Samstag, 14. Mai 2011

Das letzte Schweigen


Deutschland 2009 - Regie: Baran bo Odar - Darsteller: Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Katrin Sass, Burghart Klaußner, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker, Claudia Michelsen, Oliver Stokowski, Jule Böwe - FSK: ab 16 - Länge: 118 min.

Eine deutsche Kleinstadt, wogende Kornfelder vor den Stadttoren, ein Hauch beschaulicher Provinzialität. Vorsichtig tastet sich die Kamera an die Protagonisten heran, dringt in eine Wohnung vor. Warmes Licht dringt unter einem Vorhang in das dunkle Wohnzimmer, dessen Fenstervorhänge von außen keinen Blick in das Innere gestatten. Schnitt auf einen 8mm-Filmprojektor, zwei Männer schauen sich einen Film an. Schnitt auf ein Kindergesicht auf der Leinwand, ein trauriges Closeup, das sofort ahnen lässt, das hier Verbotenes geschieht. Peer und Timo sind Pädophile.
23 Jahre später verschwindet in eben dieser Stadt ein dreizehnjähriges Mädchen. Das ist schon einmal geschehen und sogar am gleichen Tag und damals hat man erst viel später die Leiche des Kindes gefunden. Gleich zu Beginn von „Das letzte Schweigen“ zeigt uns Regisseur und Drehbuchautor Baran bo Odar allerdings, dass er den dominanten und manipulativen Peer (Ulrich Thomsen) und den schüchternen, verführten Timo (Wotan Wilke Möhring) keineswegs zu seinen Hauptfiguren machen will. In „Das letzte Schweigen“ gibt es keine Hauptfiguren.

Packende Story, exzellentes Ensemble – kann da noch was schief gehen?
Der 1978 in der Schweiz geborene Baran bo Odar studierte von 1998 bis 2006 Film- und Fernsehspielregie an der Hochschule für Fernsehen und Film München und beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit Industrie- und Imagefilmen. 2006 drehte Odar seinen ersten längeren Film: "Unter der Sonne", der den Studio Hamburg Nachwuchspreis und den Starter Filmpreis München (jeweils beste Regie) erhielt. „Das letzte Schweigen“ ist eine Co-Produktion, u.a. in Zusammenarbeit mit dem ZDF (Das kleine Fernsehspiel) und mit ARTE - eine Verfilmung von Jan Costin Wagners Roman „Das Schweigen“ (2007), einem von bislang fünf Kriminalromanen. Die meisten spielen in Finnland, wobei der um seine verstorbene Frau trauernden Kommissar Kimmo Joentaa im Mittelpunkt steht. Dieser Figur findet man in der Rolle des traumatisierten Polizisten David Jahn wieder.

Filmförderungsprojekte müssen ein eigenes Profil haben, aber in diesem Fall taucht auch die Klientel des am deutschen Standard-Krimi orientierten Zuschauers im Hintergrund auf, auch wenn das ZDF und ARTE sicher in den jeweiligen Formaten deutlich mehr Experimentierfreude erlauben dürften. Wenn man dann einen Roman des Shooting-Stars der deutschen Krimiszene verfilmen kann und mit einem Ensemble der besten deutsche Schauspieler arbeiten darf, dürfte eigentlich nicht mehr viel schief gehen. Allerdings muss man eine Balance zwischen tradierten Genremustern und einer eigenen, dem Sujet angemessenen Bildsprache findet. Baran bo Odar hat dies versucht und sein Film ist durchaus beachtlich geworden, wenn man das beklemmende Gefühl zum Gradmesser nimmt, das diese Geschichte zurücklässt. Trotzdem ist „Das Schweigen“ kein wirklich guter Film.

Es fehlt die Zurückhaltung
„Das letzte Schweigen“ hat einen ganz starken Auftritt: In einem für deutsche Tatort-Konsumenten wohl nur schwer zu verdauenden Cross-Cutting montiert Baran bo Odar seine Geschichte packend in kurzen, elliptischen Szenen zusammen. Kaum eine Viertelminute dauert eine Szene und schon springt die Kamera weiter: da ist der eben pensionierte Kommissar Krischan Mittich (Burghart Klaußner, „Das weiße Band“), den der alte Fall nicht ruhen lässt, während Mittichs Kollege David Jahn (Sebastian Blomberg), der seine vor fünf Monaten seine Frau verloren hat, schwer traumatisiert in den Abgründen des Falls wühlt und sein Vorgesetzter Grimmer (Oliver Stokowski) mit fehlendem Einfühlungsvermögen die Aufklärung eher behindert als vorantreibt.
Und da sind die Opfer und die Täter: Elena Lange (Katrin Saß, „Good bye Lenin!“) ist die Mutter des Mädchens, das 1986 ermordet wurde. Und mehrere Flashbacks zeigen uns, wie Peer und Timo nach dem Kinderporno die Wohnung verlassen, mit dem Auto die sommerlichen Felder und Wälder durchstreifen, Elenas Tochter finden, die Peer vergewaltigt und tötet, während Timo aus sicherer Distanz zuschaut. Und Cut: 23 Jahre später warten die Ruth und Karl Weghamm, die Eltern der 13-jährigen Sinikka, vergeblich auf ihre verschwundene Tochter. Und bald kommt der Verdacht auf, dass ein Wiederholungstäter verantwortlich ist, denn das Mädchen verschwindet an dem altbekannten Tatort des ersten Verbrechens. Am gleichen Tag wie vor 23 Jahren.

Mehr als ein halbes Dutzend Haupt- und Nebenstränge werden in einem Rhythmus verwoben, der uns die Vernetzung der Personen zeigt, nicht nur im Hier und Heute, sondern auch in der Verarbeitung alter Wunden, die auch nach über zwei Jahrzehnten nicht heilen wollen. Da ist ein Täter auf der Suche nach seiner Schuld, der dann sogar mit der Mutter seines Opfers Kuchen isst. Und da ist ein Mörder, der einen Freund zurückgewinnen will und eine grausame Botschaft an ihn richtet. Und immer wieder führen uns Bilder in die Vergangenheit, deren grausames Tiefschwarz in einem schrecklichen Gegensatz zu den ruhigen Sommerbildern einer harmlos anmutenden Landschaft steht. Und obwohl die schnelle Montage gewöhnungsbedürftig ist und Flashbacks an sich in einem klassischen Cross-Cutting nichts zu suchen haben, gelingt es dem Cutter Robert Rzesacz zunächst, sowohl eine konsistente Handlung als auch einen nachvollziehbaren zeitlichen Bildrhythmus in eine elegante, allerdings ästhetisch nicht unbedingt innovative Erzählsprache zu überführen.

Dann allerdings begann der Film damit, mir stilistisch gehörig auf den Wecker zu gehen, auch wenn nach einer Stunden die Szenen etwas länger werden und der Erzähler erkennbar mehr in die Psychologie der Figuren investiert. Cross-Cutting ist eine interessante Montagemethode, mit der dichotomische Akzente herausgearbeitet werden können, aber auch gehörig an der Suspense-Schraube gedreht werden kann. Aber, und man sollte dies als Regisseur bei seinem Langfilmdebut durchaus beachten, taugt dies nur häppchenweise. Etwa, wenn man die Klimax des Films in eine zeitlich eng verwobenen Folge simultan ablaufender Handlungselemente einbindet, die auf einen gemeinsamen Höhepunkt zustreben.
Wenn Cross-Cutting dagegen einen Film kontinuierlich beherrscht, muss die Balance zwischen Stil und Psychologie ziemlich ausgewogen sein, um diesen Drahtseilakt gelingen zu lassen (wir sehen Varianten dieses Stils in Magnolia und L.A. Crash).

„Das letzte Schweigen“ schafft dies nur ansatzweise und gerät durch die Übertreibung ins Schleudern, auch dort, wo der über-ambitionierte Stil und das Chargieren der Darsteller zu einer emotionalen Aufladung führen, die den letzten Rest Plausibilität aus den Figuren hinaustreibt. Ein besonders trauriges Beispiel ist Sebastian Blomberg, der die Rolle des David Jahn als Mischung von katatonischer Starre, völliger Geistesabwesenheit und plötzlich eruptiv aufbrechenden Aggressivität spielen muss. Das wirkt, sorry, nun mal leider wie Laientheater und wenn zudem die Filmmusik mit pompöser Geste nur das verstärkt, was man ohnehin dick aufgetragen in den Bildern findet, dann schlingert Baran bo Odars Film gelegentlich haarscharf an der Lächerlichkeit vorbei.
Untern Strich bleibt allerdings ein ambivalenter Eindruck zurück. Dem dank ausgezeichneter Kameraarbeit ästhetisch ausgefeilten Film gelingt es durchaus, auch wegen seiner düsteren und abgrundtief schwarzen Schlusspointe, den Zuschauer zu erreichen. „Das letzte Schweigen“ hätte ein schönes Stück deutscher Film Noir werden können, wenn sein Macher sich etwas mehr Zurückhaltung auferlegt hätte.

