Samstag, 5. Mai 2012

Bluray-Review: Sherlock Holmes - Spiel im Schatten


USA 2011 - Originaltitel: Sherlock Holmes: A Game of Shadows - Regie: Guy Ritchie - Darsteller: Robert Downey Jr., Jude Law, Eddie Marsan, Kelly Reilly, Noomi Rapace, Jared Harris, Stephen Fry - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 128 min.

Drei Jahre nach seiner ersten postmodernen, durchaus witzigen Verschlimmbesserung des klassischen viktorianischen Detektivsujets legte Guy Ritchie Ende 2011 den zweiten Teil seiner Sherlock Holmes-Saga vor, die nun auch auf Bluray erschienen ist.
„Sherlock Holmes: A Game of Shadows“ lässt am Anfang gar Fürchterliches erwarten, denn Ritchie (u.a. „Bube, Dame, König, Gras“, 1998, „Snatch“, 2000, „Sherlock Holmes“, 2009) serviert als Entrée und damit wie auch im ersten Teil eine Holmes-o-Vision-Szene, in der der brillante Meisterdetektiv seine überragenden intellektuellen Fähigkeiten in Slow Motion präsentieren darf. Den Verlauf einer unmittelbar bevorstehenden Schlägerei kann Holmes aufgrund seiner exakten Beobachtungen so präzise antizipieren, dass er eigene Kampftechniken  einbringen und auch deren Folgen vorhersehen kann. Alter Wein in neuen Schläuchen? Ganz so schlimm kommt es in dem Sequel dann nicht, aber am Ende hat man dann doch das Gefühl, dass man eine weitere Comedy-Action-Persiflage nicht wirklich braucht.

Die Story fährt immerhin, und das im wahrsten Sinne des Wortes, ziemlich schwere Geschütze auf. Eine Welle von Terroranschlägen erschüttert Europa, Bomben explodieren und machen vor den Mitgliedern der Upper Class nicht halt, Deutschland und Frankreich misstrauen sich und stehen bereits Gewehr bei Fuß. Schon bald erkennt Holmes (Robert Downey Jr.) in den Untaten die Handschrift seines großen Widersachers Professor James Moriarty (Jared Harris, „Mad Men“), der ein hoch angesehenes Mitglied der britischen Gesellschaft ist, heimlich jedoch mit einem Netzwerk ergebener Krimineller und manipulierter Anarchisten einen sinisteren Komplott geschmiedet hat, um die europäischen Nationen aufeinander zu hetzen und um sich als Waffenverkäufer an dem bevorstehenden Weltkrieg bereichern zu können. Seine womöglich einzige Szene mit „erwachsener“ Perspektive hat der Film dann, wenn Holmes in einem seiner seltenen ernsten Momente eine geradezu profunde Analyse der europäischen Machtpolitik abliefert und damit auch die Bedingungen für den realen 1. Weltkrieg prophetisch erkennt. Doch keine Angst: alles Weitere wird in bewährter Manier weichgespült.

Hart am Rande der Klamotte
Holmes à la Ritchie – das bedeutet überwiegend: ein Schuss Prolligkeit beim Meisterdetektiv, ständige Maskeraden und Verkleidungen, die nunmehr mit perfekter Camouflage auch optisch neue und überraschende Schauwerte setzen, aber insgesamt doch mehr Klamotte als detektivische Raffinesse. Und so entsteht ein pausenlos witzelndes Buddy Movie, in dem Schnodderschnauze Downey Jr. (man sollte sich allein deswegen ruhig die Originalfassung anschauen) seinen engsten und nach dessen Meinung auch einzigen Freund Dr. John Watson (Jude Law) wegen dessen bevorstehender Ehe durch den Kakao zieht. Dass Watsons Hochzeit dann zur völligen Katastrophe missrät und der leicht eifersüchtige Holmes die gerade Vermählte in hohem Bogen („Ich habe alles genau berechnet!“) aus einem rasenden Zug wirft, führt dann zu einem der Ritchie-typischen Flashbacks, denn selbst die kompliziertesten Verwicklungen hart am Rande des Chaos hat das Genie exakt berechnet. Und so landet Watsons nun doch sichtlich genervte Gattin nach dem Sturz von einer Eisenbahnbrücke hundert Meter tiefer in einem Fluss, wo Holmes‘ Eingreiftruppe in Gestalt seines Bruders Mycroft die Triefende aus dem Wasser zieht.

Neuer weiblicher Sidekick an Holmes Seite ist der Millenium-Star Noomi Rapace, die in „A Game of Shadows“ eine Zigeunerin spielt, deren Bruder in Moriartys Machschaften verstrickt ist. Leider muss dafür die Figur der durchaus sehenswerten und Holmes fast ebenbürtigen Irene Adler (Rachel McAdams) aus der Storyline verschwinden, was erzählerisch leider völlig misslingt und zu den ärgerlichen Fehltritten des Films gehört. Rapace darf sich als Madam Simza Heron physisch recht ordentlich in Szene setzen, bekommt aber keine überzeugenden Dialogzeilen, was die Figur beliebig macht und die an sich gelungene Casting-Idee ad absurdum führt.
Auch Jared Harris‘ Moriarty bleibt eher blass, weil der geniale Böse doch recht eindimensional auf rein materialistische Interessen herunter gebrochen wird. Die anderen Nebenfiguren bekommen ihre komischen Auftritte, was aber an den Geschmacksnerven zerrt, zum Beispiel dann, wenn Mycroft Holmes (Stephen Fry) Watsons Gattin beim morgendlichen Tee splitterfasernackt gegenübertritt. Hier sitzt beileibe nicht jeder Gag.

Virtuosität und auch ein Gespür für sicheres Timing scheinen Ritchie trotz einiger Script-Schwächen aber nicht abhanden gekommen zu sein, denn zwischen den pausenlosen Blödeleien muss ja auch die Handlung vorangetrieben werden. Obwohl das erste Drittel von „A Game of Shadows“ nicht ganz ruckelfrei über die Bühne geht, legt der Film gewaltig zu und präsentiert sehenswerte Überraschungen bei der Gestaltung von Actionszenen. Lustvoll zelebriert Ritchie etwa die Auseinandersetzung zwischen den bösen Fußtruppen des Professor Moriarty und Holmes / Watson mitsamt Simzas Gefolgsleuten als waffentechnisches Potpourri wie in einer aus den Fugen geratenen Waffenmesse: es wird aus allen Rohren geballert und nicht jede der neuen und frisch erprobten  Waffen erwartet man in einem Film, der am Ende des 19. Jh. spielt. Die mit einer Hochgeschwindigkeitskamera aufgenommene Verfolgungsjagd im Wald gerät schließlich als Highlight zu einer völlig neuen Interpretation der „Bullet Time“-Ästhetik und auch wenn das gelegentlich etwas manieristisch wirkt, so sieht man bei Ritchie im Gegensatz zu anderen Actionfilmen immer sehr genau das, was wirklich passiert.

