USA / Australien 2007 - Originaltitel: The Brave One - Regie: Neil Jordan - Darsteller: Jodie Foster, Naveen Andrews, Terrence Howard, Mary Steenburgen, Jane Adams, Nicky Katt, Zoe Kravitz - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 16 - Länge: 119 min.
Selbstjustiz gefährdet die Grundlagen unserer Rechtsethik und Rache ist sowieso von Übel. Eigentlich ist damit Neil Jordans neuer Film „Die Fremde in dir“ spätestens dann moralisch erledigt, als die schießwütige Heldin am Ende mit einem raffinierten Deal konfrontiert wird, der ihr eine strafrechtliche Verfolgung erspart. Allerdings muss sie ein letztes Mal ihre Waffe abfeuern- auf einen Unschuldigen! Also keine symbolische Bestrafung der Rächerin: Das sieht ganz nach einem Plädoyer für Selbstjustiz aus.
Was zuvor in passiert, entspricht nicht ganz dem gängigen Schema einer „Eine Frau sieht rot“-Variante des alten Bronson-Klassikers: Erica Bain (in bewährter Form: Jodie Foster) verdient ihre Brötchen als literarisch-feinsinnige Großstadtpoetin in der Radioshow „Street Walk“. Sie liebt NY, obwohl es sich verändert, schleichend, mit einer Tristesse, die wahrscheinlich auch durch Nine Eleven in ihre Poeme getragen wird. Die Stadt ist beschädigt und wie das aussieht, ist auch nicht neu, weiß doch jeder Tourist, dass man in New Yorker Parks nicht in abgelegene Tunnel läuft. Nur Bain tut dies, mit ihrem Verlobten, auf der Suche nach ihrem Hund. Die Folge: beide werden mit äußerster Brutalität überfallen, ihr Verlobter, ein indischer Arzt, wird von den Bösewichtern erschlagen, Erica ins Koma getreten, während das Ganze mit dem Handy gefilmt wird. „Happy Slapping“ mit tödlichen Folgen.
Realismus statt Baller-Movie: Ist das politisch korrekt?
Was folgt, ist der Prozess der langsamen Verwandlung Ericas Bains in eine Fremde, einen Menschen, der die Wurzeln vollständig eingebüßt hat und schwer traumatisiert nach einer neuen Identität sucht, dabei zur Waffe greift und tötet. Diese Metamorphose nimmt den Zuschauer mit auf die Reise zu vertrauten Reiz-Reaktions-Schemata: natürlich ahnt er, dass Erica zurückschlagen wird, natürlich ist er emotional auf ihrer Seite, ob klammheimlich oder in offener Erregung sei dahingestellt und natürlich fragt er sich, etwas cineatische Intelligenz vorausgesetzt, wie denn der Film aus dieser moralischen Affäre herauskommen will, da Neil Jordan sein Sujet realistisch-psychologisch angeht und nicht einen zynischen Schenkelklopfer à la „Kill Bill“ oder eine maskuline Racheorgie wie „Man On Fire“ ins Bild gesetzt hat.
Ja, so eine Erzählhaltung ist schon eine Plage, da es in einem wirklichkeitsnahen Film ohne Differenzierung und subtile Zwischentöne nicht ganz abgeht. Autor und Regisseur scheinen zumal ob dieser latenten Intellektualität per se gehalten zu sein, eine moralische Aussage zu treffen, die politisch korrekt ist. Dies tut „The Brave One“ (Originaltitel) allerdings nicht und so reagierten die meisten Kritiker auf den Film ziemlich allergisch und erkannten in ihm ein Votum für Selbstjustiz. Bezeichnenderweise bekannte sich einer dieser Profischreiber ziemlich konsequent zu dem Ballerspektakel „Death Sentence“ mit Kevin Bacon, da dieser Rachefilm doch „einfacher und ehrlicher sei“. Und letzteres ist ganz schön perfide.
Ambivalente Inszenierung
Nun gehört es sicher zu den Angriffsflächen in Neil Jordans Film, dass er anders als Martin Scorsese in „Taxi Driver“ keine irritierende und leicht psychotische Grundstimmung herstellt, die den Zuschauer auf Distanz hält. Erica Bain ist aber nicht Travis Bickle und Neil Jordan ist nicht Martin Scorsese. Und so unternimmt Jordan alles nur Denkbare, um den Zuschauer emotional zu infiltrieren: als ob das bislang Gesehene nicht reichen würde, sorgen Ericas Erinnerungen an intime Liebesszenen als schmalzige Flashbacks für eine kitschige Textur, die der Film ganz und gar nicht verträgt.
Auch die Musik ist lästig: erinnert sie manchmal noch an Bernhard Hermanns Score aus "Taxi Driver", was sicher nicht originell, aber verständlich ist, so manipuliert sie in anderen Szenen das Gemüt des Zuschauers mit gewissenloser Suggestivität.
Alles Weitere sperrt sich psychologisch nicht gegen eine plausible Einfühlung in die Gefühlswelt einer Frau, der das Ur-Vertrauen abhanden gekommen ist. Und wer es nicht gut meint mit Jordans Film, könnte hier sogar von einer „Dramaturgie der Verführung“ sprechen. Nicht ganz unberechtigt: Erica Bain besorgt sich illegal eine Waffe, weil sie nicht mehr glaubt, ohne Schutz überleben zu können. Und sie macht von ihr Gebrauch: zuerst zögerlich in einem Supermarkt, wo sie einen Raubmörder in Notwehr erschießt, dann in der U-Bahn – dort erschießt sie mit bereits erkennbarer Hingabe zwei farbige Schläger, von denen einer bereits die Klinge an ihren Hals gesetzt hat. Die dritte Tat ist so gut wie affektfrei: Erica durchstreift das nächtliche New York, die riesige Waffe in ihrer Handtasche, immer auf der Suche nach neuen Ungerechtigkeiten. Sie befreit eine Prostituierte aus den Fängen eines Soziopathen, allerdings ohne diesen zu erschießen. Erst nachdem der üble Kerl die beiden Frauen überfahren will, greift Erica zur Waffe.
Fragwürdige Allianzen, ambivalente Verführungen
Mit ihrer vierten Tat betritt die Rundfunkjournalistin, die mittlerweile ihr Trauma recht glaubwürdig zum Thema ihrer Show gemacht hat, endgültig rechtsfreien Raum und das ist zweifellos der interessanteste Teil der Films. Erica hat im Rahmen der ergebnislosen Ermittlungen den farbigen Detective Mercer (ganz groß: Terrence Howard) kennen gelernt. Mercer ist kein ruppiger Cop. Einfühlsam interessiert er sich für Ericas Leiden und vertraut ihr an, dass es ihm unmöglich sei, einen führenden Kopf des organisierten Verbrechens dingfest zu machen, obwohl dieser vermutlich gerade erst seine Frau umgebracht hat und nun eine Gefahr für seine kleine Tochter ist, weil diese wahrscheinlich den Tathergang beobachtet.
Nach außen gefasst und streng der Legalität verpflichtet, gestattet der Cop ausgerechnet Erica diesen Blick in einen Abgrund, in dem schon die Zweifel an einem Rechtssystem lauern, in dem gut organisierte Verbrecher die Regeln der Justiz zu manipulieren gelernt haben.
Auf den Zuschauer wartet keine Überraschung: Erica plant mit recht kalter Entschlossenheit die Liquidierung des Gangsters und führt sie konsequent durch - die Metamorphose ist abgeschlossen, die Gefühle des Traumas haben sich Ideologie verwandelt. Nun ist nichts ist mehr Notwehr, alles ist Programm und es spielt keine allzu große Rolle mehr, dass Erica unter dem moralischen Konflikt leidet und sogar kurz vor der Selbstanzeige steht: sie tötet Verbrecher, weil sie nur so emotional überleben kann.
Am Ende von „Die Fremde in dir“ ist es klar, dass Mercer erkennen muss, wer und was Erica ist und wer seinen Herzenswunsch nach Gerechtigkeit erfüllt hat. Der finale Twist nach dem großen Show-down zeigt dann auch recht konsequent, dass beide schon längst die letzte Grenze überschritten haben. Das Töten wird wahrscheinlich enden, ob aber noch einmal ein Leben und eine Liebe beginnen können, wird sich zeigen. Und das ist – ganz nebenbei – auch eine sehr faszinierende Beziehungsgeschichte. Zumindest eine der schönsten, die ich seit langem in Kino gesehen habe.
John Ford hat es schon vorgemacht
Das Dilemma ist, dass Neil Jordans Films trotz einiger inszenatorischer Schwächen ein einigermaßen intelligenter Film ist. „The Brave One“ ist ein zunächst ein emotionales Plädoyer für die Tapferkeit, befriedigt aber auch den instinktiven Wunsch nach einem archaischen Rechtssystem, in dem das Machtmonopol nicht mehr dem Staat überlassen wird, wenn dieser bei seiner Aufgabe, den Bürger zu schützen, scheitert. Und die Täterin ist eine Frau: liebenswert, intellektuell, reflektiert und voller Skrupel. Dies ist nicht unproblematisch.
Anstatt aber reflexhaft dem Film eine inkorrekte Ideologie vorzuwerfen, sollte der eine oder andere Kritiker zur Kenntnis nehmen, dass die Diskussion um das so genannte Widerstandsrecht auf einen heftig umstrittenen Aspekt unserer Rechtskultur verweist, der schon von Philosophen wie Hobbes und Kant erregt diskutiert wurde. Während Kant jegliches Recht auf Selbstschutz und Gegenwehr gegen ungerechte Gesetze, aber auch gegen anarchistische Gewalt leugnete, räumte der englische Denker Thomas Hobbes dem Bürger das Recht auf Gegengewalt in Ausnahmesituationen ein.
Doch wie sehen solche Situationen aus? Organisiertes Vigilantentum führt ins Chaos, das lehrt die Geschichte, besonders die amerikanische. Der Schutz bedrohter Menschen vor Mord und Totschlag und die Vergeltung von Verbrechen führt dagegen unter Umständen in moralische Grenzsituationen, die uns ein (gelegentlich zynischer) Moralist des Kinos bereits gezeigt hat: in „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ lehrt uns John Ford wie notwendig Zivilcourage und Gewaltfreiheit sind, um ein verlässliches Rechtssystem und das Gewaltmonopol des Staates zu etablieren. Möglich wird dieser zivilisatorische Fortschritt aber nur, weil John Wayne den üblen Schurken, der dem Ganzen im Wege steht, kraft seiner persönlichen moralischen Überzeugungen ziemlich lapidar erschießt.
Noten: BigDoc = 2,5
Donnerstag, 4. Oktober 2007
Mittwoch, 26. September 2007
Shooter
USA 2007 - Regie: Antoine Fuqua - Darsteller: Mark Wahlberg, Michael Peña, Danny Glover, Kate Mara, Elias Koteas, Rhona Mitra, Rade Sherbedgia, Ned Beatty, Dean McKenzie, Jonathan Walker - FSK: keine Jugendfreigabe - Länge: 120 min.
Man muss schon ziemlich naiv sein, wenn man glaubt, dass die mächtigen Männer des von Eisenhower warnend beschriebenen militärisch-industriellen Komplexes mithilfe von Regierungsbehörden und professionellen Söldnertruppen ein ganzes Dorf in Äthiopien liquidieren lassen, um die Ölversorgung zu sichern. Um dann auch noch einen hochrangigen äthiopischen Geistlichen in dem Moment abzuschießen, als er als Staatsgast des Präsidenten eine Enthüllungsrede halten will. Etwas mehr Raffinesse dürften die Machteliten schon allein aus Imagegründen walten lassen.
Aber genau die Vertuschung eines Massakers ist der Kern des Plots von „Shooter“ und der Elite-Scharfschütze Bob Lee Swagger (Mark Wahlberg) ist, nachdem er schon einmal übel gelinkt wurde, auch noch naiv genug, um sich nach Jahren des Exils vom zynischen Colonel Johnson (Danny Glover) zu einer Art von Machbarkeitsstudie überreden zu lassen: „Wie erschieße ich am besten den Präsidenten?“ Natürlich nur, um mit diesem Szenario Böses zu verhindern. Selbst die leutseligste Seele ahnt schon nach der ersten Viertelstunde, dass Swagger schon bald die Trottelrolle eine Lee Harvey Oswald einnehmen wird.
Angesichts des Bösen in der Welt gibt es wohl nur im Kino befriedigenden Lösungen.
Allerdings scheint sich im Gegensatz zu den liebenswerten und moralisch integren Capra-Helden à la James Stewart, die in „Mr. Smith goes to Washington“ die politische Moral kraft ihrer beschwörenden Rhetorik retten, gegenwärtig eine alternative Lösungsformel durchzusetzen: der Held lässt John Wayne alt aussehen und erschießt die Lumpen einfach, nachdem er erkannt hat, dass ihm das Rechtssystem nicht so recht helfen kann. Vielleicht ist dies die ehrlichere Variante, denn den Filmen des Moralisten Capra kann man nicht recht trauen: immerhin arbeitete der republikanische Konservative als Spitzel für’s FBI und hatte ein Faible für Diktatoren.
Dann schon lieber Antoine Fuqua („Training Day“), der mit tadellosen und eleganten Bildern sowie großer inszenatorischer Energie seinem Einzelgänger- und Rachefilm den Look großen Kinos verleiht, anstatt ein Ego-Shooter-Billig-Movie abzuliefern. Das gelingt auch, weil Mark Wahlberg seine Sache richtig gut macht und dem perfekten Killer durchaus weiche, aber nicht irritierende Züge verleiht. Trotzdem gewinnt der Film keine aufklärende Kraft, da Wahlbergs bornierte und zynische Gegenspieler einfach zu blöd sind. Oder glaubt jemand im Ernst, dass der alle Fäden ziehende amerikanische Senator (schön gespielt von Ned Beatty) allen Ernstes seine Motivation an der Überzeugung festmacht, dass es in der Politik nicht um Weltanschauung, Moral und Werte geht, sondern nur darum, dass es auf der einen Seite Reiche gibt und auf der anderen Seite Habenichtse? Kriege um des Profits willen - so kann unsere Welt doch nicht wirklich beschaffen sein? Oder sollte die FSK möglicherweise das Prädikat „keine Jugendfreigabe“ vielleicht an dieser Dialogpassage festgemacht haben? Fragen über Fragen.
Stattdessen zitiere ich liebe Dwight D. Eisenhowers 1961 gehaltene Abschiedsrede: “This conjunction of an immense military establishment and a large arms industry is new in the American experience. The total influence -- economic, political, even spiritual -- is felt in every city, every State house, every office of the Federal government. We recognize the imperative need for this development. Yet we must not fail to comprehend its grave implications. Our toil, resources and livelihood are all involved; so is the very structure of our society. In the councils of government, we must guard against the acquisition of unwarranted influence, whether sought or unsought, by the military-industrial complex. The potential for the disastrous rise of misplaced power exists and will persist.”
Noten: BigDoc =3, Klawer = 2, Melonie = 3, Mr. Mendez = 3
Man muss schon ziemlich naiv sein, wenn man glaubt, dass die mächtigen Männer des von Eisenhower warnend beschriebenen militärisch-industriellen Komplexes mithilfe von Regierungsbehörden und professionellen Söldnertruppen ein ganzes Dorf in Äthiopien liquidieren lassen, um die Ölversorgung zu sichern. Um dann auch noch einen hochrangigen äthiopischen Geistlichen in dem Moment abzuschießen, als er als Staatsgast des Präsidenten eine Enthüllungsrede halten will. Etwas mehr Raffinesse dürften die Machteliten schon allein aus Imagegründen walten lassen.
Aber genau die Vertuschung eines Massakers ist der Kern des Plots von „Shooter“ und der Elite-Scharfschütze Bob Lee Swagger (Mark Wahlberg) ist, nachdem er schon einmal übel gelinkt wurde, auch noch naiv genug, um sich nach Jahren des Exils vom zynischen Colonel Johnson (Danny Glover) zu einer Art von Machbarkeitsstudie überreden zu lassen: „Wie erschieße ich am besten den Präsidenten?“ Natürlich nur, um mit diesem Szenario Böses zu verhindern. Selbst die leutseligste Seele ahnt schon nach der ersten Viertelstunde, dass Swagger schon bald die Trottelrolle eine Lee Harvey Oswald einnehmen wird.
Angesichts des Bösen in der Welt gibt es wohl nur im Kino befriedigenden Lösungen.
Allerdings scheint sich im Gegensatz zu den liebenswerten und moralisch integren Capra-Helden à la James Stewart, die in „Mr. Smith goes to Washington“ die politische Moral kraft ihrer beschwörenden Rhetorik retten, gegenwärtig eine alternative Lösungsformel durchzusetzen: der Held lässt John Wayne alt aussehen und erschießt die Lumpen einfach, nachdem er erkannt hat, dass ihm das Rechtssystem nicht so recht helfen kann. Vielleicht ist dies die ehrlichere Variante, denn den Filmen des Moralisten Capra kann man nicht recht trauen: immerhin arbeitete der republikanische Konservative als Spitzel für’s FBI und hatte ein Faible für Diktatoren.
Dann schon lieber Antoine Fuqua („Training Day“), der mit tadellosen und eleganten Bildern sowie großer inszenatorischer Energie seinem Einzelgänger- und Rachefilm den Look großen Kinos verleiht, anstatt ein Ego-Shooter-Billig-Movie abzuliefern. Das gelingt auch, weil Mark Wahlberg seine Sache richtig gut macht und dem perfekten Killer durchaus weiche, aber nicht irritierende Züge verleiht. Trotzdem gewinnt der Film keine aufklärende Kraft, da Wahlbergs bornierte und zynische Gegenspieler einfach zu blöd sind. Oder glaubt jemand im Ernst, dass der alle Fäden ziehende amerikanische Senator (schön gespielt von Ned Beatty) allen Ernstes seine Motivation an der Überzeugung festmacht, dass es in der Politik nicht um Weltanschauung, Moral und Werte geht, sondern nur darum, dass es auf der einen Seite Reiche gibt und auf der anderen Seite Habenichtse? Kriege um des Profits willen - so kann unsere Welt doch nicht wirklich beschaffen sein? Oder sollte die FSK möglicherweise das Prädikat „keine Jugendfreigabe“ vielleicht an dieser Dialogpassage festgemacht haben? Fragen über Fragen.
