Von 1993 bis 2002 gehörten die „X-Files“ (Akte X) zu den beliebtesten Sci-Fi-Serien im amerikanischen TV. Paranormale Phänomene mussten aufgeklärt werden, Monster und Aliens wurden Woche für Woche von den FBI-Agenten Dana Scully (Gillian Anderson) und Fox Mulder (David Duchovny) aufgespürt. Und die Welt musste vor Verschwörern gerettet werden, die mit aggressiven Aliens kollaborierten. Nach Duchovnys Ausstieg sanken die Ratings und nach der 9. Staffel wurden die Figuren in eine ungewisse Zukunft entlassen, denn nicht alle Rätsel konnten in der finalen Episode gelöst werden. Nach wie vor wartete die Wahrheit irgendwo da draußen. Nun sind die X-Files wieder zurück. FOX hat von Chris Carter eine sechsteilige Mini-Serie produzieren lassen, die das alte Team in eine neue Zeit katapultiert. Möglicherweise das spektakulärste Serien-Revival des Jahres. Eine vollständige Besprechung aller Episoden gibt es hier.
Was ist aus Scully und Mulder geworden? Mulder ist in Episode 1 „My Struggle“ sichtbar angeschlagen. Unrasiert taucht er auf, offenbar hat er die letzten Jahre im Untergrund gelebt. Nur Scully scheint gelegentlich zu wissen, wie er zu erreichen ist. Seine Schlagfertigkeit hat er nicht eingebüsst, schnell schlagen die Dialoge der beiden die alten Screwball-Funken. Scully ist nach wie vor nicht mundfaul und wenn Mulder sie fragt, auf welche Weise sie etwas herausgefunden hat, antwortet sie „I’m old-school, Mulder. Prä-Google!“
So war es schon damals. Mulder, der geniale Ermittler mit dem Riecher für die Fakten, die sich hinter den Fakten verbergen. Scully, die Rationale und Scharfsinnige, die schnell kontern konnte, blitzgescheit ironisch wurde und Mulders Ideen stets mit dem Empirischen und den strengen Methoden der Naturwissenschaften konfrontierte.
Daran hat sich nichts geändert: Scully seziert wie immer Leichen für Mulder oder blickt durch ein Mikroskop. In „My Struggle“ zeigt sich, dass diese Arbeitsbeziehung immer noch effektiv ist, nur traut ausgerechnet sie diesmal den Ergebnissen nicht, prüft alles noch einmal und findet heraus, dass die überprüfte Person tatsächlich Alien-DNA besitzt. Dass Scully sich bei dieser Gelegenheit selbst untersucht (warum nicht schon früher?), ergibt dann natürlich einen hübschen Cliffhanger – man ahnt, wie das Ergebnis ausgefallen ist.
Verändert hat sie sich allerdings schon, mehr als Mulder, der nach einem müden Auftakt schnell wieder der Alte ist. Scully arbeitet in Episode 1 als Ärztin, hat mit den X-Files angeschlossen und scheint am Vergangenen mehr zu laborieren als ihr Ex-Partner. Gillian Anderson flüstert eher in ihrer Rolle als dass sie kraftvoll spricht, sie gibt Scully nicht mehr als Energiebündel, sondern als depressive Frau mit einer riesigen Lebenslücke. Warum das so ist, erfährt man häppchenweise in den beiden ersten Episoden: Scully und Mulder haben einen gemeinsamen Sohn, William (Season 7 & 8), der aus Sicherheitsgründen anonymisiert zur Adoption freigegeben wurde. Mulder hat darüber eine endogene Depression entwickelt, die die Beziehung der beiden ruiniert hat. Und beide werden von Visionen heimgesucht, in denen sie Vater und Mutter sein dürfen.
Natürlich Verschwörer!
Geplant sind zwei Mythologie-Folgen und vier „Monster of the Week“-Episoden.
Chris Carter hat die erste Episode geschrieben und auch selbst Regie geführt. „My Struggle“ führt auch gleich in die X-Files Mythologie ein. Das ist konsequent, da der Erzählrahmen auf sechs Folgen begrenzt ist. Raum für eine langsame Entwicklung der Erzählung gibt es kaum.
Die Mythologie-Folgen der alten Serie, in denen Scully und Mulder eine weltweite Alien-Verschwörung aufdecken wollten und teilweise auch konnten, wurden bei den Fans der Serie zur Legende und damit zur Blaupause unzähliger Fantasy-Serien. Wer sich fragt, warum in US-Filmen so häufig die Bösen in der Regierung und den Geheimdiensten gefunden werden, findet eine Antwort auch in den X-Files. Carters Original-Serie ist zudem der legitime Nachfolger der Paranoia Movies aus den 1970er Jahren und knüpfte mit dem schwarzen Öl, den Gestaltwandlern und Super-Soldaten an Traditionen an, die bis zum Genreklassiker „Invasion of the Body Snatchers" zurückreichen.
Zum festen Bestand des narrativen Konstrukts gehörten aber auch die klassischen „Monster of the Week“-Episoden, abgeschlossene Geschichten, die in Sachen Originalität und Witz der Alien-Mythologie nicht nachstanden, gelegentlich sogar besser waren. Chris Carter und seine Mitstreiter spielten in den MotW-Episoden nicht nur hart am Rande der Ekelgrenze, sondern überschritten sie lustvoll. Wenn Scully und Mulder etwa den Bandwurmmann finden wollten, mussten sie buchstäblich durch Fäkalien waten. Ohne Witz und Ironie ging dies nicht. Noch heute wirken die Dialoge der alten X-Files frisch und unverbraucht. Im Kern waren die X-Files eine „Monster of the Week“-Serie mit einem Main Plot, der nicht nur aus dem Storyelement der Verschwörung bestand, sondern der Serie auch einen zeitlichen Rahmen gab, der von Roswell bis in die Erzählgegenwart reichte. Der Wechsel zwischen beiden Elementen war innovativ - als der Begriff „horizontales Erzählen“ noch nicht en vogue war, haben Showrunner Chris Carter und sein Autorenteam bereits horizontal und vertikal erzählt (1).
Nun galt es, an das Alte anzuknüpfen, aber alles auch so zu erzählen, dass Neueinsteiger eine Chance haben.
„My Struggle“ versucht den Spagat und schneidet dabei insgesamt gut ab. Chris Carter hat sich als Autor allerdings weit aus dem Fenster gelehnt. Der Plot der ersten Episode hat nämlich eine Botschaft – und so etwas mögen nicht alle Fans. Erste Andeutungen tauchen gleich zu Beginn auf: Im einleitenden Teaser zeigt Carter, wie 1947 ein UFO in New Mexico eine Bruchlandung macht und die anrückende Militäreinheit den außerirdischen Piloten tötet. Dabei wird von den Militärs offenbar auch Alien-Technologie erobert.
Die Gegenwart: 14 Jahre Jahre nach ihrem letzten Kontakt will FBI Assistant Director Walter Skinner (Mitch Pileggi ist in seiner alten Rolle wieder dabei) , dass Mulder sich Tad O’Malley, den Anchorman einer Online-TV-Show, etwas genauer anschaut. Skinner äußert sich in einem Gespräch mit Mulder düster über den Wandel der Zeiten, alles habe sich seit Nine-Eleven verändert. Bald erfährt man, warum dies so ist. O’Malley ist nämlich nicht nur ein rechtsgerichteter Verteidiger der Waffenindustrie, sondern auch ein Anhänger von Mulders Theorien. Allerdings gibt er dem Ganzen eine überraschende Wendung: er präsentiert Scully und Mulder beim ersten Treffen eine junge Frau, Sveta, die ein Entführungsopfer sein soll. Sveta berichtet, dass sie mehrmals schwanger war, die Föten aber kurz vor der Geburt entfernt wurden. Allerdings waren nicht Aliens dafür verantwortlich, sondern die Regierung der USA.
Als O’Malley in einem geheimen Hangar Mulder ein mit Alien-Technologie gebautes UFO mit Tarnkappentechnik demonstriert, läuft der zuvor skeptische Mulder zum Entsetzen Scullys mit fliegenden Fahnen zu dem Verschwörungstheoretiker über und fühlt sich (was in der alten Serie bereits schon einmal als fundamentaler Glaubensverlust durchdekliniert worden war) wieder einmal um die Wahrheit betrogen. Ein Informant (à la „Deep Throat“ aus der 1. Season des X-Files) scheint Mulders Weltbild endgültig zum Einsturz zu bringen. In einem langen Monolog erklärt der desillusionierte Mulder danach seine neue Sicht auf die Welt: Nicht Aliens hätten mithilfe des „Syndikats“ jahrzehntelang Frauen für Gen-Experimente entführt und versucht, einen Alien-Mensch-Hybriden zu erschaffen, sondern es seien von Beginn an Verschwörer in der US-Regierung gewesen, die nach dem New Mexico-Zwischenfall heimlich Alien-Technologie eingesetzt haben, um die Herrschaft an sich zu reißen. Natürlich weltweit.
Carter unterlegt diese Suada mit einem Teaser, der so aussieht, als hätte ihn Michael Moore montiert, um den militärisch-industriellen Komplex, vor dem bereits Eisenhower warnte, mit einem Anti-Werbefilm anzuklagen. Und Mulder (unterlegt mit den passenden Bildern) erzählt: Weltweit heizen die USA militärische Konflikte an, spionieren ihre Bürger aus, manipulieren Wirtschaft und Banken. Die Demokratie wird methodisch durch den Patriot Act und den National Defense Authorization Act geschwächt, die US-Bürger werden zu willenlosen Konsumenten umerzogen und durch falsche Ernährung und Drogen in tumbe, fette Idioten verwandelt.
Natürlich sind auch Bilder von Edward Snowden und Julian Assange zu sehen. Getoppt wird alles mit einem Einspieler, in dem George W. Bush den Amerikaner rät: „Und ich empfehle Ihnen allen, mehr shoppen zu gehen!“ Alles scheint nun für Mulder klar zu sein: eine ultra-faschistische Elite will erst die amerikanischen Bürger versklaven und dann die Weltherrschaft an sich reißen. Aliens haben mit der Verschwörung nichts zu tun. Sie seien durch Wurmlöcher in friedlicher Absicht zu uns gereist.
