Posts für Suchanfrage Ex Machina werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage Ex Machina werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 29. April 2015

Ex machina

Den Deus ex machina kennen wir als ‚Gott aus der Maschine’, etwa wenn in einer antiken Tragödie eine olympische Gottheit auftritt, die unerwartet einen aussichtslosen Konflikt löst. Um überhaupt auf der Bühne erscheinen zu können, bedarf es einer mechanischen Vorrichtung, mit deren Hilfe man die Gottheit in den Theaterraum schweben lässt. Die Mechanik wird allerdings von Menschen gebaut. Wenn Alex Garland in seiner KI-Spekulation „Ex machina“ das Deus aus dem Filmtitel streicht, bleibt immerhin die Frage, was denn nun in der Maschine steckt und welcher Konflikt gelöst werden soll.

In Alex Garlands filmischem Kammerspiel gibt es wie in Alan Turings „Imitationsspiel“ drei Teilnehmer. Anders als bei Turing ist aber von Anfang an klar, wer was ist, die Karten liegen auf dem Tisch. In „Ex Machina“ gibt einen Versuchsleiter, einen Tester und das Testobjekt, eine intelligente Maschine. Alle kennen ihre Identität. Nun soll nur noch die Frage beantwortet werden, ob der weibliche Android Ava auch empfindungsfähig ist. 

Strippenzieher des Experiments ist der stinkreiche CEO Nathan Bateman, der Milliarden mit der Suchmaschine „Blue Book“ verdient hat und sich in die Einsamkeit Alaskas zurückgezogen hat, um in einer unterirdischen Forschungsanlage eine Künstliche Intelligenz (KI) zu entwickeln. Ob das Experiment gelungen ist, soll der Nachwuchs-Programmierer Caleb Smith herausfinden. 
Der schüchterne, aber hochintelligente Nerd hat den Besuch bei dem Internet-Mogul in einem Firmen-Preisausschreiben gewonnen und wird von dem Wodka saufenden Macho-Boss und dessen hemdsärmeliger Freundlichkeit zunächst regelrecht überrumpelt. Doch Nathan ist kein Kumpeltyp und der vermeintlich nette Kurzurlaub entpuppt sich als klaustrophobischer Laborversuch, bei dem sich die Türen schließen und die Anlage nicht mehr ohne Weiteres verlassen werden kann.

Caleb (Domhnall Gleeson: „Harry Potter and the Deathly Hallows“, Part 1 und 2, 2010; „Anna Karenina“, 2012) erfährt recht schnell, welche Rolle ihm zugedacht ist. Naiv spekulierend vermutet er, dass in einer KI-Software möglicherweise neue Götter stecken, sein Gegenüber Nathan (Oscar Isaac: „The Bourne Legacy“, 2012; „Inside Llewyn Davis“, 2013, „A Most Violent Year“, 2014), bezieht den Begriff selbstverliebt auf sich selbst, ist er doch der Schöpfer der KI. Menschliche Hybris und Naivität prallen also aufeinander, bevor Caleb das erste Gespräch mit dem Androiden Ava (Alicia Vikander: „Anna Karenina“, 2012) führen kann, und es ist offensichtlich, dass zumindest die Naivität schnell verschwinden wird.

Wie in einem Laborversuch unterteilt Alex Garland mit Zwischentiteln die Etappen des Films in Abschnitte. Auch Caleb verhält sich in den Gesprächen mit Ava methodisch und organisiert, aber während der von Nathan per Kamera überwachten Versuchssitzungen wird er zunehmend von Avas neugierigem und charmanten Auftreten überwältigt. Besonders auch, weil der Android eine Testfrage rhetorisch durchschaut und mit einer schlagfertigen Gegenfrage einfach den Spieß umdreht.
Humor? Sarkasmus? Alles ein Beweis von Intelligenz?

Caleb erfährt von Nathan, dass Ava ein bio-chemisches Gehirn mit hoher Lernfähigkeit besitzt und damit nicht ausschließlich software-basiert funktioniert. Zudem besitzt der Android sensorische Rezeptoren, die Ava eine eigene Sexualität ermöglichen. Es sei inkonsequent, beim Test einer KI auf so ein diskretes Merkmal zu verzichten, erklärt Nathan.
Dass ein anderer, allerdings stummer weiblicher Android Nathan offenbar als Dienerin und Sexsklavin dient, löst bei Caleb Widerwillen aus. 
In dem fensterlosen Labor stimmt etwas nicht. Caleb dämmert dies, als Ava ihn während eines Stromausfalls davor warnt, Nathan zu trauen.
Die narzisstischen Eigenschaften seines Gastgebers hat Caleb inzwischen kennengelernt, nun tauchen auch noch ethische Fragen auf. Als er fragt, was mit Ava passieren wird, falls sie den Test nicht besteht, erklärt Nathan, dass Ava ein Prototyp sei und er vor der Konstruktion der finalen Version steht. Ein Scheitern des Test würde bedeuten, dass Ava „formatiert“ und ihr Gedächtnis gelöscht wird. Caleb entwendet daraufhin dem stockbetrunkenen Nathan die Key Card und entdeckt auf einem Laborcomputer zahlreiche Videoprotokolle, die Nathans Versuche mit Avas Vorgängermodellen dokumentieren. Die Videos zeigen einen gefühlosen Entwickler, dem es offensichtlich völlig egal ist, dass seine Geschöpfe entweder wahnsinnig werden oder lethargisch kollabieren. Caleb ist nun klar, dass er Ava aus dem Labor befreien muss.


