Mittwoch, 4. Mai 2011

Fair Game


USA 2010 - Regie: Doug Liman - Darsteller: Naomi Watts, Sean Penn, Sam Shepard, Bruce McGill, David Andrews, Michael Kelly, Noah Emmerich, Brooke Smith, Geoffrey Cantor, Philipp Karner, Kristoffer Ryan Winters - FSK: ab 12 - Länge: 106 min. - Start: 25.11.2010

Was für ein Alptraum: man sitzt mit Freunden in der Küche, es wird politisch und alle lästern kräftig ab. Und natürlich glauben fast jeder, alles besser zu wissen. Selber ist man zum Schweigen gezwungen, obwohl man der Einzige ist, der alle Hintergrundfakten kennt.
Nur darf man nicht darüber reden, denn man ist – Geheimagent!

So funktioniert auch eine Schlüsselszene in Doug Limans „Fair Game“ und sie zeigt den Unterschied zu den peppigen Genreklischees auf: Joe Wilson (Sean Penn) ist ehemaliger US-Diplomat, seine Frau Valerie (Naomi Watts) ist CIA-Agentin und gerade damit beschäftigt herauszufinden, ob Saddam Hussein tatsächlich über Massenvernichtungswaffen verfügt. Den Freunden, die gerade in der heimischen Küche über den irakische Diktator herziehen, darf man als Geheimnisträger aber keine Fakten nennen: das eigene Privatleben ist ein Rollenspiel und man selbst ist ein streng bewachtes Geheimnis, dessen Identität nicht aufgedeckt werden darf.

Realistischer Politthriler
Doug Liman hat mit „The Bourne Identity“ (2002) und „Mr. & Mrs. Smith“ (2005) zwei sehr gegensätzliche Facetten des Agentenfilm-Genres bebildert – den High-Speed-Thriller und die Komödie. Mit „Fair Game“ orientierte sich Liman eher am Politthriller und noch mehr nunmehr an den harten Fakten. Im Mittelpunkt des Films steht Plamegate, jene erstaunliche Affäre, die zwar nicht ganz die Dimensionen von Watergate erreichte, aber immerhin zeigte, mit welcher Brutalität Teile der Bush-Administration mit politischen Gegnern umsprang.
Wir sind im Jahre 2002: Nachdem der Ex-Diplomat Joe Wilson in der New York Times einen kritischen Artikel über die angebliche Beschaffung von Uranoxid („Yellowcake“) durch den Irak veröffentlicht hat, diskreditieren Mitarbeiter aus dem Umfeld des US-Vizepräsidenten Richard Cheneys Wilsons Frau, indem sie deren Identität als CIA-Agentin gegenüber den Medien offenlegen. Über Wilson hat sich bereits der Zorn der Patrioten entladen und nun muss auch Valerie Plame büßen. Sie ist „verbrannt“ und verliert ihren Job.
Indiskretionen wie diese sind in den Staaten ein Straftatbestand und sowohl Wilson als auch seine Frau mussten hart um ihre Rehabilitierung kämpfen, bevor einige Jahre später der Stabschef Cheneys, Lewis Libby, zu 30 Monaten Haft und einer Geldstrafe von 250.000 Dollar verurteilt wurde. Nur wenig später machte George W. Bush von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch und erließ die Haftstrafe.

Liman hat Plamegate in „Fair Game“ minuziös rekonstruiert, das ist die Stärke des Films. Oscar-Preisträger Sean Penn war deshalb sofort bereit, die Rolle Wilsons zu übernehmen, nachdem der echte Joseph Wilson und seine Frau ihm versicherten, dass das Drehbuch von Jez und John-Henry Butterworth faktengetreu bis ins letzte Detail sei. So viel Akribie ist nicht erstaunlich, denn exakte Recherche hat in Hollywood eine (oft unterschätzte) Tradition. Und so spielt „Fair Game“ durchaus in einer Liga mit Alan J. Pakulas „All the President’s Men“, der genreprägend und zudem eine realistische Variante der Paranoia- und Conspiracy-Movies der Siebziger war und das amerikanische Kino dort prägte, wo ein aufklärerischer Impetus angesagt ist.
Dass Filme wir „Fair Game“ nicht unbedingt massentauglich sind, liegt daran, dass die politischen Dimensionen von Affären wie Plamegate jenseits der Großen Teiches nicht immer oder erst viel später erkannt werden. Das gilt auch für einige Hintergrunddetails. Und so fällt es nicht immer leicht, die Protagonisten des Katz und Maus-Spiels im Film auseinanderzuhalten, auch wenn dich die meisten Zuschauer daran erinnern dürften, dass Bush’ Irak-Intervention auf gefakten Dokumenten basierte und eine der größten politischen Lügen der anbrechenden Dekade bleiben wird.
Was einem jedoch wesentlich nachhaltiger den Spaß an „Fair Game“ verdirbt, ist weniger die starke Dialoglastigkeit des Films, sondern die vermeintlich ‚moderne’ und hektische Kameraarbeit, die der Regisseur selbst vorgenommen hat. Das Ergebnis ist eine nicht sonderlich konsistente Montage, die sprunghafter wirkt als der ruhigere und auch erzählerisch expliziter wirkende Film von Pakula, der Robert Redford und Dustin Hoffman berühmt machte.
Ich habe ohnehin den Eindruck, dass sich einige Filmemacher seit geraumer Zeit einen Spaß daraus machen, die bewährten Regeln der Continuity zu konterkarieren, jenes ausgefeilten Regelsystems des Drehens und Schneidens, das nicht nur im US-Kino zu einer professionellen Kunst des Erzählens geführt hat. Eigentlich schade, denn nicht nur der Film, sondern auch der Zuschauer hätte von größerer formaler Sorgfalt nachhaltig profitieren können.

Im Filmclub gab es dennoch ein sehr positives Feedback, nur Melonie wertete den Film aufgrund der hektischen Kameraarbeit ab. Wohl zu recht. Zum Glück, und dies muss nachdrücklich erwähnt werden, liegt die Qualität des Bonusmaterials (gesichtet wurde die DVD-Fassung) doch sehr deutlich über dem gewohnten Niveau und bietet einige zusätzliche Infos, die man sich keineswegs entgehen lassen sollte.

Noten: BigDoc, Klawer, Mr. Mendez = alle 2,5; Melonie = 3

Samstag, 9. April 2011

Splice - Der Pressespiegel

Der Pressespiegel zeigt, das Splice insgesamt als außergewöhnlicher Beitrag zum Horrorfilm-Genre gewürdigt wird. Für alle, die denen Film verabscheuen, habe ich etwas aus dem einzigen Veriss zitiert, den ich finden konnte.

"Der Film ist so verstörend wie David Cronenbergs Exkurse in die filmische Genetik und so abgründig wie der horreur noir des Guillermo del Toro - er ist als Produzent einer der Paten des Projekts."
Anke Sterneborg (sueddeutsche.de)

"Den Feind nicht mehr in der fremden Kreatur, sondern im eigenen Innersten zu verorten, ist darum eine ebenso hellsichtige wie beunruhigende Pointe. Und wie schon in James Whales unerreichtem "Frankenstein" aus dem Jahr 1931 gehören die Sympathien des Publikums zu Recht dem missverstandenen Geschöpf, das idealisierte Wunschprojektionen und grausame Willkür ertragen muss. Denn erst Drens Fähigkeit zu Mitgefühl und Liebe machen sie so bedrohlich für ihre Gegenüber, die sich den eigenen emotionalen Defiziten nicht stellen können. So ist es letztlich kein intellektuelles Versagen, das den Horror heraufbeschwört, sondern die Unaufrichtigkeit des Herzens."
David Kleingers (SPIEGEL online)

"Nach vielen Jahren Pause meldet sich Regisseur Vincenzo Natali ("Cube") wieder zurück und wandelt auf den Spuren des kanadischen Kult-Regisseurs David Cronenberg ("Die Fliege") - allerdings ohne je dessen nachhaltige Wirkung zu erreichen. Das Thema seines Films ist brisant, weil in der Realität bereits zum Greifen nah. Die Unachtsamkeit, mit der die Wissenschaftler im Film Genexperimente durchführen, wirkt jedoch aufgesetzt, und den Charakteren fehlt es an der notwendigen Tiefe, damit ein richtig fesselnder Film daraus würde."
Wolfram Hannemann (Stuttgarter Nachrichten)

"'Splice' ist ein Monsterstück in klassischer Frankensteinmanier, besticht also weniger durch blutrünstige Szenen als durch den psychologisch ambivalent gestalteten Charakter der Bestie, der diese eben nicht nur als Monster erscheinen lässt. Aber auch den beiden anderen Protagonisten wohnt eine meisterhafte Ambivalenz inne, die so manches Mal zur alten Frage führt: Wer ist hier eigentlich das Monster, die Kreatur oder ihre Erschaffer?"
Iris Benker (Stuttgarter Zeitung)

 "David Cronenberg hätte diese Dreiecksbeziehung in eine düstere Parabel über das Familienleben überführt; Vincenzo Natali macht daraus einen Monsterfilm, dessen Figuren zwar charmant sind, jedoch nur wenig zur Empathie einladen. Das verhilft dem Film jedoch zu einer gewissen Distanz zu seinen Zuschauern, die irgendwie jenen Abstand, der zwischen Dren und ihren Eltern herrscht, wiederholt: Man weiß nie, ob man Angst oder Mitleid haben soll mit dem Wesen und den Menschen um es herum."
Stefan Höltgen (SCHNITT)

"Splice ist über weite Strecken so etwas wie die Konkretisierung der psychosexuellen Subtexte des Frankenstein-Stoffs. Verhandelt wird sehr direkt Psychoanalyse: Dren ist einerseits die monströse Materialisierung des real unterdrückten Kinderwunschs Elsas ... wie von Freud’schen Ödipus- und Kastrationskomplexen. Langsam entwickelt sich eine in mehr als nur einem Sinne monströse Subjektivität. In der Psychoanalyse – als einem System, dessen Abstraktionsvermögen sich direkt aus der tiefsten Innerlichkeit des Individuums speist – hat Natali vielleicht sein zwangsläufiges Sujet gefunden."
Lukas Foerster (critic.de)

Splice – Das Genexperiment


Deutscher Titel: Splice – Das Genexperiment, Originaltitel: Splice, Produktionsland: Kanada, Frankreich, USA, Länge 103 Minuten.

