Samstag, 24. Januar 2015

Gone Girl - Das perfekte Opfer

Tagebucheinträgen, die das reine Glück beschreiben, sollte man misstrauen. Vielleicht nicht im richtigen Leben, aber auf jeden Fall im Kino. Dort darf man dem Glück wenigstens in der leichten Komödie über den Weg trauen. In allen anderen Filmen, das hat das Kino von den griechischen Tragödien gelernt, beschwört das Glück schicksalhaft das Verhängnis herauf. Meistens ist die Botschaft simpler: Der Glückselige hat ernste mentale Probleme. David Fincher hat daraus einen Film gemacht.

Mal ganz ehrlich: Würden Sie sich einen Film anschauen, in dem die Figuren pausenlos glücklich sind? Nein? Ich auch nicht. Dabei denken wir uns reichlich Anlässe aus, um das Glück zu beschwören, zum Beispiel an Hochzeitstagen. Das misslingt öfter, als man glaubt.
Über die Trivialität von Hochzeitstagen erfährt man in „Gone Girl“ gleich zu Anfang einiges. Nick Dune (Ben Affleck) weiß an seinem fünften Hochzeitstag davon zu berichten: die Geschenke, die man sicht macht, werden immer unaufmerksamer, Banalität übernimmt in der Ehe das Regiment. Und am Ende kann man froh sein, wenn es eine Krawatte gibt.
Etwas anders hören sich die Tagebucheinträge seiner Frau Amy (Rosamund Pike) an, im Off dokumentieren sie das pure Glück. Zumindest am Anfang. Amy erzählt dem Zuschauer wie ein naiver Engel von ihrem Glück und es folgen Flashbacks, die dies beweisen. Sie erzählen davon, wie sich Nick und Amy in New York kennengelernt haben. Nick, der erfolgreiche Journalist, Amy, der Medienstar, eine bildschöne, gebildete Frau, die bereits als Kind von den Eltern (Psychotherapeuten!) als Kinderbuchfigur „Amazing Amy“ vermarktet wurde. Es gibt guten Sex an merkwürdigen Orten und Nick lernt von der klugen Amy einige Wörter, die er vorher nicht kannte.
Nur ist es leider so, dass „Amazing Amy“ in den Büchern alles gelingt, während ihr Alter Ego keineswegs diesem bizarren Perfektionswahn genügt. Das ist nicht amazing, das ist eine aus dem Ruder gelaufenen Upper Class-Fantasie, die sich zwangsläufig dissoziierend auf die Persönlichkeit auswirken muss.

Eine zeitlang mag das gut gehen, aber David Fincher zeigt in seinem neuen Film, wie schnell die Idylle zerbricht. Auch in Amys Tagebuch ziehen dunkle Wolken herauf. Das Paar verlieren in der Rezession seine Jobs und Nick verfrachtet sich und seine Frau, ohne groß zu fragen, in die Provinz nach North Cathage in Missouri, wo er sich mit seiner Schwester Margo eine Bar kauft und bei der Pflege der krebskranken Mutter hilft. 
Und Amy? Was macht sie den ganzen Tag, wenn Nick nicht da ist? Nick wird später nur vage Antworten geben können. Amy gehört zu den desperate houseswives, deren Identität sich langsam auflöst. Und dann ist Amy plötzlich verschwunden und die Verwüstungen in der Wohnung lassen keinen anderen Schluss zu: „Amazing Amy“ ist entführt worden. Bald weisen eine merkwürdige Botschaften, eine rätselhafte Schnitzeljagd und viele andere Ungereimtheiten daraufhin, dass es nicht der große Unbekannte, sondern Nick gewesen ist, der seine Frau beseitigt hat.


Kühl inszenierter Noir-Thriller

David Fincher hat bei der Verfilmung des gleichnamigen Erfolgsromans von Gillian Flynn den Plot der Vorlage weitgehend übernommen. Zusammen mit Flynn, die auch das Drehbuch geschrieben hat, wurde ein raffiniertes narratives Gebilde entwickelt, das den Zuschauer in ein verwirrendes Geflecht von Erzählperspektiven zieht. „Gone Girl“ wird in der ersten halben Stunden auf drei verschiedenen Zeitebenen erzählt: die Gegenwart wird mit Flashbacks unterwandert, die zum Teil Nicks, überwiegend aber Amys Sicht der Dinge nacherzählen. Die non-lineare Erzählung suggeriert trotz der unübersehbaren Subjektivität dem Zuschauer, dass alles, was er hört und sieht, der Fall gewesen ist. Man traut halt Bildern mehr als dem geschriebenen Wort. Aber langsam spürt man, dass etwas nicht stimmt. Wer erzählt hier eigentlich was? Und vor allen Dingen: Wem?

Sympathische Figuren sucht man in „Gone Girl“ vergeblich. Fincher seziert unterkühlt auf welche Weise Menschen hinter der Fassade der bürgerlichen Existenz ganz andere Lebensentwürfe entwickeln oder die Außenansicht ihres Lebens solange auf Hochglanz polieren, bis die Finger wund sind. Der Zuschauer sucht in dieser Noir-Version eines verlogenen American Dream vergeblich nach einer moralischen Integrationsfigur. 
Das liegt auch an den exzellenten Darstellern. Ben Affleck spielt den liebenden Gatten so unangestrengt cool und sympathisch, dass man ihm die Lockerheit nicht allzu lange abkauft. Das Doppelbödige und Ambivalente Nicks, der seine ihm intellektuelle überlegene Frau angeblich gerade wegen dieser Eigenschaft liebt, wird sichtbar, die Fassade bekommt auf eine Weise Risse, wie es eigentlich nur Ben Affleck glaubwürdig spielen kann: immer eine Spur zu gelackt, zu clever. 

Rosamunde Pike, die zu Recht bei den Academy Awards als Beste Hauptdarstellerin nominiert wurde, steht dem in nichts nach: wie sie mit manischer Energie ihren Glücksentwurf kitten will, führt in Abgründe, die den Zuschauer frösteln lassen. Rosamunde Pike spielt das zum Angsthaben grandios: ihre lapidare Feststellung „Ich habe den Mann meiner Träume geformt“ öffnet schließlich Türen zu finsteren Räumen, die besser geschlossen bleiben sollten.

Wenn es überhaupt eine sympathische Figur gibt, dann ist es die ermittelnde Polizeibeamtin Rhonda Boney (toll von Kim Dickens gespielt), die lange auf der Seite von Nick steht. Ihr moralischer Instinkt und ihre pragmatische Lebensklugheit wirken beinahe naiv. Sie sind es aber nicht.
Es sind harte Fakten, die den Cop auf schleichende Weise misstrauisch machen: zum Beispiel die Tatsache, dass Nicks Bar auf den Namen seiner Frau läuft, da ist auch die plötzlich erhöhte Lebensversicherung der verschwundenen Amy, Nicks verschwenderisch überzogene Kreditkarte, die Hinweise auf eine zerrüttete Ehe, schließlich die Entdeckung, dass Nick eine Affäre mit einer jungen Studentin hat. Dass Amy einen Großteil ihres Millionenvermögens den wirtschaftlichen ruinierten Eltern überlässt, rundet die Suche nach einem Motiv schließlich ab. 
Und so dauert es nicht lange, bis Nick zum beinahe logischen Opfer einer medialen Hetzkampagne der skrupellosen TV-Journalistin Ellen Abbott (Missi Pyle) wird. Fincher setzt in „Gone Girl“ beiläufig der ehemaligen CNN-Moderatorin Nancy Grace ein hässliches Denkmal. Grace wird bis zum heutigen Tag beschuldigt, mit ihren Court TV-Shows unschuldige Menschen ohne greifbare Beweise in den Tod getrieben zu haben und Missi Pyle sieht aus wie ihr reales Vorbild.


Alles nur ein Fake

Aber Finchers Film ist kein Justizdrama und auch keine Mediensatire. „Gone Girl“ ist ein Psychothriller im Stile Hitchcocks, ein Film, der sich elegant der Suspense-Technik des Altmeisters bedient. Vieles weiß der Zuschauer, bevor es die Ermittler herausfinden. 
Amy erzählt in ihrem Tagebuch von der Angst vor ihrem gewalttätigen Mann, sie will sich eine Waffe besorgen, sie ist überzeugt, dass ihr Mann sie umbringen will. 
Und als dann tatsächlich ihr fast verbranntes Tagebuch gefunden wird, stehen auch den Ermittlern diese Informationen zur Verfügung und alles fügt sich scheinbar zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammen. Amy ist das perfekte Opfer. Auch die von Nicks Anwalt Tanner Bolt (Tyler Perry) eingefädelte Medieninitiative scheint dem vermeintlichen Gattenmörder keine Pluspunkte mehr einzubringen. Nick wird verhaftet.

Wirklich überraschen kann das aber nicht und wer regelmäßig den Tatort sieht, weiß, dass der Täter selten derjenige ist, auf den alle mit dem Finger zeigen. Fincher dröselt dann auch nach einer Stunde das Ganze im Stil von Hitchcocks „Vertigo“ auf. James Stewart findet vor dem letzten Akt heraus, wie er aufs Kreuz gelegt worden ist. In „Gone Girl“ wird dem Zuschauer bereits nach 60 Minuten die Auflösung präsentiert, die Hauptfigur muss noch rätseln. 
In den folgenden anderthalb Stunden wird der Rosenkrieg zwischen Nick und Amy mit einem verblüffenden Wechsel der Erzählperspektive in eine völlig neue Richtung geführt, die dann zielsicher auf einen schockierenden Plot Twist hinausläuft. 
Nicht immer ist dies effizient, Fincher gestattet sich einige überflüssige Längen, besonders gegen Ende des Films. Aber „Gone Girl“ ist trotz einiger Holperer ein beachtlicher Thriller, der meisterhaft beginnt, um dann mit solidem Handwerk auf den entscheidenden Plot Twist zuzusteuern. Der soll vermutlich so ähnlich funktionieren wie die Duschszene In „Psycho“. Tut er auch, garantiert.


Postmoderne Charakterstudie

Am Ende sind die vermeintlichen Tatsachen raffinierte nur Täuschungen. Fincher führt wie Hitchcock den Zuschauer solange erfolgreich an der Nase herum, bis er reif für die blutige Pointe ist. Tagebüchern kann man eben nicht trauen, besonders dann wenn der Verfasser nicht glaubwürdig ist. Man hätte es wissen können.
Den ‚Unreliable Narrator’ hat David Fincher bereits in „Fight Club“ als Clou eingesetzt – in „Gone Girl“ wird dem Zuschauer erneut die Zuversicht genommen, dass er das sieht, was der Fall ist. Wer hier aber eine soziologisch aufschlussreiche Analyse des weißen Mittelstands in den Film hineinlesen will, täuscht sich gewaltig. „Gone Girl“ ist ein elegantes Vexierspiel, ein kühler Noir-Thriller, aber keine Sozialstudie. Er ist nicht so subtil und intellektuell wie „Seven“ und auch nicht so subversiv wie „Fight Club“, doch wenn ich mir einen gutsitzenden Anzug von der Stange kaufen wollte, würde ich ihn bei David Fincher kaufen.
Und in einem Punkt ist Fincher dem Meister des Suspense einen Schritt voraus. Dieser kannte die Leiden der postmodernen, hippen und schönen Reichen noch nicht, die trotz gewisser Probleme in „Gone Girl“ nicht darben müssen. Hitchcock musste noch umständlich erklären, was Norman Bates zusammenhielt. Fincher analysiert die Geschichte einer Persönlichkeitsstörung deutlich eleganter, indem er die verschachtelte Erzählung dem tiefschwarzen Puzzle eines komplexen bedrohten Ichs anpasst.

Erich Fromm hat diese Bedrohung genau beschrieben: die Mühe, die es hat, um seine antagonistischen Persönlichkeitsanteile zu integrieren, das Übermächtige der illusionären Wirklichkeiten, die Wahn sind, aber alles vorübergehend zusammenhalten. Dabei ist die Realität doch so frustrierend, immer wieder muss man von vorne anfangen und immer wieder muss man alles zusammenzuhalten. Man darf die unbedingte Kontrolle über sich und andere nicht verlieren. Es geht um die Bewahrung des Wohlstands, des Lebensstils, des schönen Scheins. 
Es ist das postmoderne Ich, das Fromm beschrieben hat, und es ist nicht gesund, es ist verzweifelt. Es will auch eigentlich nicht geliebt werden, die edle Außenansicht reicht ihm längst. Es täuscht, es trickst und es geht über Leichen und es ist wirklich kein perfektes Opfer. Hört sich irgendwie vertraut an. Vielleicht ist „Gone Girl“ ja doch eine soziologische Studie.