Pressespiegel

„Zuviel des Guten: Obwohl für "Das letzte Schweigen" eine hervorragende Darstellerriege zur Verfügung stand, hat der Regisseur scheinbar Figuren und Geschichte nicht so ganz getraut. Er überfrachtet seine Inszenierung mit Symbolen, einem aufdringlichen Sounddesign und einer großen Portion an Zufällen. Zu viele Figuren am Rande des Nervenzusammenbruchs treffen hier aufeinander. Was es dann am Ende mit dem vermissten Mädchen tatsächlich auf sich hat wird damit zur Nebensache“.
Magali-Ann Thomas (Bayern 3)

„Das illustre Ensemble um Wotan Wilke Möhring, der seit Jahren so regelmäßig mit tollem Spiel überrascht, daß es langsam keine Überraschung mehr ist, um den Dänen Ulrich Thomsen, der seinen pädophilen Mörder erschreckend real werden läßt, um Sebastian Blomberg, der eingängig den reflektierten Depressiven gibt, und um Katrin Saß, deren trauernde Mutter als nahezu einzige Figur an Stärke zu gewinnen vermag – das ganze Ensemble also trägt bedeutend dazu bei, daß der Film nicht als bloßer Whodunnit, sondern in erster Linie als psychologische Studie fesselt. Und als solche ragt Das letzte Schweigen auch dank einer sehr persönlichen gestalterischen Handschrift deutlich heraus“.
Oliver Baumgarten (Schnitt)

„Das Ärgerliche ist, dass die vielen guten Ansätze des Films allzu oft nicht zu Ende geführt werden, dass im entscheidenden Moment die künstlerische Radikalität fehlt, der Mut, sich klar auf eine Seite der eigenen Einfälle zu schlagen. So hat dieser Film mitunter den Charakter einer typischen "Visitenkarte", eines ersten Films, in den ein Regisseur möglichst viele weitere andeutungsweise einbaut, um sich für Zukünftiges zu empfehlen, vom "Tatort" über das B-Movie und anspruchsvolles Genrekino - wenn denn beides doch irgendwann einmal in Deutschland gemacht werden sollte -, bis hin zum echten Autorenfilm. Den Zuschauer kann solch ein multipolares Mittelding nicht wirklich befriedigen“.
Rüdiger Suchsland (Telepolis)

Noten: BigDoc = 3

Mittwoch, 4. Mai 2011

Quick Review: Rückkehr ans Meer

Frankreich 2009 - Originaltitel: Le refuge - Regie: François Ozon - Darsteller: Isabelle Carré, Louis-Ronan Choisy, Pierre Louis-Calixte, Melvil Poupaud, Claire Vernet, Jean-Pierre Andréani, Marie Rivière, Jérôme Kircher - FSK: ab 12 - Länge: 88 min.

Die Filme von François Ozon konnten mich bislang nicht begeistern. Es ist halt genauso wie mit Pedro Almodóvar: man liebt ihn oder man schüttelt sprachlos den Kopf. Den Unterschied in der Qualität machen häufig schneidender Humor und gallige Satire aus. Genau dies findet man in „Le refuge“ (was man durchaus mit Refugium = Zufluchtsort, Ort der Ruhe übersetzen kann) aber ausdrücklich nicht. Ozon bietet dem Zuschauer dafür einen kontemplativen und auch visuell lange nachwirkenden Ort der Ruhe und es schön, dass Almut Steinlein in ihrer empfehlenswerten Kritik (1) darauf hingewiesen hat, dass seit Eric Rohmers Das grüne Leuchten (1986) niemand mehr an der baskischen Atlantikküste gedreht hat.
Ich kann nicht leugnen, dass die ruhige und angenehm sparsame Art, mit der gedreht und geschnitten wurde, bei mir nach anfänglichem Zögern zu einer angenehmen Besinnung geführt hat. In diesem Punkt geht es mir mit „Rückkehr ans Meer“ wie mit den meisten Filmen von Rohmer: man muss sie sich ein wenig erarbeiten und das dauert halt. Allerdings ist bei Rohmer die Rendite größer.

An der schönen Atlantikküste hat Mousse (Isabel Carré) ihr Refugium. Die heroinsüchtige und nunmehr auf Methadon eingestellte junge Frau ist schwanger, hat den Vater des Kindes durch eine Überdosis verloren und wartet nun in einem angelegenen Haus an der Küste auf die Geburt. Zwei Männer treten in ihr Leben: Paul (Louis-Ronan Choisy) , der Bruder ihres toten Geliebten, und Serge (Pierre Louis-Calixte), der im Dorf arbeitet und Mousse mit Lebensmitteln beliefert. Beide Männer sind homosexuell und leben dies mit beiläufiger Selbstverständlichkeit. Kurz vor dem Ende wird Mousse mit Paul schlafen und ganz am Ende, nach der Geburt, wird sie das Haus am Meer verlassen, um wieder leben zu lernen. Das Kind lässt sie bei Paul zurück.

Fast ein wenig Poetischer Realismus
Wie immer bei Ozon steht eine Frau im Zentrum. Mousse ist ein wenig rätselhaft, schweigt gerne, ist aber selbstbewusst und gelegentlich ein wenig unberechenbar. Psychologisch liefert Ozon recht wenig ab, man sieht eigentlich nur ruhige Außenansichten. Im Falle von Mousse ist man daher gut beraten, wenn man mit Elias Canetti die rätselhaft schweigende Schöne betrachtet. Der Philosoph Canetti hat nämlich klugerweise festgestellt, dass der Schweigsame immer so wirkt, als hätte er ein bemerkenswertes Geheimnis zu hüten. Anders gesagt: der letzte Hohlkopf kann durch Schweigen eine Aura des Bedeutungsvollen um sich herum erzeugen. Leider ist es im wirklichen Leben so, dass der Zauber immer dann verfliegt, wenn die Betreffenden den Mund aufmachen.
Im Falle von Mousse ist das nicht ganz so schlimm, aber wirklich Tiefschürfendes hört man auch von ihr nicht. Dafür wirken die Figuren in „Rückkehr ans Meer“ alle irgendwie poetisch veredelt, besonders dann, wenn der pralle Bauch von Mousse immer wieder mit fast mythischer Intensität berührt und gestreichelt, beredet und sogar zum Objekt der sexuellen Begierde wird. Nicht nur warmes Licht umhüllt die Figuren, sondern auch eine angenehme unaggressive Aura und man ist nur allzu gerne bereit, darüber hinwegzusehen, dass Ozon sein Thema sorgfältig vor uns verbirgt und uns dafür einem visuellen Rhythmus der Bilder überlässt, der durchaus seine Reize hat, aber nur bedingt dazu führt, dass man seinen Figuren noch einmal begegnen möchte. Und fast ketzerisch fragt man sich, woher die Helden in Ozons kleinem Universum eigentlich das Geld für ihren erhabenen Lebensstil nehmen. Aber das war jetzt wirklich etwas zynisch.

Empfehlenswerte Kritik:

Noten: Melonie, BigDoc = 3

Fair Game


USA 2010 - Regie: Doug Liman - Darsteller: Naomi Watts, Sean Penn, Sam Shepard, Bruce McGill, David Andrews, Michael Kelly, Noah Emmerich, Brooke Smith, Geoffrey Cantor, Philipp Karner, Kristoffer Ryan Winters - FSK: ab 12 - Länge: 106 min. - Start: 25.11.2010

Was für ein Alptraum: man sitzt mit Freunden in der Küche, es wird politisch und alle lästern kräftig ab. Und natürlich glauben fast jeder, alles besser zu wissen. Selber ist man zum Schweigen gezwungen, obwohl man der Einzige ist, der alle Hintergrundfakten kennt.
Nur darf man nicht darüber reden, denn man ist – Geheimagent!

So funktioniert auch eine Schlüsselszene in Doug Limans „Fair Game“ und sie zeigt den Unterschied zu den peppigen Genreklischees auf: Joe Wilson (Sean Penn) ist ehemaliger US-Diplomat, seine Frau Valerie (Naomi Watts) ist CIA-Agentin und gerade damit beschäftigt herauszufinden, ob Saddam Hussein tatsächlich über Massenvernichtungswaffen verfügt. Den Freunden, die gerade in der heimischen Küche über den irakische Diktator herziehen, darf man als Geheimnisträger aber keine Fakten nennen: das eigene Privatleben ist ein Rollenspiel und man selbst ist ein streng bewachtes Geheimnis, dessen Identität nicht aufgedeckt werden darf.

Realistischer Politthriler
Doug Liman hat mit „The Bourne Identity“ (2002) und „Mr. & Mrs. Smith“ (2005) zwei sehr gegensätzliche Facetten des Agentenfilm-Genres bebildert – den High-Speed-Thriller und die Komödie. Mit „Fair Game“ orientierte sich Liman eher am Politthriller und noch mehr nunmehr an den harten Fakten. Im Mittelpunkt des Films steht Plamegate, jene erstaunliche Affäre, die zwar nicht ganz die Dimensionen von Watergate erreichte, aber immerhin zeigte, mit welcher Brutalität Teile der Bush-Administration mit politischen Gegnern umsprang.
Wir sind im Jahre 2002: Nachdem der Ex-Diplomat Joe Wilson in der New York Times einen kritischen Artikel über die angebliche Beschaffung von Uranoxid („Yellowcake“) durch den Irak veröffentlicht hat, diskreditieren Mitarbeiter aus dem Umfeld des US-Vizepräsidenten Richard Cheneys Wilsons Frau, indem sie deren Identität als CIA-Agentin gegenüber den Medien offenlegen. Über Wilson hat sich bereits der Zorn der Patrioten entladen und nun muss auch Valerie Plame büßen. Sie ist „verbrannt“ und verliert ihren Job.
Indiskretionen wie diese sind in den Staaten ein Straftatbestand und sowohl Wilson als auch seine Frau mussten hart um ihre Rehabilitierung kämpfen, bevor einige Jahre später der Stabschef Cheneys, Lewis Libby, zu 30 Monaten Haft und einer Geldstrafe von 250.000 Dollar verurteilt wurde. Nur wenig später machte George W. Bush von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch und erließ die Haftstrafe.