Der Film als Marke
Auch wenn das alles nur recht wenig mit den literarischen Vorlagen des Sir Conan Doyle zu tun hat, so erinnert das finale Show zwischen Holmes und Moriarty dann doch an den Sturz der großen Gegenspieler in die Reichenbachfälle, wie sie Doyle 1893 in seiner Erzählung „The Final Problem“ schilderte. Mehr aber auch nicht, denn an Referenzen dürfte Guy Ritchie eher nicht interessiert sein. Die Marke „Sherlock Holmes“ benötigte nach einer Vielzahl filmischer Adaptionen ein eigenes Branding, um sich als Crossover-Produkt erfolgreich am Markt zu platzieren. Das „Non Adult“-Konzept, das geschickte Casting bei den Hauptrollen, das ständige Kalauern in einer Art von Newspeak inmitten üppiger viktorianischer Settings, die überwiegend gelungene Umsetzung technischer Gimmicks, all das hat zu unübersehbaren Alleinstellungsmerkmalen geführt, die zu weltweiten Einspielergebnissen von über 1 Milliarde US-Dollar geführt haben.
„Sherlock Holmes: A Game of Shadows“ zeigt im matten ersten Drittel, dass dieses Konzept bereits bis zum Zerreißen angespannt ist. Dass der Film sich dann einigermaßen unterhaltsam über die Runden rettet, darf man allerdings nicht als Versprechen für den dritten Teil werten.

Technisch überwiegend State oft the Art
Der Film liegt in der Auflösung 1920 x 1080p (2.35:1) als MPEG-4/AVC vor. Während die englische Tonspur DTS-HD anbietet, liegt die deutsche Fassung in DD 5.1. vor, was die Puristen ärgern wird. Bildschärfe und Schwarzwert liefern zu 95% ein echtes HD-Feeling ab, aber leider nicht durchgehend. Gelegentlich hat man den Eindruck, dass einige Einstellungen leicht überbelichtet sind, was sich auf die Detailschärfe der Nahaufnahmen auswirkt. In sehr wenigen Szenen sinkt das Niveau auf DVD-Qualität: die Bilder wirken sogar leicht unscharf (Focus Puller?) und leicht grieselig. Aber nach derartigen Macken muss man suchen wie nach einer Nadel im Heuhaufen, insgesamt kann man dem messerscharfen „Sherlock Holmes“ die referenzverdächtige Note 1,5 geben.
Bei den Extras wird man schnell fündig, denn viele Anwahlpunkte bietet das Menü nicht. Bei näherem Hinsehen liefert dann das Pip-Feature Maximum Movie Mode eine witzige Einführung von Robert Downey Jr. in die Gedankenwelt von Sherlock Holmes. Über das Internet lässt sich eine Digital Copy herunterladen.

Noten: Film = 3,5, Technik = 1,5. Gesamtnote = 2,5

Samstag, 7. April 2012

TV-Desaster: "Henri 4" floppt am Karfreitag


Deutschland / Frankreich 2009 - Regie: Jo Baier - Darsteller: Julien Boisselier, Joachim Król, Roger Casamajor, Armelle Deutsch, Chloé Stefani, Ulrich Noethen, Devid Striesow, Hannelore Hoger, Gabriela Maria Schmeide - FSK: ab 12 - Länge: 155 min.

Neues aus der Anstalt
Nachdem die Privaten mit „Game of Thrones“ klug investiert haben und mit einem innovativen Sendeschema die Fantasy-Saga zum Quotenhit machten, legte die ARD mit der Jo Baier-Verfilmung „Henri 4“ am Karfreitag im kleineren Zuschnitt nach: die Anstalt hatte sich an den satten 20 Millionen, die die deutsch-französisch-österreichisch-spanische Co-Produktion gekostet hat, investitionsfreudig beteiligt und statt an drei Abenden wurde die fast drei lange TV-Fassung, natürlich, an einem Abend gezeigt. Das hätte etwas werden können. Doch Pustekuchen. Nach einer knappen Stunde half nur noch der Notgriff zur Fernbedienung. Es war die Rettung: Einfach wegzappen und die Qual beenden.

Augenrollen am Rande der Hysterie
Da steht der kleine Prinz von Navarra unschuldig im Badezuber, als eine Gestalt augenrollend und mit ausgestreckten Armen die Gemächer betritt und auf den verschreckten Zehnjährigen zuwankt. Mein Gott, „The Walking Dead“ gleich nach der Tagesschau?
Nein, der Knattermime, der dem Knaben ganz tief in die Augen schaut, ist Nostradamus und der sieht in dem Jungen Heinrich den zukünftigen König von Frankreich.

10 Jahre soll das Kino- und nun auch TV-Debakel vorbereitet worden sein. 10 Jahre, in denen man die Chance hatte, mit einem ausgefeilten Drehbuch über die Auseinandersetzungen zwischen den Hugenotten und den herrschenden Katholiken im Frankreich des 16. Jh. zu erzählen. Ein Stoff, der nicht nur eine adäquate Verfilmung des Heinrich Mann-Romans „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ (1935) hätte sein können und sollen, sondern auch eine Geschichtslektion über Dogmatismus, Machtspiele und das Massaker der Bartholomäusnacht, aber auch über die Ideen der zögerlich aufkommenden Aufklärung. Eine wunderbare Herausforderung für die Anstalt. Bildungsauftrag und Unterhaltung, alles in einem großen Wurf unter Dach und Fach gebracht!
Stattdessen: Darsteller am Rande der Hysterie, Schreien, irres Augenrollen und wirre Blicke. Dialoge, deren Plattheit man zunächst ungläubig ausgesetzt war, bis man merkte, dass das Ganze wohl System hat und nicht mehr besser werden wird. Und eine sonderbare Distanz zu den historischen Gegebenheiten, die einen der bedeutendsten Religionskriege auf kleinkarierten Thronfolge-Soap herunterbrach. Das Sex und Crime-Spetakel als austauschbare Handlungshülse. 14. Jh., 15. oder 16. Jh.? Egal, es passt immer. Anything goes.

Dabei hatte die Anstalt als Co-Produzent aufgefahren, was Rang und Namen hat: Joachim Król, Hannelore Hoger, Ulrich Noethen, David Striesow, Katharina Thalbach, Wotan Wilke Möhring – da kann man wohl nicht viel falsch machen.
Julien Boisselier als Henri IV machte nicht einmal die schlechteste Figur, aber Hoger als Katharina von Medici und Noethen als ihr Sohn König Karl IX wurden durch die misslungene Darstellerführung Jo Baiers zu einer Performance hart am Rande der Fehlbesetzung getrieben. Besonders Noethen zeigte dem Zuschauer, was man wenig schmeichelhaft mit den Begriff „outrieren“ und „chargieren“ meint: grelle Übertreibung, Schmierenkomödie, wildes Gestikulieren und Grimassieren. Doch, auch wenn es vielleicht niemand am Set gewusst hat, die Tage des Stummfilms sind vorbei.

Geschichtsrecycling für die Doofen?
Vielleicht muss man das Ganze auch mal ganz anders sehen. Statt sich mit den üblichen Kriterien einer Filmkritik herumzuschlagen, sollte man das Ganze als Produkt und Dienstleistung betrachten, alles auf der Grundlage einer Medienstrategie, die nur funktionieren kann, wenn man die Quote fest im Auge behält und sich zu diesem Behufe im Geiste vorstellt, wer da wohl am heimischen Fernseher sitzt und was dieser womöglich von einem Historienstoff erwartet.
Historische Genauigkeit, genaue Figurenzeichnung: Fehlanzeige, will keiner wissen. Sex: unbedingt, hat schon bei den „Borgias“ funktioniert und so wird gevögelt, was das Zeug hält und hübsch brutal darf es auch sein (vor 22.00 Uhr!), und Hannelore Hoger darf Margot, der künftigen Frau des Prinzen von Navarra, kräftig in den Arsch beißen. Henri IV trifft den Philosophen Montaigne (immerhin eine Schlüsselszene im Roman): Montaigne? Wird gestrichen, kennt keine Sau, bei Philosophie zappt der Plebs ja gleich weg. Gewalt: ja, aber in Maßen, auch wenn die FSK-Freigabe ab 12 Jahren irgendwie nicht zur erwähnten Vögelei passen will.

