Dienstag, 8. Februar 2011

„Salt", „Knight and Day", „Red": Der Niedergang des Actionkinos


Überprüft man die Maxime *Höher, schneller, weiter“ auf ihre Praxistauglichkeit, wird man feststellen, dass sie im sportlichen Wettbewerb auf unüberwindliche Hürden stößt, während sie im kulturindustriellen Komplex zeitlich befristet durchaus funktionieren kann. Man starrt wie gebannt auf die jeweils neuen Superlative, besonders auf das technisch Machbare, solange, bis man die hochauflösende Qualität der digitalen Informationen für wichtiger als die Ästhetik des gestalteten Bildes hält, solange, bis man bizarr übersteigerte Plots für bedeutsamer als eine einfühlsame Reflexion der eigenen Lebensbefindlichkeiten einschätzt. Und das solange, bis sich der Affenzirkus trotz aller Anstrengungen nicht mehr steigern lassen und am Ende im Grotesken, in der Wiederholung und im Selbst-Referentiellen erstickt.
Dabei gilt eine Regel: man kann nicht damit aufhören! 
Unausweichlich ist dann jedoch, wie die Erfahrung lehrt, ein Ermüdungseffekt, der sowohl jene einschließt, die aktiv am Steigerungswahn mitwirken, als auch jene, die als Rezipienten passiv dem Geschehen beiwohnen. Schieben wir bei derartigen Betrachtungen die ökonomischen Härten der Arbeitswelt und den glitzernden Schein der Welt des professionellen Sports beiseite und betrachten zuvörderst das Kino, so verstärkt sich der Eindruck, dass die tempogeladene Rastlosigkeit des Actionskinos bereits anankastische Züge trägt.
Höher, schneller, weiter: Gäbe es eine Psychopathologie des Kinos, so würde in ihren Beschreibungskanon eben jene Zwanghaftigkeit aufgenommen werden müssen, die in steter Gleichmäßigkeit Filme auf den Markt schaufelt, die auf ordinäre Weise dumm sind.

Wiederholung als Geschäftsprinzip
Solche Thesen setzt man nicht ungestraft in die Welt. Es gilt also zwei Arbeitsfragen zu beantworten: Was ist dummes Kino und sind jene, die es schaffen, selbst dumm?
Bevor man sich als Cineast jedoch in der Pose intellektueller Selbstbemitleidung verströmt, sollte man die Forderung der großen Phänomenologen Husserl ernst nehmen: „Zu den Sachen!“. In unserem Fall möchte ich Signifikantes an Filmen wie „Salt“, „Knight an Day“ und „Red“ abarbeiten, um zu zeigen, dass das Actionkino voll und ganz auf dem Schlauch steht.

„Salt": eine CIA-Agentin wird von einem russischen Überläufer beschuldigt, ein Maulwurf in Diensten des russischen Geheimdienstes zu sein. Beim Versuch, sich zu rehabilitieren, deckt sie eine Verschwörung auf, die die atomare Zerstörung der Vereinigten Staaten zum Ziel hat. Die Hauptfigur rennt um ihr Leben und ballert wie wild.
„Knight and Day": ein Geheimagent wird verdächtigt, eine neue Super-Batterie auf eigene Rechnung zu verscherbeln. Beim Versuch, sich zu rehabilitieren, decken er und seine unfreiwillige Partnerin eine ungeheuerliche Verschwörung auf. Die Hauptfiguren rennen und ballern wie wild.
„Red": ein pensionierter CIA-Agent soll von einem Elite-Killerkommando liquidiert werden. Bei der Suche nach den Hintergründen entdeckt er eine ungeheuerliche Verschwörung, die er mit einigen bereits in Rente gegangenen Ex-Kollegen aufdeckt. Die Hauptfiguren rennen und ballern wie wild.

Dererlei Plots lassen sich reduktionistisch auf die erwähnten Kategorien des Grotesken, der Wiederholung und des Selbst-Referentiellen herunterbrechen. 
Grotesk ist der hybride Comic-Charakter der Figuren. Angelina Jolie wirkt in „Salt“ wie eine jedes Maß vermissende Potenzierung des „24“-Helden Jack Bauer; Tom Cruise ist in „Knight and Day“ als augenzwinkernd-ironische Variante des gleichen Typus nur unwesentlich erträglicher, während in „Red“ ein Killerquartett (Bruce Willis, John Malkovich , Morgan Freeman, Helen Mirren) bizarr überzeichnet wird, ohne dass sich das Lachen einstellen will, während sich gleichzeitig ein Gefühl der Lächerlichkeit quälend breit macht. Auch hier stellt sich die Frage: ist das Medium lächerlich oder sind wir es bereits, die wir alles klaglos über uns ergehen lassen?

Mit der Wiederholung und dem Selbst-Referentiellen macht sich in der Rede über Kino ein analytischer Ansatz aus der Systemtheorie breit, der sich erstaunlicherweise mit der ahnungsvoll-intuitiven Wahrnehmung von Filmen gleichschaltet. Nur selten trifft elaborierte Theorie so treffsicher das Gefühl der Leere, das sich in uns nach dem Betrachten dummer Filme breit macht.
In „Red“ erkennt man die Wiederholung an dem Umstand, dass der Plot nichts weiteres als eine unverschämt lieb- und humorlose Variante des Films „Space Cowboys“ ist, während „Knight and Day“ das Buddy Movie nicht um eine weitere Variante bereichert, sondern sattsam bekannte Vorbilder zitiert. Der Teebeutel wird nicht zweimal, sondern immer und immer wieder aufgegossen.
Das alles spüren wir und erstaunlicherweise benötigt die Kulturindustrie eine gewisse Zeit, um in uns das Gefühl des wohlig Vertrauten durch einen zunehmenden Widerstand zu ersetzen, der zwar die Wiederholung des Immergleichen als lästig empfindet, dem aber bereits die reflexive Potenz abhanden gekommen ist, die vonnöten wäre, um zu erklären, wo dieses Gefühl des Widerstands denn herrührt. Anders gesagt: man fühlt sich verarscht, kann aber nicht mehr beschreiben, wie denn eine denkbare Alternative auszusehen hätte.

Kein Blick auf die Realität
In der hermetischen Abschottung des schlechten Genrekinos mit der nicht enden wollenden Variierung vertrauter Muster, die zum Beispiel dahin führt, dass bereits ein Remake von „Total Recall“ angekündigt wird, weil es nach 20 Jahren ‚an der Zeit’ ist, den Film in neuem Gewand zu präsentieren, überstrahlt das Selbst-Referentielle als Epiphanie des Nichtssagenden schließlich das marode System industrieller Filmproduktion, wobei unter Systemtheoretikern als primäres Kriterium gilt, dass die derart beschriebenen Systeme sich im Selbstbezug stabilisieren und sich darin hermetisch von ihrer Umwelt abschließen. 
Vor diesem Hintergrund gilt als verschroben, wer ernsthaft danach fragt, warum die Kulturindustrie keine Produkte herstellt, in denen die Menschen etwas darüber erfahren, warum so viele Zeitgenossen arbeitslos um ihre Existenz bangen. Als realitätsblind gilt gar, zu fragen, warum der gemeine Pöbel in der Kunst schon längst nicht mehr erfährt, wer warum und mit welchen Mitteln herzlose Bankgeschäfte durchführt und dabei ganze Währungssysteme vor die Wand fährt.
Kultur, wenn sie denn welche wäre, müsste doch wenigstens gelegentlich die unmittelbaren Fragen unserer Existenz zu beantworten versuchen, während wir gleichzeitig ahnen, dass wirklich alles denkbar ist, nur das eben Genannte dabei in Gänze auszuschließen ist. Fragen unserer Existenz? Lachhaft! Und das Schlimmste: die wenigsten erinnern sich noch an das ihnen abdressierte Bedürfnis.

Wer ist eigentlich der Dumme?
Nun, da wir wissen, was dummes Kino ist, bleibt die Frage übrig, ob denn die, die es produzieren, auch selbst dumm sind. Sie sind es nicht, denn es ist ein großes Einfühlungsvermögen erforderlich, um zielsicher Filme zu produzieren, die massenwirksam sind und somit geeignet, die erforderlichen Rendite einzufahren. Es ist sicher kein Zufall, dass es im Business intelligente Executive Producer wie Lorenzo di Bonaventura gibt, denen als CEO erfolgreiche Filme wie Constantine, Transformers, Transformers: Revenge of the Fallen, Salt und Red gelingen. Man erkennt durchaus eine Spezialisierung und ein weitreichendes Verständnis für die Bedürfnisse der Zielgruppe(n).
Traurig und komisch zugleich ist es dann, dass Filmkritiker die reißbrettartig geplanten Industrieprodukte immer noch wie blödsinnig auf Inhalt, Ästhetik und Genretraditionen abklopfen, alles in eine auf den Regisseur bezogene Werkgeschichte hineindeuten, so als wäre es möglich, in einer Autofabrik am Ende des Montagebandes in den völlig gleichartig produzierten Vehikeln ein Charakteristikum des Einzigartigen zu finden.
So gesehen sind die Kritiker in ihrem formelhaften Durchdeklinieren bildungsbürgerlicher Traditionen kaum weniger dumm als die Konsumenten, die sich an der Kinokasse ebenso abmelken lassen wie beim Kauf hochwertiger Datenträger.

Im Bann des Ähnlichen
Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit“, haben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung geschrieben und man darf sich sicher sein, dass dank der vollständigen Durchökonomisierung alles Lebensäußerungen derartiges kaum noch verstanden wird. Kulturindustrie hat den Mythos der demokratischen Teilhabe am kulturellen Geschehen so sehr verankert, dass jener, der vehement seine Wahlfreiheit im bunten Selbstbedienungsladen der Medien beteuert, längst nicht mehr die Illusion derartiger Beteuerungen erkennt. Adorno hat dies so zusammengefasst: früher durfte man nicht wagen frei zu denken; mittlerweile sei dies möglich, aber nun könne man es nicht mehr, weil man abgerichtet sei, das denken zu wollen, was man wollen soll. Und eben dies würde als Freiheit gedeutet.
Man kann dies an den leidigen Diskussionen erkennen, die entstehen, wenn man zum Beispiel einen Film von Werner Herzog im größeren Kreis verhandelt. Die Aversion, die einem entgegenschlägt, gipfelt dann immer in der Frage, was dies denn zu bedeuten hat. So, als würde sich etwas an der Aversion ändern, wenn man denn in der Lage wäre, so etwas wie Bedeutung in griffige Worte zu kleiden. Dabei wird übersehen, dass die Aversion nicht aus dem Fehlen von Deutungsinstrumentarien herrührt, sondern aus der Wahrnehmung des Andersartigen und des von der Norm Abweichenden. Dieses Abweichende können wir längst nicht mehr hinnehmen. 
Ähnlichkeit beruhigt uns und zoologisch sind wir bereits Hamster im Laufrad. Nur gelegentlich streift uns ein Gefühl der Unruhe und wir ahnen, dass das Actionkino am Ende ist und Bruce Willis sich wohl zu Recht in die Rente begeben hat.