Liman hat Plamegate in „Fair Game“ minuziös rekonstruiert, das ist die Stärke des Films. Oscar-Preisträger Sean Penn war deshalb sofort bereit, die Rolle Wilsons zu übernehmen, nachdem der echte Joseph Wilson und seine Frau ihm versicherten, dass das Drehbuch von Jez und John-Henry Butterworth faktengetreu bis ins letzte Detail sei. So viel Akribie ist nicht erstaunlich, denn exakte Recherche hat in Hollywood eine (oft unterschätzte) Tradition. Und so spielt „Fair Game“ durchaus in einer Liga mit Alan J. Pakulas „All the President’s Men“, der genreprägend und zudem eine realistische Variante der Paranoia- und Conspiracy-Movies der Siebziger war und das amerikanische Kino dort prägte, wo ein aufklärerischer Impetus angesagt ist.
Dass Filme wir „Fair Game“ nicht unbedingt massentauglich sind, liegt daran, dass die politischen Dimensionen von Affären wie Plamegate jenseits der Großen Teiches nicht immer oder erst viel später erkannt werden. Das gilt auch für einige Hintergrunddetails. Und so fällt es nicht immer leicht, die Protagonisten des Katz und Maus-Spiels im Film auseinanderzuhalten, auch wenn dich die meisten Zuschauer daran erinnern dürften, dass Bush’ Irak-Intervention auf gefakten Dokumenten basierte und eine der größten politischen Lügen der anbrechenden Dekade bleiben wird.
Was einem jedoch wesentlich nachhaltiger den Spaß an „Fair Game“ verdirbt, ist weniger die starke Dialoglastigkeit des Films, sondern die vermeintlich ‚moderne’ und hektische Kameraarbeit, die der Regisseur selbst vorgenommen hat. Das Ergebnis ist eine nicht sonderlich konsistente Montage, die sprunghafter wirkt als der ruhigere und auch erzählerisch expliziter wirkende Film von Pakula, der Robert Redford und Dustin Hoffman berühmt machte.
Ich habe ohnehin den Eindruck, dass sich einige Filmemacher seit geraumer Zeit einen Spaß daraus machen, die bewährten Regeln der Continuity zu konterkarieren, jenes ausgefeilten Regelsystems des Drehens und Schneidens, das nicht nur im US-Kino zu einer professionellen Kunst des Erzählens geführt hat. Eigentlich schade, denn nicht nur der Film, sondern auch der Zuschauer hätte von größerer formaler Sorgfalt nachhaltig profitieren können.

Im Filmclub gab es dennoch ein sehr positives Feedback, nur Melonie wertete den Film aufgrund der hektischen Kameraarbeit ab. Wohl zu recht. Zum Glück, und dies muss nachdrücklich erwähnt werden, liegt die Qualität des Bonusmaterials (gesichtet wurde die DVD-Fassung) doch sehr deutlich über dem gewohnten Niveau und bietet einige zusätzliche Infos, die man sich keineswegs entgehen lassen sollte.

Noten: BigDoc, Klawer, Mr. Mendez = alle 2,5; Melonie = 3

Samstag, 9. April 2011

Splice - Der Pressespiegel

Der Pressespiegel zeigt, das Splice insgesamt als außergewöhnlicher Beitrag zum Horrorfilm-Genre gewürdigt wird. Für alle, die denen Film verabscheuen, habe ich etwas aus dem einzigen Veriss zitiert, den ich finden konnte.

"Der Film ist so verstörend wie David Cronenbergs Exkurse in die filmische Genetik und so abgründig wie der horreur noir des Guillermo del Toro - er ist als Produzent einer der Paten des Projekts."
Anke Sterneborg (sueddeutsche.de)

"Den Feind nicht mehr in der fremden Kreatur, sondern im eigenen Innersten zu verorten, ist darum eine ebenso hellsichtige wie beunruhigende Pointe. Und wie schon in James Whales unerreichtem "Frankenstein" aus dem Jahr 1931 gehören die Sympathien des Publikums zu Recht dem missverstandenen Geschöpf, das idealisierte Wunschprojektionen und grausame Willkür ertragen muss. Denn erst Drens Fähigkeit zu Mitgefühl und Liebe machen sie so bedrohlich für ihre Gegenüber, die sich den eigenen emotionalen Defiziten nicht stellen können. So ist es letztlich kein intellektuelles Versagen, das den Horror heraufbeschwört, sondern die Unaufrichtigkeit des Herzens."
David Kleingers (SPIEGEL online)

"Nach vielen Jahren Pause meldet sich Regisseur Vincenzo Natali ("Cube") wieder zurück und wandelt auf den Spuren des kanadischen Kult-Regisseurs David Cronenberg ("Die Fliege") - allerdings ohne je dessen nachhaltige Wirkung zu erreichen. Das Thema seines Films ist brisant, weil in der Realität bereits zum Greifen nah. Die Unachtsamkeit, mit der die Wissenschaftler im Film Genexperimente durchführen, wirkt jedoch aufgesetzt, und den Charakteren fehlt es an der notwendigen Tiefe, damit ein richtig fesselnder Film daraus würde."
Wolfram Hannemann (Stuttgarter Nachrichten)

"'Splice' ist ein Monsterstück in klassischer Frankensteinmanier, besticht also weniger durch blutrünstige Szenen als durch den psychologisch ambivalent gestalteten Charakter der Bestie, der diese eben nicht nur als Monster erscheinen lässt. Aber auch den beiden anderen Protagonisten wohnt eine meisterhafte Ambivalenz inne, die so manches Mal zur alten Frage führt: Wer ist hier eigentlich das Monster, die Kreatur oder ihre Erschaffer?"
Iris Benker (Stuttgarter Zeitung)

 "David Cronenberg hätte diese Dreiecksbeziehung in eine düstere Parabel über das Familienleben überführt; Vincenzo Natali macht daraus einen Monsterfilm, dessen Figuren zwar charmant sind, jedoch nur wenig zur Empathie einladen. Das verhilft dem Film jedoch zu einer gewissen Distanz zu seinen Zuschauern, die irgendwie jenen Abstand, der zwischen Dren und ihren Eltern herrscht, wiederholt: Man weiß nie, ob man Angst oder Mitleid haben soll mit dem Wesen und den Menschen um es herum."
Stefan Höltgen (SCHNITT)

"Splice ist über weite Strecken so etwas wie die Konkretisierung der psychosexuellen Subtexte des Frankenstein-Stoffs. Verhandelt wird sehr direkt Psychoanalyse: Dren ist einerseits die monströse Materialisierung des real unterdrückten Kinderwunschs Elsas ... wie von Freud’schen Ödipus- und Kastrationskomplexen. Langsam entwickelt sich eine in mehr als nur einem Sinne monströse Subjektivität. In der Psychoanalyse – als einem System, dessen Abstraktionsvermögen sich direkt aus der tiefsten Innerlichkeit des Individuums speist – hat Natali vielleicht sein zwangsläufiges Sujet gefunden."
Lukas Foerster (critic.de)

Splice – Das Genexperiment


Deutscher Titel: Splice – Das Genexperiment, Originaltitel: Splice, Produktionsland: Kanada, Frankreich, USA, Länge 103 Minuten.

Zunächst sieht „es“ aus wie ein kleiner Hase, dann wie ein mutiertes Huhn auf und am Ende wie eine mythologische Chimäre, die als junge Frau auf Straußenbeinen sogar erotisches Flair verströmt: Dren, wie sie von ihren Schöpfern genannt wird, ist das Ergebnis eines Genexperiments, ein künstliches Wesen, das in einem Labor heranwächst, menschliche DNA aufweist und auch menschliche Züge entwickelt, aber dennoch immer etwas Fremdes bleibt, das sich verändert und auf bedrohliche Weise unverständlich bleibt.
Splice ist nach Cube, Cypher und Nothing der vierte Film Vincenzo Natalis, der wie einige der letzten Filme des Kanadiers erneut an einen Laborversuch erinnert: Natali steckt seine Protagonisten in ein filmisches Experiment und beobachtet, ob sie moralisch den Kopf aus der Schlinge ziehen können, obwohl sie das Andere, das sie erschaffen haben, eigentlich nicht verstehen. Dass dies schief geht, ist in diesem fast klassischen Horrorfilm am Ende keine Überraschung.

Was einen magisch anzieht, fürchtet man
Was man fürchtet, zieht einen gleichzeitig magisch an. So weit, so gut. Spannend wird es erst, wenn man den Satz auf den Kopf stellt: Was einen magisch anzieht, fürchtet man. Mit dieser kleinen syntaktischen Korrektur sind wir mitten im Horrorfilm und das, was an dieser kleinen Umstellung so irritierend wirkt, ist die Ambivalenz der Gefühle. Sie lässt uns schlussfolgern, dass wir uns gegen unsere vernunftgeleiteten Überzeugungen richten, wenn wir uns dem Schrecken archetypischer Bilder und unterschwelliger Bedürfnisse aussetzen. Und doch tun wir es gerne. Etwas zieht uns an, eigentlich wollen wir das nicht, aber da ist nun einmal ein Verlangen, das wir leider nicht ganz verstehen. Kein Wunder, dass die Filmkritik immer wieder zur Psychoanalyse greift, um das Missverstandene an der Lust mit Begriffen zu bannen.
Vincenzo Natalis Monsterfilm Splice funktioniert genau auf dieser Ebene: die ehrgeizigen Wissenschaftler Clive (Adrien Brody) und Elsa (Sarah Polley), die auch privat ein Paar sind, experimentieren mit menschlichem und tierischem Erbgut und schaffen ein künstliches Wesen, das ihnen  buchstäblich über den Kopf wächst. Während Clive, furchtsam und doch fasziniert, das illegale und heimlich in den Räumen der Forschungseinrichtung „Nucleic Exchange Research and Development“, kurz N.E.R.D., begonnene Experiment so rasch wie möglich beenden will, zeigt sich Elsa von dem niedlichen Wesen beeindruckt und setzt ihre Untersuchung fort. Sie fühlt sich magisch angezogen, aber noch gibt es keinen Grund zur Furcht.
Clive und Elsa sind Nerds, hochintelligente Außenseiter, völlig fokussiert auf ihre Arbeit, scheinbar autonom und doch abhängig von den ökonomischen Interessen des Konzerns, der sie dafür bezahlt, innovative Wege in der Zellstoffforschung einzuschlagen. Natali stößt uns mit seinen Akronymen etwas aufdringlich auf das Nerd-Motiv der genialen, aber lebensfremden Wissenschaftler: beide arbeiten bei einem Konzern gleichen Namens und auch Dren ist das gleiche Wort, nur rückwärts buchstabiert.
Als Clive und Elsa im Labor zwei amorphe Klumpen heranzüchten, scheint dies den N.E.R.D.-Bossen zu genügen. Mehr soll nicht sein: Experimente mit menschlicher DNA würde die öffentliche Meinung nicht zulassen, auch wenn das Ergebnis die Erlösung von Krebs und anderen Übeln bedeuten würde. Nun ist es Elsa, die nicht locker lässt. Sie kreuzt menschliche und tierische DNA und lässt das unbestimmte Etwas in einer monströsen Fruchtblase heranreifen. Herauskommt ein Hybridwesen, dessen verborgene Fremdartigkeit von äußeren, überwiegend niedlichen Attributen überlagert wird. Und diese lösen instinktiv und sehr schnell zutiefst menschliche Reaktionen aus: während bei Elsa mütterliche Instinkte die wissenschaftliche Objektivität ad absurdum führen, überwiegt bei Clive blankes Entsetzen über den Tabubruch. Er will das fremde Wesen töten, ehe es zu spät ist. Und von Anfang an zeigt uns Natali, dass Projektionen, verborgene Wünsche und tiefer liegende Verstörungen mehr über unsere Wahrnehmungen und Handlungen entscheiden als uns lieb sein kann.