Zunächst sieht „es“ aus wie ein kleiner Hase, dann wie ein mutiertes Huhn auf und am Ende wie eine mythologische Chimäre, die als junge Frau auf Straußenbeinen sogar erotisches Flair verströmt: Dren, wie sie von ihren Schöpfern genannt wird, ist das Ergebnis eines Genexperiments, ein künstliches Wesen, das in einem Labor heranwächst, menschliche DNA aufweist und auch menschliche Züge entwickelt, aber dennoch immer etwas Fremdes bleibt, das sich verändert und auf bedrohliche Weise unverständlich bleibt.
Splice ist nach Cube, Cypher und Nothing der vierte Film Vincenzo Natalis, der wie einige der letzten Filme des Kanadiers erneut an einen Laborversuch erinnert: Natali steckt seine Protagonisten in ein filmisches Experiment und beobachtet, ob sie moralisch den Kopf aus der Schlinge ziehen können, obwohl sie das Andere, das sie erschaffen haben, eigentlich nicht verstehen. Dass dies schief geht, ist in diesem fast klassischen Horrorfilm am Ende keine Überraschung.

Was einen magisch anzieht, fürchtet man
Was man fürchtet, zieht einen gleichzeitig magisch an. So weit, so gut. Spannend wird es erst, wenn man den Satz auf den Kopf stellt: Was einen magisch anzieht, fürchtet man. Mit dieser kleinen syntaktischen Korrektur sind wir mitten im Horrorfilm und das, was an dieser kleinen Umstellung so irritierend wirkt, ist die Ambivalenz der Gefühle. Sie lässt uns schlussfolgern, dass wir uns gegen unsere vernunftgeleiteten Überzeugungen richten, wenn wir uns dem Schrecken archetypischer Bilder und unterschwelliger Bedürfnisse aussetzen. Und doch tun wir es gerne. Etwas zieht uns an, eigentlich wollen wir das nicht, aber da ist nun einmal ein Verlangen, das wir leider nicht ganz verstehen. Kein Wunder, dass die Filmkritik immer wieder zur Psychoanalyse greift, um das Missverstandene an der Lust mit Begriffen zu bannen.
Vincenzo Natalis Monsterfilm Splice funktioniert genau auf dieser Ebene: die ehrgeizigen Wissenschaftler Clive (Adrien Brody) und Elsa (Sarah Polley), die auch privat ein Paar sind, experimentieren mit menschlichem und tierischem Erbgut und schaffen ein künstliches Wesen, das ihnen  buchstäblich über den Kopf wächst. Während Clive, furchtsam und doch fasziniert, das illegale und heimlich in den Räumen der Forschungseinrichtung „Nucleic Exchange Research and Development“, kurz N.E.R.D., begonnene Experiment so rasch wie möglich beenden will, zeigt sich Elsa von dem niedlichen Wesen beeindruckt und setzt ihre Untersuchung fort. Sie fühlt sich magisch angezogen, aber noch gibt es keinen Grund zur Furcht.
Clive und Elsa sind Nerds, hochintelligente Außenseiter, völlig fokussiert auf ihre Arbeit, scheinbar autonom und doch abhängig von den ökonomischen Interessen des Konzerns, der sie dafür bezahlt, innovative Wege in der Zellstoffforschung einzuschlagen. Natali stößt uns mit seinen Akronymen etwas aufdringlich auf das Nerd-Motiv der genialen, aber lebensfremden Wissenschaftler: beide arbeiten bei einem Konzern gleichen Namens und auch Dren ist das gleiche Wort, nur rückwärts buchstabiert.
Als Clive und Elsa im Labor zwei amorphe Klumpen heranzüchten, scheint dies den N.E.R.D.-Bossen zu genügen. Mehr soll nicht sein: Experimente mit menschlicher DNA würde die öffentliche Meinung nicht zulassen, auch wenn das Ergebnis die Erlösung von Krebs und anderen Übeln bedeuten würde. Nun ist es Elsa, die nicht locker lässt. Sie kreuzt menschliche und tierische DNA und lässt das unbestimmte Etwas in einer monströsen Fruchtblase heranreifen. Herauskommt ein Hybridwesen, dessen verborgene Fremdartigkeit von äußeren, überwiegend niedlichen Attributen überlagert wird. Und diese lösen instinktiv und sehr schnell zutiefst menschliche Reaktionen aus: während bei Elsa mütterliche Instinkte die wissenschaftliche Objektivität ad absurdum führen, überwiegt bei Clive blankes Entsetzen über den Tabubruch. Er will das fremde Wesen töten, ehe es zu spät ist. Und von Anfang an zeigt uns Natali, dass Projektionen, verborgene Wünsche und tiefer liegende Verstörungen mehr über unsere Wahrnehmungen und Handlungen entscheiden als uns lieb sein kann.

Als eine öffentliche Präsentation der Zellstoffklumpen damit endet, dass sich die experimentellen Lebensformen blutig zerfleischen, wird nicht nur klar, dass es sich aus morphologischer Sicht um zweigeschlechtliche Lebensformen mit hohem Aggressionspotential handelt, sondern auch, dass N.E.R.D. einen schweren Imageschaden erlitten hat. Dren, wie Clive und Elsa ihr heimlich und immer schneller wachsendes „Kind“ nennen, kann nun nicht länger in den Räumen des Labors versteckt werden. Die Wissenschaftler schaffen es auf einen entlegenen Bauernhof und in der erneut hermetischen Enge des neuen Schlupfwinkels entsteht rasch eine morbide Stimmung aus Eifersucht, unterdrückten traumatischen Erfahrungen und sexueller Stimulierung. Während Elsa kindliche Missbrauchserfahrungen durch eine zwanghaft kontrollhafte Mütterlichkeit verarbeitet, wird Clive mit der erwachende Sexualität Drens konfrontiert, die innerhalb weniger Wochen zu einer jungen Frau heranwächst und durchaus auch wegen ihrer engelsgleichen Flügel liebenswerte Züge besitzt, wäre da nicht ihr langer Schwanz, der mit einem tödlichen Stachel versehen ist.

Klassische Motive des Horrorfilms
Hybridwesen sind klassische Figuren des Horrorfilms, wie sie Universal mit Frankenstein (1931) und The Wolf Man (1941) definierte. Während der Werwolf eher ein Betriebsunfall der Natur ist und unschwer an unkontrollierbares Triebverlangens erinnert, ist das aus Leichenteilen zusammengesetzte Frankenstein-Monster ein leeres Gefäß, dessen Verhalten durch das definiert wird, was ihm widerfährt: Menschlichkeit und Boshaftigkeit.
An die Grundkonstellation von James Whales Frankenstein erinnert auch Splice, genauso wie die Namen des Forscherteams Clive und Elsa in Whales Bride of Frankenstein zu verorten sind, nämlich in den Namen der Schauspieler Colin Clive und Elsa Lanchester. In beiden Filmen definierte Whale eine auch heute noch überraschend differenzierte Grammatik des Horrorfilms, die leider zu schnell durch die eindimensionalen Psychologie schlichter gestrickter Nachfolger verloren ging: Whales Monster ist ein Spiegel des sozialen Verhaltens und gehört so eher in eine Studie behavioristischer  Entwicklungspsychologie - es lernt aus dem, was im widerfährt. Während der Wolfsmensch sich einer psychoanalytischen Deutung anbietet, ist das Frankenstein-Monster ein Spiegel unserer sozialen Natur – und dazu gehören die menschliche Hybris und unsere sonstigen Schwächen.

In Splice ist dies nicht anders, nur ist Natalis Monster nicht so naiv wie das von Whale. Es ist intelligent, lernt schnell von seinen „Eltern“, kann zwar nicht sprechen, aber lesen, ist zudem hilfsbedürftig, will kuscheln, spielt mit Puppen und tötet im Affekt – alles sehr menschliche Eigenschaften. Was Dren allerdings noch mehr von den alten Monstern aus der Frühzeit des Horrorfilms unterscheidet, ist ein Rest an Rätselhaftigkeit, ein verborgener Kern in der manipulierten DNA, der den Zuschauer ahnen lässt, dass keiner so recht wissen kann, in was Dren sich verwandeln wird: in  ein fühlendes menschliches Wesen oder ein mörderisches Biest, das fremden tödlichen Instinkten folgen wird.
Auch in Splice entscheidet der Mensch, wo es lang geht. Als Elsa bemerkt, dass sich Dren auffällig für Clive zu interessieren beginnt, verwandelt sie sich in die ‚böse’ Mutter, eine von verborgenen pathologischen Untiefen beherrschte Frau, die dem ‚unartigen Kind’ den ‚schlimmen Stachel’ amputiert. Die symbolisch aufgeladenen Konstellationen, die von Natali gelegentlich etwas dick aufgetragen werden, laufen konsequent auf das von Freud beschriebene ödipale Dreieck zwischen Dren, Clive und Elsa hinaus. Und zwangsläufig führt dies zur Realisierung inzestuöser Wünsche : Dren verführt Clive und dieser schläft mit seiner ‚Tochter’. Und letztlich, so sieht man, geht es einer neuen Lebensform doch nur um eins: das eigene Überleben und seine Fortpflanzung.