Stattdessen zitiere ich liebe Dwight D. Eisenhowers 1961 gehaltene Abschiedsrede: “This conjunction of an immense military establishment and a large arms industry is new in the American experience. The total influence -- economic, political, even spiritual -- is felt in every city, every State house, every office of the Federal government. We recognize the imperative need for this development. Yet we must not fail to comprehend its grave implications. Our toil, resources and livelihood are all involved; so is the very structure of our society. In the councils of government, we must guard against the acquisition of unwarranted influence, whether sought or unsought, by the military-industrial complex. The potential for the disastrous rise of misplaced power exists and will persist.”
Noten: BigDoc =3, Klawer = 2, Melonie = 3, Mr. Mendez = 3
Freitag, 14. September 2007
Das Bourne Ultimatum
USA 2007. R: Paul Greengrass. B: Tony Gilroy, Scott Z. Burns, George Nolfi (nach dem Roman von Robert Ludlum). K: Oliver Wood. Sch: Christopher Rouse. M: John Powell. T: Kirk Francis. V: Universal. L: 115 Min. D: Matt Damon (Jason Bourne), Julia Stiles (Nicky Parsons), David Strathairn (Noah Vosen), Scott Glenn (Ezra Kramer), Paddy Considine (Simon Ross), Edgar Ramirez (Paz), Albert Finney (Dr. Albert Hirsch), Joan Allen (Pamela Landy)
Irrsinnige Handkamera und delirierende Schnitte
Es versetzte mich schon in großes Erstaunen, als ich nach dem ernüchternden Kinobesuch im Blätterwald die enthusiastischen Kritiken studieren durfte, die das „Bourne Ultimatum“ im deutschen Blätterwald ausgelöst hatte: Kritik an Bush, Kritik an Abu Ghraib, Kritik an den Brave-New-World-Überwachungsszenarios (ja, Videoüberwachung auf Bahnhöfen und Flugplätzen beraubt uns wirklich der letzten Bürgerrechte).
Haben die jungen Kritiker etwa komplett die Paranoia-Movies der Siebziger vergessen? Nehmen sie jeden Schuss Ideologiekritik ernst, den sie vorgesetzt bekommen. Haben wir wirklich etwas Neues gesehen? Haben wir überhaupt etwas gesehen?
An sich nicht, denn in der Vorstellung, die ich besuchte, war der Vorführer angesichts des Blitzgewitters aus irrsinniger Handkamera und delirierender Schnitte nicht in der Lage, den Film scharf zu stellen, was die zu visuell betäubten Lemmingen mutierten Zuschauer nicht mal ansatzweise registrierten und wie paralysiert über sich ergehen ließen. Vermutlich hielten sie die Unschärfe für einen Teil des ästhetischen Konzepts von Paul Greengrass, der uns schon in Flug 93 demonstrierte, wie er aufnehmen und anschließend schneiden lässt. „Suggestive Nähe“ nannte dies ein Kritiker. Ich habe dafür ein anderes Wort: Bildersalat. Man erreicht ihn allerdings nicht, wenn man die Kamera, festgebunden an einem Strick, über seinem Kopf kreisen lässt. Etwas raffinierter ist das Ganze schon, aber wenn ein Kritiker allen Ernstes die Einzelbildschaltung empfiehlt, um per DVD das geniale Bildkonzept von Greengrass zu studieren, dann gehen bei mir die Lichter aus.
Enthüllungswahn
Natürlich geht Matt Damon im dritten Teil der Bourne-Trilogie dem Geheimnis seiner Vergangenheit endgültig auf den Grund, was – wen überrascht es? – dazu führt, dass er herausfindet, wer er ist: eine von der CIA konditionierte Killermaschine in einem miesen Projekt namens „Treadstone“, das schon längst durch ein noch mieseres Projekt abgelöst worden ist. Botschaft: die CIA lässt weltweit Menschen ermorden, alles natürlich im Interesse der nationalen Sicherheit, der wiederum mit dem Kampf gegen den Terrorismus zu tun hat, und natürlich besteht die Agency bis in die oberen Etagen ihrer Hierarchie aus kriminellen Psychopathen, die erst liquidieren lassen und dann fragen, ob sie den Richtigen erwischt haben.
Mal im Ernst: Würden Filme wie das „Bourne Ultimatum“ auch nur ansatzweise etwas über die Praktiken der CIA verraten, dann wäre Paul Greengrass wohl nicht mehr in der Lage gewesen, der Premiere seines Films beizuwohnen. Aber vielleicht sitzen die Jungs von der Agency auch nägelkauend in den dunklen Kinosälen und ärgern sich schwarz darüber, in einem Popcorn-Movie so schonungslos vorgeführt zu werden. Mein Tipp: einfach mal in der Wikipedia über die CIA recherchieren und dort vor allem die Quellen untersuchen – die Realität ist spannender und folgenreicher.
Wie uns Popcorn-Kino zum Narren macht
Einen „100-Millionen-Studentenfilm“ nannte Matt Damon das „Bourne-Ultimatum“. Und nicht ganz ironiefrei schilderte er in einem Interview, dass er während den Dreharbeiten nur selten wusste, in welcher Szene er sich gerade befand. Nicht dass er Greengrass vor’s Bein treten wollte, aber seine Ausführungen über die fast klassische Zusammenarbeit mit Robert de Niro und dessen Regietechnik in „The Good Shepherd“ verrät mehr, als es Damon recht sein kann. Aber wenigstens gibt er zu, dass die Gagen für die Bourne-Rolle ihm gestatteten, ganz entspannt zu Sparpreisen mit de Niro und Scorsese (The Departed) zusammenarbeiten zu können.
„Renn mit aller Kraft von A nach B“ – ein cleverer Kritiker kommentiert diese Regieanweisung von Greengrass möglicherweise mit dem Kraftwort „physisches Kino der Extraklasse“. Ich nicht. Dass macht mir Mut das Geheimnis eines anderen Kritikers zu enträtseln, der den Kamera- und Montagestil von Greengrass mit illustren Vokabeln bedachte. Eine da von war Flash Cut.
In Gottes Namen, was ist ein Flash Cut?
Eine Goggle-Suche brachte mich nicht weiter, allerdings fand ich in Foren händeringende und drängende Fragen junger Filmemacher – nämlich was denn ein Flash Cut sei. So kommt man nicht weiter, wenn sogar Insider nicht wissen, wovon die Rede ist. Mittlerweile, es deutet sich dunkel an, weist einiges darauf hin, dass ein Flash Cut ein Blitzeffekt zwischen zwei Einstellungen ist, der mit einem schrägen Geräusch unterlegt wird. Toll.
Doug Liman hatte mit „The Bourne Identity“ (2002) zumindest noch einen ansehnlichen Thriller hingelegt. Danach geriet die Serie in die Hände von Paul Greengrass, dem ich nichts Böses antun will, aber im Gegensatz zum Millionenheer enthusiastischer Kritiker sind für mich nicht alle Kamera- und Montageinnovationen der letzten Jahre ein Gewinn. Im Gegenteil: nachdem das amerikanische Kino die Standards in den Bereichen Kamera und Schnitt so hochgeschraubt hatte, dass man fast schon von einer Nivellierung auf allerhöchstem Niveau sprechen konnte, suchen einige Filmemacher nach Ressourcen, um den verloren geglaubten Individualismus des Stils zurückzugewinnen. Der technisch aufwändige und „perfekte“ Dilettantismus, der teilweise auch auf die „Dogma“-Bewegung zurückgeführt werden kann, ins für mich nichts anderes als Formalismus. Man gewinnt nichts, sondern verliert nur.
Note: BigDoc = 5, Klawer = o.A.
Irrsinnige Handkamera und delirierende Schnitte
Es versetzte mich schon in großes Erstaunen, als ich nach dem ernüchternden Kinobesuch im Blätterwald die enthusiastischen Kritiken studieren durfte, die das „Bourne Ultimatum“ im deutschen Blätterwald ausgelöst hatte: Kritik an Bush, Kritik an Abu Ghraib, Kritik an den Brave-New-World-Überwachungsszenarios (ja, Videoüberwachung auf Bahnhöfen und Flugplätzen beraubt uns wirklich der letzten Bürgerrechte).
Haben die jungen Kritiker etwa komplett die Paranoia-Movies der Siebziger vergessen? Nehmen sie jeden Schuss Ideologiekritik ernst, den sie vorgesetzt bekommen. Haben wir wirklich etwas Neues gesehen? Haben wir überhaupt etwas gesehen?
An sich nicht, denn in der Vorstellung, die ich besuchte, war der Vorführer angesichts des Blitzgewitters aus irrsinniger Handkamera und delirierender Schnitte nicht in der Lage, den Film scharf zu stellen, was die zu visuell betäubten Lemmingen mutierten Zuschauer nicht mal ansatzweise registrierten und wie paralysiert über sich ergehen ließen. Vermutlich hielten sie die Unschärfe für einen Teil des ästhetischen Konzepts von Paul Greengrass, der uns schon in Flug 93 demonstrierte, wie er aufnehmen und anschließend schneiden lässt. „Suggestive Nähe“ nannte dies ein Kritiker. Ich habe dafür ein anderes Wort: Bildersalat. Man erreicht ihn allerdings nicht, wenn man die Kamera, festgebunden an einem Strick, über seinem Kopf kreisen lässt. Etwas raffinierter ist das Ganze schon, aber wenn ein Kritiker allen Ernstes die Einzelbildschaltung empfiehlt, um per DVD das geniale Bildkonzept von Greengrass zu studieren, dann gehen bei mir die Lichter aus.
Enthüllungswahn
Natürlich geht Matt Damon im dritten Teil der Bourne-Trilogie dem Geheimnis seiner Vergangenheit endgültig auf den Grund, was – wen überrascht es? – dazu führt, dass er herausfindet, wer er ist: eine von der CIA konditionierte Killermaschine in einem miesen Projekt namens „Treadstone“, das schon längst durch ein noch mieseres Projekt abgelöst worden ist. Botschaft: die CIA lässt weltweit Menschen ermorden, alles natürlich im Interesse der nationalen Sicherheit, der wiederum mit dem Kampf gegen den Terrorismus zu tun hat, und natürlich besteht die Agency bis in die oberen Etagen ihrer Hierarchie aus kriminellen Psychopathen, die erst liquidieren lassen und dann fragen, ob sie den Richtigen erwischt haben.
Mal im Ernst: Würden Filme wie das „Bourne Ultimatum“ auch nur ansatzweise etwas über die Praktiken der CIA verraten, dann wäre Paul Greengrass wohl nicht mehr in der Lage gewesen, der Premiere seines Films beizuwohnen. Aber vielleicht sitzen die Jungs von der Agency auch nägelkauend in den dunklen Kinosälen und ärgern sich schwarz darüber, in einem Popcorn-Movie so schonungslos vorgeführt zu werden. Mein Tipp: einfach mal in der Wikipedia über die CIA recherchieren und dort vor allem die Quellen untersuchen – die Realität ist spannender und folgenreicher.
Wie uns Popcorn-Kino zum Narren macht
Einen „100-Millionen-Studentenfilm“ nannte Matt Damon das „Bourne-Ultimatum“. Und nicht ganz ironiefrei schilderte er in einem Interview, dass er während den Dreharbeiten nur selten wusste, in welcher Szene er sich gerade befand. Nicht dass er Greengrass vor’s Bein treten wollte, aber seine Ausführungen über die fast klassische Zusammenarbeit mit Robert de Niro und dessen Regietechnik in „The Good Shepherd“ verrät mehr, als es Damon recht sein kann. Aber wenigstens gibt er zu, dass die Gagen für die Bourne-Rolle ihm gestatteten, ganz entspannt zu Sparpreisen mit de Niro und Scorsese (The Departed) zusammenarbeiten zu können.
„Renn mit aller Kraft von A nach B“ – ein cleverer Kritiker kommentiert diese Regieanweisung von Greengrass möglicherweise mit dem Kraftwort „physisches Kino der Extraklasse“. Ich nicht. Dass macht mir Mut das Geheimnis eines anderen Kritikers zu enträtseln, der den Kamera- und Montagestil von Greengrass mit illustren Vokabeln bedachte. Eine da von war Flash Cut.
In Gottes Namen, was ist ein Flash Cut?
Eine Goggle-Suche brachte mich nicht weiter, allerdings fand ich in Foren händeringende und drängende Fragen junger Filmemacher – nämlich was denn ein Flash Cut sei. So kommt man nicht weiter, wenn sogar Insider nicht wissen, wovon die Rede ist. Mittlerweile, es deutet sich dunkel an, weist einiges darauf hin, dass ein Flash Cut ein Blitzeffekt zwischen zwei Einstellungen ist, der mit einem schrägen Geräusch unterlegt wird. Toll.
Doug Liman hatte mit „The Bourne Identity“ (2002) zumindest noch einen ansehnlichen Thriller hingelegt. Danach geriet die Serie in die Hände von Paul Greengrass, dem ich nichts Böses antun will, aber im Gegensatz zum Millionenheer enthusiastischer Kritiker sind für mich nicht alle Kamera- und Montageinnovationen der letzten Jahre ein Gewinn. Im Gegenteil: nachdem das amerikanische Kino die Standards in den Bereichen Kamera und Schnitt so hochgeschraubt hatte, dass man fast schon von einer Nivellierung auf allerhöchstem Niveau sprechen konnte, suchen einige Filmemacher nach Ressourcen, um den verloren geglaubten Individualismus des Stils zurückzugewinnen. Der technisch aufwändige und „perfekte“ Dilettantismus, der teilweise auch auf die „Dogma“-Bewegung zurückgeführt werden kann, ins für mich nichts anderes als Formalismus. Man gewinnt nichts, sondern verliert nur.
Note: BigDoc = 5, Klawer = o.A.
Mittwoch, 5. September 2007
Bilder des Bösen II: Pans Labyrinth
Mexiko / Spanien / USA 2006 - Originaltitel: El Laberinto del Fauno - Regie: Guillermo del Toro - Darsteller: Ivana Baquero, Doug Jones, Sergi López, Ariadna Gil, Maribel Verdú, Álex Angulo, Roger Casamajor, Sebastián Haro - FSK: ab 16 - Länge: 114 min.
Mitten im Deutungsloch
In einem Gespräch in der Charlie-Rose-Show fasste Guillermo del Toro die Quintessenz seines Films „Pans Labyrinth“ mit einem Kierkegaard-Zitat zusammen: „Die Herrschaft des Tyrannen endet mit dessen Tod und die Herrschaft des Märtyrers beginnt mit dessen Tod“. Es ist gut, wenn man prägnante Sprüche zur Hand hat, denn del Toros Film verstört nicht nur am Schluss durch den Tod der Hauptfigur und deren märchenhafter Metamorphose, sondern auch vorher durch eine komplexe und schwer verdauliche Erzählstruktur. Dies verlangt nach Deutungen.
Irritation und Kopfschütteln daher auch im Filmclub, dazu ungläubiges Staunen und Sprachlosigkeit: der als Masterpiece angekündigte Film hatte einen mittleren Kulturschock ausgelöst. Dies lag nicht unbedingt an der Komplexität der Story (zwei Wochen später erhielt der aus meiner Sicht gewiss nicht einfachere Film „Babel“ von Alejandro González Iñárritu vortreffliche Höchstnoten), sondern war wohl eher dem Aufeinanderprallen zweier Erzählwelten zu verdanken: auf der einen Seite muss man die „realistische“ Darstellung des mörderischen Wütens faschistischer Franco-Truppen verdauen und auf der anderen Seite Feen und Faune in einer kindlichen, aber keineswegs harmlosen Märchenwelt, ohne genau zu wissen, ob diese „Welt“ innerhalb der Fiktion „real“ ist oder nicht. Starker Tobak.
Ofelia im Horrorland
Wir befinden uns im Spanien des Jahres 1944, kurz nach dem Sieg Francos gegen die Republikaner. Hauptmann Vidal reist mit seiner gerade geheirateten und hochschwangeren Frau Carmen und deren 12-jähriger Tochter Ofelia in ein armseliges nordspanisches Dorf. Dort, auf dem Gutshof der Familie, soll sein eigenes Kind geboren werden, während er gleichzeitig den Auftrag hat, die versprengten Reste der republikanischen Widerstandskämpfer zu bekämpfen.
Durch einen Zufall entdeckt die junge Ofelia (Ivana Baquero) in der Nähe des Gutshofes ein uraltes steinernes Labyrinth. Dort begegnet ihr nächtens ein Pan, der ihr eröffnet, dass sie unter Umständen die Prinzessin eines unterirdischen Reiches sein könnte. Vor langer Zeit habe sie dieses Reich verlassen und in der Welt der Menschen ihre Herkunft vergessen. Seit Jahrhunderten warte ihr Vater, der König, auf ihre Rückkehr. Um aber herauszufinden, ob sie wirklich die verlorene Prinzessin sei, müsse sie erfolgreich drei Aufgaben lösen.
Ofelia im Horrorland: während im realen Leben der Stiefvater (grandios: Sergi López) barbarisch Aufständische foltern lässt und die schwangere Mutter zusehends verfällt, taucht das Mädchen in eine mystische Parallelwelt ab, in der sie Feen sorgenvoll begleiten und grässliche Monster ihren Mut auf eine harte Probe stellen. Nur die Haushälterin Mercedes (Maribel Verdu), die in Wirklichkeit für die Widerstandskämpfer arbeitet, steht Ofelia zur Seite, ohne allerdings ihr Geheimnis zu kennen, und nimmt es mit dem faschistischen Hauptmann auf.
Fiktive Welten und das Problem der Ambivalenz
Fiktive Geschichten im Kino sind in der Regel verständlich. Sonst fallen sie an der Kasse durch. Was im Einzelnen als „verständlich“ durchgeht, ist in der Regel dem Bestand an erlernten Kulturtechniken zu verdanken, die bei der Masse des Publikums vorhanden sein müssen. Schwierig wird es aber immer dann, wenn die Fiktion sich selbst bespiegelt, zum Beispiel in einer „Film-im-Film“-Konstruktion.