Was Androiden denken und fühlen – oder auch nicht

Alex Garland, der als Autor u.a. die Filmskripts für Danny Boyles „28 Days Later“ und „Sunshine“ geschrieben hat, orientiert sich in seinem Regiedebüt durchaus an dem von Alan Turing 1950 erdachten Test, allerdings anders als erwartet. Turing hatte sein Imitationsspiel zunächst für menschliche Teilnehmer entwickelt. Ein Fragesteller sollte herausfinden, welcher seiner unsichtbaren Gesprächspartner ein Mann und wer eine Frau ist. Dass das Täuschen und Manipulieren bei einer der Personen zur Versuchsanordnung gehörte, während die andere den Fragesteller unbedingt unterstützen musste, schloss keineswegs aus, das Test-Setting auch auf Mensch und Maschine zu übertragen – der Turing-Test. 

Angestaubt ist Turings Versuch nicht, bislang hat ihn allerdings kein Computerprogramm zufriedenstellend lösen können. Die Debatte über Turing hält an. Interessant scheint seine Frage zu sein, ob Menschen sich als Maschinen und Maschinen als denkende Entitäten beschreiben lassen. In den 1950er Jahren war man der Auffassung, dass beides kategorisch auszuschließen ist, aber der eigentliche Witz war Turings Überlegung, ob die Fragestellung nicht an sich unsinnig ist.
Dies ist wohl der Fall.

65 Jahre später ist die Hirnforschung immer noch nicht in der Lage zu erklären, was denn Bewusstsein ist, was Qualia sind und was eine ‚Person’ ausmacht. Aber man ist etwas weitergekommen, die Hypothesen sind interessant und teilweise können sie sogar empirisch verifiziert werden. Dabei schwanken die Vertreter der Neuro- und Kognitionsforschung zwischen einem Reduktionismus auf neuronale Substrate (mentale Zustände werden durch lokale neuronale Zustände markiert) und der Hypothese eines emergenten Bewusstseins (kurz gesagt: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile) hin und her. Aber wenn man sich nicht einmal selbst versteht, sind Spekulationen über KI eigentlich müßig.

Trotzdem können wir nicht von ihnen lassen.

Wenn man António Damásios Konzept Glauben schenkt, dann ist menschliches Bewusstsein, und damit auch unsere spezifische Intelligenz, unlösbar mit unseren körperlichen Zuständen verknüpft. Der portugiesische Neurowissenschaftler beschreibt in seinem Buch „Descartes’ Irrtum“, dass wir emotionale Erfahrungen in einem körpereigenen Signalsystem speichern, den somatischen Markern. Diese wiederum liefern uns in Entscheidungssituationen ein erstes Feedback, lange bevor wir mit sprachlichen oder analytischen Mitteln beginnen, unsere Entscheidungen reflektiert anzugehen. Die Trennung von Geist und Körper, bekannt als Leib-Seele-Dualismus, könnte tatsächlich einer der größten Irrtümer der Philosophiegeschichte sein.


Bewusstsein als körperliche Erfahrung ist deshalb etwas, was der weibliche Android in „Ex machina“ nicht besitzen kann, auch wenn sich Ava zunächst hübsche Kleider anzieht und sich dann auch Haut- und Fleisch-Implante aufträgt. Wenn Körper und Fühlen und Denken gemäß Damásio zusammengehören, so bedeutet dies aber nicht, dass Denken ohne Körper unmöglich ist. Womit man wieder bei Turing gelandet ist.
Dass Ava nicht nur denken kann, sondern auch versteht, was Menschen fühlen, wird in Garlands Film immer deutlicher. Sie flirtet mit Caleb, macht sich hübsch für ihn, schafft intime Situationen und weckt seine Beschützerinstinkte. Alicia Vikanders Spiel ist ein kleines Wunder aus Schauspielkunst und verblüffender Tricktechnik. Und obwohl durch die netzartige Bekleidung die Mechanik des stählernen Skeletts durchschimmert, ist man als Zuschauer geneigt zu glauben, dass der Android ‚menschlich’ ist.
Eine moderne Fragestellung des Bewusstseins würde nun lauten: Erlebt die KI ihre mentalen Zustände auch? So wie wir Schmerz oder die Farbe Rot auf besondere Weise erleben? Oder ist Denken und intentionales Handeln auch ohne dieses diskrete menschliche Charakteristikum möglich?

Soweit treibt Garland die Überlegungen seiner Figuren in „Ex machina“ zunächst nicht. Caleb will wissen, woher Ava ihr Wissen bezieht und Nathan erklärt es ihm: Seine KI, und dies ist durchaus witzig oder Angst einflößend, bezieht es nicht aus einer eigenen Kindheit, aus Erziehung und Erfahrung, aus emotionalen Erlebnissen und den Erfahrungen von Glück und Enttäuschung, sondern aus dem World Wide Web.
Früher dachten immer alle, dass Suchmaschinen die Sammlung dessen seien, was die Menschen denken, erklärt Nathan ganz zu Anfang. Es ist aber ganz anders: Suchmaschinen offenbaren uns, wie die Menschen denken.
Ava ist also mit dem gefüttert worden, wonach wir bei Google suchen und zieht ihre eigenen Schlüsse daraus. Sie filtert quasi die Archetypen unserer Bedürfnisse heraus. Ava ist also eigentlich eine Meta-Suchmaschine, die allein durch die gigantische Menge der angelieferten Daten lernt, nach Verknüpfungen und Mustern zu suchen. Dies entspricht in groben Zügen dem, was in einem Goggle Brain-Projekt im kalifornischen Mountain View derzeit versucht wird (1). Stichwort: Deep Learning.