Schade nur, dass sich der promovierte Theaterwissenschaftler und mit Preisen überhäufte Jo Baier und die Bundesverdienstkreuzträgerin und Erfolgsproduzentin Regina Ziegler nicht entblöden konnten. Zynische Publikumsverachtung mag ich so intelligenten Menschen allerdings nicht unterstellen. Warum eigentlich nicht?
Den Privaten wurde häufig vorgeworfen, dass sie Unterschichten-TV unters Volk bringen.
Doch dieses Konzept funktioniert nicht deshalb, weil es die Unterschicht gibt, sondern weil die Programmmacher sich vorstellen, es gäbe eine. Und sie wissen: denen darf man nichts zumuten. Und so setzt man ihnen quotengepeinigt genau das vor, was im Laufe der Jahre aus dem Zuschauer das machen soll, was man ihm immer schon unterstellt hat.
Die Öffentlich-Rechtlichen haben sich dieser Strategie unterworfen. Nicht erst seit gestern.

Als unlängst auf einem Symposium des Kölner Initiativkreises Öffentlicher Rundfunk diskutiert wurde, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk für die Gesellschaft leisten soll, gerieten nicht nur die Talkshows als die üblichen Verdächtigen unter die Räder. Der Medienrechtler Helge Rossen-Stadtfeld mahnte an, dass die öffentlich-rechtlichen Programmanbieter der „unproduktiven Verschmelzung von Programm und Unterhaltung“ und dem „quotenmaximierenden ‘More of the same‘ widerstehen“ müssen. Und: „Unterschichtenfernsehen ist verfassungswidrig“, stellte er fest.
Ich bin gespannt.

Ach ja, offenbar ist der Zuschauer doch nicht so doof, wie die Macher in der Anstalt es glauben. „Henri 4“ ist gestern Abend (wie schon im Kino) gefloppt. Erzielte der erste Teil lausige 8,3%, so hatten beim zweiten schon viele ganz weggeschaltet. Warum wohl?

Mittwoch, 4. April 2012

Die Haut, in der ich wohne


Spanien 2011 - Originaltitel: La piel que habito - Regie: Pedro Almodóvar - Darsteller: Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes, Jan Cornet, Roberto Álamo, Blanca Suárez, Eduard Fernández, Bárbara Lennie - FSK: ab 16 - Länge: 120 min. - Start: 20.10.2011

Pedro Almodóvar hat nach seinem gradlinigen Publikumserfolg „Volver“ (2006) nur zwei weitere Filme realisiert: mit „Zerrissene Umarmungen“ (2009) und nun auch „Die Haut, in der ich wohne“ verabschiedete sich der spanische Regisseur von einer linearen Erzählstruktur und präsentierte kryptisch verwobene Storylines, die stilistisch eher an die zeitliche Komplexität von „La mala educación“ (2004) erinnern. „Die Haut, in der ich wohne“ profitiert zwar von der Dekonstruktion der Zeitebenen und hält auch eine Reihe respektvoller Referenzen an klassische Vorbilder bereit, die mit den nicht weniger bekannten Almodóvar-Themen verschmelzen. Aber die Melange, die dabei entsteht, wirkt gelegentlich etwas holperig und lässt den Betrachter diesmal leider etwas unterkühlt zurück.

Distanz und Nähe
Der Körper einer jungen Frau in einem fleischfarbenen Bodysuit streckt sich während einer gymnastischen Übung. Vera ist grazil und zerbrechlich. Und sie ist eine Gefangene, die über eine Gegensprechanlage mit der alten Haushälterin Marilia kommuniziert, die ihre Wünsche höhnisch kommentiert. Wenn Veras Herr und Meister abends in sein Haus zurückkehrt, schaut er sich als Erstes das übergroße Bild der schönen Gefangenen an. Der Blick auf die weiblichen Rundungen der Liegenden erinnert trotz der Zierlichkeit Veras an ein barockes Frauenportrait, doch das Bild ist kein Gemälde, sondern das Überwachungsbild einer Videokamera, das auf einen monströs überdimensionierten Flatscreen projiziert wird. Und wenn Vera später stumm aus der Kadrage hinausblickt, kann Robert sie mit seiner Fernbedienung ganz nah an sich heranholen. Der Kamerazoom als Synonym für die Dialektik von Distanz und Nähe verspricht in Pedro Almodóvars neuesten Film gleich am Anfang Unheilvolles.

Basierend auf dem Roman Mygale von Thierry Jonquet erzählt Almodóvar die Geschichte des Hautchirurgen Professor Robert Ledgard (Antonio Banderas), dessen Forschungen zur Obsession werden – oder ist es umgekehrt?
Ledgard will eine neue und wesentlich robustere Haut entwickeln, um Menschen mit schweren Gesichts- und Körperverletzungen ihr natürliches Aussehen zurückzugeben.
Mit der Integration genetischer Elemente von Tieren (Transgene) in das menschliche Genom stößt der Mediziner allerdings an die Grenzen der Bioethik und wird von seinen Fachkollegen eher gemieden. Doch statt mit Mäusen zu experimentieren, hat Ledgard bereits die letzten Grenzen überschritten: seine Gefangene ist, man ahnt es, die ästhetische Vollendung von Forschung und Resultat.

Der Plot von „Die Haut, in der ich wohne“ ist alles andere als uneindeutig. Während vordergründig Georges Franjus Horrorfilm „Augen ohne Gesicht“ (Fr/ITA 1960) Pate stand, wird sich Almodóvars düsterer Genre-Mix bald auch an ganz andere sattsam bekannte Vorbilder herantasten und dabei den Fundus plündern.
Antonio Banderas spielt einen Mad Scienctist. Weniger in schlichter Dr. Frankenstein-Manier, sondern in seiner Radikalität eher an den kirren Seth Brundle aus David Cronenbergs Remake „The Fly“ (Kanada, USA 1986) erinnernd. Thematisch wurde auch bei Vincenzo Natalis Gen-Thriller „Splice“ (Kanada, FR, USA 2009) über die Schulter geschaut. Auch in Almodóvars Film geht es um die Transformation von Körpern, nur werden hier nicht Mensch und Fliege verschmolzen, sondern Mensch und Schwein.
Das Ergebnis ist wie in „Splice“ ein Art von Hybridisierung: die schöne Vera trägt eine genetisch manipulierte schweinisch-menschliche Haut und diese Chimäre war dereinst Vincente, ein junger Modedesigner, der unter dem Skalpell des Chirurgen zur Frau mutierte.
Also etwas von Cronenbergs Body Horror, aber dieser wird konterkariert: nicht etwas Monströses entsteht am Ende der grausigen Experimente, sonders etwas explizit Schönes, eine zerbrechliche junge Frau, was man in Kenntnis von Almodóvars Themenwelt durchaus als ironische Hommage interpretieren kann.