Generell haben es Fiktionen, die dem Realitätsprinzip folgen, deutlich einfacher, da die „fiktive Welt“ den Mustern der realen Welt nachempfunden ist. „Realistische“ Fiktionen besitzen einen hohen Akzeptanzgrad, da man über die fiktiven Geschehnisse und Figuren so reden kann, als wären sie real: z.B. über eine problematische Handlung mit der Aussage „So etwas hätte ich nie getan!“, oder über ein fiktives Liebespaar mit der Frage „Was wird nur aus den beiden?“. Dies ermöglicht Interpretationen und Deutung via Einfühlung und Psychologisierung. Und es funktioniert sogar in Sci-Fi-Epen wie „Star Wars“, weil die die Figuren psychologisch kaum anders gestrickt sind als der Zuschauer. Auch wenn Luke Skywalker in fernen Welten mit skurrilen Aliens kämpfen muss, geht es doch um Liebe, Treue und Freundschaft, der Verrat, Gier und Machtlust gegenüberstehen. Das versteht man. Also: „Realistisch“ bedeutet eben nicht immer „genaue Abbildung unserer eigenen Lebenswelt“, auch wenn dies einige Kinofreunde aus ideologischen Gründen glauben müssen oder wollen.
Wie problematisch komplexere Konstruktionen werden können, bewies andererseits vor etlichn Jahren der keineswegs über-intellektualisierte, aber raffinierte „Last Action Hero“ von John McTiernan mit Arnold Schwarzenegger in zwei Hauptrollen. Der „Film-in-Film“, der zudem auch noch zitatenreich war (Shakespeare! Ingmar Bergman!) fiel zunächst an der Kinokasse durch, mauserte sich aber im Laufe der Zeit zum Geheimtipp und stellte damit unter Beweis, dass intelligentere Konzepte auf Dauer durchaus vermittelbar sind.
In „Pans Labyrinth“ geht es aber nicht um fiktive Verdoppelungen oder Metalepsen, in denen fiktiven Figuren bewusst wird, dass sie fiktiv sind, sondern um die uneindeutige Zuordnung des Realitätscharakters zweier grundverschiedener Erzählebenen.
Würde man beispielsweise in „Pans Labyrinth“ die beiden Erzählebenen „Spanien 1944“/“Märchenwelt“ deutlicher voneinander trennen und Ofelias Visionen formal und ästhetisch als Traum darstellen, wäre die erste Erzählebene, die „reale“, vor der zweiten gerettet und wir hätten alle kein Problem. Aber tatsächlich durchdringen sich beide Welten, die eine scheint in das Geschehen der anderen einzugreifen und umgekehrt.
Diese Deutung erledigt sich allerdings in der Schlussszene, als klar wird, dass alles, was Ofelia sieht, von den anderen nicht gesehen wird: Vidal kann, bevor er das Mädchen erschießt, den Faun, mit dem Ofelia spricht, nicht sehen und dies macht deutlich, dass das Märchen nur in Ofelias Kopf existiert.
Gut, auch dies wäre nicht wirklich ein Problem und könnte bequem mit dem Begriff „Genre-Mix“ erledigt werden, aber das Deutungsangebot, dass die Märchenwelt nur in Ofelias Kopf existiert und als regressive Fluchthandlung notwendig geworden ist, um den Schrecken der Wirklichkeit zu entkommen, ist ambivalent, denn wenn Vidal den Faun nicht sehen kann, dann kann dies auch bedeuten, dass Ofelia mystische Fähigkeiten besitzt und die Märchenwelt ebenso real ist wie die Erzählebene „Spanien 1944“.
Aus meiner Sicht besteht das Problem einzig und allein darin, dass wir kulturtechnisch so konditioniert wurden, dass wir uns innerhalb von Fiktionen nur orientieren können, wenn die Erzählebenen eindeutig (und nicht ambivalent) sind und die Konventionen der Zuordnung stimmen. Ambivalenzen und Konventionsbrüche räumen dagegen einen zu großen Deutungsspielraum ein. Das schafft Probleme.
Guillermo del Toro hat sich meiner Meinung nach als auktorialer (allwissend, allmächtig) Erzähler die Freiheit genommen, seine Welt so zu arrangieren, wie es ihm gefällt. Dabei besteht das auktoriale Moment nicht in der Art, mit der ein Erzähler in das Innenleben seiner Figur eindringt und eingreift (wie wir es aus der Literatur kennen), sondern in der Souveränität, mit der del Toro ästhetisch und formal seine Erzählwelten arrangiert und dabei bei der Sprengung von Konventionen die Imaginationsfähigkeit des Zuschauers bis an die Grenze ausreizt oder im ungünstigsten Fall restlos überfordert.
Tja, und jetzt dürfte dem einen oder anderen endgültig der Hut hochgehen, denn die aus der Literatur bekannte Problematik der Erzählperspektive oder des Erzählers („wer erzählt wem und vor allen Dingen was?“) ist keineswegs einfach auf das Kino und seine Fiktionen zu übertragen, da der Gestus des „als ob“ in der Kinofiktion scheinbar stärker dem Realitätsprinzip verpflichtet ist und der Erzähler völlig verschwindet, es sei denn, er wird formal (z.B. im Off) integriert. In „Pans Labyrinth“ haben wir es jedoch mit einem Filmemacher zu tun, der sich die Freiheit der Fantasie nimmt und uns (in aller Freiheit) überlässt, ob wir den Film als spirituelle Erfahrung konsumieren oder anderweitig zu Tode deuten.
Die Innenwelt des Bösen
Ungeachtet dieser theoretischen Probleme ist „Pans Labyrinth“ einfach ein fantastischer Film, der sich dem Zuschauer auch emotional erschließen soll und kann. Die Reise eines jungen Mädchens in eine unbekannte, bedrohliche Gegend fernab der urbanen Zivilisation, der Schrecken des Krieges, der ungeliebte Stiefvater, die Begegnung mit Terror und Folter – angesichts dieser Erfahrungen ist die Flucht in eine Märchenwelt auch ohne literatur- und kinotheoretische Diskussionen nachvollziehbar. Dabei kann man sich auch ruhig seinen Gefühlen und seiner Phantasie überlassen.
All dies wird zudem noch in eine sinnliche, überbordenden Filmsprache übersetzt, die durch opulente Szenarios den Zuschauer unwiderstehlich in die magische Welt Ofelias hineinzieht, ohne ihn völlig von den Schrecken der Außenwelt zu entlasten.
Dass in der Welt der Faune die Grausamkeit im selben Maße zunimmt wie in der Außenwelt zeigt zudem, wie beide Welten sich in den Fluchtphantasien Ofelias bespiegeln. Besonders in dem Moment, als ihre Mutter bei der Geburt stirbt und sie ihren gerade geborenen Bruder dem Faun übergeben soll, nur um von ihm zu erfahren, dass der Säugling als letzter Teil der Prüfung rituell geopfert werden soll.
Bei all diesen Grausamkeiten gibt es nur einen kleinen Unterschied: die Schrecken der Märchenwelt spiegeln die kulturell codierten Grausamkeiten der Märchen und der Initiationsriten wider, die Perversionen eines Hauptmann Vidal jedoch sind Guillermo des Toros ureigene Auslotung einer nihilistischen Ideologie, die der Moderne ihre Todessehnsucht und Barbarei entgegenschleudert und gleichzeitig die kathartische Funktion der Mythen verloren hat. Letzteres bietet del Toro mit seinem scheinbar infantilen Filmschluss an, den man sorgfältig bedenken sollte, bevor man ihn als sentimentalen Kitsch in die Tonne tritt.
Melonie = 3, Mr. Mendez = 3,5, BigDoc = 2, Klawer = 2,5
Noch eine Bemerkung: „Pans Labyrinth“ gewann drei Oskars – den für die beste Kamera, einen für die beste Maske und noch einen für die beste Ausstattung. Mehr hatte die Jury sich und dem Film nicht zugetraut.
Die dieser Kritik zugrunde liegende „3-Disc Collector’s Edition“ gehört zum Besten, was derzeit auf dem Markt ist. Das sechsstündige Bonusmaterial erschöpft sich nicht in den üblichen Making Of’s und Featurettes, sondern bietet klärende Dokumentationen und als Einführung in das mexikanische Kino ein cineastisch spektakuläres Studiogespräch zwischen Charlie Rose, Guillermo del Toro, Alejandro González Iñárritu und Alfonso Cuarón an. Und das wiederum ist schon fast alleine das Geld für das 3er-Set wert.
Mitten im Deutungsloch
In einem Gespräch in der Charlie-Rose-Show fasste Guillermo del Toro die Quintessenz seines Films „Pans Labyrinth“ mit einem Kierkegaard-Zitat zusammen: „Die Herrschaft des Tyrannen endet mit dessen Tod und die Herrschaft des Märtyrers beginnt mit dessen Tod“. Es ist gut, wenn man prägnante Sprüche zur Hand hat, denn del Toros Film verstört nicht nur am Schluss durch den Tod der Hauptfigur und deren märchenhafter Metamorphose, sondern auch vorher durch eine komplexe und schwer verdauliche Erzählstruktur. Dies verlangt nach Deutungen.
Irritation und Kopfschütteln daher auch im Filmclub, dazu ungläubiges Staunen und Sprachlosigkeit: der als Masterpiece angekündigte Film hatte einen mittleren Kulturschock ausgelöst. Dies lag nicht unbedingt an der Komplexität der Story (zwei Wochen später erhielt der aus meiner Sicht gewiss nicht einfachere Film „Babel“ von Alejandro González Iñárritu vortreffliche Höchstnoten), sondern war wohl eher dem Aufeinanderprallen zweier Erzählwelten zu verdanken: auf der einen Seite muss man die „realistische“ Darstellung des mörderischen Wütens faschistischer Franco-Truppen verdauen und auf der anderen Seite Feen und Faune in einer kindlichen, aber keineswegs harmlosen Märchenwelt, ohne genau zu wissen, ob diese „Welt“ innerhalb der Fiktion „real“ ist oder nicht. Starker Tobak.
Ofelia im Horrorland
Wir befinden uns im Spanien des Jahres 1944, kurz nach dem Sieg Francos gegen die Republikaner. Hauptmann Vidal reist mit seiner gerade geheirateten und hochschwangeren Frau Carmen und deren 12-jähriger Tochter Ofelia in ein armseliges nordspanisches Dorf. Dort, auf dem Gutshof der Familie, soll sein eigenes Kind geboren werden, während er gleichzeitig den Auftrag hat, die versprengten Reste der republikanischen Widerstandskämpfer zu bekämpfen.
Durch einen Zufall entdeckt die junge Ofelia (Ivana Baquero) in der Nähe des Gutshofes ein uraltes steinernes Labyrinth. Dort begegnet ihr nächtens ein Pan, der ihr eröffnet, dass sie unter Umständen die Prinzessin eines unterirdischen Reiches sein könnte. Vor langer Zeit habe sie dieses Reich verlassen und in der Welt der Menschen ihre Herkunft vergessen. Seit Jahrhunderten warte ihr Vater, der König, auf ihre Rückkehr. Um aber herauszufinden, ob sie wirklich die verlorene Prinzessin sei, müsse sie erfolgreich drei Aufgaben lösen.
Ofelia im Horrorland: während im realen Leben der Stiefvater (grandios: Sergi López) barbarisch Aufständische foltern lässt und die schwangere Mutter zusehends verfällt, taucht das Mädchen in eine mystische Parallelwelt ab, in der sie Feen sorgenvoll begleiten und grässliche Monster ihren Mut auf eine harte Probe stellen. Nur die Haushälterin Mercedes (Maribel Verdu), die in Wirklichkeit für die Widerstandskämpfer arbeitet, steht Ofelia zur Seite, ohne allerdings ihr Geheimnis zu kennen, und nimmt es mit dem faschistischen Hauptmann auf.
Fiktive Welten und das Problem der Ambivalenz
Fiktive Geschichten im Kino sind in der Regel verständlich. Sonst fallen sie an der Kasse durch. Was im Einzelnen als „verständlich“ durchgeht, ist in der Regel dem Bestand an erlernten Kulturtechniken zu verdanken, die bei der Masse des Publikums vorhanden sein müssen. Schwierig wird es aber immer dann, wenn die Fiktion sich selbst bespiegelt, zum Beispiel in einer „Film-im-Film“-Konstruktion.
Generell haben es Fiktionen, die dem Realitätsprinzip folgen, deutlich einfacher, da die „fiktive Welt“ den Mustern der realen Welt nachempfunden ist. „Realistische“ Fiktionen besitzen einen hohen Akzeptanzgrad, da man über die fiktiven Geschehnisse und Figuren so reden kann, als wären sie real: z.B. über eine problematische Handlung mit der Aussage „So etwas hätte ich nie getan!“, oder über ein fiktives Liebespaar mit der Frage „Was wird nur aus den beiden?“. Dies ermöglicht Interpretationen und Deutung via Einfühlung und Psychologisierung. Und es funktioniert sogar in Sci-Fi-Epen wie „Star Wars“, weil die die Figuren psychologisch kaum anders gestrickt sind als der Zuschauer. Auch wenn Luke Skywalker in fernen Welten mit skurrilen Aliens kämpfen muss, geht es doch um Liebe, Treue und Freundschaft, der Verrat, Gier und Machtlust gegenüberstehen. Das versteht man. Also: „Realistisch“ bedeutet eben nicht immer „genaue Abbildung unserer eigenen Lebenswelt“, auch wenn dies einige Kinofreunde aus ideologischen Gründen glauben müssen oder wollen.
Wie problematisch komplexere Konstruktionen werden können, bewies andererseits vor etlichn Jahren der keineswegs über-intellektualisierte, aber raffinierte „Last Action Hero“ von John McTiernan mit Arnold Schwarzenegger in zwei Hauptrollen. Der „Film-in-Film“, der zudem auch noch zitatenreich war (Shakespeare! Ingmar Bergman!) fiel zunächst an der Kinokasse durch, mauserte sich aber im Laufe der Zeit zum Geheimtipp und stellte damit unter Beweis, dass intelligentere Konzepte auf Dauer durchaus vermittelbar sind.
In „Pans Labyrinth“ geht es aber nicht um fiktive Verdoppelungen oder Metalepsen, in denen fiktiven Figuren bewusst wird, dass sie fiktiv sind, sondern um die uneindeutige Zuordnung des Realitätscharakters zweier grundverschiedener Erzählebenen.
Würde man beispielsweise in „Pans Labyrinth“ die beiden Erzählebenen „Spanien 1944“/“Märchenwelt“ deutlicher voneinander trennen und Ofelias Visionen formal und ästhetisch als Traum darstellen, wäre die erste Erzählebene, die „reale“, vor der zweiten gerettet und wir hätten alle kein Problem. Aber tatsächlich durchdringen sich beide Welten, die eine scheint in das Geschehen der anderen einzugreifen und umgekehrt.
Diese Deutung erledigt sich allerdings in der Schlussszene, als klar wird, dass alles, was Ofelia sieht, von den anderen nicht gesehen wird: Vidal kann, bevor er das Mädchen erschießt, den Faun, mit dem Ofelia spricht, nicht sehen und dies macht deutlich, dass das Märchen nur in Ofelias Kopf existiert.
Gut, auch dies wäre nicht wirklich ein Problem und könnte bequem mit dem Begriff „Genre-Mix“ erledigt werden, aber das Deutungsangebot, dass die Märchenwelt nur in Ofelias Kopf existiert und als regressive Fluchthandlung notwendig geworden ist, um den Schrecken der Wirklichkeit zu entkommen, ist ambivalent, denn wenn Vidal den Faun nicht sehen kann, dann kann dies auch bedeuten, dass Ofelia mystische Fähigkeiten besitzt und die Märchenwelt ebenso real ist wie die Erzählebene „Spanien 1944“.
Aus meiner Sicht besteht das Problem einzig und allein darin, dass wir kulturtechnisch so konditioniert wurden, dass wir uns innerhalb von Fiktionen nur orientieren können, wenn die Erzählebenen eindeutig (und nicht ambivalent) sind und die Konventionen der Zuordnung stimmen. Ambivalenzen und Konventionsbrüche räumen dagegen einen zu großen Deutungsspielraum ein. Das schafft Probleme.
Guillermo del Toro hat sich meiner Meinung nach als auktorialer (allwissend, allmächtig) Erzähler die Freiheit genommen, seine Welt so zu arrangieren, wie es ihm gefällt. Dabei besteht das auktoriale Moment nicht in der Art, mit der ein Erzähler in das Innenleben seiner Figur eindringt und eingreift (wie wir es aus der Literatur kennen), sondern in der Souveränität, mit der del Toro ästhetisch und formal seine Erzählwelten arrangiert und dabei bei der Sprengung von Konventionen die Imaginationsfähigkeit des Zuschauers bis an die Grenze ausreizt oder im ungünstigsten Fall restlos überfordert.
Tja, und jetzt dürfte dem einen oder anderen endgültig der Hut hochgehen, denn die aus der Literatur bekannte Problematik der Erzählperspektive oder des Erzählers („wer erzählt wem und vor allen Dingen was?“) ist keineswegs einfach auf das Kino und seine Fiktionen zu übertragen, da der Gestus des „als ob“ in der Kinofiktion scheinbar stärker dem Realitätsprinzip verpflichtet ist und der Erzähler völlig verschwindet, es sei denn, er wird formal (z.B. im Off) integriert. In „Pans Labyrinth“ haben wir es jedoch mit einem Filmemacher zu tun, der sich die Freiheit der Fantasie nimmt und uns (in aller Freiheit) überlässt, ob wir den Film als spirituelle Erfahrung konsumieren oder anderweitig zu Tode deuten.
Die Innenwelt des Bösen
Ungeachtet dieser theoretischen Probleme ist „Pans Labyrinth“ einfach ein fantastischer Film, der sich dem Zuschauer auch emotional erschließen soll und kann. Die Reise eines jungen Mädchens in eine unbekannte, bedrohliche Gegend fernab der urbanen Zivilisation, der Schrecken des Krieges, der ungeliebte Stiefvater, die Begegnung mit Terror und Folter – angesichts dieser Erfahrungen ist die Flucht in eine Märchenwelt auch ohne literatur- und kinotheoretische Diskussionen nachvollziehbar. Dabei kann man sich auch ruhig seinen Gefühlen und seiner Phantasie überlassen.