Dienstag, 25. Januar 2011

Top Ten 2010 - Part II

Top 11 - 20
Wie versprochen hier der Rückblick auf die Plätze 11 – 20 unserer Jahresbestenliste.
James Camerons „Avatar“ landete überraschend nur auf Platz 11. Warum überraschend? Der entscheidende Grund liegt in den Noten nach der Erstaufführung im Club, wo ein Mitglied den Film mit einer doch recht herben 3,5 abstrafte. Ich selbst vergab nur eine 2,5, schrieb dann aber enthusiastische Kritik und korrigierte mich quasi dank der durch das Schreiben zusätzlich gewonnener Einsichten in die Struktur des Films. Dies widerum führte dazu, dass auch der missmutige Kritiker nach der Lektüre der Kritik am liebsten eine bessere Note gegeben hätte – doch das kam zu spät, da nun mal der erste Eindruck zählt. Eine posthume Nachbewertung des Films hätte ihn vermutlich auf den geteilten 1. Platz katapultiert, aber Regel ist Regel und darin besteht auch der Reiz eines Clubs, der spontan und unmittelbar seine Eindrücke verarbeitet. Heute, also ein Jahr später, ist noch klarer geworden, dass Cameron das ungewöhnliche Kunststück fertiggebracht hat, einerseits perfektes Popcorn-Kino vorzulegen, dies aber raffiniert mit einigen kulturkritischen Implikationen spannend aufzuladen. Letzteres dürfte auch den Arthouse-Fan ansprechen und dank dieser Mischung bleibt der Film ein spannungsgeladenes Stück Kino, das man sich wohl noch einige Male anschauen kann.
Packend war auch das Regiedebüt von Cary Fukanaga, der à la „City of God“ mit „Sin Nombre“ ein hartes und realistisches Gangdrama ohne versöhnlichen Ausgang inszenierte. Die unterschiedlichen Handlungsfäden werden durch den Versuch einiger Hundert Mexikaner zusammengehalten, die per Güterzug versuchen, illegal in die Staaten zu gelangen. Für den Europäer ist Fukanagas Film wie der Blick durch ein verbotenes Schlüsselloch. Man schaut hindurch und studiert gefahrlos eine von Stammesriten, barbarischen Moralcodes und exzessiver Gewalt streng reglementierte Welt, in der die Initiationsrituale fast noch schlimmer sind als die Verbrechen, die von der Gang verübt werden. Zivilisation ist alles andere als ein sicheres Gut, nur in der westlichen Demokratie halten Gewalt und Terror noch nicht in diesem Umfang Einzug in die Gesellschaft. Zumindest glaubt man dies. 14 Tage vor der Niederschrift dieser Zeilen haben in meiner Heimatstadt zwei 12-Jährige einen 10-Jährigen überfallen und mit Klappmessern versucht, dem Kind das Geld abzunehmen. Der Boden der Zivilisation ist dünn.
Mit „Brooklyn’s Finest” von Antoine Fuqua landete ein Cop-Film auf Platz 13. Früher hätte man von einem Kriminalfilm gesprochen, aber die Tendenz, den klassischen Genrebegriffen Sub-Genres hinzuzufügen, ist in diesem Fall gerechtfertigt, besonders in Hinblick auf die stilistischen Veränderungen, die von Robert Altman über den Autoren Paul Haggis zu den modernen Exemplaren des Genres führen. Die Auflösung der linearen Erzählweise durch Flashbacks und Cross-Cutting hat das Publikum adaptiert. Auch die komplexen Erweiterungen dieser Schemata durch multiple Handlungsstränge, die auf fast magische Weise am Ende zusammengeführt werden, sind akzeptiert worden. Ich persönlich finde dies gelegentlich aber schon wieder verbraucht. Oder profaner formuliert: ausgelutscht. „Brooklyn’s Finest” variiert diesen Stil sehr virtuos und insgesamt kommt auch veritables Kino dabei heraus, allerdings zahlt man dafür den Preis, dass alles am Ende etwas zwanghaft und schicksalhaft wirkt. Ich denke, dass die Zeiten der linear erzählten straighten Story nicht vorbei sind.
„Precious“ von Lee Daniels wird wie „Sin Nombre“ von dem voyeuristischen Entsetzen getragen, das uns beim Blick in eine fremde, brutale Welt überkommt. Als Sozialdrama über eine schwer übergewichtige Analphabetin, das von der Mutter misshandelt und vom Vater vergewaltigt wird, schafft es der Film irgendwie alle sentimentalen Cinderella-Motive zu vermeiden. Genauso ‚irgendwie’ ist dies auch ein typisch amerikanischer, der trotz seiner fast dokumentarischen Qualitäten den ‚American Dream’ schürt, obwohl die meisten Kritiker der Meinung waren, dass eben dies nicht der Fall ist. Keine Aufregung: in seiner Essenz ist der ‚American Dream’ ja nicht Schlimmes und Filme dieser Art erträgt man besser, wenn man am Schluss etwas Licht am Ende des Tunnels sieht. „Precious“ wurde ohne Kontroversen im Club sehr gut aufgenommen: alle gaben dem Film eine 2,5.
Clint Eastwoods „Invictus“ dürfte die Fans des Sportfilms ansprechen, auch wenn viele Kinogänger möglicherweise nicht einmal wissen, wer Nelson Mandela ist. Den intellektuelleren unter ihnen dürfte dafür die Rugby-Weltmeisterschaft herzlich egal. Da kommt ein geradezu klassischer Erzähler wie Eastwood gerade recht, um beide Zielgruppen zu bedienen und noch einmal ein spektakuläres Kapitel südafrikanischer Geschichte aufzuschlagen. Und tatsächlich sieht man gediegenes, handwerklich ausgezeichnetes Kino, das nicht sonderlich verstört oder aufregt. Etwas bieder ist der Film schon geraten, aber man nickt ihn ab, weil seine Moral aller Ehren wert ist. Und mal ganz ehrlich: Morgan Freeman ist wieder klasse, oder?
Auf dem 16. Platz landete „MR 73“ von Olivier Marchal. Man sieht dem Film über einen alkoholkranken und moralisch zerrütteten französischen Cop an, dass Marchal ein Fan von Jean-Pierre Melville und Henri Verneuil ist. Allerdings wird die Dramatik in „MR 73“ gelegentlich zur Melodramatik und ein Schuss Melvillscher Strenge in Form und Schauspielerführung hätte dem Projekt sicher gut getan. So fiel Marchal, der 2004 mit „36 – Tödliche Rivalen“ in Frankreich einen viel beachteten Erfolg erzielte, mit „MR 73“ komplett bei der Kritik durch. Und auch ich habe diesen Streifen mittlerweile aus meinem Filmgedächtnis gestrichen.
Auf dem 17. Platz landete die deutsche Komödie „Die Schimmelreiter“ von Lars Jessen, die offen gestanden ein wenig bezeichnend ist für die durchschnittliche Qualität der gesehenen Filme: Ganz nett, aber früher garantiert unter „ferner liefen“ angeführt.
 „Kick Ass“ von Matthew Vaughn sorgte (natürlich) für Trouble im Filmclub. Abgesehen von Mr. Mendez, der Comic-Verfilmungen grundsätzlich nicht mag, war der Rest begeistert und irritiert. Letzteres möglicherweise wegen des Vergnügens, das wir bei diesem brachial-brutalen Film hatten. „Kick Ass“ ist das ‚schwarze Schaf’ unter den Comic-Verfilmungen und im Vergleich zu dem prolligen Duktus des Films ist „The Dark Knight“ geradezu elitäres Kunstkino. Matthew Vaughn hat nur Klamauk im Sinn, aber dies gelingt ihm auf so originelle und spritzige Weise, dass die Geschichte eines verhinderten Superhelden das Bizarre und schamlos Übertriebene, das einem Comic nun mal innewohnt, verblüffend gut herausarbeitet. Dabei ist das satirische Moment des Films aufgrund der expliziten Gewaltorgien sehr ambivalent: es befeuert das eigene Geschäft an der Kinokasse und nimmt es gleichzeitig auf die Schippe. Und so hat man leider ein schlechtes Gewissen beim Hinschauen.
Das hat man auch bei dem Kandidaten auf Platz 19: „My Name is Khan“ ist ein Bollywood-Film ohne Singen und Tanzen, der aber in Amerika spielt und kräftig „Forrest Gump“ geplündert hat. Auch dieser Film schafft es trotz schärfster cineastischer Bedenken, den Zuschauer mit Charme und naivem Witz zu übertölpeln. Ob der Film ein zweites Betrachten übersteht, sei dahingestellt. Was ihn auf jeden Fall rettet, ist die rigorose Darstellung des ganz normalen amerikanischen Rassismus mitsamt der leider nicht ganz unberechtigten Terror-Paranoia, die einen muslimischen Inder, der zudem noch am Asperger-Syndrom leidet, in die Mühlen des Gesetzes und eines ungerechten Schicksals befördert. „Mein Name ist Khan und ich bin kein Terrorist“ hat jedenfalls das Zeug zum geflügelten Wort und auch die ganz beinharten Kinogänger brauchen ab und an eine Dosis mühsam unterdrückter Tränen. Lassen wir es dabei.
Last but not least schlug auf Platz 20 mit “Sherlock Holmes” ein Film auf, der gepflegtes Mainstream-Kino mitsamt einer unerwarteten Beschleunigung des klassischen Krimihelden mit sich führte. ‚Wolverine’ Hugh Jackman als Sherlock Holmes und Jude Law als Dr. Watson sind eher ein flottes ‚Hit and Run’-Team, als dass sie durch gepflegte Analysen am Kamin ihren Fall vorantreiben. Das ist Kino von der Stange und wirklich keinen zweiten Blick wert. Ich muss nur noch ein Rätsel lösen: Warum habe ich dem Film eine 2,5 zugestanden? Vielleicht hilft mir der Meisterdetektiv dabei.