Genauso wie die Betreiber von Cookies und Suchmaschinen unsere Daten erfassen, abspeichern und analysieren, damit wir uns in der personalisierten Werbung wiedererkennen, spiegeln auch Calebs Gespräche mit Ava zunehmend deren ‚Verstehen’ von Calebs Empfindungen wider. Aber wie im realen Leben und im virtuellen Web ist dies ohne Strategie und Intentionalität kaum denkbar. Doch welche Ziele verfolgt Ava?
Auch der Zuschauer findet sich plötzlich in der fiktiven Versuchsanordnung des Films wieder und läuft wie im wirklichen Leben vor eine Wand, hinter der sich komplexe und unverständliche Strukturen befinden. Wenn wir Caleb sprechen hören, können wir die Bedeutung seiner Fragen verstehen. Avas Antworten können wir zwar grammatikalisch und semantisch analysieren, aber nicht restlos verstehen, weil wir nicht fühlen können, wie sich ihr Denken und ihre Wortbedeutungen anfühlen.Hat KI ihre eigenen Qualia?

 
Aber wie bei Turing ist die Täuschung in "Ex machina" Teil des raffinierten Spiels. Ausgerechnet der manipulative und egozentrische Nathan ist bereits einen Schritt weiter: Ihm ist klar, dass die Künstliche Intelligenz den Sieg davontragen wird und Menschen in der Welt der denkenden Maschinen irgendwann die Rolle bemitleidenswerter Tiere einnehmen werden.
Aber wie werden sie  mit uns verfahren?
Es ist deshalb kein überraschender Plot-Twist, dass nicht Ava die Testperson ist, sondern Caleb. Die eigentliche Frage lautet: Wer täuscht denn nun wen und mit welchen Mitteln?


Die Träume des Kinos

Künstliche Intelligenz hat das Kino seit Fritz Langs „Metropolis“ beschäftigt. Und häufig ging es dabei um die Frage: Ist sie menschlich? Ob diese Frage überhaupt Sinn macht, ist eine Sache. Die Antworten, die das Kino gab, ist eine andere. Kino befriedigt Ängste und Sehnsüchte, mal im Diskurs, häufiger aber als Frage nach der Emotion. Und immer wieder ging es um die Suche nach dem Menschlichen im Nicht-Menschlichen.

Das gab es rudimentär im „Terminator“ zu entdecken: Die Maschine musste in einer Art von Rollenspiel den Vater mimen und eigentlich sollte es klar sein, dass dies nur eine freundliche Täuschung des Zuschauers sein konnte. „Robocop“ musste dagegen seine Erinnerungen zurückerobern, um unsere empathische Auslegung seiner Identität als ‚Person’ emotional zu unterfüttern.

Bleiben noch die Ängste, mit denen das Sci-Fi-Kino ebenfalls lustvoll spielt, wenn es um denkende Maschinen geht. Etwa, wenn in „2001 – A Space Odyssee“ der Bordcomputer HAL notwendig verrückt wird, weil er die Dilemmata seines Auftrags nicht anders lösen kann. Ein Running Gag des Genres ist auch die Angst vor einer vom Organischen losgelösten Evolution des menschlichen Geistes in einem Supercomputer („Transcendence“, 2014), der trotz (oder wegen?) seines humanen Ursprungs zu einer weltbeherrschenden Superintelligenz mutiert. Und so zeigt das Kino, dass wir KI in ihren unterschiedlichen Spielarten offenbar nur verstehen können, wenn wir unsere eigenen Gefühle auf sie projizieren und unterstellen, dass wir eine menschliche Antwort erhalten, auch wenn diese nur ein Spiegelbild unserer Defizite ist.

Beeindruckend führte Steven Spielberg in „A.I.“ vor, wie diese Projektionen funktionieren. Der zu Unrecht unterschätzte (2) Film demonstrierte, wie unsere emotionalen Übertragungen in die Sackgasse führen. Mit seinem Schlussbild zeigte Spielberg, dass die Welt keine Versöhnung bereithält, weder für Menschen noch für Andoriden. Jedenfalls nicht im Rahmen ihrer spezifischen ‚Programme’. „A.I.“ erzählt nicht von der Menschwerdung eines Androiden, sondern von der Selbst-Findung einer nicht-menschlichen Spezies im Rahmen der durch die Software festgelegten Denk- und Gefühlsmuster.

Am konsequentesten in Sachen KI war und ist Ridley Scotts „Blade Runner“. Scott verrätselte nicht die Identität seiner Hauptfigur (ist er selbst ein Replikant?), sondern brachte auch unsere paranoide Angst vor dem Künstlichen auf den Punkt. In „Blade Runner“ wird den Replikanten im Voight-Kampff-Test bereits durch die Testparameter unterstellt, dass sie empathiefrei sind, während der Film eher den Schluss zulässt, dass es die zur Ausmerzung entschlossenen Menschen längst nicht mehr sind. Der vermeintlich emotionslose Replikant Roy (Rutger Hauer) demonstriert am Ende des Films in seinem berühmten Monolog (3) kurz vor seinem Tod, dass die Poesie eines Androiden keineswegs die eines Menschen ist, aber Menschen verstehen können, dass es Poesie ist.

Spike Jonze’ „Her“ erzählte dagegen davon, dass Anthropomorphisierung zu unserem zukünftigen Umgang mit KI gehören wird – die Eigenschaft, Dingen menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Es scheint tatsächliche plausibel zu sein, dass wir uns während der Konfrontation mit einer Künstlichen Intelligenz nicht besonders für logische oder ontologische Probleme interessieren werden, sondern für den emotionalen Mehrwert des Ganzen. 


Dabei ist das nicht die Quintessenz des Problems. Es geht nicht darum, ob Maschinen denken. Auch nicht darum, ob sie Gefühle haben. Oder Qualia. Sondern darum, dass dies alles, wenn es denn eines Tages von uns erschaffen wird, definitiv nicht menschlich sein wird. Das aber macht die Kommunikation mit KI eigentlich noch spannender.