Quer durch die Genres
„Die Haut, in der ich wohne“ beginnt als Psychothriller, verwandelt sich in einen Horrorfilm und endet als Melodram. Um neben der physischen Transformation auch die filmische zu begründen, zerlegt Almodóvar die zeitliche Gliederung des Films. Er beginnt mit dem Mittelteil, springt zum Anfang und präsentiert dann das Ende. Diese Verschachtelung hat durchaus etwas Verblüffendes, weil Almodóvar Ursache und Wirkung gegen den Strich bürstet: wenn man erst nach der Wirkung die Ursache kennenlernt, wird ganze Monstrosität des Projekts erst vollständig sichtbar.
So sieht man zunächst, wie die bildschöne Vera Cruz sich an ihren abweisenden und sich fast schüchtern gebenden Gebieter anschmiegt und um dessen (auch erotische) Zuneigung wirbt. Schicht für Schicht wird nun abgeblättert. Wir erfahren, dass die strenge Haushälterin Roberts Mutter ist, die für die alsbaldige Beseitigung Veras plädiert. Und wir sehen in kurzen Flashbacks, dass Roberts Frau Gal vor Jahren mit seinem brutalen Bruder Zeca durchbrannte und mit dem Auto verunglückte. Während Zeca überlebte, wurde Gal schwer entstellt. Obwohl Robert versucht, seine Frau zu „re-konstruieren“, begeht Gal, angeekelt von ihrem Äußeren, Selbstmord. Norma, ihre Tochter wird unfreiwillig Zeugin des Suizids und landet traumatisiert in einer Nervenklinik. Und Zecas bizarrer Auftritt in einem Tigerkostüm wird eine Reihe von Gewalttaten auslösen – am Anfang und am Ende warten Verrat und Rache auf die Protagonisten und das Werben um Nähe und Zärtlichkeit ist zugleich authentisch und auch Teil einer minuziös geplanten Intrige.

Erst nach dem Mittelteil erzählt uns Almodóvar die Vorgeschichte: die Re-Modellierung einer Frau nach dem Vorbild einer geliebten Toten erinnert natürlich an Hitchcocks „Vertigo“, während die kurzen Skizzen der der spanischen Upper Class durchaus eine Portion Luis Buñuel erkennen lassen: wenn Robert während einer Hochzeitsfeier im Garten die sexuellen Exzesse der bourgeoisen Jugend beobachtet, erinnert die ansonsten in schön sesignten Settings schwelgenden Kameraarbeit von José Luis Alcaine zumindest einmal dezent an die Handschrift des großen Surrealisten. Im Garten, der eigentlich Synonym für die paradiesische Unschuld ist, entsteht fast biblisch auch die Saat des Bösen: hier wird Roberts Tochter das Opfer einer eher misslungenen Vergewaltigung durch den jungen Vincente, was sie letztendlich ebenfalls in den Selbstmord treiben wird.
Der Rest ist die ambivalente Suche nach Zärtlichkeit und Rache. Das geht selten gut.

Roberts Mutter wird irgendwann sagen, dass sie ihre Kinder „wahnsinnig geboren“ habe, da sie den Wahnsinn bereits in sich trage. Antonio Banderas spielt den Mad Scienctist nicht mad, sondern eher unterkühlt. Die minimalistische Spielweise lässt psychologischen Deutungen wenig Spielraum, das Obsessive zeigt sich nicht in der Mimik, sondern in der Kälte des Handelns. Ähnlich wie James Stewart in „Vertigo“ verschafft dem Virtuosen der Haut nicht der Prozess der Verwandlung die große Lust, sondern das Ergebnis. Dass der Interruptus kurz vor dem Höhepunkt allerdings tödlich enden kann, erinnert stark an Hitchcocks morbiden und durchaus etwas nekrophilen Thriller. Während Banderas allerdings den Zuschauer auf Distanz hält, besitzt Elena Anaya in dem Film eine kraftvolle Präsenz. Die Verwandlung einer geschundenen Kreatur in einen göttlich schönen Racheengel ist großes Melodram und fügt den starken Frauenrollen in Almodóvars Werk eine weitere hinzu. Anaya erhielt für ihre formidable Leistung 2012 Spaniens wichtigsten Filmpreis Goya als beste Hauptdarstellerin.

Transsexualität und Transvestitismus sind natürlich bekannte Themen von Pedro Almodóvar. In „Die Haut, in der ich wohne“ sind sie allerdings nicht Ausdrucksformen der Non-Konformität einiger greller Außenseiter im bonbonfarbenen Almodóvar-Kosmos. Diesmal drehte der Spanier seine bevorzugten Sujets vielmehr durch den Fleischwolf der Genretopoi und stellt sie damit quasi auf den Kopf. Dabei erscheint allerdings ein anderes Motiv aus Almodóvars Fundus in neuem Glanz: das der starken Frau. So besiegelt Almodóvars männliche Hauptfigur ihr Schicksal, indem sie aus einem schwachen, etwas saftlosen Jüngling eine Chimäre macht,  deren Weiblichkeit der Figur die Stärke gibt, einen subtilen Komplott zu schmieden, der Liebe und Nähe, Verrat und Befreiung einschließt.
Hier, so zeigt der Film, darf man nicht dem Äußeren trauen und die künstliche Haut wird im wahrsten Sinne des Wortes Ausdruck für Verletzlichkeit und abweisende Härte. Das alles funktioniert als Mix aus Horror, Psychothriller, ein wenig noir und vertrauten Zitaten streckenweise schrecklich schön, aber leider weist die Inszenierung Almodóvars diesmal, und das ist durchaus eine Überraschung, einige Holprigkeiten auf, die die elegante Souveränität, mit der der Spanier sonst seine Vexierspiele präsentiert, vermissen lässt.

Donnerstag, 22. März 2012

Bluray-Review: The Thing (2011)


USA / Kanada 2011 - Regie: Matthijs van Heijningen Jr. - Darsteller: Mary Elizabeth Winstead, Eric Christian Olsen, Joel Edgerton, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Ulrich Thomsen, Kim Bubbs, Jonathan Walker - FSK: ab 16 - Länge: 102 min.

Zur Welle der Remakes und Neu-Adaptionen im US-Kino gehört auch Matthijs van Heijningens gleichnamiges Prequel zu John Carpenters „The Thing“ (USA 1982, D: Das Ding aus einer anderen Welt). Herausgekommen ist ein fast klassisch anmutendes B-Picture, das seine enorme physische Präsenz daraus bezieht, dass es dem Sujet nichts Neues hinzufügt.

Die Entdeckung des „Dings“ ist purer Zufall: als die Mitglieder einer norwegischen Forschungsstation in der Antarktis mit ihrem Schneefahrzeug in eine Gletscherspalte stürzen, entdecken sie unter dem Eis ein gigantisches Raumschiff und nicht weit entfernt davon ein eingefrorenes Alien. Natürlich bringt man es in die Forschungsstation und dort passiert genau das, was zu erwarten war: das Alien ist ein Monster, das die menschlichen Wirtskörper perfekt reproduziert und wie ein Virus unter den Forschern wütet. Wie in John Carpenters „The Thing“ setzt auch die Neuadaption mit sujetgerechter Akribie das Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip um, das die um ihr Überleben kämpfenden Forscher konsequent dezimiert, bis nur noch Drei übrig bleiben.
Kann ein Film, bei dem von Anfang an weiß, dass sein Personal ihn kaum überleben wird, überhaupt noch Spannung erzeugen?

Die Erzählung kann diese Frage eher nicht beantworten: Matthijs van Heijningens Neuadaption rekonstruiert den Plot von Carpenters Film minuziös und fügt dem Ablauf lediglich neues Personal hinzu. Als Heldin tritt nun eine Frau in der rauen Männerwelt auf – die Paläontologin Dr. Kate Lloyd (Mary Elizabeth Winstead) reist mit einem amerikanischen Forscherteam unter Leitung von Dr. Sander Halvorsen (Ulrich Thomsen) zur norwegischen Station, um die Kreatur im Eis näher zu untersuchen. Als Erste erkennt sie die tatsächliche Beschaffenheit des Monsters und muss sich zudem in der isolierten Männerwelt behaupten. Dieses aus „Alien“ (1979) bekannte Subthema erhält aber keine zentrale Gewichtung, genauso wenig wie die zahlreichen Männerrollen, die sich als tragend erweisen könnten, es aber nie sind, da das Monster alle sehr rasch umwandelt und dadurch im Gegensatz zu Carpenters Version für eine dramaturgische Nivellierung der Protagonisten sorgt. Nur der von Joel Edgerton ("Warrior") gespielte Sam Carter ragt aus der Männercrew heraus, für die van Heijningen einige der aktuell bekanntesten skandinavischen Darsteller gecastet hat. Beim tragisch-zynischen Ende des Films, das ähnlich wie bei Carpenter die Möglichkeit eines Sequel offen lässt, geht die Heldin verloren, was natürlich Spekulationen zulässt, aber van Heijningen arbeitet bereits an einem anderen Sequel, nämlich an einer Fortsetzung von Zack Snyders "Dawn of the Dead", ein Film, der bekanntlich selbst ein Remake ist.
Alles klar?