Als eine öffentliche Präsentation der Zellstoffklumpen damit endet, dass sich die experimentellen Lebensformen blutig zerfleischen, wird nicht nur klar, dass es sich aus morphologischer Sicht um zweigeschlechtliche Lebensformen mit hohem Aggressionspotential handelt, sondern auch, dass N.E.R.D. einen schweren Imageschaden erlitten hat. Dren, wie Clive und Elsa ihr heimlich und immer schneller wachsendes „Kind“ nennen, kann nun nicht länger in den Räumen des Labors versteckt werden. Die Wissenschaftler schaffen es auf einen entlegenen Bauernhof und in der erneut hermetischen Enge des neuen Schlupfwinkels entsteht rasch eine morbide Stimmung aus Eifersucht, unterdrückten traumatischen Erfahrungen und sexueller Stimulierung. Während Elsa kindliche Missbrauchserfahrungen durch eine zwanghaft kontrollhafte Mütterlichkeit verarbeitet, wird Clive mit der erwachende Sexualität Drens konfrontiert, die innerhalb weniger Wochen zu einer jungen Frau heranwächst und durchaus auch wegen ihrer engelsgleichen Flügel liebenswerte Züge besitzt, wäre da nicht ihr langer Schwanz, der mit einem tödlichen Stachel versehen ist.

Klassische Motive des Horrorfilms
Hybridwesen sind klassische Figuren des Horrorfilms, wie sie Universal mit Frankenstein (1931) und The Wolf Man (1941) definierte. Während der Werwolf eher ein Betriebsunfall der Natur ist und unschwer an unkontrollierbares Triebverlangens erinnert, ist das aus Leichenteilen zusammengesetzte Frankenstein-Monster ein leeres Gefäß, dessen Verhalten durch das definiert wird, was ihm widerfährt: Menschlichkeit und Boshaftigkeit.
An die Grundkonstellation von James Whales Frankenstein erinnert auch Splice, genauso wie die Namen des Forscherteams Clive und Elsa in Whales Bride of Frankenstein zu verorten sind, nämlich in den Namen der Schauspieler Colin Clive und Elsa Lanchester. In beiden Filmen definierte Whale eine auch heute noch überraschend differenzierte Grammatik des Horrorfilms, die leider zu schnell durch die eindimensionalen Psychologie schlichter gestrickter Nachfolger verloren ging: Whales Monster ist ein Spiegel des sozialen Verhaltens und gehört so eher in eine Studie behavioristischer  Entwicklungspsychologie - es lernt aus dem, was im widerfährt. Während der Wolfsmensch sich einer psychoanalytischen Deutung anbietet, ist das Frankenstein-Monster ein Spiegel unserer sozialen Natur – und dazu gehören die menschliche Hybris und unsere sonstigen Schwächen.

In Splice ist dies nicht anders, nur ist Natalis Monster nicht so naiv wie das von Whale. Es ist intelligent, lernt schnell von seinen „Eltern“, kann zwar nicht sprechen, aber lesen, ist zudem hilfsbedürftig, will kuscheln, spielt mit Puppen und tötet im Affekt – alles sehr menschliche Eigenschaften. Was Dren allerdings noch mehr von den alten Monstern aus der Frühzeit des Horrorfilms unterscheidet, ist ein Rest an Rätselhaftigkeit, ein verborgener Kern in der manipulierten DNA, der den Zuschauer ahnen lässt, dass keiner so recht wissen kann, in was Dren sich verwandeln wird: in  ein fühlendes menschliches Wesen oder ein mörderisches Biest, das fremden tödlichen Instinkten folgen wird.
Auch in Splice entscheidet der Mensch, wo es lang geht. Als Elsa bemerkt, dass sich Dren auffällig für Clive zu interessieren beginnt, verwandelt sie sich in die ‚böse’ Mutter, eine von verborgenen pathologischen Untiefen beherrschte Frau, die dem ‚unartigen Kind’ den ‚schlimmen Stachel’ amputiert. Die symbolisch aufgeladenen Konstellationen, die von Natali gelegentlich etwas dick aufgetragen werden, laufen konsequent auf das von Freud beschriebene ödipale Dreieck zwischen Dren, Clive und Elsa hinaus. Und zwangsläufig führt dies zur Realisierung inzestuöser Wünsche : Dren verführt Clive und dieser schläft mit seiner ‚Tochter’. Und letztlich, so sieht man, geht es einer neuen Lebensform doch nur um eins: das eigene Überleben und seine Fortpflanzung.

Splice ist wie viele moderne Genrefilme ein Crossover-Film, der nicht nur aufgrund seiner Ausgangssituation Elemente des Sci-Fi-Genres verarbeitet. Zu ihnen gehört natürlich die sattsam bekannte Frage nach den moralisch-ethischen Dimensionen künstlicher Lebensformen und nicht-menschlicher Intelligenz. Doch anders als in Spielbergs emotionaler Allegorie A.I.-Artificial Intelligenz taucht dieser Subtext bei Natali nur am Rande auf, auch wenn er immer mitschwingt.
Dass Splice als Genrefilm so gut funktioniert, liegt nicht nur an der intelligenten Verarbeitung klassischer und moderner Genremotive, die entfernt an Species und Alien und ganz am Ende an Rosemarys Baby erinnern, aber auch an Cronenbergs ‚Body Horror’, sondern an seiner erzählerischen Glaubwürdigkeit. Dies verdankt Natalis Film auch den überzeugenden darstellerischen Leistungen von Adrien Brody und Sarah Polley, Qualitäten, die B-Movies häufig fehlen. Brody und Polley spielen streckenweise hinreißend ihre Ratlosigkeit und neurotischen Dispositionen und zeigen, warum die Filmmonster unsere Ängste in Schreckensbilder verwandeln, Ängste, die uns abstoßen und anziehen. Das gilt auch für Delphine Chanéac, die dem ambivalenten Hybridwesen rätselhaften Charme und Komplexität verleiht, was nicht zuletzt auch den exzellenten Effekten zu verdanken ist, die beim Sitges Festival Internacional de Cinema de Catalunya mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurden.
Natalis hermetische Versuchsanordnung funktioniert aber auch genre-didaktisch: die Alpträume des Horrorfilms meinen eigentlich immer den Zuschauer , der weniger im Monster als vielmehr in den Reaktionen seiner Umgebung auch sich selbst wiederfindet. Nicht restlos überzeugen konnte mich das actiongeladene, allerdings auch furiose Ende des Films, das mehr Fragen erzeugt als Antworten gibt und mit einem Plot-Twist endet, der leider etwas vorhersehbar ist. Trotzdem steht unter dem roten Strich ein dickes Plus: Splice zeigt uns nuanciert, was uns erwartet, wenn wir das autonom Fremde eigenen Bedürfnissen unterwerfen wollen.

Postscriptum: im Filmclub ging der Film zu meiner Verblüffung völlig unter. Die Palette umfasste heftige Reaktionen wie „einer der schlechtesten Filme, die ich jemals gesehen habe“, aber auch irritiertes Unbehagen. Warum ein Film, der eigentlich sehr offensichtlich größere Qualitäten besitzt als manch anderer ‚Film von der Stange’, so abgewatscht wurde, gehört zu den gelegentlichen Rätseln unseres Expertentreffs. Für mich war dies weniger eine Enttäuschung, als vielmehr die Bestätigung, dass Horrorfilme halt funktionieren – und zwar so, wie oben beschrieben.

Noten: BigDoc = 2, Klawer, Melonie = 4, Mr. Mendez = 6.

Dienstag, 1. März 2011

Wir sind sauber!

Das tun doch alle!
Wer immer in diesen Tagen etwas schreibt, muss darauf gefasst sein, dass ihm mit vermeintlich wohlwohlendem Grinsen die Frage gestellt wird, wo und wie man mit "Copy & Paste" seine Texte zusammenklaubt. Auch der arglose Filmkritiker kann seinen Blog offenbar nicht mehr pflegen, ohne dass ihm Anzüglichkeiten zu Ohren kommen. Da hilft auch nicht der Rücktritt des Haupt-Übeltäters - der soziale und kulturelle Schaden ist angerichtet: Schreiben wird besonders von denen, die selbst nicht schreiben können, als Patchwork erkannt. Und endlich können sie sich Luft machen, immerhin haben sie es ja schon immer gewusst. Jene, die alles zu wissen glauben und doch nichts wissen, konnten sich schon früher nicht vorstellen, dass Schreiben etwas mehr sein kann als das Zusammenklauben von Vorgefundenem, das man bestenfalls etwas umformuliert als sein eigenes Gedankengut ausgibt. Nun ist es offenkundig geworden. Alles Betrug.

Hätte man einen Seismographen für öffentliches Denken, würde dieser im Moment unterschwelliges Beben registrieren. All das, was 'alle' schon längst gewusst haben, darf nun endlich offen ausgesprochen werden. "Ich verstehe die Aufregung nicht", erklärte mir ein Bekannter. "Das tun doch alle!"
Gemeint ist das systematische Plagiieren.
So sprechen im Moment viele und der Schreiber dieser Zeilen, der vor dreißig Jahren seine Promotion redlich und nach mehrjähriger Arbeit gemeistert hat, erfährt nun durch Vox Populi, dass allein sein akademischer Titel die folgende Bedingung erfüllt: "Mitgegangen, mitgefangen". Oder meinetwegen auch 'mitgehangen'. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus: Menschen, die nicht den geringsten Schimmer vom Wissenschaftsbetrieb in dieser Republik haben, offenbaren urplötzlich intime Kenntnisse des wissenschaftlichen Arbeitens: "Das tun doch alle!"