Splice ist wie viele moderne Genrefilme ein Crossover-Film, der nicht nur aufgrund seiner Ausgangssituation Elemente des Sci-Fi-Genres verarbeitet. Zu ihnen gehört natürlich die sattsam bekannte Frage nach den moralisch-ethischen Dimensionen künstlicher Lebensformen und nicht-menschlicher Intelligenz. Doch anders als in Spielbergs emotionaler Allegorie A.I.-Artificial Intelligenz taucht dieser Subtext bei Natali nur am Rande auf, auch wenn er immer mitschwingt.
Dass Splice als Genrefilm so gut funktioniert, liegt nicht nur an der intelligenten Verarbeitung klassischer und moderner Genremotive, die entfernt an Species und Alien und ganz am Ende an Rosemarys Baby erinnern, aber auch an Cronenbergs ‚Body Horror’, sondern an seiner erzählerischen Glaubwürdigkeit. Dies verdankt Natalis Film auch den überzeugenden darstellerischen Leistungen von Adrien Brody und Sarah Polley, Qualitäten, die B-Movies häufig fehlen. Brody und Polley spielen streckenweise hinreißend ihre Ratlosigkeit und neurotischen Dispositionen und zeigen, warum die Filmmonster unsere Ängste in Schreckensbilder verwandeln, Ängste, die uns abstoßen und anziehen. Das gilt auch für Delphine Chanéac, die dem ambivalenten Hybridwesen rätselhaften Charme und Komplexität verleiht, was nicht zuletzt auch den exzellenten Effekten zu verdanken ist, die beim Sitges Festival Internacional de Cinema de Catalunya mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurden.
Natalis hermetische Versuchsanordnung funktioniert aber auch genre-didaktisch: die Alpträume des Horrorfilms meinen eigentlich immer den Zuschauer , der weniger im Monster als vielmehr in den Reaktionen seiner Umgebung auch sich selbst wiederfindet. Nicht restlos überzeugen konnte mich das actiongeladene, allerdings auch furiose Ende des Films, das mehr Fragen erzeugt als Antworten gibt und mit einem Plot-Twist endet, der leider etwas vorhersehbar ist. Trotzdem steht unter dem roten Strich ein dickes Plus: Splice zeigt uns nuanciert, was uns erwartet, wenn wir das autonom Fremde eigenen Bedürfnissen unterwerfen wollen.

Postscriptum: im Filmclub ging der Film zu meiner Verblüffung völlig unter. Die Palette umfasste heftige Reaktionen wie „einer der schlechtesten Filme, die ich jemals gesehen habe“, aber auch irritiertes Unbehagen. Warum ein Film, der eigentlich sehr offensichtlich größere Qualitäten besitzt als manch anderer ‚Film von der Stange’, so abgewatscht wurde, gehört zu den gelegentlichen Rätseln unseres Expertentreffs. Für mich war dies weniger eine Enttäuschung, als vielmehr die Bestätigung, dass Horrorfilme halt funktionieren – und zwar so, wie oben beschrieben.

Noten: BigDoc = 2, Klawer, Melonie = 4, Mr. Mendez = 6.

Dienstag, 1. März 2011

Wir sind sauber!

Das tun doch alle!
Wer immer in diesen Tagen etwas schreibt, muss darauf gefasst sein, dass ihm mit vermeintlich wohlwohlendem Grinsen die Frage gestellt wird, wo und wie man mit "Copy & Paste" seine Texte zusammenklaubt. Auch der arglose Filmkritiker kann seinen Blog offenbar nicht mehr pflegen, ohne dass ihm Anzüglichkeiten zu Ohren kommen. Da hilft auch nicht der Rücktritt des Haupt-Übeltäters - der soziale und kulturelle Schaden ist angerichtet: Schreiben wird besonders von denen, die selbst nicht schreiben können, als Patchwork erkannt. Und endlich können sie sich Luft machen, immerhin haben sie es ja schon immer gewusst. Jene, die alles zu wissen glauben und doch nichts wissen, konnten sich schon früher nicht vorstellen, dass Schreiben etwas mehr sein kann als das Zusammenklauben von Vorgefundenem, das man bestenfalls etwas umformuliert als sein eigenes Gedankengut ausgibt. Nun ist es offenkundig geworden. Alles Betrug.

Hätte man einen Seismographen für öffentliches Denken, würde dieser im Moment unterschwelliges Beben registrieren. All das, was 'alle' schon längst gewusst haben, darf nun endlich offen ausgesprochen werden. "Ich verstehe die Aufregung nicht", erklärte mir ein Bekannter. "Das tun doch alle!"
Gemeint ist das systematische Plagiieren.
So sprechen im Moment viele und der Schreiber dieser Zeilen, der vor dreißig Jahren seine Promotion redlich und nach mehrjähriger Arbeit gemeistert hat, erfährt nun durch Vox Populi, dass allein sein akademischer Titel die folgende Bedingung erfüllt: "Mitgegangen, mitgefangen". Oder meinetwegen auch 'mitgehangen'. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus: Menschen, die nicht den geringsten Schimmer vom Wissenschaftsbetrieb in dieser Republik haben, offenbaren urplötzlich intime Kenntnisse des wissenschaftlichen Arbeitens: "Das tun doch alle!"

"The Stammtisch rules!"
Mitunter kommt es gar schlimmer. Da trifft man einen weitläufigen Bekannten, der einem wohlwollend auf die Schulter klopft und dröhnend erklärt: "Glück gehabt, was?" Wenn man fassungslos nachfragt, wobei man denn in Gottes Namen Glück gehabt hat, dann hört man die zur Gewissheit betonierte Aussage, dass wohl jeder, der einen akademischen Appendix in seinem Namen führt, ganz automatisch und mit frivoler Genugtuung dem vermeintlichen Heer der Plagiateure zugeschlagen wird. Man selber habe wohl das Glück gehabt, nicht erwischt worden zu sein. Plagiieren ist so gesehen kein Übel, sondern gängige Methode.
Der Stammtisch wusste es ja schon immer: die Klugscheißer, die Besserwisser, alle jene, die ihrer Meinung nach vorgeben, etwas 'Besseres zu sein', haben mit Sicherheit ihr Oberschichgetue ähnlichen Methoden zu verdanken, denen sich unser tragischer Freiherr bedient hat. Alles nur abgeschrieben.

Kein Vorsatz? Blödsinn!
Aber die Rückzugsgefechte des heute zurückgetretenen Freiherrn haben bei allen, die es wirklich besser wissen, nur Kopfschütteln ausgelöst. Er habe nicht mit Vorsatz gehandelt, durfte er behaupten. Welch eine Schmierenkomödie! Jeder, der irgendwann einen Wissenschaftstext verfasst hat, weiß genau, dass vor der Niederschrift das Exzerpieren steht, jene methodische Form der Vorbereitung, in der man Thesen und gängige Positionen, die in der akademischen Diskussion und in der Fachliteratur vertreten werden, zusammenfasst. Bereits in dieser Phase treten auch eigene Überlegungen und Thesen hinzu und so ist es zwingend notwendig, die für die spätere Niederschrift der Arbeit relevanten Zitate methodisch zu erfassen und unter genauester Angabe der Quelle in den "Zettelkasten" zu übernehmen. Wer in dieser Phase seitenweise Fremdtexte ohne Quellenangabe in seine Exzerpte übernimmt oder wortähnlich Zusammengefasstes ohne Literaturverweis niederlegt, der handelt definitiv mit Vorsatz oder er ist so abgrundtief blöde, dass es schon an Imbezilität grenzt. Da Letzteres nur schwer anzunehmen ist, jedenfalls im vorliegenden Fall, darf vermutet werden, dass das raumgreifende Schummeln bereits bei der Materialzusammenstellung und den methodischen Vorbereitungen systematisch betrieben wurde. Es gibt unterschiedliche Formen der Vorbereitung: Précis, Konspekt, Exzerpt. Für alle gilt: Fremdes ist von Eigenem auf das Genaueste zu trennen!
Dererlei Feinheiten dürften dem Stammtisch in diesen Tagen wohl herzlich egal sein. Endlich darf frank und frei drauflos geledert werden und für alle, die ehrlich gearbeitet und gewissenhaft geforscht haben, gilt schon längst nicht mehr die Unschuldsvermutung. Alle in einen Sack und mit dem Knüppel drauf, da trifft man gewiss keinen Falschen!
Mir bleibt an dieser Stelle nur eins: Lieber Blog-Leser, Du darfst Dir sicher sein, dass Du an dieser Stelle saubere Texte zu lesen bekommst! Hier wurde nichts zusammengeschustert und mit CRTL+V in die Kritiken eingefügt. Blättere ruhig zurück und schaue Dir die letzte Kritik zum Film "Welcome" an und Du findest am Ende des Textes alle erforderlichen Quellenangaben, wobei sich der Autor auch die Mühe gemacht hat, die Quellen gegenzuchecken. Dieser Blog ist sauber!

Samstag, 12. Februar 2011

Welcome


(O: Welcome), Frankreich 2009, Länge: 110 Minuten, Regie / Drehbuch: Philippe Lioret, D: Vincent Lindon, Firat Ayverdi

Es sind die kleinen, scheinbar unspektakulären Filme, die uns in die Realität zurückholen und zum Hinschauen zwingen, dort, wo man selten hinsieht.
Philippe Liorets „Welcome“ ist eine dieser Perlen. Und keineswegs Minderheitenkino für die späte Nachtstunde: Fast 1,5 Millionen Franzosen haben „Welcome“ gesehen und 2009 wurde sogar eine Sondervorführung des Films vor der Französischen Nationalversammlung organisiert. „Welcome“ erzählt zwar von einem Einzelschicksal, auf den zweiten Blick geht es aber um die humanitäre Verfassung unseres Nachbarlandes: Dort reicht es schon, dass ein französischer Bürger einen jungen Kurden zum Essen einlädt und schon stürmt die Polizei seine Wohnung. Menschen zu helfen ist in unserem EU-Nachbarland verboten und je länger man mit zunehmender Fassungslosigkeit Philippe Liorets Migranten-Tragödie sieht, desto weniger glaubt man, was man sieht. Ein Irrtum.