All dies wird zudem noch in eine sinnliche, überbordenden Filmsprache übersetzt, die durch opulente Szenarios den Zuschauer unwiderstehlich in die magische Welt Ofelias hineinzieht, ohne ihn völlig von den Schrecken der Außenwelt zu entlasten.
Dass in der Welt der Faune die Grausamkeit im selben Maße zunimmt wie in der Außenwelt zeigt zudem, wie beide Welten sich in den Fluchtphantasien Ofelias bespiegeln. Besonders in dem Moment, als ihre Mutter bei der Geburt stirbt und sie ihren gerade geborenen Bruder dem Faun übergeben soll, nur um von ihm zu erfahren, dass der Säugling als letzter Teil der Prüfung rituell geopfert werden soll.
Bei all diesen Grausamkeiten gibt es nur einen kleinen Unterschied: die Schrecken der Märchenwelt spiegeln die kulturell codierten Grausamkeiten der Märchen und der Initiationsriten wider, die Perversionen eines Hauptmann Vidal jedoch sind Guillermo des Toros ureigene Auslotung einer nihilistischen Ideologie, die der Moderne ihre Todessehnsucht und Barbarei entgegenschleudert und gleichzeitig die kathartische Funktion der Mythen verloren hat. Letzteres bietet del Toro mit seinem scheinbar infantilen Filmschluss an, den man sorgfältig bedenken sollte, bevor man ihn als sentimentalen Kitsch in die Tonne tritt.
Melonie = 3, Mr. Mendez = 3,5, BigDoc = 2, Klawer = 2,5
Noch eine Bemerkung: „Pans Labyrinth“ gewann drei Oskars – den für die beste Kamera, einen für die beste Maske und noch einen für die beste Ausstattung. Mehr hatte die Jury sich und dem Film nicht zugetraut.
Die dieser Kritik zugrunde liegende „3-Disc Collector’s Edition“ gehört zum Besten, was derzeit auf dem Markt ist. Das sechsstündige Bonusmaterial erschöpft sich nicht in den üblichen Making Of’s und Featurettes, sondern bietet klärende Dokumentationen und als Einführung in das mexikanische Kino ein cineastisch spektakuläres Studiogespräch zwischen Charlie Rose, Guillermo del Toro, Alejandro González Iñárritu und Alfonso Cuarón an. Und das wiederum ist schon fast alleine das Geld für das 3er-Set wert.
Mittwoch, 29. August 2007
Bilder des Bösen I: „Goyas Geister“
Spanien / USA / Frankreich 2006 - Originaltitel: Goya's Ghosts - Regie: Milos Forman - Darsteller: Natalie Portman, Javier Bardem, Stellan Skarsgård, Michael Lonsdale, Tomás Bilbatua, Mabel Rivera, Randy Quaid - FSK: ab 12 - Länge: 114 min.
Eigentlich ist es ein Rezeptionsfehler – aber ein perfider. Als die Kleriker der spanischen Inquisition darüber beraten, ob der Maler Francisco de Goya ein ketzerischer Feind der Kirche ist, macht sich Pater Lorenzo (Javier Bardem) für ihn stark: Goyas Bilder würden das Böse zeigen, so wie es ist. Lorenzos zynische Conclusio: die Verschärfung der Inquisition bis hin zur Wiedereinsetzung der peinlichen Befragung. Mit ihm an der Spitze. Wir sind im Jahre 1792, also mehr als fünf Jahrhunderte nach der Einführung der förmlichen Ketzerverfolgung und ihren bestialischen Folgen in Europa.Wie Lorenzos kalte Besessenheit in die Praxis umgesetzt wird, zeigt Milos Forman in „Goyas Geister“ auf exemplarische Weise am Beispiel der jungen Inés (Natalie Portman), die dem Hofmaler Goya als Muse dient: ihre fehlender Appetit auf Schweinefleisch macht sie bei den Schergen der Inquisition verdächtig. Das Tribunal, vor dem sie erscheinen muss, beschuldigt die Tochter einer alt eingesessenen christlichen Familie, heimlich jüdischen Glaubens zu sein und unterwirft sie mit großem Enthusiasmus der Folter, um sie danach in den Verließen der Inquisition verschwinden zu lassen.
Milos Forman („Einer flog über Kuckucksnest“, „Amadeus“), der gerne in opulenten Bildern schwelgt, verfolgt diese Geschichte in großen Zügen und lässt einen üppig inszenierten Historienfilm an uns vorüber ziehen, der zwischen großem Wurf und lässiger Geschichtsversimplifizierung hin und her schwankt. Dazu muss man allerdings wissen, dass die spanische Inquisition keineswegs Domäne der katholischen Kirche war, sondern in den Händen der Krone lag. Und Tribunale wurden keineswegs von Priestern und Angehörigen der Kirche durchgeführt, sondern von Rechtsgelehrten und Theologieprofessoren. Nicht einmal 2% der Befragten wurden zum Tode verurteilt und die Folter wurde nur in Ausnahmefällen eingesetzt.
Genauso zweifelhaft ist das Intro des Films, denn Goya geriet erst nach dem Einmarsch der napoleonischen Truppen ins Visier der Inquisition – und das wegen Pornografieverdachts („Nackte Maja“). Seine berühmten Drucke, die er unters Volk brachte, sind überdies deutungsbedürftig: waren sie anti-klerikal oder richteten sie sich gegen die Gräueltaten der französischen Besatzer, die im Film bestensfalls flüchtig skizziert werden?
Gelinde gesagt: Jean-Claude Carrière and Milos Forman, die gemeinsam für das Script verantwortlich sind, haben sich ihre Geschichte durchaus etwas „zurechtgebogen“, was besonders ärgerlich ist, wenn man sieht, wie grobschlächtig das komplizierte Verhältnis zwischen Spanien, Frankreich und England Anfang des 19. Jh. tatsächlich war.
Trotzdem fesselt der Film als Allegorie des Bösen. Einer der Höhepunkte ist zweifellos die Szene, in der der Vater von Inés nach einem gescheiterten, aber in dieser Zeit durchaus üblichen Bestechungsversuch, Pater Lorenzo ebenso grausam foltern lässt, wie dies mit seiner Tochter geschieht: als Lorenzo zusammenbricht und ein absurdes Geständnis unterzeichnet, bedeutet dies keineswegs eine Wende hin zur Vernunft, sondern nur dazu, dass Lorenzo selbst in Ungnade verfällt und fliehen muss.
Und Goya? So recht reicht es nicht zum Helden in diesem Film und dies ist auch gut so. Die Kunstgeschichte weiß immer noch recht wenig über den Maler, der als Vorbereiter der Moderne gilt. Stellan Skarsgård spielt ihn als etwas naiven, anpassungsbereiten, aber keineswegs opportunistischen Künstler, dem für den politischen Kampf sowohl Motivation als auch intellektuelles Format fehlen, der aber als intuitiver Moralist nicht anders kann als mit unbestechlichem Blick die Abgründe seiner Zeit festzuhalten. Und der für seine Muse kämpft bis an die Grenze des Möglichen. Eine Grenze, die er allerdings nie überschreitet.
Forman zeigt ihn als Einzelgänger (tatsächlich war Goya verheiratet und hatte Kinder), der wie jeder Künstler der Vergangenheit (bis zur Etablierung eines freien Kunstmarktes) den Launen seiner Mäzene und Auftraggeber ausgesetzt war. Dass wir heute eher von dem Bild beeinflusst werden, das die deutsche Romantik vom Künstler entwickelt hat, sollte man nicht verschweigen, denn Goya war eben nicht nur ein individualistisches Genie, sondern - den Gesetzen seiner Gesellschaft folgend - ein exzellenter Handwerker, der sich Trends und Moden anpassen musste, um überleben zu können. Der „wahre“ Goya, wie wir ihn heute aufgrund seiner berühmten Druckserien "Caprichos" und "Desastre de la Guerra" zu kennen glauben (die Serien kann man übrigens komplett über den Goya-Eintrag in der WIKIPEDIA als PDF abrufen kann), ist möglicherweise nur eine Stilisierung der Kunstgeschichte – dennoch hat es diesen Goya, den Portraitisten der schwarzen Abgründe gegeben. Deuten kann ihn Forman nicht, aber das wäre auch zu viel verlangt.
Eigentlich ist es ein Rezeptionsfehler – aber ein perfider. Als die Kleriker der spanischen Inquisition darüber beraten, ob der Maler Francisco de Goya ein ketzerischer Feind der Kirche ist, macht sich Pater Lorenzo (Javier Bardem) für ihn stark: Goyas Bilder würden das Böse zeigen, so wie es ist. Lorenzos zynische Conclusio: die Verschärfung der Inquisition bis hin zur Wiedereinsetzung der peinlichen Befragung. Mit ihm an der Spitze. Wir sind im Jahre 1792, also mehr als fünf Jahrhunderte nach der Einführung der förmlichen Ketzerverfolgung und ihren bestialischen Folgen in Europa.Wie Lorenzos kalte Besessenheit in die Praxis umgesetzt wird, zeigt Milos Forman in „Goyas Geister“ auf exemplarische Weise am Beispiel der jungen Inés (Natalie Portman), die dem Hofmaler Goya als Muse dient: ihre fehlender Appetit auf Schweinefleisch macht sie bei den Schergen der Inquisition verdächtig. Das Tribunal, vor dem sie erscheinen muss, beschuldigt die Tochter einer alt eingesessenen christlichen Familie, heimlich jüdischen Glaubens zu sein und unterwirft sie mit großem Enthusiasmus der Folter, um sie danach in den Verließen der Inquisition verschwinden zu lassen.
Genauso zweifelhaft ist das Intro des Films, denn Goya geriet erst nach dem Einmarsch der napoleonischen Truppen ins Visier der Inquisition – und das wegen Pornografieverdachts („Nackte Maja“). Seine berühmten Drucke, die er unters Volk brachte, sind überdies deutungsbedürftig: waren sie anti-klerikal oder richteten sie sich gegen die Gräueltaten der französischen Besatzer, die im Film bestensfalls flüchtig skizziert werden?
Gelinde gesagt: Jean-Claude Carrière and Milos Forman, die gemeinsam für das Script verantwortlich sind, haben sich ihre Geschichte durchaus etwas „zurechtgebogen“, was besonders ärgerlich ist, wenn man sieht, wie grobschlächtig das komplizierte Verhältnis zwischen Spanien, Frankreich und England Anfang des 19. Jh. tatsächlich war.
Trotzdem fesselt der Film als Allegorie des Bösen. Einer der Höhepunkte ist zweifellos die Szene, in der der Vater von Inés nach einem gescheiterten, aber in dieser Zeit durchaus üblichen Bestechungsversuch, Pater Lorenzo ebenso grausam foltern lässt, wie dies mit seiner Tochter geschieht: als Lorenzo zusammenbricht und ein absurdes Geständnis unterzeichnet, bedeutet dies keineswegs eine Wende hin zur Vernunft, sondern nur dazu, dass Lorenzo selbst in Ungnade verfällt und fliehen muss.
Und Goya? So recht reicht es nicht zum Helden in diesem Film und dies ist auch gut so. Die Kunstgeschichte weiß immer noch recht wenig über den Maler, der als Vorbereiter der Moderne gilt. Stellan Skarsgård spielt ihn als etwas naiven, anpassungsbereiten, aber keineswegs opportunistischen Künstler, dem für den politischen Kampf sowohl Motivation als auch intellektuelles Format fehlen, der aber als intuitiver Moralist nicht anders kann als mit unbestechlichem Blick die Abgründe seiner Zeit festzuhalten. Und der für seine Muse kämpft bis an die Grenze des Möglichen. Eine Grenze, die er allerdings nie überschreitet.
Forman zeigt ihn als Einzelgänger (tatsächlich war Goya verheiratet und hatte Kinder), der wie jeder Künstler der Vergangenheit (bis zur Etablierung eines freien Kunstmarktes) den Launen seiner Mäzene und Auftraggeber ausgesetzt war. Dass wir heute eher von dem Bild beeinflusst werden, das die deutsche Romantik vom Künstler entwickelt hat, sollte man nicht verschweigen, denn Goya war eben nicht nur ein individualistisches Genie, sondern - den Gesetzen seiner Gesellschaft folgend - ein exzellenter Handwerker, der sich Trends und Moden anpassen musste, um überleben zu können. Der „wahre“ Goya, wie wir ihn heute aufgrund seiner berühmten Druckserien "Caprichos" und "Desastre de la Guerra" zu kennen glauben (die Serien kann man übrigens komplett über den Goya-Eintrag in der WIKIPEDIA als PDF abrufen kann), ist möglicherweise nur eine Stilisierung der Kunstgeschichte – dennoch hat es diesen Goya, den Portraitisten der schwarzen Abgründe gegeben. Deuten kann ihn Forman nicht, aber das wäre auch zu viel verlangt.
In „Goyas Geister“ spielt aber ein anderer die Hauptrolle – und dies ist trotz der erwähnten historischen Schludrigkeiten ein gelungener inszenatorischer Trick: Javier Bardem („Das Meer in mir“) gibt mit brillanter Präzision das Portrait eines unerbittlichen, aber auch ambivalenten Machtmenschen. Als Zuschauer weiß man nie so recht, ob Lorenzo das ideologisierte Kind seiner Zeit ist oder ein zynischer Opportunist mit erlesenem ästhetischem Geschmack.
Diese Frage wird auch nicht ganz beantwortet, nachdem Milos Forman einen gewaltigen Zeitsprung ins Jahr 1808 macht: Napoleons Truppen unterwerfen Spanien, proklamieren die bürgerlichen Rechte und beenden die Inquisition – und Lorenzo taucht als Sonderbeauftragter Frankreichs auf, der die verhassten Kleriker vor die Schranken des Gerichts zerrt. Mit der dramaturgischen Verlagerung von Goya hin zum fiktiven Lorenzo ist Forman dann doch der Coup gelungen, der „Goyas Geister“ rettet. In seinen besten Momenten verbreitet dieser eiskalte und höfliche Fanatiker des Grauens eine Kälte, die einem nachhaltig in die Glieder fährt: man spürt etwas von der Absurdität und der Grausamkeit menschlicher Geschichte, gegen die sich Kunst wohl vergeblich auflehnt, ohne dass man auf ihr moralisches Insistieren verzichten möchte.
Diese Frage wird auch nicht ganz beantwortet, nachdem Milos Forman einen gewaltigen Zeitsprung ins Jahr 1808 macht: Napoleons Truppen unterwerfen Spanien, proklamieren die bürgerlichen Rechte und beenden die Inquisition – und Lorenzo taucht als Sonderbeauftragter Frankreichs auf, der die verhassten Kleriker vor die Schranken des Gerichts zerrt. Mit der dramaturgischen Verlagerung von Goya hin zum fiktiven Lorenzo ist Forman dann doch der Coup gelungen, der „Goyas Geister“ rettet. In seinen besten Momenten verbreitet dieser eiskalte und höfliche Fanatiker des Grauens eine Kälte, die einem nachhaltig in die Glieder fährt: man spürt etwas von der Absurdität und der Grausamkeit menschlicher Geschichte, gegen die sich Kunst wohl vergeblich auflehnt, ohne dass man auf ihr moralisches Insistieren verzichten möchte.
Noch eine Anmerkung: wer mehr über Formans durchaus interessante Motive wissen möchte, sollte sich das Interview durchlesen, das man in der WELT ONLINE-Ausgabe vom 27. November 2006 findet. Die reflektierten Äußerungen über die Geschichte der Folter und die Vergleiche zwischen dem amerikanischen Einmarsch in den Irak und der Niederwerfung Spaniens durch die Franzosen dürften Kinofreunden ohne historische Kenntnisse aber ebenso unzugänglich bleiben wie Goyas berühmteste Bilder, vor allem sein Spätwerk, die ohne Erklärung sperrig bleiben.
Die im Filmclub aufkommende Kritik, man würde über Goya in dem Film nicht wirklich etwas erfahren, ist daher nicht von der Hand zu weisen. Entsprechend kontrovers war die Benotung.
BigDoc = 2,5, Klawer = 2, Melonie = 3, Mr. Mendez = 3,5
Vorschau: „Bilder des Bösen II“ wird sich mit „Pan´s Labyrinth“ beschäftigen, einem Film, der auf spannende Weise ganz anders funktioniert als Milos Formans doch eher konventioneller Realismus.
BigDoc = 2,5, Klawer = 2, Melonie = 3, Mr. Mendez = 3,5
Vorschau: „Bilder des Bösen II“ wird sich mit „Pan´s Labyrinth“ beschäftigen, einem Film, der auf spannende Weise ganz anders funktioniert als Milos Formans doch eher konventioneller Realismus.
Freitag, 10. August 2007
Die Simpsons - Der Film
USA 2007 - Originaltitel: The Simpsons Movie - Regie: David Silverman - Darsteller: (Stimmen) Norbert Gastell, Anke Engelke, Sandra Schwittau, Sabine Bohlmann, Michael Rüth, Angelika Bender, Reinhard Brock - FSK: ab 6 - Länge: 87 min.
Eigentlich bin ich ja kein echter Simpson-Fan. Gut, ich habe schon mal das eine oder andere aus Springfield gesehen, aber nur, weil sich unser lieber Klawer als Simpson-Fan outete und ich danach zumindest ahnungsvoll einige Episoden sah, die mir signalisierten, dass ich einiges verpasse, wenn ich nicht weitermache. Leider kam es so, ich habe wohl einiges verpasst. Offen gestanden: die Versuchung ist größer geworden, denn „Die Simpsons“ (The Simpson Movie) sind so herausragend geraten, dass ich anfange, fast täglich und ganz vorsichtig nach der TV-Zeitschrift zu schielen.
„Warum guckt ihr euch das im Kino an? Im Fernsehen gibt’s das doch alles umsonst!“
Gleich am Anfang konfrontiert uns Homer mit dieser medienkritischen (?), naiven (?) oder gar philosophischen (?) Einsicht, die mittlerweile von Millionen Kinogängern weltweit ad absurdum geführt wurde. Vielleicht ist Homer ja doch kein Vollidiot und seine gelegentlichen Anflüge von Weisheit, die er vermutlich auf der Stelle wieder vergisst, sollte man sich möglicherweise ins kleine Handbuch der Simpson-Aphorismen eintragen. Auf jeden Fall werden Homer, Marge, Bart, Lisa und Maggie für die 20th Century Fox, und damit auch für Rupert Murdoch, Milliarden an den Kinokassen abräumen, was auch klappen wird, wenn sich wirklich alle an Barts kategorischen Imperativ halten (den er in bewährter Manier an die Schultafel schreibt): „I will not download this movie!“.