Brave New World
Klar, diese Sequenz wird polarisieren. Und tatsächlich weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Chris Carter hatte schon in der alten Serie nicht immer ein glückliches Händchen bei der Continuity der Mythologie-Folgen. Manchmal gewann man den Eindruck, dass einige Episoden nur deswegen funktionieren konnten, weil besonders Scully, aber auch Mulder, sicher geglaubte Erkenntnisse irgendwie über Nacht vergessen hatten (2). In „My Struggle“ wird der Alt-Fan deshalb auf eine harte Probe gestellt, denn Mulders Sinneswandel ist nicht wirklich plausibel. Scully kann nur konsterniert feststellen: „Das ist Techno-Paranoia. So dumm und gefährlich, dass es an Verrat grenzt!“
Verrat an dem, was man eigentlich besser wissen sollte? Carters Intention dürfte allerdings klar sein: Die neuen X-Files sollen in der politischen Neuzeit ankommen. Formal ist der Teaser spannend, denn extra-diegetische Elemente waren in der alten Serie nicht vorgekommen. Nun wird plötzlich in einem Rutsch alles serviert, wozu die alte Serie fast fünf Staffeln benötigte, bis dann irgendwann der Cigarette-Smoking-Man endlich einen knappen Abriss der Verschwörung präsentierte. Aber vielleicht wurde Mulder erneut zum Narren gehalten. Es wäre nicht das erste Mal.
Erneut bleibt sich Carter in einem Punkt treu: Es geht nicht um das Verstehen oder die endgültige Auflösung des Geheimnisses, sondern um den Glauben daran, dass es möglich ist, die verborgene Wahrheit „da draußen" zu enthüllen. Auch Mulder wollte glauben. Nur ist dies in der Regel mit Täuschungen verbunden, auch mit Selbsttäuschungen – und das gilt nicht nur für die Protagonisten, sondern auch die Fans. Und so weiß man nicht so recht, ob Chris Carter mit dem Teaser ein politisches Statement abgeben will oder politische Satire in die Serie implementieren möchte. Aber ist etwas Satire, dass über weite Strecken so nah an der Realität ist? Eine weitere Lesart ist auch denkbar: Carter will die Mythologie gar nicht auserzählen, sondern (ähnlich wie bei dem offenen Ende der 9. Staffel) die Option behalten, irgendwann weitermachen zu können. Dazu ist es nun gekommen.
Trotz einiger Irritationen kann man der ersten Episode trotzdem eine Zwei plus geben. Die X-Files sind wieder da, mit all ihren Widersprüchen und Inkonsistenzen. Und selbstverständlich werden auch in „My Struggle“ wieder einmal alle Beweise vernichtet und einige Figuren verschwinden von der Bildfläche.
In „Founder’s Mutation“, der zweiten Episode geht es um telepathisch und telekinetisch begabte Geschwister, einen „Mad Scienctist“, der seltene genetische Deformationen bei Kindern behandelt und ein dunkles Familiengeheimnis hütet. „Founder’s Mutation“ ist eine „Monster of the Week“-Geschichte, die aber mit einem Fuß in der neuen Mythologie der Serie steht.
Geschrieben hat das Script James Wong, der für die alte Serie eine Reihe von brillanten Drehbüchern verfasst hat und Regisseur einer Kultepisode war: „Gedanken des geheimnisvollen Rauchers“ (07x4). Diesmal ist Wong aber eher ein bescheidener Wurf gelungen, denn statt einem Monster gibt es eine Reihe kleiner und zwei halbgare zu sehen, die nicht so einprägsam sind wie die legendären MotWs der alten Serie. Die hatten aufgrund ihrer Popularität mitunter sogar Mehrfachauftritte.
Schön ist dagegen eine Sequenz in „Founder’s Mutation“, in der man sieht, wie Mulder und sein Sohn erst Kubricks „2001" anschauen und im Garten eine Rakete in den Himmel schießen. Auch dies ist eine Traumvision, aber sie zeigt auch, dass die Macher stilistisch facettenreicher geworden sind, mehr in die Figurenentwicklung investieren und noch einige mysteriöse Geheimnisse im Köcher haben. Eins ist nach dieser Episode aber klar: Scully und Mulder sind nun wieder beim FBI und wir werden sie in ihrem alten, muffigen Kellerraum vor dem Aktenschrank mit den X-Akten sitzen sehen.
Wie geht es weiter?
Die neuen X-Files treffen den Ton der alten Serie. Die Mini-Serie ist steckenweise so frech wie die alte und technisch ihrem Vorgänger um Lichtjahre voraus. Die Effekte sind kinoreif und stilistisch haben Chris Carter und sein Team einen Schritt nach vorne gemacht. Zum Glück wurden vertraute Motive zudem nicht verändert. So ist die Main Title Sequence unverändert geblieben. Mark Snow, der für den Score und das Main Thema der alten Serie verantwortlich war, ist erneut an Bord, sodass auch musikalisch eine Kontinuität hörbar wird.
Beim Casting hat Carter neben den Hauptdarstellern viele der alten Akteure erneut gewinnen können. Neben Mitch Pileggi gilt dies auch für die Darsteller der Lone Gunmen, die wohl in einer der folgenden Episoden ihren Auftritt haben werden. Auch der mittlerweile 78-jährige William B. Davis darf am Ende der ersten Episode einen Two-Liner zum Besten geben: „Wir haben ein Problem. Sie haben die X-Files wieder geöffnet!“ Der Cigarette-Smoking-Man sitzt allerdings schwer angeschlagen in einem Rollstuhl und qualmt nun durch ein Tracheostoma (wie bereits in „Requiem", 7x22).
Auch wenn man zu Anfang den Eindruck hat, dass Chris Carter die Plot-Entwicklung etwas zu sehr forciert, ist dies wohl angesichts der limitierten Anzahl der Episoden nachvollziehbar. Immerhin hat man das Gefühl, das alles beim Alten geblieben, aber zugleich moderner und zeitgemäßer geworden ist. Die neuen X-Files sind mehr als eine Hommage für die Fans.
Die sind natürlich an der Zukunft der X-Files interessiert. „My Struggle“ erreichte beim Debüt am 24. Januar über 16 Mio. Zuschauer und ein Nielsen-Rating von 6.1. Das schafft „The Walking Dead“ nur an guten Tagen. Die zweite Episode wurde von den US-Kritikern begeistert aufgenommen, halbierte aber mit 9,67 Mio. Zuschauer die Quoten der ersten Folge, was allerdings immer noch ein starkes Ergebnis ist (3). Duchovny und Anderson sind für eine weitere Zusammenarbeit bereit und wenn die Quoten nicht einbrechen, werden Scully und Mulder irgendwann auch die letzten Verschwörer aus ihren Löchern getrieben haben. Oder auch nicht. Und der Vorrat an Monstern scheint ohnehin unerschöpflich zu sein.
Note: BigDoc = 2
(1) „Progressive Complete Serien“ nennt man dies in der Medientheorie. „Complete“ (oder auch „Status Quo") ist eine Erzählweise mit abgeschlossenen Geschichten, die mit jeder Episode enden und keine zeitliche Chronologie kennen. „Progressive“ („The Wire", „Breaking Bad") sind horizontal erzählte Episoden, die einen Plot haben, der mindestens eine ganze Staffel bestimmt, in der Regel aber staffelübergreifend ist. „Progressive Complete“-Serien sind eine Mischung aus beidem – sie haben einen staffelübergreifenden Meta-Plot, aber auch abgeschlossene Geschichten. Narratologisch wartet auf den horizontalen Serientyp aber immer das Problem des Endes, des überzeugenden Finales.
(2) Mit dem kollektiven Gedächtnisverlust spielte Carter schlagfertig in „Requiem" (7x22, dts. Titel „Alles begann in Oregon"). Dort taucht ein FBI-Revisor auf, der die Kosten-Nutzen-Relation der X-Files auf den Prüfstand stellt und zu keinem guten Ergebnis kommt, obwohl die X-Files nach über 100 Episoden eigentlich voll mit beweiskräftigen Unterlagen über die zahlreichen Monster sein sollten, die Scully und Mulder bis dahin zur Strecke gebracht haben. Das ist deshalb witzig, ironisch und selbst-referentiell, weil vertikale Serien grundsätzlich unter Amnesie leiden: die Figuren haben zu Beginn einer neuen Episode alles vergessen, was sie in der letzten erlebt haben. Das FBI scheint das gleiche Problem zu haben.
(3) Insgesamt wurde die zweite Folge besser aufgenommen als die erste. Nicht nur bei TV-Kritikern in der USA, sondern auch in deutschen Foren. Das spiegelt zum Teil den alten Kampf der Fraktionen wider: auf der einen Seite die MotW-Fans, auf der anderen Seite die Mythologie-Fans. Neueinsteiger tun sich schwer mit der Mythologie - sie haben so etwas ja in „Fringe" und ähnlichen Serien gesehen und erleben nun einen müden Aufguss. Mit der gebotenen Höflichkeit sei angemerkt, dass die X-Files das Original sind. „Fringe" ist der Nachahmer - bis hin zum Wechsel zwischen Einzelfällen und Metaplot. Probleme mit der neuen Mythologie entstehen allerdings auch dadurch, dass die Kern-Mythologie bereits mit „One Son" (6x12) und der Auslöschung des Syndikats auserzählt war. Carter und sein Team konnten nur dank einiger erzählerischer Verrenkungen weitere Mythologie-Folgen produzieren. Oft zu Lasten der Plausibilität. Auch Mulder scheint in der neuen Miniserie „One Son" vergessen zu haben.
Update des Beitrags v. 26. Januar 2016.
Am 28. Februar ist OSCAR-Verleihung. Dann werden wir wissen, ob Leonardo DiCaprio endlich seine Trophäe erhält. Wenn nicht, geht die Welt auch nicht unter. Gegönnt sei es aber dem Hauptdarsteller des naturalistischen Western „The Revenant“. Interessanter scheint aber die Frage zu sein, ob Alejandro González Iñárritu nach dem überragenden „Birdman“ erneut einen guten Film gemacht hat.
Auf jeden Fall hat er einen ganz anderen gemacht. Dem ausgeklügelten Kunstprodukt „Birdman“, in dem es um Kino und Theater, um Massenkunst und bürgerliche Schaubühne, um Illusionen und Wahn geht und das am Ende die Frage offen lässt, ob der Held in den Tod springt oder tatsächlich fliegen kann, folgt mit „The Revenant“ ein Trip an unwirtliche Settings in Kanada und Argentinien, wo der mexikanische Starregisseur seine Mitarbeiter an die physische Grenze trieb, weil halt alles echt sein sollte. Bis ihm einige davonliefen. Dem Method Acting wurde quasi ein Method Naturalism zur Seite gestellt.
Für „Birdman“ hatte der Mexikaner vor einem Jahr drei Statuen bekommen (Bester Film, Beste Regie, Bestes Original-Drehbuch). Mit seinem rustikalen Western wagt Iñárritu diesmal nach komplexen Arthouse-Produkten wie „Amores Perros“, „21 Gramm“, „Babel“ und dem sperrigen „Biutiful“ den Sprung in Hollywoods edelstes Genre – den Western. Zwölf OSCAR-Nominierungen haben dieser kleinteilige Naturalismus und weitere Qualitäten dem Film eingebracht.