Die schlechtesten Filme 2010
Was wäre ein Rückblick ohne kräftiges Abledern der Flops? Erstens macht es Spaß, zweitens bringt es alle auf die Palme, die diese Filme in ihre private ‚Best of’-Liste aufgenommen haben und drittens dient es als Beleg, dass wir uns gelegentlich zwar irritieren, aber nicht veräppeln lassen.
Miesester Film des Jahres wurde mit großem Abstand „The book of Eli“. Wir haben alle „Mad Max“ gesehen und „The Postman“ und damit ist der Bedarf gedeckt. Erst recht, wenn sich ein Film um einen post-apokalytischen Killer dreht, der die Bibel auswendig gelernt hat.
„Gegen jeden Zweifel“ von Routinier Peter Hyams ist eines jener Remakes, die man auch dann nicht braucht, wenn alle anderen Filme urplötzlich vernichtet werden. Was Michael Douglas außer seinem Honorar bewogen hat, in diesem völlig lustlosen und auch handwerklich miesen Gerichtsdrama mitzuwirken, bleibt sein Geheimnis.
„From Paris with Love“ entstand nach einer Story von Luc Besson, der schon bessere Tage gesehen hat. Hier hat jemand die platte Eindimensionalität eines Ego-Shooters in einen Kinofilm übertragen, den testosteron-geladene Mega-Prolls sicher lustig finden.
Restlos umstritten war das Abwatschen von „Louise hires a contract killer“. Ich fand diese französische anti-kapitalistische Komödie recht amüsant, blieb aber mit dieser Auffassung allein. Zwei Clubberer nagelten den Film mit jeweils 4,5 förmlich an die Wand. Ich bin sicher, dass ich den beiden keinen Film von Aki Kaurismäki zeigen darf…oupps.
Völlig von der Rolle war unserer Ansicht nach Steven Soderbergh, von dem wir viele gute Filme gesehen haben. „Der Informant“ fiel bei uns völlig durch: Matt Damon als hirnrissigen Idioten zu erleben, fanden wir alle nicht erheiternd und dass der Film eine bitterböse Farce sein soll, ist uns vor lähmender Langeweile auch entgangen.
Das waren die größten Flops des Jahres! Erwähnenswert ist noch, dass mit „Kommissar Bellamy“ der letzte Film des kürzlich verstorbenen Meister-Regisseurs Claude Chabrol durchgewinkt wurde, was auch Neil Burgers (Der Illusionist) flacher Komödie „The lucky-ones“ zuteil wurde. Es floppten auf den Folgeplätzen „Fanboys“, „Die Gräfin“, der Sci-Fi-Thriller „Pandorum“, aber völlig überraschend auch „In meinem Himmel“ von Peter Jackson.

Close but no cigar
Es ist ein Jammer: die besten Filme wurden wieder einmal nur von zwei Clubberern gesehen, was ein offizielle Wertung verhinderte. Dennoch verdienen sie es, mit viel Mitgefühl erwähnt zu werden (Noten in Klammer): „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ (1,5), einer der schönsten Filme der letzten Jahre; das unter die Haut gehen Schuldrama „Klass“ (1,5); das wunderschöne Tolstoi-Biopic „Ein russischer Sommer“ (2,25); die charmante Komödie „Mrs. Potter“ (2,5); Jason Reitmans mal bissige, mal nette Komödie „Up in the Air“ (2,5) und Steven Soderberghs epochales Che Guevara-Biopic „Che 1 & 2“ (2,5) – alles Kandidaten für Platz 1, hätte sie doch nur jemand gesehen! Und natürlich „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“

In der Jahreswertung landeten 51 Filme, das ist leider sehr wenig, da von uns früher Zahlen von 70 – 100 erreicht wurden. Auch die Noten waren früher besser und es ist schon bemerkenswert, dass wir im letzten Jahr keinen Film mit einem Notenschnitt von unter 2 dabei hatten.
Das war’s für 2010. Schauen wir mal, ob das nächste Jahr besser wird.

Montag, 24. Januar 2011

The Social Network

USA 2010 - Regie: David Fincher - Darsteller: Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake, Brenda Song, Rashida Jones, Joseph Mazzello, Rooney Mara, Malese Jow, Armie Hammer, Max Minghella - FSK: ab 12 - Länge: 121 min.

David Finchers Biopic über den „Facebook“-Initiator Mark Zuckerberg ist eine verschachtelte und sehr distanzierte Betrachtung des verstrickten Rechtsstreits um die möglicherweise populärste Web-Community der Gegenwart. Das Hauptproblem des Films ist sein Sujet: Fincher präsentiert einen gerissenen Nerd, der (vermutlich) seine Freunde übers Ohr gehauen hat und nicht einmal als Negativfigur richtig funktioniert. Filme mit einer lauwarmen Hauptfigur sind selten erfreulich. Fincher schafft den Spagat, ohne dass rechte Freude aufkommt.
Als der Harvard-Student Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg, „Zombieland“) an einem herbstlichen Abend des Jahres 2003 von seiner Freundin den Laufpass erhält, ist die Figur bereits klar konturiert: das junge Computergenie ist weitgehend empathiefrei und auf eine naive Weise arrogant – und, so stellt seine Freundin Erica fest, „einfach ein Arschloch“. So schafft man sich keine Freunde.
Um sich für die Abfuhr zu rächen, hackt Mark den Campus-Server und stellt kurz entschlossen mit FaceMash eine Site ins Netz, die es seinen männlichen Kommilitonen erlaubt, die weiblichen Studentinnen der Elite-Universität einem Sex Appeal-Rating zu unterziehen. Die Seite wird ein Hit.
Schon bald werden mit Cameron und Tyler Winklevoss zwei Upper Class-Studenten auf Zuckerberg aufmerksam. Ihre Idee ist einfach: ein elitäres soziales Web-Netzwerk zu entwickeln, für das Zuckerberg der geeignete Programmierer zu sein scheint. Zuckerberg lässt sich überzeugen, taucht dann aber ab und programmiert auf eigene Faust und finanziell unterstützt von seinem engen Freund Eduardo Saverin (der neue „Spider-Man“ Andrew Garfield) ein eigenes Projekt: thefacebook.com. Es ähnelt, zumindest in groben Zügen, der Vision der Winklevoss-Zwillinge. Der Ärger ist natürlich vorprogrammiert.

„Ich rede davon, sämtliche sozialen Erlebnisse im College online zu stellen.“
„Facebook“ hat Mark Zuckerberg zum jüngsten Milliardär aller Zeiten gemacht. Der Weg an die Spitze war mit Prozessen und ruinierten Beziehungen gepflastert.
Während sich Zuckerberg mit den Ansprüchen des eiskalt abservierten Saverin und den Urheberrechtsansprüchen der Winklevoss-Brüder auseinandersetzen muss, rollt Fincher diesen Aspekt der Story mit einer Serie von Flashbacks auf, die zweifellos einige Innenansichten des Facebook-Gründers und auch einige Spotlights auf die Web-Kultur erlauben. Die Aktualität des Sujets ist auch dessen größtes Problem, denn immer noch scheint die Frage nach der Urheberschaft des Ganzen umstritten zu sein. Umstritten ist deshalb auch die Authentizität des Films, die – je nach Position der Betroffenen – im höchsten Maße gelobt wird, während die Pro-Zuckerberg-Fraktion eher Zweifel anmeldet.

 Fincher hat sich mit Zodiac (2007) auf etwas Ähnliches eingelassen, nur hatte man dort den Eindruck, dass sich Realität und Mythos einigermaßen die Waage gehalten haben. Das lag auch daran, dass Fincher in Zodiac neben dem obligatorischen „Whodunit“-Plot auch gelungene Portraits der Killer-Fahnder abgeliefert hat, deren Obsession beim Zuschauer durchaus Teilnahme und Sympathie auslösen konnte. Zumindest ging mir das so, während die „Facebook“-Kultur und die Beweggründe ihrer Fans mir leider ebenso verschlossen bleiben wie die Motive des fiktiven Zuckerberg, der irgendwo zwischen eiskalt und infantil verortet ist. Vermutlich liegt dies daran, dass für mich das fröhliche Exhibitionieren im World Wide Web irgendwie wesensfremd geblieben ist. Allein schon die spektakuläre Laxheit der Betreiber im Umgang mit persönlichen Daten jagt mir kalte Schauer über den Rücken.
Auf der anderen Seite ist es aus kulturkritischer Sicht sicher ein Phänomen allererste Güte, wenn man mit einer an sich recht schlichten Idee den Zeitgeist mitten ins Mark trifft und plötzlich Millionen scheffelt. Es ist der auf brachiale Weise fleischgewordene American Dream, der sich hier austobt.
Derartige Reflexionen tauchen in „The Social network“ höchstens am Rande auf, was man dem Film allerdings nicht vorwerfen mag, hat Fincher sein Thema doch eindeutig definiert: es geht um den Aufstieg eines jungen Mannes, der seine Post-Adoleszenz-Probleme auf grandiose Art vergoldet und dabei in das Netzwerk gewiefter Haifische im undurchsichtigen Geflecht atemberaubender finanzieller Transaktionen gerät. Sei es nun der Mitgründer der Musiktauschbörse Napster Sean Parker (Justin Timberlake) oder der hoch-intelligente PayPal-Finanzier Peter Thiel (über den man wahrscheinlich einen noch interessanteren Film machen könnte) – die Liste der Geldgeber, die das Projekt entschlossen pushten, ist lang: sie reicht von Microsoft bis hinzu Goldman Sachs und Mail.ru. Auf 50 Milliarden US-Dollar wird Facebook geschätzt und Zuckerberg hält 24% des Unternehmens.

Konventionelles Portrait einer Schattenwelt
Zum Glück hat sich David Fincher nicht vom hektischen Gebaren dieser Schattenwelt anstecken lassen. „The Social Network“ ist ein erstaunlich ruhiger und konventioneller Film, dessen Montage erstaunlich wenig persönlichen Stil erkennen lässt. Nur einmal, als Fincher ein traditionsreiches Ruderrennen ins Bild setzt, blitzt sein Gespür für beeindruckende Motivwahl und eleganten Rhythmus auf.
Vielleicht ist der gelassene und distanzierte Erzählstil auch angemessen. Während sich die Figuren Finchers im Rausch des Geldverdienens beschleunigen und selbst enge Freunde Zuckerbergs auf der Strecke bleiben, tritt Fincher immer wieder auf die Bremse und konterkariert damit das irrwitzige Tempo einer fremdartigen Welt. Vielleicht ist das auch gewollt und am Ende wird man „The Social Network“ in einigen Jahren als das sehen, was auch Oliver Stones „Wall Street“ einmal gewesen ist: das Portrait einer menschenfeindlichen Kultur, die eine simple Kontaktbörse in eines der erfolgreichsten Geschäftsmodelle der Gegenwart verwandelt hat. Das Wesen dieser Kultur erkennt man nur erkennt, wenn man einen Blick hinter die Kulissen wirft oder eine persönliche Tragödie shakespeareschen Ausmaßes skizziert. Aber „The Social Network“ ist nicht Citizen Kane und Zuckerberg hat auch kein „Rosebud“-Geheimnis.
Im Falle von „Wall Street“ hat die Realität den Film längst überholt. Hoffen wir, dass dies nicht mit „The Social Network“ geschieht, denn ich habe gewisse Zweifel, ob ich mich in diesen neuen Zeitläuften wohl fühlen würde.