Das ist kein politischer Film. Ich habe nur eine Geschichte gesucht (Philippe Lioret)
In „Welcome“ erzählt Lioret (Die Frau des Leuchturmwärters, 2004; Keine Sorge, mir geht’s gut, 2006) ganz unprätentiös die Gesichte des jungen irakischen Kurden Bilal Kayani (Firat Ayverdi), der sich drei Monate zu Fuß vom Norden des Iraks bis ins französische Calais durchgeschlagen hat, um von dort aus illegal nach England zu gelangen. Dort lebt seine Freundin Mina mit ihrer Familie.
In Calais warten bereits die gut organisierten Schlepper auf ihre Kunden. Der erste Versuch Bilals scheitert: die in einem Lkw versteckten Migranten fliegen auf, weil sich Bilal kurz vor dem Ersticken die Plastiktüte vom Kopf reißt, die verhindern soll, dass man die Illegalen mithilfe von C02-Warnmeldern entdeckt. 
Da der junge Kurde nicht in ein Kriegsgebiet abgeschoben werden darf, gehört er nun zu den Geduldeten, die mit keiner Hilfe zu rechnen haben. Bilal ist verzweifelt, bis ihm die rettende Idee einfällt: er will den Ärmelkanal durchschwimmen. Um dies zu schaffen, nimmt er bei dem zunächst unfreundlichen Schwimmlehrer Simon Unterricht. Der ganz und gar unpolitische und mehr mit seiner Scheidung beschäftigte Franzose lernt durch Bilal die ausweglose Lage der Migranten kennen und macht alsbald eine erstaunliche Erfahrung: humanitäre Hilfe ist in Frankreich eine Straftat.

Umstrittene Fakten
Trotz des Publikumserfolges und der Sondervorführung des Films vor der Französischen Nationalversammlung wurde eine nach dem Filmtitel benannte Gesetzesvorlage der Sozialisten abgelehnt, die es zum Ziel hatte, humanitäre Hilfeleistungen für Migranten zu entkriminalisieren.
Der politische Hintergrund ist klar, aber in Hinblick auf die Faktenlage umstritten. Unbestritten ist, dass logistisch perfekt organisierte Schlepperbanden seit Jahren erfolgreich einen Menschenhandel mit Millionengewinnen bestreiten, gegen den sich die Europäische Gemeinschaft mit einem einheitlich abgestimmten rechtlichen Rahmen zu Wehr setzen will.
Auf der einen Seite stehen die legitimen Ansprüche einer geregelten Einwanderungs- und Migrationspolitik , auf der anderen Seite gibt es in Frankreich jedoch den ominösen Artikel 622-1 des französischen Einwanderungs-, Aufenthalts- und Asylrechts (CESEDA), der besagt, dass »Jeder, der in Frankreich einem illegalen Einwanderer bei der Einreise, Weiterreise oder bei dessen Aufenthalt hilft oder versucht zu helfen, mit fünf Jahren Gefängnis und 30.000 € Bußgeld rechnen muss«. In der politischen Praxis scheint sich 622-1 folglich nicht nur gegen kriminelle Schlepperbanden zu richten, sondern auch gegen die zahlreichen Nichtregierungsorganisationen (NGO), die in Frankreich humanitäre Hilfe leisten. So wurde im vergangenen Jahr von den NGOs berichtet, dass es allein 2009 zur Festnahme von 5000 ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern kam.

»All das hätte sich so auch 1943 zugetragen haben können. Es könnte sich hier auch um einen Typen handeln, der Juden bei sich versteckt und dabei erwischt wird. Doch das Traurige ist, dass das heute passiert, 200 km von Paris entfernt« (Philippe Lioret)

Der traurige Witz an der Sache ist, dass der französische Minister für Einwanderung Eric Besson die Existenz von 622-1 leugnet und behauptet, dass ein sogenannter »délit de solidarité«, ein Solidaritätsdelikts, allein deswegen nicht existiert, weil er gegen französisches Recht verstoßen würde. Und Besson, der nach eigenen Angaben von „Welcome“ sehr berührt wurde, reagierte empört auf Liorets ‚Juden-Vergleich’, was durchaus pikant ist, da sich die französische Filmemacherin Rose Bosch mit „Le Rafle“ (Die Razzia) ausgerechnet in diesen Tagen ein peinliches Thema ausgesucht hat: die Kollaboration des Vichy-Regimes mit den Nazis, ein heißes Eisen, zu dem Jacques Chirac 1996 feststellte: „An jenem Tag beging Frankreich, Heimat der Menschenrechte, einen nicht wiedergutzumachenden Schaden und lieferte seine Schützlinge an ihre Henker aus.“ Einige tausend französische Polizisten hatten Mitte 1942 über 13000 zum Teil von der Zivilbevölkerung denunzierte Juden verhaftet, interniert und den Deutschen zum Abtransport in die Vernichtungslager überlassen. Vor diesem Hintergrund ist „Welcome“ natürlich ein unbequemer Film. Aus gutem Grund.

Auflösung der Zivilgesellschaft
Lioret nutzt die Figur des unpolitischen Schwimmlehrers Simon, der die Migranten eher mit diffuser Ablehnung und Misstrauen betrachtet, um unaufdringlich zu zeigen, wie sich eine zivile Gesellschaft zuerst den Rändern auflösen kann.
Ganz am Anfang sehen wir Simon und seine Ex-Frau Marion in einem Supermarkt. Der Geschäftsführer hat einen ruppigen Wachdienst angeheuert, um zu verhindern, dass Migranten in seinem Markt legal einkaufen. Marion ist empört, Simon reagiert gleichgültig. Erst als Simon damit beginnt, Bilal gegen Bezahlung das Schwimmen beizubringen, beginnt er, sich für das Schicksal der Migranten zu interessieren. Und nur wenig später wird es Marion sein, die Simon davor warnt, sich zu stark zu engagieren.
„Welcome“ ist kein hölzerner Thesenfilm und glücklicherweise versagt sich Lioret die nahe liegende Option, die Geschichte Simons als die einer zunehmenden Politisierung zu erzählen. Simon bleibt auf sympathische Weise indifferent und damit glaubwürdig. Als er Bilal und einen seiner Freund in seiner Wohnung übernachten lässt, findet er vor Furcht und Misstrauen keinen Schlaf. Simon sieht dennoch spontan-empathisch das Einzelschicksal, ihn rührt Bilals ungebrochene Sehnsucht nach der fernen Freundin, erst recht, als dieser erfährt, dass Mina zwangsverheiratet werden soll.
Diese eher väterliche Freundschaft führt Simon zunächst ahnungslos immer mehr an die Randzonen der Gesellschaft: er sieht, wie die Hilfsorganisationen, die im Hafen die Migranten mit Essen und Kleidung versorgen, gewalttätigen Repressionen ausgesetzt sind. Wenn er nachts durch Calais fährt, muss er beobachten, wie militärisch gekleidete Kräfte eines unbekannten Einsatzkommandos bewusstlos geschlagene Migranten durch die Straßen schleifen. Er sieht dies, sagt nichts, aber tut das, was er glaubt tun zu müssen.
Die Folgen bleiben nicht aus. In Simons Leben löst sich in kleinen Schritten die Normalität auf: Nachbarn beschweren sich, weil er fremdartig aussehende Männer in seine Wohnung lässt, es folgen Denunziationen und Razzien, bei denen die Polizei ohne Durchsuchungsbefehl seine Wohnung durchsucht und ihm erklärt wird, dass allein schon der Kontakt zu Irakern und Afghanen ihn ins Gefängnis bringen kann. Die Druck- und Drohkulissen sind ungeheuerlich und als Zuschauer kämpft man mit seinen Zweifel: zu unglaublich sind zivilen Auflösungserscheinungen im Mutterland der Aufklärung, im Herzen einer demokratischen europäischen Nation, die unser Nachbar ist.

"Welcome" ist in jeder Hinsicht ein unbequemer Film. In vielen Szenen sprechen die Illegalen ihre Muttersprache, der Zuschauer muss sich mit Untertitel abfinden. Trotz einer konventionellen Storyline, Love-Story und Scheidungsdrama inklusive, kommt keine Sentimentalität auf. Zu hart, zu dokumentarisch ist Liorets Erzählstil, der in Interviews nicht müde wurde, seine Abneigung gegen politische Filme zu bekunden. Den harmlosen Geschichtenerzähler nimmt man ihm nicht ab, wohl aber den Filmemacher in bester Tradition des politisch-realistischen Kinos. Lioret führt uns unsere Hilflosigkeit im Umgang mit der Migrationsproblematik vor und nach Sarrazin sollten wir uns davor hüten, mit dem dicken Finger auf unsere Nachbarn zu zeigen. In kurz angerissenen, aber schmerzhaften Szenen zeigt uns "Welcome" aber auch, dass das Denunziantentum und die Willfährigkeit der staatlichen Vertreter, die ja nur ihre Pflicht tun, offenbar in jeder Gesellschaft darauf warten, dank veränderter politischer Bedingungen und einem entsprechenden Zeitgeist wieder aus den Löchern kriechen zu können. Es gehört zu den Stärken des Films, dass Lioret all dies  unaufdringlich erzählt, als langsamen Prozess einer Vergiftung zivilen Denkens, bei dem einem Angst und Bange werden kann. 
Ein anderer Schock erwartet den Zuschauer am Ende. Lioret versagt uns ein tröstendes Happy-End und Bilals Schicksal erfüllt sich 800 m vor der englischen Küste. Fast hätte er es geschafft.