"The Stammtisch rules!"
Mitunter kommt es gar schlimmer. Da trifft man einen weitläufigen Bekannten, der einem wohlwollend auf die Schulter klopft und dröhnend erklärt: "Glück gehabt, was?" Wenn man fassungslos nachfragt, wobei man denn in Gottes Namen Glück gehabt hat, dann hört man die zur Gewissheit betonierte Aussage, dass wohl jeder, der einen akademischen Appendix in seinem Namen führt, ganz automatisch und mit frivoler Genugtuung dem vermeintlichen Heer der Plagiateure zugeschlagen wird. Man selber habe wohl das Glück gehabt, nicht erwischt worden zu sein. Plagiieren ist so gesehen kein Übel, sondern gängige Methode.
Der Stammtisch wusste es ja schon immer: die Klugscheißer, die Besserwisser, alle jene, die ihrer Meinung nach vorgeben, etwas 'Besseres zu sein', haben mit Sicherheit ihr Oberschichgetue ähnlichen Methoden zu verdanken, denen sich unser tragischer Freiherr bedient hat. Alles nur abgeschrieben.

Kein Vorsatz? Blödsinn!
Aber die Rückzugsgefechte des heute zurückgetretenen Freiherrn haben bei allen, die es wirklich besser wissen, nur Kopfschütteln ausgelöst. Er habe nicht mit Vorsatz gehandelt, durfte er behaupten. Welch eine Schmierenkomödie! Jeder, der irgendwann einen Wissenschaftstext verfasst hat, weiß genau, dass vor der Niederschrift das Exzerpieren steht, jene methodische Form der Vorbereitung, in der man Thesen und gängige Positionen, die in der akademischen Diskussion und in der Fachliteratur vertreten werden, zusammenfasst. Bereits in dieser Phase treten auch eigene Überlegungen und Thesen hinzu und so ist es zwingend notwendig, die für die spätere Niederschrift der Arbeit relevanten Zitate methodisch zu erfassen und unter genauester Angabe der Quelle in den "Zettelkasten" zu übernehmen. Wer in dieser Phase seitenweise Fremdtexte ohne Quellenangabe in seine Exzerpte übernimmt oder wortähnlich Zusammengefasstes ohne Literaturverweis niederlegt, der handelt definitiv mit Vorsatz oder er ist so abgrundtief blöde, dass es schon an Imbezilität grenzt. Da Letzteres nur schwer anzunehmen ist, jedenfalls im vorliegenden Fall, darf vermutet werden, dass das raumgreifende Schummeln bereits bei der Materialzusammenstellung und den methodischen Vorbereitungen systematisch betrieben wurde. Es gibt unterschiedliche Formen der Vorbereitung: Précis, Konspekt, Exzerpt. Für alle gilt: Fremdes ist von Eigenem auf das Genaueste zu trennen!
Dererlei Feinheiten dürften dem Stammtisch in diesen Tagen wohl herzlich egal sein. Endlich darf frank und frei drauflos geledert werden und für alle, die ehrlich gearbeitet und gewissenhaft geforscht haben, gilt schon längst nicht mehr die Unschuldsvermutung. Alle in einen Sack und mit dem Knüppel drauf, da trifft man gewiss keinen Falschen!
Mir bleibt an dieser Stelle nur eins: Lieber Blog-Leser, Du darfst Dir sicher sein, dass Du an dieser Stelle saubere Texte zu lesen bekommst! Hier wurde nichts zusammengeschustert und mit CRTL+V in die Kritiken eingefügt. Blättere ruhig zurück und schaue Dir die letzte Kritik zum Film "Welcome" an und Du findest am Ende des Textes alle erforderlichen Quellenangaben, wobei sich der Autor auch die Mühe gemacht hat, die Quellen gegenzuchecken. Dieser Blog ist sauber!

Samstag, 12. Februar 2011

Welcome


(O: Welcome), Frankreich 2009, Länge: 110 Minuten, Regie / Drehbuch: Philippe Lioret, D: Vincent Lindon, Firat Ayverdi

Es sind die kleinen, scheinbar unspektakulären Filme, die uns in die Realität zurückholen und zum Hinschauen zwingen, dort, wo man selten hinsieht.
Philippe Liorets „Welcome“ ist eine dieser Perlen. Und keineswegs Minderheitenkino für die späte Nachtstunde: Fast 1,5 Millionen Franzosen haben „Welcome“ gesehen und 2009 wurde sogar eine Sondervorführung des Films vor der Französischen Nationalversammlung organisiert. „Welcome“ erzählt zwar von einem Einzelschicksal, auf den zweiten Blick geht es aber um die humanitäre Verfassung unseres Nachbarlandes: Dort reicht es schon, dass ein französischer Bürger einen jungen Kurden zum Essen einlädt und schon stürmt die Polizei seine Wohnung. Menschen zu helfen ist in unserem EU-Nachbarland verboten und je länger man mit zunehmender Fassungslosigkeit Philippe Liorets Migranten-Tragödie sieht, desto weniger glaubt man, was man sieht. Ein Irrtum.

Das ist kein politischer Film. Ich habe nur eine Geschichte gesucht (Philippe Lioret)
In „Welcome“ erzählt Lioret (Die Frau des Leuchturmwärters, 2004; Keine Sorge, mir geht’s gut, 2006) ganz unprätentiös die Gesichte des jungen irakischen Kurden Bilal Kayani (Firat Ayverdi), der sich drei Monate zu Fuß vom Norden des Iraks bis ins französische Calais durchgeschlagen hat, um von dort aus illegal nach England zu gelangen. Dort lebt seine Freundin Mina mit ihrer Familie.
In Calais warten bereits die gut organisierten Schlepper auf ihre Kunden. Der erste Versuch Bilals scheitert: die in einem Lkw versteckten Migranten fliegen auf, weil sich Bilal kurz vor dem Ersticken die Plastiktüte vom Kopf reißt, die verhindern soll, dass man die Illegalen mithilfe von C02-Warnmeldern entdeckt. 
Da der junge Kurde nicht in ein Kriegsgebiet abgeschoben werden darf, gehört er nun zu den Geduldeten, die mit keiner Hilfe zu rechnen haben. Bilal ist verzweifelt, bis ihm die rettende Idee einfällt: er will den Ärmelkanal durchschwimmen. Um dies zu schaffen, nimmt er bei dem zunächst unfreundlichen Schwimmlehrer Simon Unterricht. Der ganz und gar unpolitische und mehr mit seiner Scheidung beschäftigte Franzose lernt durch Bilal die ausweglose Lage der Migranten kennen und macht alsbald eine erstaunliche Erfahrung: humanitäre Hilfe ist in Frankreich eine Straftat.

Umstrittene Fakten
Trotz des Publikumserfolges und der Sondervorführung des Films vor der Französischen Nationalversammlung wurde eine nach dem Filmtitel benannte Gesetzesvorlage der Sozialisten abgelehnt, die es zum Ziel hatte, humanitäre Hilfeleistungen für Migranten zu entkriminalisieren.
Der politische Hintergrund ist klar, aber in Hinblick auf die Faktenlage umstritten. Unbestritten ist, dass logistisch perfekt organisierte Schlepperbanden seit Jahren erfolgreich einen Menschenhandel mit Millionengewinnen bestreiten, gegen den sich die Europäische Gemeinschaft mit einem einheitlich abgestimmten rechtlichen Rahmen zu Wehr setzen will.
Auf der einen Seite stehen die legitimen Ansprüche einer geregelten Einwanderungs- und Migrationspolitik , auf der anderen Seite gibt es in Frankreich jedoch den ominösen Artikel 622-1 des französischen Einwanderungs-, Aufenthalts- und Asylrechts (CESEDA), der besagt, dass »Jeder, der in Frankreich einem illegalen Einwanderer bei der Einreise, Weiterreise oder bei dessen Aufenthalt hilft oder versucht zu helfen, mit fünf Jahren Gefängnis und 30.000 € Bußgeld rechnen muss«. In der politischen Praxis scheint sich 622-1 folglich nicht nur gegen kriminelle Schlepperbanden zu richten, sondern auch gegen die zahlreichen Nichtregierungsorganisationen (NGO), die in Frankreich humanitäre Hilfe leisten. So wurde im vergangenen Jahr von den NGOs berichtet, dass es allein 2009 zur Festnahme von 5000 ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern kam.

»All das hätte sich so auch 1943 zugetragen haben können. Es könnte sich hier auch um einen Typen handeln, der Juden bei sich versteckt und dabei erwischt wird. Doch das Traurige ist, dass das heute passiert, 200 km von Paris entfernt« (Philippe Lioret)

Der traurige Witz an der Sache ist, dass der französische Minister für Einwanderung Eric Besson die Existenz von 622-1 leugnet und behauptet, dass ein sogenannter »délit de solidarité«, ein Solidaritätsdelikts, allein deswegen nicht existiert, weil er gegen französisches Recht verstoßen würde. Und Besson, der nach eigenen Angaben von „Welcome“ sehr berührt wurde, reagierte empört auf Liorets ‚Juden-Vergleich’, was durchaus pikant ist, da sich die französische Filmemacherin Rose Bosch mit „Le Rafle“ (Die Razzia) ausgerechnet in diesen Tagen ein peinliches Thema ausgesucht hat: die Kollaboration des Vichy-Regimes mit den Nazis, ein heißes Eisen, zu dem Jacques Chirac 1996 feststellte: „An jenem Tag beging Frankreich, Heimat der Menschenrechte, einen nicht wiedergutzumachenden Schaden und lieferte seine Schützlinge an ihre Henker aus.“ Einige tausend französische Polizisten hatten Mitte 1942 über 13000 zum Teil von der Zivilbevölkerung denunzierte Juden verhaftet, interniert und den Deutschen zum Abtransport in die Vernichtungslager überlassen. Vor diesem Hintergrund ist „Welcome“ natürlich ein unbequemer Film. Aus gutem Grund.