Naturalismus, keine Mythen
Iñárritu erzählt in „The Revenant – Der Rückkehrer“ die Geschichte des Trappers Hugh Glass, frei nach Motiven aus dem gleichnamigen Roman von Michael Punke. Sie spielt in den 1820ern, irgendwo in den Tiefen der Wälder von North Dakato. Glass (Leonardo DiCaprio) begleitet zusammen mit seinem halbindianischen Sohn Hawk (Forrest Goodluck) als Scout einen Trupp Männer, der ein nahe gelegenes Fort mit Fleisch versorgen soll, aber auch ein lukratives Geschäft mit der Erbeutung von Tierfellen im Sinn hat. Angeführt wird die Gruppe von Andrew Henry (Domhnall Gleeson). Pech für die Männer: ein Indianerstamm, die Arikarees, durchstreift die Wälder, weil die weißen Invasoren ausgerechnet die Tochter des Häuptlings entführt haben sollen. Der Jagdtrupp wird überfallen und beinahe vollständig aufgerieben. Nachdem die Überlebenden sich auf einen tagelangen Marsch ins entfernte Fort eingestellt haben, wird Glass von einem Grizzly angefallen. Der Bär zerfetzt den Trapper beinahe, kann aber von dem fast halbtoten Glass mit dem Messer getötet werden.
Wie durch ein Wunder hat Glass die Attacke überlebt, aber der Rücktransport erweist sich als unmöglich. Henry beschließt, den Schwerverwundeten zurückzulassen. Der Pelzjäger John Fitzgerald (Tom Hardy), Hawk und der junge Jim Bridger (Will Poulter) sollen Glass, falls es zum Schlimmsten kommt, mit Würde und Anstand unter die Erde bringen. Fitzgerald, der bereits zuvor nicht sonderlich gut mit Glass zurechtkam, versucht dem vermeintlich Sterbenden zu suggerieren, dass dessen baldiger Tod das Beste für die Zurückgebliebenen sei und entnimmt Glass’ gurgelnder Antwort – die Stimmbänder des Trappers sind verletzt – eine Art von Zustimmung. Als Hawk die Sterbehilfe verhindern will, wird er von Fitzgerald vor den Augen seines Vaters erstochen. Fitzgerald beerdigt Glass bei lebendigem Leibe, täuscht seinen Begleiter Bridger über den wahren Hergang und setzt sich ab. Doch Glass überlebt die Tortur und schleppt sich, nur mit einem Bärenfell ausgerüstet, durch die Wildnis. Er will Rache.
Zu sagen hat der Film wenig, erzählen tut er viel
Das schreit nach Floskeln. Überraschen konnte daher nicht, dass die Kritik beinahe hymnisch einen „existenzialistischen Überlebenskampf“ heraufbeschwor und im Walten der Natur, eingefangen von der Kamera Emmanuel Lubezkis, Erbarmungslosigkeit und innewohnende Grausamkeit, aber auch Erhabenheit erkannte. Journalistenpoesie.
Tatsächlich hat sich Alejandro González Iñárritu mit stilistischem Purismus von der Komplexität seiner vorherigen Filme befreit und wohl nichts anderes als eine glasklare, möglichst unverfälschte Erzählung im Sinn gehabt. In zweieinhalb Stunden erzählt Iñárritu daher die Geschichte der Auseinandersetzung zweier Männer beinahe handlungsarm, und das auf eine Weise, die frei von Deutungsangeboten ist. Und wenn sich beide am Ende gegenüberstehen, wird einer der beiden sterben müssen, nur auch das ein quälend langwieriges Procedere, denn Iñárritu zeigt auch, wie schwer es ist, einen Menschen zu töten. Das ist purer Naturalismus und hat absolut nichts mit den mythologisch überhöhten Naturgemälden eines Terrence Malick zu tun.
Dies gilt auch für die Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki, der 2014 für „Gravity“ und 2015 für „Birdman“ einen Oscar mit nach Hause nehmen konnte. Seine vermeintlichen Naturpanoramen sind oft statische Totalen, die dem Zuschauer schweigend gegenübertreten. Seine Qualitäten zeigt Lubezki auch in einigen raffinierten Plansequenzen, wirklich beeindruckend ist seine virtuose Kadrierung, die souverän die Distanz zu den Akteuren aufhebt und eine Nähe herstellt, die ästhetisch einzigartig ist. „The Revenant“ ist daher ein Film, der seine Wirkung in der Präsenz der Ereignisse entfaltet, dabei eine sogartige Unmittelbarkeit entfaltet und sich am Ende als große Leerstelle entpuppt, wenn die finalen Credits über die Leinwand laufen.
Anders formuliert: Zu sagen hat der Film wenig, erzählen tut er viel. Bei „Birdman“ sah dies anders aus.Und das bedeutet wohl auch, dass man „The Revenant – Der Rückkehrer“ nicht zwingend zum zweiten Mal ansehen muss. Er ist nach dem esten Mal auserzählt. Zwar hat Hugh Glass im Fieberwahn Visionen und einige Flashbacks zeigen, dass Glass seine indianische Frau offenbar in den Scharmützeln zwischen den Briten, den Franzosen und den verschiedenen indianischen Stämmen verloren hat, aber dies sind visuelle Intermezzi.
Auch die Auseinandersetzung zwischen Fitzgerald und Glass gibt keine moralischen Dimensionen her, die aus dem Genrefilm ein existenzialistisches Drama machen. Tom Hardy spielt recht exakt einen ruppigen und gänzlich empathiefreien Mann, der von Indianern beinahe zu Tode skalpiert wurde und sich in einen boshaften Rassisten verwandelt hat. Für das ganz große Schurkenniveau ist Hardys Rolle aber eine Nummer zu klein und zu bedeutungslos.
Übrig bleibt eine Trostlosigkeit, die über den Bildern von „The Revenant“ liegt. Und die findet ihre Ursache nicht in wabernden Projektionen auf die Natur. Das war das Privileg der Romantik. Romantisch gestimmt ist Iñárritu eher nicht. Auch die historischen Rahmenbedingungen lässt er außen vor. Was die Briten und Franzosen in Kanada getrieben haben, welche Summen gezahlt wurden, damit riesige Terretorien mitsamt der Ureinwohner den Besitzer wechseln konnten, wird dem Zuschauer nicht erklärt. Dass die Indianer Anfang des 19. Jh. bereits ihren zivilisatorischen Untergang ahnten, legt der Regisseur nur an einer Stelle einem Arikaree in den Mund.
Trostlos ist vielmehr die eisige Distanz zwischen dem Zuschauer, der im warmen Kinosaal sitzt, und der nekrotisch vergammelnden Hauptfigur, die buchstäblich durch die Ödnis kriecht, auf Wurzeln herumkaut, von eiskalten Flüssen davon gerissen wird und im wärmenden Kadaver eines toten Pferdes Schutz vor dem Erfrieren sucht. Beiläufig sieht man, dass die Menschen in „The Revenant“ Vorboten einer düsteren Zukunft sind, in denen ökonomische Überlegungen die ethischen überlagern und der Indianer, der einem am Vortag beim Überlebenskampf geholfen hat, einen Tag später von irgendwelchen Barbaren an einem Baum gehenkt wurde.
Einigen Kritikern war diese Studie wohl zu metaphernarm. „Blöd eigentlich, dass man sich fast unweigerlich lustig macht über diese Geschichte. Denn mit Humor hat es Alejandro González Iñárritu eigentlich nicht so“, konstatierte der Rezensent des SPIEGEL. Nun liegt aber wenig Sinn darin, einem Film das abzuverlangen, was der Film eben explizit nicht sein will.
„Je mehr Iñárritu die Natur mit dem Pathos des Numinosen auflädt und das schiere Wunder des Seins heraufbeschwören will, desto stärker gleiten Lubezkis Bilder ab in leere Protzerei“, fährt der Rezensent fort. Das ist nicht knapp verfehlt, sondern einfach nur vorbei geschossen. Pathos ist weit und breit in „The Revenant“ nicht zu entdecken und nur weil Emmanuel Lubezki für Malick „The New World“ und „The Tree of Life“ geschossen hat, bedeutet dies nicht, dass er Iñárritus strenge Einfachheit by the way konterkarieren kann. „The Revenant“ ist Blut, Dreck und Scheiße – mehr nicht, und edle Wilde gibt es nicht. Sehenswert.
Note: BigDoc = 2
The Revenant – Der Rückkehrer – USA 2015 - Alejandro González Iñárritu – Laufzeit: 156 Minuten – Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Mark L. Smith – Kamera: Emmanuel Lubezki - FSK: ab 16 Jahren – Darsteller: Leornardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter, Forrest Goodluck u.a.
Der Trend ist ein unberechenbarer Zeitgenosse. Im Filmclub bestätigten sich allerdings fast alle Prognosen, die ich im letzten Jahresrückblick gewagt hatte: Es wurden mehr Serien geschaut, Video-on-Demand nimmt im Sehverhalten eine dominierende Rolle ein, das Problem der medialen Übersättigung ist nicht geringer geworden. 55 Filme und knapp 20 Serien wurden gesichtet. Hier sind die Gewinner und Verlierer des letzten Jahres.
Einen klaren Sieger in der Sparte ‚Kinofilm’ gibt es nicht. Recht früh hatte sich etwas überraschend Philippe de Chauverons „Die Töchter des Monsieur Claude“ an der Spitze festgesetzt. In Frankreich war die Komödie mit über 12 Mio. Zuschauern ein Riesenerfolg, in Deutschland erreichte man immerhin über 3 Mio. Kinogänger. Für die deutsche Kritik war alles ein wenig zu seicht, uns gefiel der Film.
Punktgleich ins Ziel kamen „Birdman“, den ich persönlich für das Kinoereignis des Jahres halte, dann – auch eine Überraschung - das Regiedebüt von Ralph Fiennes, der sich mit dem geheimen Liebesleben von Charles Dickens beschäftigte. „The Invisible Woman“ geriet bei den Kritikern etwas unter die Räder und dürfte hierzulande kaum zur Notiz genommen worden sein.
