Montag, 24. September 2012

Die Tribute von Panem - The Hunger Games

-->
USA 2012 - Originaltitel: The Hunger Games - Regie: Gary Ross - Darsteller: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Liam Hemsworth, Woody Harrelson, Lenny Kravitz, Elizabeth Banks, Stanley Tucci, Lenny Kravitz - FSK: ab 12 - Länge: 142 min.

In Susanne Collins Jugendbuchserie „The Hunger Games“ sind die USA schlichtweg im Eimer. Der übrig gebliebene Rest nennt sich „Panem“, was an Panem et circenses („Brot und Spiele“) erinnern soll. Die Reichen und Mächtigen sind nämlich, ach ja, immer noch reich und mächtig und regieren mit harter Hand 12 Provinzen, die Dreizehnte ist nach einer Revolte vermeintlich ausgelöscht worden. Um daran zu erinnern, dass wie bei den Borg Widerstand zwecklos ist, werden Jahr für Jahr die Hunger Games veranstaltet, wobei per Los jeweils zwei Kinder oder Jugendliche aus jedem Bezirk dazu bestimmt werden, in den für’s TV prachtvoll inszenierten Gladiatorenkämpfen ihre Heimat zu repräsentieren, besser gesagt: den anderen Kids möglichst schnell den Schädel einzuschlagen. Natürlich sollen am Ende 23 der Kandidaten mit dem Tod bezahlen und der Sieger kriegt alles: Reichtum, Ehre, auf jeden Fall aber genug zu essen, denn das ist mittlerweile ein echtes Problem geworden.
Soweit der Plot einer der derzeit beliebtesten Jugendbuch-Serien. Natürlich ist „The Hunger Games“ irgendwie eine Dystopie, also eine Anti-Utopie oder besser gesagt: eine Endzeitgeschichte. Und dazu eine erfolgreiche, die Trilogie wurde eine Bestseller. 
Eine Verfilmung war nicht mehr zu vermeiden.

Nur ein Plagiat? Keine Ahnung, auf jeden Fall ein schlechter Film!

Im Filmclub ist „Die Tribute von Panem“ gnadenlos gefoppt und belegt die Liste der miesesten Filme des Jahres 2012 als bislang drittschlechtester Film. Das liegt nicht daran, dass wir einen verwöhnten Geschmack haben, sondern an der Machart des Films: die Adaption für’s Kino, die sich eng an die Vorlage gehalten haben soll, ist einfach schlechtes Kino. Der Plot ist eine weitgehend unoriginelle Variation bekannter Genremuster, die Glaubwürdigkeit der Figuren irrlichtert zwischen humanistischen Idealen und greller Überzeichnung, Kameraarbeit und Montage sind ein besonders übles Beispiel für offenbar gewollten Dilettantismus. Da wir Vier inzwischen sehr belastbar geworden sind, ist eine Gesamtnote von 4,1 schon ein Desaster – nicht für uns, sondern für den Film. Um das zu verstehen, soll etwas ausgeholt werden...
Am Anfang einer Dystopie steht immer die Apokalypse. Die bekannten desaströsen Verhältnisse auf unserem Globus (Kriege, Klimawandel, Wirtschaftskriege usw. usw.) sorgen irgendwann für den Supergau und danach regiert entweder der Pöbel oder andere Bösewichter greifen zur Macht. In der Regel wollen sie natürlich bei der Ressourcenverteilung die Ersten am Futternapf sein. Die Unterjochten und Ausgebeuteten wünschen dagegen ihren Teil vom Kuchen oder sie wollen die Herrschaftsideologie überwinden, die ihnen das Lesen verbietet („Fahrenheit 451“), die Emotionen unterdrückt („Equilibrium“), schlichtweg faschistisch ist („V wie Vendetta“) oder genetische Selektion betreibt („Gattaca“). Dsytopische Elemente enthalten auch viele Sci-Fi-Klassiker wie „Metropolis“, „Clockwork Orange“ oder „Blade Runner“ und natürlich der große alte Evergreen „1984“. Natürlich bieten sich in Dsytopien auch patriotische Gegenentwürfe an. Kevin Costner hat dies in „Postman“ vorgeführt und ist böse baden gegangen.

„Die Tribute von Panem“ ist so gesehen ebenfalls eine Dystopie und die Verfilmung des ersten Teiles der erfolgreichen Trilogie „The Hunger Games“. Der Buchreihe wurde neben einem expliziten Sadismus auch mehr oder weniger offen vorgeworfen, ein Plagiat zu sein. Stephen King hat dies in seiner ansonsten wohlwollenden Kritik[1] dezent angedeutet.
Andere Kritiker waren nicht ganz so einfühlsam und warfen Susanne Collins vor, dass sie in der von 2008 bis 2010 erschienenen Reihe ziemlich unverhüllt die hierzulande noch unter Verschluss gehaltene bzw. stark geschnittenen Todesspiel-Orgie „Battle Ship“ von Kinji Fukasaku plagiiert habe. Wie auch immer: ich habe weder Collins Bücher gelesen noch Fukasakus Film gesehen, der – wen wundert’s – als Kultfilm gehandelt wird. Ein Plagiat nachzuweisen, ist zudem nicht einfach. Das allerdings ein Buch einen Film abgekupfert haben soll, ist nicht alltäglich. Aber eins ist klar: der Vorwurf an die Autorin lässt sich ohne Begründung nicht auf die Filmemacher übertragen, macht das Ganze aber in punkto Originalität zumindest verdächtig[2].

Konglomerat bekannter Versatzstücke

In der Literatur ist der Topos eine formale Kategorie, die man im weitesten Sinne als thematische Struktur erklären kann, und zwar häufig dann, wenn etwas zum Gemeinplatz, zur stereotypen Wiederholung geworden ist. Das ist an sich noch nichts Schlimmes, Filmgenres leben davon, aber zumindest sollte man wissen, wie sich das Zeug, das wir im Kino sehen, zusammensetzt.

Die „Tribute von Panem“ basieren topologisch auf einem universellen Baustein unserer Mythologien: dem Kampf von Auserwählten bis zum Tode. Wir kennen dies aus den historisch verbürgten Gladiatorenkämpfe, die uns über zwei Jahrtausende später z.B. als Wrestling-Show wiederbegegnen. Dieser narrative Baustein ist nicht deswegen so erfolgreich, weil er an die sogenannten niedrigen Instinkte appelliert, sondern weil er in seinen verschiedenen Spielarten eine spannende Erzählung garantiert: der Held in der Extremsituation, ständig vom Tode bedroht.
Gladiatoren kennen wir aus dem alten Rom, den Rest wie gesagt aus dem Kino. Wobei das auch nicht ganz stimmt, denn das alte Rom kennen wir schließlich auch nur noch aus sündhaft teuren Filmen oder wenigstens aus der Glotze. Vielleicht hat man sich das schon vor Urzeiten an den Lagerfeuern erzählt...
Der aufgeklärte moderne Medienmensch will 3000 Jahren später natürlich einen moralischen Kern in der Geschichte, damit sich das Hinschauen moralisch rechtfertigen lässt. Spaßig an dieser kritischen Reflexion ist, dass die Medienmacher das schlimme Spektakel erst einmal ausführlich  dem Publikum vorführen, damit man hinterher die moralische Kohärenz prüfen kann. Das heißt zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: man schaut einerseits genüsslich und folgenlos dem tödlichen Thrill zu und andererseits erfährt man, dass Gladiatorenspiele natürlich übel sind, gegen die Menschenwürde verstoßen und mindestens die Folge einer faschistischen Herrschaftsideologie sind, womit der aufklärerische Teil mitsamt seiner pädagogischen Nebenarme abgedeckt ist.

Und um das Ganze noch auf die Spitze zu treiben, wird unser Voyeurismus auch noch im Medium verdoppelt und gespiegelt: wir sehen uns dann einen Film an, in dem sich andere das Grauenhaften ihrerseits als Medienprodukt reinziehen. Damit sollen wir dann zur Einsicht gebracht werden, dass die Medien skrupellos sind, aber auch in uns das Böse zumindest als moralfreie Schaulust existiert.
Das muss nun per se nicht schlecht sein (George A. Romero hat dies in „Diary of the Dead“ ziemlich gut hingekriegt), aber in der Regel ergibt dies zumindest und todsicher ein famoses Geschäft, bei dem nur darauf zu achten ist, dass sich die Brutalitäten zumindest bei einer Jugendbuchverfilmung soweit im Rahmen halten, dass man eine milde Altersfreigabe erhält. Im Falle von „Die Tribute von Panem“ hat das gut funktioniert: mit fast schon billigen 78 Mio. US-Dollar wurde ein Film produziert, der bislang satte 685 Millionen abgeworfen hat. Moralische Erbauung und Nervenkitzel rechnen sich und man sollte sich daran gewöhnen, dass die Geschichten und ihr moralischer Kern, Sujet und Stil, all das, am Ende halt Produkteigenschaften sind.