Auflösung der Zivilgesellschaft
Lioret nutzt die Figur des unpolitischen Schwimmlehrers Simon, der die Migranten eher mit diffuser Ablehnung und Misstrauen betrachtet, um unaufdringlich zu zeigen, wie sich eine zivile Gesellschaft zuerst den Rändern auflösen kann.
Ganz am Anfang sehen wir Simon und seine Ex-Frau Marion in einem Supermarkt. Der Geschäftsführer hat einen ruppigen Wachdienst angeheuert, um zu verhindern, dass Migranten in seinem Markt legal einkaufen. Marion ist empört, Simon reagiert gleichgültig. Erst als Simon damit beginnt, Bilal gegen Bezahlung das Schwimmen beizubringen, beginnt er, sich für das Schicksal der Migranten zu interessieren. Und nur wenig später wird es Marion sein, die Simon davor warnt, sich zu stark zu engagieren.
„Welcome“ ist kein hölzerner Thesenfilm und glücklicherweise versagt sich Lioret die nahe liegende Option, die Geschichte Simons als die einer zunehmenden Politisierung zu erzählen. Simon bleibt auf sympathische Weise indifferent und damit glaubwürdig. Als er Bilal und einen seiner Freund in seiner Wohnung übernachten lässt, findet er vor Furcht und Misstrauen keinen Schlaf. Simon sieht dennoch spontan-empathisch das Einzelschicksal, ihn rührt Bilals ungebrochene Sehnsucht nach der fernen Freundin, erst recht, als dieser erfährt, dass Mina zwangsverheiratet werden soll.
Diese eher väterliche Freundschaft führt Simon zunächst ahnungslos immer mehr an die Randzonen der Gesellschaft: er sieht, wie die Hilfsorganisationen, die im Hafen die Migranten mit Essen und Kleidung versorgen, gewalttätigen Repressionen ausgesetzt sind. Wenn er nachts durch Calais fährt, muss er beobachten, wie militärisch gekleidete Kräfte eines unbekannten Einsatzkommandos bewusstlos geschlagene Migranten durch die Straßen schleifen. Er sieht dies, sagt nichts, aber tut das, was er glaubt tun zu müssen.
Die Folgen bleiben nicht aus. In Simons Leben löst sich in kleinen Schritten die Normalität auf: Nachbarn beschweren sich, weil er fremdartig aussehende Männer in seine Wohnung lässt, es folgen Denunziationen und Razzien, bei denen die Polizei ohne Durchsuchungsbefehl seine Wohnung durchsucht und ihm erklärt wird, dass allein schon der Kontakt zu Irakern und Afghanen ihn ins Gefängnis bringen kann. Die Druck- und Drohkulissen sind ungeheuerlich und als Zuschauer kämpft man mit seinen Zweifel: zu unglaublich sind zivilen Auflösungserscheinungen im Mutterland der Aufklärung, im Herzen einer demokratischen europäischen Nation, die unser Nachbar ist.

"Welcome" ist in jeder Hinsicht ein unbequemer Film. In vielen Szenen sprechen die Illegalen ihre Muttersprache, der Zuschauer muss sich mit Untertitel abfinden. Trotz einer konventionellen Storyline, Love-Story und Scheidungsdrama inklusive, kommt keine Sentimentalität auf. Zu hart, zu dokumentarisch ist Liorets Erzählstil, der in Interviews nicht müde wurde, seine Abneigung gegen politische Filme zu bekunden. Den harmlosen Geschichtenerzähler nimmt man ihm nicht ab, wohl aber den Filmemacher in bester Tradition des politisch-realistischen Kinos. Lioret führt uns unsere Hilflosigkeit im Umgang mit der Migrationsproblematik vor und nach Sarrazin sollten wir uns davor hüten, mit dem dicken Finger auf unsere Nachbarn zu zeigen. In kurz angerissenen, aber schmerzhaften Szenen zeigt uns "Welcome" aber auch, dass das Denunziantentum und die Willfährigkeit der staatlichen Vertreter, die ja nur ihre Pflicht tun, offenbar in jeder Gesellschaft darauf warten, dank veränderter politischer Bedingungen und einem entsprechenden Zeitgeist wieder aus den Löchern kriechen zu können. Es gehört zu den Stärken des Films, dass Lioret all dies  unaufdringlich erzählt, als langsamen Prozess einer Vergiftung zivilen Denkens, bei dem einem Angst und Bange werden kann. 
Ein anderer Schock erwartet den Zuschauer am Ende. Lioret versagt uns ein tröstendes Happy-End und Bilals Schicksal erfüllt sich 800 m vor der englischen Küste. Fast hätte er es geschafft.

Quellen:
Rencontres – das deutsch-französische Magazin: http://www.rencontres.de/Aktualitaet.74.0.html?&L=0 - 16629

Preise:
  • Preise der Ökumenischen Jury
  • Label Europa Cinemas
  • Publikumspreis
  • Lux Preis
  • Bestes Drehbuch
  • Special Prize of the Young Jury
  • Grand Prize for Dramatic Feature (Großer Preis für Filmdrama)
  • Lumière Award für besten Film
  • Burgas Municipality Award 'Silver Sea-Gull'

Im Filmclub wurde "Welcome" regelrecht gefeiert und mit Bestnoten überhäuft:
Noten: BigDoc = 1,5, Mr. Mendez = 1, Melonie =1, Klawer = 1,5

Dienstag, 8. Februar 2011

„Salt", „Knight and Day", „Red": Der Niedergang des Actionkinos


Überprüft man die Maxime *Höher, schneller, weiter“ auf ihre Praxistauglichkeit, wird man feststellen, dass sie im sportlichen Wettbewerb auf unüberwindliche Hürden stößt, während sie im kulturindustriellen Komplex zeitlich befristet durchaus funktionieren kann. Man starrt wie gebannt auf die jeweils neuen Superlative, besonders auf das technisch Machbare, solange, bis man die hochauflösende Qualität der digitalen Informationen für wichtiger als die Ästhetik des gestalteten Bildes hält, solange, bis man bizarr übersteigerte Plots für bedeutsamer als eine einfühlsame Reflexion der eigenen Lebensbefindlichkeiten einschätzt. Und das solange, bis sich der Affenzirkus trotz aller Anstrengungen nicht mehr steigern lassen und am Ende im Grotesken, in der Wiederholung und im Selbst-Referentiellen erstickt.
Dabei gilt eine Regel: man kann nicht damit aufhören! 
Unausweichlich ist dann jedoch, wie die Erfahrung lehrt, ein Ermüdungseffekt, der sowohl jene einschließt, die aktiv am Steigerungswahn mitwirken, als auch jene, die als Rezipienten passiv dem Geschehen beiwohnen. Schieben wir bei derartigen Betrachtungen die ökonomischen Härten der Arbeitswelt und den glitzernden Schein der Welt des professionellen Sports beiseite und betrachten zuvörderst das Kino, so verstärkt sich der Eindruck, dass die tempogeladene Rastlosigkeit des Actionskinos bereits anankastische Züge trägt.
Höher, schneller, weiter: Gäbe es eine Psychopathologie des Kinos, so würde in ihren Beschreibungskanon eben jene Zwanghaftigkeit aufgenommen werden müssen, die in steter Gleichmäßigkeit Filme auf den Markt schaufelt, die auf ordinäre Weise dumm sind.

Wiederholung als Geschäftsprinzip
Solche Thesen setzt man nicht ungestraft in die Welt. Es gilt also zwei Arbeitsfragen zu beantworten: Was ist dummes Kino und sind jene, die es schaffen, selbst dumm?
Bevor man sich als Cineast jedoch in der Pose intellektueller Selbstbemitleidung verströmt, sollte man die Forderung der großen Phänomenologen Husserl ernst nehmen: „Zu den Sachen!“. In unserem Fall möchte ich Signifikantes an Filmen wie „Salt“, „Knight an Day“ und „Red“ abarbeiten, um zu zeigen, dass das Actionkino voll und ganz auf dem Schlauch steht.

„Salt": eine CIA-Agentin wird von einem russischen Überläufer beschuldigt, ein Maulwurf in Diensten des russischen Geheimdienstes zu sein. Beim Versuch, sich zu rehabilitieren, deckt sie eine Verschwörung auf, die die atomare Zerstörung der Vereinigten Staaten zum Ziel hat. Die Hauptfigur rennt um ihr Leben und ballert wie wild.
„Knight and Day": ein Geheimagent wird verdächtigt, eine neue Super-Batterie auf eigene Rechnung zu verscherbeln. Beim Versuch, sich zu rehabilitieren, decken er und seine unfreiwillige Partnerin eine ungeheuerliche Verschwörung auf. Die Hauptfiguren rennen und ballern wie wild.
„Red": ein pensionierter CIA-Agent soll von einem Elite-Killerkommando liquidiert werden. Bei der Suche nach den Hintergründen entdeckt er eine ungeheuerliche Verschwörung, die er mit einigen bereits in Rente gegangenen Ex-Kollegen aufdeckt. Die Hauptfiguren rennen und ballern wie wild.

Dererlei Plots lassen sich reduktionistisch auf die erwähnten Kategorien des Grotesken, der Wiederholung und des Selbst-Referentiellen herunterbrechen. 
Grotesk ist der hybride Comic-Charakter der Figuren. Angelina Jolie wirkt in „Salt“ wie eine jedes Maß vermissende Potenzierung des „24“-Helden Jack Bauer; Tom Cruise ist in „Knight and Day“ als augenzwinkernd-ironische Variante des gleichen Typus nur unwesentlich erträglicher, während in „Red“ ein Killerquartett (Bruce Willis, John Malkovich , Morgan Freeman, Helen Mirren) bizarr überzeichnet wird, ohne dass sich das Lachen einstellen will, während sich gleichzeitig ein Gefühl der Lächerlichkeit quälend breit macht. Auch hier stellt sich die Frage: ist das Medium lächerlich oder sind wir es bereits, die wir alles klaglos über uns ergehen lassen?