Noten: Klawer =3, BigDoc, Melonie = 2,5

Gone Girl (Gone Girl – Das perfekte Opfer) - USA 2014 - Regie: David Fincher. Buch: Gillian Flynn. Kamera: Jeff Cronenweth. D.: Ben Affleck, Rosamund Pike, Neal Patrick Harris, Kim Dickens, Tyler Perry. Laufzeit: 149 Minuten. Alterfreigabe: ab 16 Jahren.

Freitag, 16. Januar 2015

The Homesman

Mit dem Noir Western „The Homesman“ stellt Tommy Lee Jones erneut sein Talent für existenzialistisch angehauchte und zudem auch skurrile Themen unter Beweis. Entscheidend ist aber ein Plot Point, mit dem der deprimierenden Geschichte eine unerwartete Wendung gegeben wird. Dass dies wie ein Schlag in die Magengrube wirkt, ist ein anderes Thema.

In den Western von John Ford schwiegen die Frauen häufig. Sie standen herum und warteten auf die männlichen Hauptfiguren. Als Silhouetten, oft im berühmten Ford’schen Türrahmen. Und dort standen sie auch schweigend, wenn die Helden wieder davonritten. Man kann das zum Beispiel in „The Searchers“ sehen. Erst ganz am Ende seiner langen Karriere hat Ford, etwa in „Sieben Frauen“ (1966), dem anderen Geschlecht das Sprechen beigebracht. Manfred Bauschulte nannte diesen Film nicht ohne Respekt eine Travestie: Die Heldin in Cowboypose.
Und nun, in „The Homesman“, erzählt Jones die Geschichte einer Frau, die ganz allein auf sich gestellt nicht nur eine Farm bewirtschaftet, sondern auch gebildet ist und reiten und schießen kann, wenn es darauf ankommt.
Auf den Gedanken, dass dies eine Travestie, also eine Persiflage, sein könne, kommt man heute nicht mehr ohne Weiteres. Die soziale Rolle der Frau hat sich geändert, ihre Widerspiegelung in den narrativen Kinoentwürfen zeigt dies nicht nur, sie ist auch als Rückprojektion in ein von Männern dominiertes Genres formal sehr nützlich, um Geschichten zu erzählen, die (Genre-)Erwartungen durchkreuzen.



In der Hölle, jenseits der Zivilisation

Und das sieht so aus: die fromme Farmerin Mary Bee Cuddy (erneut reif für einen OSCAR: Hilary Swank, „Boys Don’t Cry“, „Million Dollar Baby“) ist die einzige Person in einer Gemeinde des Mittleren Westens, die den Mut aufbringt, drei wahnsinnig gewordene Frauen zu einer methodistischen Gemeinde in Iowa zu bringen. Eine Frau wurde von ihrem Mann sexuell misshandelt, eine andere hat ihre Kinder an die Diphtherie verloren, die dritte entsorgte ihr Neugeborenes einfach in der Scheiße des Aborts. In „The Homesman“ befinden wir uns in einer beinahe prähistorischen Hölle jenseits der Zivilisation. 

Den Männern in Mary Bees Gemeinde fehlt der Mut, die Zerbrochenen wegzubringen, die Frauen halten Mary Bees Unterfangen schlichtweg für unsittlich: Frauen tun so etwas nicht. Immerhin warten unterwegs Indianer.
 Mit einem vergitterten Gefängniswagen, in dem die ‚verrückten’ Frauen sitzen, bricht Mary Bee dennoch auf und trifft unterwegs den Gauner George Briggs (Tommy Lee Jones), der mit einer Schlinge um den Hals auf einem Pferd sitzt. Briggs hat sich den Besitz eines Mannes unter den Nagel gerissen, der in den Osten gereist ist, um sich eine Frau zu suchen. Mary Bee presst dem zum Tode Verurteilten das Versprechen ab, ihr bei der Überführung der kranken Frauen zu helfen. Briggs stimmt zu und wird abgeschnitten. Alles könnte nun auf eine zynische Buddy-Story wie in „Two Mules for Sister Sara“ („Ein Fressen für die Geier“, Don Siegel 1970) hinauslaufen, ein Film, der tatsächliche eine Travestie war. Aber es kommt anders.

Dazu muss man zum Anfang zurück. In einer der ersten Szenen versucht Mary Bee einen benachbarten Farmer, den sie zum Essen eingeladen hat, zur Heirat zu bewegen. Sie ist einsam, klug, erfolgreich und hat zudem Vermögen. Da müsste doch was gehen. Der ungebildete Proll lässt sich aber weder durch gutes Essen noch durch frommen Gesang dazu bewegen, eine ihm intellektuell und kulturell überlegene Frau zu heiraten. Sie sei zu trocken, stellt er fest. Dann sucht er das Weite.

Nun, in den flachen, unendlich erscheinenden Landschaften der Great Plains, findet Mary Bee in dem freiheitsliebenden Mittsechziger einen neuen Kandidaten. Es scheint ein sonderbarer Pragmatismus in den Zügen von Hilary Swank auf, wenn sie in einer bedrückenden, aber grandiosen Szene dem alten Streuner am Lagerfeuer die praktischen und ökonomischen Vorzüge einer gemeinsamen Zukunft in trockenen Worten schildert. Nie sah man eine Frau in einem Western so zielsicher, so abgeklärt, so männlich (!). Doch auch Briggs, der von Tommy Lee Jones nun wirklich nicht als verführerisches Sex-Symbol gespielt wird, lehnt ab. Dann, mitten in der Nacht, steht sie nackt vor dem alten Mann, der beinahe widerwillig der Einladung nachkommt, nicht ohne Mary Bee nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass sie es sei, die dies so gewollt habe. Dann vollzieht er den Beischlaf, anders kann man es nicht nennen.
Am nächsten Morgen findet Briggs die Frau unweit des Lagers. Sie hat sich erhängt.



Ein Selbstmord in einer absurden Welt

Mein Freund Klawer zitierte am nächsten Tag den englischen Philosophen Thomas Hobbes, der über das Leben im rohen Naturzustand geschrieben hat, es sei „einsam, armselig, scheußlich, viehisch und kurz“. Zitiert wurde dies vor einigen Monaten ebenfalls von einem deutschen Journalisten, dem in den USA in letzter Minute das Leben gerettet wurde und der hernach daran erinnerte, dass Menschen in ihrer überwiegenden Mehrzahl eben keine irren islamistischen Terroristen oder durchgeknallten Nazis sind. Sie seien vielmehr freundlich, besonders dann, wenn die Not groß ist. Tommy Lee Jones hat sich in seiner zweiten Regiearbeit eher dazu entschlossen, die misanthropischen Einsichten eines Thomas Hobbes zu bebildern.

Bereits 2005 legte Jones mit „The Three Burials of Melquiades Estrada“ einen anderen meisterhaften Noir-Western vor, der ebenfalls als moralische Erzählung gelten kann. Damals spielte Jones den schweigsamen Noir-Helden als hartnäckigen Querkopf, diesmal überlässt er als amoralischer Gauner in der ersten Hälfte des Films Hilary Swank das Feld. „The Homesman“, der eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Glendon Swarthout (1988) ist, präsentiert sich allerdings als Film fernab von jeglicher Freundlichkeit. Kaum hat sich das Comic Relief in der Geschichte breit gemacht, wird es ruppig zerstört – selten hat sich die existenzielle Not einer Figur so kraftvoll wie eine schwarzes Nichts über eine Geschichte gelegt wie in „The Homesman“. Der Suizid ist verstörend, grausam - und ratlos bleibt der Zuschauer zurück, dessen Erwartungen nun wirklich durchkreuzt werden.

Sich beim Schreiben einer Filmkritik, die mehr sein will als eine Inhaltsbeschreibung für Verbraucher, an dem ewigen Lamentieren über Spoiler zu orientieren, hieße eben vor diesen Erwartungen zu kapitulieren. Erinnert sei vielmehr an Albert Camus, der nicht nur dem Begriff des Absurden eine neue Bedeutung gegeben hat, sondern auch den Selbstmord für das einzige wirklich ernste Problem der Philosophie gehalten hat. 

„Eine Welt, die sich - wenn auch mit schlechten Gründen - deuten und rechtfertigen lässt, ist immer noch eine vertraute Welt. Aber in einem Universum, das plötzlich der Illusion und des Lichtes beraubt ist, fühlt der Mensch sich fremd. Aus diesem Verstoßensein gibt es für ihn kein Entrinnen, weil er der Erinnerungen an eine verlorene Heimat oder der Hoffnung auf ein gelobtes Land beraubt ist“, schrieb Camus in „Der Mythos von Sisyphos“, und damit benannte er nicht nur das Gefühl der Absurdität, sondern auch die Gewissheit des Verlustes von Heimat, die sich in einer kalten Welt breit macht.

Aber in einem Western, zu dessen Kerndefinitionen auch jene der Heimat gehört, bringt man sich aber nicht um. Das Glücksversprechen, das die Frontiers selbst inmitten tiefster Gesetzlosigkeit angetrieben hat, bleibt in diesem Genre nämlich meist ungebrochen. Man hält an seinen Illusionen fest, es sei denn, man lebt in Deadwood.
Der brutale Plot Point in „The Homesman“ definiert die Spielregeln derartiger Western-Geschichten neu. Briggs, der nun allein mit den drei Frauen ist, will zunächst davonreiten, dann besinnt er sich und bringt sie widerwillig zum Zielort, nicht ohne unterwegs mit einer Handvoll bigotter Bürger abzurechnen, die mit dem Prinzip Nächstenliebe nichts anfangen können. Dies sorgt in einem ansonsten action-freien Western für etwas Rabatz, scheint aber wie in einer Art von Katharsis anzudeuten, dass da jemand auf den letzten Metern seines Lebens wenigstens etwas Moral gelernt hat und noch nicht recht weiß, was er mit ihr anfangen soll.



Sicher kann man sich nicht sein. Ganz am Ende, nachdem sich Briggs von seiner Prämie einige schicke Klamotten gekauft hat und dann auch mitfühlend einem armen Mädchen das erste Paar Schuhe, beschließt er, mit einem hölzernen Grabstein in die Plains zurückzukehren. Dorthin, wo er Mary Bee begraben hat. Als er auf einer Fähre betrunken randaliert und wild um sich schießt, um danach ein fröhliches Solo-Tänzchen zu wagen, befördert ein achtloser Tritt den Grabstein ins Wasser. Tröstendes gibt dieser Film kaum her, das Wenige sucht man lange.

Der Film erhielt die „Goldene Palme“ bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2014.

Noten: BigDoc = 1,5, Klawer, Melonie = 2

The Homesman – USA 2014- Regie: Tommy Lee Jones – D.: Hilary Swank, Tommy Lee Jones, Meryl Streep, James Spader, John Lithgow – Laufzeit: 122 Minuten – Altersfreigabe: FSK 16.

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Best of 2014

Im letzten Jahr hatte ich im Rückblick einige Fragen zur Zukunft des Kinos gestellt. So etwas verbindet man zum Jahreswechsel gerne mit Spekulationen, die man dann 12 Monate später natürlich checkt. Und wie lautet das Ergebnis? Es ist vieles anders gekommen, einige Prognosen trafen jedoch ins Schwarze.

Aber zunächst einmal die besten und miesesten Filme des Jahres 2014. 
Im Vergleich zum letzten Jahr gab es im Filmclub einen dramatischen Qualitätsanstieg – wenn man die Noten betrachtet. Reichte in 2013 ein Notenschnitt von 2,5, um in die Top Ten zu kommen, so fielen in 2014 bereits Filme mit einem Schnitt von 2,0 aus den Top Twenty heraus. Mit einer Noteninflation hat dies nichts zu tun, denn gleichzeitig wurde etwas häufiger als sonst über die Qualität der Filme gemeckert. Paradox, aber interessant.
Geändert wurde die +2-Regel. In den Top Twenty findet man nun auch Filme (kursiv), die lediglich von zwei Club-Mitgliedern gesehen wurden. Dies soll die Rangliste noch repräsentativer machen. Gesehen haben wir die Filme überwiegend auf DVD – nur zwei Filme lagen auf Bluray vor. Dies spiegelt aber nicht das übrige Sehverhalten wider: ‚privat’ liegt die Bluray eindeutig an der Spitze, auch im VoD-Segment wurden fast ausschließlich HD-Inhalte gestreamt.