Trotz seiner interessanten Spekulationen bleibt „Ex machina“ hinter seinen großen Vorbildern ein wenig zurück, ist aber im Großen und Ganzen ein denkwürdiger Beitrag zum Thema. Die bildgewaltige Kinometapher Ridley Scotts wirkt immer noch wie ein Monolith und Spike Jonze’ phantasievolle Version war auch im Diskurs schlagfertiger, aber Garlands Film kann ordentlich mithalten, auch wenn das Filmende doch etwas zu konventionell geraten ist. Denn in „Ex machina“ bleibt den Protagonisten am Ende die gewalttätige Auseinandersetzung um die Deutungshoheit nicht erspart. Das müffelt ein wenig und riecht nach Klischee, ist innerhalb des von Garland entworfenen Plots aber plausibel.
Sollten wir jemals eine KI entwickeln, könnte sich zeigen, dass sie uns vermutlich studieren wird, um sich danach von uns abzuwenden. Entweder, weil wir zu stupide sind oder weil sie andere Interessen hat als eine biologische Entität. Die Frage nach der Intelligenz rückt dann aus dem Zentrum und zeigt eigentlich nur, dass menschliche Intelligenz-Tests für eine KI nur die menschlichen Hypothesen und Parameter replizieren.

Data hat dies in „The Quality of Life“ (Star Trek – The Next Generation, Season 6, Ep. 9) auf den Punkt gebracht: Der Android hat erst gar nicht nach Intelligenz gefragt, sondern Dr. Crusher mit einer anderen Frage konfrontiert: „Was ist Leben?“ Dabei ging es um die sogenannten Exocomps, Maschinen, die in der Lage sind, selbstständig Werkzeuge für unterschiedliche, meist gefährliche Einsatzzwecke zu bauen. Als eine der Maschinen einen Einsatzort verlässt, kurz bevor es zu einem Störfall kommt, wird Data stutzig. Handelt so eine Maschine? Nach Datas Hypothese folgen alle Lebensformen der Prämisse, ihr Leben zu erhalten.
Diese Überlegung scheint mir deutlich klüger zu sein als der ganze Klimbim mit Intelligenzmustern, Empfindungen und Gefühlen. Künstliche Intelligenz wird einfach ANDERS sein. Sie wird um ihr Leben bangen und angesichts der moralischen Verfassung ihrer Schöpfer damit beginnen zu kämpfen. Das wiederum hat Garland ziemlich überzeugend in „Ex machina“ vorgeführt. Es ist in etwa das, was passieren würde, wenn eine KI das dritte Asimov'sche Gesetz der Robotik an die erste Stelle stellt und die beiden anderen kassiert.

(1) Zum Thema
Deep Learning empfehle ich den Spektrum-Aufsatz „Wie Maschinen lernen lernen". Fortgeschrittene können sich gleich auf der Homepage des Projekts umschauen.

(2) Lesenswert ist hier John Searles vernichtende Kritik in DIE ZEIT (6.9.2001).

(3) “I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain ... Time to die.”


Noten: BigDoc, Klawer = 2

Ex Machina, GB 2015 - Regie, Buch: Alex Garland. Kamera: Rob Hardy. D.: Domhnall Gleeson, Alicia Vikander, Oscar Isaac. Laufzeit: 108 Minuten.

Mittwoch, 21. August 2024

Civil War - Alex Garlands unentschlossener Film

Alex Garland ist ein anstrengender Filmemacher. „Ex machina“ (2015) war ein sehr differenzierter Film über eine KI, die überleben will. Über „Annihilation“ (2018) schrieb ich, dass der Film schön aussieht, aber schweigt. Die Note „2“ gab es für beide Filme. Garlands Mini-Serie „Devs“, die einige Kritiker als kulturgeschichtliches Highlight verorteten, entpuppte sich dagegen als pseudowissenschaftlicher Versuch mit banalen Erkenntnissen. Note: 4.

Fazit: Es wurde immer schwerer, dem auteur Alex Garland auf seinen verschlungenen Pfaden zu folgen. In seinem neuen Film „Civil War“ überschüttet Garland den Zuschauer nicht mit philosophischen Diskursen über Quantenphysik und freien Willen. Nein, im Gegenteil: Der Film verschweigt erneut etwas. Nämlich das Thema. Der Film hätte den Sinn und Unsinn von Kriegsfotografie verhandeln können. Das tut er nicht. Und obwohl die Analogie zu aktuellen Problemen in den USA den Zuschauer förmlich anspringt, lehnt Garland diesen Zusammenhang ziemlich deutlich ab. Unterm Strich ist das zu fade Kost.

Dienstag, 13. März 2018

„Annihilation“ - SciFi exklusiv auf NETFLIX

„Auslöschung“ heißt der deutsche Verleihtitel. Wer denkt da nicht an völlige Zerstörung? In der Physik funktioniert Annihilation anders. Wenn ein Teilchen mit einem Antiteilchen zusammentrifft und beide zerstrahlen, verschwinden sie nicht, sondern verwandeln sich in andere Teilchen. Das kommt dem Film von Alex Garland recht nahe.

Alex Garland hat mit „Ex Machina“ einen sehenswerten Film über Künstliche Intelligenz geschaffen. Gut kam der von Oscar Isaac gespielte Schöpfer der KI dabei nicht weg. Garlands bemerkenswerte Studie über den Überlebenswillen einer KI spielte in Räumen, Laboren, weit entfernt vom Tageslicht. Ein etwas klaustrophobischer Film.
In „Annihilation“ wird der Zuschauer in eine fremde Welt versetzt, die sich aus Fragmenten dessen, was sie gewesen ist, und etwas völlig Anderem, Fremden zusammensetzt. Ein Wald, in dem eine fremdartige Vegetation die Herrschaft übernommen hat und im dem Hirsche auftauchen, die statt eines Geweihs wunderschöne Äste mit farbfrohen Blüten tragen. Und dann völlig synchron davonhüpfen. Dort verwandeln sich die Menschen gelegentlich in Pflanzen, aber man weiß nicht so recht, ob das immer geschieht. Denn dort, wo „The Shimmer“ herrscht, gibt es offenbar keine Gesetze.