Quellen:
Rencontres – das deutsch-französische Magazin: http://www.rencontres.de/Aktualitaet.74.0.html?&L=0 - 16629

Preise:
  • Preise der Ökumenischen Jury
  • Label Europa Cinemas
  • Publikumspreis
  • Lux Preis
  • Bestes Drehbuch
  • Special Prize of the Young Jury
  • Grand Prize for Dramatic Feature (Großer Preis für Filmdrama)
  • Lumière Award für besten Film
  • Burgas Municipality Award 'Silver Sea-Gull'

Im Filmclub wurde "Welcome" regelrecht gefeiert und mit Bestnoten überhäuft:
Noten: BigDoc = 1,5, Mr. Mendez = 1, Melonie =1, Klawer = 1,5

Dienstag, 8. Februar 2011

„Salt", „Knight and Day", „Red": Der Niedergang des Actionkinos


Überprüft man die Maxime *Höher, schneller, weiter“ auf ihre Praxistauglichkeit, wird man feststellen, dass sie im sportlichen Wettbewerb auf unüberwindliche Hürden stößt, während sie im kulturindustriellen Komplex zeitlich befristet durchaus funktionieren kann. Man starrt wie gebannt auf die jeweils neuen Superlative, besonders auf das technisch Machbare, solange, bis man die hochauflösende Qualität der digitalen Informationen für wichtiger als die Ästhetik des gestalteten Bildes hält, solange, bis man bizarr übersteigerte Plots für bedeutsamer als eine einfühlsame Reflexion der eigenen Lebensbefindlichkeiten einschätzt. Und das solange, bis sich der Affenzirkus trotz aller Anstrengungen nicht mehr steigern lassen und am Ende im Grotesken, in der Wiederholung und im Selbst-Referentiellen erstickt.
Dabei gilt eine Regel: man kann nicht damit aufhören! 
Unausweichlich ist dann jedoch, wie die Erfahrung lehrt, ein Ermüdungseffekt, der sowohl jene einschließt, die aktiv am Steigerungswahn mitwirken, als auch jene, die als Rezipienten passiv dem Geschehen beiwohnen. Schieben wir bei derartigen Betrachtungen die ökonomischen Härten der Arbeitswelt und den glitzernden Schein der Welt des professionellen Sports beiseite und betrachten zuvörderst das Kino, so verstärkt sich der Eindruck, dass die tempogeladene Rastlosigkeit des Actionskinos bereits anankastische Züge trägt.
Höher, schneller, weiter: Gäbe es eine Psychopathologie des Kinos, so würde in ihren Beschreibungskanon eben jene Zwanghaftigkeit aufgenommen werden müssen, die in steter Gleichmäßigkeit Filme auf den Markt schaufelt, die auf ordinäre Weise dumm sind.

Wiederholung als Geschäftsprinzip
Solche Thesen setzt man nicht ungestraft in die Welt. Es gilt also zwei Arbeitsfragen zu beantworten: Was ist dummes Kino und sind jene, die es schaffen, selbst dumm?
Bevor man sich als Cineast jedoch in der Pose intellektueller Selbstbemitleidung verströmt, sollte man die Forderung der großen Phänomenologen Husserl ernst nehmen: „Zu den Sachen!“. In unserem Fall möchte ich Signifikantes an Filmen wie „Salt“, „Knight an Day“ und „Red“ abarbeiten, um zu zeigen, dass das Actionkino voll und ganz auf dem Schlauch steht.

„Salt": eine CIA-Agentin wird von einem russischen Überläufer beschuldigt, ein Maulwurf in Diensten des russischen Geheimdienstes zu sein. Beim Versuch, sich zu rehabilitieren, deckt sie eine Verschwörung auf, die die atomare Zerstörung der Vereinigten Staaten zum Ziel hat. Die Hauptfigur rennt um ihr Leben und ballert wie wild.
„Knight and Day": ein Geheimagent wird verdächtigt, eine neue Super-Batterie auf eigene Rechnung zu verscherbeln. Beim Versuch, sich zu rehabilitieren, decken er und seine unfreiwillige Partnerin eine ungeheuerliche Verschwörung auf. Die Hauptfiguren rennen und ballern wie wild.
„Red": ein pensionierter CIA-Agent soll von einem Elite-Killerkommando liquidiert werden. Bei der Suche nach den Hintergründen entdeckt er eine ungeheuerliche Verschwörung, die er mit einigen bereits in Rente gegangenen Ex-Kollegen aufdeckt. Die Hauptfiguren rennen und ballern wie wild.

Dererlei Plots lassen sich reduktionistisch auf die erwähnten Kategorien des Grotesken, der Wiederholung und des Selbst-Referentiellen herunterbrechen. 
Grotesk ist der hybride Comic-Charakter der Figuren. Angelina Jolie wirkt in „Salt“ wie eine jedes Maß vermissende Potenzierung des „24“-Helden Jack Bauer; Tom Cruise ist in „Knight and Day“ als augenzwinkernd-ironische Variante des gleichen Typus nur unwesentlich erträglicher, während in „Red“ ein Killerquartett (Bruce Willis, John Malkovich , Morgan Freeman, Helen Mirren) bizarr überzeichnet wird, ohne dass sich das Lachen einstellen will, während sich gleichzeitig ein Gefühl der Lächerlichkeit quälend breit macht. Auch hier stellt sich die Frage: ist das Medium lächerlich oder sind wir es bereits, die wir alles klaglos über uns ergehen lassen?

Mit der Wiederholung und dem Selbst-Referentiellen macht sich in der Rede über Kino ein analytischer Ansatz aus der Systemtheorie breit, der sich erstaunlicherweise mit der ahnungsvoll-intuitiven Wahrnehmung von Filmen gleichschaltet. Nur selten trifft elaborierte Theorie so treffsicher das Gefühl der Leere, das sich in uns nach dem Betrachten dummer Filme breit macht.
In „Red“ erkennt man die Wiederholung an dem Umstand, dass der Plot nichts weiteres als eine unverschämt lieb- und humorlose Variante des Films „Space Cowboys“ ist, während „Knight and Day“ das Buddy Movie nicht um eine weitere Variante bereichert, sondern sattsam bekannte Vorbilder zitiert. Der Teebeutel wird nicht zweimal, sondern immer und immer wieder aufgegossen.
Das alles spüren wir und erstaunlicherweise benötigt die Kulturindustrie eine gewisse Zeit, um in uns das Gefühl des wohlig Vertrauten durch einen zunehmenden Widerstand zu ersetzen, der zwar die Wiederholung des Immergleichen als lästig empfindet, dem aber bereits die reflexive Potenz abhanden gekommen ist, die vonnöten wäre, um zu erklären, wo dieses Gefühl des Widerstands denn herrührt. Anders gesagt: man fühlt sich verarscht, kann aber nicht mehr beschreiben, wie denn eine denkbare Alternative auszusehen hätte.

Kein Blick auf die Realität
In der hermetischen Abschottung des schlechten Genrekinos mit der nicht enden wollenden Variierung vertrauter Muster, die zum Beispiel dahin führt, dass bereits ein Remake von „Total Recall“ angekündigt wird, weil es nach 20 Jahren ‚an der Zeit’ ist, den Film in neuem Gewand zu präsentieren, überstrahlt das Selbst-Referentielle als Epiphanie des Nichtssagenden schließlich das marode System industrieller Filmproduktion, wobei unter Systemtheoretikern als primäres Kriterium gilt, dass die derart beschriebenen Systeme sich im Selbstbezug stabilisieren und sich darin hermetisch von ihrer Umwelt abschließen. 
Vor diesem Hintergrund gilt als verschroben, wer ernsthaft danach fragt, warum die Kulturindustrie keine Produkte herstellt, in denen die Menschen etwas darüber erfahren, warum so viele Zeitgenossen arbeitslos um ihre Existenz bangen. Als realitätsblind gilt gar, zu fragen, warum der gemeine Pöbel in der Kunst schon längst nicht mehr erfährt, wer warum und mit welchen Mitteln herzlose Bankgeschäfte durchführt und dabei ganze Währungssysteme vor die Wand fährt.
Kultur, wenn sie denn welche wäre, müsste doch wenigstens gelegentlich die unmittelbaren Fragen unserer Existenz zu beantworten versuchen, während wir gleichzeitig ahnen, dass wirklich alles denkbar ist, nur das eben Genannte dabei in Gänze auszuschließen ist. Fragen unserer Existenz? Lachhaft! Und das Schlimmste: die wenigsten erinnern sich noch an das ihnen abdressierte Bedürfnis.

Wer ist eigentlich der Dumme?
Nun, da wir wissen, was dummes Kino ist, bleibt die Frage übrig, ob denn die, die es produzieren, auch selbst dumm sind. Sie sind es nicht, denn es ist ein großes Einfühlungsvermögen erforderlich, um zielsicher Filme zu produzieren, die massenwirksam sind und somit geeignet, die erforderlichen Rendite einzufahren. Es ist sicher kein Zufall, dass es im Business intelligente Executive Producer wie Lorenzo di Bonaventura gibt, denen als CEO erfolgreiche Filme wie Constantine, Transformers, Transformers: Revenge of the Fallen, Salt und Red gelingen. Man erkennt durchaus eine Spezialisierung und ein weitreichendes Verständnis für die Bedürfnisse der Zielgruppe(n).
Traurig und komisch zugleich ist es dann, dass Filmkritiker die reißbrettartig geplanten Industrieprodukte immer noch wie blödsinnig auf Inhalt, Ästhetik und Genretraditionen abklopfen, alles in eine auf den Regisseur bezogene Werkgeschichte hineindeuten, so als wäre es möglich, in einer Autofabrik am Ende des Montagebandes in den völlig gleichartig produzierten Vehikeln ein Charakteristikum des Einzigartigen zu finden.
So gesehen sind die Kritiker in ihrem formelhaften Durchdeklinieren bildungsbürgerlicher Traditionen kaum weniger dumm als die Konsumenten, die sich an der Kinokasse ebenso abmelken lassen wie beim Kauf hochwertiger Datenträger.

Im Bann des Ähnlichen
Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit“, haben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung geschrieben und man darf sich sicher sein, dass dank der vollständigen Durchökonomisierung alles Lebensäußerungen derartiges kaum noch verstanden wird. Kulturindustrie hat den Mythos der demokratischen Teilhabe am kulturellen Geschehen so sehr verankert, dass jener, der vehement seine Wahlfreiheit im bunten Selbstbedienungsladen der Medien beteuert, längst nicht mehr die Illusion derartiger Beteuerungen erkennt. Adorno hat dies so zusammengefasst: früher durfte man nicht wagen frei zu denken; mittlerweile sei dies möglich, aber nun könne man es nicht mehr, weil man abgerichtet sei, das denken zu wollen, was man wollen soll. Und eben dies würde als Freiheit gedeutet.
Man kann dies an den leidigen Diskussionen erkennen, die entstehen, wenn man zum Beispiel einen Film von Werner Herzog im größeren Kreis verhandelt. Die Aversion, die einem entgegenschlägt, gipfelt dann immer in der Frage, was dies denn zu bedeuten hat. So, als würde sich etwas an der Aversion ändern, wenn man denn in der Lage wäre, so etwas wie Bedeutung in griffige Worte zu kleiden. Dabei wird übersehen, dass die Aversion nicht aus dem Fehlen von Deutungsinstrumentarien herrührt, sondern aus der Wahrnehmung des Andersartigen und des von der Norm Abweichenden. Dieses Abweichende können wir längst nicht mehr hinnehmen. 
Ähnlichkeit beruhigt uns und zoologisch sind wir bereits Hamster im Laufrad. Nur gelegentlich streift uns ein Gefühl der Unruhe und wir ahnen, dass das Actionkino am Ende ist und Bruce Willis sich wohl zu Recht in die Rente begeben hat.