Ebenfalls auf dem geteilten 1. Platz landete „Wir sind jung. Wir sind stark“ von Burhan Qurbani, ein Film, der sich mit den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen auseinandersetzt. Im Sommer 1992 wollte ein wütender Mob die Einwohner eines Asylbewohnerheimes lynchen, die Polizei zog sich zurück und die besorgten Bürger schauten zu. Teile der Antwort, die der Film gab, können den Zuschauer frei nach Thomas de Maizière tatsächlich verunsichern und ähnlich dachte wohl auch die FAZ, die den Film als „anrührend verstörend“ erlebte. Verstehen kann ich das nicht, denn wir wissen doch alle, dass in diesem Land niemand auf die Idee kommt, die Wohnunterkünfte von Kriegsflüchtlingen abzufackeln.
Hier nur nur die Top Twenty des Jahres 2015

Meine persönlichen Favoriten des Jahres sind neben „Birdman“ folgende Filme: Christopher Nolans „Interstellar“, der trotz eines aus meiner Sicht verkorksten Endes das Zeug zum Klassiker hat, dann die beiden Filme von Mike Leigh (es ist wirklich selten, dass ein Regisseur 2x in den Best of landet), wobei „Pride“ zugänglicher ist.
Leighs Biopic über den britischen Landschaftsmaler William Turner benötigt etwas mehr Geduld. „Mr. Turner – Meister des Lichts“ ist nicht nur wegen Timothy Spalls Interpretation der Hauptrolle außergewöhnlich, auch Mike Leighs Bildästhetik ist eine kongeniales Pendant zur Kraft der Bilder eines Mannes, der so gut wie nie über seine Kunst sprechen wollte, aber genauer hingeschaut hat als seine Zeitgenossen.
Auch „Whiplash“hat mir ausgezeichnet gefallen. Nicht nur als Jazzfan. Damien Chazelles mit drei Oscars ausgezeichneter Film kann man als Triumph eines Novizen über den strengen Meister erleben. Ich habe da eher eine packende Studie von zwei Menschen erlebt, die verhaltensgestört sind und deren Hassliebe zu einer beängstigenden Symbiose führt, die wenig Gutes erwarten lässt. Aber Drummer sind sowieso eine Spezies für sich.
Über die schlechtesten Filme des Jahres schreibt man ungern. Wut und Ärger der Leser sind ebenso vorprogrammiert wie Unverständnis und Achselzucken. Versuchen wir’s trotzdem:
Die schlechtesten Filme 2015
- Platz 1: „Honig im Kopf“ (Note 5)
- Platz 2-3: „Jupiter Ascending“ (Note 4,5)
- Platz 2-3: „Focus“ (Note 4,5)
- Platz 4: „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ (Note 4,25)
- Platz 5: „The Drop“ (Note 3,5)
Platz 1 ist keineswegs dem unter Kritikern verbreiteten Til Schweiger-Bashing zu verdanken, sondern dem Umstand, dass wir den Film durchgehend als peinlich und angemessen erlebten. Besonders jene, die zu Hause an Demenz erkrankte Familienangehörige pflegen, befiel intensives Fremdschämen. Schweigers Film ist süßlich-sentimental und siedelt einige Pointen auch unter der Gürtellinie an. Über 7 Mio. Zuschauer in Deutschland sind allerdings anderer Meinung.
Noch eine Anmerkung zum „Star Wars“-Reboot: Ich habe ausnahmsweise keine Kritik geschrieben, sondern einen Kommentar und musste anschließend feststellen, dass ein Teil der Kinogänger offenbar genauso mit dem Film fremdelt wie wir. Die Online-Ausgabe der WELT hat den Fan-Reaktionen eine eigene Seite spendiert. Im Wesentlich läuft dies auf das hinaus, was ich bereits geschrieben habe und ein Kinofreund fasste es bitter-böse mit den Worten „Es fühlt sich an wie eine Dosensuppe, die seit den 70ern im Regal stand ...“ zusammen. Muss es wohl auch, denn Disney hat natürlich das perfekte 4Q-Movie im Sinn gehabt. Und Four-Quadrant bedeutet nun mal, dass alle, wirklich alle Zuschauer von einem Kinoprodukt erreicht werden müssen. Männlich und weibliche, solche unter 25 Jahren und auch jene, die älter sind. Aber noch nie wurde in Hollywood so offensichtlich recycelt wie diesmal. Blockbuster aus dem Marvel-Universum wirken dagegen beinahe schon wie Arthouse-Filme. George Lucas nölt jetzt kräftig mit, aber er hat seine Geschichte gewinnbringend verscherbelt, an Slavenhändler, wie er nun meint: „Stars Wars ist missbraucht worden.“ Er sollte besser nicht so tun, als hätte er dies nicht vorher gewusst.
Die besten Serien des Jahres 2015
Natürlich ist es unmöglich, in einem Filmclub gemeinsam Serien zu sichten. Im Wesentlichen, aber keineswegs durchgehend, gibt das folgende Ranking meine persönliche Favoriten wieder:
Über die fünfte Season von Homeland habe ich eine Kritik geschrieben: Für mich die Serie des Jahres, auch weil ich völlig überrascht war von der außergewöhnlich spannenden und brandaktuellen Story. Von „Homeland“ hatte ich nach der 3. Staffel nicht mehr viel erwartet, aber was ist schöner als der Moment, in dem Erwartungen durchkreuzt werden? Ich bin gespannt, ob die Serie ihren Platz auf dem deutschen TV-Markt findet. Es wird schwer werden, ein Produkt im linearen TV zu platzieren, wenn die meisten potentiellen Zuschauer und die Fans das Ganze bereits gestreamt haben.
Neben den üblichen Kandidaten sind besonders „Weissensee“ und die 2. Staffel von „The Strain“ zu loben. Die Öffentlich-Rechtlichen lassen sich mit ihrem Quality TV wie immer recht viel Zeit – zu viel, wie ich meine. Aber sie schaffen es immer wieder, die Qualität ihres Vorzeige-Produkts auf einem hohen Level zu halten. Das ist hierzulande nicht einfach. Der Totalflop von „Deutschland 83“ dürfte ganze Redaktionen eingeschüchtert haben und man darf sich wohl nicht darauf freuen, dass das ZDF allen Ernstes mit der am 2. Januar an den Start gehenden Serie „Morgen hör ich auf“ den Zuschauer in Sachen horizontales Erzählen nachschulen will. ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler kündigte nassforsch ein „deutsches Breaking Bad“ an. Das müssen Bastian Pastewka und seine Mitspieler nun büßen und bereits im Vorfeld ergoß sich Hohn und Spott über die Ärmsten. Die Macher von „Weissensee“ wissen indes nicht einmal, ob sie ihr Premium-Produkt weitererzählen dürfen. Serien in Deutschland: hier treffen sich Not und Angst. Und dies führt bekanntlich zu nichts Gutem.
Völlig verblüfft war ich dann von der 2. Staffel der von Guillermo del Toro („Pazific Rim“) und Chuck Hogan konzipierten Vampirserie „The Strain“. In meiner Kritik über die die erste Staffel konnte ich nur gepflegtes Mittelmaß entdecken, aber die Macher haben tatsächlich ordentlich draufgepackt. Mit ihren raffinierten Flashbacks und einigen politischen Subtexten kann die Serie bereits ordentlich punkten, aber Darsteller wie Corey Stoll, David Bradley und Kevin Durand legen noch einen drauf und halten mit ihrer Performance das Level kontinuierlich hoch. Der Mix aus Splatter und klassischer Horrorserie ist mein Geheimtipp des Jahres.
Ein Kommentar
Es gibt Filme, die man einfach sehen muss. Es sind die großen Epen, für die man ins Kino geht und die man sich erst beim zweiten Mal im Home Cinema auf der Couch ansieht. Früher auf VHS, heute auf Bluray. „Lawrence of Arabia“ zum Beispiel oder „Jaws“. Ihr Geheimnis: Sie entsprechen zwar nicht immer dem eigenen Kinogeschmack, aber sie besitzen dennoch eine magische Anziehungskraft. Alles strömen ins Kino, alle wollen sie sehen. Man geht mit. Neugier ist etwas Faszinierendes und auch wenn man sonst ganz andere Filme sieht, so gibt es nichts Lustvolleres als den Regelbruch.
Für die Filmindustrie sind diese Filme Maschinen zum Gelddrucken. Für die Menschen sind sie es nicht. Und wenn nicht nur die Nerds, sondern auch Familien mit ihren Kindern oder die Großväter mit ihren Enkeln mit klopfenden Herzen ins Kino eilen, um „Star Wars: The Force Awakens“ zu sehen, bewegt sie irgendwie das Gleiche wie vor fast 40 Jahren. Die Jüngeren wollen den Film sehen, weil es die anderen Kids auch wollen, aber die Älteren verspüren eine nostalgische Sehnsucht nach etwas, das sie vor fast 40 Jahren in ein traumähnliches Märchenland voller tapferer Helden und pathetischer Schurken, kleiner piepsender Roboter mit eigener Seele und geheimnisvoller Ritter versetzt hat. Wobei Letztere dann auch Hüter eines Mysteriums waren, der ‚Macht’, die alle Guten vereint, aber von den Bösen missbraucht wird.
Alle diese großen Gefühle gehören zum Kino.
Seine dunkle Seite sieht man nicht: Es sind die kalten seelenlosen Roboter hinter den Kulissen, die aussehen wie lebendige Menschen. Sie, und nicht etwa George Lucas, haben diesmal den Film gemacht. Und sie zählen ungerührt das Geld. Den Film haben sie am Computer entworfen. Sie haben die passenden Algorithmen definiert und die Maschine berechen lassen, was zu tun ist. Und die Maschine hat ihnen gesagt: Macht einfach das Gleiche wie damals, macht den gleichen Film wie 1977. Die da draußen mit den klopfenden Herzen werden es schon nicht merken. Und sie haben es nicht gemerkt.
Fast 4 Milliarden US-$ hat Disney bezahlt, um George Lucas das traumähnliche Märchenland abzukaufen. Nun sitzt Lucas traurig zu Hause und quengelt, dass Disney seinen Traum zerstört hat. Vielleicht sieht er auch, was er selbst hätte verdienen können. „Star Wars: The Force Awakens“ bricht alle Rekorde: Nach nur wenigen Tagen hat der Film weltweit über 1,2 Mrd. Dollar eingespielt, in Deutschland nahmen die Kinobesitzer, die zuvor von Disney heftig stranguliert worden sind, allein am ersten Tag über 7 Mio. Euro ein. Es wird so weiter gehen, es wird ein unfassbares Vermögen angehäuft werden. Und George Lucas sitzt dann immer noch zu Hause und ärgert sich. Einen Grund hat er nicht. Seine Prequel-Trilogie hat bereits genug Schaden angerichtet.