Aber bevor man dem dusseligen Oberhaupt der Simpsons zuviel Ehre erweist, sollte man wissen, dass es Homer ist, der in Springfield eine folgenschwere Katastrophe auslöst: er verklappt nämlich aus Faulheit die Fäkalien seines Hausschweins in den Kühlwassersee des Atomkraftwerks, wonach sich der See in eine DNA-verändernde Fäkalienbrühe verwandelt – und das obwohl Lisa in bester Al Gore-Manier vor der drohenden Apokalypse gewarnt hat. Was die Kirche in Springfield ziemlich lapidar mit den Worten "We told you so" kommentiert. Als daraufhin eine dubiose US-Umweltbehörde die verschlafene Heimatstadt der Simpsons unter einer riesigen Käseglocke hermetisch vor der Außenwelt versiegelt, drohen Lynchjustiz und Anarchie (man will Homer an den Kragen und seine Überlebenschancen dürften etwas geringer ausfallen als die von Jack Bauer in einer durchschnittlichen Episode von „24“). Homer und seine Lieben müssen also fliehen und dann trotzdem die Welt retten und die Story mäandert in einem raffinierten Feuerwerk boshafter Pointen, gemeiner politischer Anspielungen und selbst-referentiellen Späßchen seinem guten Ende entgegen.
„Was in einer guten Simpsons-Folge in 22 Minuten auf den Zuschauer einprasselt, lässt sich gerade noch verarbeiten. Für die vier- bis fünffache Menge ist das menschliche Hirn einfach nicht gebaut“ schreibt Jürgen von Rutenberg in der ZEIT. Tatsächlich aber weisen aktuelle Ergebnisse der Hirn- und Kognitionsforschung darauf hin, dass dem nicht so ist und einer allgemeinen Simpsonisierung des Kinogängers nicht viel im Wege steht. Und das ist durchaus positiv gemeint. Man muss ja nicht so doof wie Homer werden, sondern könnte mit Lisas subversiver Intellektualität auf das Absonderliche und Paradoxe unserer Lebensweise verweisen und sagen, was sonst keiner sagt.
Der französische Philosoph Michel Foucault hat zu den Regelns des gesellschaftlichen Diskurses folgendes geschrieben: „Man weiß, dass man nicht das Recht hat, alles zu sagen, dass man nicht bei jeder Gelegenheit von allem sprechen kann, dass schließlich nicht jeder Beliebige über alles Beliebige reden kann“. Nun, nicht nur Fußballfans, sondern auch die Simpsons beweisen tagtäglich, dass Foucault sich wohl irrte. Und vor dem heutigen Besuch bei meinem Lieblingsverein finde ich folgende Einsicht wesentlich erhellender: „Wenn man an so einer Sportveranstaltung teilnimmt, geht es nicht darum, ob man gewinnt oder verliert, sondern wie besoffen man wird“ (Homer Simpson).
Noten: Melonie = 1,5, BigDoc = 1,5
Eigentlich bin ich ja kein echter Simpson-Fan. Gut, ich habe schon mal das eine oder andere aus Springfield gesehen, aber nur, weil sich unser lieber Klawer als Simpson-Fan outete und ich danach zumindest ahnungsvoll einige Episoden sah, die mir signalisierten, dass ich einiges verpasse, wenn ich nicht weitermache. Leider kam es so, ich habe wohl einiges verpasst. Offen gestanden: die Versuchung ist größer geworden, denn „Die Simpsons“ (The Simpson Movie) sind so herausragend geraten, dass ich anfange, fast täglich und ganz vorsichtig nach der TV-Zeitschrift zu schielen.
„Warum guckt ihr euch das im Kino an? Im Fernsehen gibt’s das doch alles umsonst!“
Gleich am Anfang konfrontiert uns Homer mit dieser medienkritischen (?), naiven (?) oder gar philosophischen (?) Einsicht, die mittlerweile von Millionen Kinogängern weltweit ad absurdum geführt wurde. Vielleicht ist Homer ja doch kein Vollidiot und seine gelegentlichen Anflüge von Weisheit, die er vermutlich auf der Stelle wieder vergisst, sollte man sich möglicherweise ins kleine Handbuch der Simpson-Aphorismen eintragen. Auf jeden Fall werden Homer, Marge, Bart, Lisa und Maggie für die 20th Century Fox, und damit auch für Rupert Murdoch, Milliarden an den Kinokassen abräumen, was auch klappen wird, wenn sich wirklich alle an Barts kategorischen Imperativ halten (den er in bewährter Manier an die Schultafel schreibt): „I will not download this movie!“.
Aber bevor man dem dusseligen Oberhaupt der Simpsons zuviel Ehre erweist, sollte man wissen, dass es Homer ist, der in Springfield eine folgenschwere Katastrophe auslöst: er verklappt nämlich aus Faulheit die Fäkalien seines Hausschweins in den Kühlwassersee des Atomkraftwerks, wonach sich der See in eine DNA-verändernde Fäkalienbrühe verwandelt – und das obwohl Lisa in bester Al Gore-Manier vor der drohenden Apokalypse gewarnt hat. Was die Kirche in Springfield ziemlich lapidar mit den Worten "We told you so" kommentiert. Als daraufhin eine dubiose US-Umweltbehörde die verschlafene Heimatstadt der Simpsons unter einer riesigen Käseglocke hermetisch vor der Außenwelt versiegelt, drohen Lynchjustiz und Anarchie (man will Homer an den Kragen und seine Überlebenschancen dürften etwas geringer ausfallen als die von Jack Bauer in einer durchschnittlichen Episode von „24“). Homer und seine Lieben müssen also fliehen und dann trotzdem die Welt retten und die Story mäandert in einem raffinierten Feuerwerk boshafter Pointen, gemeiner politischer Anspielungen und selbst-referentiellen Späßchen seinem guten Ende entgegen.
„Was in einer guten Simpsons-Folge in 22 Minuten auf den Zuschauer einprasselt, lässt sich gerade noch verarbeiten. Für die vier- bis fünffache Menge ist das menschliche Hirn einfach nicht gebaut“ schreibt Jürgen von Rutenberg in der ZEIT. Tatsächlich aber weisen aktuelle Ergebnisse der Hirn- und Kognitionsforschung darauf hin, dass dem nicht so ist und einer allgemeinen Simpsonisierung des Kinogängers nicht viel im Wege steht. Und das ist durchaus positiv gemeint. Man muss ja nicht so doof wie Homer werden, sondern könnte mit Lisas subversiver Intellektualität auf das Absonderliche und Paradoxe unserer Lebensweise verweisen und sagen, was sonst keiner sagt.
Der französische Philosoph Michel Foucault hat zu den Regelns des gesellschaftlichen Diskurses folgendes geschrieben: „Man weiß, dass man nicht das Recht hat, alles zu sagen, dass man nicht bei jeder Gelegenheit von allem sprechen kann, dass schließlich nicht jeder Beliebige über alles Beliebige reden kann“. Nun, nicht nur Fußballfans, sondern auch die Simpsons beweisen tagtäglich, dass Foucault sich wohl irrte. Und vor dem heutigen Besuch bei meinem Lieblingsverein finde ich folgende Einsicht wesentlich erhellender: „Wenn man an so einer Sportveranstaltung teilnimmt, geht es nicht darum, ob man gewinnt oder verliert, sondern wie besoffen man wird“ (Homer Simpson).
Noten: Melonie = 1,5, BigDoc = 1,5
Samstag, 4. August 2007
Transformers
USA 2006 - Regie: Michael Bay - Darsteller: Shia LaBeouf, Tyrese Gibson, Josh Duhamel, Anthony Anderson, Rachael Taylor, Megan Fox, John Turturro, Jon Voight, Bernie Mac, Amaury Nolasco - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 143 min.
Hi, ich bin Kraczin, ein Autobot. Ich wohne schon lange bei Melonie auf dem Parkplatz und da Melonie diese Kritik nicht schreiben wollte (die war nicht mal im Film), mache ich das mal für sie. Mir hätte das wirklich viel Spaß gemacht, mal endlich einen Film über uns bei euch im Kino zu sehen, aber leider kann ich mich da nicht blicken lassen. So ein echter Transformer passt ja überhaupt nicht in ein Kino rein. Ach ja, warum ich bei Melonie auf dem Parkplatz wohne? Nun, wir Autobots sind nicht alle so klug wie unser Anführer Optimus Prime und die etwas billigeren Modelle sind so schlau wie eure Zwölfjährigen und müssen schon mal als Oldtimer ihr Geld verdienen, um über die Runden zu kommen. Ich kann mich sogar in einen Rasenmäher verwandeln und nicht mal BigDoc hat das gemerkt, als er mit mir seinen Garten bearbeitet hat
Nun aber endlich zum Film, den habe ich mir von BigDoc erzählen lassen: es geht um unseren Kampf mit den Decepticons – das sind die bösen Transformers. Eigentlich wollen wir Autobots genauso wie die auch in echt Vorherrschaft im Universum, aber wir natürlich nur, weil wir dann in aller Ruhe mal auf deutschen Autobahnen Gas geben können, ohne dabei gestört zu werden. Die Decepticons wollen dagegen die Menschen vernichten, aber zum Glück haben wir sie besiegt und nun müssen die Decepticons zur Strafe als Autozubehör arbeiten. Die sind ganz schön sauer.
In dem Film, den dieser etwas komische Michael gemacht hat, geht es auch um den "Allspark" – das ist eine sagenhaft gigantische Energiequelle, mit der man ganze Planeten mit Strom versorgen kann, ohne dass es Ärger mit dem Klima gibt. Wer den „Allspark“ hat, der hat gewonnen, also wollen ihn die Deceptions natürlich koste es, was es wolle. Natürlich will Al Gore den auch, aber das ist eine andere Geschichte. Aber das ist ja dem Michael nicht so wichtig, der wollte ja mit seinem Freund Steven den Film nur machen, um den jungen Menschen auf eurem Planeten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Und damit kaufen Michael und Steven dann ganz teure Autobots, nicht solche wie mich.
Ich glaube aber, dass der Steven schon genug Geld hat. Der spielt einfach gerne und möchte zeigen, was man so alles im Kino machen kann. Deswegen heißt der auch Spielberg. Aber mal ehrlich: wir Autobots haben in echt viel bessere Tricks drauf. Und wir hätten den Film auch besser gemacht, da wären dann nicht so viele Menschen vorgekommen, die ganz hohe Ämter haben, aber in Wirklichkeit so doof sind, dass sie dauernd blöde Sprüche aufsagen wie „Ohne Opfer kein Sieg!“ Das nur mal so..
Aber ich komme mal wieder vom Thema ab: leider ist in dem Film ein Mensch der Held und nicht einer von uns, das ist der junge Schauspieler Shia LaBeouf, der so gut wie Tom Hanks sein soll, aber das glauben nicht mal meine Kollegen, die anderen Autosbots, denn Tom Hanks wird ja gerade in den „Simpsons“ verarscht, da kann der ja nicht so ein tolles Vorbild sein. Und so gut hat der Shia LaBeouf ja auch nicht gespielt. Im Film heißt er Sam Witwicky, und weil Steven meint, dass es gut für das Publikum ist, wenn ein Kind die Welt rettet, macht er so was in fast all seinen Film, wenn er nicht gerade was mit Haien macht. E.T. fanden wir Autobots eigentlich ziemlich doof, aber neulich hat er einen Film über einen Androiden gemacht, der war echt gut.
Auf jeden Fall kracht und scheppert es ganz doll in dem Film von dem Michael. Der macht immer solche Filme, wo alles in die Luft geht und gleich immer die ganze Welt gerettet werden muss. Na ja, das ist ja in unserem Krieg mit den Decepticons auch wirklich so gewesen, aber Michael und Steven haben das gemacht, weil das bei euch ganz viele Leute im Kino sehen wollen. BigDoc hat mir das dann auch erklärt: die meisten Leute gehen in Filme, wo angeblich viel Popcorn gegessen wird, und ganz wenige gehen in so genannte Arthouse-Kinos, wo Films laufen, wo die klugen Autobots auch Spaß dran hätten. Die Film da sind aber meistens traurig, bis auf die „Simpsons“, da dürfen auch die mal lachen, die sonst immer ganz traurig im Kino sind. Und BigDoc hat mir erklärt, dass die eine Gruppe nie die „Transformers“ angucken würde und die andere Gruppe nie ins Arthouse geht. „Clash of the Cultures“ nannte er das und das ist so was Ähnliches wie der Krieg der Autobots mit den Decepticons.
Und das geht dann auch in euren komischen Zeitungen so weiter, wo es Leute gibt, die ihr „Filmkritiker“ nennt. Die erklären den Leuten dann, warum sie besser nicht in einen Harry Potter-Film gehen sollen, obwohl das vielen Menschen ganz toll Spaß macht. Diese Kritiker finden dafür Filme ganz toll, in denen fast alle einschlafen oder hinterher ganz traurig sind, weil sie wieder mal gesehen haben, wie doof die Menschen miteinander umgehen. „Kunst ist tragisch“, sagt BigDoc, aber ich glaube ihm das nicht, denn er hat so komisch mit den Augen gezwinkert und das nennen Menschen ja Ironie. Und der Michael, der den Film gemacht, der hat ja auch viel Ironie in den Film gepackt. Aber der BigDoc hat mir das auch erklärt, denn er meint, dass man das nicht macht, weil man dabei so viel lachen muss, sondern weil die Kritiker dann nicht ganz so böse werden, wenn ein Film ironisch ist. Und weil die Armee von dem Land, in dem Michael und Steven wohnen, für den Film Geld und Panzer gegeben haben, meinte BigDoc, dass das nur geht, wenn man´s ironisch macht. Das sehen wir Autobots aber anders: wir finden das gut, wenn Leute, die den ganzen Tag in fremden Ländern kämpfen, anderen Leuten im Kino ihr Werkzeug zeigen, damit man lernt, wie gut die sind beim Kämpfen und so.
„So, das war Kraczins Filmkritik. Eigentlich heißt er nicht Kraczin, aber ich habe ihn so genannt, weil es zwei Filmtheoretiker gegeben hat, die vor einigen Jahrzehnten noch der Meinung waren, dass Film eine Kunst ist, die uns die Wirklichkeit so zeigt wie sie ist: Siegfried Kracauer und André Bazin. Andere behaupten dagegen, Filme könnten uns zeigen, wie die Wirklichkeit sein sollte, also besser, aber ich glaube nicht, dass wir das hinkriegen. Zwischendurch schauen wir uns Komödien an, in denen wir lernen, wie wir ticken, im Alltag kommen solche Erkenntnisse dann leider selten zur Anwendung, aber wenigstens haben wir mal gelacht.
Und dann gibt es Leute wie Michael Bay, die fromm und frei sagen: „Ich mache Filme für Teenager. Oh Gott, was für ein Verbrechen“. Ja, da ist sie, diese Ironie, diese geistvolle Schlagfertigkeit. Humor hat er ja, während einige unserer Kritiker uns weismachen wollen, dass wir unrettbar der Dekompensation verfallen, wenn wir die „Transformers“ sehen. Und während in den Foren der großen Tageszeitungen die Laufkundschaft „ihre“ Filmkritiker für völlig weltfremd hält und sich weitgehend schadensfrei in den „Transformers“ amüsiert hat, halte ich mich in diesem Film-Blog fein aus diesem Streit heraus.
Also: wer sich kurzfristig auf das Niveau eines Zwölfjährigen beamen kann, wird in dem Film höllisch viel Spaß haben. Er sollte bloß nicht dauerhaft der Regression anheim fallen. Am besten am gleichen Abend noch einen Film von Ingmar Bergman anschauen und das mentale Gleichgewicht ist wieder gesichert. Ach ja, Ingmar Bergman wird mir fehlen. (BigDoc)“.
Note: BigDoc = 3,5
Hi, ich bin Kraczin, ein Autobot. Ich wohne schon lange bei Melonie auf dem Parkplatz und da Melonie diese Kritik nicht schreiben wollte (die war nicht mal im Film), mache ich das mal für sie. Mir hätte das wirklich viel Spaß gemacht, mal endlich einen Film über uns bei euch im Kino zu sehen, aber leider kann ich mich da nicht blicken lassen. So ein echter Transformer passt ja überhaupt nicht in ein Kino rein. Ach ja, warum ich bei Melonie auf dem Parkplatz wohne? Nun, wir Autobots sind nicht alle so klug wie unser Anführer Optimus Prime und die etwas billigeren Modelle sind so schlau wie eure Zwölfjährigen und müssen schon mal als Oldtimer ihr Geld verdienen, um über die Runden zu kommen. Ich kann mich sogar in einen Rasenmäher verwandeln und nicht mal BigDoc hat das gemerkt, als er mit mir seinen Garten bearbeitet hat
Nun aber endlich zum Film, den habe ich mir von BigDoc erzählen lassen: es geht um unseren Kampf mit den Decepticons – das sind die bösen Transformers. Eigentlich wollen wir Autobots genauso wie die auch in echt Vorherrschaft im Universum, aber wir natürlich nur, weil wir dann in aller Ruhe mal auf deutschen Autobahnen Gas geben können, ohne dabei gestört zu werden. Die Decepticons wollen dagegen die Menschen vernichten, aber zum Glück haben wir sie besiegt und nun müssen die Decepticons zur Strafe als Autozubehör arbeiten. Die sind ganz schön sauer.
In dem Film, den dieser etwas komische Michael gemacht hat, geht es auch um den "Allspark" – das ist eine sagenhaft gigantische Energiequelle, mit der man ganze Planeten mit Strom versorgen kann, ohne dass es Ärger mit dem Klima gibt. Wer den „Allspark“ hat, der hat gewonnen, also wollen ihn die Deceptions natürlich koste es, was es wolle. Natürlich will Al Gore den auch, aber das ist eine andere Geschichte. Aber das ist ja dem Michael nicht so wichtig, der wollte ja mit seinem Freund Steven den Film nur machen, um den jungen Menschen auf eurem Planeten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Und damit kaufen Michael und Steven dann ganz teure Autobots, nicht solche wie mich.