Was war gut, was war mies?


Die großen Abräumer waren „Grand Budapest Hotel“ und „Die andere Heimat“ von Edgar Reitz. Alles sozusagen „mit Ansage“ und nicht wirklich eine Überraschung, zumal die Filme von Wes Anderson bei uns immer sehr gut angenommen worden sind. Hierzu liegen Besprechungen vor (s. Links).

Jean-Pierre Jeunets „Die Karte meiner Träume“ überraschte ein wenig auf dem 3. Platz, aber der Film bietet überragende Schauwerte und eine witzige, weitgehend unproblematische Geschichte. Wellness-Kino. Das ist aber nicht abwertend gemeint.

Über „Mitternachtskinder“ habe ich in einem Quartals-Rückblick geschrieben. Über den „Geschmack von Rost und Knochen“ leider nicht. Der in 2012 produzierte Film dürfte eigentlich nicht ausgewertet werden, da aber die DVD in 2013 erschien, erfüllt der Film dann doch noch die „Best of“-Kriterien.

Zur „Bücherdiebin“ liegt eine Kritik vor. Zu dem außergewöhnlichen deutschen Spielfilm „Finsterworld“ nicht. Ganz ehrlich: Ich habe mich nicht getraut, was mir eigentlich noch nie passiert ist. Aber wenn es eine Variante des Absurden Theaters im Kino gibt, dann ist es der sehr irritierende, aber auch sehr berührende Film von Frauke Finsterwalder. Mit Preisen überhäuft, wird dieses außergewöhnliche Stück Kino aber wohl niemals mehrheitsfähig werden.
„The Secret Life of Walter Mitty“ gehört dagegen zu den Filmen, die beim ersten Hinsehen Eindruck schinden und auch einige schöne Momente bereithalten, aber bereits nach 14 Tagen wieder vergessen sind. Meine Meinung: Mit dem 8. Platz ist Ben Stillers Film doch ein wenig überbewertet.

„Boyhood“ war der letzte Film des Jahres und damit The Cream on the Coffee. Seine Kraft schöpft der Film nicht aus dem Reflexiven, das sich nach dem Sehen eines Films einstellt, sondern aus dem Sehen selbst. Fast drei Stunden lang erzählt der „Before Sunrise“-Regisseur die Geschichte eines Jungen, eine Coming-of-Age-Geschichte, die mit seinem 6. Lebensjahr beginnt und 12 Jahre später endet. Linklater hat ebenfalls 12 Jahre gedreht, einmal im Jahr und immer mit den gleichen Darstellern und immer eine kurze Episode, die danach sofort geschnitten wurde. 

Das Erstaunliche ist die Alltäglichkeit der Geschichte, die von den Darstellern zum Teil selbst entwickelt wurde – ein fiktionales Konzept, das einzigartig ist und beinahe an klassische Langzeitdokumentationen erinnert. Es gibt in „Boyhood“ keine großen Dramen, sondern all das, was viele Zuschauern möglicherweise selbst erlebt haben: eine Patchwork-Familie, emotionale Beziehungen zu Ersatzvätern und dem richtigen, der sich als der beste entpuppt; Kinder werden nicht verstanden, dann werden sie doch verstanden und am Ende müssen sie sich ihren Weg doch alleine suchen, und auch noch dort, wo man es am wenigsten erwartet hat. Alles muss organisiert und immer wieder neu bewertet werden. Dafür ist die umtriebige Mutter zuständig: die trinkenden und gewalttätigen Ersatzväter werden als biografische Randnotiz zurückgelassen, die motivierenden Ersatzväter manchmal nicht recht wahrgenommen.
Die erste Liebe, die erste Enttäuschung, das Ende der Highschool, der Einzug auf dem Collage-Campus, undeutliche Vorstellungen von der Zukunft und die Erkenntnis - all das muss die Hauptfigur allein in den Griff bekommen. Dass man das Meiste im Hier und Jetzt nicht herausfinden wird, aber erkennen kann, dass man im Hier und Jetzt den Moment genießen sollte, solange man jung ist, das ist die unaufdringliche Botschaft eines wahrhaft alltagstauglichen Films.

Und meiner persönlichen Lieblingsfilme? Ganz klar und mit großem Vorsprung „Her“ von Spike Jonze, einer der sensibelsten und intelligentesten Film, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Wenigstens schaffte es mein Favorit noch in die Top Ten.
Und dann „Der blinde Fleck“ von Daniel Harrich, der wie ein Paukenschlag daherkam. Warum dies so ist, habe ich in einer sehr langen Kritik zu beschreiben versucht. Und alle, die dies in meinem Bekanntenkreis gelesen und auch den Film gesehen haben, waren schockiert: Beweismittelvernichtung nach dem größten Terroranschlag auf deutschem Boden! Geheimarmeen in Europa! Windige Allianzen von Nachrichtendiensten mit terroristischen Organisationen! Dunkle Machenschaften von Alt- und Neo-Nazis!
Und das wirklich Spannende: Der Film erzählt nur einen Bruchteil von all dem, den Rest kann man nachlesen in den Sitzungsprotokollen des Europäischen Parlaments und denen des Deutschen Bundestages. Und während im Osten Deutschlands Zehntausende aufmarschieren, um das Abendland zu retten, scheinen sich offenbar nur wenige dafür zu interessieren, dass anderenorts die Demokratie von Strippenziehern im Hintergrund bereits ausgehöhlt worden ist. „Der blinde Fleck“ ist ein Kinofilm, der sich erst über die gründliche Recherche verstehen lässt. So sollte Kino auch sein!

Natürlich gehören zu einem gepflegten Jahres-Rückblick auch die totalen Flops. Es waren wenige, aber waren spektakulär. Filme mit Notenschnitt von 3plus gehören eigentlich nicht in die Liste, aber sei’s drum – wir wollen ja vollständig sein:



Groß kommentieren will ich dies nicht. Nur so viel: Der 3. Teil von Sam Raimis „Spiderman“ war einmal Jahressieger bei uns – die Remakes erinnern nun daran, dass für so etwas die Filmindustrie verantwortlich ist, die am liebsten immer das Gleiche zeigen würde, wenn sie könnte.
Ich empfehle dazu das Buch „Die besten Filme, die Sie nie sehen werden“ von Simon Braund (Hrsg.). Dort werden Projekte beschrieben, die nie auf die Leinwand kamen. Und viele spannende Drehbücher sind im Reißwolf gelandet, weil die Studiobosse der Ansicht waren, dass man damit den ‚jungen Leute’ nicht das Geld aus der Tasche ziehen könne. Die Spiderman-Remakes gehören dazu: sie sind so sterbenslangweilig und kalt kalkuliert, dass wir es kaum geschafft haben, den 2. Teil zu Ende zu gucken.

Dass sich unter den Flops auch weitere populäre und erfolgreiche Filme befinden, überraschte dann auch mich. Im Niemandsland zwischen den beiden Kategorien sind zudem noch einige Filme versandet, von denen man es nicht erwartet hätte. Etwa Scorseses „The Wolf of Wall Street“, Ozons „Jung & schön“ oder Stephen Frears „Philomena“ – zum Teil mit guten Noten, aber es reichte nicht für die Top Twenty.


Neue Medien: Der Filmclub streamt!

„Hat das Kino überhaupt noch eine Zukunft oder wird es lediglich zu einem Teil einer großen medialen Verwertung, in der man Filme nur noch gelegentlich im Kino sieht? Sondern öfter im (...) im Internet auf YouTube oder iTunes, auf dem Smartphone oder gestreamt von einem Medienserver auf den großen Flatscreen“, fragte ich im Dezember 2013. Gemeint war damit nicht etwa das statistische Verhalten der bundesdeutschen Kinogänger, sondern die Veränderung unserer eigenen ganz persönlichen Sehgewohnheiten im und außerhalb des Filmclubs.

In Sachen Kino behielt ich Recht. Dort tauchten wir relativ selten auf. Das Kino mutierte zur Popcorn-Zone, in die wir uns für ein 3 D-Spektakel locken ließen und/oder um sich ein saftiges Stück Mainstream wie den Hobbit, die X-Men oder Iron Man schmecken zu lassen. Mit dem Hobbit war das aber so eine Sache, man bekam in der letzten Etappe des dreiteiligen Sinkflugs eher Sodbrennen. Peter Jackson hat aus einer schönen Mythologie das Battlefield Middle-earth gemacht und die Tolkien-Saga in eine durchgeknallte Gelddruckmaschine verwandelt – ein herzloses Industrieprodukt, das sich aber verkauft wie geschnitten Brot.

Stattdessen verlagerten sich wie vermutet unsere Aktivitäten noch stärker ins Heimkino. Und auch ins World Wide Web. Und das war die eigentliche Überraschung des vergangenen Jahres: 75% der Filmclub-Mitglieder haben sich für Streaming-Portale und die entsprechende Hardware entschieden: 1x Apple TV, 2x Amazon Fire TV.
Dies war zunächst einmal eine technische Revolution, denn zuvor wurde bereits via Browser auf Inhalte von Amazon zugegriffen. So konnte man die vierte Staffel von „Game of Thrones“ sehen, lange bevor die dritte im Free TV ausgestrahlt wurde. Exklusivität macht Spaß.

Nun stehen seit einigen Wochen bei uns die kleinen, flachen Streamer vom Amazon und Apple im Regal, und tatsächlich überzeugen sie in Sachen Bildqualität ungemein, besonders dann, wenn sie direkt am Router hängen. Dies kurbelte in der zweiten Jahreshälfte den Konsum nachhaltig, aber nicht übermäßig an (dazu später mehr).

Video on Demand war also die spürbarste Zäsur in unserem Medienverhalten des letzten Jahres. Und es hat sich gelohnt: „True Detective“ entdeckte ich recht früh dank VoD, ein anderes Clubmitglied stürzte sich auf die aktuelle Staffel von „Downton Abbey“ und zum Jahresende konnte ich mich darüber freuen, dass die Episoden der 4. Staffel von „Homeland“ bereits einen Tag nach der US-TV-Ausstrahlung als OmU zu sehen waren. Und mit meiner Rezension von „The Strain“ tauchte zum ersten Mal auch eine VoD-Serie im Blog auf. 

Times They Are a Changin’ ...

Auch bemerkenswert: es wurde vieles gemeinsam geschaut. Dabei wurde auch diskutiert, welche Konsequenzen die Diversifikation des neuen Medienverhaltens hat. Und während laut einer Umfrage viele US-Konsumenten bereit sind, durchschnittlich 200$ pro Monat für Prime-Inhalte von Amazon auszugeben, war uns schnell klar, dass man am besten fährt, wenn man sich die exklusiven Inhalte gemeinsam anschaut und sich die Kosten teilt. 

Mein persönliches Portfolio sieht so aus: mit Fire TV sehe ich überwiegend interessante Serien, immer häufiger auch in der Originalsprache. Zusätzlich habe ich mit SkySnap und dessen unschlagbarem Pauschalpreis ein Portal, das ich via Browser nutze und das den Zugriff auf zahlreiche HBO-Serien ermöglicht. Als „The Wire“-Fan konnte ich so nicht mehr ganz so aktuelle Geheimtipps wie „Generation Kill“ von David Simon & Ed Burns, die Special Interest-Serie „Treme“ (David Simon) oder den leider zu früh gefloppten „Copper“ sehen kann.


Serien am laufenden Band

Der Schnellste wird gewinnen.

