzepte und durchdachte Rätsel.
Also nicht in die Akte X-Falle laufen und alles deuten, als wäre es real life!

Zur These, dass „Prometheus“ ein „völlig schlüssiges Alien-Prequel“ ist, habe ich geschrieben:


  •   „…und selbstverständlich gibt es auch die „Facehugger“ und „Chestburster“, jene monströsen Viecher, die sich unterschiedlicher Wirtskörper bedienen, um das Alien zu gebären.“


Leider gibt es keine ‚richtigen‘ Facehugger, aber Kreaturen, die oral in die Wirtskörper eindringen (wie Aale durch den Mund!) – das ist schon ein Unterschied. Der Hinweis auf die Chestburster war allerdings richtig, was der Epilog deutlich zeigt, zumal dort auch ein Alien ‚geboren‘ wird, das entfernt an das Alien aus den älteren Filmen erinnert.

Zur handwerklich-stilistischen Qualität des Films habe ich festgestellt:


  •  „Scott gelingt es trotz der enigmatischen Plotstruktur tatsächlich, die Figurenzeichnung einigermaßen im Griff zu behalten und die Charaktere so auszuarbeiten, dass sie mehr sind als Stichwortgeber in einem ruhelosen Actionspektakel, aber eine emotionale Bindung des Zuschauers an das Motivgemenge will dennoch nicht recht gelingen. Vielleicht liegt dies auch an den 25 Minuten, die Scott für die immer noch über zwei Stunden lange Kinofassung herausgeschnitten hat. Ein Director’s Cut ist nicht vorgesehen, aber was heißt das schon?“


Hier ist tatsächlich nichts zu ändern. Im Gegenteil: auf der Bluray findet man fast 30 Minuten herausgeschnittenes Material (in HiDef-Qualität und deutsch untertitelt). Einige Szenen sind wie üblich entbehrlich, andere wären geradezu umwerfend gewesen. Zum einen, weil sie wichtige Figuren verständlicher und pointierter herausarbeiten, z.B. die Beziehung zwischen Vickers und Janek oder die zwischen Vickers und ihrem Vater. Aber auch die zwischen Shaw und ihrem Freund, die nun doch etwas weniger romantisch ausfällt.
Zum anderen, und das ist wohl noch wichtiger, hat Scott die Szene, in der es zur Begegnung mit dem überlebenden Konstrukteur kommt, drastisch zusammengeschnitten. In dieser Szene kommt es zu einem Dialog zwischen Peter Weyland und dem Konstrukteur, der zwar nicht restlos alle Rätsel aufklärt, aber entscheidend zum Verständnis des Plots beigetragen hätte.
Von der Schnittversion der Kinofassung waren dann auch weitere Szenen beeinflusst, die konsequenterweise auch gekürzt werden mussten und immerhin einiges zur Herkunft der Konstrukteure zu sagen gehabt hätten. Stichwort: „Paradies“. Das hat dann auch sehr viel mit dem von mir erwähnten Scott-Zitat über die „Dark Angels“ zu tun. Hier hat sich das Bonus-Material also wirklich gelohnt!


Und die Gründe? Cutter Pietro Scalia hat in seinen Kommentaren zu den Deleted Scenes deutlich gemacht, dass in fast jedem der geschilderten Fälle das ‚Geheimnis‘ wichtiger war als der Zufluss an Informationen. Mit anderen Worten: man strich den sprechenden Konstrukteur, weil der schweigende einfach mysteriöser war.
Diese Gründe dürften aber nicht dafür verantwortlich gewesen sein, dass auch eine längere Kampfszene zwischen Shaw und dem Konstrukteur der Schere zum Opfer fiel. Auch diese Szene hätte dem Film gut getan, denn in der Kinoversion taucht der Konstrukteur nach der Zerstörung seines Mutterschiffs einfach zu abrupt auf.
 

Last but not least bleibt das Fazit: „Prometheus“ hat einen Director’s Cut verdient.
In punkto Bildqualität macht es wenig Sinn, hier technische Einzelheiten aufzuzählen. „Prometheus“ ist rundum brillant, auch dort, wo die etwas dunklen Szenen in der geheimnisvollen Pyramide nicht gerade das sind, was nach Tiefenschärfe verlangt. Es fällt mir schwer, einen Grund zu finden, der gegen das Urteil "Referenzqualität" spricht.