Mit der Wiederholung und dem Selbst-Referentiellen macht sich in der Rede über Kino ein analytischer Ansatz aus der Systemtheorie breit, der sich erstaunlicherweise mit der ahnungsvoll-intuitiven Wahrnehmung von Filmen gleichschaltet. Nur selten trifft elaborierte Theorie so treffsicher das Gefühl der Leere, das sich in uns nach dem Betrachten dummer Filme breit macht.
In „Red“ erkennt man die Wiederholung an dem Umstand, dass der Plot nichts weiteres als eine unverschämt lieb- und humorlose Variante des Films „Space Cowboys“ ist, während „Knight and Day“ das Buddy Movie nicht um eine weitere Variante bereichert, sondern sattsam bekannte Vorbilder zitiert. Der Teebeutel wird nicht zweimal, sondern immer und immer wieder aufgegossen.
Das alles spüren wir und erstaunlicherweise benötigt die Kulturindustrie eine gewisse Zeit, um in uns das Gefühl des wohlig Vertrauten durch einen zunehmenden Widerstand zu ersetzen, der zwar die Wiederholung des Immergleichen als lästig empfindet, dem aber bereits die reflexive Potenz abhanden gekommen ist, die vonnöten wäre, um zu erklären, wo dieses Gefühl des Widerstands denn herrührt. Anders gesagt: man fühlt sich verarscht, kann aber nicht mehr beschreiben, wie denn eine denkbare Alternative auszusehen hätte.

Kein Blick auf die Realität
In der hermetischen Abschottung des schlechten Genrekinos mit der nicht enden wollenden Variierung vertrauter Muster, die zum Beispiel dahin führt, dass bereits ein Remake von „Total Recall“ angekündigt wird, weil es nach 20 Jahren ‚an der Zeit’ ist, den Film in neuem Gewand zu präsentieren, überstrahlt das Selbst-Referentielle als Epiphanie des Nichtssagenden schließlich das marode System industrieller Filmproduktion, wobei unter Systemtheoretikern als primäres Kriterium gilt, dass die derart beschriebenen Systeme sich im Selbstbezug stabilisieren und sich darin hermetisch von ihrer Umwelt abschließen. 
Vor diesem Hintergrund gilt als verschroben, wer ernsthaft danach fragt, warum die Kulturindustrie keine Produkte herstellt, in denen die Menschen etwas darüber erfahren, warum so viele Zeitgenossen arbeitslos um ihre Existenz bangen. Als realitätsblind gilt gar, zu fragen, warum der gemeine Pöbel in der Kunst schon längst nicht mehr erfährt, wer warum und mit welchen Mitteln herzlose Bankgeschäfte durchführt und dabei ganze Währungssysteme vor die Wand fährt.
Kultur, wenn sie denn welche wäre, müsste doch wenigstens gelegentlich die unmittelbaren Fragen unserer Existenz zu beantworten versuchen, während wir gleichzeitig ahnen, dass wirklich alles denkbar ist, nur das eben Genannte dabei in Gänze auszuschließen ist. Fragen unserer Existenz? Lachhaft! Und das Schlimmste: die wenigsten erinnern sich noch an das ihnen abdressierte Bedürfnis.

Wer ist eigentlich der Dumme?
Nun, da wir wissen, was dummes Kino ist, bleibt die Frage übrig, ob denn die, die es produzieren, auch selbst dumm sind. Sie sind es nicht, denn es ist ein großes Einfühlungsvermögen erforderlich, um zielsicher Filme zu produzieren, die massenwirksam sind und somit geeignet, die erforderlichen Rendite einzufahren. Es ist sicher kein Zufall, dass es im Business intelligente Executive Producer wie Lorenzo di Bonaventura gibt, denen als CEO erfolgreiche Filme wie Constantine, Transformers, Transformers: Revenge of the Fallen, Salt und Red gelingen. Man erkennt durchaus eine Spezialisierung und ein weitreichendes Verständnis für die Bedürfnisse der Zielgruppe(n).
Traurig und komisch zugleich ist es dann, dass Filmkritiker die reißbrettartig geplanten Industrieprodukte immer noch wie blödsinnig auf Inhalt, Ästhetik und Genretraditionen abklopfen, alles in eine auf den Regisseur bezogene Werkgeschichte hineindeuten, so als wäre es möglich, in einer Autofabrik am Ende des Montagebandes in den völlig gleichartig produzierten Vehikeln ein Charakteristikum des Einzigartigen zu finden.
So gesehen sind die Kritiker in ihrem formelhaften Durchdeklinieren bildungsbürgerlicher Traditionen kaum weniger dumm als die Konsumenten, die sich an der Kinokasse ebenso abmelken lassen wie beim Kauf hochwertiger Datenträger.

Im Bann des Ähnlichen
„Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit“, haben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung geschrieben und man darf sich sicher sein, dass dank der vollständigen Durchökonomisierung alles Lebensäußerungen derartiges kaum noch verstanden wird. Kulturindustrie hat den Mythos der demokratischen Teilhabe am kulturellen Geschehen so sehr verankert, dass jener, der vehement seine Wahlfreiheit im bunten Selbstbedienungsladen der Medien beteuert, längst nicht mehr die Illusion derartiger Beteuerungen erkennt. Adorno hat dies so zusammengefasst: früher durfte man nicht wagen frei zu denken; mittlerweile sei dies möglich, aber nun könne man es nicht mehr, weil man abgerichtet sei, das denken zu wollen, was man wollen soll. Und eben dies würde als Freiheit gedeutet.
Man kann dies an den leidigen Diskussionen erkennen, die entstehen, wenn man zum Beispiel einen Film von Werner Herzog im größeren Kreis verhandelt. Die Aversion, die einem entgegenschlägt, gipfelt dann immer in der Frage, was dies denn zu bedeuten hat. So, als würde sich etwas an der Aversion ändern, wenn man denn in der Lage wäre, so etwas wie Bedeutung in griffige Worte zu kleiden. Dabei wird übersehen, dass die Aversion nicht aus dem Fehlen von Deutungsinstrumentarien herrührt, sondern aus der Wahrnehmung des Andersartigen und des von der Norm Abweichenden. Dieses Abweichende können wir längst nicht mehr hinnehmen. 
Ähnlichkeit beruhigt uns und zoologisch sind wir bereits Hamster im Laufrad. Nur gelegentlich streift uns ein Gefühl der Unruhe und wir ahnen, dass das Actionkino am Ende ist und Bruce Willis sich wohl zu Recht in die Rente begeben hat.