Noch eine Frage aus dem letzten Rückblick: „Ist der Film überhaupt noch ein mediales Event oder ist er bereits abgelöst worden von den Serien, vom viel beschworenen Quality TV?“
Das war natürlich eine kleine Provokation, sie spiegelt die raschen Trend- und Themenwechsel wider. Serien und Kinofilme konkurrieren aber schon längst nicht mehr im Fernsehen miteinander, sondern liegen plattformübergreifend im Clinch. Dabei spielen das öffentlich-rechtliche Fernsehen und auch die privaten Anbieter keine entscheidende Rolle mehr. 
Während ARTE das Finale von „Breaking Bad“ nach über einjähriger Pause (!) im Januar 2015 ausstrahlen wird, haben die Fans diesen Job bereits zum Jahreswechsel 2013/14 per Bluray, DVD oder Pay TV erledigt.
RTL II hat mit „The Walking Dead“ ein echtes Quotenpferd und kann es sich noch erlauben, alles mit einem Jahr Verspätung zu zeigen. Aber es ist wie es ist: die Contents werden erst im Pay TV und als VoD durchgenudelt, bis sie irgendwann den frei empfangenden Verbraucher erreichen.
Natürlich läuft der Erwerb der Lizenzen nicht so, wie es sich die normalen TV-Gucker wünschen, aber ich rechne damit, dass im Wettbewerb die VoD-Anbieter immer mehr Boden gegenüber dem Pay-TV gewinnen werden und dies die Abwendung vom herkömmlichen Fernsehen beschleunigt.

Auf der Strecke bleiben dann die Privaten und die Öffentlich-Rechtlichen. Und solange Letztere das horizontale Erzählen intern als Schimpfwort nutzen, weil sie den deutschen TV-Normalo nicht ganz zu Unrecht als überfordert einschätzen, wird sich am Bedeutungsverlust der Anstalten nicht viel ändern. Als Lizenznehmer hinken sie der Konkurrenz längst hinterher und bedienen entweder nur noch die Gruppe der Spätberufenen oder präsentieren mit überaus guten Nischenprodukten wie „The Returned“ wenigstens einen kleinen Kreis von Kennern. 


Hat das Quality TV den Zenit überschritten?

Viele Medienexperten halten das Quality TV für ein Phänomen, das seinen Zenit überschritten hat. So weit möchte ich mich nicht aus dem Fenster lehnen, aber nach dem Ende von „Breaking Bad“ und dem bevorstehenden Finale von „Mad Men“ sind potente Nachfolger nicht leicht zu finden.

Und HBO? Natürlich setzte „True Detective“ ein dickes fettes Ausrufezeichen, es gibt weiterhin „Game of Thrones“, „Girls“ läuft seit 2012 recht erfolgreich, hinzu kommen noch einige Comedyserien und seit 2014 „The Leftovers“, aber man darf gespannt sein, ob HBO auch in den kommenden zwei, drei Jahren das glückliche Händchen hat, um neue Showrunner vom Kaliber eines Vince Gilligan („Breaking Bad“ für AMC) oder Matthew Weiner („Mad Men“ für AMC) zu finden. Immer deutlicher wird, dass es nicht nur die clevere Firmenpolitik von HBO ist, die Erfolgsserien garantiert, sondern dass es Kreative wie Nic Pizzolatto sind, die starke Ideen haben und dann auch noch exzellent umsetzen.


Über allen thront die AMC-Serie „The Walking Dead“, die auch in Deutschland sagenhafte Quoten generiert, obwohl das Free TV mit elender Verzögerung an den Start geht und zum Beispiel die vierte Staffel dann zeigt, wenn sich die Fans bereits die Hälfte der fünften sonst wo angeschaut haben.
Unsere (inoffiziellen) Serienhits in der Reihenfolge der quantitativen Nutzung:

  1. True Detective
  2. Downton Abbey
  3. Game of Thrones 4
  4. Homeland 4

Mediale Übersättigung

Die nachhaltigen Veränderungen im Medienjahr 2014 führten aber auch zu ganz unerwarteten Ergebnissen. Dem Filmclub standen im Laufe des Jahres ca. 150 Kinofilme auf DVD und Bluray zur Verfügung. Gesehen wurde nur knapp ein Drittel. Das ist nicht schlecht.
Die zunehmende Bedeutung der TV-Serien und die Nutzung der Streaming-Portale haben aber zu einem Überangebot geführt, das man beinahe schon als Erschöpfung erlebt. 
Immer kritischer werden die Angebote und Inhalte im Club geprüft. Und immer häufiger schleicht sich das Gefühl ein, dass dies alles zu viel des Guten ist.
Der moderne Film- und Serienjunkie wird die Frage zu beantworten haben, was er mit seiner Freizeit anfängt und wie er sie sich einteilt. Beherrschbar wird dies nur mit konsequenter Selektion und viel Disziplin, aber ausgerechnet dies sind Fähigkeiten, die dem Junkie von Natur aus fehlen. Und wenn auch noch nach langen Jahren der HBO-Klassiker „Oz“ auf dem deutschen DVD-Markt erscheint, verdreht man gequält die Augen – und legt kurz danach los.
Im Filmclub hat dies irritierende Konsequenzen gehabt. Häufiger als früher wurden schlechte Film bemängelt, noch häufiger wurden Termine abgesagt. Man hat keine Zeit mehr für riskante Experimente, der alltägliche Stress nimmt zu und an der nächsten Ecke wartet ja die spektakuläre Alternative. Die Zeit wird knapper, das Murren nimmt zu.
 Sicher ist aber nur eins: Noch nie haben wir so viele gute Filme gesehen wie im letzten Jahr. Der Beweis: Der Notenschnitt. Das Kino ist also gerettet. Der Filmclub auch. Vorläufig.

Ich wünsche allen Lesern ein überraschendes und spannendes Kino-, Film- und Serienjahr 2015!


Samstag, 27. Dezember 2014

Serien-Review: The Bridge

„Alles, was Vorstellungen von Schmerz und Gefahr hervorrufen kann, ist eine Quelle des Erhabenen“, schrieb der englische Schriftsteller Edmund Burke 1757. Damit meinte er allerdings den Schauerroman, über den DIE WELT ausgerechnet am 2. Weihnachtsfeiertag einen lesenswerten Rückblick schrieb.  

Dessen Erfinder, der vermögende Sir Horace Walpole, vertraute im ausgehenden 18. Jh. noch auf knarrende Dielen, unheimliche Verliese und bedrohliche Geräusche, wenn er seinen Lesern das Gruseln beibringen wollte.
Davon lässt sich der Horrorfan im 21. Jh. nicht mehr erschüttern. Es werden zwar noch Bücher gelesen, aber die sind nicht weniger explizit als die audiovisuellen Vertreter des Genres. Auch Krimis werden spätestens seit dem
„Schweigen der Lämmer“ mit saftigen Horror- und Gore-Elementen aufgefrischt. 
„The Bridge - America“ fackelt da auch nicht lange und präsentiert gleich zu Anfang eine Frauenleiche auf der „Bridge of the Americas“, die Texas und Mexico verbindet. Fein säuberlich ist sie da abgelegt worden – allein, sie besteht aus zwei Hälften. Eine liegt in den USA, die andere in Mexiko. Die obere Hälfte gehört einer US-Richterin, die untere einer Mexikanerin, die zu einer Gruppe von über 20 Frauen gehörte, die in Mexico umgebracht und in einem „Todeshaus“ abgelegt wurden. Natürlich leben beide Frauen nicht mehr, wie sollte das auch gehen.

„The Bridge“ ist ein Remake der dänisch-schwedischen Erfolgsserie „Broen/Bron“ (dts. Die Brücke), die in zwei Staffeln von 2011-2013 gezeigt wurde und international zu einem großen Erfolg wurde. Produziert wurde die US-Serie für FX (The Shield, Nip/Tuck, Justified, Sons of Anarchy, The Strain, American Horror Story). Entwickelt wurde der Stoff von der bekannten Produzentin und Autorin Meredith Stiehm (NYPD Blue) zusammen mit Elwood Reid.
Der Horror des US-Remakes besteht allerdings nicht nur aus Splatter. Es geht um einen Serien- und Massenmörder, der die US-Ermittlerin Sonya Cross (Diane Krüger) und ihren mexikanischen Kollegen Marco Ruiz (Demián Bichir) systematisch terrorisiert und sie wie im Original in ein dichtes Netz undurchsichtiger Machenschaften zieht, an denen obskure und häufig auch sadistische Nebenfiguren beteiligt sind. Da bleibt schon mal eine Gruppe illegaler mexikanischer Einwanderer auf der Strecke, vergiftet ausgerechnet mit dem Wasser, das den halb Verdursteten mitten in die Wüste gestellt wurde. 
Ein Tunnel zwischen Mexico und den USA dient dunklen Geschäften, natürlich ist dabei das Leben eines Menschen nichts wert. Und last but not least geht es auch um die Abertausende junger Frauen, die im berüchtigten Ciudad Juárez verschwinden und danach als verstümmelte Leichen in der Wüste auftauchen. „The Bridge“ öffnet so dem Horror nicht nur einen Spalt breit die Tür, sondern reißt diese ganz weit auf. Kein Wunder, dass die meisten Episoden der deutschen DVD-Edition nur ab 18 Jahren freigegeben worden sind.



Reise ins Herz der Finsternis

Schmerz und Gefahr sind also reichlich vorhanden, aber ob dies im Sinne Edmund Burkes eine Quelle des Erhabenen sein kann, darf bezweifelt werden. „The Bridge“ zieht seinen eigentlichen Horror vielmehr aus der kalten Realität und seinen zynischen Chiffren, der grandiosen Brücke, die eher trennt als verbindet, und dem muffigen Tunnel, der genau das Gegenteil darstellt. Aber auch aus der abgrundtiefen moralischen Verdorbenheit des berüchtigten amerikanisch-mexikanischen Grenzgebietes, das nicht ohne Grund zur Topographie des modernen Genrekinos und der TV-Serien wie etwa „Breaking Bad“ gehört.
Sichtbar wird der Abgrund etwa, wenn in einer Nebenhandlung eine junge Mexikanerin auf einem Polizeirevier eine sexuelle Belästigung anzeigt, dann aber ausgerechnet von den vernehmenden Polizisten unter Drogen gesetzt wird, damit sie auf einer Party von den mexikanischen Cops massenvergewaltigt werden kann. Alles ist gut organisiert, es ist nicht das erste Mal. Es wird klar, dass das benutzte Fleisch von den Ordnungshütern anschließend in der heißen Wüste entsorgt werden soll. Wie auch all die anderen Frauen, die von all den anderen Männern aus all den verschiedenen Gründen getötet worden sind.

So ist „The Bridge“ eine schauerliche Reise in das Herz der Finsternis. Soziopathische Kartell-Bosse, rachsüchtige Serienkiller, eine kaltschnäuzige Mörderwitwe und ein drogenabhängiger, alkoholsüchtiger und gänzlich empathiefreier Journalist steuern mehr oder weniger entscheidende Beiträge zu dieser Comédie Humaine bei. Lustig ist das nicht und alles wird nahezu ironiefrei bis zum bitteren Ende erzählt, das ähnlich wie im Original mit schlimmen Grausamkeiten aufwartet, bevor einer der Bösewichter zur Strecke, aber nicht ums Leben gebracht wird.



Besser als das Original

Inmitten dieser Hölle auf Erden, irgendwo zwischen Ciudad Juárez und El Paso, sind auch die Hauptfiguren fragil verortet: Diane Kruger spielt die am Asperger Syndrom leidende Polizistin nicht ganz so authentisch wie Sofia Helin im Original und damit auch nicht restlos überzeugend, aber so wird die Krankheit auch nicht zum narrativen Zentrum der Geschichte. Kruger deutet ‚ihr’ Asperger mit etwas starrer Mimik dezent an, eine Frau, die wie Temperance Brennan in „Bones“ damit zu kämpfen hat, dass sie nicht versteht, was im Inneren der Menschen vorgeht.
Während der Mainstream-Forensik-Krimi das aber humorig auf die Schippe nimmt, ist die Figur der Behinderten in „The Bridge“ trotz ihrer genialen Intuition eine Grenzgängerin, die ohne den väterlichen Beistand ihres Vorgesetzten Lieutenant Hank Wade (ich habe den tollen Ted Levine lange nicht mehr so überzeugend gesehen) in der Cop-Welt nicht existieren könnte.
Glatt an die Wand gespielt wird Diane Kruger allerdings von dem mexikanischen Schauspieler Demián Bechir (2011 bei den Academy Awards nominiert für seine Rolle in „A Better Life“ von Carlos Galindo). Bechir spielt mit enormem Charme einen ehrlichen Cop, der sich im Gegensatz zu seinen Kollegen nicht schmieren lässt, aber gerne Informationen aus Verdächtigen prügelt und sein Machismo nicht in den Griff bekommt. Kleine sexuelle Abenteuern gefährden seine Ehe und sind auch für all das mitverantwortlich, was in „The Bridge“ geschieht. Am Ende wird er mitsamt seiner Familie wegen dieser Schwäche auch ins Fadenkreuz des Killers geraten.