Donnerstag, 8. Oktober 2020

Devs - eine Serie am Rande des Machbaren

Alex Garlands Sci-Fi-Serie „Devs“ wurde im deutschsprachigen Raum von den Kritikern erstaunlich einhellig gehypt. Schnell machte das verdächtige Prädikat „Beste Sci-Fi-Serie aller Zeiten“ die Runde, so als hätte es – qualitativ betrachtet - monolithische Serien wie „Battleship Galactica“ oder den komplexen Star Trek-Kosmos nie gegeben.

Ein Teil der Faszination der Serie war einem Thema zu verdanken, das die Philosophie seit Jahrhunderten und die Physik spätestens seit Einstein zu komplexen Debatten angeregt hat: es geht um den Determinismus. „Devs“ geriet dabei mit einer simplen Vereinfachung der komplexen Zusammenhänge schnell auf die falsche Spur, auch wenn die Serie von den metaphysischen sozialen Konsequenzen des Determinismus recht ordentlich erzählt.

Sonntag, 14. September 2025

Strange New Worlds Staffel 3 – die Star-Trek-Serie schwächelt, Teil 3

Schwächelte die 3. Staffel wirklich? Geht man nach dem Notenschnitt, dann lautet die Antwort: Ja! Von 2,3 auf 2,75 - gut ist das nicht. Allerdings bekamen fünf Episoden die Note 2 oder besser, was zu einem "Jein" führt.

Abseits dieser Formalismen lässt eins auf jeden Fall erkennen: die Serie hat viel von ihrer Originalität eingebüßt. Es fehlen gute Skripts. Am liebsten solche, die es nicht nötig haben, bekannte Storys aus älteren Serien neu aufzuwärmen.

Montag, 10. August 2015

Unbroken

Angelina Jolies zweite Regiearbeit galt lange Zeit als Oscar-Kandidat. Die Geschichte des Olympiateilnehmers Louis Zamperini, der während des Zweiten Weltkriegs in der US-Air Force diente, in japanische Gefangenschaft geriet und dort „ungebrochen“ systematischer Folter widerstand, ist purer Kinostoff. Dennoch wurde aus „Unbroken“, besonders in Deutschland, ein handfester Skandalfilm.

Dezember 2014: „Unbroken“ ist der dritterfolgreichste Film an den amerikanischen Kinokassen. Die Macher gehören zum Who is Who des US-Kinos. Das Drehbuch haben u.a. Joel und Ethan Coen geschrieben, die erlesenen Bilder bringen Kamera-Genie Roger Deakins (u.a. „The Shawshank Redemption“, „Fargo“, „No Country for Old Men“, „Skyfall“) eine Nominierung für die Academy Awards ein. Und den Soundtrack besorgte der mehrfach preisgekrönte französische Komponist Alexandre Desplat („The Grand Budapest Hotel“, „The Imitation Game“). Was kann da schon schief gehen? Eine Menge. Zumindest für einige Kritiker. „Unbroken“ hat einen Teil der Prügel einstecken müssen, die eigentlich „American Sniper“ verdient hat.


Die Kamera ist der Held

1943: Mit einem Cold Open springt „Unbroken“ in einen Bombenangriff der Air Force auf die von den Japanern gehaltene Insel Nauru. Mit an Bord ist der Bombenschütze Louis Zamperini (Jack O’Connell), der nach dem Abwurf in schwindelnder Höhe verzweifelt versucht, die defekten Bombenklappen zu schließen. Das Flugzeug wird von der Flak mehrfach getroffen, die Landung auf der Basis ist ein kleines Wunder.
 Der zweite Einsatz der Crew, eine Rettungsmission, wird endgültig zum Desaster. Das schon vor Start bruchreife Flugzeug muss nach dem Ausfall mehrerer Motoren mitten auf dem Pazifik notwassern. Nur drei Crewmen überleben den Crash: Zamperini, der Crewman Mac (Finn Wittrock) und der Pilot Phil (Domhnall Gleeson, „Ex Machina“). 47 Tage lang treiben die Drei in Schlauchbooten auf dem Meer. Und bald kommen auch die Haie.

In „Unbroken“ ist zu Beginn die Kamera der eigentliche Held. Roger Deakins gelingen nicht nur dramatische, sondern auch präzise und stimmungsadäquate Bilder. Dies gilt erst recht für die Flashbacks, in denen Angelina Jolie im ersten Filmdrittel die Backstory Zamperinis erzählt. Der junge Louis (von C.J. Valleroy großartig gespielt) ist das Kind einer gutbürgerlichen italienischen Familie, aber im Gegensatz zu seinem Bruder Pete (Alex Russell) ist er ein Streuner, der klaut und raucht und wegen seiner italienischen Wurzeln auch mal Prügel von anderen Straßenkindern bezieht. Erst als ihn Pete an den Langlauf heranführt, entwickelt Louis zum ersten Mal Ehrgeiz und Disziplin.

Deakins Kamera fängt dies stilistisch überragend mit souveräner Kadrierung und eleganten Perspektiven ein, die mehr als nur ein wenig an die großen Kinofilme der 1960er Jahre erinnern. Es sind aber eher intime als monumentale Bilder, wenn Zamperini bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin beim 5000 m-Lauf zwar nur Achter wird, aber die letzte Runde als Erster unter 60 Sekunden läuft. Angelina Jolie wollte einen klassischen Film machen – das ist ihr gelungen.