Immer wieder die gleichen Geschichten

Wer allerdings alt genug ist, hat dies alles schon 10-20-mal gesehen oder gelesen. Wolfgang Menges Fernsehspiel „Das Millionenspiel“ setzte 1970 eine erste Duftmarke: etwa die Hälfte der Zuschauer reagierte entsetzt auf die Show, in der ein Kandidat von einer Killerbande gehetzt wird. Die anderen TV-Glotzer meldeten sich beim Sender flugs als Kandidat an! Entweder als Gejagter oder als Jäger. Der weitsichtige Menge konnte mit dem „Millionenspiel“, das draußen an der Mattscheibe von vielen für echt gehalten wurde, durchaus ein Alleinstellungsmerkmal beanspruchen, hatte er doch sehr prophetisch abgesteckt, was Quotendruck, Big Brother, Reality TV und Casting-Shows danach in den folgenden Jahren recht verschämt zu Wege brachten. Ach ja, im „Millionenspiel“ erhielt das gejagte Opfer Unterstützung durch „aufrichtige Bürger" – in „Die Tribute von Panem“ werden sie „Sponsoren“ geheißen.
1982 erschien dann Richard Bachmans (aka Stephen King) „The Running Man“, was später natürlich ebenfalls verfilmt wurde („The Running Man“, 1987, R.: Paul Michael Glaser). Der Film wurde in Deutschland 1889 indiziert, ist aber gegenwärtig in einer verstümmelten FSK 18-Fassung wieder auf dem Markt.
Richard Bachman legte 1987 noch einmal das Sujet in einer Variante auf: „Todesmarsch“ (The Long Walk) handelt von einer Spielshow (!), bei der Jugendliche (!) erschossen werden, wenn sie bei einem Gewaltmarsch die geforderte Mindestgeschwindigkeit nicht einhalten können. 
Als Metzelfilm für Erwachsene wurde das Thema, allerdings mit freiwilligen Auftragskillern, in „The Tournament“ (GB 2009, R.: Scott Mann) durchdekliniert.

Platter Plot – das Scheitern des Geschichtenerzählens

„Die Tribute von Panem“ sind nichts anderes als die weitgehend entschärfte Variante eines Sujets, das eher auf den erwachsenen Zuschauer aus ist, für die jugendliche Zielgruppe daher adäquat entschärft werden musste. Man kann den Film auch marktkonform nennen. 
Natürlich gibt es Gewalt, aber Katniss (Jennifer Lawrence, u.a.: „X-Men – Erste Entscheidung“) ist eine durch und durch moralisch saubere Heldin. Nicht nur, dass sie sich freiwillig anstatt ihrer ausgelosten kleinen Schwester zu den Spielen anmeldet, sie kümmert sich während der Wettkämpfe um die Schwachen und hat ein inniges Verhältnis zur Natur. Klar, sie wird töten, aber es fällt ihr sichtlich schwer. Etwas Love Interest gibt es auch: Peeta (Josh Hutcherson, u.a.: „The Kid are All Right“), der sich schon früher in sie verliebt hat, wird ihr zur Seite stehen, so wie Katness ihm später das Leben retten will. Das wird durchaus spannend und auch psychologisch angemessen erzählt .

Auf der anderen Seite skizziert Gary Ross, der mit „Pleasantville“ (1989) eine ziemlich gelungene Mediensatire hinlegte und mit „Seabiscuit“ (2003) eher konservativ angehauchtes, aber ästhetisch rundes Familienkino ablieferte, die Gesellschaft in „Die Tribute von Panem“ mit den Mitteln der grotesken Überzeichnung: Mode und Frisuren sind geckenhaft, die herrschende Oberschicht ist sichtbar mondän und dekadent, die Talkshows im Fernsehen noch zynischer als gewohnt, und der böse Diktator Präsident Snow (Donald Sutherland) ist trotz ausgesuchter Boshaftigkeit so schlicht angelegt, dass man ihn fast nicht zu fürchten hat. Für den Comic Relief sorgt wieder einmal Woody Harrelson, der als einer der Mentoren der Teilnehmer seine abgezockte Cleverness erneut hinter schusseliger Lümmelhaftigkeit verbergen darf.
Was so ärgerlich daran ist? Ganz einfach: die Geschichte, die uns erzählt wird, bedient sich muffiger Klischees und einer nicht sonderlich originellen Mischung aus ‚hartem’ Realismus und einer überzogen infantilen Medienshow. 12-Jährige dürfte dies amüsieren, aber inhaltlich ist das auch ein generelles Problem der Dystopie. Als negativer Gegenentwurf zur keimfreien Utopie, in der die Gesellschaft ihre Probleme gelöst hat, sind die Ausgangsbedingungen in einer Dystopie willkürlich gesetzt, ihre historische Genese bedarf offenbar keiner weiteren Erklärung. Es ist immer das Gleiche: Katastrophen, Wirtschaftskrisen und andere apokalyptische Katastrophen führen zu repressiven und korrupten Gesellschaften, in denen die Helden oft beim Versuch scheitern, das System von innen aufzubrechen. Dabei möchte man doch eigentlich etwas differenzierter erfahren, wie es zu ‚so etwas’ kommen kann. Leider ist dies selten der Fall und in „Die Tribute von Panem“ auch nicht. Wenn es Dystopien in Literatur und Film nicht gelingt, das Neue in einer repressiven Gesellschaft als das bereits vorhandene Alte vorzuführen, sind sie gescheitert. Mit anderen Worten: eine Dystopie, die nicht den Erfahrungshorizont des Lesers oder Zuschauers einbezieht, ist ein entgrenztes Schauermärchen.

Chaos Cinema

Wer bis jetzt durchgehalten hat, muss nun auch noch den letzten Schlag aushalten: „Die Tribute von Panem“ ist miserabel gefilmt und geschnitten. Es schien den Machern nicht zu reichen, die Wackelkamera („Shaky Cam“) durchgehend einzusetzen, die Szenen wurden auch so geschnitten, dass der Zuschauer in einen Zustand diskontinuierlichen Sehens versetzt wird. Und das nicht nur in Actionszenen. Ein schauriges Beispiel sind Schnitte in die Bewegung, nach denen die neue Einstellung deutlich unter den üblichen 30 Grad bleibt, die in der ‚altmodischen’ Continuity-Montage gefordert sind. Dies und ähnliche Verfahren führen zu einer Hektik, die in voller Absicht die Wahrnehmung von Details und kontinuierliche Bewegungsabläufen verhindert. Selbst Dialoge werden durch absurde Zwischenschnitte so zerhackt, dass die Einstellungen unter 3 Sekunden bleiben (was übrigens dazu führt, dass man hinterher nicht mehr daran erinnern kann, was man gesehen hat).
Wer mehr über die Prinzipien und Absichten des Chaos Cinema erfahren möchte, sollte den gleichnamigen Aufsatz des deutschstämmigen Filmwissenschaftlers Matthias Stork lesen (Warnung: etwas Englisch ist vonnöten), der sehr detailliert und anhand konkreter Beispiele analysiert hat, wie sich das Actionkino in den letzten Jahren ästhetisch verändert hat.[3]
Fazit: "Die Tribute von Panem" ist ein grottiger Film, dessen Erfolg an den Kassen nur dann nachzuvollziehen ist, wenn man seinen Blick auf weitere desaströse Trends in der Kinokultur richtet. Ich erspare mir das. Zumindest heute.

Noten: Melonie, BigDoc, Mr. Mendez = 4, Klawer = 4,5


[2] Durchaus erwähnenswert ist, dass Susanne Collins für den ersten Teil „Tribute von Panem – Tödliche Spiele“ in Deutschland mit einem der begehrtesten Jugendliteratur-Preise ausgezeichnet wurde (2009) - dem Buxtehuder Bulle. 2010 erhielt die Autorin zudem beim Deutschen Jugendliteraturpreis den Preis der Jugendjury in der Altersgruppe zwischen 14 und 15 Jahre. Hier entschieden sich eine Jury aus Kids für das angesagte Stück Literatur. Wichtiger für das Franchise ist aber weniger ein deutscher Buchpreis als die harten Marktfakten: zum Zeitpunkt des Film-Release hatte Collins in den Staaten über 50 Millionen Bücher an den Mann ... respektive Mädchen und Jungs gebracht und belegte hinter Harry Potter den zweiten Platz im Ranking der Top 100 Teen Novels.
[3] Chaos cinema is a never-ending crescendo of flair and spectacle. It’s a shotgun aesthetic, firing a wide swath of sensationalistic technique that tears the old classical filmmaking style to bits. Directors who work in this mode aren’t interested in spatial clarity. It doesn’t matter where you are, and it barely matters if you know what’s happening onscreen. The new action films are fast, florid, volatile audiovisual war zones. http://blogs.indiewire.com/pressplay/video_essay_matthias_stork_calls_out_the_chaos_cinema

Dienstag, 18. September 2012

Bluray-Review: Hugo Cabret


USA 2011 - Originaltitel: Hugo - Regie: Martin Scorsese - Darsteller: Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen, Ray Winstone, Emily Mortimer - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 6 - Länge: 126 min. 