Note: BigDoc = 2,5

Mittwoch, 19. Januar 2011

My Son, My Son, What Have Ye Done

USA, Deutschland 2009, Laufzeit: 91 Minuten, Regie: Werner Herzog. Drehbuch: Herbert Golder, Werner Herzog. Darsteller: Willem Dafoe, Chloë Sevigny, Brad Dourif, Michael Shannon, Loretta Devine, Udo Kier, Michael Peña, Grace Zabriskie, Irma P. Hall, James C. Burns, Verne Troyer

Ein junger Mann ersticht seine dominante Mutter mit einem Säbel: basierend auf einer wahren Geschichte lässt sich Werner Herzog in „My Son, My Son, What Have Ye Done“ auf die ungewöhnliche Darstellung einer Psychose ein und verletzt wieder einmal die am Mainstream orientierten Sehgewohnheiten durch eine besondere Sensibilität, die selbst etwas ver-rückt zu sein scheint.

Detective Hank Havenhurst (Willem Dafoe) wird mit seinem Partner Vargas in einen Vorort von San Diego gerufen, um einen Mord aufzuklären. Der vermeintliche Täter hat sich in einem Nachbarhaus mit zwei Geiseln verschanzt und natürlich droht der Einsatz eines SWAT-Teams, das wenig zimperlich sein wird. Havenhurst nutzt die Zeit, um durch Gespräche mit Nachbarn, Freunden und Bekannten herauszufinden, was Brad McCullum bewogen haben mag, seine Mutter mit einem Säbel aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg umzubringen. Schon bald wird klar, dass sich Brad nach der Rückkehr von einer Rafting-Expedition in Peru, bei der seine Freunde ertrunken sind, auf seltsame Weise verändert hat. Und immer deutlicher wird, dass Brads fast obsessive Identifikation mit seiner Rolle in der Theatergruppe seines Freundes Lee Myers (Udo Kier) ein besonderer Katalysator ist: Brad spielt den Orestes in der Orestie des Aischylos, jenen tragischen Helden, der seine Mutter tötet, um einen Königsmord zu rächen.

Die Figuren starren uns an
Im Filmclub stieß Herzogs Erzählstil bei einigen Teilnehmern auf vehementen Widerstand. Weder wurde die Figur des immer fremdartiger werdenden Muttermörders im Sinne eines empathischen Einfühlens verstanden, noch konnte Herzogs sperriger Stil die ziemlich erbosten Kritiker überzeugen.
Offen gesagt ging es mir zunächst nicht anders: ich empfand bei den sehr abrupten Flashbacks, mit denen Herzog den psychischen Kollaps seiner Hauptfigur aufdröselt, und den nicht immer nachvollziehbaren Übergängen ein leichtes Unbehagen. Auch der typische Herzog-Touch der eckigen und etwas gestelzten Dialoge ist gewöhnungsbedürftig. Sicher ist auch nachzuvollziehen, dass einige Herzogsche Manierismen blankes Unverständnis bei dem einen oder anderen auslösen, etwa wenn die Darsteller zu einem Tableau erstarren und minutenlang aus der Kadrierung heraus den Zuschauer anstarren. Erst recht dann, wenn ein Zwerg in diesem Ensemble auftaucht. Warum ist der dort? Nur sollte man sich fragen, warum der Bruch der Perspektive so beunruhigt, ein Bruch, der vom auktorialen Erzähler zu einer extrem subjektiven Gegenperspektive führt. Beunruhigt der ‚Gegenschuss’ auf uns, den Zuschauer, der uns aus der Distanz in das Bild hineinholen will?

Portrait des seelischen Zerfalls
Nach einer Stunde wurde dann bei mir der Hebel umgelegt und auf sehr ungewöhnliche Weise erlebte ich ein Gefühl des nicht-begrifflichen Verstehens. So etwas kann sehr beunruhigend sein, wenn man gewöhnt ist, mit einer raschen sprachlichen Taxierung allem Fremdartigen einen Begriff und damit eine Erklärung zuzuordnen. Und plötzlich erkannte ich, dass die Bildmetaphern Herzogs und die verzweifelten Versuche seiner Hauptfigur, ein kollabierendes Netzwerk alter Bedeutungen durch neue zu ersetzen, vermutlich zunächst emotional greifbar gemacht werden müssen. Egal, ob der ver-rückte Brad in einem Gospel-Oldie die Stimme Gottes heraushört oder dessen Anlitz auf einer Haferflockendose erkennt, immer sieht man auch, wie sich sein zerfallender Verstand unter großen Anstrengungen um neue Bedeutungen und Ordnungsmuster bemüht, ja darum kämpft, während alles Vertraute im Chaos versinkt.
Psychologisches Kino ist das nicht und vermutlich muss man sich auch hüten, die Rolle der griechischen Tragödie in Herzogs Film überzubewerten. Griffige Erklärungen sind nicht Herzogs Sache.

Wir finden keine Bedeutungen, die Bedeutungen finden uns
Herzog hat in dem von David Lynch produzierten Film wieder eine Reihe skurriler Figuren versammelt. So spielt Brad Dourif als Uncle Ted einen durchgeknallten Straußenfarmer, während Grace Zabriskie („Wild at heart“) als beklemmend-einschnürende Mutter durchaus ihrem Rollentyp entspricht.
Nicht nur das verbindet ihn mit Lynch, sondern auch das Desinteresse an rationalen Erklärungen und vertrauten narrativen Mustern. Während Lynch („Blue Velvet“, „Wild at Heart“) in seinen Provokationen immer auch einer Ästhetik des Hässlichen frönt, geht es bei Werner Herzog bescheidener zu: ihm genügt schon der etwas andere Blick, der seine Figuren ver-rückt macht und uns aus der normalen Wahrnehmung herausrückt
Es gibt eine schöne Szene in „My Son, My Son“: Lee (Udo Kier passt wunderbar in dieses Ensemble) holt Brad am Flughafen von Calgary ab. Brad will sie Uraufführung der Orestie nicht verpassen, obwohl er schon vor einiger Zeit wegen seiner bizarren Auftritte und ständigen Störungen von Myers aus der Theatergruppe geworfen wurde. Im Flughafen entdeckt Brad ein Gebilde aus Röhren, dem man nicht ansieht, ob es nun eine architektonische Spielerei ist oder etwas Funktionales. Nur Brad erkennt in diesen ‚Zeittunneln’ den idealen Ort für die Aufführung, eine Idee, die von seinen Freunden als peinlich und lächerlich beiseite geschoben wird. Brads Verrücktheit erkennt die schöne Symbolik der Konstruktion, wonach die Röhren ein Verbindungsglied zwischen der über zwei Jahrtausende alten Tragödie des Aischylos und der Gegenwart sein können – wenn man sie so sehen kann. Psychiater nennen dies übrigens die ‚Klarheit des Psychotikers’.

Das alles hat bei Herzog wenig mit „A Beautiful Mind“ oder den Psychopathen des Genres-Kinos zu tun, sondern findet seinen Ausdruck in einer eigenen Sprache, die uns ein wenig die Sicherheit beim Hinschauen nimmt, zumindest aber den ‚normalen’ Blick auf die Dinge.  Immer dann, wenn man bei Herzog einen Schnitt erwartet, kann man sich darauf verlassen, dass eben dieser nicht erfolgt. Die Kamera schaut und schaut und hört nicht auf damit, auch wenn in einer dokumentarisch anmutenden Wochenmarktszene in einem asiatischen Land kein Bezug zur Handlung mehr erkennbar ist und die Gefilmten zurückstarren und uns anblicken.
Eins wird damit klar: Herzog sprengt unsere Sehgewohnheiten weg.
Vielleicht wäre es in diesem Zusammenhang ganz nützlich, sich daran zu erinnern, dass ‚filmisches Verstehen’ weißgott nicht immer ein Akt freier Ausdeutung ist, sondern durch die erlernte Grammatik des Kinos bestimmt wird. Und die haben wir im Laufe der Kino-Zeiten erworben und damit auch die Bevorzugung einer psychologisch motivierten objektiv-realistischen Perspektive, die uns vielleicht zu oft griffige Bedeutungen liefert.
Wir suchen immer nach ihnen, diesen Bedeutungen. Herzog untergräbt diese Perspektive und seine Figuren starren uns an.

Postscriptum: Auf Critic.de schreibt Robert Zimmermann sehr einfühlsam: „My Son My Son, What Have Ye Done liefert keine Erklärungen, das eigentümlich poetische Gesamtbild bleibt nur emotional begreiflich…“.

Noten: BigDoc = 2, Klawer = 2,5, Mr. Mendez = 4,5, Melonie = 4

Freitag, 7. Januar 2011

Top Ten 2010

Die besten Filme 2010
Nach einer längeren Zwangspause, in der leider von mir nichts veröffentlicht wurde, soll nun wenigstens zum Jahresende die Liste der besten 20 Filme veröffentlicht werden. Ungewöhnlich im Vergleich mit den zurückliegenden Jahren: vier Filme schafften es auf den geteilten 1.-4. Platz. 
Da wir häufiger DVDs sehen als ins Kino gehen, gibt es im FILMCLUB häufig eine kleine zeitliche Verschiebung, sodass auch Filme, die eigentlich ins Kinojahr 2009 gehören, in unserer Bestenliste landen.  Man möge uns dies nachsehen. Für gravierender halte ich indes die spürbare inhaltliche Verschiebung, die auch im vergangenen Jahr dazu führte, dass die meisten Mainstream-Filme uns nicht erreichten, weil sie in der Regel die wenigsten von uns wirklich interessieren. Dafür haben kleinere Außenseiter-Produktionen traditionell gute Chancen, bei uns auf einem Top-Platz zu landen. Persönlich halte ich dies für sehr aufschlußreich, denn das, was Kinokultur ist, wird meiner Meinung nach durch das repräsentiert, was die Mehrheit sieht. Und hier gilt die alte Hollywood-Regel, dass die Hausfrau abends im Kino kein realistisches Sozialdrama über eine Hausfrau sehen will. 
Wenn der Leser dieses Blogs etwas nach unten scrollt, wird er die erfolgreichsten Kassenhits finden - und das sind Filme, in denen gelacht werden darf, auch wenn dies immer häufiger in Remakes und eher leichter Kost stattfindet, die auch mal kräftig unter die Gürtellinie zielen darf.
Der sogenannte "gute" Film, der Qualität repräsentiert, gehört dagegen den Cineasten und so wird es auch bleiben, machen wir uns da nichts vor. Schlimm ist das nicht, zumal der Cineast, wenn er denn ehrlich ist, auch gut unterhalten werden möchte. Es definiert dies halt etwas anders. Unter diesem Blickwinkel wünsche ich allen Lesern viel Spaß bei den Top-Charts des Filmclubs, auch wenn diese bei dem einen oder anderen etwas Erstaunen auslösen werden.Weltweit und auch in Deutschland waren die Animationsfilme (auch in 3-D) auf dem Vormarsch.Zu ihnen der Publikumshit „Up“, ein wirklich sehenswerter und bei aller Melodramatik sehr schlagfertiger Animationsfilm, der nicht nur alt gewordenen Zeitgenossen mit der optimistischen Philosophie des Mainstreams zeigt, dass man nie die Flinte ins Korn werfen soll. Lakonisch, sarkastisch, aber auch melo-dramatisch: erfreulicherweise hat das Genre die küchenfertigen Botschaften à la Disney überwunden und präsentiert sich immer häufiger von seiner intelligenten Seite. Das Ergebnis: blendende, witzige Unterhaltung.