Fazit: diese Bluray verdient eine glatte Eins.

Mittwoch, 15. August 2012

Prometheus - Dunkle Zeichen

Am Anfang ist man nicht im All. Ein Raumschiff gleitet elegant über eine Landschaft, die durchaus unsere Erde sein könnte. Oder auch nicht. Nahe eines Wasserfalls steht ein humanoides, aber bleichgesichtiges Wesen, das ganz sicher nicht Mitglied unserer Spezies ist. Der Mann trinkt aus einem kleinen Behälter und zerfällt unter Krämpfen in seine molekularen Bestandteile, die vom Wasser davon gespült werden. In einer Großaufnahme sieht man Fetzen des ursprünglichen DNA-Stranges durchs Wasser trudeln.

So kam also Leben auf unseren und wohl auch andere Planeten? Dank eines rituellen Opfer und durch den Tod des Schöpfers? Ein paar genetische Fragmente, von denen man sicher nicht wissen kann, was so alles aus ihnen hervorgeht? Genesis als Experiment ... Eine Schöpferrasse, die auf das Prinzip Zufall setzt? Das kann in die Hose gehen, da muss man schon mal nachbessern dürfen.

Samstag, 4. April 2009

Der Mann, der niemals lebte (Body of lies)

USA 2008 - Originaltitel: Body of Lies - Regie: Ridley Scott - Darsteller: Leonardo DiCaprio, Russell Crowe, Mark Strong, Golshifteh Farahani - Prädikat: besonders wertvoll – FSK: ab 16 - Länge: 128 min.

„Body of Lies“ wirkt wie ein Menetekel: Bush ist weg, aber der Apparat ist geblieben und er funktioniert wie eine gut geölte Maschine. In diesem Fall ist es (wieder einmal) die CIA, die allein durch die Beständigkeit ihres ideologischen Horizonts für eine stabile, irreversible Sicht auf die Dinge sorgt und im Anti-Terror-Kampf billigend die Verletzung der Menschenrechte in Kauf nimmt. Wie ist neue Politik in Zeiten Obamas möglich, wenn jene Pragmatiker an den Schrauben drehen, die achselzuckend darauf verweisen, dass man nichts säubern kann, wenn man nicht bereit ist, sich schmutzig zu machen? Oder sind ganz einfach all jene naiv, die allein von einem Wechsel der politischen Führung einen Paradigmenwechsel in der Bewertung weltpolitischer Ereignisse sehen?

Ambivalente Hauptfiguren
Ganz schön starker Tobak für die Betrachtung eines Genrefilms, der sich auf den ersten Blick kaum von den tradierten Wahrnehmungsmustern entfernt, die von zahllosen Vorgängern durchgehechelt wurden. Allerdings spielt „Body of Lies“ nicht in der Welt von James Bond, sondern in der von Ridley Scott (u.a. „Alien“, „Blade Runner“, „Thelma & Louise“, „Gladiator“, „Black Hawk Down“, „American Gangster“) und da schaut man gerne etwas genauer hin.

Roger Ferris (Leonardo DiCaprio) vertritt die Agency im Nahen Osten als Mann fürs Grobe. Der Agent soll Al-Salim, den Anführer eines globalen Terroristenring, aufspüren. Al-Salim ist für verheerende Anschläge in London und Amsterdam verantwortlich. Ferris’ Job ist dabei durchaus physisch zu verstehen und bedeutet nicht nur reden, genau hinschauen und auswerten, sondern rennen, schießen, töten und gelegentlich auch foltern. Ferris ist kein sauberer Held und Ridley Scott zeigt dies sehr früh mit einigen schnellen Flashbacks.
Der eigentliche Analyst sitzt zeitgleich in den Staaten und koordiniert die Einsätze. Ed Hoffman (Russell Crowe) erinnert dabei nicht nur funktional an die Jack Ryan-Figur, sondern passt als erzkonservativer, gelegentlich zynischer Stratege auch ideologisch in die patriotische Romanwelt des Tom Clancy, die durch ihre Verfilmungen idealistisch gegen den Strich gebürstet wurde. Für Hoffman sind die USA nicht nur von Feinden umstellt, sondern auch von fremden, unverständlichen Kulturen, und jede Form von Vertrauen gegenüber muslimischen Verbündeten oder das Befolgen essentieller moralischer Werte bedeuten einen Verlust an Effizienz und sind im Kern lediglich pure Sentimentalität. Man weiß nie, ob Hoffman verschlagen oder lediglich dumm ist. Ferris dagegen ist zu nah an den Menschen, insbesondere an seinen Informanten, um unberührt zu bleiben, wenn er seine Zuträger aus taktischen Gründen verheizen oder eigenhändig liquidieren muss. Auch ihm traut man nie den richtigen Durchblick zu. Sympathieträger sind beide nicht.