Paris 1931: nach dem Tod seines Vaters wird der zwölfjährige Hugo (Asa Butterfield) von seinem Onkel in die Gemäuer des Pariser Hauptbahnhofs geholt. Als der Onkel spurlos verschwindet, übernimmt Hugo dessen Arbeit: in einem schier unüberschaubaren Gewirr von Gängen, merkwürdigen Maschinen und gigantischen Zahnrädern sorgt er heimlich dafür, dass alle Bahnhofsuhren täglich aufgezogen werden. Alles, was dem Waisen von seinem Vater (Jude Law) geblieben ist, sind eine defekte mechanische Figur und ein Notizbuch mit Konstruktionsplänen. Als Hugo, der sich mit kleinen Diebstählen über Wasser hält, ausgerechnet Papa Georges (Ben Kingsley mit einer grandiosen Performance), den misstrauischen Besitzer eines Spielzeugladens, bestehlen will, wird er erwischt. Der alte Griesgram behält zur Strafe Hugos Notizbuch, was eine Reihe von Verwicklungen auslöst, die am Ende sowohl das Geheimnis der mechanischen Figur auflösen als auch Licht in die mysteriöse Vergangenheit von Papa Georges bringen. Denn dieser ist kein anderer als Georges Méliès!

Opulentes Kino

„Filme haben die Macht, Träume einzufangen“, sagt irgendwann Méliès zu Hugo. Und tatsächlich könnte der Plot von „Hugo Cabret“ auch von Steven Spielberg sein. Es überraschte ein wenig, dass sich ausgerechnet Thriller-Experte Martin Scorsese (Taxi Driver, Departed, Shutter Island) getraut hat, den märchenhaften Kinderroman „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ zu verfilmen.
Herausgekommen ist ein opulentes und fantasievolles Stück Kino, das auch Erwachsenen Spaß machen wird, obwohl Scorsese gelegentlich zu übertrieben an den sentimentalen und burlesken Stellschrauben dreht. „Hugo Cabret“ hat für seine überwältigenden 3D-Bilderwelten Anfang des Jahres fünfmal einen Oscar erhalten, wie zu erwarten in den technischen Kategorien. Scorseses Film lässt in magischen digitalen Bildern das nicht weniger magische analoge Zeitalter aufleben und dort ticken die Uhren noch mechanisch und die gigantische Zeiger einer Bahnhofsuhr sind in solchen Zeiten robust genug, um das Gewicht eines fliehenden Jungen zu halten.

Hier zitiert Martin Scorsese nicht nur eine berühmte Stummfilm-Komödie von Harold Lloyd (Safety Last, 1923), sondern zeigt das Original auch auf der Leinwald. Es sind nicht die einzigen Ausschnitte aus alten Stummfilmen. Denn eigentlich geht es in „Hugo Cabret“ um Hugos Liebe zum Film und damit um Scorseses Hommage an das Kino, und zwar das alte, fast vergessene. Scorsese feiert in 3D die wunderbare Naivität der Stummfilme und die Erfindungsgabe der frühen Kinopioniere, die mit Bildern eines Zuges ihr Publikum in Panik versetzten und auch ohne digitale Tricks eine Reise zum Mond ermöglichten. Hugos Jagd nach seinem Notizbuch wird ihn deshalb in die Welt der Brüder Lumière und mehr noch in die von Georges Méliès führen, dem großen Wegbereiter des phantastischen Kinos. Der kleine Dieb Hugo wird am Ende dem von der Filmwelt völlig vergessenen Kinoveteran zur späten Anerkennung verhelfen.
Scorsese, der uns bislang eher saftige Alpträume vorgesetzt hat, sucht diesmal das Komödiantische, wobei allerdings Charme und Leichtigkeit der Bilder die traurige Grundierung der Figuren nicht immer überspielen können. Scorsese, der lieber in die Abgründe der menschlichen Seele schaut, besitzt halt nicht die bruchlose Naivität eines Georges Méliès. 

Brillantes technisches Niveau: eine Bluray auf Referenzniveau

Nicht alles, wo Bluray auf dem Etikett steht, ist High Def. „Hugo Cabret“ ist fast schon mehr als das – man möchte nicht mit Superlativen sparen. Das Bild ist gestochen scharf, ohne unnatürlich zu wirken. Die Details der Close-ups sind überwältigend, nichts ist auch nur im Ansatz weichgezeichnet, die Gesichtsfarben wirken absolut realistisch. Auch in den Totalen des großen Bahnhofs spielt die Bluray ihre Stärken aus. Man kann sich nicht vorstellen, diesen Film in einer geringeren Auflösung zu sehen. Auch beim Farbtransfer kommt man aus dem Staunen nicht heraus, alles ist fein ausbalanciert und wirkt mit einem warmen Grundton authentisch.
Fazit: Die Besprechung bezieht sich auf die 2 D-Version des Films. Hier gibt es nichts, was auch nur ansatzweise zu bemäkeln wäre.

 Bonus: 

  • DVD + Digital Copy
  • Auf dem Mond geschossen (Making of, (20 min)
  • Der Kinomagier: Georges Méliès (16 min)
  • Große Effekte, kleine Maßstäbe (6 min)
  • Der Mechanische Mann im Mittelpunkt von Hugo (13 min)
  • Sascha Baron Cohen: Die Rolle des Lebens (4 min)
 


Noten: Melonie = 2, BigDoc = 2, Klawer = 2, Mr. Mendez = 2

Mittwoch, 15. August 2012

Prometheus - Dunkle Zeichen

Am Anfang ist man nicht im All. Ein Raumschiff gleitet elegant über eine Landschaft, die durchaus unsere Erde sein könnte. Oder auch nicht. Nahe eines Wasserfalls steht ein humanoides, aber bleichgesichtiges Wesen, das ganz sicher nicht Mitglied unserer Spezies ist. Der Mann trinkt aus einem kleinen Behälter und zerfällt unter Krämpfen in seine molekularen Bestandteile, die vom Wasser davon gespült werden. In einer Großaufnahme sieht man Fetzen des ursprünglichen DNA-Stranges durchs Wasser trudeln.

So kam also Leben auf unseren und wohl auch andere Planeten? Dank eines rituellen Opfer und durch den Tod des Schöpfers? Ein paar genetische Fragmente, von denen man sicher nicht wissen kann, was so alles aus ihnen hervorgeht? Genesis als Experiment ... Eine Schöpferrasse, die auf das Prinzip Zufall setzt? Das kann in die Hose gehen, da muss man schon mal nachbessern dürfen.

Sonntag, 12. August 2012

Bluray-Review: Dame, König, As, Spion


Großbritannien 2011 - Originaltitel: Tinker, Tailor, Soldier, Spy - Regie: Tomas Alfredson - Darsteller: Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, Mark Strong, John Hurt, Toby Jones - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 127 min.

"Man muss den Film zweifellos mehrmals sehen, um diese komplexe Konstruktion und den artistischen Witz, der darin steckt, zu erfassen." Das schrieb der Tagesspiegel. Allerdings nicht über Tomas Alfredsons „Tinker Tailor Soldier Spy“, sondern vor ungefähr drei Jahrzehnten über Chris Markers Filmessay „Sans Soleil“.
Ähnlich dürfte es den meisten Kinogängern nach „Tinker Tailor Soldier Spy“ ergangen sein. Mainstream-Fans mussten sich mit der Erfahrung auseinandersetzen, dass der mehrfach OSCAR-nominierte und von der Kritik gefeierte Agententhriller auf den ersten Blick schwere Kinokost ist, auf den zweiten Blick aber immer mehr von der cleveren Konstruktion offenlegt, mit der Alfredson die erneute Verfilmung des berühmten Klassikers von John le Carré ins Bild gesetzt hat. Für den zweiten Blick gibt’s jetzt die „Limited Edition“ auf Bluray.