„The Bridge“ ist summa summarum besser als das Original. Dessen verwirrende Plot-Twists funktionierten wie ein Perpetuum Mobile – einmal in Gang gesetzt, läuft es und will nicht aufhören. Das Remake bietet auch verzwickte Handlungsstränge, behält aber dabei die Ermittler mehr im Fokus. Der Unterschied zum Original ist auch daran zu erkennen, dass der sozialkritische Aspekt der dänisch-schwedischen Serie nur eine Behauptung gewesen ist. „The Bridge“ zeigt dagegen ziemlich realistisch eine Welt, die ganz gut zu dem in „Breaking Bad“ oder in „The Counselor“ gezeigten Erzählraum passt und von schwärzestem Pessimismus geprägt ist. Es ist schade, dass FX die Serie nach der 2. Staffel eingestellt hat.


Nachtrag zur zweiten Staffel (29.1.2015)

In der aktuell erschienenen 2. Staffel haben sich die Macher für eine etwas andere Gangart entschieden: Das Remake koppelt sich vom europäischen Original vollständig ab und erzählt eine eigene Geschichte. Dabei wird einerseits großen Wert auf die Figurenentwicklung gelegt, andererseits werden in punkto Brutalität und Sadismus alle Register gezogen. 

Sonya Cross muss sich abseits des Hauptplots nicht nur damit auseinandersetzen, dass der Mörder ihrer Schwester im Krankenhaus stirbt, bevor sie mit ihm sprechen konnte, sondern auch mit einer heftigen Affäre, die sie mit dem Bruder des Mörders eingeht. Der mexikanische Cop Marco Ruiz gerät dagegen in eine gefährliche Nähe zum Kartell und wird dadurch deutlich ambivalenter, was zwischen ihm und seiner Kollegin zunehmend für Entfremdung sorgt. Und Lieutenant Hank Wade gerät als Sonyas Mentor in einen gefährlichen Konflikt, als er ihr gestehen muss, dass er den Mörder von Sonyas Schwester liquidiert hat, obwohl dieser unbewaffnet war.

Im Mittelpunkt der 2. Staffel stehen aber nicht mehr die sozialen Verwerfungen der Brennpunkte El Paso und Juarez, auch nicht das Asperger-Syndrom der weiblichen Hauptfigur, sondern die Auseinandersetzung mit dem Kartell, dessen Boss Fausto Galvan (Rámon Franco) bald selbst auf der Abschussliste der politischen Strippenzieher steht. Alle Hauptfiguren der ersten Staffel geraten nämlich in einen monströsen Konflikt, in dem sich die Drogenbehörde DEA und die CIA wütend bekämpfen. Offenbar protegiert die Agency die global organisierte Geldwäsche der mexikanischen Drogenkartelle, die im Gegenzug keine Morde in den USA begehen. Und zwischen allen Fronten geistert Franka Potente als Eleanor Nacht herum - eine verstoßene Mennonitin, die zunächst als weiblicher "Fixer" für Fausto Galvan aufräumt und eine Spur von Leichen hinterlässt, sich dann aber auf die Seite der wirklich Mächtigen schlägt.
"The Bridge America" büßt in der 2. Staffel weder Spannung noch Tempo ein. Auch der scheinbar an den Haaren herbeigezogene Main Plot erweist sich als wasserdicht, wenn man weiß, dass die CIA seit fast 40 Jahren immer wieder beschuldigt wurde, ihr Geld mit aktiver Teilhabe am Drogenhandel und an der organisierten Geldwäsche zu verdienen. Der prominenteste Ankläger der CIA ist übrigens der heutige US-Außenminister John Kerry.

Etwas irritierend wirkt dagegen die beinahe dramatische Steigerung der Gewaltdarstellung in der Serie. Sie geht wohl auf das Konto des Executive Producers Elwood Reid. Im Bonusmaterial erklärt er programmatisch, dass man den Zuschauer bewusst mit seiner Ekelgrenze konfrontieren wollte, um ihn noch stärker in die auf realen Missständen basierende Geschichte einzubeziehen. Dies hört sich fadenscheinig an und dies ist es auch wohl auch. 
Verblüffend ist die Altersfreigabe der FSK. Wurde die deutlich gewaltärmere 1. Staffel noch mit einer Altersfreigabe ab 18 Jahren belegt (allerdings nur wegen einer einzigen Episoden, alle anderen Episoden hatten eine Freigabe ab 16 Jahren), so ist die exzessiv brutale 2. Season komplett ab 16 Jahren freigegeben. Nachzuvollziehen ist das nicht.

Obwohl die 2. Staffel nichts von dem realistischen Potential der Story einbüßt, laufen nicht alle Handlungsfäden befriedigend zusammen. Einige Nebenfigur verschwinden für längere Zeit aus dem Plot, tauchen wieder auf, aber kompakt wirkt dies nicht. Unterm Strich ist "The Bridge" also dunkler, brutaler und beinahe trostloser geworden, hat dafür aber etwas an inhaltlicher Konsistenz eingebüßt.
Dass die Macher trotz mäßiger Quoten davon ausgegangen sind, dass FX eine dritte Staffel bestellt, zeigt auch das offene Ende: Die meisten Protagonisten haben die Gewaltexzesse überlebt, auch die Bösewichter leben noch, es kann weiter gehen. Tat es aber nicht.

Technik und Ausstattung

Bildtechnisch lässt die DVD nur wenig zu wünschen übrig. Auf einem Player mit gutem Upscaler ist sogar durchgehend Hi Def-Qualität zu erkennen. Serien müssen also nicht schmuddelig aussehen, auch wenn die Welt es ist, in der sie spielen.

Im Bonusmaterial der 1. Staffel gibt es neben dem obligatorischen Making of auch eine Dokumentation, in der Damien Cave, Mexiko-Korrespondent der New York Times über die Hintergründe der Frauenmorde in Ciudad Juárez spricht: „The Other Side Of The Bridge“. Cave sieht eine der Hauptursachen für das Morden in der Straflosigkeit, bedingt durch die Unfähigkeit des Polizeiapparates. Mittlerweile zieht, so Cave, eine Rächerin mordend durch die Stadt. Sie erschießt Busfahrer, die bereits von Beginn an auch zu den Verdächtigen gehört haben.
In einer 9-minütigen Doku lässt sich nicht viel berichten. Wer etwas recherchiert, findet heraus, dass 2003 ein Mörder, der beim Verstauen einer weiblichen Leiche festgenommen wurde, nur zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, obwohl das Opfer vor seinem Tod massiv gefoltert wurde.
Die Erklärung des Täters: Er habe das Opfer in Notwehr getötet.
Dies spiegelt recht anschaulich die Atmosphäre der Serie wider.


Die 2. Staffel bietet im Bonusmaterial 3-minütige Clips, in denen jede einzelne Episode kommentiert wird. Das erhellt tatsächlich die psycholgischen Aspekte der Handlung, aber auch einige Plot-Twists. Die Clips sollte man sich nach jeder Episode ansehen, denn die 2. Staffel ist noch komplexer als die erste.

The Bridge – America (USA 2013-2014) – Executive Producers: u.a. Meredith Stiehm, Elwood Reid – D.: Diane Kruger, Demián Bichir, Ted Levine, Annabeth Gish, Thomas M. Wright, Matthew Lillard, Emily Rios – Staffel 1 und 2 (13 + 13 Episoden)

Dienstag, 2. Dezember 2014

Serien-Review: The Strain

Ein Wurm, der in ein menschliches Auge eindringt? Als im Sommer der Cable TV-Anbieter FX mit großflächigen Plakaten entschlossen Werbung für seine neue Horrorserie „The Strain“ machte, war die Detailansicht des invasiven Parasiten einigen Passanten zu viel des Guten. FX musste die Plakate entfernen. Amazon zeigt die Serie im Original (OmU) – kostenpflichtig im Instant Video Shop. Den Wurm gibt es auch zu sehen.

Ein Flugzeug landet auf dem JFK Airport in New York. Aus dem Inneren kein Lebenszeichen. Und auch sonst scheint nichts mit diesem Flug zu stimmen, denn an Bord sind alle tot. Bis auf drei Passagiere und den Kapitän. Gesund sehen die Vier aber auch nicht aus. Seuchenexperte Dr. Ephraim Goodweather (Corey Stoll: House of Cards) rät, die scheinbar von einer mysteriösen Krankheit Befallenen in Quarantäne zu schicken und die Toten gründlich zu untersuchen. Natürlich geschieht dies nicht.



Gepflegter Trash

Um einen Outbreak in Zeiten von SARS und Ebola reibungslos zu ermöglichen, müssen alle Verantwortlichen entweder völlige Idioten oder wenigstens mittelschwer korrupt sein. In „The Strain“ werden beide Bedingungen erfüllt. Während der Zuschauer bereits nach zehn Minuten ahnt, dass eine Pandemie ins Haus steht, demonstrieren Goodweathers Vorgesetzte im Center for Desease Control (CDC), Politiker, Polizei und Stadtverwaltung entschlossen ihre Beratungsresistenz. Selbst als Goodweather irgendwann mit schicken Handyvideos beweist, dass ein monströses Supervirus die Infizierten in Zombie-Vampire verwandelt, glaubt ihm niemand. Verschwörung? Natürlich. Man hetzt das FBI auf ihn. Und wer nicht korrupt ist, ist strohdumm und macht garantiert immer das Falsche, was garantiert tödlich endet.

Dumm und korrupt: Guillermo del Toro und Chuck Hogan, die ihr gemeinsames Serienprojekt zunächst als dreiteiligen Roman veröffentlichten und nun mit Produktionsleiter Carlton Cuse („Lost“) drei bis vier Seasons planen, haben mit „The Strain“ wortwörtlich und ziemlich lustvoll Trash („Müll“) produziert. Der Plot funktioniert in der Millionenstadt New York aber nur, weil der ‚mächtigste Mann der Welt’, der todkranke Milliardär Eldritch Palmer (Jonathan Hyde), und der Nazi-Vampir Thomas Eichhorst (Richard Sammel) die Rückkehr des „Meisters“ ins Auge gefasst haben. Palmer möchte bei dem Deal von dem uralten und übermächtigen Vampir die Unsterblichkeit erhalten und das menschliche Genom durch Vampzombifizierung verbessern, der Altnazi ist dagegen seit seiner abrupt beendeten SS-Karriere im KZ Treblinka mit dem großen Sauger verbandelt. Damit alles reibungslos funktionieren kann, besticht Palmer eine Handvoll Politiker und die Seuchenkontrolle und lässt von einer Hacker-Gruppe das Internet abstellen, damit bloß keiner mitbekommt, was auf den Straßen los ist. Und während im nächtlichen
N.Y. bereits Scharen finsterer Zombie-Vampire auf die Jagd gehen, berichten die Medien immer noch von merkwürdigen Erkältungskrankheiten.


The Walking Zompires

Wer sich mit Plausibilität und Handlungslogik nicht lange aufhalten möchte, wird in „The Strain“ mit insgesamt mittelmäßiger Horrorlust belohnt. Del Toro, der nicht nur „Hellboy“ gemacht hat, sondern auch den brillanten Film „Pan’s Labyrinth“ und als Regisseur und Autor auch für einige der jüngsten Hobbit-Events verantwortlich zeichnet, hält sich zusammen mit Co-Autor Chuck Hogan nicht lange mit raffinierten Wendungen auf. Die Serie des Kabelsenders FX (The Shield, Justified, American Horror Story, The Bridge (US-Version), Fargo) 
ist eine am Reißbrett entworfene Kopie von „The Walking Dead“ mit den bekannten Ingredienzien: dystopisches Grundmuster; keine eleganten Vampire à la Christopher Lee, sondern wankende Zombies, denen ein zwei Meter langer Saugarm aus dem Mund schnellt; wie in TWD ist die erforderliche schnelle Zerstörung ihres Hirnstamms dringend erforderlich und wie in TWD gibt es die mutig entschlossene Kleingruppe, die zu diesem Zweck in den Krieg zieht, die obligatorischen schmerzvollen Verluste mental verarbeiten muss, aber garantiert pro Episode etliche „Zompires“ (so nannte „Entertainment Weekly“ die Neuzombies) köpft oder sonstwie ins Jenseits befördert.
 