Aber was ist denn nun eigentlich so schlimm am neuen „Stars Wars“? Es ist das ‚Schnitzel-Modell’. Wer sein erstes Schnitzel gemocht hat, will danach immer wieder das gleiche Schnitzel essen wollen. Im Kino, so haben es die Maschinen berechnet, funktioniert das auch so. Man nennt das Blockbuster. Die Kritiker haben mit ihren Fingern darauf gezeigt und gespottet, die Kinogänger haben sie nicht gelesen oder einfach nur den Kopf geschüttelt. Was ist denn so schlimm daran, wenn es schmeckt?
Und so haben die Maschinen mit „Star Wars: The Force Awakens“ das gleiche Schnitzel erneut auf den Teller gelegt. Der neue Film wirkt wie eine Kopie, oder noch schlimmer: er ist ein Plagiat.
Drei Jahrzehnte nach dem Sieg über das Imperium ist alles vergessen, denn nun reißt die sogenannte ‚Erste Ordnung’ die Macht an sich und will die Galaxis unterjochen. In „Star Wars“ werden die Bösen von Grand Moff Tarkin (Peter Cushing) und seinen Stormtroopers geführt, der schwarze Ritter Darth Vader assistiert ihm. Im neuen „Stars Wars“ greift nun der böse General Hux (Domhnall Gleeson) nach der Macht, assistiert vom schwarzen Ritter Kylo Ren (Adam Driver), der als Wiedergänger genauso hinter einer schwarzen Maske schnauft wie Darth Vader, obwohl er nicht furchtbar entstellt wurde und daher eigentlich keine Maske braucht. Im alten „Star Wars“ suchen die Bösen nach den Rebellen und bedrohen die Republik, im neuen Film tun sie dies auch. Im alten Film haben sie den „Todesstern“ und vernichten einen Planeten, um ihre Macht zu demonstrieren, im neuen Film besitzen sie auch einen Todesstern, nur zehnmal größer, und vernichten einen Planeten, um ihre Macht zu demonstrieren. Im alten Film müssen die Helden am Ende ein waghalsiges Manöver fliegen, um den Todesstern zu zerstören, im neuen gibt es eine ähnliche Szene, die sogar fast auf die gleiche Weise montiert worden ist.
Und die Guten? In „Star Wars“ waren es die hübsche Prinzessin Leia Organa (Carrie Fisher) und der jugendliche Held Luke Skywalker (Mark Hamill), die sich auf eine gefährliche Reise begeben. Im neuen Film werden diese Parts die geheimnisvolle und offenbar von der ‚Macht’ durchdrungene Schrottsammlerin Rey (die bislang relativ unbekannte TV-Actrice Daisy Ridley) und der desertierte Stormtrooper FN-2187, später „Finn“ (John Boyega) genannt, übernehmen. Das Einzige, was neu ist, das ist der Geschlechtertransfer: die Skywalker-Rolle spielt eine junge Frau, den Sidekick mimt ein junger Farbiger. Und natürlich sind auch Han Solo (Harrison Ford) und Chewbacca mit von der Partie, wobei Harrison Ford immerhin die anderen Mimen lässig an die Wand spielt, aber dann im großen Finale die Rolle und das traurige Ende des legendären Ben Obi-wan Kenobi (Alec Guiness) übernimmt, ohne dass die Hoffnung besteht, dass man wenigstens seine Stimme in den nächsten Teilen des Sequels hören wird.
Mit anderen Worten: es ist alles geklaut in „Star Wars: The Force Awakens“. Wirklich alles. Sogar der Anfang. In beiden Filmen muss ein kleiner Roboter entscheidende Informationen hüten, im neuen Film ist es der Aufenthaltsort von Luke Skywalker, im alten sind es die Baupläne des Todessterns. Und fassungslos muss man erkennen, dass dies offenbar niemanden stört und dass alle bewusstlos ins Kino rennen, um den alten Wein in neuen Schläuchen kredenzt zu bekommen. Nur sind die Schläuche halt zehnmal so groß wie 1977.
Der gute Georg Seeßlen hat vor 30 Jahren George Lucas’ „Star Wars“ als „die Erfüllung eines Kindertraums mit den perfektionierten Mitteln der Unterhaltung“ beschrieben und danach den klugen Kommentar hinzugefügt, dass in „Star Wars“ nicht der Grad der technologischen Entwicklung das moralische Maß bestimmt, sondern der Gebrauch, der von der Technologie gemacht wird: Menschen werden zu Sklaven der Technologie (symbolisch vertreten durch den Todesstern und von einigen Philosophen „Verdinglichung“ genannt), während die Helden lernen, dass Technik auch menschlich und empathiefähig sein kann (symbolisch vertreten durch die Droiden R2-D2 und C-3PO). Beide kommen auch im neuen „Star Wars“ vor, aber C-3PO ist beschädigt und R2-D2 steht die meiste Zeit in eine Decke gehüllt neben anderem Schrott irgendwo herum. Auch das hat Symbolkraft.
In „Star Wars: The Force Awakens“ sind fast alle Figuren seltsam unreflektiert. Sie haben ihre Geschichte vergessen. Niemand kennt die ‚Macht’, niemand erinnert sich an die Jedis, Luke Skywalker hat nie existiert und ist nur ein Mythos und warum die Galaxis, in der erst kurz zuvor das Böse besiegt wurde, nun wieder in die Hände eines Wesen namens Snoke (Andy Serkis) fallen soll, wird auch nicht ganz klar. Lediglich die geheimnisvollen Binnenbeziehungen der dunklen Seite der Macht werden in den familiären Beziehungen der Figuren widergespiegelt, beispielsweise im ‚bösen’ Kylo Ren, der Han Solos und Leias Sohn ist.
Regisseur J.J. Abrams, der ja bereits das Star Trek-Universum auf Null gesetzt hat, und Drehbuchautor Lawrence Kasdan, der 1980 das Buch für „The Empire Strikes Back“ geschrieben hat, scheinen geahnt zu haben, dass auch der Zuschauer nicht besser dran ist. Auch er scheint auf seltsame Weise von einem Vergessen ergriffen worden zu sein, das es möglich macht, ihm alles wie in einer Endlosschleife immer wieder aufs Neue zu erzählen. Wirklich neu ist in diesem Reboot von „Stars Wars“ eigentlich nur die Rolle des Stormtroopers FN-2187, der rasch die Seiten wechselt, dessen moralische Bedenken aber wie in jeder Mythologie nicht im Geringsten psychologisch plausibel erscheinen.
Und so führt uns „Star Wars: The Force Awakens“ in eine neue alte Galaxis, in der täglich aufs Neue das Murmeltier grüßt. Wer alt genug ist, um sich zu erinnern, dem kommt in den Sinn, dass in lange vergessenen Zeiten die Großen Alten des Kinos daran verzweifelten, dass die Menschen nicht mehr in ihre Traumpaläste gingen. Sie pumpten Unsummen in sinnlose Monumentalfilme und verloren viel Geld. Besonders die jungen Zuschauer suchten lieber einen Planeten namens „New Hollywood“ auf und sahen sich begierig die Filme von Francis Ford Coppola, Sidney Lumet, Martin Scorsese, Mike Nichols, Dennis Hopper, Robert Altman, John Cassavetes, Sam Peckinpah und Peter Bogdanovic an. Nach Kubricks bahnbrechendem „2001“ wollten sie statt der alten Schinken lieber „Phase IV“ von Saul Bass (1974), „THX 1138“ von George Lucas (1970), „The Crazies“ von George A. Romero (1973), „Silent Running“ von Douglas Trumball (1972) oder gar Andrej Tarkowskijs „Solaris“ sehen.
Doch das Imperium schlug zurück und holte einige der jungen mutigen Ritter auf die dunkle Seite der Macht. Sie bauten einen neuen Todesstern und er wurde erneut „Blockbuster“ genannt. Den Rest der Geschichte kennen wir. „Star Wars: The Force Awakens“ ist einer der schlechtesten Filme des alten Jahres. Er wird auch im neuen Jahr nicht aufzuhalten sein.
Der Filmclub wünscht allen Lesern nichtsdestotrotz ein gutes neues Jahr!
Noten: BigDoc = 5, Melonie = 3,5
In der vierten Staffel hatte die bipolare CIA-Agentin Carrie Mathison als „Drone Queen“ die moralische Schlagseite ihres Brötchengebers als ihre eigene erlebt und danach das Handtuch geworfen. In der neuen Season hat sie einen neuen Job gefunden – in Deutschland. Und nicht länger bei der Agency. Mit der 5. Staffel erreicht der kontrovers diskutierte Polit-Thriller von Showtime einen vorderen Platz unter den Top-Serien des zurückliegenden Jahres: Raised up from the ashes.
Carrie (Claire Danes), die bei der CIA keine Zukunft mehr hatte, arbeitet nun als Sicherheitsberaterin für die deutsche Düring Foundation, die von dem steinreichen Otto Düring (Sebastian Koch) geleitet wird. Ihr Verhältnis zu ihrem Mentor Saul Berenson (Mandy Patinkin) ist zerrüttet: Saul macht seinen Schützling dafür verantwortlich, dass er bei der Besetzung einer Führungsposition übergangen wurde. Nun ist er Chief der CIA-Europaabteilung und muss sich erneut mit dem zwielichtigen Dar Adal (F. Murray Abraham) herumschlagen, der für die im Dunklen operierenden Black Ops verantwortlich ist und sich dabei mehr auf den Berliner Station Chief Allison Carr (brillant gespielt von Miranda Otto) verlässt als auf Saul. Das hat fatale Konsequenzen, als der IS in Berlin zuschlagen will. Terror, Intrige und Verrat: allein Carrie kann sich auf ihre Intuition verlassen und bald ist sie wieder mittendrin in all dem, was sie hinter sich lassen wollte.
„All that suffering, and nothing changes“
Wie immer ist die Main Title Sequence von „Homeland“ eine brillante Interpretation der Seelenlandschaft der Heldin und eine symbolisch aufgeladene Vorschau auf die kommenden Ereignisse. Sean Callery hat den Score mit einer traurig-melancholischen jazzigen Trompete unterlegt. Man sieht, wie schon in Season 4, am Anfang die Löwenmaske, im Off ist eine Frauenstimme zu hören: „Europa ist für Millionen, die aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten...“ Der Satz wird verschluckt, Cut auf ein Tablet, das IS-Ziele in Syrien und im Irak zeigt: man sieht Carrie, die im Auto durch Berlin fährt, während im Off eine andere Frauenstimme zu hören ist: „Angela Merkel will weitere 30.000 Flüchtlinge in Deutschland ...“ Dann Carrie im Off: „Christ, I really thought I left all this behind.“
Flüchtlingskrise, IS-Terror, Edgar Snowden und Whistleblowing („the battlefield is online...“), der neue alte Feind Russland – neben den Bildern der politischen Topics, die in knapp 40 Sekunden die Themenfelder der neuen Season wie zerrissene Notizzettel an eine virtuelle Wand tackern, kippt der Rest der Sequenz ins Persönliche. Das ist in „Homeland“ allerdings niemals etwas Privates gewesen ist.