Ebenfalls auf dem geteilten 1. Platz landete H.C. Schmidts unter die Haut gehendes Polit-Drama Sturm, das eine Klasse besser ist als Roman Polanskis gefeierter Ghostwriter, der nun wirklich nicht schlecht ist. Die Geschichte um einen serbischen Kriegsverbrecher vor dem Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien ist auf den ersten Blick als Polit-Thriller zu klassifizieren, zeigt auf den zweiten, wohl entscheidenden Blick das Dilemma eines Justizapparates, der durch disparate taktische Interessen gelähmt wird. So viel Realismus in einem dialog-lastigen Film dürfte heutige Kinogänger kalt lassen oder das Popcorn bleibt ihnen im Halse stecken. Sturm wurde mit dem Preis der Menschenrechtsorganisation Amnesty International ausgezeichnet. Wenige Monate später erhielt Regisseur Hans-Christian Schmid den Friedenspreis des Deutschen Films zugesprochen.Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2010 erhielt Sturm den Filmpreis in Silber.

Auch Inception landete auf Platz 1 (vielleicht auch, weil ihn Mr. Mendez nicht gesehen hat :-)). Christopher Nolan hat nicht nur einen ungewöhnlichen Thriller vorgelegt, sondern auch gezeigt, dass ihm nach The dark Knight keineswegs die Ideen ausgegangen sind. Mit Inception kehrte Nolan zu einem seiner Lieblingsthemen zurück und beschreibt die Fragilität des an sich zweifelnden Ichs in einer Geschichte, in der die Regeln von Zeit (wie in Memento) und Raum völlig aufgehoben werden. Es hat mich überrascht, dass ein Film, der seinen Plot so raffiniert über-konstruiert, beim breiten Publikum ungewöhnlich gut aufgenommen wurde. Im Kern ist Inception eine tragische Love Story, die nichts Wichtiges bereithält, auch der finale Twist der Story wirkt aufgesetzt, deshalb gab es von mir Abzüge. Dies schmälert allerdings nicht das Vergnügen an einem spektakulären Caper-Thriller, wie man ihn (ich wage da eine Prognose) so schnell nicht wieder sehen wird.

Die Welt ist groß und Rettung lauert überall von Ilija_Trojanow schaffte kurz vor Ladenschluss noch den Sprung auf Platz 1-4. Einige Club-mitglieder waren etwas enttäuscht, weil sie eine Komödie erwartet hatten. Die Geschichte Alexandars, der mit seiner Familie aus dem kommunistischen Bulgarien flieht und den eine Odyssee nicht nur in ein italienisches Flüchtlingslager, sondern Jahre später nach einem folgenschweren Unfall auch in die totale Amnesie führt, ist eine ungewöhnliche Tragikomödie, die dank des großartigen serbischen Schauspieler Miki Manojlović (er spielt den lebensklugen Onkel Alexandars) ein sehr warmherziger und kluger Film geworden ist. Ausgezeichnet wurde Die Welt ist groß mit dem Publikumspreis des 12. Sofia Film Festivals 2008 sowie dem Publikumspreis des Zürich Filmfestivals 2008.

Fünfter wurde Der phantastische Mr. Fox, ein Film, den man von Wes Anderson nach seinem umstrittenen The Royal Tenenbaums nicht unbedingt erwarten konnte. Dass dieser Animationsfilm mit der als veraltet geltenden Stop-Motion-Technik arbeitet, ist schon eine Bemerkung wert. Dass das Ergebnis im Sinne des Filmtitels phantastisch ist, zieht ein zweite nach sich. Mr. Fox ist ein absolut erwachsener und sehr gebildeter Fuchs mit einem realistischen Verhältnis zu seinen tierischen Instinkten. Die Intellektualität des Films war einer auflagenstarken Zeitschrift offenbar zu viel: sie sah einen Film „ohne Herz“. Dafür besitzt er sehr viel Verstand und Lebensklugkeit.

Grant Heslov, der früher mit Congo, Dante’s Peak und The Scorpion King aufgefallen ist, hatte mit Good Night, and Good Luck ein gutes Stück Polit-Kino über die McCarthy-Ära vorgelegt, das möglicherweise daran scheiterte, dass die meisten Amerikaner heute nicht mehr wissen, wer McCarthy überhaupt war. In Männer die auf Ziegen starren erzählt Heslov eine leicht überdrehte Satire über den Einsatz para-psychologischer Kampftechniken durch die US-Army, die vom Vietnam- bis zum Irak-Krieg reicht und mit George Clooney, Ewan McGregor, Kevin Spacey und Jeff Bridges exzellent besetzt ist. Es gibt zahlreiche witzige Anspielungen, der Film ist auch einigermaßen unterhaltend, hat aber zumindest bei mir keinen dauerhaften Eindruck hinterlassen.

Fatih Akins „Soul Kitchen ist eine jener regional eingestimmten Komödien, die das große erzählerische Potential des deutsch-türkischen Regissuers unter Beweis stellen. Milieu, Sprache, Typen – alles Hamburg pur. Und so erhielt die Geschichte einer Gourmet-Frikadellen-Bude nicht zu Unrecht 2009 mit dem Silbernen Löwen die zweitwichtigste Auszeichnung in Venedig.

Boy A von John Crowley stammt aus dem Jahre 2007, schlug aber erst drei Jahre später bei uns als DVD im Filmclub auf. Die Geschichte eines jungen Mannes, der als Kind einen Mord beging und nach vielen Jahren aus der Haft entlassen wird, ist ein Sozialdrama, das in erster Linie von seinen guten Darstellern getragen wird, u.a. Peter Mullan (bekannt auch aus Red Riding) als engagierter Sozialarbeiter. Terry, der als Boy A durch die Presse geisterte und nach seiner Entlassung Opfer einer Hetzjagd der Medien wird, löste im Filmclub heftige Diskussionen aus. Auf der einen Seite wirbt der Film vehement für den Gedanken der Resozialisierung, auf der anderen Seite zeigt er (zumindest aus meiner Sicht) den bestialischen Mord, den zwei Kinder an einem Mädchen begehen, nicht in seiner ganzen Drastik. Und so lautete bei uns die nicht ganz beantwortete Frage, ob der Film die Zuschauerwahrnehmung zugunsten einer positiven Wahrnehmung der Hauptfigur manipuliert.

District 9 von Neil Blomkamp ist bereits 2009 im Filmclub gelaufen, erhielt damals aber keine Wertung, weil er nur von zwei Mitgliedern gesehen wurde. Dies hat sich nun geändert und mit dem 9. Platz zeigte sich, dass es sich gelohnt hat, den ungewöhnlichen Sci-Fi-Film noch einmal ins Rennen zu schicken.

Umstritten war in Brasilien die semi-dokumentarische Milieustudie Tropa de Elite (ebenfalls aus dem Jahr 2007), in der José  Padilha die Geschichte eines Spezialkommandos im Kampf gegen die Drogengangs in den Favelas von Rio de Janeiro zeigt. Zu Recht: der Film zieht den Zuschauer durchaus in den Bann, was weniger dem umfassend gut recherchierten Plot zu verdanken ist, sondern der suggestiven Dramatik, die den Zuschauer auf die Seite der „guten“, aber letztlich doch amoralischen Helden zieht – übrigens ein bekanntes Film noir-Motiv. Tropa de Elite ist nicht der einzige Film, der in der zurückliegenden Kino-Dekade ein gewisses Verständnis für Rache und Selbstjustiz aufkommen lässt und damit über die Strategie Auskunft gibt, mit der Filme so geschickt ideologisch manipulieren können. 2008 erhielt der Film auf der Berlinale den Goldenen Bären als bester Film, was das Hamburger Abendblatt irritierend fand.
So, das waren unsere Top Ten. In Kürze erscheint ein Report über die Plätze 11-20. Allerdings habe ich das Gefühl, dass an dieser Stelle ruhig erklärt werden sollte, warum einige Kino-Hits 2010 nicht den Weg in unsere Charts gefunden haben. Ganz einfach: wenn nicht mehr als zwei Filmclubberer den Film gesehen haben, erhält er keine Wertung in der Hauptliste. Schauen wir uns doch erst einmal an, was im vergangenen Jahr in Deutschland der „Renner“ war (in Klammer: die Anzahl der Club-Views, also derjenigen, die den Film gesehen haben).

Top Ten nach Zuschauern (Deutschland)
Absoluter Hit war Harry Potter und die Heiligtümer des Todes (2) mit über 5 Mio Zuschauern, gefolgt von Eclipse – Biss zum Abendrot (2) mit 3,7 Mio. Dritter wurde Inception (Filmclub: 3. Platz) mit 3,4 Mio. 4. Platz: Alice im Wunderland (2), 2,9 Mio. 5. Platz: Sex in the City 2 (0), 2,5 Mio. Von den Filmen auf Platz 6-9 habe noch nicht einmal gewusst, dass es sie gibt: Ich – einfach unverbesserlich, Für immer Shrek, Kindsköpfe; erst mit Sherlock Holmes (bei uns Platz 20) kann der an sich nicht sonderlich elitäre Kritiker wieder etwas anfangen. Und auf Platz 10: Prince of Persia.

Top Ten nach Einspielergebnis (weltweit)
– Toy Story 3
– Alice im Wunderland
– Inception
– Für immer Shrek
– Eclipse – Bis(s) zum Abendrot
– Iron Man 2
– Kampf der Titanen
– Drachenzähmen leicht gemacht
– Karate Kid
– Ich – Einfach unverbesserlich

Vielleicht springen wir ja doch über unsere Schatten und schauen uns im nächsten Jahr den einen oder anderen Blockbuster an. Damit beende ich Teil 1 meiner Review und wünsche allen viel Spaß im neuen Kinojahr 2011!