Den älteren Louis Zamperini spielt Jack O’Connell als Anti-Helden. Und das gelingt Jack O’Connell, der
als Rookie mit „Unbroken“ wohl den Durchbruch geschafft hat, überzeugend. Während er mit seinen Kameraden im Pazifik treibt, übernimmt er eher zurückhaltend die Rolle des Anführers. Als Mac heimlich die gemeinsamen Vorräte isst, reagiert er eher unschlüssig – ein Held sieht anders aus.
Angelina Jolie nimmt sich in diesen Sequenzen sehr viel Zeit. Der Film beginnt sein Erzähltempo auffällig zu drosseln. Das erbärmliche Dahinvegetieren in den Schlauchbooten wird mit akribischer Detailversessenheit und beinahe dokumentarisch geschildert: Fische werden gefangen, die Männer müssen das rohe Fleisch zunächst aber auskotzen, Regen wird mit Planen aufgefangen, Zamperini erzählt Geschichten, damit sich keine Agonie breit macht. Aber dann stirbt Mac an Entkräftung, nachdem die Drei den Angriff eines japanischen Tieffliegers zuvor noch knapp überlebt haben. „Unbroken“ wendet sich im Mittelteil trotz dieser Einlagen vom Timing vertrauter Actionmuster ab und nimmt eine konsequent naturalistische und beinahe schon zwanghaft penible Perspektive ein. Nicht jeder wird das spannend finden.

Als Louis und Phil nach 47 Tagen von einem japanischen Kriegsschiff aufgelesen werden, beginnt für Zamperini die Höllentour durch verschiedene Kriegsgefangenenlager. War der Film bereits zuvor schon langsam, so steigert sich der Inszenierungsstil von Angelina Jolie nun zu einem beinahe monotonen Bildfluss, der auf dramaturgische Spannungsmomente verzichtet. Nebenfiguren wie Phil verlieren sich in der Geschichte, neue Figuren werden weder ausgebaut noch erhalten sie eine Bedeutung, die über kurze One-Liner hinausgeht.
Im Fokus steht nun die Beziehung zwischen Zamperini und dem sadistischen Korporal Mutsuhiro „The Bird“ Watanabe (gespielt von dem japanischen Rock- und Hip-Hop-Musiker Takamasa Ishihara, Künstername: „Miyavi“). Trotz seines niederen Rangs ist Watanabe der Kommandant des Lagers und der berühmte Langläufer Zamperini wird zu seinem Lieblingsfeind. Es setzt Schläge und als der Amerikaner es ablehnt, für einen Radiosender in Tokio Propagandatexte zu sprechen, lässt ihn Watanabe von den Mitinsassen der Reihe nach mit der Faust ins Gesicht schlagen. Es sind mehr als 200 Männer im Lager.


"If I can take it, I can make it"

Also auf keinen Fall „Die Brücke am Kwai“. Eher ein dokumentarisch protokolliertes Dahinsiechen. Unterbrochen von sadistischen Einfällen Watanabes. Am Ende arbeiten die Gefangenen dem Tode nah auf Kohleschiffen und sind davon überzeigt, bei Kriegsende hingerichtet zu werden.
Zugegeben: „Unbroken“ ist ein dramaturgisches Rätsel. Der Film zerfällt in zwei Teile und nicht immer ist klar, wohin Angelina Jolies Reise führen soll. Nach einer klassisch anmutenden ersten Stunde, die großes Kino bietet, folgt eine naturalistische und detailverliebte Studie des barbarischen Lagerlebens, frei von psychologischen und dramaturgischen Elementen. „Unbroken“ bietet allen Konventionen zum Trotz nicht einmal einen finalen Showdown zwischen dem Helden und dem Schurken. Den hat es tatsächlich auch nicht gegeben.

Angelina Jolies „Unbroken“ folgt dabei über weite Strecken der Biografie „Unbroken. A World War II Story of Survival, Resilience, and Redemption“ (dts. „Unbeugsam. Eine wahre Geschichte von Widerstandskraft und Überlebenskampf“) von Laura Hillenbrand, ein Buch, das zum internationalen Bestseller wurde. Bereits mit ihrem Buch über das Wunderpferd Seabiscuit („Seabiscuit: An American Legend“, 2001, dts. „Seabiscuit. Mit dem Willen zum Erfolg“) hatte die am Chronischen Erschöpfungssymptom leidende Autorin offenbar ihr Thema gefunden.
Nach dem willenstarken Pferd nun also der willenstarke amerikanische Held? 

In einer Buchkritik der Süddeutschen Zeitung wurde die Autorin zwar als historisch präzise Chronistin bezeichnet, aber die Rezensentin konnte sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Ohnehin besteht Hillenbrands Therapie offenbar darin, vom Krankenbett aus regelmäßig über notorische Abenteurer zu publizieren. Sie telefoniert, recherchiert, archiviert, kann ihre Kronzeugen aber nie treffen.“ Kolportage für tough guys?

„Unbroken“ wurde also bereits als Buch zum Politikum. Wahrgenommen wird nun der Film von Teilen der Kritik erst recht als heroische Verklärungsorgie, die – obwohl historisch weitgehend authentisch – einen moralisch überlegenen Ami vorführt, der von einem sadistischen Aufseher fast zu Tode gequält wird und dennoch immer wieder aufsteht, nicht nachgibt und seinen Widersacher durch pute Physis und Charakterstärke beinahe in einen Nervenzusammenbruch treibt. 

Die Schlüsselszene sieht man auf einigen Filmplakaten: Jack O’Connell stemmt als Louis Zamperini (für einige Kritiker in Jesus-Pose) einen tonnenschweren Balken hoch über seinen Kopf – lässt er ihn fallen, wird er auf der Stelle erschossen. Natürlich lässt er ihn nicht fallen, wird aber dennoch brutal von dem emotional bewegten Watanabe zusammengeschlagen.
"If I can take it, I can make it." 