„All that suffering, and nothing changes“: Carries Lamento im Off wird Sauls nicht weniger resignatives „I actually convinced myself were gonna change the world“ und Peter Quinns (Rupert Friend) kaum weniger deprimierendes „Carrie will never be free“ entgegengehalten. Und Ende als finales Statement die Conclusio von Carries neuer Flamme Jonas Hollander (Alexander Fehling): „So many people, so much blood on your hands.“
Das ist düster und es erzählt beinahe alles, was man danach zu sehen bekommt.
Die neue Main Title Sequence von „Homeland“ nimmt es dabei ästhetisch ganz locker mit den Opening Credits von „True Detective“ oder „House of Cards“ auf und gehört zum Besten, was ich in den letzten Jahren gesehen und gehört habe. Komprimiert und pointiert ist zu sehen, dass „Homeland“ nie nur ein Polit-Thriller war, sondern auch ein psychologisches Drama. Der neue Vorspann zeigt das Thema und kündigt auch das Ende an: Alle sind Verlierer und man kann sich nicht vorstellen, dass es nach dieser Season irgendwie weitergehen kann mit all diesen beschädigten und kaputten Figuren.
Genre-Klischees und präzise Momentaufnahmen
Carrie in Berlin – daran muss man sich gewöhnen. Aber es macht Sinn, denn der Kampf gegen den Terror wird schon längst in Europa ausgetragen. In der ersten Episode geht es darum, dass der Journalistin Laura Sutton (Sarah Sololovic) gehackte Dokumente der CIA zugespielt werden Damit könnte sie die illegalen Schnüffelaktionen von BND und CIA beweisen. Doch bald sind auch die Russen hinter den Dokumenten her und was als vielversprechende innerdeutsche Affäre beginnt, entwickelt sich rasch zu einem globalen Spionage-Thriller, in dem es um einen Terroranschlag des IS in Berlin, den Sturz des syrischen Despoten Baschar al-Assad durch die CIA, die Interessen des israelischen Mossad und – natürlich – auch um den Klassiker aller Spy Movies geht: den Verräter in den eigenen Reihen.
„Homeland“ bewegt sich dabei zwischen saftigen Genre-Klischees und beängstigend präzisen Momentaufnahmen. Dass die Russen alles tun, um den IS-Anschlag gelingen zu lassen, ist von bizarrer Logik, das strategische Ziel ist bitter-böse: Nur so könne man den dekadenten Westen aufrütteln, um ihn zum bedingungslosen Kampf gegen den Islamismus zu motivieren.
Mit solchen steilen Thesen hat die Serie bereits in der Vergangenheit heftige Kritik provoziert, doch bei „Homeland“ ist die Ambivalenz Programm. Die Macher um die Showrunner Howard Gordon und Alex Gansa („24“) haben bereits in den vergangenen Staffeln regelmäßig divergierende Positionen in Stellung gebracht und dem Zuschauer klare Positionen verweigert.
Das wird auch in der ersten Episode offensichtlich, als Carries Buddy Peter Quinn nach zweijähriger Special Ops-Arbeit gegen den IS seinen Bossen in Langley das Scheitern der amerikanischen Strategie um die Ohren haut: „Tell me what the strategy is and I’ll tell you if it’s working. That right there is the problem. They have a strategy. What do you think the beheadings, the crucifixions, the revival of slavery are about? It’s all in The Book. The only book they ever read, all the time, they never stop. To usher in a world without infidels - that’s their strategy and it’s been that way since the 7th century. You really think a few Special Forces teams are going to put a dent in that?“
Ist das islamophob oder realistisch? Und was tut die CIA in dieser Gemengelage in Berlin? Nun, sie killt. Saul Berenson hat im Auftrag der Agency eine Todesliste zusammengestellt, auf der zahlreiche IS-Aktivisten und –Sympathisanten stehen, eine Liste, die von Peter Quinn akribisch abgearbeitet wird. Mitten in Berlin. Fiktion? „Homeland“ ist vor diesem Hintergrund alles Mögliche vorzuwerfen – eine blühende Phantasie allerdings nicht, zumindest nicht in dem genannten Punkt (1).
Narrativ ist die Geschichte ein Mixtur aus kruden Ideen und erschreckend realistischen Mutmaßungen. Die 5. Staffel ist mit Ausnahme der letzten Episode lange vor den Anschlägen in Paris fertig gestellt worden. Die „German Angst“, die sich angeblich wieder bei uns breit macht, dürfte die neue Staffel jedenfalls ziemlich beflügeln, wenn sie davon erzählt, dass eine IS-Terrorzelle in der Bundeshauptstadt einen Anschlag mit dem chemischen Kampfstoff Sarin plant.
Die dramatischen Ereignisse finden ihren Höhepunkt in den beiden letzten Episoden, in der die Terroristen den Berliner Hauptbahnhof attackieren – IS-Follower, die sich nicht etwa als Flüchtlinge getarnt in Deutschland eingeschlichen haben, sondern mitten unter uns als deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund lebten und auf zahlreiche Sympathisanten in der muslimischen Gemeinde Berlins, aber auch an der Hochschule der Stadt zurückgreifen können. Das dürfte Ängste auslösen. Der permanente Vorwurf der Islamophobie, dem „Homeland“ seit jeher ausgesetzt ist, dürfte angesichts der aktuellen Ereignisse in Frankreich und Belgien schwächer ausfallen. Er wird in der Serie zudem sarkastisch kommentiert, denn es ist ausgerechnet ein bekennender libanesischer Atheist. Ein Akademiker mit deutschem Pass, der sich an Israel und Deutschland rächen will und den IS mit der erforderlichen Technik für den Anschlag versorgt.
Ein kompaktes Comeback
„Homeland“ in Deutschland: Da stellt sich natürlich die Frage, was amerikanischen Scriptwritern zu unserem Land so einfällt. Natürlich sind im Cast deutsche Schauspieler in mehr oder weniger wichtigen Rollen zu finden: neben Sebastian Koch und Alexander Fehling sind auch Nina Hoss als BND-Agentin Astrid und Martin Wuttke als lokaler BND-Chef Adler mit von der Partie, sogar Jörg Hartmann ist in einer Mini-Nebenrolle zu sehen.
Im Übrigen staunt man, was sich die Autoren zu Deutschland einfallen ließen: Deutsche Polizisten, die friedlich demonstrierende Bürgerrechtler zusammenknüppeln (allerdings nur kurz in einem TV-Einspieler zu sehen), BND-Agenten, die unter den Augen der örtlichen CIA-Vertreter einen Zeugen der Agency am helllichten Tag kidnappen und Martin Wuttke als BND-Leiter Adler, der die CIA-Schnüffler auf die Bundesregierung ansetzt, weil man das ja wegen der strengen Gesetze nicht selbst tun dürfe. Hier ist die Phantasie wohl aus dem Ruder gelaufen und das Schaf wurde zum Wolf gemacht.
Auch wenn nicht immer alles stimmig im Deutschland-Bild der Serienmacher ist, so ist „Homeland“ ein kompaktes Comeback gelungen. Die ätzenden Fragen landen treffsicher im Ziel: Sind Whistleblower naive Idealisten oder die letzte Bastion vor dem Fall der Bürgerrechte? Hat sich der Kampf gegen den Terror zu einer wahnwitzigen Karussellfahrt entwickelt, in der beide Seiten nur Leichenberge anhäufen?
Antworten bleibt "Homeland" schuldig. Wenn die Scriptwriter am Ende allerdings dafür sorgen, dass der IS in Berlin scheitert, dann liegt das weniger an der Schlagkraft der CIA, sondern an den Gewissensqualen eines muslimischen Terroristen. Auch eine Antwort.
Und der Rest? „Homeland“ ist erneut ein psychologisches Drama, in dem es keine Gewinner gibt. Nur Verlierer und Opfer, die auf der Strecke bleiben. Carrie wird nichts von dem behalten, was ihr lieb und teuer ist. Saul Berenson wird im Laufe der Staffel immer mehr zur heimlichen Hauptfigur, die – doppelt und dreifach betrogen, von Freunden und Feinden – am Ende blutige Rache sucht und findet. Und die wirkliche Hauptfigur ist Peter Quinn, an dem im makabren Höhepunkt der Staffel die Terroristen die Wirkung des Nervengifts Sarin testen. Er ist noch mehr als Carrie ein Wanderer zwischen den Fronten – bedingungslos loyal zu Carrie, gnadenlos als Killer, seelisch bereits tot.
Natürlich hat man oft das Gefühl, das alles bereits gesehen zu haben, aber die Intensität und Glaubwürdigkeit, mit der die neue Staffel ihre Geschichte erzählt, spiegelt in ihrer Atemlosigkeit in 12 Episoden wider, wie sich der momentane Zeitgeist anfühlt. Alle laufen wie besessen im Hamsterrad. Es dreht sich immer schneller und doch weiß keiner, was am nächsten Tag passieren wird.
(1) 2001 kündigte der US-Justizminister John Ashcroft an, dass die US-Regierung plant, Auftragsmorde im Ausland zu legalisieren und Mitarbeiter zu rekrutieren, die direkten Zugang zu Terrorzellen besitzen.
Erinnert sei auch an die Affäre Darkazanli, die zu Ermittlungen der Hamburger Staatsanwaltschaft und später auch der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe führte: angeblich haben die CIA oder Blackwater geplant, den als mutmaßlichen Al-Qaida geltenden Deutsch-Syrer zu liquidieren. Und über die rustikalen Auslassungen der ehemaligen Chefs der NSA und CIA, Michael Hayden, der die sogenannten „Kill Lists“ dementierte, aber einräumte, dass die Dienste gegnerische Kombattanten töten würde, hat der SPIEGEL mehrfach berichtet.
Noten: BigDoc = 1,5
Homeland - USA 2015 - Network: Showtime - 12 Episoden - Executive Producers: Howard Gordon, Alex Gansa - D.: Claire Danes, Rupert Friend, Mandy Patinkin, Alexander Fehling, F. Murray Abraham, Miranda Otto, Sebastian Koch, Martin Wuttke, Nina Hoss, Mark Ivanir, René Ifrah, Sarah Sokolovic.