Mittwoch, 10. November 2010

Harry Brown


GB 2009, Originaltitel: Harry Brown Regie: Daniel Barber Drehbuch: Gary Young Darsteller: Michael Caine, Emily Mortimer, David Bradley, Charlie Creed-Miles, Ben Drew, Liz Daniels.
 

Vigilanten-Movies leben davon, dass die Bösewichter und Übertäter auf fast transzendentale Weise zur Verkörperung des Bösen schlechthin werden. Daniel Barber lässt in seinem ersten Spielfilm in dieser Hinsicht nichts anbrennen. Diesmal sind es britische Jugendgangs, die satanisch unter einer wehrlosen Bevölkerung wüten.
Gleich am Anfang wird in typischer Handy-Wackel-Ästhetik die brutale Initiation eines Jugendlichen vorgeführt, die in der Just-for-Fun-Ermordung einer jungen Mutter gipfelt. Auch sonst lässt sich Barber nicht lumpen, wenn er zeigt, was in der Londoner Plattenbausiedlung Heygate Estate tagtäglich abgeht: Drogen- und Waffenhandel, Schlägereien und brutale Gewaltexzesse, zügelloser Sex und die völlige Abwesenheit moralischer und sozialer Essentials. Wer oder was für den extremen Grad an Verkommenheit verantwortlich ist, wird nicht thematisiert: wie in John Carpenters Assault on Precinct 13 ist das Übel einfach da und ständig gegenwärtig.
Dass ausgerechnet in diesem Vorhof der Hölle der Royal-Marines-Veteran Harry Brown (Michael Caine) seinen Lebensabend verbringen muss, wirkt zwar nicht gerade sehr glaubwürdig, aber egal: der wegen eines Lungenemphysems eigentlich zu wackelige Nord Irland-Veteran muss ran, um dem Bösen die Stirn zu bieten.
 

Kampf gegen das absolut Böse
Heygate Estate liegt im Londoner Vorort Walworth, der auf einen gewissen Ruf in Hinblick auf kriminelle Traditionen besitzt: die wuchtige und trostlose Betonklotz-Architektur ist schon lange eine beliebtes Ziel bei Filmteams. Immer wenn es darum, die finsteren Bedingungen der britischen Unterschicht, der Transferempfänger, der Dealer und Junkies auf einen vertrauten ästhetischen Look herunterzubrechen, finden die Dreharbeiten in Heygate Estate statt. Und wenn es dort nicht klappt, geht man woanders hin und nennt den Schauplatz anschließend Heygate Estate.
Brown, dessen Frau im Krankenhaus im Koma liegt, verbringt seine freie Zeit in einem Pub, wo er mit seinem Freund Leonard Schach spielt. Als seine Frau stirbt und wenig später seiner Freund von einer Gang brutal ermordet wird, wird der Veteran auf dem nächtlichen Heimweg überfallen. Brown tötet den Angreifer mit dessen eigenem Messer und stellt dabei verblüfft fest, dass sein Nahkampf-Drill offenbar immer noch sitzt. Diese Erfahrung ist ein Wendepunkt: Brown will sich bewaffnen und muss dazu in die Tiefen der Unterwelt hinabsteigen.


Daniel Barber nimmt sich Zeit, um seine Hauptfigur aufzubauen: er zeigt sorgfältig das triste Milieu, die ständig in der Luft liegende Gewalt, die Harry und seinen Freund deprimieren, aber er zeigt auch die Zerbrechlichkeit und zunehmende Vereinsamung seines Helden. Den menschlichen Trash, den die Jugendbanden repräsentieren, baut er gleichzeitig in ruppigen Szenen zur Verkörperung des absolut Bösen auf: Noel, der Gangleader, darf nach einer Verhaftung die verhörenden Polizeibeamten aufs Übelste beschimpfen und bedrohen, ohne dass die Folgen hat. Die Polizei, so Barber, kann nur noch ohnmächtig Phrasen dreschen, hat aber längst die Kontrolle verloren und beschränkt sich darauf, die Leichen einzusammeln und zu katalogisieren. Nur die junge DI Alice Frampton (Emily Mortimer) will sich ernsthaft auf Ermittlungen einlassen, wird aber eher von Ihren Vorgesetzten behindert als unterstützt. Und als Harry zu seinem Ein-Mann-Rachefeldzug aufbricht, ahnt die als Erste die Zusammenhänge.
 

Gute Darsteller, stilsicher, aber konventioneller Racheplot
„Harry Brown“ funktioniert also durchaus im Rahmen der Vigilanten-Movies à la „Death Wish“ und „Death Sentence“ (James Wan, 2007), die in mittlerweile völlig vorhersehbarer Weise die Selbstjustiz als letztes Residuum bürgerlicher Notwehr zelebrieren, ohne dabei die inneren Gesetze des Genres in ihren psychologischen und gesellschaftlichen Dimensionen zu erfassen. Eastwoods „Gran Torino“ und selbst der nicht gerne gelittene „The brave One“ (Die Fremde in dir, Neil Jordan, 2007) wirken im Vergleich dazu wie sorgfältig austarierte Sozialdramen.
Barber, der keineswegs einen schlechten Film gemacht hat, setzt dagegen auf biblischen Zorn und massive Vergeltung. Brown, der von Michael Caine mit souveräner Kraft gespielt wird, findet zunehmend eine tiefe Befriedigung bei dem, was er tut. Sein genau geplanter Amoklauf beginnt mit der Ermordung zweier jugendlicher Waffenhändler, die sich während des Verkaufsgesprächs genüsslich ihre letzte Vergewaltigung als Video anschauen, während das Opfer im Drogenrausch auf dem Sofa vor sich hin röchelt. Klar, dieser Abschaum muss weg und Harry erledigt den Job mit der spürbaren Zufriedenheit eines Profis, der einem der beiden nach einem letalen Bauchschuss in aller Ruhe erklärt, welche Fehler er zuvor begangen hat.
Auch danach ist Harry nur noch schwer zu bremsen: er foltert und liquidiert Gangmitglieder, bis ihm kurz vor dem brutalen Show-down ein wenig die Puste ausgeht. Draußen auf den nächtlichen Straßen tobt bereits der Bürgerkrieg zwischen dem bewaffneten Mob und der als auffallend hilflos dargestellten Polizei-Streitkräfte – eine durchaus sehr demagogische Szene, die in ihrer Instrumentalisierung des Plots nur eine von vielen versteckten Suggestionen und Legitimierungsversuchen Barbers ist.
Später, als die Bösewichter tot im Dreck liegen, rühmt sich die örtliche Polizei ob ihrer gewieften Polizeimethoden und leugnet alle Verdachtsmomente über Selbstjustiz in Heygate Estate. Am Ende geht Harry wieder durch sein Viertel. Der Zuschauer weiß nun, wie man dem Bösen beikommt.
 

„Harry Brown“ ist zweifellos sehr stilsicher inszeniert. Barber gelingt es, mit zunehmender Präzision, die zunächst noch recht unverfänglichen Außenansichten systematisch zu dekonstruieren: je tiefer Harry herabsteigt, desto mehr verwandeln sich die Architektur, die Straßen und Häuser in Innenansichten der Fäulnis. Hier spiegelt sich das Innere im Äußeren und umgekehrt. Auch die darstellerischen Leistungen sind bis in die Nebenrollen über jeden Verdacht erhaben, Caine zeigt alle Facetten und Finessen und gibt seine Figur nicht als omnipotenten Racheengel, sondern als verletzlichen alten Mann, der lediglich das tut, was er kann und was er gelernt hat: Menschen töten.
Letztlich funktioniert auch "Harry Brown" nach einem soliden und äußerst wirkungsvollen Schema: er zeigt uns animalische Bestien, die mit allen Mitteln beiseite geschafft werden müssen. Und er deutet an, dass die Zivilgesellschaft, ähnlich wie in "The brave One", Selbstjustiz tolerieren muss. In seiner brutalen Durchdeklinierung dieses Sujets liefert Barber jedoch keinen Beitrag ab, der etwas Neues zu sagen hat.
Noten: Mr. Mendez = 4, Klawer = 4, BigDoc = 3

Freitag, 17. September 2010

Moon


Großbritannien 2009 - Regie: Duncan Jones - Darsteller: Sam Rockwell, Dominique McElligott, Kaya Scodelario, Benedict Wong, Matt Berry, Malcolm Stewart, Adrienne Shaw, Rosie Shaw, Matt Berry, Robin Chalk - FSK: ab 12 - Länge: 97 min.

Als Rutger Hauer am Ende von Blade Runner seinen Rachefeldzug beendet und seinen unerbittlichen Verfolger am Leben lässt, schafft dies auch den nötigen Erzählraum für eine der schönsten Szenen des Sci-Fi-Genres: während der Regen an ihm herunterläuft, ziehen Bilder an dem sterbenden Replikanten vorbei, die nicht nur der von Harrison Ford gespielte Blade Runner noch nie gesehen hat. Auch der Zuschauer kann sich bestenfalls ahnungsvoll ein Bild von dem Unerhörten machen, dass in den Tiefen des Alls wartet. Es sind seltsam schöne Bilder, an die der Replikant sich erinnert, Bilder, in denen eine singuläre sinnliche Fülle gespeichert ist, für die es im Kantschen Sinne keine apriorischen Begriffe gibt.

Ridley Scott gelang ein buchstäblich billiger Effekt mit großer Tiefenwirkung. Obwohl seine Replikanten mit verkürzter Lebensdauer und künstlichen Erinnerungsimplantaten ausgestattet sind, erwerben sie etwas, was man auch ohne tiefschürfenden philosophischen Diskurs sofort versteht: die künstlichen Wesen sind vielleicht keine Menschen, aber ihr ästhetisches Urteil ist im Gegensatz zu Kant keineswegs interesselos, sondern steht ein für das, was ihre emotionale Identität ausmacht. Sie sind Personen.
Blade Runner hat die Topologie des Genres auf erstaunliche Weise erweitert und so konsequent durchdekliniert, dass viele Sci-Fi-Filme, die in den Jahren nach 1982 erschienen, wie thematische Trittbrettfahrer aussehen. Auch Moon ist da keinen Deut anders.

Widergänger
Die Erde kann ihren hohen Energiebedarf nur mit dem auf dem Mond abgebauten Helium-3 befriedigen (Schätzings Limit lässt grüßen). Für die Überwachung des Abbau- und Transportwesens ist der recht einsame Astronaut Sam Bell (Sam Rockwell) zuständig. Er ist allein auf der Station und sein einziger Partner ist der mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Roboter GERTY (in der Originalfassung spricht er mit der Stimme von Kevin Spacey). Nachdem Bell, der zunehmend unter Halluzinationen leidet, während einer Routinefahrt zu einer der Erntemaschinen einen Unfall baut, wacht er fast unbeschadet in der Krankenstation der Basis auf und wundert sich, dass ihm GERTY nicht mehr gestattet, an die Oberfläche zurückzukehren. Doch Bell gelingt es, den Roboter zu überlisten. Am Unfallort erwartet ihn jedoch eine Überraschung, denn in dem havarierten Mondfahrzeug liegt immer noch der verunglückte Astronaut, der den Crash überlebt hat. Es ist Sam Bell.