Bei der Figurenentwicklung wird nicht etwa wie in TWD regelmäßig am Charakter und an moralischen Grundsatzfragen gewerkelt, sondern lediglich eine einigermaßen funktionierende Grundstruktur skizziert. Nur der Treblinka-Überlebende Professor Abraham Setrakian (David Bradley: „Argus Filch“ in den Harry-Potter-Verfilmungen) und der städtische Schädlingsbekämpfer (!) Vasily Fet (Kevin Durand) sorgen regelmäßig für zynischen und rustikalen Charme. Alle anderen Figuren bleiben blass wie die Vampire, die sie jagen. Auch Corey Stoll kämpft vergeblich gegen diverse Rollenklischees an - wie etwa die Rettung seiner von gewaltigen Eheproblemen belasteten Familie. Mal ehrlich: Welche Hauptfigur, egal wo, kämpft nicht um die Rettung seiner von gewaltigen Eheproblemen belasteten Familie?

Auch sonst bleibt „The Strain“ der Konvention treu und auch
tricktechnisch mit nicht sonderlich überzeugenden Gore-Effekten eher minimalistisch. Großzügige Settings gibt es im 70-minütigen Piloten und danach nur selten. Die Jagd nach den Monstern findet in Häusern, Tankstellen, Kanalisationen statt. Informationen aus der Außenwelt werden durch regelmäßige TV-Einspieler gegenwärtig. Dies erklärt aber nicht, warum die Nationalgarde nicht schon längst im nächtlichen New York unterwegs ist, wo doch bereits massenhaft hässliche Sauger die Straßen bevölkern. Etwas mehr hat man sich von Guillermo del Toro schon erhofft.

Allein die Rückblenden ins KZ Treblinka erinnern auf makabre Weise an die phantasievollen Trashideen, die man von del Toro gewohnt war. Ob die nächtliche Verfütterung von Juden an einen Vampir wirklich politisch korrekt ist, wage ich zu bezweifeln. Die allegorische Umbesetzung von Adolf Hitler durch einen nicht minder größenwahnsinnig nach Weltherrschaft strebenden Supervampir, der seine Jünger zudem telepathisch steuert, ist allerdings tiefschwarzer Humor vom Feinsten. Etwas mehr davon wäre notwendig gewesen, um „The Strain“ aus dem Mittelmaß herauszuheben. 

 

Fazit: Mit „The Strain“ bietet Amazon seinen Prime-Kunden zeitnah eine in den USA erfolgreiche Horrorserie an, die in Maßen unterhaltsam ist. Guillermo del Toro und sein Team fügen dem Genre nichts Neues hinzu, „The Strain“ gehört aber auch nicht in den Mülleimer. Trash-Mainstream.
Einigen Fans von „The Walking Dead“ ist von „The Strain“ allerdings abzuraten, denn die neue Serie bietet keine unscharfen und verrauschten Bilder. Also kein „Dirty Look“, sondern alles richtig scharf und in bestem HDTV. Gruselig.
 
Note: 3,5

The Strain – FX, USA 2014 – 13 Episoden - Amazon Instant Video Shop: Original mit deutschen Untertiteln - Showrunner: Guillermo del Toro, Chuck Hogan – Executive Producer:  Carlton Cuse, Gary Ungar, Guillermo del Toro, Chuck Hogan – D.: Corey Stoll, David Bradley, Mía Maestro, Kevin Durand, Jonathan Hyde, Richard Sammel, Miguel Gomez.

Mittwoch, 26. November 2014

Die Bücherdiebin

Wenn ein Kinder- und Jugendfilm das Nazi-Deutschland ohne deprimierende Schonungslosigkeit und weitgehend auch ohne die bekannten Grausamkeiten nachzeichnet, dann wird der politisch korrekte Zuschauer hellwach. Darf man den deutschen Faschismus poetisch fiktionalisieren, nur um zu zeigen, dass für Kinder auch in dieser Welt die Phantasie und das Bücherlesen lebensrettend sein können? „Die Bücherdiebin“ polarisiert, überzeugt aber durch die Glaubwürdigkeit der kindlichen Erzählperspektive.

Erzählt wird die Geschichte vom „Tod“, ausgerechnet. Im Off tritt als diskreter Beobachter auf und hört sich an wie Ben Becker: Ein Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs werden die 9-jährigen Liesel Meminger (Sophie Nélisse) und ihr Bruder zur Pflegefamilie Hubermann nahe München gebracht. Der entkräftete Junge überlebt die Reise nicht. Liesel muss sich nun allein in einer fremden Welt zurechtfinden. Die resolute Rosa Hubermann (Emily Watson) zwingt das Kind, sie „Mutter“ zu nennen und ihren Mann Hans (Geoffry Rush) „Vater“. Hans ist es, der dem Mädchen mit seiner immerwährenden Freundlichkeit die Scheu nimmt und der Analphabetin (dieser Umstand wird nicht weiter erklärt) das Lesen beibringt. Als Hans den Juden Max (Ben Schnetzer) im Keller versteckt, weil er damit eine alte Schuld einlösen kann, entwickelt sich zwischen Liesel und dem jungen Mann eine Freundschaft, über der die Gefahr der Entdeckung wie ein Damoklesschwert schwebt.

„Die Bücherdiebin“ ist die Verfilmung des Jugendbestsellers Bestsellers „The Book Thief“ von Markus Zusak. In der deutschen Übersetzung erhielt das Buch den Deutschen Jugendliteraturpreis 2009. Dass sich die Verfilmung ebenfalls an Kinder und Jugendliche richtet, liegt in der Natur der Sache und ist nicht zu übersehen. Aber wie der Film das schwierige Thema umsetzt, ist spannend, gefühlvoll und akzeptabel.
Das Buch habe ich leider nicht gelesen, was nicht ganz unproblematisch ist. In den Foren verorten sich die Reaktionen der Zusak- Fans auf den Film irgendwo zwischen Kitsch und Rührung. Auch das ist nicht unproblematisch, denn Überwältigungskino ist mir nie geheuer. Aber diese Debatte findet in meiner Kritik nicht statt, weil mein Interesse der Konnotierung der Erzählorte gilt. Und die Nebenbedeutungen sind gelegentlich wichtiger als die plakative Message eines Films.

Liesels Erleben der fahnenumwehten Nazi-Kultur zeigt die „Bücherdiebin“ nicht frei von melodramatischen Gefühlsmomenten, bleibt aber sehr glaubwürdig, wenn es darum geht, die Binnenwelt einer anfangs Neunjährigen in Bilder zu fassen. Liesel versucht das für sie unbegreifliche historische Geschehen mitsamt seiner merkwürdigen Bedrohungen zu ordnen und sich selbst einen Überlebensraum darin zu verschaffen. Der Not gehorchend, könnte man sagen. Das ist für ein Kind, das von der Mutter (Heike Makatsch in einem Kurzauftritt) in fremde Obhut gegeben wurde, sich wenig später in einer BDM-Uniform wiederfindet und als Analphabetin einen schweren Stand hat, mit einer erwachsenen Perspektive nicht zu bewältigen. Kindliche Reaktionen fallen daher magisch und/oder symbolisch aus. Dies setzt der Film überzeugend um.


Der Keller als Insel

So entdeckt Liesel das Buchstabieren und dann im Laufe der nächsten Monate das Lesen (etwas zu schnell?). Die Wände des Kellers, in dem auch Max schließlich landet, bezeugen diese Kulturisation. Liesel schreibt die Wörter (im Film, der für den internationalen Markt produziert wurde, ist alles in Englisch, was ich nicht als glücklich empfinde), die sie von Hans lernt, an die Wand. Sie übt das Lesen ausgerechnet mit einem Handbuch für Totengräber (Achtung: Symbolik!) und erfährt später von dem (selbstverständlich?) gebildeten Max, was das Lesen für ein zivilisiertes Wesen bedeutet. Und als Max dann im dunklen und feuchten Verlies bedrohlich erkrankt, liest das Mädchen dem Todkranken aus H.G. Wells „The Invisible Man“ vor.

Das inselartige Refugium des Kellers wird in Brian Percivals Film zu einem Topos der Menschlichkeit. Dort, im Keller, triumphiert der Raum über die Zeit, der Ort des Lesens über die Bedrohungen des Alltags. Was von einigen Kritikern als versimplifizierendes „Märchen“ gedeutet wurde, kann auch als universelles Erzählmittel gedeutet werden. Nämlich als Fluchtraum oder soziales Experimentierfeld, so wie er immer wieder in der europäischen und amerikanischen Literatur, etwa bei Thomas Morus oder Aldous Huxley, auftaucht. In der Marginalität der Insel, nämlich etwas Kleines und Bedrohtes zu sein, zeigt sich auch auf andere Weise ihre besondere Funktion: nämlich nicht so schnell entdeckt zu werden und damit Freiheit zur Verfügung zu stellen.

„Die Bücherdiebin“ erzählt dies exemplarisch in einer Szene, in der die Entdeckung droht. Als die NSDAP-Ortsgruppe die Keller der Einwohner prüft, kann Max nur im letzten Moment in Sicherheit gebracht werden. Aber gesucht werden nicht etwa versteckte Juden, sondern Kellerräume, die sich als Luftschutzräume eignen. Die Insel der Hubermanns ist ausgerechnet für diesen Zweck ungeeignet.
So ist der Keller als Insel trotz oder wegen seiner fehlenden Funktionalität für das herrschende Regime ein Raum des Erprobens und Einübens der zivilisatorischen Restbestände. Und damit auch ein Erkenntnisraum, in dem die bedrohlichen Erscheinungen der Außenwelt überschaubar werden, auch wenn man sie nicht beherrschen kann. Diese Symbolik kann man auch ohne Bildungswissen intuitiv erfassen und wer sich an die eigene Kindheit erinnert, der findet vermutlich sehr schnell die eigenen Inseln.


Die Außenwelt als Alptraum

Die Flucht in die Welt der und der Phantasie ist der Versuch, sich selbst immer noch als fühlendes und erkennendes Wesen zu erleben. Die Außenwelt ist aber ein anderer Erzählort als der Keller. Dies zeigen die kleinen, aber nicht leichten Schritte Liesels, wieder Vertrauen in Dinge wie Vertrauen und Freundschaft zu finden. Außerhalb des Kellers ist dies per se gefährlich. 
Liesel entdeckt in dem Nachbarsjungen Rudi (Nico Liersch) einen Gleichgesinnten, auch weil der partout nicht verstehen kann, warum die Bewunderung für den farbigen Sprinter Jesse Owens in einer rassistischen Gesellschaft gefährlich ist. So stellt sich die gefährliche Außenwelt als das Gegenteil eines Erkenntnisraums dar: sie ist kalt und erstarrt und bedrohlich. In dieser Welt kann man sich nur misstrauisch an eine Freundschaft herantasten. Die Regeln dieser Welt werden nicht verhandelt, es gibt ‚richtige’ und ‚falsche’ Bücher und die falschen werden verbrannt. Die Kinder schreien zwar heimlich im Wald, dass sie Hitler hassen, aber ob der Name mehr als eine Chiffre für die Angst und die seltsamen Verbote ist, kann man nur vermuten.

Als Liesel bei der Frau des Bürgermeisters Hermann (Rainer Bock als Vorzeige-Nazi) eine große Bibliothek entdeckt, erlaubt ihr Ilsa Hermann (Barbara Auer) so viel zu lesen, wie sie möchte. Doch irgendwann entdeckt Hermann diese heimliche Verabredung und verbietet dem Kind weitere Besuche. Rosa Hubermann, die als Wäscherin den Unterhalt der Familie bestreitet, verliert ihren wichtigsten Kunden. Liesel, und das ist natürlich ein Märchen, verschafft sich aber weiterhin Zugang zur Bibliothek und „leiht“ sich dort Bücher: Die Bücherdiebin weiß sich zu helfen.

Aber die Außenwelt bleibt ein Alptraum, in der es auch Bullying gibt, ausgeübt durch den jungen Franz Deutscher, der mit Rudi und Liesel auf die gleiche Schule geht und der in „Die Bücherdiebin“ stellvertretend für die Deformierung durch Ideologie, also Hass, Missgunst und Denunziantentum steht. Das kann man verkürzt als Schulmobbing rezipieren, aber auch als symbolische Fokussierung.
Alptraumhaft ist auch eine andere Szene: Als Max die Familie verlässt, um sie nicht zu gefährden, wird Liesel Zeugin der ersten Judendeportationen. Die Juden werden von Soldaten durch die Straßen getrieben. Verzweifelt läuft Liesel den endlosen Zug der Menschen entlang und ruft „Max?“, bis sie von einem Uniformierten zu Boden geschleudert wird. Aber was da geschieht, wird nicht erklärt, der Film wirkt indifferent. Was der erwachsene Zuschauer wissen sollte, wird für die eigentliche Zielgruppe des Films nicht unmissverständlich adressiert.