Einen neuen Subtext wird man in van Heijningens Film ebenfalls vergeblich suchen.
Den hatte noch das große Vorbild geliefert: „The Thing from Another World“ (Das Ding aus einer anderen Welt, 1951) von Christian Nyby und Howard Hawks war nur oberflächlich an die Science Fiction-Erzählung „Who goes there?“ von John W. Campell Jr. angelehnt, setzte den Horror aber so beängstigend um, dass bis heute die exemplarischen Interpretationen des Kultfilms den Schrecken dadurch zu bannen versuchen, dass sie den Film als politische Parabel auslegten -  die Angst vor dem Monster war als Angst vor dem Kommunismus zu deuten. Beruhigend wirkt das aber nicht…

Solche Analogien passten bereits nicht mehr, als der große Meister des B-Picture John Carpenter mit seinem „The Thing“ (Das Ding aus einer anderen Welt, USA 1982) eine Splatter-Variante vorlegte, die aus dem blutsaufenden Nyby-Monster einen genetischen Attentäter machte, der beliebige Formen annehmen konnte und fast unaufhaltsam eine kleine soziale Gemeinschaft unterwanderte. Damit wurde Carpenters „Ding“ deutlich blutrünstiger, hielt sich aber auch genauer an die literarische Vorlage Campbells, was in den 1980er Jahren leider nicht gewürdigt wurde. Persönlich schätzte ich Carpenters Versuch als überragenden Genrebeitrag – Paranoia-Horror par excellence. Leider wurde „The Thing“ damals überwiegend ablehnend rezipiert und 1984 in Deutschland sogar indiziert, bis er 2009 nach neuerlicher Prüfung mit einer Altersfreigabe „ab 16 Jahren“ freigegeben wurde und mittlerweile in einer technisch exzellenten Bluray-Edition vorliegt.
Van Heijningens Film dekliniert das Thema weitgehend genauso durch wie Carpenter: Körper explodieren regelrecht und verwandeln sich in bizarre Monstrositäten, der Blick mit dem Mikroskop zeigt Zellen, die sich wie Formwandler auf ihre humanoiden Antipoden stürzen und wie bei Campbell und Carpenter gibt es einen nervenzerreißenden Test, der die Kopien von den Menschen unterscheiden soll.
 
Campbell war sogar noch einen Schritt weiter gegangen und hatte seine Kreatur mit telepathischen Fähigkeiten ausgestattet und offen gelassen, ob die Wirtskörper wussten, was mit ihnen geschehen war – der Horror bestand in der Frage „Wer bin ich?“.
Ganz so weit ging John Carpenter nicht, auch van Heijningen tut es nicht. Sein Film endet dort, bereits als Teil des Abspanns, wo Carpenters Film beginnt, nämlich mit der Jagd auf den Schlittenhund: „The Thing“ (2011) will also ein Prequel sein und tatsächlich wurde dies von dem niederländischen Filmregisseur bis ins kleinste Detail umgesetzt, sodass viele Beobachtungen, die Kurt Russell in Carpenters Film in der norwegischen Station macht, haarklein in ihrer Vorgeschichte aufgebröselt werden.

Nicht sehr originell, aber sehr spannend
Bei so viel Hingabe an ein großes Vorbild kann schon mal die Originalität verloren gehen. Tatsächlich ist „The Thing“ (2011) auch eher als Hommage zu sehen, die besonders durch die Übernahme der Plotstruktur so nah der Vorlage verhaftet bleibt, dass man eher von einem Remake sprechen kann. Das gilt auch für den Score von Marco Beltrami, der unüberhörbar an den von Carpenters Film anknüpft und wer genau hinsieht, wird im Abspann auch einen Verweis auf Ennio Morricone finden.

Dass „The Thing“ dennoch eine soghafte Spannung aufbaut, liegt wohl daran, dass der Film fast vampiristisch das Spannungspotential der 1982er-Vorlage aufgesaugt hat, was witzig ist, weil der der Film damit die Eigenschaften des Monsters übernimmt: er ist eine (fast) perfekte Kopie seines Wirts. Dabei entpuppt sich Matthijs van Heijningen als Regisseur mit einem sicheren Gespür für die B-Film-Ästhetik, bei der es um eine präzise naturalistische Sichtweise geht, die Überflüssiges ausspart, um sich ganz auf die physischen Elemente der Geschichte zu konzentrieren. Der  Film ist ähnlich wie Sci-Fi- B-Movies der 1950er Jahre dabei sehr nah am Horrorfilm angesiedelt, aber der Body Horror des „Dings“ erinnerte bereits bei Carpenter und nun auch bei van Heijningen noch stärker an die Themenwelt von David Cronenberg.

Dabei drängen sich politische Konnotationen nur bedingt auf. In „The Thing from Another World“ (1951) besitzt das Monster, das sich wie eine Pflanze reproduziert, weder Sexualität noch Gefühle und droht seinen Opfern mit Körper-Exploitation, ohne ihnen wie in „Invasion oft the Body Snatchers“ einen Diskurs über eine Welt ohne Sex, Liebe und Gefühle anzubieten. Carpenters Film nahm die Exploitation dagegen sehr wörtlich.
In den monströsen Prozessen der Körperaneignung und  Körperverwandlung kann man natürlich nach politischen Subtexten suchen, aber auch eine Lesart, die sich der psycho-sexuellen Dimensionen des Sujets annimmt, erscheint mir legitim zu sein – immerhin zeigte bereits der klassische Horrorfilm oft sehr unverhüllt, dass die Rätsel des Körperlichen möglicherweise unbekannte Schrecken bereithalten und uns im schlimmsten Fall der völlige Kontrollverlust droht – oder das Aufgefressenwerden. Und so ist auch der Beitrag eines Kritikers filmhistorisch falsch, der in einer aktuellen Kritik des 2011er-Prequels der Carpenter-Adaption eine anti-kommunistische Symbolik untergejubelt hat. Richtig ist, dass dies eher für die 1951er-Adaption der Campell-Novelle durch Christian Nyby und Howard Hawks gilt und noch mehr für "The Invasion of the Body Snatchers" zutreffend ist, während es auch nach längerem Nachdenken nicht nachvollziehbar wird, wie eine Lebensform, die perfekt das Aussehen ihres Feindes annimmt, in diesen ideologiekritischen Kontext passen sollte.