Ich glaube aber, dass der Steven schon genug Geld hat. Der spielt einfach gerne und möchte zeigen, was man so alles im Kino machen kann. Deswegen heißt der auch Spielberg. Aber mal ehrlich: wir Autobots haben in echt viel bessere Tricks drauf. Und wir hätten den Film auch besser gemacht, da wären dann nicht so viele Menschen vorgekommen, die ganz hohe Ämter haben, aber in Wirklichkeit so doof sind, dass sie dauernd blöde Sprüche aufsagen wie „Ohne Opfer kein Sieg!“ Das nur mal so..
Aber ich komme mal wieder vom Thema ab: leider ist in dem Film ein Mensch der Held und nicht einer von uns, das ist der junge Schauspieler Shia LaBeouf, der so gut wie Tom Hanks sein soll, aber das glauben nicht mal meine Kollegen, die anderen Autosbots, denn Tom Hanks wird ja gerade in den „Simpsons“ verarscht, da kann der ja nicht so ein tolles Vorbild sein. Und so gut hat der Shia LaBeouf ja auch nicht gespielt. Im Film heißt er Sam Witwicky, und weil Steven meint, dass es gut für das Publikum ist, wenn ein Kind die Welt rettet, macht er so was in fast all seinen Film, wenn er nicht gerade was mit Haien macht. E.T. fanden wir Autobots eigentlich ziemlich doof, aber neulich hat er einen Film über einen Androiden gemacht, der war echt gut.
Auf jeden Fall kracht und scheppert es ganz doll in dem Film von dem Michael. Der macht immer solche Filme, wo alles in die Luft geht und gleich immer die ganze Welt gerettet werden muss. Na ja, das ist ja in unserem Krieg mit den Decepticons auch wirklich so gewesen, aber Michael und Steven haben das gemacht, weil das bei euch ganz viele Leute im Kino sehen wollen. BigDoc hat mir das dann auch erklärt: die meisten Leute gehen in Filme, wo angeblich viel Popcorn gegessen wird, und ganz wenige gehen in so genannte Arthouse-Kinos, wo Films laufen, wo die klugen Autobots auch Spaß dran hätten. Die Film da sind aber meistens traurig, bis auf die „Simpsons“, da dürfen auch die mal lachen, die sonst immer ganz traurig im Kino sind. Und BigDoc hat mir erklärt, dass die eine Gruppe nie die „Transformers“ angucken würde und die andere Gruppe nie ins Arthouse geht. „Clash of the Cultures“ nannte er das und das ist so was Ähnliches wie der Krieg der Autobots mit den Decepticons.
Und das geht dann auch in euren komischen Zeitungen so weiter, wo es Leute gibt, die ihr „Filmkritiker“ nennt. Die erklären den Leuten dann, warum sie besser nicht in einen Harry Potter-Film gehen sollen, obwohl das vielen Menschen ganz toll Spaß macht. Diese Kritiker finden dafür Filme ganz toll, in denen fast alle einschlafen oder hinterher ganz traurig sind, weil sie wieder mal gesehen haben, wie doof die Menschen miteinander umgehen. „Kunst ist tragisch“, sagt BigDoc, aber ich glaube ihm das nicht, denn er hat so komisch mit den Augen gezwinkert und das nennen Menschen ja Ironie. Und der Michael, der den Film gemacht, der hat ja auch viel Ironie in den Film gepackt. Aber der BigDoc hat mir das auch erklärt, denn er meint, dass man das nicht macht, weil man dabei so viel lachen muss, sondern weil die Kritiker dann nicht ganz so böse werden, wenn ein Film ironisch ist. Und weil die Armee von dem Land, in dem Michael und Steven wohnen, für den Film Geld und Panzer gegeben haben, meinte BigDoc, dass das nur geht, wenn man´s ironisch macht. Das sehen wir Autobots aber anders: wir finden das gut, wenn Leute, die den ganzen Tag in fremden Ländern kämpfen, anderen Leuten im Kino ihr Werkzeug zeigen, damit man lernt, wie gut die sind beim Kämpfen und so.
„So, das war Kraczins Filmkritik. Eigentlich heißt er nicht Kraczin, aber ich habe ihn so genannt, weil es zwei Filmtheoretiker gegeben hat, die vor einigen Jahrzehnten noch der Meinung waren, dass Film eine Kunst ist, die uns die Wirklichkeit so zeigt wie sie ist: Siegfried Kracauer und André Bazin. Andere behaupten dagegen, Filme könnten uns zeigen, wie die Wirklichkeit sein sollte, also besser, aber ich glaube nicht, dass wir das hinkriegen. Zwischendurch schauen wir uns Komödien an, in denen wir lernen, wie wir ticken, im Alltag kommen solche Erkenntnisse dann leider selten zur Anwendung, aber wenigstens haben wir mal gelacht.
Und dann gibt es Leute wie Michael Bay, die fromm und frei sagen: „Ich mache Filme für Teenager. Oh Gott, was für ein Verbrechen“. Ja, da ist sie, diese Ironie, diese geistvolle Schlagfertigkeit. Humor hat er ja, während einige unserer Kritiker uns weismachen wollen, dass wir unrettbar der Dekompensation verfallen, wenn wir die „Transformers“ sehen. Und während in den Foren der großen Tageszeitungen die Laufkundschaft „ihre“ Filmkritiker für völlig weltfremd hält und sich weitgehend schadensfrei in den „Transformers“ amüsiert hat, halte ich mich in diesem Film-Blog fein aus diesem Streit heraus.
Also: wer sich kurzfristig auf das Niveau eines Zwölfjährigen beamen kann, wird in dem Film höllisch viel Spaß haben. Er sollte bloß nicht dauerhaft der Regression anheim fallen. Am besten am gleichen Abend noch einen Film von Ingmar Bergman anschauen und das mentale Gleichgewicht ist wieder gesichert. Ach ja, Ingmar Bergman wird mir fehlen. (BigDoc)“.
Note: BigDoc = 3,5
Samstag, 28. Juli 2007
Them (Ils)
Them (Ils), Frankreich 2006, Regie: David Moreau, Xavier Palud, Drehbuch David Moreau, Xavier Palud, Produktion: Richard Grandpierre. Darsteller: Olivia Bonamy, Michaël Cohen, Adriana Mocca, Maria Roman Camelia Maxim, Länge 77 min., FSK: 16.
Häuser, die einsam im Wald liegen, werden meistens von einem unschuldigen Pärchen bewohnt oder von einer Gruppe unschuldiger junger Leute fürs lustige Weekend besucht. In der Regel zieht dieses Verhalten den Auftritt eines psychopathischen Massenmörders nach sich, der alle abschlachtet.
Haben die oben angeführten Protagonisten zuviel Spaß an Sex und sonstigen Nebensächlichkeiten, tritt der psychopathische Massenmörder natürlich auch auf (oder besser gesagt: erst recht) und spaltet die Frivolen mit der Axt oder zersägt sie sonst wie. In solchen Fällen impliziert der Slasher-Film, dass die Bestraften doch irgendwie selbst schuld an ihrem Schicksal sind. Man nennt dies auch „repressive Pädagogik“ und da die Freaks mitten unter uns sind, werden sie als relevante Kino-Klientel auch regelmäßig mit maßgeschneiderten Produkten bedient.
„Them“, der für den DVD-Markt produziert wurde, ist kein Slasher-Film, funktioniert aber nach dem gleichen Prinzip der Vorhersehbarkeit: ein junges rumänisches Pärchen in einem einsamen Haus mitten im Wald wird nachts durch Geräusche aufgeschreckt und durch einige wenig subtile Grobheiten an die Grenze der Wahnsinns getrieben. Dass dies alles wohl kein Spaß ist, hat uns bereits der Prolog gezeigt, in dem eine harmlose Autopanne in eben diesem Wald zwei Frauen das Leben kostet. Und so laufen unsere Protagonisten, nachdem sie einen der Eindringlinge umgebracht haben, bald in die Finsternis und um ihr Leben. In den Kanälen eines unterirdischen Abwassersystems kommt es schließlich zum Show-down.
David Moreau und Xavier Palud haben nicht nur das Buch geschrieben, sondern bei ihrem Erstling auch Regie geführt. Produziert wurde der Film in einem Monat auf Digital-Video. Die Produktionskosten dürften sich in einem überschaubaren Rahmen bewegt haben und im über 20-minütigen „Making-Of“ erfährt man immer wieder, dass sehr effizient produziert wurde und die Darsteller dabei an ihre physischen Grenzen gingen. Gut.
Dass „Them“ auch sonst mit den Erwartungen des Publikums spielt, sollte besser nicht unterstellt werden, denn dazu gehört eine gewisse Originalität. Stattdessen klappern Fenster, der Fernseher geht an und aus, ein Auto verschwindet, man hört Schritte auf dunklen Treppen und spätestens dann, wenn ein Nagel durch ein Guckloch getrieben wird, hört der Spaß für die Bedrohten auf und leider auch für den Zuschauer. Denn das riesige Haus mit seinen labyrinthischen Gängen erinnert zwar ein wenig an „Shining“, aber das war´s dann auch mit dem großen Vorbild, denn der Film ist so grottenlangweilig, dass man doch einige Mühe hat, die 77 Minuten Laufzeit einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Es ist eben alles nur ein großes déja-vu.
Den eigentlichen Horror erlebt man kurz vor dem Prolog und am Ende unmittelbar vor den Credits, denn Text-Inserts weisen mit Nachdruck darauf hin, dass der Film auf einer wahren Begebenheit beruht und mit welchen Worten die Täter ihr Tun begründet haben. Spätestens an dieser Stelle macht sich das wirkliche Grauen im Kopf des Zuschauers breit. Falls diese Info kein Fake ist...
Noten: BigDoc = 4
Häuser, die einsam im Wald liegen, werden meistens von einem unschuldigen Pärchen bewohnt oder von einer Gruppe unschuldiger junger Leute fürs lustige Weekend besucht. In der Regel zieht dieses Verhalten den Auftritt eines psychopathischen Massenmörders nach sich, der alle abschlachtet.
Haben die oben angeführten Protagonisten zuviel Spaß an Sex und sonstigen Nebensächlichkeiten, tritt der psychopathische Massenmörder natürlich auch auf (oder besser gesagt: erst recht) und spaltet die Frivolen mit der Axt oder zersägt sie sonst wie. In solchen Fällen impliziert der Slasher-Film, dass die Bestraften doch irgendwie selbst schuld an ihrem Schicksal sind. Man nennt dies auch „repressive Pädagogik“ und da die Freaks mitten unter uns sind, werden sie als relevante Kino-Klientel auch regelmäßig mit maßgeschneiderten Produkten bedient.
„Them“, der für den DVD-Markt produziert wurde, ist kein Slasher-Film, funktioniert aber nach dem gleichen Prinzip der Vorhersehbarkeit: ein junges rumänisches Pärchen in einem einsamen Haus mitten im Wald wird nachts durch Geräusche aufgeschreckt und durch einige wenig subtile Grobheiten an die Grenze der Wahnsinns getrieben. Dass dies alles wohl kein Spaß ist, hat uns bereits der Prolog gezeigt, in dem eine harmlose Autopanne in eben diesem Wald zwei Frauen das Leben kostet. Und so laufen unsere Protagonisten, nachdem sie einen der Eindringlinge umgebracht haben, bald in die Finsternis und um ihr Leben. In den Kanälen eines unterirdischen Abwassersystems kommt es schließlich zum Show-down.
David Moreau und Xavier Palud haben nicht nur das Buch geschrieben, sondern bei ihrem Erstling auch Regie geführt. Produziert wurde der Film in einem Monat auf Digital-Video. Die Produktionskosten dürften sich in einem überschaubaren Rahmen bewegt haben und im über 20-minütigen „Making-Of“ erfährt man immer wieder, dass sehr effizient produziert wurde und die Darsteller dabei an ihre physischen Grenzen gingen. Gut.
Dass „Them“ auch sonst mit den Erwartungen des Publikums spielt, sollte besser nicht unterstellt werden, denn dazu gehört eine gewisse Originalität. Stattdessen klappern Fenster, der Fernseher geht an und aus, ein Auto verschwindet, man hört Schritte auf dunklen Treppen und spätestens dann, wenn ein Nagel durch ein Guckloch getrieben wird, hört der Spaß für die Bedrohten auf und leider auch für den Zuschauer. Denn das riesige Haus mit seinen labyrinthischen Gängen erinnert zwar ein wenig an „Shining“, aber das war´s dann auch mit dem großen Vorbild, denn der Film ist so grottenlangweilig, dass man doch einige Mühe hat, die 77 Minuten Laufzeit einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Es ist eben alles nur ein großes déja-vu.
Den eigentlichen Horror erlebt man kurz vor dem Prolog und am Ende unmittelbar vor den Credits, denn Text-Inserts weisen mit Nachdruck darauf hin, dass der Film auf einer wahren Begebenheit beruht und mit welchen Worten die Täter ihr Tun begründet haben. Spätestens an dieser Stelle macht sich das wirkliche Grauen im Kopf des Zuschauers breit. Falls diese Info kein Fake ist...
Noten: BigDoc = 4
Review 2: Déja-vu – Wettlauf gegen die Zeit
USA 2006 - Originaltitel: Déjà Vu - Regie: Tony Scott - Darsteller: Denzel Washington, Paula Patton, Val Kilmer, Jim Caviezel, Adam Goldberg, Erika Alexander, Elden Henson, Bruce Greenwood - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 126 min.
Denzel Washington macht immer Spaß, aber wenn man den Namen des Produzenten hört, kann man in der Regel den des Regisseurs vergessen – so lautet jedenfalls ein gängiges Kritiker-Vorurteil, denn Jerry Bruckheimer produziert High-End-Popcorn-Spektakel, in denen es immer richtig kracht und in denen kräftig zugelangt wird: u.a. „Beverly Hills Cop“ (1984), „Bad Boys – Harte Jungs“ (1995), „The Rock“ (1996), „Armageddon“ (1998), „Pearl Harbor“, „Black Hawk Down“ (2001), „Fluch der Karibik 1+2“ (2003, 2006). In all den Jahren, in denen Bruckheimer mit seinen Filmen 14 Mrd. Dollar umsetzte, hat mich einiges amüsiert, aber gut gefallen hat mir nur ein einziger Film: „Veronica Guerin“ (2003, Regie: Joel Schumacher) mit Cate Blanchett als „Die Journalistin“. Ein wirklich guter Polit-Thriller.
Insgesamt sollte man Bruckheimer aber nicht unterschätzen: im Bereich TV-Serien hat er mittlerweile eine Nase für clevere Jungs mit guten Konzepten entwickelt – so entstanden CSI samt allen Ablegern, aber auch „Close To Home“, „Without A Trace“ und die qualitativ hochwertige und ungewöhnlich innovative Serie „Cold Case“. Dort sind Déja-vus selten.
Déja-vus hat ATF-Agent Doug Carlin (Denzel Washington). Nach einem Anschlag auf eine Fähre in New Orleans wird er von einem FBI-Spezialteam und dessen Leiter (Val Kilmer) mit der Möglichkeit konfrontiert, mit einem speziellen Computersystem einen begrenzten Ausschnitt der jüngeren Vergangenheit in Echtzeit visuell darzustellen. Schritt für Schritt wird der Zusammenhang zwischen dem Mord an Claire (Paula Patton) und dem Anschlag immer deutlicher und – wen überrascht es – unser Held ist gezwungen, selbst in die Zeit zu reisen.
Tony Scott macht aus dem Ganzen einen leidlich konsumierbaren Film, der allerdings kaum den Weg ins Langzeitgedächtnis finden wird. Aber gut: für einen Abend reicht es.
Am erstaunlichsten fand ich, dass die Rolle des Bösewichts mit Jim Caviezel doch arg fehlbesetzt war: Caviezel hat Ende der 90er mit Terrence Malick und Ang Lee einige schöne Filme gemacht: „Der schmale Grat“ (1998) und „Ride With The Devil“ (1999), danach fiel er ohne eigenes Verschulden unangenehm in Mel Gibsons „Die Passion Christi“ (2004) auf. Déju-vu ist sicher nicht sein Karrierehöhepunkt, aber eine Katastrophe ist es auch nicht.
Noten: Klawer = 2,5, BigDoc = 3, Mr. Mendez = 3, Melonie = 3
Denzel Washington macht immer Spaß, aber wenn man den Namen des Produzenten hört, kann man in der Regel den des Regisseurs vergessen – so lautet jedenfalls ein gängiges Kritiker-Vorurteil, denn Jerry Bruckheimer produziert High-End-Popcorn-Spektakel, in denen es immer richtig kracht und in denen kräftig zugelangt wird: u.a. „Beverly Hills Cop“ (1984), „Bad Boys – Harte Jungs“ (1995), „The Rock“ (1996), „Armageddon“ (1998), „Pearl Harbor“, „Black Hawk Down“ (2001), „Fluch der Karibik 1+2“ (2003, 2006). In all den Jahren, in denen Bruckheimer mit seinen Filmen 14 Mrd. Dollar umsetzte, hat mich einiges amüsiert, aber gut gefallen hat mir nur ein einziger Film: „Veronica Guerin“ (2003, Regie: Joel Schumacher) mit Cate Blanchett als „Die Journalistin“. Ein wirklich guter Polit-Thriller.
Insgesamt sollte man Bruckheimer aber nicht unterschätzen: im Bereich TV-Serien hat er mittlerweile eine Nase für clevere Jungs mit guten Konzepten entwickelt – so entstanden CSI samt allen Ablegern, aber auch „Close To Home“, „Without A Trace“ und die qualitativ hochwertige und ungewöhnlich innovative Serie „Cold Case“. Dort sind Déja-vus selten.
Déja-vus hat ATF-Agent Doug Carlin (Denzel Washington). Nach einem Anschlag auf eine Fähre in New Orleans wird er von einem FBI-Spezialteam und dessen Leiter (Val Kilmer) mit der Möglichkeit konfrontiert, mit einem speziellen Computersystem einen begrenzten Ausschnitt der jüngeren Vergangenheit in Echtzeit visuell darzustellen. Schritt für Schritt wird der Zusammenhang zwischen dem Mord an Claire (Paula Patton) und dem Anschlag immer deutlicher und – wen überrascht es – unser Held ist gezwungen, selbst in die Zeit zu reisen.