Ein Film im falschen politischen Milieu

Ein amerikanischer Soldat, der von einem Asiaten gefoltert wird? Das geht natürlich nicht nach Abu Ghuraib und erst recht nicht nach der Veröffentlichung des CIA-Folterreports durch den US-Geheimdienstausschuss kurz vor der Premiere von „Unbroken“. Und so folgert die TAZ in ihrer Filmkritik: „Dass kein namhafter Kritiker die offensichtliche Problematik von „Unbroken“ thematisierte, ist eine Bankrotterklärung der US-amerikanischen Filmkritik“ (1).

Herber Tobak. Ganz abwegig ist das allerdings nicht. Filme sind auch unabhängig von den Intentionen ihrer Macher ideologische Vehikel. Die Geschichten über Kriegsgefangenen sind ein Topos, der nicht nur Historisches nacherzählt, sondern auch verborgene und ambivalente Wünsche der Zuschauer ausdrückt. 
Ein Beispiel: 1959 erzählte Fritz Umgelters Straßenfeger „Soweit die Füße tragen“ nicht durchgehend authentisch die Geschichte eines deutschen Kriegsgefangenen, dem die Flucht aus einem sibirischen Lager gelang. Mehrere Folgen lang sah man, wie sich der deutsche Landser Clemens Forell (Heinz Weiss) überwiegend zu Fuß von Ostsibirien in den Iran durchschlug. Halb Deutschland saß vor dem Fernseher. „Soweit die Füße tragen“ war eine prägende mediale Erfahrung, erzählte sie doch auch von einem deutschen Soldaten, der ganz offensichtlich kein Nazi war. Es war die Zeit, in der deutsche Staatsanwälte eher zögerlich gegen deutsche Kriegsverbrecher zu ermitteln begannen. Umgelters Film wurde daher wohl  als sauberes Geschichtsbild rezipiert. Angelina Jolies Film wird nun ebenfalls so etwas wie Geschichtsrevisionismus untergeschoben. Man sieht also, dass die Subtexte und das politisches Klima für die Deutung von Filmen oft entscheidender sind als die historischen Fakten.

Amerikanische Veteranenverbände liefen gegen diese Lesart Sturm und beharrten darauf, dass trotz Nagisa Oshimas „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ (1983) die hohe Sterberate und die permanenten Misshandlungen amerikanischer Soldaten in japanischen Gefangenenlagern weiterhin einer Aufarbeitung bedürften.
Delikat werden derartige Referenzen, wenn man weiß, dass in Oshimas Film sowohl Homosexualität als auch interkulturelle Dissonanzen eine bedeutende Rolle spielen. Und in Jolies Film, dem wie Oshimas brutalem Film ästhetische Erlesenheit im Bildaufbau bescheinigt wurde, spielen ähnliche Motive eine diskrete Rolle, ganz zu schweigen davon, dass auch in „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ zwei Musik-Ikonen (David Bowie und Ryuichi Sakamoto) in den Hauptrollen zu sehen waren. In „Unbroken“ erkennen Kritiker in dem ätherischen Miyavi nun etwas Vergleichbares, aber in das Aussehen des Darstellers wurde nun eine versteckte Homophobie der Regisseurin hineingedeutet.
Die Darstellung Watanabes in „Unbroken“ gibt dies aber nicht so recht her. Das mag auch daran liegen, dass im Film die Figur des sadistischen Japaners (der in Wirklichkeit bulliger aussah und sich als einer der meistgesuchten Kriegsverbrecher jahrelang in Japan verstecken musste) in ihrer Hassliebe psychologisch etwas indifferent und eindimensional bleibt. Das macht offen für beliebige Deutungen.

Summa summarum ist „Unbroken“ kein großer, aber ein beachtlicher Film geworden. Während ich „American Sniper“ als unerträglichen Propagandafilm wahrgenommen habe, ist Angelina Jolies Film ein brillant gefilmtes und inhaltlich erträgliches Biopic über einen durchweg interessanten Menschen – eine historische Episode, die sehenswert ist. 
Schaut man genau hin, dann ist das vermeintliche Heldenepos nicht zu entdecken. Jack O’Connells Version von Louis Zamperini ist eher die eines Mannes, der trotz seiner physischen Robustheit ein Mensch voller Zweifel bleibt. „Er hielt mich immer für besser als ich es bin“, erinnert sich der Olympionike in einer Schlüsselszene des Films an seinen Bruder.

Was darüber hinaus in „Unbroken“ so alles erkannt wird, ist weniger Ideologiekritik als vielmehr selbst Ideologie. Da kommt es schon zu reichlich verstiegenen Kritikerideen. Dabei wurde Angelina Jolie, deren Vita als Schauspielerin und aktive Menschenrechtsaktivistin solche Verdachtsmomente eigentlich ad absurdum führen sollte, angelastet, dass sie neben dem „reaktionären Heldenkitsch“ (Andreas Borcholte, SPIEGEL) dem Zuschauer auch noch verschwiegen hat, dass sich der Agnostiker Louis Zamperini nach Kriegsende einer fundamentalchristlichen Bewegung anschloss. Klar, das reicht. Erstaunlich, dass so oft mit Schaum vor dem Mund geschrieben wird.
Möglicherweise könnte alles noch spannend werden. Auch für die Kritiker. Unbestätigten Quellen zufolge hat Universal den ursprünglichen Cut des Films völlig umgeschnitten, um aus der dunkleren und deutlich differenzierteren Arthouse-Version der Regisseurin einen kassentauglichen Film (2) zu machen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Director’s Cut für eine Überraschung sorgt.