Die betrogenen Betrüger
Natürlich geht es in einem Agentenfilm um Geheimnisse, Spionage und Gegenspionage, um das Spiel mit doppeltem Boden, das Betrügen des Feindes, aber auch das Intrigieren in den eigenen Reihen. In „Tinker Tailor Soldier Spy“ steht Control (John Hurt), der Leiter des britischen MI6, gleich zu Anfang vor seinem ganz persönlichen Scherbenhaufen: sein Verdacht, dass in den eigenen Reihen ein Maulwurf Geheimnisse an die Russen verscherbelt, wird allerdings von den elitären Mitarbeitern seiner Führungscrew im "Circus“, der Londoner Zentrale des MI6, nicht geteilt. Nach einem fehlgeschlagenen Einsatz in Budapest, bei dem ein Agent vermeintlich ums Leben kommt, wird Control in die Rente geschickt – und mit ihm auch Smiley (Gary Oldman), seine langjährige rechte Hand. Aber keine Intrige ohne Gegenintrige: der für das MI6 zuständige Staatsekretär beauftragt heimlich den ausgemusterten Smiley mit der Suche nach dem Maulwurf.
John le Carré hat nach dem Zweiten Weltkrieg als aktiver Mitarbeiter ausgiebig Erfahrungen im britischen Geheimdienst gesammelt. Seine Skepsis angesichts der Praktiken während des Kalten Krieges löste seinen anfänglichen Enthusiasmus bald ab. Historiker mögen das anders sehen, aber letztendlich ist die Geschichte des britischen MI6 eine durchaus wechselhafte: Man verdankte herbe Rückschläge einem berüchtigten Maulwurf (Kim Philby), konnte ab den 1960er Jahren aber selbst eine Reihe sowjetischer Hochkaräter umdrehen. In den Ups und Downs führen aufgedeckte Geheimnisse allerdings nur zur Konstruktion neuer Rätsel: „Aber wenn man die letzte Tür und den letzten Safe öffnet, findet man nur Leere“, resümierte John le Carré.

Die Erzählung ist nicht leicht zu verdauen
Diese düstere Grundstimmung prägt auch „Tinker Tailor Soldier Spy“. Ausgerechnet ein schwedischer Regisseur wirft hier einen fiktiven Blick auf ein ur-englisches Thema und ein Zugpferd des Genrekinos. Tomas Alfredson („So finster die Nacht“) macht seine Sache gut. Alfredson erzählt Smileys Jagd nach dem Feind in den eigenen Reihen in einer sehr elliptischen Formsprache, die allerdings gewöhnungsbedürftig ist und hohe Aufmerksamkeit verlangt. Kurze Szenen lösen sich abrupt ab, verstecken ihre Information eher als dass sie diese offenlegen. Übergänge enthüllen erst viel später ihren Sinn, längere Sequenzen sind eher die Ausnahme und wenn sie auftauchen, haben sie eine entscheidende Bedeutung. Zudem unterbrechen nicht immer leicht nachvollziehbare Zeitsprünge die Erzählung, die komplex verschachtelt ist. Besonders die ambivalenten Flashbacks sorgen immer wieder für Irritation. Waren dies nun Fakten, die man gesehen hat, oder ist alles nur die Erinnerung eines der Beteiligten oder etwa eine neue Täuschung? Getäuscht werden also nicht nur die Figuren, auch der Zuschauer befindet sich ständig auf dünnem Eis. Enträtseln lässt sich alles nur durch die exakte Rekonstruktion des bereits Geschehenen und weniger durch neue Ereignisse und neue Fakten. Leider büßen einige Figuren dabei die erforderliche Differenzierung ein, die notwendig gewesen wäre, um den Zuschauer auch emotional im kühlen Kosmos des Circus zu faszinieren.

Mit wilden Actionszenen darf der Zuschauer nicht rechnen. „Tinker Tailor Soldier Spy“ ist kein James Bond-Film und auch keine Fortsetzung des Jason Bourne-Universums. Fast altmodisch findet das Puzzlespiel in Büros und dunklen Wohnungen statt, Dialoge treten an die Stelle physischer Aktionen. Aber gerade dieses Durchkreuzen der Erwartungen trägt dazu bei, dass sich schleichend Spannung entwickelt. Sie besitzt (leider) nur selten psychologische Natur, denn Alfredson zeigt seine Figuren weitgehend aus der Distanz, fast schon als Marionetten der geheimen Regeln, an deren Fäden alle im „Circus“ hängen. Ein Blick hinter die kalten Außenansichten der Figuren kann daher nur bedingt stattfinden und es ist ausgerechnet einer der jüngeren Agenten (Tom Hardy als Ricki Tarr), der noch in der Lage ist, seine Gefühle zu zeigen.

In diesem Eishaus spielt Gary Oldman die Rolle seines Lebens: sein Smiley ist ein Mann, der nur einmal die Miene verzieht, nämlich als er herausfindet, mit wem seine Frau ihn betrügt. Trotz seines maskenhaften Misstrauens und seiner höflich-unterkühlten Distanz zu den Regungen seiner Gesprächspartner sind es die dezenten mimischen Akzente, mit denen Oldman knapp das Wechselspiel von innerer Leere und ausgehärtetem Durchsetzungswillen eines alternden Spions skizziert. Wenn Smiley lapidar über seine erste Begegnung mit Karla, seinem großen sowjetischen Gegenspieler berichtet, erreicht Oldman eine Intensität, die man selten im Kino sieht. Allein diese Szene hätte einen OSCAR verdient. Am Ende wird Smiley in den Circus zurückkehren und in einem leeren Raum seine Aktentasche auf den Platz des toten Control legen. Und erneut wird man in seinem Gesicht nichts lesen können.

Großartige Mitspieler in dem düsteren Agententhriller sind nicht nur John Hurt, sondern auch Toby Jones als „Tinker/As“, Colin Firth als „Tailor/König“, Ciarán Hinds als „Soldier/Dame“ und David Dencik als „Poorman/Bube“ – Decknamen, die sowohl mit Kartenspielen als auch mit Schach zu tun haben. In überzeugenden Nebenrollen sind Benedict Cumberbatch und Batman-Gegenspieler Tim Hardy zu sehen.
Auch dank eines exzellenten Scores kann der Thriller punkten. Komponiert hat die Filmmusik Alberto Iglesias (2006 Europäischer Filmpreis für „Volver“, 2007 Golden Globe Award für „Drachenläufer“), der Hauskomponist von Pedro Almodóvar.

Bild und Ton und Extras
Freunde von referenzverdächtigen High Def-Filmen werden enttäuscht sein. Alfredson hat sich bei seiner Inszenierung auf natürliche Lichtquellen verlassen, die dem Bild einen überwiegend naturalistischen Charakter verleihen, aber gelegentlich milchig aussehen. Stimmig ist das schon, auch das unübersehbare Filmkorn und die grau-braunen Farben passen zur Atmosphäre des Films.
Allerdings gibt es technische Probleme mit einer zu prägnanten Helligkeit und dem geringen Kontrast und in dunklen Szenen bricht der Schwarzwert ein. An der Schärfe gibt es wenig zu bemängeln, allerdings stellt sich ein plastisches HD-Feeling nur dann ein, wenn es nach draußen und damit ins Tageslicht geht. Wer nicht aus Gewohnheit zur Bluray greift, kann hier mit gutem Gewissen die DVD kaufen.

Die DTS HD 5.1.-Tonspur kann sich hören lassen: der Mix ist sehr präsent, besonders die Dialoge sind auch in feineren Nuancen klar zu hören.
Noten: Bild = 3, Ton = 2.

Fazit: die Literaturverfilmung von Tomas Alfredson bietet eine neue Lesart der Vorlage an, die überwiegend von der Atmosphäre der Settings und dem exzellenten Hauptdarsteller lebt. Obwohl „Tinker Tailor Soldier Spy“ im Kern eine klassische Who dunit-Geschichte ist, sollte man diesen Film besser zweimal sehen. Freunde einer komplexen Narration werden deshalb auf ihre Kosten kommen.

Gesamtnoten: BigDoc = 2, Melonie = 3.

Samstag, 4. August 2012

"Vertigo" ist neuer bester Film aller Zeiten


Das Filmmagazin „Sight & Sound“ hat den neuen besten Film aller Zeiten gekürt. Grund genug, eine alte Kritik aus der Schublade zu holen.

Vertigo - Aus dem Reich der Toten
Regie: Alfred Hitchcock - Buch: Alec Coppel, Samuel Taylor - Kamera: Robert Burks (Farbe) - Musik: Bernard Herrmann - Darsteller: James Stewart (John "Scottie" Ferguson), Kim Nowak (Madeleine Elster / Judy Burton), Barbara Bel Geddes (Midge), Tom Helmore (Gavin Elster), Henry Jones (Leichenbeschauer), Raymond Bailey (Arzt) - Produktion: USA (Paramount Pictures Corp., New York) 1958 - Länge: 128 Min. - Verleih: UIP (35 mm, synchronisiert und OrnU/16 rnrn, synchronisiert) - FSK: ab 12 Jahren.