Dienstag, 25. Januar 2011

Top Ten 2010 - Part II

Top 11 - 20
Wie versprochen hier der Rückblick auf die Plätze 11 – 20 unserer Jahresbestenliste.
James Camerons „Avatar“ landete überraschend nur auf Platz 11. Warum überraschend? Der entscheidende Grund liegt in den Noten nach der Erstaufführung im Club, wo ein Mitglied den Film mit einer doch recht herben 3,5 abstrafte. Ich selbst vergab nur eine 2,5, schrieb dann aber enthusiastische Kritik und korrigierte mich quasi dank der durch das Schreiben zusätzlich gewonnener Einsichten in die Struktur des Films. Dies widerum führte dazu, dass auch der missmutige Kritiker nach der Lektüre der Kritik am liebsten eine bessere Note gegeben hätte – doch das kam zu spät, da nun mal der erste Eindruck zählt. Eine posthume Nachbewertung des Films hätte ihn vermutlich auf den geteilten 1. Platz katapultiert, aber Regel ist Regel und darin besteht auch der Reiz eines Clubs, der spontan und unmittelbar seine Eindrücke verarbeitet. Heute, also ein Jahr später, ist noch klarer geworden, dass Cameron das ungewöhnliche Kunststück fertiggebracht hat, einerseits perfektes Popcorn-Kino vorzulegen, dies aber raffiniert mit einigen kulturkritischen Implikationen spannend aufzuladen. Letzteres dürfte auch den Arthouse-Fan ansprechen und dank dieser Mischung bleibt der Film ein spannungsgeladenes Stück Kino, das man sich wohl noch einige Male anschauen kann.
Packend war auch das Regiedebüt von Cary Fukanaga, der à la „City of God“ mit „Sin Nombre“ ein hartes und realistisches Gangdrama ohne versöhnlichen Ausgang inszenierte. Die unterschiedlichen Handlungsfäden werden durch den Versuch einiger Hundert Mexikaner zusammengehalten, die per Güterzug versuchen, illegal in die Staaten zu gelangen. Für den Europäer ist Fukanagas Film wie der Blick durch ein verbotenes Schlüsselloch. Man schaut hindurch und studiert gefahrlos eine von Stammesriten, barbarischen Moralcodes und exzessiver Gewalt streng reglementierte Welt, in der die Initiationsrituale fast noch schlimmer sind als die Verbrechen, die von der Gang verübt werden. Zivilisation ist alles andere als ein sicheres Gut, nur in der westlichen Demokratie halten Gewalt und Terror noch nicht in diesem Umfang Einzug in die Gesellschaft. Zumindest glaubt man dies. 14 Tage vor der Niederschrift dieser Zeilen haben in meiner Heimatstadt zwei 12-Jährige einen 10-Jährigen überfallen und mit Klappmessern versucht, dem Kind das Geld abzunehmen. Der Boden der Zivilisation ist dünn.
Mit „Brooklyn’s Finest” von Antoine Fuqua landete ein Cop-Film auf Platz 13. Früher hätte man von einem Kriminalfilm gesprochen, aber die Tendenz, den klassischen Genrebegriffen Sub-Genres hinzuzufügen, ist in diesem Fall gerechtfertigt, besonders in Hinblick auf die stilistischen Veränderungen, die von Robert Altman über den Autoren Paul Haggis zu den modernen Exemplaren des Genres führen. Die Auflösung der linearen Erzählweise durch Flashbacks und Cross-Cutting hat das Publikum adaptiert. Auch die komplexen Erweiterungen dieser Schemata durch multiple Handlungsstränge, die auf fast magische Weise am Ende zusammengeführt werden, sind akzeptiert worden. Ich persönlich finde dies gelegentlich aber schon wieder verbraucht. Oder profaner formuliert: ausgelutscht. „Brooklyn’s Finest” variiert diesen Stil sehr virtuos und insgesamt kommt auch veritables Kino dabei heraus, allerdings zahlt man dafür den Preis, dass alles am Ende etwas zwanghaft und schicksalhaft wirkt. Ich denke, dass die Zeiten der linear erzählten straighten Story nicht vorbei sind.
„Precious“ von Lee Daniels wird wie „Sin Nombre“ von dem voyeuristischen Entsetzen getragen, das uns beim Blick in eine fremde, brutale Welt überkommt. Als Sozialdrama über eine schwer übergewichtige Analphabetin, das von der Mutter misshandelt und vom Vater vergewaltigt wird, schafft es der Film irgendwie alle sentimentalen Cinderella-Motive zu vermeiden. Genauso ‚irgendwie’ ist dies auch ein typisch amerikanischer, der trotz seiner fast dokumentarischen Qualitäten den ‚American Dream’ schürt, obwohl die meisten Kritiker der Meinung waren, dass eben dies nicht der Fall ist. Keine Aufregung: in seiner Essenz ist der ‚American Dream’ ja nicht Schlimmes und Filme dieser Art erträgt man besser, wenn man am Schluss etwas Licht am Ende des Tunnels sieht. „Precious“ wurde ohne Kontroversen im Club sehr gut aufgenommen: alle gaben dem Film eine 2,5.
Clint Eastwoods „Invictus“ dürfte die Fans des Sportfilms ansprechen, auch wenn viele Kinogänger möglicherweise nicht einmal wissen, wer Nelson Mandela ist. Den intellektuelleren unter ihnen dürfte dafür die Rugby-Weltmeisterschaft herzlich egal. Da kommt ein geradezu klassischer Erzähler wie Eastwood gerade recht, um beide Zielgruppen zu bedienen und noch einmal ein spektakuläres Kapitel südafrikanischer Geschichte aufzuschlagen. Und tatsächlich sieht man gediegenes, handwerklich ausgezeichnetes Kino, das nicht sonderlich verstört oder aufregt. Etwas bieder ist der Film schon geraten, aber man nickt ihn ab, weil seine Moral aller Ehren wert ist. Und mal ganz ehrlich: Morgan Freeman ist wieder klasse, oder?
Auf dem 16. Platz landete „MR 73“ von Olivier Marchal. Man sieht dem Film über einen alkoholkranken und moralisch zerrütteten französischen Cop an, dass Marchal ein Fan von Jean-Pierre Melville und Henri Verneuil ist. Allerdings wird die Dramatik in „MR 73“ gelegentlich zur Melodramatik und ein Schuss Melvillscher Strenge in Form und Schauspielerführung hätte dem Projekt sicher gut getan. So fiel Marchal, der 2004 mit „36 – Tödliche Rivalen“ in Frankreich einen viel beachteten Erfolg erzielte, mit „MR 73“ komplett bei der Kritik durch. Und auch ich habe diesen Streifen mittlerweile aus meinem Filmgedächtnis gestrichen.
Auf dem 17. Platz landete die deutsche Komödie „Die Schimmelreiter“ von Lars Jessen, die offen gestanden ein wenig bezeichnend ist für die durchschnittliche Qualität der gesehenen Filme: Ganz nett, aber früher garantiert unter „ferner liefen“ angeführt.
 „Kick Ass“ von Matthew Vaughn sorgte (natürlich) für Trouble im Filmclub. Abgesehen von Mr. Mendez, der Comic-Verfilmungen grundsätzlich nicht mag, war der Rest begeistert und irritiert. Letzteres möglicherweise wegen des Vergnügens, das wir bei diesem brachial-brutalen Film hatten. „Kick Ass“ ist das ‚schwarze Schaf’ unter den Comic-Verfilmungen und im Vergleich zu dem prolligen Duktus des Films ist „The Dark Knight“ geradezu elitäres Kunstkino. Matthew Vaughn hat nur Klamauk im Sinn, aber dies gelingt ihm auf so originelle und spritzige Weise, dass die Geschichte eines verhinderten Superhelden das Bizarre und schamlos Übertriebene, das einem Comic nun mal innewohnt, verblüffend gut herausarbeitet. Dabei ist das satirische Moment des Films aufgrund der expliziten Gewaltorgien sehr ambivalent: es befeuert das eigene Geschäft an der Kinokasse und nimmt es gleichzeitig auf die Schippe. Und so hat man leider ein schlechtes Gewissen beim Hinschauen.
Das hat man auch bei dem Kandidaten auf Platz 19: „My Name is Khan“ ist ein Bollywood-Film ohne Singen und Tanzen, der aber in Amerika spielt und kräftig „Forrest Gump“ geplündert hat. Auch dieser Film schafft es trotz schärfster cineastischer Bedenken, den Zuschauer mit Charme und naivem Witz zu übertölpeln. Ob der Film ein zweites Betrachten übersteht, sei dahingestellt. Was ihn auf jeden Fall rettet, ist die rigorose Darstellung des ganz normalen amerikanischen Rassismus mitsamt der leider nicht ganz unberechtigten Terror-Paranoia, die einen muslimischen Inder, der zudem noch am Asperger-Syndrom leidet, in die Mühlen des Gesetzes und eines ungerechten Schicksals befördert. „Mein Name ist Khan und ich bin kein Terrorist“ hat jedenfalls das Zeug zum geflügelten Wort und auch die ganz beinharten Kinogänger brauchen ab und an eine Dosis mühsam unterdrückter Tränen. Lassen wir es dabei.
Last but not least schlug auf Platz 20 mit “Sherlock Holmes” ein Film auf, der gepflegtes Mainstream-Kino mitsamt einer unerwarteten Beschleunigung des klassischen Krimihelden mit sich führte. ‚Wolverine’ Hugh Jackman als Sherlock Holmes und Jude Law als Dr. Watson sind eher ein flottes ‚Hit and Run’-Team, als dass sie durch gepflegte Analysen am Kamin ihren Fall vorantreiben. Das ist Kino von der Stange und wirklich keinen zweiten Blick wert. Ich muss nur noch ein Rätsel lösen: Warum habe ich dem Film eine 2,5 zugestanden? Vielleicht hilft mir der Meisterdetektiv dabei.