Duncan Jones’ erster Spielfilm ist alles andere als originell. Man ahnt schnell, dass in Moon das Genre variiert wird: der profitorientierte Konzern ist selbstredend amoralisch (Alien) und hält auf der Mondstation in einer verborgenen Kältekammer im Dutzendpack Klone bereit, die nach der Terminierung verbrauchter Exemplare „geweckt“ werden; der Roboter mit dem samtweichen Stimme ist ein empathischer und damit kerngesunder Antipode des paranoiden HAL (2001 – A Space Odyssee), der spartanische Ein-Mann-Plot erinnert an Silent Running (Douglas Trumbull, 1972) und die existenzialistische Grenzsituation, in der sich beide Klone rasch wiederfinden, deutet Qualitäten an, die allerdings nicht ganz an die Lem’schen Visionen heranreichen (Solaris). Alles ist eine Nummer kleiner, aber dennoch kann Moon unter dem Strich überzeugen, weil Jones seiner filmischen Fingerübung eine schlüssige und kompakte Erwählweise verordnet, die ohne großes Abschweifen Schritt für Schritt und Szene für Szene die Klone an die unvermeidliche Konfrontation mit ihren Schöpfern heranführt.
Getragen wird der konzentrierte Film durch die außergewöhnliche darstellerische Leistung Sam Rockwells (Frost/Nixon), der eher als veranlagter Supporting Actor gilt und in Moon eine Zwei-Mann-Show hinlegt, die den Film zu einem spektakulären Event macht. Wenn Männer sich kurz vor dem dramatischen Ende fast liebevoll und tief bewegt eine gemeinsame Episode aus ihrer Vergangenheit erzählen, wissen beide, dass sie lediglich ein identisches Gedächtnisimplantat abrufen, dass sie faktisch nie erlebt haben. Zweifel an der Berechtigung ihrer Gefühle kommen jedoch nicht auf.
Was die Bells sich am Ende ausdenken, um dem bösartigen Konzern die Leviten zu lesen, soll hier nicht verraten werden. Dass sich GERTY auf die Seite der Missbrauchten schlägt, darf allerdings erwähnt werden, denn eine große Überraschung ist es nicht. Dass Duncan Jones schlussendlich einige Eulen nach Athen trägt, in dem er Bell zu Gerty sagen lässt „We are persons!“ wirkt indes wie intellektuelle Nothilfe, die auch schlichtere Gemüter kaum benötigen werden.
Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass man Moon besser nicht systemkritische Aussagen unterstellt. Das Sujet des gewinngeilen Konzerns, der buchstäblich über Leichen geht, ist ein Topos im wahrsten Sinne des Wortes, ein locus communis, ein Gemeinplatz, dem durch ständige Widerholung die kritische Schärfe abhandengekommen ist. Jedenfalls dann, wenn man wie der Rezensent vier Jahrzehnte Kinoerfahrung auf dem Buckel hat. Dagegen spricht allerdings die  Erfahrung, dass die Realität derartige Behauptungen heutzutage mühelos übertreffen kann.

Anmerkung: Besprochen wurde die englischsprachige GB-Bluray, die besonders bei den Außenaufnahmen durch glasklare Detailfreudigkeit besticht. Da der überwiegende Teil der Handlung im blendendem Weiß der fast steril wirkenden Raumstation spielt, kann das Medium Bluray nicht immer seine Qualitäten ausspielen. Zur DVD sollte man aber nur greifen, wenn diese die gleiche Ausstattung aufweist - und dazu gehört Jones' interessanter Kurzfilm Whistle aus dem Jahre 2002. Der 28-minütige Kurzfilm ist eine sehenswerte Stilübung. Jones erzählt vom Familienleben eines Auftragsmörders, dem weniger ein Missgeschick zum Verhängnis wird als vielmehr die Tatsache, dass seine Frau seine Auffassung von Professionalität teilt. Ein bitter-böser Plot Twist beendet die nicht immer rund erzählte Geschichte, die immerhin zeigt, dass ihr Macher schon damals ein unübersehbares Interesse an klassischen Genres hatte. 
Angeblich plant Duncan Jones eine Moon-Trilogie. Spannend wird es allemal, besonders wenn man das Gefühl hat, dass Duncan seine Geschichte eigentlich auf den Punkt "auserzählt" hat.

Noten: BigDoc = 2,5 

Sonntag, 12. September 2010

DVD- Review: Legend Diary - Gregory Peck / James Stewart


Etwas hat der Filmfreund in der letzten beiden Jahren gelernt: DVDs, die teurer als € 10,- sind, gelten als anrüchig. Diese Regel kann mittlerweile als Naturkonstante verlässliche Gültigkeit beanspruchen und verdankt sich wohl dem enormen Preisdruck, der durch die technisch überlegene Bluray ausgeübt wird.
Diese wurde nämlich in den beiden letzten Jahren ebenfalls deutlich preiswerter, was nicht nur für die immer noch relativ teuren Erstveröffentlichungen gilt, sondern mehr noch für die Schnäppchen. Nennen wir einfach mal ein Beispiel: der Online-Anbieter AMAZON führt über 600 Bluray-Titel auf, die € 10,- oder weniger kosten.
In diesem Markt DVDs zu platzieren, ist nicht einfacher geworden, auch wenn Millionen Haushalte garantiert noch keinen Bluray-Player besitzen. Besonders schwierig dürfte es sein, so ahnt man ziemlich skeptisch, technisch angestaubte Filmklassiker in einen Box-Set zu packen und gutes Geld für Filme zu kassieren, die möglicherweise in ein paar Jahren sorgfältig restauriert und mit exzellenten Extras versehen zu einem interessanten Preis als Bluray angeboten werden.
Und genau das hat SONY vor vier Jahren versucht. Unter dem Titel Legend Diary veröffentlichte  der Mediengigant die vermeintlich besten Filme von Gregory Peck, Anthony Quinn, James Stewart, Walter Matthau, William Holden, Alec Guinness, Rita Hayworth und Gary Grant und warf sie im Preissegment 40 – 75 Euro auf den Markt. Je nach Zusammensetzung der Box musste der Sammler 6 – 9 Euro pro Film berappen, wobei sich Geduld rechnete, denn der geschulte Schnäppchenjäger fand bald darauf einige der teuren Boxen für € 9,95 in der Resteecke wieder. Ein Preis von weniger als € 2,- pro Film ist auch bei fallenden Preisen spektakulär und Grund genug, um sich zwei Boxen einmal gründlicher anzuschauen: die Gregory Peck- und die James Stewart-Box.

Ausstattung
Alle Boxen werden im Pappschuber geliefert, aus dem man eine hochwertige aufklappbare Box im Buchformat zieht, die der jeweiligen DVD links ein Bild des deutschen Original-Filmplakats sowie einige Szenenfotos hinzufügt. Das sieht nicht nur gut aus, es ist auch stabil und liebevoll gemacht und somit sammeln beide Box-Sets hier ihren ersten fetten Pluspunkt.

Inhalt Legend Diary - Gregory Peck
Best of ist immer heikel, besonders dann, wenn man für einen richtigen Kracher keine Lizenz besitzt. Ist das auch bei Legend Diary der Fall? Schauen wir uns das mal näher an.
In der Gregory Peck-Box sucht man das Justizdrama Wer die Nachtigall stört vergeblich, also den Film, für den einer der größten Hollywood-Stars der 40er, 50er und 60er einen Oskar erhielt. Überhaupt werden die 50er und 60er links liegen gelassen, also keine Hitchcock-Klassiker und auch nicht John Houstons Moby Dick.

Der Rest aber kann sich sehen lassen: J. Lee Thompsons Die Kanonen von Navarone (The Guns of Navarone, 1960) ist ein stilprägender Klassiker des Kriegsfilms, der in direkter Linie zu Tarantinos Inglorious Basterds führt: ein Team aus Spezialisten kämpft hinter den feindlichen Linien für eine gute Sache – hart, humorlos und auch heute noch spannend anzuschauen, definierte der Film ein Subgenre, das besonders in den 60zigern sehr populär war.

Eine echte Entdeckung ist das weitgehend unbekannt gebliebene Drama Deine Zeit ist um (Behold a Pale Horse, 1963) von Fred Zinnemann. Obwohl Peck einen alt gewordenen Guerillakämpfer aus dem Spanischen Bürgerkrieg ganz in Sinne seine Images durchaus überzeugend als aufrechten, etwas kantigen, aber integren Mann spielt, ist dieser Film wohl eher eine Entdeckung für Zinnemann-Fans und –Kritiker. Für mich war es ziemlich spannend zu sehen, wie Zinnemann den mit Anthony Quinn und Omar Sharif auch in den Nebenrollen gut besetzten Film auf radikale Weise entpolitisierte und in ein existenzialistisches Seelendrama verwandelte, in dem nicht ein einziges Mal das Wort „Spanischer Faschismus“ fällt. Besonders das Ringen des von Sharif gespielten Priesters zwischen moralischer Verantwortung und Treue gegenüber der Obrigkeit wirkt fast 50 Jahre später altbacken und lebensfremd. Für alle, die nur 12 Uhr Mittags kennen, aber auch für jene, die Zinnemann nie so recht über Weg getraut haben, ist dieser  technisch exzellent gemasterte Film sicher ein Muss. Alle, die noch Alain Resnais’ Meisterwerk La guerre est finie im Kopf haben, werden eben diesen wohl lange schütteln.

Geradezu stinklangweilig kommt zunächst Verschollen im Weltall (Marooned, 1969) von John Sturges daher – ein semi-dokumentarischer Mix aus Sci-Fi und Drama, in dem alle erzählerischen Parameter des Kinohits Apollo 13 bereits voll entwickelt vorliegen. In Marooned, der einen Oscar für die besten visuellen Effekte erhielt, erzählt Sturges die Geschichte eines Astronauten-Teams, das in einer beschädigten Kapsel mit zu wenig Treibstoff und noch weniger Sauerstoff den sicheren Tod erwartet. Der Film ist durch konsequenten Realismus geprägt und Peck als Chef der Weltraumbehörde spielt nur eine der Hauptrollen in dem Film. Obwohl einige Kritiker dem Film vorwarfen, er sei kaum besser als NASA-Werbefilm, zeigt der zunehmend spannende Plot eine ideologisch vorurteilsfreie Last-Minute-Rettung mit sowjetischer Beteiligung, was nicht unbedingt dem Zeitgeist entsprach. Für Sturges-Fans sicher ein Schmankerl.