Wie gesagt: viel Neues erfährt man in van Heijningens Version nicht. Im direkten Vergleich mit dem 1982er-Kultklassiker schneidet der Film sogar etwas schlechter ab, weil Carpenter seinen Figurenpark deutlich differenzierter präsentiert hat und – was angesichts geringerer technischer Möglichkeiten vielleicht überraschend ist – seinen Body Horror weitaus beängstigender zur Schau stellte als sein Nachfolger. Damals, in den achtziger Jahren, verschaffte Carpenters Film der sich bereits abzeichnenden Steigerung  der Gewaltdarstellung in Genrefilmen einen vorläufigen Höhepunkt, und auch heute noch erzeugt der Film eine eisig-paranoide Atmosphäre, die sein Nachfolger nie ganz erreicht. Und so hat das Prequel wenigstens erreicht, dass man sich dem großen Vorbild deutlich respektvoller nähert und vielleicht auch mal Campells Story in die Hand nimmt, die bis heute als eine der besten Science-Fiction-Erzählungen aller Zeiten gilt (1).

Respektable Bildqualität
„The Thing“ liegt als Steelbook und im Amaray-Case vor. Die nachfolgenden Angaben beziehen sich auf die Steelbook-Edition, die die Region Codes A, B und C aufweist. Der im Bildformat 1920x1080p (2.35:1) vorliegende Film besitzt eine deutschsprachigen DTS 5.1-Ton, das englische Original liegt in DTS-HD MA 5.1 vor. Universal hat dem Steelbook eine Digital Copy auf DVD beigefügt. Die Bildqualität ist angemessen, ohne dass man von Referenzqualität sprechen kann. Im direkten Vergleich mit der Neuauflage des 30 Jahre älteren Films schneidet "The Thing" (2011) sogar etwas schlechter ab.

Das Bonusmaterial hat diesmal einiges zu bieten, wenngleich auch hier die Bluray-Edition von Carpenters Film allein schon wegen eines informativen 90 min-Features in einer ganz anderen Liga spielt. Immerhin: Den Filmfreunden, die sich kenntnisreich in Foren über die „hollywood-typischen“ CGI-Effekte aufgeregt haben, darf tröstend erwidert werden, dass in „The Thing“ (2011) der Body Horror als Mischung aus klassischem Special Effects (SFX: also jenen Effekten, die man am Set mit Modellen, Latex-Masken etc. in Szene setzt) und Visual Effects (VFX: hierbei handelt es sich um Effekte, die in der Post-Production realisiert werden) entstand. Wenn also der Flammenwerfer zum Einsatz kommt, dann wurden am Set tatsächlich Stuntmen und Darsteller (!) mit Anti-Feuer-Gel etc. präpariert und anschließend „abgefackelt“. Alles also recht altmodisch. Und leider überwiegend kein CGI, sorry. In solchen Fällen hilft ein gutes Filmlexikon.

(1) Wer John W. Campbells „Who Goes There?“ lesen möchte, kann dies hier tun: http://nzr.mvnu.edu/faculty/trearick/english/rearick/readings/manuscri/Who%20Goes%20There/Who%20Goes%20There%20Index.htm

Noten: BigDoc = 3

Samstag, 17. März 2012

Bluray-Review: The Deer Hunter


Exzellenter Bluray-Transfer zum Schnäppchenpreis
D: Die durch die Hölle gehen, USA  1978, Länge, Länge 175 Minuten FSK 16, Regie: Michael Cimino,  Drehbuch: Michael Cimino, Deric Washburn. D: Robert de Niro, Christopher Walken, John Savage, Meryl Streep, John Cazale, George Dzundza

Michael Ciminos mit fünf Oscars (1979: u.a. „Bester Film“, „Beste Regie“) ausgezeichneter Klassiker ist in den letzten dreißig Jahren differenziert gedeutet und interpretiert worden. Fast wundert man sich, wie es dem Film gelingt, auch heute noch einen überwältigenden Eindruck zu hinterlassen, während man immer wieder neue Facetten entdeckt.
Drei junge patriotische Männer, die als Stahlarbeiter in einer russischen Gemeinde in Pennsylvania arbeiten und leben, ziehen 1968 in den Vietnam-Krieg, aber nur zwei kehren lebend zurück: Steven (John Savage) hat beide Beine, Michael (Robert de Niro) dagegen seine Identität verloren. Der Dritte, Nick (Christopher Walken), verliert erst seinen Verstand und danach auch sein Leben bei illegalen „Russisches Roulette“-Veranstaltungen in Saison. Er wird am Ende von der Gemeinde seiner Heimatstadt zu Grabe getragen.

Dreieinhalb Jahrzehnte später stellt man fest, dass nur einer so anmaßend, ungezügelt und provozierend Filme gemacht hat wie Michael Cimino: Terrence Malick. Allein Ciminos Prolog in „The Deer Hunter“ ist ein Schlag ins Gesicht des normalen Kinogängers: sechzig Minuten lang sieht man den Männern bei nichts anderem als der Arbeit im Stahlwerk, beim Saufen in der Kneipe und auf der Hochzeit ihres Freundes John und schließlich beim Jagen in den Bergen zu. Erst dann schneidet Cimino hart auf die Kriegsgeschehnisse in Vietnam, auf die legendären „Russisches Roulette“-Szenen der drei Freunde, die in vietnamesische Gefangenschaft geraten sind. Und ganz am Ende des dreistündigen Epos, wenn Michael es nicht geschafft hat, seinen Freund aus Saigon herauszuholen, landen wir wieder in dem schmutzigen Industriekaff und alle singen „God bless America“. Beschädigte Patrioten in einem Homeland, das nie wieder so sein wird wie es war.

Immer noch ein wenig rätselhaft und politisch garantiert nicht korrekt
„The Deer Hunter“ wurde ambivalent rezipiert. Für einen Anti-Vietnam-Film waren seine Helden zu patriotisch, für ein Heldenepos zu kaputt. Auf der Berlinale 1979 sorgte der Film für einen Skandal, Cimino wurde Rassismus und dazu auch Verunglimpfung der Vietcong (!) vorgeworfen. Auch die berühmten Jagdszenen, in denen de Niro, untermalt von pathetischer russischer Folklore, einen Hirsch erlegt, irritierten. Das tun sie noch heute.
Mit anderen Worten: „The Deer Hunter“ ist politisch nicht korrekt und wird es wohl nie sein. Und Michael Ciminos Film ist zudem kontraproduktiv, wenn es um Ideologie und Psychologie geht: die Männer reden nicht über ihre Motive und Gefühle, höchstens im Angesicht des Todes. Sie tun sich trotz eines unübersehbaren Machismo schwer mit Frauen, sie sind Waffennarren. De Niros brillant gespielte Figur ist die eines anti-intellektuellen erzkonservativen Stoikers, ein Außenseiter mit einem Wertecodex, der dunkel bleibt und nicht verhandelbar ist und dessen Bruchstellen erst dann sichtbar werden, wenn Michael nach seiner Rückkehr unfähig ist zu jagen.
Und wie bei Malick bleibt die Verbindung zwischen dem qualvollen Töten im Krieg und den ästhetisch überhöhten Jagdszenen der Deer Hunter in einer nicht weniger mythisch überhöhten, unberührbaren Natur zutiefst rätselhaft.

Auch nach über 30 Jahren beeindruckt die visuelle Pracht des Films.
Hier geht es nicht um konventionell Schönes, sondern um die ästhetischen Mittel, mit denen Cimino seine „Welt“ erschaffen hat. Ähnlich wie später in „Heavens‘ Gate“ braucht er dafür unendlich viel Zeit; lange, kaum durch Schnitte unterbrochene Einstellungen, ein genaues Hinschauen, ein Verweilen, bei dem Film narrativ auf der Stelle zu treten scheint und einfach nicht vom Fleck kommt. Dazu die überwältigend präzise Musik von Stanley Myers, dessen „Cavatina“ immer noch zum Besten gehört, was im Kino zu hören war und ist. Jenseits aller ideologischen Deutungen hat Ciminos Stil einen Mikrokosmos erschaffen, der den Zuschauer sogartig anzieht und ihn eine ungeheure emotionale Tiefe erleben lässt.