Die schlechtesten Filme 2010
Was wäre ein Rückblick ohne kräftiges Abledern der Flops? Erstens macht es Spaß, zweitens bringt es alle auf die Palme, die diese Filme in ihre private ‚Best of’-Liste aufgenommen haben und drittens dient es als Beleg, dass wir uns gelegentlich zwar irritieren, aber nicht veräppeln lassen.
Miesester Film des Jahres wurde mit großem Abstand „The book of Eli“. Wir haben alle „Mad Max“ gesehen und „The Postman“ und damit ist der Bedarf gedeckt. Erst recht, wenn sich ein Film um einen post-apokalytischen Killer dreht, der die Bibel auswendig gelernt hat.
„Gegen jeden Zweifel“ von Routinier Peter Hyams ist eines jener Remakes, die man auch dann nicht braucht, wenn alle anderen Filme urplötzlich vernichtet werden. Was Michael Douglas außer seinem Honorar bewogen hat, in diesem völlig lustlosen und auch handwerklich miesen Gerichtsdrama mitzuwirken, bleibt sein Geheimnis.
„From Paris with Love“ entstand nach einer Story von Luc Besson, der schon bessere Tage gesehen hat. Hier hat jemand die platte Eindimensionalität eines Ego-Shooters in einen Kinofilm übertragen, den testosteron-geladene Mega-Prolls sicher lustig finden.
Restlos umstritten war das Abwatschen von „Louise hires a contract killer“. Ich fand diese französische anti-kapitalistische Komödie recht amüsant, blieb aber mit dieser Auffassung allein. Zwei Clubberer nagelten den Film mit jeweils 4,5 förmlich an die Wand. Ich bin sicher, dass ich den beiden keinen Film von Aki Kaurismäki zeigen darf…oupps.
Völlig von der Rolle war unserer Ansicht nach Steven Soderbergh, von dem wir viele gute Filme gesehen haben. „Der Informant“ fiel bei uns völlig durch: Matt Damon als hirnrissigen Idioten zu erleben, fanden wir alle nicht erheiternd und dass der Film eine bitterböse Farce sein soll, ist uns vor lähmender Langeweile auch entgangen.
Das waren die größten Flops des Jahres! Erwähnenswert ist noch, dass mit „Kommissar Bellamy“ der letzte Film des kürzlich verstorbenen Meister-Regisseurs Claude Chabrol durchgewinkt wurde, was auch Neil Burgers (Der Illusionist) flacher Komödie „The lucky-ones“ zuteil wurde. Es floppten auf den Folgeplätzen „Fanboys“, „Die Gräfin“, der Sci-Fi-Thriller „Pandorum“, aber völlig überraschend auch „In meinem Himmel“ von Peter Jackson.

Close but no cigar
Es ist ein Jammer: die besten Filme wurden wieder einmal nur von zwei Clubberern gesehen, was ein offizielle Wertung verhinderte. Dennoch verdienen sie es, mit viel Mitgefühl erwähnt zu werden (Noten in Klammer): „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ (1,5), einer der schönsten Filme der letzten Jahre; das unter die Haut gehen Schuldrama „Klass“ (1,5); das wunderschöne Tolstoi-Biopic „Ein russischer Sommer“ (2,25); die charmante Komödie „Mrs. Potter“ (2,5); Jason Reitmans mal bissige, mal nette Komödie „Up in the Air“ (2,5) und Steven Soderberghs epochales Che Guevara-Biopic „Che 1 & 2“ (2,5) – alles Kandidaten für Platz 1, hätte sie doch nur jemand gesehen! Und natürlich „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“

In der Jahreswertung landeten 51 Filme, das ist leider sehr wenig, da von uns früher Zahlen von 70 – 100 erreicht wurden. Auch die Noten waren früher besser und es ist schon bemerkenswert, dass wir im letzten Jahr keinen Film mit einem Notenschnitt von unter 2 dabei hatten.
Das war’s für 2010. Schauen wir mal, ob das nächste Jahr besser wird.

Montag, 24. Januar 2011

The Social Network

USA 2010 - Regie: David Fincher - Darsteller: Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake, Brenda Song, Rashida Jones, Joseph Mazzello, Rooney Mara, Malese Jow, Armie Hammer, Max Minghella - FSK: ab 12 - Länge: 121 min.

David Finchers Biopic über den „Facebook“-Initiator Mark Zuckerberg ist eine verschachtelte und sehr distanzierte Betrachtung des verstrickten Rechtsstreits um die möglicherweise populärste Web-Community der Gegenwart. Das Hauptproblem des Films ist sein Sujet: Fincher präsentiert einen gerissenen Nerd, der (vermutlich) seine Freunde übers Ohr gehauen hat und nicht einmal als Negativfigur richtig funktioniert. Filme mit einer lauwarmen Hauptfigur sind selten erfreulich. Fincher schafft den Spagat, ohne dass rechte Freude aufkommt.
Als der Harvard-Student Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg, „Zombieland“) an einem herbstlichen Abend des Jahres 2003 von seiner Freundin den Laufpass erhält, ist die Figur bereits klar konturiert: das junge Computergenie ist weitgehend empathiefrei und auf eine naive Weise arrogant – und, so stellt seine Freundin Erica fest, „einfach ein Arschloch“. So schafft man sich keine Freunde.
Um sich für die Abfuhr zu rächen, hackt Mark den Campus-Server und stellt kurz entschlossen mit FaceMash eine Site ins Netz, die es seinen männlichen Kommilitonen erlaubt, die weiblichen Studentinnen der Elite-Universität einem Sex Appeal-Rating zu unterziehen. Die Seite wird ein Hit.
Schon bald werden mit Cameron und Tyler Winklevoss zwei Upper Class-Studenten auf Zuckerberg aufmerksam. Ihre Idee ist einfach: ein elitäres soziales Web-Netzwerk zu entwickeln, für das Zuckerberg der geeignete Programmierer zu sein scheint. Zuckerberg lässt sich überzeugen, taucht dann aber ab und programmiert auf eigene Faust und finanziell unterstützt von seinem engen Freund Eduardo Saverin (der neue „Spider-Man“ Andrew Garfield) ein eigenes Projekt: thefacebook.com. Es ähnelt, zumindest in groben Zügen, der Vision der Winklevoss-Zwillinge. Der Ärger ist natürlich vorprogrammiert.

„Ich rede davon, sämtliche sozialen Erlebnisse im College online zu stellen.“
„Facebook“ hat Mark Zuckerberg zum jüngsten Milliardär aller Zeiten gemacht. Der Weg an die Spitze war mit Prozessen und ruinierten Beziehungen gepflastert.
Während sich Zuckerberg mit den Ansprüchen des eiskalt abservierten Saverin und den Urheberrechtsansprüchen der Winklevoss-Brüder auseinandersetzen muss, rollt Fincher diesen Aspekt der Story mit einer Serie von Flashbacks auf, die zweifellos einige Innenansichten des Facebook-Gründers und auch einige Spotlights auf die Web-Kultur erlauben. Die Aktualität des Sujets ist auch dessen größtes Problem, denn immer noch scheint die Frage nach der Urheberschaft des Ganzen umstritten zu sein. Umstritten ist deshalb auch die Authentizität des Films, die – je nach Position der Betroffenen – im höchsten Maße gelobt wird, während die Pro-Zuckerberg-Fraktion eher Zweifel anmeldet.

 Fincher hat sich mit Zodiac (2007) auf etwas Ähnliches eingelassen, nur hatte man dort den Eindruck, dass sich Realität und Mythos einigermaßen die Waage gehalten haben. Das lag auch daran, dass Fincher in Zodiac neben dem obligatorischen „Whodunit“-Plot auch gelungene Portraits der Killer-Fahnder abgeliefert hat, deren Obsession beim Zuschauer durchaus Teilnahme und Sympathie auslösen konnte. Zumindest ging mir das so, während die „Facebook“-Kultur und die Beweggründe ihrer Fans mir leider ebenso verschlossen bleiben wie die Motive des fiktiven Zuckerberg, der irgendwo zwischen eiskalt und infantil verortet ist. Vermutlich liegt dies daran, dass für mich das fröhliche Exhibitionieren im World Wide Web irgendwie wesensfremd geblieben ist. Allein schon die spektakuläre Laxheit der Betreiber im Umgang mit persönlichen Daten jagt mir kalte Schauer über den Rücken.
Auf der anderen Seite ist es aus kulturkritischer Sicht sicher ein Phänomen allererste Güte, wenn man mit einer an sich recht schlichten Idee den Zeitgeist mitten ins Mark trifft und plötzlich Millionen scheffelt. Es ist der auf brachiale Weise fleischgewordene American Dream, der sich hier austobt.
Derartige Reflexionen tauchen in „The Social network“ höchstens am Rande auf, was man dem Film allerdings nicht vorwerfen mag, hat Fincher sein Thema doch eindeutig definiert: es geht um den Aufstieg eines jungen Mannes, der seine Post-Adoleszenz-Probleme auf grandiose Art vergoldet und dabei in das Netzwerk gewiefter Haifische im undurchsichtigen Geflecht atemberaubender finanzieller Transaktionen gerät. Sei es nun der Mitgründer der Musiktauschbörse Napster Sean Parker (Justin Timberlake) oder der hoch-intelligente PayPal-Finanzier Peter Thiel (über den man wahrscheinlich einen noch interessanteren Film machen könnte) – die Liste der Geldgeber, die das Projekt entschlossen pushten, ist lang: sie reicht von Microsoft bis hinzu Goldman Sachs und Mail.ru. Auf 50 Milliarden US-Dollar wird Facebook geschätzt und Zuckerberg hält 24% des Unternehmens.