Der Edel-Western MacKenna’s Gold (Mackennas Gold, 1969) ist eine weitere Arbeit von Routinier L. Jee Thompson. Ein grässlicher Western, der immerhin zeigt, wie man mehr als eine Handvoll Stars auf ein Filmplakat bekommt und die meisten davon in einer Kurzszene verheizt (Lee J. Cobb, Raymond Massey, Edward G. Robinson). Peck spielt hier erneut mit Omar Sharif zusammen, George Lucas war als Praktikant am Set, aber das bleibt das einzig Erwähnenswerte an einem Film, dessen einziger Zweck es wohl war, grandiose Bilder und Effekte für die Super-Panavision-Fotografie zu produzieren. Hollywood befand sich Ende der 60er im Umbruch, aber Mackennas Gold atmete immer noch die miefige Luft ausgeleierter Studio-Blockbuster.

Entschieden sehenswerter ist Old Gringo (Old gringo, 1989) von Luis Puenzo, der zusammen mit Co-Regisseur Jaoqin Calatayud 1986 für den Politthriller Die offizielle Geschichte (La historia oficial) den Oscar als Bester Fremdsprachiger Film erhielt. Peck spielt in Old Gringo den alternden Schriftsteller Ambrose Bierce, der sich angeekelt von der literarischen Szene zurückzieht und als ausgesprochener Womanizer eine letzte, allerdings platonische Liebesgeschichte mit Jane Fonda als altjüngferlicher Lehrerin erlebt. Alles vielleicht eine Spur zu warmherzig, aber tatsächlich weiß man nur wenig über die letzten Tage des berüchtigten Zynikers Bierce, der sich Pancho Villa anschloss und vermutlich standrechtlich erschossen wurde. Bei der Kritik war der opulente Film umstritten und tatsächlich verblüfft es den geneigten Rezensenten immer wieder, dass die mexikanische Revolution im amerikanischen Kino immer wieder als folkloristische Kulisse für Kinoplots herhalten muss, die sich einen Dreck um die sozioökonomischen und politischen Hintergründe scheren. Auch die in ideologischer Hinsicht vermeintlich härteren Spaghetti-Western sollte man da besser nicht überschätzen. Trotzdem: Gregory Peck überzeugt in dem Film als fantastischer Charmeur, auch wenn die Motivation einiger Figuren eher wirkt, als sie sie an den Haaren herbeigezogen.

Fazit: Die Gregory-Peck-Box ist ein überwiegend interessanter, aber nicht durchgehend überzeugender Kompromiss, der immerhin einige Perlen aufzuweisen hat (Die Kanonen von Navarone, Deine Zeit ist um). Technisch ist die Qualität der DVDs bestenfalls durchschnittlich, eine Ausnahme ist wie erwähnt Zinnemanns s-w-Drama. Allein das Preis-Leistungsverhältnis relativiert alle Vorbehalte, so dass abschließend eine klare Kaufempfehlung ausgesprochen werden muss.

Inhalt Legend Diary – James Stewart
 In einer anderen, nämlichen höheren Liga, spielt dagegen die exzellente Zusammenstellung der James Stewart-Box. Natürlich muss man Abstriche machen und es sicher schade, dass die Box keinen der bekannten Filme von Alfred Hitchcock enthält. Ich hätte mich sehr über Cocktail für eine Leiche (Rope, 1948) oder Anthony Manns Winchester ´93 (Winchester ´93, 1950) gefreut, aber dafür wird Stewarts Zusammenarbeit mit Frank Capra vorzüglich präsentiert.

Eine echte Entdeckung ist die hierzulande weitgehend unbekannt gebliebene Screwball-Comedy Lebenskünstler (You Can´t Take It With You, 1938), in der sich der wie üblich etwas zögerliche, aber am Ende standfeste James Stewart mit der verrückten Familie seiner Zukünftigen herumschlagen muss. Ver-rückt ist der Haufen herrlicher Spinner dank der Hartnäckigkeit, mit der sich alle einer harten, vom Geld regierten Gesellschaft entziehen, um nur das zu machen, was ihnen Spaß macht. Der anarchistische, fast anti-kapitalistische Swing des Films zeigt sehr schön die ideologische Libertinage, die sich einige Regisseure in den 30zigern (noch) erlauben durften, ist aber auch ein für Stewarts erste Schaffensphase sehr exemplarischer Film – und last but not least auch ein wirklich sehenswerter Mosaikstein aus dem Werk Frank Capras, der (nicht nur) für diesen Film einen Oscar für die Beste Regie erhielt.
Es ist durchaus konsequent, dass in der Box auch Mr. Smith geht nach Washington (Mr. Smith Goes To Washington, 1939) enthalten ist, ein Film, mit dem Capra zeigen wollte, dass er den Erfolg von Mr. Deeds Goes To Town übertreffen kann. Capra, der politisch eher zu den Konservativen zählte, ließ sich das Drehbuch von Sidney Buchman schreiben, dessen Karriere in der McCarthy-Ära endete, nachdem er zu geben musste, dass er Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen war. Mr. Smith war an der Kasse an großer Erfolg, führende Politiker griffen Capra aber massiv an. Aus kinohistorischer Sicht zeigt Capras Film bereits viele Ingredienzien der Politthriller, die in den nächsten Jahrzehnten folgen sollten, berühmt wurde er allerdings durchs Stewarts Filibuster, eine bis heute legendäre Szene, die wie keine zeigt, dass der Kampt um die Wahrheit auch zu einer extremen physischen Erfahrung werden kann.

Danach macht die Box einen Sprung in die 50er Jahre: Der Mann aus Laramie (The Man from Laramie, 1955) ist einer der Western, die Stewart mit Anthony Mann drehte. Stewart hatte hier bereits einen Imagewandel vollzogen und spielte Figuren, die weiterhin zwar integer waren, aber härter und gewalttätiger um das Recht kämpften, auch wenn es dabei etwas dreckiger zuging. Ich persönlich halte diesen Western eher für eine durchschnittliche Arbeit, aber Der Mann aus Laramie zeigt sehr schön den Versuch, das Genre durch theatralische Plots und aufdringliche Psychologisierung aus dem B-Picture-Mief in die erste Reihe zu befördern: hier ist es ein beinahe psycho-analytisch aufgeladener Vater-Sohn-Konflikt, in den Stewart als zunächst Unbeteiligter hineingerät. Western, die sich bei Shakespeare bedienen, habe ich eher zurückhaltend genossen und wer sich etwas auskennt, weiß sehr genau, welche ausgezeichneten Western James Stewart sonst vorzuweisen hat.

1958, im selben Jahr drehte Stewart mit Alfred Hitchcock Vertigo, entstand Meine Braut ist übersinnlich (Bell, Book and Candle), eine vergleichsweise harmlose Komödie des späteren TV-Regisseurs (Columbo) Richard Quine. Hier geht es um Magie und Liebe, eine Mischung mit viel Sprengstoff. James Stewart war zu diesem Zeitpunkt bereits 50, was leichten Stoff mit charmanten Liebhaber-Rollen eigentlich nicht erwarten ließ, aber der Veteran macht in dem Streifen eine ordentliche Figur.

Dafür sorgen zwei Perlen für das große Finale der Stewart-Box. 1959 drehte Stewart mit Otto Preminger den Justizthriller Anatomie eines Mordes (Anatomy of a Murder, 1959), in dem Stewart mit einer wirklich tollen darstellerischen Leistung den finanziell etwas heruntergekommenen Anwalt Paul Biegler als gelassen-lakonisches Rhetorikgenie gibt, das alle Register ziehen muss, um für seinen Klienten (Ben Gazzara) einen Freispruch zu erwirken. Premingers exzellenter Film ist ein früher Höhepunkt des Genres und ein frivoler dazu: unvergessen bleibt die Szene, in dem sich Richter, Staatsanwalt und Verteidiger semantisch darüber Klarheit verschaffen, in welchem Umfang im Gerichtssaal über ein Damenhöschen gesprochen werden darf. Überhaupt ist der Film in den 50zigern auch durch seine sexuelle Thematik und viele unterschwellige Anspielungen ein „heißes Thema“ gewesen, besonders auch, weil man auch am Schluss nicht weiß, ob Gazzara unschuldig ist oder nicht, aber seinen Pfiff bezieht er dann doch eher aus den gut gezeichneten Charakteren, schlagfertigen Dialogen und einem Schuss Film Noir, was durch den treibenden Score Duke Ellingtons noch forciert wird.

Als Finale wartet die Box schließlich mit John Fords Zwei ritten zusammen (Two Rode Together, 1960) auf. Hier teilte sich Stewart mit Richard Widmark die Hauptrolle, aber der Film zeigt deutlich, wie sehr sich Stewarts Image in den späteren Filmen entwickelt hatte: in Fords Film spielt er den US-Marshal McCabe, der zynisch und moralisch unbeteiligt die Pfründe seiner Position genießt, bis er sich auf den Deal einlässt, bei den Comanchen entführte Weiße freizukaufen. Ein lukratives, aber riskantes Geschäft, bei dem Widmark den moralisch konsistenten Part spielt. Das Interessante an Two Rode Together sind seine inhaltlichen Schwächen: obwohl das Buch aus der Feder des genialen Frank Nugent stammt, sieht der Film eher wie eine Parodie auf Fords sonstige Western aus: liebenswürdige Raufbolde mit gutem Herz unter rauer Schale, der übliche trinksüchtige und kauzige Sergeant, das jungenhaft-wilde Mädchen, das am Ende handzahm wird – alles bekannt, aber diesmal ohne Gespür für Timing und Thema. Dort, wo der Film ernst genommen werden soll, wirkt der Stimmungswechsel wie erzwungen und die Figuren wie Karikaturen - wobei die Indianer oft genauso gierig, gewalttätig und verschlagen sind wie einige Weiße. Und so endet der Film, der wie eine Westernkomödie beginnt, mit einem einem nicht näher kommentierten Lynchmord an  Indianer und einem weitschweifigen Plädoyer gegen soziales Mobbing. Diesem keineswegs uninteressanten Film von John Ford ist nicht anzusehen, dass nur zwei Jahre später sein Masterpiece The Man Who Shot Liberty Valance (mit John Wayne und James Stewart in den Hauptrollen) entstehen sollte.

Fazit: die technisch und inhaltlich gelungene Box ist für Filmfreunde eindeutig ein Muss. Das betrifft sowohl die Auswahl der Regisseure als auch die Berücksichtigung der Genres. Und ganz zuletzt ist das Preis-Leistungsverhältnis kaum anders als konkurrenzlos zu bezeichnen. Hervorragend!