Hier entdeckt man aber auch eine Schwäche des Films: er ist im Kern unpolitisch. Die symbolische Erzählweise des Films verdichtet weitgehend den herrschenden Ungeist am Beispiel des klassischen Bösewichts, der ausgerechnet „Deutscher“ heißt, schafft es aber nicht, den Holocaust zu benennen. Sicher, es brennen Bücher und SA-Männer verwüsten jüdische Geschäfte und misshandeln Juden auf offener Straße. Aber dass ein Großteil der Deutschen bis in die späten Kriegsjahre nicht nur aus Mitläufern bestand, sondern halt auch aus begeisterten Claqueuren bestand, die ihren Profit aus den herrschenden Verhältnissen zogen, bleibt unerzählt. 
Das kann man, vielleicht muss man es sogar, auch Kindern und Jugendlichen zumuten.
Michael Petronis Drehbuch (The Chronicles of Narnia: The Voyage of the Dawn Treader, 2010; The Rite (2011) hält sich zwar an die Vorlage, spiegelt aber mit dieser Weichzeichnung den Mythos von den verführten Deutschen wider, die von einer Bande unheimlicher Monster in die Irre geführt worden sind. Nach Kriegsende weiter kolportiert, wurde dies als Geschichtsumdeutung auch von der Politik instrumentalisiert.
„Die Bücherdiebin“ strickt die Legende weiter, aber der Film sollte, wie Petroni einräumte (s.a. Pressespiegel), auf Wunsch der Produktionsgesellschaft halt ‚familienfreundlich’ werden. Ein schlimmer Euphemismus.

In Percivals Film gibt es für meine Geschmack einfach zu viele ‚rechtschaffene’ Deutsche – angefangen bei Hans, der sich gegen die Verschleppung eines ‚guten Juden’ wehrt und danach auf der Liste der Gestapo steht. Auch die Bürgermeisterin bleibt ein schimärenhaftes Wesen, dessen gute Motive unergründlich sind. Das wird zwar der kindlichen Perspektive der Filmerzählung gerecht, das Geschichtliche wird aber nivelliert.


Eine kleine Bemerkung am Rande: Ihr werdet alle sterben!

Der Tod, der in „Die Bücherdiebin“ als zurückhaltender Erzähler fungiert und von Ben Becker gesprochen wird, findet inmitten des nur dezent dargestellten Grauens zwar reichlich Arbeit, ist kein allwissender Alleserklärer. Für ihn bleiben die Menschen ebenso rätselhaft wie für Liesel und Rudi die historischen Ereignisse. 
Er studiert die Menschen, aber eher unter ferner liefen, weil auch andere Dinge sehr interessant sind. Er ist erstaunt über sie, findet ihr Leben gelegentlich berührend und ihr Sterben gelegentlich auch, aber er bleibt machtlos, obwohl er mythologisch die mächtigste Instanz ist, die man kennt und fürchtet. Gelegentlich heilt er die Seelen der Sterbenden, manche drängen sich ihm auf. Ihm laufen die Menschen nach, stellt er resigniert fest. Aber auch die, die es nicht tun, müssen am Ende sterben.

Von Auferstehung ist dabei nicht die Rede, der Tod ist im Film (über Buch kann wie ausgeführt nichts sagen) nicht der Tod des Christentums, also eine Verkörperung des durch den Sündenfall erfahrenen Verlustes des ewigen Lebens, sondern ein Zaungast, der nur das vollzieht, was er vorfindet. Er bestraft nicht die Sünde, er vollzieht das Ende. Wäre man zynisch, dann könnte man ihn unparteiisch nennen. 
Mit diesem Tod bin ich nicht warm geworden, aber so viel steht fest: Es ist nicht der Tod, den alle Faschisten glorifizieren und idealisieren. Es ist ein Tod, der eher bestürzt ist über die Anträge, die man ihm macht. Und am Ende, und das ist für den ans Happyend gewöhnten Zuschauer nicht leicht zu verdauen (erst recht nicht für Kinder), wird er alle holen, die Liesel lieb und teuer sind. Er hat es angekündigt: Ihr werdet alle sterben!

„Die Bücherdiebin“ verwandelt sich so am Ende trotz der humanistischen Botschaft in ein trauriges Mysterium. Vielleicht ist das in einem Film, der als Melodram nachdrücklich auf Symbolismen, Überhöhungen und universelle Erzähltopoi setzt, irgendwie auch realistisch. Aber wie immer segelt das Melodram dabei hart am Wind und muss den Kitschvorwurf aushalten. Nicht nur aus meiner Sicht ist das gelungen, auch die überragenden Noten im Filmclub sind sicher kein Zufall.

Das abschließende Urteil fällt daher trotz eines gelegentlichen Unbehagens positiv aus. Brian Percivals Film ist eine stilsichere Adaption des Jugendbuches gelungen, die mit einem ausgezeichneten Darstellerensemble und aufwändigen Settings punktet. Geoffrey Rush, Emily Watson und besonders die junge Sophie Nélisse spielen wirklich vorzüglich und damit hat sich auch der Verzicht auf deutsche Darsteller in den Hauptrollen gelohnt. Dass Florian Ballhaus mit seinen Bildern schon ein wenig an seinen prominenten Vater erinnert, sei nur am Rande erinnert. John Williams hat für seine pathetische Filmmusik einige Preise und Nominierungen abgeholt – ich hätte mir dagegen einen minimalistischen Score gewünscht.

Und wenn die einleitende Frage lautete „Darf man das?“, so lautet die Antwort: Ja, das darf man, auch wenn in dem Kampf zwischen einer humanistischen Botschaft und einer nihilistischen Weltordnung für den skeptischen Betrachter der Humanismus häufig den naiven Part einnimmt. Diese Skepsis ist angebracht und möglicherweise wird die Menschlichkeit am Ende den Kürzeren ziehen. Man darf aber trotzig das Gegenteil beteuern.

Noten: Melonie, Mr. Mendez = 1, BigDoc = 1,5, Klawer = 2,5

Die Bücherdiebin (The Book Thief) - Deutschland, USA 2013 – Regie: Brian Percival – Drehbuch: Michael Petroni – Kamera: Florian Ballhaus – Musik: John Williams - Laufzeit: 125 Minuten – FSK: ab 6 Jahren - D.: Geoffrey Rush, Emily Watson, Sophie Nélisse, Nico Liersch, Ben Schnetzer, Ben Becker (Erzähler), Rainer Bock, Barbara Auer.


Der Film ist seit Mitte September auf DVD und Bluray erhältlich.


Pressespiegel

„Doch so eindringlich die Begegnungen zwischen den Personen im Haus gelingen, so seltsam fad wirken Straßenszenen und Schulsituationen. Es scheint fast, als sei Regisseur Brian Percival durch seine großartige Fernsehserie „Downton Abbey“ auf die intimen Momente spezialisiert. Die Straßen, erbaut im Studio Babelsberg, scheinen leer und rein, auch wenn sie bevölkert sind. Die Bücherverbrennung ist nicht nur historisch zu spät angesetzt, sie wirkt auch steril und befremdet“ (Cornelia Geissler, Frankfurter Rundschau)

„Drehbuchautor Michael Petroni bekannte kürzlich in einem Interview , dass das Studio 20th Century Fox und der Regisseur Brian Percival seine ursprüngliche, dem magischen Realismus des Buch stärker verhaftete Drehbuchversion zugunsten einer ‚familienfreundlicheren’ Variante verworfen hätten. So ist der Tonfall nun allzu versöhnlich, und dank der heimeligen Gold- und Brauntöne von Florian Ballhaus' Kamera und der gepflegten Inszenierung von Bombenopfern und Juden-Transporten sind die Ereignisse beunruhigend leicht auszuhalten. Zusaks Buch fesselte mit der Spannung zwischen Liesels kindlichem Blick und der Erbitterung, die sogar den Tod angesichts des Kriegsentsetzens packt, aber der Film scheitert daran, dies zu übersetzen“ (Nina Rehfeld, SPIEGEL ONLINE)

„The pieces of the story, which begins in 1938, are so neatly arranged that the movie has the narrative flow and comforting familiarity of a beloved fairy tale (...) I can’t imagine that the creators of “The Book Thief” were aware of their movie’s underlying message that it really wasn’t that bad. John Williams’s score — a quieter, more somber echo of his music for “Schindler’s List” — lends the film an unearned patina of solemnity, for “The Book Thief” is a shameless piece of Oscar-seeking Holocaust kitsch“
(Stephen Holden, The New York Times).

Mittwoch, 19. November 2014

Im Labyrinth des Schweigens

Mit seinem Spielfilmdebüt packt Giulio Ricciarelli ein Thema an, von dem die Nation in den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten nichts wissen wollte und an dem fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs erneut das Interesse offenbar erlahmt. In dem Kino, in dem ich das „Labyrinth des Schweigens“ sah, saß nur eine Handvoll alter Leute.

„Im Labyrinth des Schweigens“ erzählt die Geschichte von Johann Radmann (Alexander Fehling), der sich trotz völliger Unkenntnis der historischen Zusammenhänge als einziger Staatsanwalt der Frankfurter Justizbehörde mit dem Thema Auschwitz und den NS-Kriegsverbrechen beschäftigen will. Unterstützt wird er dabei nicht nur von dem Journalisten Thomas Gnielka (André Szymanski), sondern auch von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (großartig der nach den Dreharbeiten verstorbene Gert Voss). 
Bauer selbst hat als Jude und Sozialdemokrat ein Lager überlebt und sagt Radmann auf den Kopf zu, dass die Nation kein Interesse an dem Thema hat und zudem in entscheidenden Positionen viele Alt-Nazis sitzen. Radmann wird bei seinen Ermittlungen auf ein Labyrinth stoßen, in dem alle schweigen, so Bauer. Tatsächlich werden sie aber nicht nur schweigen, sondern die von Radmann gesuchten NS-Kriegsverbrecher sogar decken oder aktiv unterstützen. Zu den Netzwerken gehören in Ricciarellis Film nicht nur die Polizeibehörden, sondern auch das BKA. Tatsächlich konnte man aber auch von den deutschen Nachrichtendiensten wenig erwarten. Der BND wurde erst ab Mitte der 1960er Jahre von Nazis gesäubert.

Der Nürnberger Prozess wurde von der Öffentlichkeit als ein Prozess der Alliierten wahrgenommen. In der Folge wurden zwar 50.000 weitere NS-Täter vor Gericht gestellt, aber nur wenige Urteile gefällt. Danach wollte die junge Republik nichts mehr von ihrer Vergangenheit wissen. Die Akten von 600.000 SS-Männern lagerten derweil in endlosen Regalgängen der US-Militärverwaltung. 

Ricciarelli zeigt die als Selbstverständlichkeit erlebte Immunisierung in seinem Film anhand von zwei exemplarischen Szenen: der Journalist Thomas Gnielka sucht mit dem Auschwitz-Opfer Simon Kirsch (Johannes Krisch) die Frankfurter Staatsanwaltschaft auf, um einen ehemaligen SS-Mann aus Auschwitz anzuzeigen, dem Kirsch zufällig begegnet ist. Der Mann unterrichtet unbehelligt an einer Schule. Die Staatsanwälte zeigen sich völlig desinteressiert. Die Anzeige landet im Papierkorb. Nur Radmann, der sich ausschließlich mit Verkehrsdelikten herumschlägt, wird zögern und das Schreiben wieder aus dem Abfall ziehen.
Später zeigt Ricciarelli, wie im Gerichtsgebäude zufällig Menschen angesprochen werden, darunter auch sehr junge Mitarbeiter der Justizbehörde: Was ist Auschwitz? Was passierte dort? Man sieht fragende Gesichter. Auschwitz war doch ein Schutzlager, sagt ein Kollege zu Radmann.
Wir sind im Jahr 1958.