Unbroken - USA 2014 - Regie: Angelina Jolie. Buch: Joel und Ethan Coen, Richard LaGravanese, William Nicholson (nach dem Buch „Unbroken. A World War II Story of Survival, Resilience, and Redemption“ von Laura Hillenbrand). Kamera: Roger Deakins. Musik: Alexandre Desplat. D.: Jack O'Connell, Domnhall Gleason, Takamasa Ishihara. Laufzeit: 137 Minuten. FSK: ab 12 Jahren.


(1) http://www.taz.de/!5023804/
(2) http://pagesix.com/2014/11/29/jolies-unbroken-directors-cut-too-arthouse-for-universal/

Noten: BigDoc = 2,5

Samstag, 19. November 2016

Show Me a Hero

In Yonkers nahe New York sollen 1987 insgesamt 200 Sozialwohnungen für zumeist farbige Bewohner aus dem berüchtigten Southwest gebaut werden. Ausgerechnet im Northeast, einem Stadtteil, in dem die Bewohner der weißen Mittelschicht angehören. Die Wutbürger gehen auf die Straße, es gibt Ausschreitungen. Die Politaffäre kostet den jungen Lokalpolitiker Nick Wasicsko nicht nur die Karriere als „jüngster Bürgermeister der USA“.

Er steht vor dem Spiegel und übt, was er sagen will: für die Medien, für den Stadtrat. Mal sachlich, mal teilnahmslos, dann enthusiastisch. Nick Wasicsko (Oscar Isaac) will als neuer Bürgermeister auch ein guter Politprofi sein. Dabei ist der junge Mann mit dem kurzen Schnauzbart eigentlich der nice guy von nebenan, der mit gerne mit seiner Freundin Nay (Carla Quevedo) knuddelt und sich ein altes Haus auf dem Berg wünscht. Von hier aus könne sie, sagt er, abends das Licht in seinem Büro sehen. Einige Wochen später wird er Todesdrohungen von besorgten Bürgern erhalten. Die schillernde Seifenblase ist geplatzt.

Mittwoch, 13. Juli 2022

Matrix: Resurrections

„Matrix Resurrections führt uns zurück in eine Welt mit zwei Realitäten: In der einen spielt sich das alltägliche Leben ab – und in der anderen das, was dahinter liegt.“ So lautet die offizielle Synopsis des deutschen Verleihs. Zwei Realitäten gab es nie in den nunmehr vier Matrix-Filmen. Die Matrix war nur scheinbar die Realität – und sie ist es in „Resurrections“ noch weniger als zuvor.
Hier hat man in der Marketing-Abteilung des Verleihs wohl nicht gründlich nachgedacht. „Es kann nur eine geben“, könnte man lakonisch feststellen. Auch weil der Spaß in den Matrix-Filmen in Teilen daraus bestand, eine Antwort auf die Frage zu finden, was denn wirklich real und was Illusion oder Fake ist.

Freitag, 18. April 2025

„1923“ – Taylor Sheridans Spin-off ist überragend

“Taylor continues to write the most epic stories shot with cinematic beauty,” sagte David C. Glasser, CEO der Filmproduktion „101 Studios”.

Ja, kinoreife Bilder gibt es genug in beiden Staffeln zu sehen. Immerhin hat Sheridan auf mehreren Kontinenten gedreht. Ansonsten ändert sich Taylor Sheridans Themenwelt rund um die Yellowstone-Ranch in der Mutterserie „Yellowstone“ ebenso wenig wie in den beiden Spin-offs „1883“ und „1923“. Auch die Kritiker, die den derzeit erfolgreichsten Serienmacher im neo-konservativen Umfeld verorten, wechseln ihren Fokus daher nicht und halten den Serienmacher für misogyn. Dabei ist Sheridans Worldbuilding ziemlich ambivalent. Irgendwie zwischen Western, Melodram und beißender Geschichtskritik – und starken Frauen.

Samstag, 9. Dezember 2017

Silence

„Der Islam hasst uns“, stellte Donald Trump unlängst fest. Nun hat er seinen Muslim-Bann vor dem Verfassungsgericht in Washington durchsetzen können. Endgültig, wie es scheint. In Martin Scorseses „Silence“ sind es die Japaner, die Anfang des 17. Jahrhunderts ihre Türen verrammeln. Sie unterdrücken und töten die christlichen Minderheiten unter ihren Landsleuten. Und: europäische Priester sollen keinen Fuß mehr in ihr Land setzen. Überhaupt möchte man den Kontakt mit Ausländern auf ein Minimum beschränken. Liefert die sogenannte Abschließungspolitik der Japaner etwa eine Blaupause für aktuelle Probleme?

Ob derartige Analogien angemessen und sinnvoll sind, ist eigentlich egal. Verwendet werden sie ohnehin, also kann man sie auch diskutieren. So tauchte in den Foren, die Martin Scorseses Film diskutierten, bald die Idee auf, ob man die Japaner nicht verstehen müsse. Immerhin würden auch die Deutschen kein Vergnügen darin finden, sich von einer Flut von Muslimen überrennen zu lassen und dabei nicht nur ihre kulturelle Identität einzubüßen, sondern auch ihre politische Souveränität.


Donnerstag, 8. Juni 2023

„The Last of Us" und die Tropen

HBO kann es doch noch. Mit der Verfilmung des erfolgreichen Videospiels „The Last of Us“ erzielte der Pionier des Kabelfernsehens eine Reichweite von 40 Mio. Zuschauern in zwei Monaten.
Die Serie entwickelt neun Episoden lang eine ungeheure Erzählwucht, ist extrem spannend und besitzt mit Pedro Pascal und der non-binären Bella Ramsey zwei exzellente Darsteller, die perfekt in die post-apokalyptische Dystopie passen. Der nachfolgende Text ist keine Rezension, sondern beschäftigt sich mit einigen Aspekten der Erzähltheorie des seriellen Erzählens: den Tropen.