Bluray herausragend
Auf Bluray liegt der Film in der ungekürzten US R-Rated Fassung mit einer Laufzeit von 183 Minuten vor. Der MPEG 4/AVC-Transfer im Bildformat 1920x1080p (2.35:1) ist nicht nur gemessen am Alter des Films, sondern auch im Vergleich mit aktuellen Referenzfilmen überwiegend herausragend gelungen. Die Farben sind eher kühl gehalten, die Schärfe ist im Fokusbereich makellos und gibt nur zu den Rändern hin gelegentlich nach. Filmkorn ist nicht erkennbar. Nur in den Vietnam-Szenen sieht man, dass gelegentlich mit anderem Filmmaterial gearbeitet wurde, auch unter Verwendung von dokumentarischem Material.
Die Originalfassung liegt in DTS-HD MA 5.1 vor, die deutsche Synchronspur wie nicht anders zu erwarten in DTS-HD MA 1.0, also mono. Die Bluray besitzt deutsche Untertitel.
Besprochen wurde die von Studio Canal Ende 2010 aufgelegte Single-Bluray, die im Gegensatz zu anderslautenden Beschreibungen, kein Bonusmaterial enthält und bei AMAZON GB aktuell für unglaubliche £ 6,29 (= € 7,56) zu erhalten ist.
Preiswerter wird man diesen überragend restaurierten Klassiker wohl kaum bekommen.

Postscriptum: Vergnügen bereiten die junge Meryl Streep und besonders der leider zu früh verstorbene John Cazale (erkrankte während der Dreharbeiten an Knochenkrebs), der wie kein anderer dem Typus des extravertierten, sich dennoch unterlegen fühlenden und "schwachen Mannes" ein Gesicht verlieh.

Donnerstag, 15. März 2012

Die eiserne Lady


Großbritannien 2011 - Originaltitel: The Iron Lady - Regie: Phyllida Lloyd - Darsteller: Meryl Streep, Jim Broadbent, Alexandra Roach, Harry Lloyd, Olivia Coleman, Anthony Head, Richard E. Grant - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 6 - Länge: 105 min.

Dass Meryl Street für „The Iron Lady“ ihren dritten OSCAR erhielt, ist zweifellos die berechtigte Würdigung einer grandiosen darstellerischen Leistung.  Die 63-Jährige spielt seit geraumer Zeit mit subtilen Performances ihre jüngeren Kolleginnen mühelos an die Wand und auch ihr jüngster Film ist großes Star-Kino, das sich darum bemüht, die Schwächen des filmischen Konzepts auszubügeln. Leider ist die Lebensgeschichte der berühmt-berüchtigten Vorreiterin des britischen Neo-Liberalismus über weite Strecken dann doch nur eine belanglose Nummernrevue geworden.

Das Beste sieht man gleich am Anfang. In einer zeitlich nicht näher verorteten Gegenwart sitzt Margaret Thatcher mit ihrem Ehemann Denis (eindrucksvoll: Jim Broadbent, Another Year, zuletzt Harry Potter and the Deathley Hallows: Part 2) am Frühstückstisch. Man liest Zeitung und Denis soll sich gefälligst nicht so viel Butter auf den Toast schmieren. Alles ist etwas kühl, aber dennoch herzlich, wenn man den gehörigen Schuss Understatement abzieht. Upper-Class-Rituale eines eingespielten Paares. Dann der Schnitt auf die Totale.
Die Kamera zeigt nun eine alte Frau am Frühstückstisch, allein, um Contenance bemüht. Ihr Mann: eine Halluzination, bereits 1983 verstorben. Die ehedem mächtigste Politikerin des 20. Jh. ist dement.

Der dramatische Konflikt von Phyllida Lloyds Biopic wird in der Eingangsszene festgezurrt und er besitzt durchaus eine narrative Logik. Später wird uns der Film zeigen, dass die Führerin der britischen Konservativen Partei und Premierministerin von 1979-1990 zeit ihres Lebens eine Frau gewesen ist, die es gewohnt war nach vorne zu schauen. Sich nicht in der Vergangenheit aufzuhalten, so erzählt uns "The Iron Lady", sondern das Mögliche aus dem Bestehenden und Gegenwärtigen herauszudestillieren – natürlich hin zum Positiven – ist für sie Programm. Aber wenn der Film als Narrativ ähnlich wie in Ken Russells grellem „Mahler“ (GB 1974) eine Serie von Flashbacks aneinanderreiht, dann ist dies nicht nur ein Rückgriff auf gängige Erzählmuster des biografischen Films. Thematisch erhält der Film durch seinen Beginn, der seinen Ursprung in eben jener Frühstücksszene hat, seine Eindeutigkeit: Margaret Thatchers Lebensphilosophie wird quasi konterkariert. Denn immer weiter geht ihr Blick zurück, bis an die Anfänge ihrer politischen Karriere und ihrer Ehe. Der vertraute Blick nach vorne ist verstellt, er gibt nichts mehr her. Das könnte spannend sein, aber man versteht bald: hier ist nicht die Auseinandersetzung mit einem politischen Leben geplant, sondern das große Charakterdrama, in dem die Szenen einer Ehe zum finalen Zustandsbericht eines einsamen Lebens führen.

Das Biopic als Nummernrevue
Natürlich sind Biopics immer etwas problematisch, wenn es um noch lebende Zeitgenossen geht.
Zu frisch ist das Faktische im Gedächtnis abgelegt und jede Aussparung und Verkürzung muss notwendigerweise auf Unmut beim informierten Zuschauer stoßen. Zumal die Konsequenzen aktueller politischer Entscheidungen meistens nicht in vollem Umfang absehbar sind. Der weniger gut Informierte will wenigstens schlüssige Informationen, bevor er sich den künstlerischen Aspekten zuwendet. So bewegen sich Biopics häufig zwischen Schulfunk und Drama.
Andererseits ist die filmische Biografie ein Kinogenre par excellence: Politiker, Künstler, Gangster, Sportler gehören seit Beginn des Kinos zu den beliebtesten Themen und so verwundert es auch nicht, dass dieses Sujet gleich eine Reihe von Subgenres herausgebracht hat. Sportler-Biopics wie „The Fighter“ gehören aufgrund ihres authentischen und dramatischen Potentials nach wie vor zu den beliebtesten Exemplaren ihrer Art.
Vielleicht ist gerade der Wunsch, dem  Fiktionalen mithilfe eines authentischen Stoffes ein besonderes Qualitätssiegel zu verliehen, auch Ausdruck eines Bedürfnisses nach Realismus, aber damit auch nach Deutung und Erklärung des Historischen. Im günstigsten Fall erfährt man dann auch wirklich etwas, in minder schlimmeren Fällen bloße Außenansichten und wenn es richtig übel wird, werden Ideologie und Mythologisierung aufgetischt. Tatsächlich scheinen Biopics erhebliche ästhetische und formale Herausforderungen zu stellen, die aber dann auf erheblichen Widerstand stoßen, wenn die Balance zwischen Drama und solider  Darstellung des Faktischen nicht stimmt. Eben dies ist in "The Iron Lady" der Fall.