Der Wahn der Technik
Scott zeigt den Konflikt zwischen diesen Männern als Ergebnis einer technikzentrierten Kommunikation. Der Zuschauer sieht immer wieder die Bilder der AWACS-Aufklärer, die jeden gefährlichen Einsatz des Field Agents minuziös mit hochauflösenden Bildern dokumentieren, die Hoffmann live auf einem metergroßen Leinwand zugespielt werden. Man kennt derartige Satellitenbilder auch aus anderen Filmen, aber nun sind sie so rattenscharf, dass Hoffmann ohne weiteres den Schweiß in den Gesichtern der Sterbenden sehen kann. Scott zeigt clever, dass dieser Zuwachs an visueller Information keine Steigerung der Empathie nach sich zieht.
Auch sonst hält sich Hoffman den Human Touch sehr effektiv vom Leibe. Er läuft permanent mit einem Headset durch die Gegend und gibt cool seine Befehle, die nicht selten tödlich enden, während er sich gleichzeitig um seine Kinder kümmert. Scott gelingen hier Bilder einer grandios irrwitzigen medialen Präsenz, zumal Hoffmans dichtes Netzwerk aus simultan ablaufenden Aktionen seinem Untergebenen Ferris unverständlich bleibt - der Informationsfluss ist einseitig und geplante Einsätze scheitern, weil Hoffman ohne Erklärung zugunsten neuer taktischer Einsichten umdisponiert, ohne Ferris ins Bild zu setzen. Kein Wunder, dass es sehr schnell handgreiflich zugeht, wenn Hoffman und Ferris sich ausnahmsweise leibhaftig gegenüber stehen.

Die Fremdheit der Anderen
„Body of lies“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von David Ignatius, einem Journalisten der „Washington Post“. Wir erinnern uns: Journalisten der „Post“ waren maßgeblich an der Enthüllung der Watergate-Skandals beteiligt. Inwieweit Ignatius, an dessen Roman sich das Drehbuch von William Monahan zumindest orientierte, gut recherchiert hat, wird dem Kinogänger wohl verborgen bleiben. Das dürfte aber nicht ganz so bedeutend sein. Viel wichtiger ist bei einem Genrefilm die Frage, inwieweit ein Regisseur bereit ist, konventionelle Sichtweisen hinter sich zu lassen und tradierte Plots zugunsten einer unverbrauchten Sichtweise aufzugeben.
„Body of lies“ zeigt dies, indem er die Effizienz der Agency konterkariert. Dies geschieht, als Ferris den jordanischen Geheimdienstchef Hani (Mark Strong) kennen lernt. Hani ist die Verkörperung klassischer Tugenden: statt auf technische Netzwerke setzt er auf persönliche Kontakte, perfekt kontrollierte Schläfer, aber auch auf Vertrauen und Geduld. Eigenschaften, die einem latent paranoiden Zyniker wie Hoffman per se als verdächtig vorkommen müssen. Zudem tritt Hani elegant auf, umgibt sich mit ebenso eleganten Frauen und unterscheidet sich auch durch seine messerscharfe Intelligenz von seinen technologisch überlegenen Partnern.
Als Ferris und Hoffman bei der Suche nach Al-Salim nicht weiterkommen, entschließen sich beide zu einem riskanten Coup: sie erfinden eine fiktive Terrororganisation, lassen einen getürkten Anschlag durchführen und lenken durch geschickt gefakte Informationen die Aufmerksamkeit Al-Salims auf einen unschuldigen Architekten (der nicht mehr als ein ‚Body of lies' ist), um den Terrorchef aus der Reserve zu locken. Doch statt Al-Salim dingfest zu machen, fliegt die Aktion auf, was auch die Beziehung zu Hani massiv beschädigt. Der erfolgreiche coup de grâce gelingt am Ende dem Jordanier, der mit einer raffinierten Aktion beweist, dass er mit seinen altbackenen Methoden der Technologie der Amerikaner überlegen ist. Deren Verachtung für eine ihnen unverständliche Kultur und deren Menschen lässt sie am Ende verblüffend scheitern. Eine witzige Pointe, die besonders dann zündet, wenn man etwas über Samuel Huntingtons Analyse des Clash of Civilizations gelesen hat. Dieser Zusammenstoß findet tatsächlich in den Köpfen von Ferris und Hoffman statt, misslingt aber, weil die Möglichkeit einer differenzierten und respektvollen Wahrnehmung andersartiger Kulturen nicht als überlebenswichtige Option erkannt wird.