Bevor die Hauptfiguren herausfinden, was wahrhaftige Detektive sind, müssen sie durch die Hölle gehen. Polarisiert hat bereits Nic Pizzolattos erste Staffel. Wer sie geliebt hat, wird von der zweiten entweder restlos enttäuscht oder völlig begeistert sein. Dazwischen existiert keine Grauzone, in der man es sich bequem machen kann. Und wer die philosophiegetränkten Geschichten schon beim ersten Mal nicht gemocht hat, wird sich nun erst recht bestätigt fühlen. Nicht ganz zu Unrecht, denn der Showrunner hat mit der neuen Serie die Latte vermutlich zu hoch aufgelegt.
Direkt ins Herz des Bösen
Die erste Staffel von „True Detective“ war das Serienereignis des Jahres 2014. Selbst das kongeniale „Fargo“ musste sich gewaltig strecken, um der prall mit Bedeutungen abgefüllten Serie von Nic Pizzolatto auf Augenhöhe begegnen zu können (...gewann allerdings die meisten Preise). „True Detective“ war und ist ein Solitär: Zu wortgewaltig waren Matthew McConaughey und Woddy Harrelson – angesiedelt zwischen Existenzfragen, philosophischem Nihilismus und einer bildgewaltigen Mythologie, die direkt ins Louisianas schwarzes Herz des Bösen führte.
Der Hype um die zweite Staffel, die erneut als Mini-Serie mit abgeschlossener Handlung realisiert wurde, fiel bereits im Vorfeld unrealistisch aus. Es war nicht zu erwarten, dass man einen Geniestreich beliebig oft wiederholen kann. Es kam, was viele befürchtet hatten: viele Kritiker und Zuschauer wandten sich im vergangenen Sommer enttäuscht ab.
Regisseur Cary Fukunaga fehlte in der Fortsetzung, agierte aber ebenso wie die beiden Hauptdarsteller der 1. Staffel, Matthew McConaughey und Woddy Harrelson, als Executive Producer. Pizzolatto schrieb für TD 2 alle Drehbücher. In der zweiten Staffelhälfte ließ er sich von Scott Lasser unterstützen.
Bereits nach den ersten Folgen war aber das Dilemma nicht mehr wegzudiskutieren: die zweite Staffel wollte aus den großen Schuhen ihres Vorgängers heraustreten, anders sein und doch originell bleiben. Ersteres ist gelungen, aber die Originalität wurde teuer erkauft. Schlicht und einfach auf den Punkt gebracht: Die Geschichte der zweiten Season ist völlig überladen und lässt sich eigentlich nur anschauen, wenn man gleichzeitig eine Gebrauchsanleitung in der Hand hält oder sich alle Folgen ohne große Unterbrechung in einem Rutsch anschaut.
Worum geht es?
„True Detective 2“ spielt in Vinci, einer fiktiven Kleinstadt, in der es „mehr Arbeitsplätze als Einwohner gibt“. Vinci liegt im Nirgendwo zwischen Los Angeles und San Diego, die hochindustrialisierte Topografie des kleine Nests in Südkalifornien wird durch Highways und Freeways mit diesen Metropolen verbunden. Dieses Netzwerk frisst sich wie ein Krebsgeschwür in die Landschaft. Und es soll größer werden. Der Ex-Gangster Frank Semyon (Vince Vaughn) hat im großen Stil in ein Projekt investiert, das weiträumige Parzellen für den weiteren Ausbau des Straßensystems aufgekauft hat. Ein lukratives Investment, für das man notfalls auch die Böden vergiftet, um billiger an das Land zu kommen.
Denn unter der mäandernden Oberfläche der Schnellstraßen wuchert ein ganz anderes Krebsgeschwür: Industrie und Handel, die Verwaltung, die Polizei und die herrschende Elite von Vinci sind über zahllose Querverbindungen mit dem organisierten Verbrechen verknüpft, das schon längst seine Finger im Spiel hat. Und als Semyons Mittelsmann Ben Caspere ermordet wird, sind plötzlich auch seine Millionen futsch. Das Kartell teilt ihm lapidar mit, das Geld nie erhalten zu haben.
Korrupt sind fast alle in Vinci. Die Oberschicht feiert Orgien mit Nutten, die zuvor unter Drogen gesetzt werden. Es wird gesoffen und gekokst und alle wollen dazugehören. Den Sumpf möglichst nicht aufräumen sollen nun die Cops Raymond „Ray“ Velcoro (Colin Farrell) vom Vinci Police Department, Antigone „Ani“ Bezzeridis (Rachel McAdams), die für den Sheriff von Ventura ermittelt, und der Highway Patrol Officer Paul Wooddrugh (Taylor Kitsch), der Casperes Leiche auf einem Parkplatz gefunden hat.
Um diese Figuren herum baut Pizzolatto ein undurchsichtiges Geflecht aus weiteren Figuren auf, die nicht nur in den Big Deal involviert sind, sondern auch noch folgenschwere Crime Plots abarbeiten müssen, die weit in die 1990er Jahre zurückreichen.
Melodram und Kitsch: Die Gefühle in True Detective
Über diesen Geschichten liegt eine gewaltige Tristesse, die sich langsam wie ein schleichendes Gift in die verborgenen Motive und Ängste der vier Hauptfiguren hineingräbt. Was sie verbindet: Sie leben nicht gerne, eigentlich müssten sie tot sein, um ihren Frieden zu finden. Sie wurden in ihrer Jugend sexuell missbraucht und misshandelt (Frank, Antigone) oder sind schwer traumatisiert wie Ray und Paul.
Rays Ehe ist gescheitert, er kämpft verzweifelt um das Sorgerecht für seinen Sohn und weiß nicht, ob er dessen biologischer Vater ist. Gleichzeitig steht er auf Franks Lohnliste und erledigt für ihn dirty jobs. Vor Jahren hat Ray nach der Vergewaltigung seiner Frau von Frank einen Tipp bekommen, aber er hat danach den Falschen umgebracht. Das erfährt er, als alles fast schon zu spät ist. Auch Antigone schlägt sich mit Dämonen der Vergangenheit herum, auch sie wurde in ihrer Jugend missbraucht, ihre New-Age-Familiengeschichte ist ein Grab voller dunkler Geheimnisse. Paul dagegen leidet an einem nie völlig aufgeklärten Kriegstrauma und einer ambivalenten sexuellen Orientierung. Antigone und der Irak-Veteran sind die einzigen in Vinci, die nicht durch und durch moralisch verkommen sind.
„True Detective 2“ orientierte sich zwar unübersehbar am Film Noir, an Vorbildern wie David Lynchs „Mulholland Drive“ oder Roman Polanskis „Chinatown“. Aber nicht nur. Von der Kritik bislang fast völlig übersehen wird der Einfluss des Melodrams. Dessen komplexe Symbolsprache, die oft herkömmliche dramaturgische Gesetze ignoriert, taucht in TD 2 unübersehbar auf und geht auch in Pizzolattos Serie zulasten der erzählerischen Konsistenz. Alle Hauptfiguren sind auf unterschiedliche Weise auf der Suche nach unbedingter Liebe, Loyalität und Freundschaft, während der Rest der Welt von nackter Gier angetreiben wird. Pizzolattos Schlüsselfiguren sind in diesem Vorhof der Hölle auf eine beinahe auswegslose Weise schwer depressiv und beinahe handlungsunfähig. Dass sie sich trotz unterschiedlicher Motive in der Mitte der Staffel darauf einigen können, den Mordfall gemeinsam aufzuklären, macht sie zwar zu „True Detectives“, aber ihr Scheitern und ihr Untergang kündigt sich schon lange vor der letzten Episode an.
Diese Melange der Gefühle und der Sehnsucht in den Griff zu bekommen, ist nicht einfach. Gleich an der nächsten Ecke lauern das Klischee und der Kitsch. Beides sollte nicht reflexhaft als negativ betrachtet werden, immerhin reden wir von den ökonomisch erfolgreichsten Stilformeln des Kino. Ich empfehle in diesem Zusammenhang Georg Seeßlens vermutlich nur noch antiquarisch zu erhaltenden Theorieklassiker „Kino der Gefühle - Geschichte und Mythologie des Film-Melodrams" (1980). Seeßlens 35 Jahre alter Text macht deutlich, warum die Figuren in einem Melodram sogar über Banales in einer seltsam überhöhten affektiv aufgeladenen Sprache reden. So reden sie auch in TD 2 und Seeßlens Satz „Die melodramatische Weltsicht ist der des Kitsches verwandt, behält sich aber die Möglichkeit des Wahnsinns vor" erklärt allemal den Stil Pizzolattos besser als vieles, was ich bislang über diese Serie gelesen habe. Die Folgen für die Storyline sind nicht zu übersehen: Symbolische Strukturierung der Handlung, Komplexität statt Einfachheit, Emotion statt Diskurs. Dennoch: Der Literaturdozent Pizzolatto dürfte schon gewusst haben, was er seinen Figuren in den Mund gelegt hat.
Offenbar glaubte Pizzolatto aber, den überkonstruierten Plot zu meistern. Marcus Müntefering bezweifelt dies und schreibt in seiner lesenswerten Review: „In der 1. Staffel wurde die letztlich ziemlich überschaubare Story durch eine komplexe Erzählstrategie verkompliziert, TD2 hingegen wird linear erzählt. Dafür ist dieses Mal die Story so komplex, dass es beinahe unmöglich ist, zwischendurch den Überblick zu behalten. Pizzolatto verliert den eigentlichen Fall immer wieder aus den Augen, der Zuschauer den Überblick – und zeitweise das Interesse."
Das Ergebnis ist eine Two-Shot-Serie. Ich habe diesen Begriff erfunden, um Pizzolattos Narrativ besser erklären zu können. Ein „Two Shot“ ist eigentlich eine klassische Filmeinstellung, in der zwei markante Personen zu sehen sind (typisch: die beiden Killer in „Pulp Fiction“, aber z.B. auch die Helden in TD 1) – in meiner Kritik zielt „Two Shot“ aber auf den Zuschauer ab. Er benötigt nämlich mindestens ‚zwei Schüsse’, um die Geschichte in TD 2 einigermaßen in den Griff zu bekommen. Pizzolatto erzählt sie hyperkomplex aus den unterschiedlichen Perspektiven seiner vier Hauptfiguren, die mit gut zwei Dutzend weiterer Nebenfiguren verbunden sind. Von den unwichtigen Nebenfiguren soll erst gar nicht die Rede sein.
Der erste Schuss der Zuschauers: 1x das Ganze anschauen, die Stimmung aufnehmen und sich hoffnungslos verirren, danach nach einem guten Episode Guide suchen, alles ausdrucken und mit dem Text in der Hand (ca. 20 Seiten pro Episode) die Serie noch einmal anschauen und simultan die Interpretationen studieren. Das ist kein Witz. Das ist „True Detective“ (Season 2).