Vertigo" besitzt mittlerweile einen mythischen Ruf bei Kritikern und Cineasten. Dass der Film aus verleihtechnischen Gründen lange Zeit nicht in den Kinos zu sehen war, hat diesen Ruf eher noch gesteigert. Der langentbehrte Film ist endlich in einer kleinen Hitchcock-Retrospektive zu sehen, die insgesamt fünf seiner Arbeiten vorstellt: „Rope“ (1948 - Cocktail für eine Leiche), „Rear Window“ (1954 – Das Fenster zum Hof), „The Trouble with Harry“ (1955 - Immer Ärger mit Harry) „The Man Who Knew Too Much“ (1956 - Der Mann, der zuviel wußte), und eben „Vertigo“.
„Vertigo“ ist ein formal perfekt durchkonstruiertes Stück Kino, das dank seiner visuellen und thematischen Komplexität eine frappierende Wirkung auf den Zuschauer ausübt. ,Cinema pur', kein Realismus, keine beruhigende, alles erklärende ,Message'. Dafür aber eine Lektion in Sachen Phantasie und Imagination, wie man sie nur ganz selten im Kino zu sehen bekommt. Die eigentliche Faszination, die „Vertigo“ auslöst, besteht darin, dass der Film nicht in der Summe seiner Interpretationen aufgeht. Außer bei Hitchcock habe ich diese Eigenschaft nur noch bei John Ford entdecken können.

Zur Geschichte und zu ihrer Inszenierung
Bei einer nächtlichen Verfolgungsjagd über den Dächern von San Francisco stürzt ein Polizeibeamter zu Tode. Für seinen Kollegen wird dies zum Trauma: John "Scottie" Ferguson (James Stewart) leidet von nun an unter Akrophobie, also Höhenangst. Kurz nachdem er aus dem Polizeidienst ausgeschieden ist, bittet ihn ein alter Freund um die Beschattung seiner Frau. Madeleine Elster (Kim Novak) scheint merkwürdig von einer Toten angezogen zu werden. Sie besucht das Grab einer gewissen Charlotta Valdez, dereinst Edelmätresse und tragische Selbstmörderin, sitzt stundenlang im Museum vor einem Gemälde der Toten und scheint mehr und mehr einer tiefen Melancholie zu verfallen. Ferguson, der sie beschatten soll, fühlt sich bald von ihr magisch angezogen. Als er sie zum ersten Mal heimlich beobachtet, wendet er fast schüchtern den Blick ab. Eins wird bald klar: Was Scottie und Madeleine verbindet, ist abgrundtiefe Angst vor dem Leben.
Die Angst vor dem Leben scheint von einer allgemeinen Tristesse begleitet zu werden, die fast alle Figuren in „Vertigo“ umgibt. Selbst der Bösewicht Gavin Elster (Tom Helmore), der wie fast alle Mörder in Hitchcocks Filmen einen merkwürdigen Charme besitzt, ist eher melancholischer Natur. Gleich zu Anfang versichern sich Elster und Ferguson, dass San Francisco auch nicht mehr das sei, was es einmal war. Man fühlt sich fremd. So überrascht es nicht, dass die Handlungen in „Vertigo“ weniger von der äußeren als vielmehr von der inneren Realität der Figuren motiviert werden. Alles, was ihnen Lust bereiten könnte, ist schon von einer traurigen Ausweglosigkeit angekränkelt. So ist die letzte Einstellung des Films nicht zufällig eine langsame Kamerafahrt, die sich von James Stewart, dem fatalen Helden der Geschichte, entfernt. Wie so oft hat sich Hitchcock seinen intimen Figuren intim genähert, um die im Moment des Desasters wieder zu verlassen.

Das beherrschende inhaltliche Motiv in „Vertigo“ besteht in der Verwandlung realer in emotionale Katastrophen. Ferguson, der Madeleine zunächst heimlich beschattet, muss seine Beobachterrolle bald aufgeben, denn sein Schützling springt in die Golden Gate Bridge Bay. Die Rettung aus dem Wasser ist der endgültige Beginn einer Leidenschaft, die beide immer wieder an Orte der Vergangenheit führen wird. Ferguson, der Madeleine von ihrer Angst heilen will, kann schließlich nicht verhindern, dass sie sich vom Glockenturm eines alten spanischen Klosters stürzt. Seine Höhenangst hat ihn im entscheidenden Moment handlungsunfähig gemacht.
Nach der Entlassung aus einem Sanatorium, in dem sein tiefer emotionaler Schock oberflächlich kuriert wurde, sucht er wie besessen jene Orte auf, an denen er der toten Geliebten begegnet ist. Tatsächlich läuft ihm eines Tages ein Mädchen über den Weg, dessen Ähnlichkeit mit Madeleine überwältigend ist. Dieses Mädchen, sie heißt Judy Barton, und Madeleine sind allerdings ein und dieselbe Person, was der Zuschauer in einer erklärenden Rückblende erfährt: Judy hat Madeleine Elster lediglich gespielt, um einen Mord als Selbstmord zu kaschieren. Vom Turm stürzte die echte Madeleine, von ihrem Mann ermordet, während Ferguson die unfreiwillige Rolle eines Selbstmordzeugen zu übernehmen hatte.
Hitchcocks „Suspense“-Technik, die dem Zuschauer immer einen minimalen Informationsvorsprung vor den handelnden Figuren gewährt, lüftet an dieser Stelle den kriminalistischen Teil des Geheimnisses vollständig; ein Kunstgriff, der gestattet, die Figuren in psychologische Versuchskaninchen zu verwandeln. Ferguson zumindest wird für den Zuschauer zu einem Studienobjekt, das bei seinen bizarren Versuchen, die tote Geliebte ins Leben zurückzurufen, mehr oder weniger genüsslich beobachtet werden kann. „Scottie“ Ferguson setzt mit sanfter Gewalt einen seltsamen ,Wiederbelebungsversuch' durch: er staffiert Judy als Madeleine aus, bis die vermeintlich Tote als Reinkarnation wieder vor ihm steht. Judy indes gibt sich völlig auf und harrt bei Ferguson aus. Immerhin hat sie ihn als Madeleine geliebt und liebt ihn als Judy - doch dererlei kaputte Beziehungsakrobatik kann am Ende nicht gut ausgehen.
So kommt, was kommen muss: Judy / Madeleine verrät sich. Ferguson, der doppelt Betrogene, zwingt sie, an den Ort des Verbrechens zurückzukehren, angeblich, weil er sich von einer minuziösen Re-Inszenierung seines traumatischen Versagens, einen erneuten Schock und damit Heilung von der Höhenangst verspricht. Er zerrt Judy / Madeleine die Stiegen des Turms empor und hält der Angst stand. Das Mädchen indes stürzt, von einer plötzlich auftauchenden Nonne erschreckt, in die Tiefe.

Wirkung und Interpretationsversuche
Die Bewegungen im ersten Teil des Films, die Autofahrten durch das hügelige San Francisco, die düstere Atmosphäre des McKittrick-Hotels und die Begegnung im Sequoia-Wald, die korrespondierende Farbdramaturgie, die Ferguson und Madeleine miteinander verbindet, all dies erzeugt den Eindruck einer zunehmenden Realitätsferne. Nicht nur die Figuren verlieren sich in einer Traumwelt, auch der Zuschauer wird von Hitchcock mit suggestiven Bildfolgen in eine imaginäre Welt hineingezogen, in der alles eine Bedeutung zu haben scheint, ohne dass man imstande ist, die Symbolik restlos aufzuschlüsseln.
Für die Psychoanalyse wäre die Figur Fergusons sicher der Modellfall einer narzisstischen Störung. Geradezu frappierend erscheint hier das fiktive Porträt einer Ich-Krise, in der der Bedrohte seine Ängste durch Projektion zu kompensieren sucht. Nämlich durch eine erotische Beziehung, die einmalig ist, in der das Objekt der Wünsche einem idealisierten Bild entspricht. Judy ist, wenn Ferguson seine Verwandlungsarbeit abgeschlossen hat, nahezu vollkommen und ideal - als Individuum ist und fühlt sie sich stattdessen wertlos.
Wenn, nach Freud, der narzisstisch Gestörte nur einen grandiosen Partner an seiner Seite duldet, so ist Fergusons obsessive Liebe zu Madeleine in jeder Hinsicht exemplarisch.
Mit dieser Interpretation deckt man allerdings die cineastische Wirkung von „Vertigo“ nur unvollständig auf. Untersucht man Hitchcocks Filme unter thematischen Gesichtspunkten, so fällt auf, dass Ende der 50er Jahre die Studien diverser Persönlichkeitsdefekte drastisch zunehmen. Psychotische und traumatische Störungen hatten in Hitchcocks Filmen immer schon eine große Rolle gespielt. In „Vertigo“, „Psycho“ (1960) und „Marnie“ (1964) erreicht dieses Interesse seinen Höhepunkt. Hitchcocks Figuren entwickeln zunehmend bedrohliche Züge: schlimmstenfalls sind sie paranoid, meist jedoch werden sie von neurotischen Ängsten gequält, entwickeln seltsame Neigungen oder werden in eine Welt versetzt, in der ihre scheinbar ungetrübte bürgerliche Normalität von obskuren Gefahren bedroht wird („North by Northwest“, 1959, „The Birds“, 1963). Wenn in "Marnie" Sean Connery den Widerstand einer frigiden Kleptomanin zu brechen versucht, so hat dies eine merkwürdige Entsprechung in James Stewarts Wunsch, mit dem Ebenbild einer Toten zu schlafen. 