Tony Scott macht aus dem Ganzen einen leidlich konsumierbaren Film, der allerdings kaum den Weg ins Langzeitgedächtnis finden wird. Aber gut: für einen Abend reicht es.
Am erstaunlichsten fand ich, dass die Rolle des Bösewichts mit Jim Caviezel doch arg fehlbesetzt war: Caviezel hat Ende der 90er mit Terrence Malick und Ang Lee einige schöne Filme gemacht: „Der schmale Grat“ (1998) und „Ride With The Devil“ (1999), danach fiel er ohne eigenes Verschulden unangenehm in Mel Gibsons „Die Passion Christi“ (2004) auf. Déju-vu ist sicher nicht sein Karrierehöhepunkt, aber eine Katastrophe ist es auch nicht.
Noten: Klawer = 2,5, BigDoc = 3, Mr. Mendez = 3, Melonie = 3
Review 1: Catch A Fire
USA / Großbritannien / Südafrika 2006 - Regie: Phillip Noyce - Darsteller: Derek Luke (Patrick Chamusso), Tim Robbins (Nic Vos), Bonnie Henna, Mncedisi Shabangu, Robert Hobbs, Terry Pheto, Tumisho K. Masha - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 101 min.
Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit: Patrick Chamusso wurde 1991 aufgrund einer allgemeinen Amnestie aus der Haft entlassen, nachdem er Anfang der 80er Jahre einen Bombenanschlag auf eine Ölraffinerie begangen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Chamusso Aktivist der ANC.
Der Film von Philip Noyce erzählt, wie Patrick nach einem terroristischen Anschlag unschuldig verhaftet wird und vom Sonderermittler Nic Vos massiv unter Druck gesetzt wird. Die Folge: aus dem an Politik kaum interessierten Farbigen wird ein militanter Gegner der Apartheid. Ein Lehrstück in Sachen Self-fulfilling Prophecy.
So nobel die politisch-pädagogische Botschaft letztlich auch ist: Noyce (The Quiet American, 2002) gelingt kein wirklich packender Film. Das liegt auch daran, dass sich „Catch A fire“ nicht wirklich mit der Frage auseinandersetzt, ob es einen „guten“ und einen „bösen“ Terrorismus gibt und was beide unterscheidet.
Genretechnisch ist der Film kaum mehr ist als ein konventioneller Thriller, was nicht schlecht sein muss, aber der Plot ist einfach zu stereotyp und vorhersehbar, um Spannung zu erzeugen: zu sehr scheint sich Noyce darauf verlassen zu haben, dass die Authentizität der Geschichte die etwas langweilige und biedere Inszenierung aufwiegt.
Ohne Tim Robbins, der seiner Figur ein sehr ambivalentes Charisma verleiht, wäre alles vermutlich noch schlimmer geworden. So aber gelingt es dem Film aber wenigstens anzudeuten, von welchen Ängsten die weiße Minderheit des Landes beherrscht wurde. Natürlich foltert der höfliche Vos nicht selbst. Irgendwie kommt einem dies vertraut vor.
Noten: keine
Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit: Patrick Chamusso wurde 1991 aufgrund einer allgemeinen Amnestie aus der Haft entlassen, nachdem er Anfang der 80er Jahre einen Bombenanschlag auf eine Ölraffinerie begangen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Chamusso Aktivist der ANC.
Der Film von Philip Noyce erzählt, wie Patrick nach einem terroristischen Anschlag unschuldig verhaftet wird und vom Sonderermittler Nic Vos massiv unter Druck gesetzt wird. Die Folge: aus dem an Politik kaum interessierten Farbigen wird ein militanter Gegner der Apartheid. Ein Lehrstück in Sachen Self-fulfilling Prophecy.
So nobel die politisch-pädagogische Botschaft letztlich auch ist: Noyce (The Quiet American, 2002) gelingt kein wirklich packender Film. Das liegt auch daran, dass sich „Catch A fire“ nicht wirklich mit der Frage auseinandersetzt, ob es einen „guten“ und einen „bösen“ Terrorismus gibt und was beide unterscheidet.
Genretechnisch ist der Film kaum mehr ist als ein konventioneller Thriller, was nicht schlecht sein muss, aber der Plot ist einfach zu stereotyp und vorhersehbar, um Spannung zu erzeugen: zu sehr scheint sich Noyce darauf verlassen zu haben, dass die Authentizität der Geschichte die etwas langweilige und biedere Inszenierung aufwiegt.
Ohne Tim Robbins, der seiner Figur ein sehr ambivalentes Charisma verleiht, wäre alles vermutlich noch schlimmer geworden. So aber gelingt es dem Film aber wenigstens anzudeuten, von welchen Ängsten die weiße Minderheit des Landes beherrscht wurde. Natürlich foltert der höfliche Vos nicht selbst. Irgendwie kommt einem dies vertraut vor.
Noten: keine
Dienstag, 17. Juli 2007
Stranger Than Fiction
USA 2006. R: Marc Forster. B: Zach Helm. P: Lindsay Doran. K: Roberto Schaefer. Sch: Matt Chessé. M: Britt Daniel, Brian Reitzell. T: David Obermeyer. A: Kevin Thompson, Craig Jackson. Ko: Frank Fleming. Pg: Sony/Columbia/Mandate/Three Strange Angels. V: Sony. L: 113 Min. D: Will Ferrell (Harold Crick), Maggie Gyllenhaal (Ana Pascal), Dustin Hoffman (Prof. Jules Hilbert), Queen Latifah (Penny Escher), Emma Thompson (Kay Eiffel), Tony Hale (Dave), Tom Hulce (Dr. Cayly).
Es gibt einige ernste Fragen...
Irgendein intelligenter Mensch hat irgendwann einmal die These aufgestellt, dass der einzige wirklich nennenswerte Unterschied zwischen Mensch und Tier jener sei, der den Mensch in den Stand versetzt, sich Fiktionen auszudenken, in denen er bereit ist, sich permanent mit den Unpässlichkeiten des realen Lebens herumzuschlagen. Das eigentliche Problem dabei ist, dass wir uns –angefangen mit den alten Griechen, weiter mit Shakespeare bis hin zu Quentin Tarantino – nie so recht entscheiden konnten, ob die Darstellung des Lebens in der Kunst nun eine Tragödie oder eine Komödie sein soll. Vermutlich hängt dies damit zusammen, dass wir nicht wissen, ob das Leben selbst eine Tragödie oder eine Komödie ist.
Immerhin: Aus der Kunst kurzweilige und intelligente Geschichten zu erzählen, die diesen Spagat trotz der beschriebenen Schwierigkeiten mehr oder weniger gut hinkriegen, haben sich so veritable Geschäftszweige wie Theater, Literatur und Kino abgespalten, die leider allzu häufig unter Beweis stellen, dass man die Kurzweiligkeit gerade eben noch hinbekommt, es mit der Intelligenz aber doch mitunter hapert. Bei Marc Forsters neuem Film ist das entschieden anders – seine brillante Komödie „Stranger Than Fiction“ gehört zu den besten Filmen des Jahres 2007.
Gibt es auch im wirklichen Leben Steuerprüfer, die Krawatten tragen?
Mal abgesehen davon, dass der deutsche Verleihtitel "Schräger als Fiktion" eine Mogelpackung ist, erfährt man in dem neuen Film von Marc Foster ("Monster's Ball", "Finding Neverland") zunächst, dass das Leben stinklangweiliger Steuerprüfer schon „an sich“ eine Tragödie ist: Harold Crick (Will Farrell) ist mit seinem auf die Minute genau durchorganisierten Leben ein Spießer wie er im Buche steht. Vom morgendlichen Binden der Krawatte bis zum pünktlichen Antritt der Nachtruhe gibt seine Uhr genau vor, was er tut. Richtig: das ist ganz schön langweilig. Aber plötzlich hört Harold Crick eine Stimme, die sein Leben kommentiert, nein, eigentlich sogar erzählt, was er gerade eben getan hat. Allein das ist schon ein Witz, aber dazu müsste man die aristotelische Poetik kennen, nach der sich Historiker und Dichter dadurch unterscheiden "…dass der eine das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte." Aber nein, dieser spekulative Pfeil in die Zukunft fehlt völlig – Harold Cricks „Stimme“ nervt, weil sie (dies allerdings mit sehr schönen Formulierungen) zusammenfasst, was vor einigen Sekunden geschehen ist.
Dies kann einen Menschen schon ganz schön aus der Bahn werfen, besonders wenn eine Steuerprüfung bei einer hübschen Bäckerin ansteht (Maggie Gyllenhaal), die nur 78 Prozent ihrer Steuern bezahlt hat, weil sie mit dem Rest nicht Kinkerlitzchen wie Kriege und nationale Sicherheit finanzieren will, deren körperlichen Attribute den asexuellen Steuerprüfer aber überraschenderweise faszinieren.
Da alles auf eine Krise zusteuert, macht Harold erst einmal Urlaub. Die von einer Nervenärztin gestellte Diagnose „Schizophrenie“ weist er zurück, aber immerhin nimmt er dankbar die Empfehlung an, einen Literaturspezialisten aufzusuchen. Der Professor Jules Hilbert (Dustin Hoffman), im Nebenberuf sinnigerweise Bademeister, zeigt sich irritiert, fängt aber Feuer, als er aus Harolds Mund eine wunderschöne Formulierung hört, die dieser „Buchhalter des Lebens“ unmöglich selbst produziert haben kann. Hilbert fängt an, die „Stimme“ zu analysieren und konfrontiert Harold mit der nahe liegenden Schlussfolgerung, dass er wohl eine Romanfigur sei – allerdings sei noch unklar, ob er Teil einer Komödie oder einer Tragödie sei.
Sind Drehbuchautoren die besseren Philosophen?
Damit hat Drehbuchautor Zach Helm den Plot festgelegt: „Stranger Than Fiction“ ist nicht etwa eine simple fiktionale Geschichte, sondern eine fiktionale Geschichte, die sich über fiktionale Geschichten in fiktionalen Geschichten den Kopf zerbricht. Dass dies auf Dauer im Kino nicht zu vermeiden ist, war klar. Es ist halt wie bei „Star Trek“: irgendwann werden die Zeitreisen selbst zum Thema und wir stecken mittendrin in schier unlösbaren Paradoxien, über die man besser nicht nachdenken sollte. Mit Zack Helms haben wir uns nun in die Champions League der Scriptwriter begeben, nämlich in die Welt von Charlie Kaufman, der mit Being John Malkovich (1999) und Adaption (2002) einige Parameter dieses Genres definiert hat. Nicht zu vergessen Peter Weirs Die Truman Show (1998), die auf einem Roman eines weiteren schrägen Vogels basierte: Philip K. Dick, der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion auch sehr flexibel behandelte. Mit anderen Worten: wir sind in guter Gesellschaft.
Doch zurück zur Geschichte: Harold folgt den genauen Anweisungen Professor Hilberts und versucht herauszufinden, ob er nun der Held einer Komödie oder einer Tragödie ist. Die zarten romantischen Bemühungen um die schöne Bäckerin Ana deuten eher letzteres an, bis Harold durch einen Zufall herausfindet, dass seine Stimme der Erfolgsautorin Kay Eiffel (Emma Thompson) gehört. Nun ist das Dilemma perfekt, denn Eiffels Bücher enden mit dem Tod des Helden. Ausnahmslos. Glücklicherweise leidet die die Autorin aber an einer akuten Schreibblockade, die sie hindert, das letzte Kapitel zu schreiben, sie aber an die übelsten Orte führt, wo sie darüber sinniert, wie sie ihren aktuellen Helden vom Leben zum Tode befördert. Es kommt wie es kommen muss: Harold findet die Adresse der zurückgezogen lebenden Kay und konfrontiert sie mit der Verantwortung für ihre Fiktionen, besonders wenn diese real sind und gerade ihre Traumfrau erobert haben.
Ist man immer tot, wenn man vor ein Auto läuft?
Das alles ist natürlich herrlich absurd, völlig abwegig und daher saukomisch. Und wie bei jeder guten Komödie schaut auch das Tragische um die Ecke und stellt philosophisch nicht ganz unbelasteten Zuschauer ernste Fragen: Haben die Konstruktivisten recht und die Welt existiert nur in unseren Köpfen? Aber warum ist man dann meistens tot, wenn man vor einer Auto läuft (was in Forsters Film tatsächlich eine entscheidende Bedeutung erhält)? Haben wir einen freien Willen und wenn nicht, warum glauben wir es trotzdem? Ist man nur Teil eines großen Masterplans und wie kann man dennoch Spaß dabei haben? Sind Filme wirklich so abgründig tiefsinnig oder wollen uns dies nur Filmkritiker weismachen, um auf diese Weise ihre Brötchen zu verdienen?
Bevor die letzte Frage weiter vertieft wird, möchte ich stattdessen auf die vorzüglichen Darsteller hinweisen, die ihr Bestes gegeben haben, um uns den Ernst und die Bedeutung dieser dräuenden Probleme klar zu machen: Emma Thompson als hyper-neurotische, ketten- und ritualrauchende Phobikerin (Prokrastination heißt ihre Krankheit übrigens und in meinem Bekanntenkreis leiden entschieden zu viele Individuen daran) hat mir am besten gefallen, aber auch Will Ferrell hat seine Qualitäten, besonders wenn er Gitarre spielt und seine Krawatte bindet. Maggie Gyllenhaal ist süß, anarchisch und auch sonst reizend und mehr kann man nun wirklich nicht verlangen. Und Dustin Hoffman spielt auf so unnachahmliche Weise, dass man die Frage vergisst, was Jack Nicholson wohl aus dieser Rolle gemacht hätte.
Ach ja: persönlich glaube ich schon, dass unser Leben eine Tragödie ist. Man liest einfach zu viel in der Zeitung. In jüngeren Jahren war ich vom Gegenteil überzeugt und habe zum Ausgleich Filme von Ingmar Bergman angeschaut. Weitergebracht hat mich das nicht. Deswegen habe ich Marc Forsters Film eine glatte Eins gegeben.
Der Rest des Filmclubs war von diesem Enthusiasmus doch etwas überrascht, konnte aber auch nicht ganz ausschließen, dass „Stranger Than Fiction“ doch eine tiefere Bedeutung hat.
Noten: Mr. Mendez = 2,5, Klawer = 2,5, Melonie = 2, BigDoc = 1
Es gibt einige ernste Fragen...
Irgendein intelligenter Mensch hat irgendwann einmal die These aufgestellt, dass der einzige wirklich nennenswerte Unterschied zwischen Mensch und Tier jener sei, der den Mensch in den Stand versetzt, sich Fiktionen auszudenken, in denen er bereit ist, sich permanent mit den Unpässlichkeiten des realen Lebens herumzuschlagen. Das eigentliche Problem dabei ist, dass wir uns –angefangen mit den alten Griechen, weiter mit Shakespeare bis hin zu Quentin Tarantino – nie so recht entscheiden konnten, ob die Darstellung des Lebens in der Kunst nun eine Tragödie oder eine Komödie sein soll. Vermutlich hängt dies damit zusammen, dass wir nicht wissen, ob das Leben selbst eine Tragödie oder eine Komödie ist.
Immerhin: Aus der Kunst kurzweilige und intelligente Geschichten zu erzählen, die diesen Spagat trotz der beschriebenen Schwierigkeiten mehr oder weniger gut hinkriegen, haben sich so veritable Geschäftszweige wie Theater, Literatur und Kino abgespalten, die leider allzu häufig unter Beweis stellen, dass man die Kurzweiligkeit gerade eben noch hinbekommt, es mit der Intelligenz aber doch mitunter hapert. Bei Marc Forsters neuem Film ist das entschieden anders – seine brillante Komödie „Stranger Than Fiction“ gehört zu den besten Filmen des Jahres 2007.
Gibt es auch im wirklichen Leben Steuerprüfer, die Krawatten tragen?
Mal abgesehen davon, dass der deutsche Verleihtitel "Schräger als Fiktion" eine Mogelpackung ist, erfährt man in dem neuen Film von Marc Foster ("Monster's Ball", "Finding Neverland") zunächst, dass das Leben stinklangweiliger Steuerprüfer schon „an sich“ eine Tragödie ist: Harold Crick (Will Farrell) ist mit seinem auf die Minute genau durchorganisierten Leben ein Spießer wie er im Buche steht. Vom morgendlichen Binden der Krawatte bis zum pünktlichen Antritt der Nachtruhe gibt seine Uhr genau vor, was er tut. Richtig: das ist ganz schön langweilig. Aber plötzlich hört Harold Crick eine Stimme, die sein Leben kommentiert, nein, eigentlich sogar erzählt, was er gerade eben getan hat. Allein das ist schon ein Witz, aber dazu müsste man die aristotelische Poetik kennen, nach der sich Historiker und Dichter dadurch unterscheiden "…dass der eine das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte." Aber nein, dieser spekulative Pfeil in die Zukunft fehlt völlig – Harold Cricks „Stimme“ nervt, weil sie (dies allerdings mit sehr schönen Formulierungen) zusammenfasst, was vor einigen Sekunden geschehen ist.
Dies kann einen Menschen schon ganz schön aus der Bahn werfen, besonders wenn eine Steuerprüfung bei einer hübschen Bäckerin ansteht (Maggie Gyllenhaal), die nur 78 Prozent ihrer Steuern bezahlt hat, weil sie mit dem Rest nicht Kinkerlitzchen wie Kriege und nationale Sicherheit finanzieren will, deren körperlichen Attribute den asexuellen Steuerprüfer aber überraschenderweise faszinieren.
Da alles auf eine Krise zusteuert, macht Harold erst einmal Urlaub. Die von einer Nervenärztin gestellte Diagnose „Schizophrenie“ weist er zurück, aber immerhin nimmt er dankbar die Empfehlung an, einen Literaturspezialisten aufzusuchen. Der Professor Jules Hilbert (Dustin Hoffman), im Nebenberuf sinnigerweise Bademeister, zeigt sich irritiert, fängt aber Feuer, als er aus Harolds Mund eine wunderschöne Formulierung hört, die dieser „Buchhalter des Lebens“ unmöglich selbst produziert haben kann. Hilbert fängt an, die „Stimme“ zu analysieren und konfrontiert Harold mit der nahe liegenden Schlussfolgerung, dass er wohl eine Romanfigur sei – allerdings sei noch unklar, ob er Teil einer Komödie oder einer Tragödie sei.