Aspekte der Verdrängung

Damit zeigt Ricciarelli gleich am Anfang seines Films, dass die kollektive Verdrängung zwei Seiten hat: Einerseits gab es Täter und Mitläufer, die ein hohes Interesse daran hatten, dass ihre Schuld nicht öffentlich wurde, andererseits haben Ende der 1950er Jahre bereits viele junge Menschen de facto nichts über die Nazi-Verbrechen gewusst. Ist das authentisch? 

Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass ich in den späten 1960er Jahren in der Schule nur spärlich über den Holocaust informiert wurde und erst während des Studiums erfuhr, dass große Teile der Justiz, der Verwaltung und der Ermittlungsbehörden mit ehemaligen Parteigenossen besetzt waren. Sie hatten dank der umfassenden Entnazifizierung kaum etwas zu befürchten.

Andererseits, und das ist eines der größten Themen der Aufarbeitung geworden, sprachen die Väter nicht mit ihren Söhnen.

„Wollen Sie, dass alle Söhne ihre Väter fragen, ob sie Mörder gewesen sind?“, wird Radmann von Oberstaatsanwalt Walter Friedberg (Robert Hunger-Bühler) gefragt. „Ja, genau das will ich!“, antwortet Radmann.
Er wird am Ende der fünfjährigen kräftezehrenden Ermittlungsarbeit fast zusammenbrechen, als er erfährt, dass sein Vater ebenfalls ein Parteimitglied war. Der junge Jurist wusste dies nicht, nein, er konnte es sich nicht einmal vorstellen. Auch das ist eine Form der Verdrängung, die Giulio Ricciarelli psychologisch sehr glaubwürdig spielen lässt.

Überhaupt gelingen Ricciarelli in seinem Debütfilm bewegende Szenen: Radmanns Sekretärin Schmittchen (Hansi Jochmann) kann kaum noch den psychischen Druck der Grausamkeiten bewältigen, von denen sie beim Stenografieren der Zeugenaussagen erfährt. Und Kollege Haller (Johann von Bülow), der die Gerüchte über Auschwitz für ein arrangiertes Hirngespinst der Siegerjustiz hält und widerwillig als Verstärkung zu Radmanns Team hinzugezogen wird, wird bereits nach der ersten Akteneinsicht vom Saulus zum Paulus.

Überhaupt ist der Film durchgehend exzellent gut besetzt. Alexander Fehling („Goethe!“, „Wir wollten aufs Meer“) spielt den jungen Staatsanwalt als Simplicissimus, der nicht zu Unrecht als „Grünschnabel“ bezeichnet wird und sich das fehlende historische Wissen auf schmerzhafte Weise erarbeiten muss. Die Arbeit an den Fällen verändert ihn spürbar und macht ihn beinahe manisch, als er sich zu sehr auf die Jagd nach dem berüchtigten Auschwitz-Arzt Dr. Josef Mengele fokussiert.
Johann von Bülow ist die Rolle des Staatanwaltes Otto Haller wie auf den Leib geschrieben. Überragend die Interpretation von Gert Voss, der den Generalstaatsanwalt als altersweisen, aber beinahe schon resignierten Überlebenden des NS-Regimes spielt, dennoch aber eine beinahe unheimliche Energie bei der Unterstützung Radmanns aufbringt.
Friederike Becht als Radmanns Freundin Marlene bedient nicht nur das Love Interest des Films, sondern führt vor, dass Radmanns Arbeit zu einer psychischen Extremsituation führt, an der Beziehungen zerbrechen können. Becht funktioniert damit zwar als Plotvehikel, spielt die junge Moderschöpferin
aber glaubwürdig als intelligente Frau, die in die Zukunft blickt und nicht nach hinten schauen will und dabei ihre naive Arglosigkeit erst noch entdecken muss.
Richtig gut hat mir aber die tolle Hansi Jochmann gefallen, die in ihrer kleinen Rolle wenig zu sagen hat, aber durch ihre Körpersprache und Mimik mehr ausdrückt, als andere mit vielen Worten erklären können. Eine tolle, sehr gelungene Nebenrolle.

Auch formal kann „Im Labyrinth des Schweigens“ überzeugen. Kameraarbeit (Roman Osin, Martin Langer) und Schnitt (Andrea Mertens) vermeiden eine minimalistische Montage aus theaterhaften Totalen, wie ich es schon einigen Filmen mit diesem Sujet gesehen habe, lösen die Szenen aber nicht mit zu viel Tempo auf und sorgen damit für einen ruhigen Erzählfluss, der sein Tempo aus der zunehmend beschleunigten Entwicklung der Ereignisse bezieht. Schlicht, aber dadurch messerscharf ist die Montage, wenn sie auf die anfänglichen noch gezeigten Einlassungen der Beschuldigten gänzlich verzichtet und nur noch die Gesichter der Angeklagten aneinanderreiht: Es sind normale Männer. Aber sehen Monster anders aus? Eher nicht.


Überzeugende Rekonstruktion deutscher Geschichte

Die Arbeit von Fritz Bauer, Johann Radmann und dessen Kollegen (tatsächlich waren es damals drei Staatsanwälte) führt schließlich zur Festnahme von Robert Mulka, dem Adjutanten des Lagerkommandanten Rudolf Höß, und weiterer NS-Verbrecher. Real sind in dem Film neben den historischen Ereignissen und den zeitgeschichtlich bekannten Personen die Figuren des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, des Journalisten Gnielka und des Mitbegründers des Internationalen Auschwitz Komitees Hermann Langbein (Luhas Miko). Die meisten anderen Figuren sind fiktiv. 
1963 findet der erste von drei Auschwitz-Prozessen vor dem Landgericht Frankfurt am Mai statt. Einige Nebenprozesse mit eingerechnet, enden die Verfahren erst Anfang der 1980er Jahre.

Mit seinem Spielfilmdebüt hat Giulio Ricciarelli einen großen Wurf gelandet. „Im Labyrinth des Schweigens“ wird der beginnende Wandel der deutschen Nachkriegsjustiz mit präzisen, genau beobachteten und gut recherchierten Szenen zu einer durchweg spannenden, aber nicht künstlich dramatisierten, einzigartigen Rekonstruktion deutscher Geschichte und deren Be- und Empfindlichkeiten. Ricciarelli und Drehbuchautorin Elisabeth Bartel ist ein starkes Stück Kino gelungen, das auch die Frage hinterlässt, warum man so lange auf einen derartigen Film warten musste. 

Über die Figur des Johann Radmann hat Ricciarelli in einem Interview gesagt: „Auf einer Metaebene ist er die junge Republik, mit der Naivität am Anfang und dem Fast-Zerbrechen daran. Die Mengele-Figur, in die er sich verbeißt, hat auf der psychischen Ebene viel damit zu tun, denn es ist leicht, den Dämon zu hassen, aber was ist mit den Normalen, die, die z.B. das Zyklon B eingefüllt haben - sind die nicht dramatisch genug? Das ist auch ein Reifeprozess der Figur, sich der Normalität zu stellen.“

Möglicherweise eine Feststellung mit Schlüsselcharakter, denn es waren nicht nur die ‚normalen’ Täter (ein bezeichnender Euphemismus), sondern auch die stillen Mitläufer und Profiteure des NS-Regimes, die erfolgreich verdrängt haben. Aber zum Verdrängen gehörte eben nicht nur das Unterdrücken des eigenen unangenehmen Wissens, sondern auch dessen Nichtvorhandensein. Wer dies für paradox hält, sollte sich diesen Film einfach mal anschauen. Denn wer die eigene Geschichte nicht zur Kenntnis nimmt, auch wenn er nicht schuldhaft daran beteiligt war, sorgt für eine Haltung, die durchkreuzt werden muss. Gerade weil Viele mittlerweile glauben, dass nun endlich Schluss sein müsse.


Die historischen Hintergründe: Der Bock wird zum Gärtner gemacht

„Durch die Denazifizierung ist viel Unheil und viel Unglück angerichtet worden“ stellt Konrad Adenauer 1945 vor dem Bundestag fest und fügt hinzu, dass die Schuldigen bestraft werden müssen, aber man nicht länger zwischen zwei Klassen von Menschen in Deutschland unterscheiden soll. Die Unterscheidung zwischen politisch Einwandfreien und nicht Einwandfreien müsse verschwinden. 

Adenauer hatte dies formuliert, weil geheime Umfragen der Alliierten ein ernüchterndes Ergebnis präsentierten: Die Mehrheit der Deutschen hielt den Nationalsozialismus nach wie vor für eine gute Idee, die lediglich schlecht durchgeführt worden war. 

Rasch wird ein Gesetz eingebracht, das minderschwere Verbrechen aus der Nazizeit amnestiert. Eines der ersten Gesetze des Bundestages. Die Akten sollen nach Adenauers Vorstellung unter Verschluss bleiben, was leicht fällt, da die Amerikaner den Zugang kontrollieren, so wie es auch im „Labyrinth des Schweigens
“ dargestellt wird. 

Anfang der 1950er will Adenauers junge Republik dann wegen Personalmangels wieder auf hoch belastete Täter zurückgreifen, die von den Alliierten aus ihren Ämtern entfernt worden sind. Mit dem 131er-Gesetz (nach Art. 131 Grundgesetz) wird diese Tätergruppe nicht zugelassen, es sei denn, sie sind von Amtswegen beordert worden. Was wie die Formulierung einer Ausnahme klang, war indes der Normalfall.
Nun konnten über 50.000 NS-Beamte wieder in den Staatsdienst aufgenommen werden. Darunter auch belastete NS-Juristen, die nun darüber entscheiden konnten, ob gegen NS-Verbrecher Ermittlungen aufgenommen werden sollten.


1951 scheint nur ein Thema die Presse zu interessieren: die
Versorgungsansprüche und zu leistenden Abschlagssummen, die fällig werden bzw. an die neuen Staatsdiener gezahlt werden sollen. Die ZEIT schreibt am 13.12.1951: „Die verdrängten Beamten, die ihrem Unmut über das ihnen unverständliche Hinausziehen in zahllosen Protestschreiben an Behörden und Zeitungsredaktionen Ausdruck geben, haben Anspruch darauf, daß sich der Amtsschimmel wenigstens dort, wo man ihm schon die Hürden aus dem Weg geräumt hat, in Trab setzt.“
Dem Gesetz stimmen alle Parteien ohne Gegenstimmen zu, sogar die KPD.
Auf diese Weise wird das Justizministerium zu einer „Hochburg der Nazis“, wie die ARD unlängst in einer Dokumentation bilanzierte.

Die wegen Protesten aus dem Ausland gegründete Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen (Ludwigsburg) wird lahm gelegt, als Adenauer den Beitritt der Bundesrepublik zur NATO von der Niederschlagung aller Gerichtsverfahren abhängig macht, die im Ausland gegen deutsche Kriegsverbrecher eingeleitet werden sollen.
Akten
werden weggeschlossen.

Alles scheint alles irgendwann verjährt und vergessen zu sein, nur Mord im Zusammenhang einer klar nachweisbaren Einzeltat kann den Tätern noch gefährlich werden, wenn ein Ermittlungsinteresse besteht und Zeugen beigebracht werden können. Häufig ist beides nicht der Fall.
Fritz Bauer und seine Staatsanwälte haben schließlich diesen ungleichen Kampf angenommen. Das Ergebnis kann in Wort und Schrift auf der Homepage des Fritz Bauer Instituts geprüft werden (s.a. Quellen).

Quellen:

  1. ZEIT-Archiv „Die enttäuschten 131er“
  2. Interview mit Giulio Ricciarelli, zitiert aus: epd-film
  3. „Akte D - Das Versagen der Nachkriegsjustiz“, ARD 2014, Dokumentation, Infos.
  4. „Der Auschwitz-Prozess“, Online Dokumentation
  5. „Tonbandmitschnitt des 1. Frankfurter Auschwitz-Prozesses“, Fritz Bauer Institut (sehr empfehlenswerte Website; die Mitschnitte stehen auch als Mitschrift (PDF) zur Verfügung)

BigDoc = 1,5

Im Labyrinth des Schweigens – D 2014 – Laufzeit: 123 Minuten – Regie: Giulio Ricciarelli – Buch: Elisabeth Bartel, Giulio Ricciarelli – D.: Alexander Fehling, Gert Voss, André Szymanski, Friederike Becht, Johann von Bülow, Robert Hunger-Bühler, Hansi Jochmann, Johannes Krisch.