Konventionelles Portrait einer Schattenwelt
Zum Glück hat sich David Fincher nicht vom hektischen Gebaren dieser Schattenwelt anstecken lassen. „The Social Network“ ist ein erstaunlich ruhiger und konventioneller Film, dessen Montage erstaunlich wenig persönlichen Stil erkennen lässt. Nur einmal, als Fincher ein traditionsreiches Ruderrennen ins Bild setzt, blitzt sein Gespür für beeindruckende Motivwahl und eleganten Rhythmus auf.
Vielleicht ist der gelassene und distanzierte Erzählstil auch angemessen. Während sich die Figuren Finchers im Rausch des Geldverdienens beschleunigen und selbst enge Freunde Zuckerbergs auf der Strecke bleiben, tritt Fincher immer wieder auf die Bremse und konterkariert damit das irrwitzige Tempo einer fremdartigen Welt. Vielleicht ist das auch gewollt und am Ende wird man „The Social Network“ in einigen Jahren als das sehen, was auch Oliver Stones „Wall Street“ einmal gewesen ist: das Portrait einer menschenfeindlichen Kultur, die eine simple Kontaktbörse in eines der erfolgreichsten Geschäftsmodelle der Gegenwart verwandelt hat. Das Wesen dieser Kultur erkennt man nur erkennt, wenn man einen Blick hinter die Kulissen wirft oder eine persönliche Tragödie shakespeareschen Ausmaßes skizziert. Aber „The Social Network“ ist nicht Citizen Kane und Zuckerberg hat auch kein „Rosebud“-Geheimnis.
Im Falle von „Wall Street“ hat die Realität den Film längst überholt. Hoffen wir, dass dies nicht mit „The Social Network“ geschieht, denn ich habe gewisse Zweifel, ob ich mich in diesen neuen Zeitläuften wohl fühlen würde.

Note: BigDoc = 2,5

Mittwoch, 19. Januar 2011

My Son, My Son, What Have Ye Done

USA, Deutschland 2009, Laufzeit: 91 Minuten, Regie: Werner Herzog. Drehbuch: Herbert Golder, Werner Herzog. Darsteller: Willem Dafoe, Chloë Sevigny, Brad Dourif, Michael Shannon, Loretta Devine, Udo Kier, Michael Peña, Grace Zabriskie, Irma P. Hall, James C. Burns, Verne Troyer

Ein junger Mann ersticht seine dominante Mutter mit einem Säbel: basierend auf einer wahren Geschichte lässt sich Werner Herzog in „My Son, My Son, What Have Ye Done“ auf die ungewöhnliche Darstellung einer Psychose ein und verletzt wieder einmal die am Mainstream orientierten Sehgewohnheiten durch eine besondere Sensibilität, die selbst etwas ver-rückt zu sein scheint.

Detective Hank Havenhurst (Willem Dafoe) wird mit seinem Partner Vargas in einen Vorort von San Diego gerufen, um einen Mord aufzuklären. Der vermeintliche Täter hat sich in einem Nachbarhaus mit zwei Geiseln verschanzt und natürlich droht der Einsatz eines SWAT-Teams, das wenig zimperlich sein wird. Havenhurst nutzt die Zeit, um durch Gespräche mit Nachbarn, Freunden und Bekannten herauszufinden, was Brad McCullum bewogen haben mag, seine Mutter mit einem Säbel aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg umzubringen. Schon bald wird klar, dass sich Brad nach der Rückkehr von einer Rafting-Expedition in Peru, bei der seine Freunde ertrunken sind, auf seltsame Weise verändert hat. Und immer deutlicher wird, dass Brads fast obsessive Identifikation mit seiner Rolle in der Theatergruppe seines Freundes Lee Myers (Udo Kier) ein besonderer Katalysator ist: Brad spielt den Orestes in der Orestie des Aischylos, jenen tragischen Helden, der seine Mutter tötet, um einen Königsmord zu rächen.

Die Figuren starren uns an
Im Filmclub stieß Herzogs Erzählstil bei einigen Teilnehmern auf vehementen Widerstand. Weder wurde die Figur des immer fremdartiger werdenden Muttermörders im Sinne eines empathischen Einfühlens verstanden, noch konnte Herzogs sperriger Stil die ziemlich erbosten Kritiker überzeugen.
Offen gesagt ging es mir zunächst nicht anders: ich empfand bei den sehr abrupten Flashbacks, mit denen Herzog den psychischen Kollaps seiner Hauptfigur aufdröselt, und den nicht immer nachvollziehbaren Übergängen ein leichtes Unbehagen. Auch der typische Herzog-Touch der eckigen und etwas gestelzten Dialoge ist gewöhnungsbedürftig. Sicher ist auch nachzuvollziehen, dass einige Herzogsche Manierismen blankes Unverständnis bei dem einen oder anderen auslösen, etwa wenn die Darsteller zu einem Tableau erstarren und minutenlang aus der Kadrierung heraus den Zuschauer anstarren. Erst recht dann, wenn ein Zwerg in diesem Ensemble auftaucht. Warum ist der dort? Nur sollte man sich fragen, warum der Bruch der Perspektive so beunruhigt, ein Bruch, der vom auktorialen Erzähler zu einer extrem subjektiven Gegenperspektive führt. Beunruhigt der ‚Gegenschuss’ auf uns, den Zuschauer, der uns aus der Distanz in das Bild hineinholen will?

Portrait des seelischen Zerfalls
Nach einer Stunde wurde dann bei mir der Hebel umgelegt und auf sehr ungewöhnliche Weise erlebte ich ein Gefühl des nicht-begrifflichen Verstehens. So etwas kann sehr beunruhigend sein, wenn man gewöhnt ist, mit einer raschen sprachlichen Taxierung allem Fremdartigen einen Begriff und damit eine Erklärung zuzuordnen. Und plötzlich erkannte ich, dass die Bildmetaphern Herzogs und die verzweifelten Versuche seiner Hauptfigur, ein kollabierendes Netzwerk alter Bedeutungen durch neue zu ersetzen, vermutlich zunächst emotional greifbar gemacht werden müssen. Egal, ob der ver-rückte Brad in einem Gospel-Oldie die Stimme Gottes heraushört oder dessen Anlitz auf einer Haferflockendose erkennt, immer sieht man auch, wie sich sein zerfallender Verstand unter großen Anstrengungen um neue Bedeutungen und Ordnungsmuster bemüht, ja darum kämpft, während alles Vertraute im Chaos versinkt.
Psychologisches Kino ist das nicht und vermutlich muss man sich auch hüten, die Rolle der griechischen Tragödie in Herzogs Film überzubewerten. Griffige Erklärungen sind nicht Herzogs Sache.

Wir finden keine Bedeutungen, die Bedeutungen finden uns
Herzog hat in dem von David Lynch produzierten Film wieder eine Reihe skurriler Figuren versammelt. So spielt Brad Dourif als Uncle Ted einen durchgeknallten Straußenfarmer, während Grace Zabriskie („Wild at heart“) als beklemmend-einschnürende Mutter durchaus ihrem Rollentyp entspricht.
Nicht nur das verbindet ihn mit Lynch, sondern auch das Desinteresse an rationalen Erklärungen und vertrauten narrativen Mustern. Während Lynch („Blue Velvet“, „Wild at Heart“) in seinen Provokationen immer auch einer Ästhetik des Hässlichen frönt, geht es bei Werner Herzog bescheidener zu: ihm genügt schon der etwas andere Blick, der seine Figuren ver-rückt macht und uns aus der normalen Wahrnehmung herausrückt
Es gibt eine schöne Szene in „My Son, My Son“: Lee (Udo Kier passt wunderbar in dieses Ensemble) holt Brad am Flughafen von Calgary ab. Brad will sie Uraufführung der Orestie nicht verpassen, obwohl er schon vor einiger Zeit wegen seiner bizarren Auftritte und ständigen Störungen von Myers aus der Theatergruppe geworfen wurde. Im Flughafen entdeckt Brad ein Gebilde aus Röhren, dem man nicht ansieht, ob es nun eine architektonische Spielerei ist oder etwas Funktionales. Nur Brad erkennt in diesen ‚Zeittunneln’ den idealen Ort für die Aufführung, eine Idee, die von seinen Freunden als peinlich und lächerlich beiseite geschoben wird. Brads Verrücktheit erkennt die schöne Symbolik der Konstruktion, wonach die Röhren ein Verbindungsglied zwischen der über zwei Jahrtausende alten Tragödie des Aischylos und der Gegenwart sein können – wenn man sie so sehen kann. Psychiater nennen dies übrigens die ‚Klarheit des Psychotikers’.

Das alles hat bei Herzog wenig mit „A Beautiful Mind“ oder den Psychopathen des Genres-Kinos zu tun, sondern findet seinen Ausdruck in einer eigenen Sprache, die uns ein wenig die Sicherheit beim Hinschauen nimmt, zumindest aber den ‚normalen’ Blick auf die Dinge.  Immer dann, wenn man bei Herzog einen Schnitt erwartet, kann man sich darauf verlassen, dass eben dieser nicht erfolgt. Die Kamera schaut und schaut und hört nicht auf damit, auch wenn in einer dokumentarisch anmutenden Wochenmarktszene in einem asiatischen Land kein Bezug zur Handlung mehr erkennbar ist und die Gefilmten zurückstarren und uns anblicken.
Eins wird damit klar: Herzog sprengt unsere Sehgewohnheiten weg.
Vielleicht wäre es in diesem Zusammenhang ganz nützlich, sich daran zu erinnern, dass ‚filmisches Verstehen’ weißgott nicht immer ein Akt freier Ausdeutung ist, sondern durch die erlernte Grammatik des Kinos bestimmt wird. Und die haben wir im Laufe der Kino-Zeiten erworben und damit auch die Bevorzugung einer psychologisch motivierten objektiv-realistischen Perspektive, die uns vielleicht zu oft griffige Bedeutungen liefert.
Wir suchen immer nach ihnen, diesen Bedeutungen. Herzog untergräbt diese Perspektive und seine Figuren starren uns an.

Postscriptum: Auf Critic.de schreibt Robert Zimmermann sehr einfühlsam: „My Son My Son, What Have Ye Done liefert keine Erklärungen, das eigentümlich poetische Gesamtbild bleibt nur emotional begreiflich…“.

Noten: BigDoc = 2, Klawer = 2,5, Mr. Mendez = 4,5, Melonie = 4