Dienstag, 25. Januar 2011

Top Ten 2010 - Part II

Top 11 - 20
Wie versprochen hier der Rückblick auf die Plätze 11 – 20 unserer Jahresbestenliste.
James Camerons „Avatar“ landete überraschend nur auf Platz 11. Warum überraschend? Der entscheidende Grund liegt in den Noten nach der Erstaufführung im Club, wo ein Mitglied den Film mit einer doch recht herben 3,5 abstrafte. Ich selbst vergab nur eine 2,5, schrieb dann aber enthusiastische Kritik und korrigierte mich quasi dank der durch das Schreiben zusätzlich gewonnener Einsichten in die Struktur des Films. Dies widerum führte dazu, dass auch der missmutige Kritiker nach der Lektüre der Kritik am liebsten eine bessere Note gegeben hätte – doch das kam zu spät, da nun mal der erste Eindruck zählt. Eine posthume Nachbewertung des Films hätte ihn vermutlich auf den geteilten 1. Platz katapultiert, aber Regel ist Regel und darin besteht auch der Reiz eines Clubs, der spontan und unmittelbar seine Eindrücke verarbeitet. Heute, also ein Jahr später, ist noch klarer geworden, dass Cameron das ungewöhnliche Kunststück fertiggebracht hat, einerseits perfektes Popcorn-Kino vorzulegen, dies aber raffiniert mit einigen kulturkritischen Implikationen spannend aufzuladen. Letzteres dürfte auch den Arthouse-Fan ansprechen und dank dieser Mischung bleibt der Film ein spannungsgeladenes Stück Kino, das man sich wohl noch einige Male anschauen kann.
Packend war auch das Regiedebüt von Cary Fukanaga, der à la „City of God“ mit „Sin Nombre“ ein hartes und realistisches Gangdrama ohne versöhnlichen Ausgang inszenierte. Die unterschiedlichen Handlungsfäden werden durch den Versuch einiger Hundert Mexikaner zusammengehalten, die per Güterzug versuchen, illegal in die Staaten zu gelangen. Für den Europäer ist Fukanagas Film wie der Blick durch ein verbotenes Schlüsselloch. Man schaut hindurch und studiert gefahrlos eine von Stammesriten, barbarischen Moralcodes und exzessiver Gewalt streng reglementierte Welt, in der die Initiationsrituale fast noch schlimmer sind als die Verbrechen, die von der Gang verübt werden. Zivilisation ist alles andere als ein sicheres Gut, nur in der westlichen Demokratie halten Gewalt und Terror noch nicht in diesem Umfang Einzug in die Gesellschaft. Zumindest glaubt man dies. 14 Tage vor der Niederschrift dieser Zeilen haben in meiner Heimatstadt zwei 12-Jährige einen 10-Jährigen überfallen und mit Klappmessern versucht, dem Kind das Geld abzunehmen. Der Boden der Zivilisation ist dünn.
Mit „Brooklyn’s Finest” von Antoine Fuqua landete ein Cop-Film auf Platz 13. Früher hätte man von einem Kriminalfilm gesprochen, aber die Tendenz, den klassischen Genrebegriffen Sub-Genres hinzuzufügen, ist in diesem Fall gerechtfertigt, besonders in Hinblick auf die stilistischen Veränderungen, die von Robert Altman über den Autoren Paul Haggis zu den modernen Exemplaren des Genres führen. Die Auflösung der linearen Erzählweise durch Flashbacks und Cross-Cutting hat das Publikum adaptiert. Auch die komplexen Erweiterungen dieser Schemata durch multiple Handlungsstränge, die auf fast magische Weise am Ende zusammengeführt werden, sind akzeptiert worden. Ich persönlich finde dies gelegentlich aber schon wieder verbraucht. Oder profaner formuliert: ausgelutscht. „Brooklyn’s Finest” variiert diesen Stil sehr virtuos und insgesamt kommt auch veritables Kino dabei heraus, allerdings zahlt man dafür den Preis, dass alles am Ende etwas zwanghaft und schicksalhaft wirkt. Ich denke, dass die Zeiten der linear erzählten straighten Story nicht vorbei sind.
„Precious“ von Lee Daniels wird wie „Sin Nombre“ von dem voyeuristischen Entsetzen getragen, das uns beim Blick in eine fremde, brutale Welt überkommt. Als Sozialdrama über eine schwer übergewichtige Analphabetin, das von der Mutter misshandelt und vom Vater vergewaltigt wird, schafft es der Film irgendwie alle sentimentalen Cinderella-Motive zu vermeiden. Genauso ‚irgendwie’ ist dies auch ein typisch amerikanischer, der trotz seiner fast dokumentarischen Qualitäten den ‚American Dream’ schürt, obwohl die meisten Kritiker der Meinung waren, dass eben dies nicht der Fall ist. Keine Aufregung: in seiner Essenz ist der ‚American Dream’ ja nicht Schlimmes und Filme dieser Art erträgt man besser, wenn man am Schluss etwas Licht am Ende des Tunnels sieht. „Precious“ wurde ohne Kontroversen im Club sehr gut aufgenommen: alle gaben dem Film eine 2,5.
Clint Eastwoods „Invictus“ dürfte die Fans des Sportfilms ansprechen, auch wenn viele Kinogänger möglicherweise nicht einmal wissen, wer Nelson Mandela ist. Den intellektuelleren unter ihnen dürfte dafür die Rugby-Weltmeisterschaft herzlich egal. Da kommt ein geradezu klassischer Erzähler wie Eastwood gerade recht, um beide Zielgruppen zu bedienen und noch einmal ein spektakuläres Kapitel südafrikanischer Geschichte aufzuschlagen. Und tatsächlich sieht man gediegenes, handwerklich ausgezeichnetes Kino, das nicht sonderlich verstört oder aufregt. Etwas bieder ist der Film schon geraten, aber man nickt ihn ab, weil seine Moral aller Ehren wert ist. Und mal ganz ehrlich: Morgan Freeman ist wieder klasse, oder?
Auf dem 16. Platz landete „MR 73“ von Olivier Marchal. Man sieht dem Film über einen alkoholkranken und moralisch zerrütteten französischen Cop an, dass Marchal ein Fan von Jean-Pierre Melville und Henri Verneuil ist. Allerdings wird die Dramatik in „MR 73“ gelegentlich zur Melodramatik und ein Schuss Melvillscher Strenge in Form und Schauspielerführung hätte dem Projekt sicher gut getan. So fiel Marchal, der 2004 mit „36 – Tödliche Rivalen“ in Frankreich einen viel beachteten Erfolg erzielte, mit „MR 73“ komplett bei der Kritik durch. Und auch ich habe diesen Streifen mittlerweile aus meinem Filmgedächtnis gestrichen.
Auf dem 17. Platz landete die deutsche Komödie „Die Schimmelreiter“ von Lars Jessen, die offen gestanden ein wenig bezeichnend ist für die durchschnittliche Qualität der gesehenen Filme: Ganz nett, aber früher garantiert unter „ferner liefen“ angeführt.
 „Kick Ass“ von Matthew Vaughn sorgte (natürlich) für Trouble im Filmclub. Abgesehen von Mr. Mendez, der Comic-Verfilmungen grundsätzlich nicht mag, war der Rest begeistert und irritiert. Letzteres möglicherweise wegen des Vergnügens, das wir bei diesem brachial-brutalen Film hatten. „Kick Ass“ ist das ‚schwarze Schaf’ unter den Comic-Verfilmungen und im Vergleich zu dem prolligen Duktus des Films ist „The Dark Knight“ geradezu elitäres Kunstkino. Matthew Vaughn hat nur Klamauk im Sinn, aber dies gelingt ihm auf so originelle und spritzige Weise, dass die Geschichte eines verhinderten Superhelden das Bizarre und schamlos Übertriebene, das einem Comic nun mal innewohnt, verblüffend gut herausarbeitet. Dabei ist das satirische Moment des Films aufgrund der expliziten Gewaltorgien sehr ambivalent: es befeuert das eigene Geschäft an der Kinokasse und nimmt es gleichzeitig auf die Schippe. Und so hat man leider ein schlechtes Gewissen beim Hinschauen.
Das hat man auch bei dem Kandidaten auf Platz 19: „My Name is Khan“ ist ein Bollywood-Film ohne Singen und Tanzen, der aber in Amerika spielt und kräftig „Forrest Gump“ geplündert hat. Auch dieser Film schafft es trotz schärfster cineastischer Bedenken, den Zuschauer mit Charme und naivem Witz zu übertölpeln. Ob der Film ein zweites Betrachten übersteht, sei dahingestellt. Was ihn auf jeden Fall rettet, ist die rigorose Darstellung des ganz normalen amerikanischen Rassismus mitsamt der leider nicht ganz unberechtigten Terror-Paranoia, die einen muslimischen Inder, der zudem noch am Asperger-Syndrom leidet, in die Mühlen des Gesetzes und eines ungerechten Schicksals befördert. „Mein Name ist Khan und ich bin kein Terrorist“ hat jedenfalls das Zeug zum geflügelten Wort und auch die ganz beinharten Kinogänger brauchen ab und an eine Dosis mühsam unterdrückter Tränen. Lassen wir es dabei.
Last but not least schlug auf Platz 20 mit “Sherlock Holmes” ein Film auf, der gepflegtes Mainstream-Kino mitsamt einer unerwarteten Beschleunigung des klassischen Krimihelden mit sich führte. ‚Wolverine’ Hugh Jackman als Sherlock Holmes und Jude Law als Dr. Watson sind eher ein flottes ‚Hit and Run’-Team, als dass sie durch gepflegte Analysen am Kamin ihren Fall vorantreiben. Das ist Kino von der Stange und wirklich keinen zweiten Blick wert. Ich muss nur noch ein Rätsel lösen: Warum habe ich dem Film eine 2,5 zugestanden? Vielleicht hilft mir der Meisterdetektiv dabei.

Die schlechtesten Filme 2010
Was wäre ein Rückblick ohne kräftiges Abledern der Flops? Erstens macht es Spaß, zweitens bringt es alle auf die Palme, die diese Filme in ihre private ‚Best of’-Liste aufgenommen haben und drittens dient es als Beleg, dass wir uns gelegentlich zwar irritieren, aber nicht veräppeln lassen.
Miesester Film des Jahres wurde mit großem Abstand „The book of Eli“. Wir haben alle „Mad Max“ gesehen und „The Postman“ und damit ist der Bedarf gedeckt. Erst recht, wenn sich ein Film um einen post-apokalytischen Killer dreht, der die Bibel auswendig gelernt hat.
„Gegen jeden Zweifel“ von Routinier Peter Hyams ist eines jener Remakes, die man auch dann nicht braucht, wenn alle anderen Filme urplötzlich vernichtet werden. Was Michael Douglas außer seinem Honorar bewogen hat, in diesem völlig lustlosen und auch handwerklich miesen Gerichtsdrama mitzuwirken, bleibt sein Geheimnis.
„From Paris with Love“ entstand nach einer Story von Luc Besson, der schon bessere Tage gesehen hat. Hier hat jemand die platte Eindimensionalität eines Ego-Shooters in einen Kinofilm übertragen, den testosteron-geladene Mega-Prolls sicher lustig finden.
Restlos umstritten war das Abwatschen von „Louise hires a contract killer“. Ich fand diese französische anti-kapitalistische Komödie recht amüsant, blieb aber mit dieser Auffassung allein. Zwei Clubberer nagelten den Film mit jeweils 4,5 förmlich an die Wand. Ich bin sicher, dass ich den beiden keinen Film von Aki Kaurismäki zeigen darf…oupps.
Völlig von der Rolle war unserer Ansicht nach Steven Soderbergh, von dem wir viele gute Filme gesehen haben. „Der Informant“ fiel bei uns völlig durch: Matt Damon als hirnrissigen Idioten zu erleben, fanden wir alle nicht erheiternd und dass der Film eine bitterböse Farce sein soll, ist uns vor lähmender Langeweile auch entgangen.
Das waren die größten Flops des Jahres! Erwähnenswert ist noch, dass mit „Kommissar Bellamy“ der letzte Film des kürzlich verstorbenen Meister-Regisseurs Claude Chabrol durchgewinkt wurde, was auch Neil Burgers (Der Illusionist) flacher Komödie „The lucky-ones“ zuteil wurde. Es floppten auf den Folgeplätzen „Fanboys“, „Die Gräfin“, der Sci-Fi-Thriller „Pandorum“, aber völlig überraschend auch „In meinem Himmel“ von Peter Jackson.

Close but no cigar
Es ist ein Jammer: die besten Filme wurden wieder einmal nur von zwei Clubberern gesehen, was ein offizielle Wertung verhinderte. Dennoch verdienen sie es, mit viel Mitgefühl erwähnt zu werden (Noten in Klammer): „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ (1,5), einer der schönsten Filme der letzten Jahre; das unter die Haut gehen Schuldrama „Klass“ (1,5); das wunderschöne Tolstoi-Biopic „Ein russischer Sommer“ (2,25); die charmante Komödie „Mrs. Potter“ (2,5); Jason Reitmans mal bissige, mal nette Komödie „Up in the Air“ (2,5) und Steven Soderberghs epochales Che Guevara-Biopic „Che 1 & 2“ (2,5) – alles Kandidaten für Platz 1, hätte sie doch nur jemand gesehen! Und natürlich „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“…

In der Jahreswertung landeten 51 Filme, das ist leider sehr wenig, da von uns früher Zahlen von 70 – 100 erreicht wurden. Auch die Noten waren früher besser und es ist schon bemerkenswert, dass wir im letzten Jahr keinen Film mit einem Notenschnitt von unter 2 dabei hatten.
Das war’s für 2010. Schauen wir mal, ob das nächste Jahr besser wird.