Hitchcocks Kunst bestand nicht zuletzt darin, dem Publikum männliche Helden zu offerieren, die trotz leichter Tendenz zur Neurose nie unsympathisch wirkten.
Zudem werden diese Männer bei Hitchcock in der Regel von Müttern oder mütterlichen Frauen gefährdet. Dies geschieht manchmal augenzwinkernd und komisch („To Catch a Thief“, 1955), in den meisten Fällen aber sehr handfest. Auch „Vertigo“ ist da keine Ausnahme. Midge‘ Interesse an Ferguson ist eine zwiespältige Mischung aus erotischer Neigung und mütterlichem Instinkt. Wenn sie nach Madeleines ‚Selbstmord‘ den unter Schock stehenden Ferguson mit den Worten „Du brauchst keine Angst zu haben, Jonny, Mutter ist hier!“ in die Arme nimmt, werden unterschwellig Bedrohungen spürbar.

In „Vertigo“ werden die unbewussten Gefühle des Zuschauers überdies noch durch eine Reihe kultureller Schlüsselbilder gekitzelt. Diese Schlüsselbilder, die auch den Erfolg des Films bei europäischen Filmemachern (z. B. Truffaut und Godard) zum Teil erklären, sind beinahe universell verständlich. So wird „Vertigo“ zum Spiegel der Assoziationen. Der literarische Topos der wiedererweckten Geliebten, unter anderem auch ein Kind der deutschen Romantik, führt zur symbolischen Verschlüsselung von Liebe und Tod, Leben und Traum. Dies reicht von Ovids „Pygmalion“ bis hin zu „Tristan und Isolde“ (tatsächlich greift die Filmmusik Bernhard Herrmanns auf Wagner zurück). Die Bedeutungen schwimmen allerdings in „Vertigo“ nicht herum, wie Karpfen im Teich. Der Zuschauer muss sich erst auf das Spiel mit seinen Gefühlen und Gedanken einlassen, um herauszufinden, dass Hitchcocks „Vertigo“ im Grunde (nur?) ein grandioser Bild- und Gefühlsgenerator ist, der die widersprüchlichsten Gedanken im Kopf des Betrachters hervorruft.
April 1984

British Film Institute meldet neuen besten Film aller Zeiten!


Seit 1952 veröffentlicht das British Film Institute (BFI) alle zehn Jahre in der Hauszeitschrift „Sight & Sound“ ein Ranking, das besonderen Kriterien folgt. Nicht die Einspielergebnisse entscheiden, sondern der künstlerische und filmhistorische Wert des jeweiligen Films.
Über die Zusammenstellung der Top 50 Greatest Films of All Time entschieden 846 Kritiker, Wissenschaftler und Mitarbeiter der Filmwirtschaft (u.a. in der Spalte BFI All Time), während die 2012 Sight & Sound Directors’ Top Ten insgesamt Mitglieder dieser illustren Personengruppe befragte: 358 Regisseure, u.a. Woody Allen, Nuri Bilge Ceylan, Quentin Tarantino, the Dardenne Brothers, Terence Davies, Guillermo del Toro, Martin Scorsese, Olivier Assayas, Michael Mann, Guy Maddin, Francis Ford Coppola, Mike Leigh, Aki Kaurismäki, legten Zeugnis ab. Sight & Sound existiert übrigens seit 1932 und die exklusiven Qualitätsmaßstäbe brachten der Gazette häufig den Vorwurf ein, ziemlich elitär zu sein.

Alfred Hitchcock ist der Größte
Am 4. August schlugen die Briten dann so heftig zu, dass sogar der deutsche Blätterwald rauschte: Orson Welles’ „Citizen Kane“, der seit 1962 unangefochten Platz 1 belegt hatte, wurde gestürzt. Der Fall war aber nicht tief: der Klassiker belegt nun immerhin noch Platz 2.
Der eigentliche Coup war allerdings die neue Nr. 1: Alfred Hitchcocks „Vertigo“.
Wer in dem Blog einen Blick auf die The Incredible Top Sixty plus wirft, sieht dort – Überraschung! – eben diesen Hitchcock-Klassiker, der seit nunmehr 28 Jahren meine Nr. 1 ist. 1984 habe ich ihn nämlich zum ersten Mal gesehen – und schon damals war ich steinalt. Zur Feier des Tages gibt’s meine 1984er-Kritik im nächsten Blog-Beitrag.

Aber die neue Sight & Sounds-Liste möchte ich zuvor noch auf Herz und Nieren checken. Und zwar habe ich die aktuelle IMDb-Liste All-Time Worldwide Box office mit den beiden britischen Listen abgeglichen. Und natürlich mit meinen eigenen Incredible Top Sixty. Das Ergebnis überrascht nicht wirklich: in meiner Filmclub-Liste taucht kein einziger Box Office Hit auf, bei den Briten sowieso nicht. Im Vergleich Filmclub vs. BFI gibt’s aber wenigstens vier Gemeinsamkeiten.













Rankings sind in erster Linie natürlich eine tolle Spielerei, aber sie helfen einigen Filmfreunden durchaus, sich und ihren Geschmack zu verorten. Wesentlich interessanter ist aber die Frage, warum Hunderte Millionen Filmfreunde auf der ganzen Welt mit Hingabe andere Filme sehen und lieben als die Filmkritiker.
Das hat einen einfachen Grund: Filmkritiker sind bereits in jungen Jahren vertrocknete Knacker, sie haben keinen Humor und können deshalb auch keinen Spaß haben, sie sind elitär und damit überheblich, sie wollen pausenlos anderen die Welt und noch lieber das Kino erklären, können aber daheim keinen Nagel unfallfrei in die Wand schlagen, was allerdings auch nicht ihre ästhetische Urteilsfähigkeit beeinträchtigt.
Zudem sind sie rachsüchtige Gesellen, denn mit Filmkritiken kann man sich heutzutage nicht einmal die Zigaretten verdienen, die man beim Schreiben ununterbrochen verpafft.

Wer die letzten Zeilen abgenickt hat, hat schon ziemlich viel von meinem Text gelesen (Glückwunsch!), aber nun sollte er Schluss machen. Was jetzt folgt, ist die Wahrheit, und wer kann das schon von sich behaupten, dass er sie weiß? Natürlich – der Filmkritiker.

Mal im Ernst: ich habe von den Box Office Hits insgesamt sechs gesehen, die meisten davon sind ganz großes Kino und ich freue mich, dass es sie gibt. Nur für die Transformers, die Spielzeug-Geschichten und (nichts gegen Johnny Depp) auch für die Piraten konnte und wollte ich mich nicht erwärmen (mir reichte ein Trailer).

Die Filme der beiden britischen Rankings kenne ich ausnahmslos, nur „Tokyo Story“ ist arg lang her. Viele der dort angeführten Filme sind auch in meiner Top-Liste, nur eben weiter hinten. Mit anderen Worten: diese Listen sind nicht aus der Luft gegriffen.

Allerdings finde ich, dass ff. Filme überbewertet sind: Murnaus „Sunrise“, Dziga Vertovs „Der Mann mit der Kamera“ (insbesondere, wenn man mal Vertovs Theorien gelesen hat). Carl Dreyers „Passion der Jungfrau von Orleans“ ist gerade kürzlich in der Arthaus Collection von Kinowelt erschienen, und wer sich für Filmgeschichte interessiert und auch einige Kenntnisse hat, sollte sich diesen Stummfilm-Klassiker anschauen.
Das Normalpublikum dürfte über die aus Nahaufnahmen bestehende Montage eher wenig begeistert sein – und bei aller Liebe: der Film gehört nun wirklich in keine Top Ten. Andrei Tarkovskys „Spiegel“ ist eines der hermetischen Meisterwerke des russischen Romantikers – aber ohne ein mehrtägiges Blockseminar in der nächsten VHS gibt es für Kino-Normalos keine Chance. Da empfehle ich eher den in meinen Top Ten aufgeführten „Stalker“. Und ebenfalls auf meiner Streichliste würden die „Fahrraddiebe“ landen, jenes kleine Prachtstück des italienischen Neo-Realismus von Vittorio de Sica aus dem Jahre 1949. Ich garantiere jedem, dass er bei diesem Film garantiert nicht vor Aufregung stirbt.

Und wie kommt es neben den üblichen subjektiven Geschmacksurteilen zu solchen Divergenzen unter Kritiker.
Zum einen spiegeln Rankings häufig strategische Interessen wider. Viele Filmemacher würdigen Regisseure, die in ihrer Zeit das Kino, die Filmsprache und –grammatik weiterentwickelt haben. Thematisch gibt es mittlerweile interessantere Filme als „Citizen Kane“, aber da Orson Welles die Filmsyntax der zweiten Generation quasi im Alleingang erfunden hat, verdient dieser Film bis ans Ende aller Tage einen bevorzugten Platz.