Stilistisch überragend
Nic Pizzolattos zweite Staffel ist in jeder Hinsicht stilistisch ein Hingucker. Die Main Title Sequence wurde erneut vom Design Studio Elastic um Creative Director Patrick Clair kreiert. Das Team hat 2014 einen Emmy für das Main Title Design der ersten Season gewonnen und zog nun für TD 2 kein neues Kaninchen aus dem Zylinder, sondern bediente sich äußerst kreativ der bekannten Stilmittel. Elastic hat neue Standards definiert. Andere Serienmacher kupfern bereits kräftig ab.
Die Filmmusik besorgte erneut T Bone Burnett, der sich diesmal stärker an elektronischen Motiven orientierte und einen wirklich beeindruckenden, fast hämmernden Score entwickelte. Das Opening Theme ist Leonard Cohens „Nevermind“ aus seinem 2014 erschienenen Album „Popular Problems“. Wer genau hinhört, wird bemerken, dass sich der Text mit jeder neuen Episode ändert. Auch die Musik sorgt in „True Detective 2“ für kryptische Bedeutungsebenen – einen wichtigen Anteil daran hat auch die Liedermacherin Lera Lynn, die einen Großteil der diegetischen Musik komponierte und spielte (also jener Musik, die in einer fiktiven Geschichte u.a. von handelnden Figuren gespielt wird). Selbstverständlich muss man sich die Songtexte besorgen, sonst versteht man die Szenen nicht...
Auch narrativ funktioniert Pizzolattos Serie auf hohem Niveau. Alle Episoden beginnen mit einem ausgefeilten Cold Open und einem proleptischen Mini-Cliffhanger. Das bedeutet: ein direkter Sprung in eine Szene oder die Einführung eines Motivs, die beide nicht ad hoc den Bezug zum vorherigen Handlungsverlauf aufdecken, aber Kommendes andeuten (auch symbolisch).
In Pizzolattos Serie gibt es zudem auch die eine oder andere Eröffnungsszene, die psychologische Deutungen einer Figur anbietet, ohne dabei alle Geheimnisse zu lüften. Dies ist spätestens seit Breaking Bad, das diese Erzähltechnik enorm verfeinert hat, zum Standard von Qualitätsserien geworden, und in TD 2 führt dies zu einigen wirklich bemerkenswerten Innenansichten.
Auch darstellerisch zeigt TD 2 eine Performance, die man outstanding nennen kann. Vince Vaughn, der ständig zerknautschte Colin Farrell, Rachel McAdams und besonders Taylor Kitsch spielen eindrucksvoll gegen das hart am Pulp entlang driftenden Script an, das im Laufe der Zeit immer mehr in einem Meer der Tränen und in metaphysischen Tiraden versinkt. Sie können aber nicht verhindern, dass aus den Figuren manierierte Kunstgebilde werden – und das hat nun rein gar nichts mit der hard-boiled-Diktion des Noir oder Neo-Noir zu tun, umso mehr aber mit dem entschlossenen Willen Pizzolattos, ein bis ins kleinste Detail durchkomponiertes Jahrhundertwerk vorzulegen.
Hieronymus Bosch der Serienkultur
Nino Frank schrieb 1946 in „The Crime Adventure Story: A New Kind of Detective Film“, dass es im Film Noir eher nicht um die Lösung des Falls geht, sondern um die psychologischen Eigenschaften der Figuren. Sie sind häufig in die Verbrechen verwickelt, die sie aufzuklären haben, und sie bewegen sich in einer Grauzone der Moral, wenn sie dies tun.
„My ethics are my own“, war der Wahlspruch eines der ersten literarischen hard-boiled Detectives, nämlich dem von Carroll John Daly erschaffenen Race Williams. Das könnte so oder ähnlich auch Ray Velcoro behaupten, aber er ist bereits der dekadente Nachfahre der Sam Spades und Philip Marlowes, sein Weg aus der Korruption und zurück zu einem Codex ist mit Schnapsflaschen gepflastert und der Weg zurück zur Wahrheit ist dann auch nur eine Art, am Ende möglichst rechtschaffen zu sterben.
Genau davon erzählt „True Detective 2“. Es geht nicht nur um einen Gangster, der um sein Geld betrogen wurde. Es geht auch nicht um drei Cops, die mehr oder weniger zufällig in die Lösung eines mysteriösen Mordfalls verstrickt werden. Es geht um den Untergang, das Scheitern, die vergebliche Sehnsucht und das richtige Sterben. Es verwundert deshalb nicht, dass der von Vince Vaughn großartig gespielte Gangster ein bemerkenswert gebildeter Mann ist, der Tiefsinniges zu erzählen weiß und im nächsten Moment mit kalter Brutalität seine Gegner liquidiert. Er ist sozusagen auf dem Rust Cohle-Trip, nur brutaler.
Alle Protagonisten werden in der Stadt Vinci so oder ähnlich zu existenziellen Grenzgängern, deren bereits beschlossener Untergang nur von einigen kleinen Siegen kurzfristig aufgehalten wird. TD 2 ist Tristesse pur. Am Ende sind fast alle tot, es gibt keine Hoffnung.
Dass die Hauptfiguren in TD 2 allesamt moralisch und existenziell gebrochene Figuren sind, die an ihrer eigenen Lebensschuld zu zerbrechen drohen, legt einen undurchdringlichen Schleier der Dunkelheit über die Geschichte, die in ihrer völligen Hoffungs- und Aussichtslosigkeit nur zu ertragen ist, wenn man als Zuschauer grundsätzlich an eine depressive Weltsicht gewöhnt ist.
Wenn es einen Bezug zur ersten Staffel gibt, dann ist es folgender: Das Böse – und das ist durchaus bei Pizzolatto in einem metaphysischen Sinn zu verstehen – gewinnt immer, auch wenn der eine oder andere Bösewicht auf der Strecke bleibt.
War es in TD 1 die satanische Geheimgesellschaft, die in Louisiana pädophil motivierte Mordrituale organisierte und verschleppte Kinder einer jenseitigen Instanz opferte (was immerhin ein reales Vorbild hatte), so existiert in TD 2 ebenfalls eine Geheimgesellschaft aus mächtigen Familien, die seit Jahrzehnten dem absoluten Nihilismus frönt.
In TD 1 scheitern die Helden daran, die eigentlichen Strippenzieher zu entlarven, lediglich ein grobschlächtiger Handlanger geht am Ende drauf. In TD 2 gibt es am Ende nur die vage Hoffnung, dass man die Verantwortlichen vielleicht irgendwann zur Rechenschaft ziehen kann. In beiden Staffel liegt ein okkulter Wahnsinn über dem Ganzen, nur sehen die Helden in TD 1 am Ende wenigstens ein helles Licht.
In TD 1 verknüpfte Nic Pizzolatto die Story Arc mit raffinierten Rückblenden und intelligenten Bezügen zur Weird Fiction eines H.P. Lovecraft, was mit einem grandiosen Finale endet (trotzdem hält sich bis heute die von Kritikern und Zuschauern geteilte Auffassung, dass Pizzolatto und Regisseur Fukunaga die letzte Episode vor die Wand gefahren haben), in TD 2 entstand ein Amalgam aus Film Noir und Melodram, dessen Ende nur sprachlos macht.
Pizzolatto hat die Verknüpfungen in TD 2 bedeutungsschwanger verrätselt und dabei eine Reihe von Ködern und Codierungen ausgebreitet, die entweder in die Irre führen oder zu einer symbolischen Überfrachtung führen. Gerade Letzteres hat natürlich einige Interpreten auf den Plan gerufen, die akribisch jedes nur so geringe Detail ausgeleuchtet und interpretiert haben, so als könne TD 2 uns eine tiefere Wahrheit vermitteln. Das dürfte zunehmend schwer fallen, denn in TD 2 werden anfänglich intelligente Gedanken immer häufiger durch aufgeblasene Aphorismen, banale Scheinweisheiten und stoische Oneliner ersetzt. Völlig ironiefrei und ohne den leisesten Ansatz von Humor. Dass dies aber auch noch so erzählt wird, dass man der Geschichte nicht einmal folgen kann, ist eine Todsünde.
Pizzolatto hat etwas geschaffen, das ich Mega Noir nenne. Eine hyper-komplizierte Alternativwelt, in der die Figuren nicht den Gesetzen der Plausibilität gehorchen, sondern den Regeln des finstersten Genres der Film- und TV-Geschichte. Sie hängen wie Marionetten an den Spielregeln des Film Noir, allerdings aufgeblasen mit dem Pathos des Melodrams - eine Mixtur, die nicht ohne Weiteres funktioniert. Sie hängen an dem Ariadnefaden ihres Schöpfers, allerdings dürfen sie den Weg aus dem Labyrinth nur halbherzig finden. Pizzolatto führt sie allesamt, die Figuren und die Zuschauer, in ein elegant gefilmtes Zwischenreich, das womöglich der Vorhof der Hölle ist – oder bloß ein besonders gemeiner Traum. Das Ergebnis ist grenzenlose Tristesse, vollständige Ausweglosigkeit und der Verlust jeglicher Hoffnung. Nic Pizzolatto ist nach „True Detective 2“ endgültig zum Hieronymus Bosch der Serienkultur geworden.
Löst man sich von der Unzugänglichkeit der Story und der melodramatischen Sprache, findet man in True Detective 2 immerhin eine elegant zelebrierte Schein- und Kunstwelt, die spätestens nach der vierten Episode atmosphärisch keinen Wunsch offen lässt. Retten kann dies Pizzolattos Geschichte leider nicht.
Das „Kunststück“ hätte gelingen können, wenn der Showrunner und Autor minimalistisch vorgegangen wäre: fokussiert, straight erzählend, einfach statt barock, ironisch statt pathetisch. So aber wirkt „True Detective 2“, als hätten sich David Lynch und Philip K. Dick getroffen, sich grinsend etwas Undefinierbares eingeworfen, dann das Script geschrieben und anschließend völlig stoned auf William S. Burroughs gewartet. Dessen „Cut-up“-Technik bestand darin, die Manuskriptseiten in kleine Zettel zu zerschneiden und nach dem Zufallsprinzip neu anzuordnen.
Die Kritik wurde am 3. Dezember überarbeitet.
Noten: BigDoc = 3,5
True Detective (Season 2) – USA 2015 – Showrunner, Buch: Nic Pizzolatto – Regie: Justin Lin u.a. – Musik: T Bone Burnett – Opener: „Nevermind“ von Leonard Cohen – Main Title Design: Patrick Clair u.a. (Elastic) – D.: Vince Vaughn, Colin Farrell, Rachel McAdams, Taylor Kitsch, Ritchie Coster, Afemo Omilami, David Morse u.a.