Ridley Scott gelingt es nicht immer, diese Aspekte dramaturgisch und dialogisch adäquat umzusetzen. Der genretypische Mix aus Action und undurchsichtigen Verschwörungen verschleiert mehr als er aufdeckt, zudem hetzt Scott seine Figuren in einen schnellen Szenenwechsel, der erstaunlich flach bleibt, weil erst spät erkennbar wird, wohin der Film steuert. Über weite Strecken erinnert „Body of lies“ an „Syriana“, den aus meiner Sicht allerdings deutlich besseren Film von Stephen Gaghan. „Syriana“ ist zwar schwieriger zu sehen, zeigt aber präziser bis in die soziokulturellen Verästelungen den Zusammenhang zwischen Globalisierung und dem Clash of Civilizations auf.

In der Besetzung der Hauptrollen hat Scott ins Schwarze getroffen: Russell Crowe spielt den kaltschnäuzigen Analysten gekonnt als intelligenten Buchhalter ohne Moral und ohne ihn zu dämonisieren. Mark Strong als jordanischer Geheimdienstchef agiert überraschend auf Augenhöhe, während di Caprio zwar kein Fehlgriff ist, aber nicht ganz an die Glaubwürdigkeit der ähnlich gelagerten Figur George Clooneys in „Syriana“ heranreicht.
„Body of lies“ gehört insgesamt zwar nicht zu den besten Filmen Ridley Scotts, ist aber intelligent genug, um einige genretypische Erwartungen zu durchkreuzen. "Those to whom evil is done/ do evil in return" – dieser ambivalente Satz von H.W. Auden leitet den Film ein und man sollte ruhig darüber nachdenken, welche Konnotationen er enthält.

Technik
Der Film lag dem Filmclub auf einer sehr gut gemasterten bluray vor. Die Vorzüge der exzellenten Bildqualität kamen besonders dort adäquat zum Zuge, wo die hohe Auflösung der Satellitenkameras sichtbar gemacht werden musste. Dies sieht perfekt aus und zeigt, dass die Bluray bei der Umsetzung bestimmter Stilmittel ihre Qualitäten ausspielen kann.
Das Bonusmaterial kann durchweg überzeugen. Ein Beispiel: Etwas aufgesetzt wirkt in der Kinofassung die Liebesgeschichte zwischen Ferris und einer iranischen Krankenschwester. Dies liegt allerdings am finalen Schnitt von „Body of lies“, der fatalerweise auf eine Reihe wichtiger Szenen verzichtet, die man auf der Bluray im Bonusmaterial findet. Erst dort erkennt man die dramaturgische Bedeutung dieser Beziehung, die Ferris endgültig als ewig fremden Wanderer zwischen den Kulturen outet. Da auch alle anderen „Deleted Scenes“ meiner Meinung nach in den Film gehören, wäre ein Director’s Cut in diesem Fall die angemessene Lösung gewesen.

Bemerkenswert gut ist auch das restliche Bonusmaterial auf der Bluray, das sich nicht auf Tricks und Technik beschränkt, sondern auch darüber Auskunft gibt, dass „Body of lies“ zumindest in einer Hinsicht bemerkenswert authentisch ist: die Erfolge des jordanischen Geheimdienstes im Anti-Terror-Kampf sind tatsächlich legendär und keiner weiß so recht, warum die Haschemiten so gut sind!

Noten: Mr. Mendez = 3, Melonie = 3, BigDoc=3