Ist Kino Kunst oder Unterhaltung - oder beides?
Zum anderen gibt es keinen umfassenden Konsens in der obligatorischen „Ist Kino denn nun Kunst?“-Debatte. Die meisten europäischen Filmkritiker kommen aus dem akademischen Milieu und entscheiden sich eher für die Kunst-Hypothese, aber gelegentlich schaffen es auch Nerds und Buffs, irgendwo gedruckt zu werden. Oder sie bloggen. Das bringt frischen Wind in die intellektuelle Filmkritik.
Das ist gut so, weil die akademisch gut ausgebildeten Kritiker gewisse Traditionen nicht abschütteln können (warum auch?): die System- und Ideologiekritik, die Einflüsse der Semiotik, Strukturalismus und post-moderne Ansätze funken immer wieder dazwischen. Das verkopft ungemein, schadet aber auch nicht, da die Betroffenen sowieso unter sich bleiben. Aber das ist auch ein typisch deutsches Problem, die angelsächsische Filmkritik sieht oft ganz anders aus.
Ich selbst sitze irgendwie zwischen allen Stühlen. Einerseits kann ich schwer leugnen, dass für das Kino industrielle Massenprodukte hergestellt werden (dass Filme eine Ware sind, ist kein Argument, sondern eine Banalität), andererseits sind diese Massenprodukte mitunter so gut, dass ich unseren Filmhochschulabsolventen die Professionalität eines TV-Schlachtrosses, das pro Tag eine komplette Folge einer Sitcom raus haut, wünschen würde. Das hat bei mir dazu geführt, dass ich insgesamt das US-Kino favorisiere und dann taucht eben kein Fellini bei mir auf. Sorry.

Das eigentliche Problem ist ein Phänomen, das sich mit einer ‚Zwei-Welten’-Theorie am besten beschreiben lässt. Normale Kinogänger wollen gut unterhalten werden, und das funktioniert meistens besser über das Herz als über den Verstand. Mit der emotionalen Seite eines Kinoerlebnisses können Kritiker, die aus einer anderen Welt kommen, leider selten etwas anfangen. Man kann Hitchcocks „Vertigo“ psychoanalytisch sezieren oder stilistisch analysieren – den Mehrwert des Schauens kriegt man nicht so einfach zu fassen. Das gelingt dem an Filmtheorie nicht interessierten Kinogänger häufig ohne Mühe.
Ins Boot bekommt man beide Seiten nicht so einfach. Und ich gebe zu: eine gewisse Filmbildung ist da kein Hindernis, aber auch die Kritiker sollten ein Gefühl dafür bekommen, dass „Avatar“ die Menschen zu Recht mehr fesselt als „Ladri di biciclette“.
Das hat Gründe. Finden wir sie heraus. Wenn das gelingt, dann starren die Einen nicht mehr kopfschüttelnd auf die Top Liste des British Film Institute und die Anderen verfallen bei den Box Office Hits nicht in Schockstarre.
Viel Spaß!

Freitag, 27. Juli 2012

The Dark Knight Rises

Mit „The Dark Knight Rises beendet Christopher Nolan seine grandiose „Batman“-Trilogie. Herausgekommen ist ein wuchtiges Stück Kino mit einem großen epischen Atem, das aber deutlich hinter Nolans Meisterwerk „The Dark Knight“ zurückbleibt. Und das liegt auch an einigen ideologischen Ungereimtheiten, die den dunklen Ritter diesmal in die Nähe einer post-faschistischen Ideenwelt rücken.

Der Titel von Christopher Nolans Schlussstrich unter die Batman-Trilogie erspart uns anders als die Comic-Vorlage „Knightfall“ den unangenehmen Teil: Nolans Held ‚erhebt’ sich. Dass davor aber der Absturz steht und dass ein erneuter möglicherweise bevorsteht, verschweigt uns der Filmtitel. 


Samstag, 21. Juli 2012

Halbjahres-Rückblick 2012


Das Ranking nach dem ersten Halbjahr ist natürlich deswegen spannend, weil in der zweiten Jahreshälfte noch einige Highlights auf den Kinofreund warten - sowohl im Kino als auch auf DVD / Bluray. Und am Ende des Jahres wird man dann sehen, welcher Hit der ersten Jahreshälfte auch in der Woche nach Weihnachten noch in den Top Twenty zu finden ist.

Hier also unsere Top Ten der Monate Januar – Juli (den halben Juli haben wir großzügig dazu genommen...).


Durchschlagenden Erfolg auf den letzten Metern hatte im Filmclub vor 14 Tagen das OSCAR-ausgezeichnete tragikomische Drama „The Help“ von Tate Taylor, das alle nachfolgenden Filme alt aussehen ließ. Die Note 1,5 dürfte schwer zu knacken sein.
Historische Filme über den Rassismus in den USA sind erfahrungsgemäß irgendwo zwischen  Zivilcourage à la Guter weißer Mann hilft unschuldigem schwarzen Mann (
WER DIE NACHTIGALL STÖRT (TO KILL A MOCKINGBIRD, Regie: Robert Mulligan, USA 1962) und hartem Realismus (MISSISSIPPI BURNING, Regie: Alan Parker, USA 1988) angesiedelt. Wenn man die Sicht der Schwarzen sehen wollte, hat man früher als Cinephiler die Filme von Spike Lee geschaut.
 
Tate Taylor, der in „The Help“ Regie führte, ist wiederum Weißer, aber wenigstens stammt er aus der Gegend, in der sein Film Anfang der 1960er spielt. Die Geschichte, die Taylor erzählt, basiert auf dem gleichnamigen Roman von Kathryn Stockett: zwei afroamerikanische Hausmädchen werden von einer jungen Journalistin dazu überredet, die komplexen Beziehungen zu ihren weißen Arbeitgeberinnen zu schildern. Als Eugenia „Skeeter“ Phelan (Emma Stone) dank ihrer schwarzen Freundinnen Abileen (Viola Davis) und Minny (Octavia Spencer, Golden Globe Award und OSCAR, jeweils als beste Nebendarstellerin) noch weitere Dienstmädchen interviewen kann, ist ein Buchprojekt reif und findet auch eine linksliberale Verlegerin. Natürlich ist das Buch, auch wegen einiger mehr als pikanter Details, ein Skandal.
Stilistisch ist Taylors Film mit seinen bunten Farben und der präzisen Darstellung des Lokalkolorits ein knalliges Portrait der 1960er Jahre. Der Südstaaten-Look mit seinen Heckflügel-Limousinen, den gewagten Frisuren der weißen Ladys und der allgegenwärtigen ‚netten’ Apartheid-Stimmung ist irgendwo zwischen „Grüne Tomaten“ und „Mad Men“ angesiedelt.
Den subtilen Zynismus und die ausgefeilt zeitkritische Reflexionskraft der TV-Serie erreicht „The Help“ aber nicht. Dazu ist der Film zu brav angelegt. Die weißen Frauen sind zu dämlich und zu dezent rassistisch, wenn sie während ihrer Kaffeekränzchen die nächste Hilfsaktion für arme hungernde Kinder in Afrika planen und ganz nebenbei von den armen schwarzen Hausmädchen Kaffee und Kekse serviert bekommen.
Hier wird keinem so richtig weh getan, auch nicht dem Zuschauer.

Aber „The Help“ hat einen unwiderstehlichen Humor, der sich zwar auch der ruhigen, fast melancholischen Off-Erzählerin Abileen verdankt, aber die alles überragende Octavia Spencer, die mit scharfzüngiger Intelligenz die Köchin Minny spielt, beherrscht den Film und hat sich mit dieser sehenswerten Performance wirklich einen OSCAR verdient.
„The Help“ ist ein gelungenes Rassismus-Drama zwischen Feel-Good-Movie und Melancholie. Die Bürgerrechtsbewegung dieser Jahre bleibt dezent im Hintergrund, nur einmal versammeln sich alle schwarzen Hausbediensteten vor dem Röhrenfernseher, als Martin Luther King spricht. Es ist vorsichtiges Herantasten an das, was sein könnte.
Gewalt gegen Schwarze streift der Film beiläufig, aber auch sie ist existent. Und zu den stillen Vorzügen des Films gehört auch die sozio-kuturelle Funktion der schwarzen Nannys, die ihre weißen Kinder mit viel Liebe aufziehen, wohl wissend, dass sie als Erwachsene möglicherweise ihre nächsten Peiniger werden können. So gewinnt „The Help“ am Ende doch ein erzählerisches Format, das aufgrund seiner undramatischen Menschlichkeit sehr viel Glaubwürdigkeit besitzt.