Die Flashbacks der „eisernen Lady“ erzählen von den Erinnerungen an die Luftschlacht um England und wie hingetupft erscheint die prägende Beziehung zu ihrem Vater, einem konservativen Lokalpolitiker, den die junge Margaret vergöttert. Dass Menschen sich nicht auf den Staat verlassen dürfen, sondern das, was in ihnen steckt, mit harter Arbeit aus sich herausholen können, wenn sie denn nur wollen, erscheint ihr plausibel.
Ein Studienplatz in Oxford markiert den Beginn des Aufstiegs. Und nach ersten Gefechten in der Lokalpolitik wird die „Krämerstochter“ aus dem britischen Mittelstand in die hermetisch erscheinende politische Obersicht eindringen: eine Männergesellschaft, die die konservativen Grundtugenden des Polit-Rokkies anfangs als weibliche „Haushaltwirtschaft“ belächelt. Nach einer gescheiterten Wahl für einen Parlamentssitz heiratet Margaret den wohlhabenden Geschäftsmann Denis Thatcher, der gleich zu Beginn das Primat des Politischen vor dem Privaten akzeptieren muss. Und sie macht es wahr: später wird Margaret Thatcher nicht einmal die Abwesenheit ihres Mannes bemerken, der eine lange Geschäftsreise unternommen hat.

In diesen Szenen erzählt Phyllida Lloyd nicht ganz ungeschickt die Geschichte von der Durchsetzungskraft einer politisch engagierten Frau in einer Männergesellschaft, aber leider wird alles Weitere dann als Nummernrevue inszeniert, die auch formal zeigt, dass der Film die Distanz zu den Ereignissen „da draußen auf der Straße“ nicht überwinden kann. Wenn Thatcher als Premierministerin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt ist, zeigt Lloyd das radikal umgestrickte Großbritannien nur aus kühlem Sicherheitsabstand: Inflationsbekämpfung, Deregulierung und Privatisierung tauchen als Worthülsen in Reden und Kabinettssitzungen auf, der Kampf gegen die Gewerkschaften bildet lediglich den filmischen Fundus für einige Redeschlachten mit aufgebrachten Labour-Abgeordneten, während die Proteste auf der Straße und der Bergarbeiterstreik 1984/85 durch Einspieler aus alten Nachrichtensendungen repräsentiert werden.
Und anders als in gelungenen Beispielen dieses Genres fehlt der herausfordernde Gegenspieler als reflexiver Korrektor. Eisern ist die Dame, wenn es um Grundsätze geht, und eisern ist sie, wenn sie Männer wie ungezogene Jungs abkanzelt, etwa ihren Lord President, den sie während einer Kabinettssitzung eines Rechtschreibfehlers überführt. Aber so sind die politischen Gegner Thatchers in "The Iron Lady" nunmal, auch jene in den eigenen Reihen: irgendwie Abziehbilder und meistens namenlos. Die Anekdote tritt an die Stelle der politischen Revision und was die Poll Tax ist, die letztlich zu ihrem Niedergang führt, bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen: die Verbindung zwischen Privatem und Öffentlichen wird im Film zwar pausenlos penetriert, bleibt - gemessen am Ergebnis - aber nur eine Behauptung. Wie man diesem Genre mit biografischen Episoden und trotz einer formalen Konzentration auf dialoglastiges Zimmertheater eine enorme Spannung und ein gewaltiges Informationsbenefit abringt, zeigt uns aktuell ein Biopic der ganz anderen Art, nämlich David Cronenbergs „A Dangerous Method“ (USA, D 2011).
Biopics haben ja alle eine Tendenz zur Episoden-Haftigkeit und zur Nummernrevue, aber in „The Iron Lady“ werden uns politische Ereignisse der jüngeren Vergangenheit wie Abrissblätter eines Tageskalenders präsentiert. Nie wird greifbar, was sich in Großbritannien tatsächlich verändert hat, und für Zuschauer ohne explizite Kenntnisse der jüngeren Geschichte wird die Verweildauer an der Oberfläche in „The Iron Lady“ wohl zum Dauerzustand. Politische Reflexion sieht anders aus, aber das will der Film auch nicht sein.

Nur ein privates Drama
Eine Schlüsselszene zeigt, worum es wirklich geht: als die alte Margaret mit ihrem Arzt spricht, verneint sie entschieden dessen Frage, ob sie denn Halluzinationen habe, und die Frage nach ihren Gefühlen beantwortet sie damit, dass es ihr um Gedanken und Ideen gehe. Bereits in der Demenz gefangen, zeigt uns Lloyd ihre Hauptfigur als stoisch verhärtete Person, die immer noch alles den idealistischen Prägungen ihre Jugend unterordnet, aber wirklich interessiert ist die Regisseurin nur an den privaten Konsequenzen dieser Axiome.
„The Iron Lady“ ist kein politisches Biopic, es hält als Subtext vielmehr das Protokoll einer gescheiterten Ehe bereit. Die Heimsuchungen und Halluzinationen der alten Frau sind die späten Reflexe auf eine Entwicklung, die in tiefe Einsamkeit geführt hat, und in der der tote Denis als lakonischer Stichwortgeber zunächst wie ein guter Freund erscheint, sich dann aber in einen quälenden Dämon verwandelt. Margaret wird am Ende der Tortur verzweifelt die Lautstärke von Fernseher und Radio aufdrehen und alle Küchengeräte anstellen, um durch den Lärm den Geist aus dem Reich der Toten zu bannen. Fast scheint es ein lakonischer Kommentar Phyllida Lloyds zu sein: erst die Krankheit zwingt die harte Frau zum Blick zurück.
Die hingestreuten politischen Fragmente und Einspieler bleiben aber weiterhin an der Oberfläche und eine fatale Oberflächlichkeit erreicht der Film dann endgültig bei der Darstellung des Falklandkrieges. „The Iron Lady“ zeigt uns eine Frau, die prinzipienfest handelt und als toughe Lady gnadenlos ein argentinisches Kriegsschiff versenken lässt.  Formal schiebt Lloyd mehrfach Zwischenschnitte auf eine emotional tief bewegte Frau ein, die sich diese Entscheidung hart abringt. Diese Montage ist aber nur eine Behauptung: Tatsächlich war die Aktion militärisch sinnlos und tatsächlich gewann Thatcher dank ihrer martialischen Haltung ihre gründlich lädierte Popularität bei den Wählern vorübergehend zurück.

Das alles ist aufgrund der nuancierten Spielweise von Meryl Streep und Jim Broadbent streckenweise nicht übel, vermag aber emotional und erst recht intellektuell nicht wirklich zu berühren. Zu ärgerlich ist der Rückzug ins Private, der erzähltechnisch natürlich eine perfekte Positionierung des Stars und eine tolle One-Woman-Show erlaubt. Noch ärgerlicher fallen einige stilistische Patzer ins Gewicht, etwa die pathetische Filmmusik, die sogar vor melodramatischen Operneinlagen nicht zurückschreckt. Das hat inhaltlich den einen oder anderen plausiblen Grund und ist möglicherweise aber ironisch gemeint, aber auch hier geht der Schuss gründlich nach hinten los und sorgt für einige Peinlichkeiten hart am Rande der Verpilcherung.
Der entscheidende Plot Point des Films ist konsequenterweise dann schließlich der Sieg Margaret Thatchers über ihren halluzinierten Mann, dem sie symbolisch die Koffer packt und dem sie dann aber vergeblich nachruft, er möge doch bleiben. Das ist natürlich grandios gespieltes Theater, das aber erkennen lässt, dass wir vorher nur Zettelkastenbilder eines politischen Lebens gesehen haben. Die fehlende Dialektik des Films verstellt konsequent den Blick auf eine Frau, die die britische Europafeindlichkeit gründlich definierte und deren moralisches Sendungsbewusstsein die Briten in eine schöne neue und deregulierte Welt führte, in der man heute etwas mehr als nur moralische Willensstärke benötigt, um „etwas aus seinem Leben zu machen“.

Noten: BigDoc = 4