Die Nr. 2 wurde „War Horse“ (Gefährten) von Steven Spielberg. Der Film wurde in Blog rezensiert: http://bigdocsfilmclub.blogspot.de/2012/03/war-horse-gefahrten.html.
Dies gilt auch für die Nr. 3, nämlich „Hotel Lux“: http://bigdocsfilmclub.blogspot.de/2012/05/deutsche-komodien-hotel-lux.html. Und das waren schon die Filme mit einer Eins Komma am Anfang.

Nr. 4: „Contagion“ von Steven Soderbergh.
„Ich werde nie so viel über Filme wissen wie Martin Scorsese. Ich bin (...) frustriert, wenn ich Filme von Leuten sehe, die überhaupt nichts wissen und gesehen haben. Sie glauben, sie haben etwas ganz Neues erfunden, dabei ist es nur die schlechtere Variante von etwas, das es schon gibt.“

Wer glaubt, dass Pandemie-Thriller mit „Outbreak“ durchdekliniert worden sind, muss Soderberghs Version sehen. Der Film ist nüchtern und realistisch, außergewöhnlich gut recherchiert und informativ und sentimentale Klischees sind ihm fremd – damit sind aber auch alle Kriterien erfüllt, um ein Megaflop zu werden. Jedenfalls war dies in den USA der Fall. Dass der Film (meiner Meinung nach) sauspannend ist, hat ihm auch nicht geholfen.

Soderbergh fährt ein Riesenaufgebot an Stars auf: Matt Damon, Kate Winslet, Gwyneth Paltrow, Laurence Fishburne, Jude Law und auch einige Neben-Nebenrollen sind exzellent besetzt. Auch das hat nicht geholfen.
 Was zum Teufel noch einmal ist da schief gelaufen?
Zum einen erzählt Soderbergh seine Geschichte unsentimental. Minuziös wird gezeigt, welche Sicherheitsprotokolle aktiviert werden und mit welchen Konsequenzen wir zu rechnen haben, nachdem ein Virus auftaucht, der das Potential für eine weltweite Katastrophe besitzt. SARS lässt grüßen.
Und: Pathos gibt es bei Soderbergh nicht. Ein Star überlebt die ersten Filmminuten nicht, aber der Film zeigt dies völlig unsentimental. Ein anderer ist ein ratloser Vater (selten hat man Matt Damon so hilf- und sprachlos gesehen), dem nichts einfällt, außer sich und seine Tochter im eignen Haus wegzuschließen, was nicht einmal das Schlechteste ist, aber nicht unbedingt den Publikumserwartungen entspricht.
Die Spannung des Films erwächst also nicht aus melodramatischen Strickmustern und den in Katastrophenfilmen üblichen ‚Ein Mann rettet die Welt’-Trivialitäten, sondern daraus, dass trotz aller Professionalität der Seuchenbekämpfer der Kampf gegen das Virus eigentlich aussichtslos ist und nur gewonnen wird, weil ein arroganter Wissenschaftler die Vorschriften ignoriert.
Und ganz am Ende sieht man, welche Verrenkungen die Natur vornehmen muss, um eine Mutation aus Schweine- und Fledermausviren zu produzieren. Allein diese Pointe rechtfertigt bereits den ganzen Film, den ich wärmsten empfehlen kann und der im Filmclub ein großer Erfolg war.

"Ich habe mal mit einem Freund darüber gestritten, wann die große Zeit des amerikanischen Films zu Ende ging. Er meinte, dass „Rocky“ der Wendepunkt war. Und das stimmt. Es gibt einfach kein Universum, in dem dieser Typ gegen den schwarzen Champion im Schwergewicht in den Ring steigt und nicht die Haut von den Knochen gezogen bekommt. Als die Studios merkten, dass sie den Zuschauern diesen Humbug verkaufen konnten, brachen alle Dämme" (Steven Soderbergh über die aktuelle Kinosituation).

Nr. 5: „Warrior“ (2011) ist einer der besten Kampfsportfilme, die ich gesehen habe. Genau genommen geht es um Mixed-Martial-Arts, und dies ist nicht nur eine Art zu kämpfen, sondern auch ein kultureller Kosmos mit eigenen Gesetzen – und Outfits!
Gavin O’Connors Film war alles andere als ein Kassenerfolg und in Deutschland kam er erst gar nicht in die Kinos, obwohl er Nick Nolte eine OSCAR-Nominierung als bester Nebendarsteller einbrachte. Mittlerweile hat sich der Film auf dem DVD- und Bluray-Markt einen stabilen Ruf als Kultfilm erarbeitet. Und den verdient er auch, denn die Geschichte zweier ungleicher Brüder und ihres kaputten Vaters (Nolte) wird so straight erzählt, dass auch die heftigsten Emotionen von den noch heftigeren Eruptionen der Fights mühelos in den Schatten gestellt werden. Der Film ist schnell und genau, erreicht aber auch das Gemüt und bietet dann einen Showdown, wie man ihn lange nicht gesehen hat.
Joel Edgerton als Brendan Conlan hat nach „Warrior“ keinen Film mehr gemacht, während Tom Hardy als sein Bruder Tommy den innerlich Zerrissenen als so charismatisches Kraftpaket spielte, dass er danach u.a. für „Dame, König, As, Spion“ und „The Dark Knight Rises“ gecastet wurde. Grund genug, sich vor der Deutschland-Premiere von Nolans neuem Film noch einmal (oder zum ersten Mal) „Warrior“ anzuschauen.

Von den Filmen ab Platz 6 möchte ich nur noch einen erwähnen: „Confessions“ (2010) von Tetsuya Nakashima. Der Film ist hierzulande offenbar so unbekannt, dass er der deutschsprachigen Wikipedia nicht einmal eine kurze Erwähnung wert gewesen ist – schade! Dass der Film fast eine Nominierung für den Academy Award for Best Foreign Language Film geschafft hätte – geschenkt!
Interessieren sollte jenen Filmfreund, der im Übrigen vielleicht nicht so gerne asiatische Filme sieht, allerdings der Umstand, dass ihm möglicherweise ein kleines Meisterwerk entgeht, wenn er nicht bereit ist, eine Ausnahme zu machen. Das Risiko ist gering.

Nakashima, dessen Ausführungen im Bonusmaterial der DVD sehr hörenswert sind, erzählt die Geschichte einer Lehrerin, die ihrer Klasse nach einer von ihr langatmig und sorgfältig vorbereiteten Exposition das Geständnis vorträgt, dass sie die Milch von zwei Mitschülern mit HIV-Viren vergiftet hat. Und dass diese Schüler ihre kleine Tochter umgebracht haben.
Was sich nach einem der üblichen Schuldrama-Filmen anhört, ist sowohl formal wie auch inhaltlich nichts anderes als ein Clash of Civilizations. Und dieser findet zwischen der emotional völlig abgeklärten Lehrerin und ihrer tobenden Klasse genauso statt wie zwischen dem Film und seinen Zuschauern, denn ungeachtet der Tatsache, ob denn nun einer Japaner oder ein Deutscher "Confessions" Film  – es findet ein fürchterlicher und universeller Kampf um Moral, Rache und Schuld statt. Erzählt wird dies aus wechselnden Perspektiven, die  zentrale Figuren werden immer greifbarer und doch gleichzeitig fremd bis zum blanken Entsetzen, während Nakashima den Mord und die nicht weniger grauenhaften Folgetaten aus immer neuen Blickwinkeln betrachtet, ohne so etwas wie moralische Konsistenz zu gewinnen. Zu fremd sind sich Schüler und Lehrer, Adoleszenz und Erwachsensein geworden: Clash of Civilizations.
Stilistisch ist Tetsuya Nakashimas Film ein Meisterwerk: die raffinierte Montage aus schnellen Cuts, Flashbacks und Flash Forwards, Zeitlupen und kühlen Farben wirkt völlig unangestrengt und vermittelt nie das Gefühl des Artifiziellen. Das ist schon allein sehenswert.
Was noch hängen bleibt: Lehrer verstehen ihre Schüler nicht und haben zudem nicht den geringsten Schimmer von der Sub-Kultur, die vor ihren Augen existiert, aber nicht mehr dechiffriert werden kann und, das ist die Quintessenz: ehrlich gemeinter Idealismus ist unter gewissen Umständen nichts anderes als naiver Opportunismus.
Lehrer werden diesen Film entweder als Offenbarung oder als blanken Zynismus rezipieren und ihn beim zweiten oder dritten Mal vielleicht besser verstehen, denn die Kälte des Herzens hat eine Ursache, die so alt ist wie die Menschheit.
Mehr wird nicht verraten. Nur eins noch: „Confessions“ hätte durchaus Platz 1 in der Halbjahres-Bilanz verdient.

Quellen: „Wie erklärt sich eine Kinoflop, Mr Soderbergh?“ (FAZ 02.03.2012)