Sind Drehbuchautoren die besseren Philosophen?
Damit hat Drehbuchautor Zach Helm den Plot festgelegt: „Stranger Than Fiction“ ist nicht etwa eine simple fiktionale Geschichte, sondern eine fiktionale Geschichte, die sich über fiktionale Geschichten in fiktionalen Geschichten den Kopf zerbricht. Dass dies auf Dauer im Kino nicht zu vermeiden ist, war klar. Es ist halt wie bei „Star Trek“: irgendwann werden die Zeitreisen selbst zum Thema und wir stecken mittendrin in schier unlösbaren Paradoxien, über die man besser nicht nachdenken sollte. Mit Zack Helms haben wir uns nun in die Champions League der Scriptwriter begeben, nämlich in die Welt von Charlie Kaufman, der mit Being John Malkovich (1999) und Adaption (2002) einige Parameter dieses Genres definiert hat. Nicht zu vergessen Peter Weirs Die Truman Show (1998), die auf einem Roman eines weiteren schrägen Vogels basierte: Philip K. Dick, der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion auch sehr flexibel behandelte. Mit anderen Worten: wir sind in guter Gesellschaft.
Doch zurück zur Geschichte: Harold folgt den genauen Anweisungen Professor Hilberts und versucht herauszufinden, ob er nun der Held einer Komödie oder einer Tragödie ist. Die zarten romantischen Bemühungen um die schöne Bäckerin Ana deuten eher letzteres an, bis Harold durch einen Zufall herausfindet, dass seine Stimme der Erfolgsautorin Kay Eiffel (Emma Thompson) gehört. Nun ist das Dilemma perfekt, denn Eiffels Bücher enden mit dem Tod des Helden. Ausnahmslos. Glücklicherweise leidet die die Autorin aber an einer akuten Schreibblockade, die sie hindert, das letzte Kapitel zu schreiben, sie aber an die übelsten Orte führt, wo sie darüber sinniert, wie sie ihren aktuellen Helden vom Leben zum Tode befördert. Es kommt wie es kommen muss: Harold findet die Adresse der zurückgezogen lebenden Kay und konfrontiert sie mit der Verantwortung für ihre Fiktionen, besonders wenn diese real sind und gerade ihre Traumfrau erobert haben.
Ist man immer tot, wenn man vor ein Auto läuft?
Das alles ist natürlich herrlich absurd, völlig abwegig und daher saukomisch. Und wie bei jeder guten Komödie schaut auch das Tragische um die Ecke und stellt philosophisch nicht ganz unbelasteten Zuschauer ernste Fragen: Haben die Konstruktivisten recht und die Welt existiert nur in unseren Köpfen? Aber warum ist man dann meistens tot, wenn man vor einer Auto läuft (was in Forsters Film tatsächlich eine entscheidende Bedeutung erhält)? Haben wir einen freien Willen und wenn nicht, warum glauben wir es trotzdem? Ist man nur Teil eines großen Masterplans und wie kann man dennoch Spaß dabei haben? Sind Filme wirklich so abgründig tiefsinnig oder wollen uns dies nur Filmkritiker weismachen, um auf diese Weise ihre Brötchen zu verdienen?
Bevor die letzte Frage weiter vertieft wird, möchte ich stattdessen auf die vorzüglichen Darsteller hinweisen, die ihr Bestes gegeben haben, um uns den Ernst und die Bedeutung dieser dräuenden Probleme klar zu machen: Emma Thompson als hyper-neurotische, ketten- und ritualrauchende Phobikerin (Prokrastination heißt ihre Krankheit übrigens und in meinem Bekanntenkreis leiden entschieden zu viele Individuen daran) hat mir am besten gefallen, aber auch Will Ferrell hat seine Qualitäten, besonders wenn er Gitarre spielt und seine Krawatte bindet. Maggie Gyllenhaal ist süß, anarchisch und auch sonst reizend und mehr kann man nun wirklich nicht verlangen. Und Dustin Hoffman spielt auf so unnachahmliche Weise, dass man die Frage vergisst, was Jack Nicholson wohl aus dieser Rolle gemacht hätte.
Ach ja: persönlich glaube ich schon, dass unser Leben eine Tragödie ist. Man liest einfach zu viel in der Zeitung. In jüngeren Jahren war ich vom Gegenteil überzeugt und habe zum Ausgleich Filme von Ingmar Bergman angeschaut. Weitergebracht hat mich das nicht. Deswegen habe ich Marc Forsters Film eine glatte Eins gegeben.
Der Rest des Filmclubs war von diesem Enthusiasmus doch etwas überrascht, konnte aber auch nicht ganz ausschließen, dass „Stranger Than Fiction“ doch eine tiefere Bedeutung hat.
Noten: Mr. Mendez = 2,5, Klawer = 2,5, Melonie = 2, BigDoc = 1
Mittwoch, 11. Juli 2007
Brick
USA 2006 – Regie, Buch: Rian Johnson - Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Nora Zehetner, Noah Fleiss, Matt O'Leary, Noah Segan, Meagan Good, Emilie de Ravin, Richard Roundtree, Lukas Haas, Brian J. White - FSK: ab 12 - Länge: 110 min.
„Brick“ ist ein intelligentes Crossover-Produkt, das eine ähnliche faszinierende Wirkung erzeugt wie der allerdings deutlich enigmatischere „Donnie Darko“: Rian Johnson hat eine Mischung aus Collegemovie und film noir produziert, einen Film, der nach ersten Irritationen aufs angenehmste unterhält und seine Verschlüsselungen in kleinen Portionen präsentiert und peu à peu auflöst. Nämlich dann, wenn man kapiert hat, dass Sam Spade und Phillip Marlowe herzlich grüßen lassen.
Es ist alles da: der Humphrey Bogart-Typ, die femme fatale, der sarkastische Boss einer brutalen Gang, der Schläger für die Drecksarbeit und das mysteriöse Mordopfer, das natürlich eine schöne Frau ist, zu der unser Held eine zerbrochene Liebesbeziehung „unterhält“. Dass all diese gebrochenen Gestalten noch brav bei Papa und Mama wohnen, macht den skurrilen Reiz dieses Films aus, der nach sechsjähriger Produktionsphase vom Autor und Regisseur am heimischen PC geschnitten wurde, mittlerweile acht Filmpreise in die Tasche gesteckt hat und zum Kultfilm avancierte.
Die Handlung: Brendan Frye (brillant: Joseph Gordon-Levitt) ist eine bebrillter, intellektuell anmutender und dennoch extrem tougher und schlagkräftiger Einzelgänger an einer Highschool in Südkalifornien – hard-boiled wie die die privat eyes aus dem Kinokosmos der 40er Jahre. Ein Anruf seiner Ex-Freundin Emily löst eine Kaskade von Katastrophen aus: Emily stammelt Merkwürdiges in den Hörer– und verschwindet dann spurlos. Zusammen mit seinem Freund Brain, der als multiples Undercover-Informations- und Logistikzentrum fungiert, versucht Brendan das Geheimnis zu lösen und in dem ganzen abscheulichen Sumpf aufzuräumen – äußerst motiviert, denn er findet Emily bald darauf tot in einem Abwasserkanal.
Langsam lernt der Zuschauer die mysteriöse Welt der Highschool kennen, in der alles korrupt und einem allgemeinen Werteverfall ausgesetzt zu sein scheint. Viel zu sehen ist vom Lehrbetrieb an den überwiegend menschenleeren Schauplätzen allerdings nicht. Als es Brendan gelingt, in der Drogengang des geheimnisvollen Pin (Lukas Haas, „Der einzige Zeuge“) aufgenommen zu werden, scheint sich alles zu entwirren.Doch keine Sorge: ähnlich wie in „The Maltese Falcon“ und „The Big Sleep“ versteht man das ganze Ausmaß von Verrat und Heimtücke auch dann nicht vollständig, wenn Brendan in der dramatischen Schlussszene dem Hauptübeltäter, dessen Geschlecht hier nicht verraten werden soll, alles an den Kopf wirft. Dass der Film danach einsam aus dem Bild stiefelt, versteht sich von selbst.
Rian Johnson hat gut daran getan, dem Film einen eigenen Look zu geben und nicht den kalten und expressiven Charme der in schwarz-weiß gedrehten noir-Filme zu kopieren. So ist es weniger der Stil, der den Film prägt als vielmehr der Plot und die streckenweise wahnsinnig witzigen Dialoge. So gut muss man erst einmal schreiben. Hut ab!
Der Filmclub goutierte also nach einigen Rückschlägen wieder einmal einen restlos überzeugenden Film.
Noten: Melonie = 2, BigDoc = 2, Klawer = 2,5, Mr. Mendez = 3.
„Brick“ ist ein intelligentes Crossover-Produkt, das eine ähnliche faszinierende Wirkung erzeugt wie der allerdings deutlich enigmatischere „Donnie Darko“: Rian Johnson hat eine Mischung aus Collegemovie und film noir produziert, einen Film, der nach ersten Irritationen aufs angenehmste unterhält und seine Verschlüsselungen in kleinen Portionen präsentiert und peu à peu auflöst. Nämlich dann, wenn man kapiert hat, dass Sam Spade und Phillip Marlowe herzlich grüßen lassen.
Es ist alles da: der Humphrey Bogart-Typ, die femme fatale, der sarkastische Boss einer brutalen Gang, der Schläger für die Drecksarbeit und das mysteriöse Mordopfer, das natürlich eine schöne Frau ist, zu der unser Held eine zerbrochene Liebesbeziehung „unterhält“. Dass all diese gebrochenen Gestalten noch brav bei Papa und Mama wohnen, macht den skurrilen Reiz dieses Films aus, der nach sechsjähriger Produktionsphase vom Autor und Regisseur am heimischen PC geschnitten wurde, mittlerweile acht Filmpreise in die Tasche gesteckt hat und zum Kultfilm avancierte.
Die Handlung: Brendan Frye (brillant: Joseph Gordon-Levitt) ist eine bebrillter, intellektuell anmutender und dennoch extrem tougher und schlagkräftiger Einzelgänger an einer Highschool in Südkalifornien – hard-boiled wie die die privat eyes aus dem Kinokosmos der 40er Jahre. Ein Anruf seiner Ex-Freundin Emily löst eine Kaskade von Katastrophen aus: Emily stammelt Merkwürdiges in den Hörer– und verschwindet dann spurlos. Zusammen mit seinem Freund Brain, der als multiples Undercover-Informations- und Logistikzentrum fungiert, versucht Brendan das Geheimnis zu lösen und in dem ganzen abscheulichen Sumpf aufzuräumen – äußerst motiviert, denn er findet Emily bald darauf tot in einem Abwasserkanal.
Langsam lernt der Zuschauer die mysteriöse Welt der Highschool kennen, in der alles korrupt und einem allgemeinen Werteverfall ausgesetzt zu sein scheint. Viel zu sehen ist vom Lehrbetrieb an den überwiegend menschenleeren Schauplätzen allerdings nicht. Als es Brendan gelingt, in der Drogengang des geheimnisvollen Pin (Lukas Haas, „Der einzige Zeuge“) aufgenommen zu werden, scheint sich alles zu entwirren.Doch keine Sorge: ähnlich wie in „The Maltese Falcon“ und „The Big Sleep“ versteht man das ganze Ausmaß von Verrat und Heimtücke auch dann nicht vollständig, wenn Brendan in der dramatischen Schlussszene dem Hauptübeltäter, dessen Geschlecht hier nicht verraten werden soll, alles an den Kopf wirft. Dass der Film danach einsam aus dem Bild stiefelt, versteht sich von selbst.
Rian Johnson hat gut daran getan, dem Film einen eigenen Look zu geben und nicht den kalten und expressiven Charme der in schwarz-weiß gedrehten noir-Filme zu kopieren. So ist es weniger der Stil, der den Film prägt als vielmehr der Plot und die streckenweise wahnsinnig witzigen Dialoge. So gut muss man erst einmal schreiben. Hut ab!
Der Filmclub goutierte also nach einigen Rückschlägen wieder einmal einen restlos überzeugenden Film.
Noten: Melonie = 2, BigDoc = 2, Klawer = 2,5, Mr. Mendez = 3.
Mittwoch, 20. Juni 2007
Adams Äpfel
Dänemark 2005 - Originaltitel: Adams Æbler - Regie: Anders Thomas Jensen - Darsteller: Ulrich Thomsen, Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Paprika Steen, Nicolas Bro, Ali Kazim, Gyrd Løfqvist, Lars Ranthe, Ole Thestrup - FSK: ab 16 - Länge: 93 min.
Tarantino meets Bergman
Man kann davon ausgehen, dass ein Film, der den Kulturpreis dänischer Pastoren gewinnt, beim unvorbereiteten Publikum eine Reihe finsterer Klischees abruft. Als da wären: Prüderie, Langeweile, Belehrung. Wer dann „Adams Äpfel“ sieht, der nun endlich und fast ein Jahr nach dem Kinostart als DVD vorliegt, wird mehr als einen Schock zu verkraften haben. Der Film ist extrem gewalttätig, zynisch, völlig unkorrekt und beschäftigt sich intensiv mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und dem Gegensatz von Gut und Böse. Mit anderen Worten: Quentin Tarantino meets Ingmar Bergman. Upps!
Anders Thomas Jensen gilt als der herausragende dänische Drehbuchautor. Will man dies pointiert auf den Begriff bringen, so fällt einem nur ein Wort ein: Originalität ohne formale Exzentrik. Letzteres ist nicht ganz unwichtig, hat Jensen sich immerhin einmal als Autor am Dogma-Projekt „Mifune“ beteiligt. Das war aber keineswegs eine programmatische Entscheidung. Erinnern wir uns: Die Vermischung einer raffinierten Plotstruktur mit exzessiver Gewalt war bereits im Script für „In China essen sie Hunde“ (1999) erkennbar – kultig, trashig und sicher nichts für das ARD-Vorabendprogramm. Als Regisseur und Autor mit Tarantino-Touch outete sich der Däne dann in „Flickering Lights“ (2000) und dem kannibalistischen „Dänische Delikatessen“ (2003), der einen Keil ins Kritikerlager trieb, obwohl oder vielleicht weil der Film nur begrenzt imstande war, die Sehnsucht nach transzendenten Gewissheiten zu befriedigen.
Ganz anders ticken da „Adams Äpfel“, die im Garten des Provinzpfarrers Ivan (hervorragend Jensens Lieblingsschauspieler Mads Mikkelsen) hängen und im späteren Verlauf noch ihre allegorische Qualität erhalten. Ivan ist so etwas wie der Leiter eines sozialen Rehabilitationsprojektes für Ex-Knackis und mehr oder weniger liebenswerte Psychopathen wie den Kleptomanen und Vergewaltiger Gunnar oder den notorischen Killer und Tankstellenräuber Khalid. In diese Gruppe passt der Neo-Nazi Adam (Ulrich Thomsen) wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Schweigend und innerlich sehr kontrolliert hält er Einzug in die Gemeinschaft der Freaks. Ein Ziel brauche er, mahnt Ivan den weitgehend empathiefreien Rechtsradikalen mit dem Hitlerbildchen über dem Nachttisch. Adam verständigt sich eher sarkastisch mit dem Pfarrer darauf, einen Apfelkuchen zu backen, muss sich aber von nun an um den großen Apfelbaum im Kirchgarten kümmern. Schnell findet Adam heraus, dass Ivan, sein missionarischer Duktus und seine christliche Ethik angreifbar sind und zum Teil voller bizarrer Widersprüche stecken. Das Ergebnis: Adam schlägt Ivan krankenhausreif. Erst danach erfährt er vom ärztlichen Freund der skurrilen Gemeinde, dass der Pfarrer in seiner Kindheit sexuell missbraucht wurde, hochneurotisch ist und aufgrund eines Hirntumors dem Tode geweiht ist. Adam beschließt den labilen Ivan, der von seiner Frau verlassen wurde und ein schwerstbehindertes Kind pflegt, mit gnadenloser Wahrheitsliebe in den Tod oder zumindest den Wahnsinn zu treiben.
Von der gefräßigen Raupe zur Theodizee
Ein klassischer Diskurs zwischen Gut und Böse möchte man meinen. Aber die Fronten sind keineswegs klar, denn Ivans christliche Ethik ist auch das Produkt einer massiven Verdrängungsarbeit, die ihn blind für die Realität macht, und Adams von Ekel über das Gutmenschentum getriebener Aufklärungseifer (der von Peter Uehling in der „Berliner Zeitung“ zu Recht als „alt-testamentarischer Wille zum Wissen“ bezeichnet wurde) hat zumindest im begrenzten Umfang therapeutische Qualitäten. Damit besteht Jensen auch einen sehr schwierigen Drahtseilakt, denn der Neo-Nazi Adam, der im ersten Drittel des Films als einzige Figur erscheint, die trotz ihres Hasses pragmatisch und rational handelt, mutiert weder zum Sympathieträger noch zur meta-pyhsischen Verkörperung des absolut Bösen. Alles fein ausbalanciert.
Jensen gelingt es mit zwei bemerkenswerten Tricks, das Denkorgan des Zuschauers zur Arbeit zu zwingen. Zum einen erhält der Apfelbaum nach kurzer Zeit eine allegorische Bedeutung: zunächst fallen Raben über ihn her, dann bemächtigen sich Raupen der Früchte. Eine Plage biblischen Ausmaßes scheint die Protagonisten auf die Probe zu stellen, zumal Gunnar wieder sexuelle Übergriffe plant und der schwer bewaffnete Khalid erneut einige mörderische Absichten in die Tat umzusetzen versucht.
Also nichts als Ärger mit Adams Äpfeln, aber der „Baum der Erkenntnis“ mit seinen maroden Früchten ist auf mehrfache Weise codiert, denn die Vertreibung von Adam (sic!) und Eva aus dem Paradies hat im Gegensatz zur christlichen Mythologie nicht unbedingt etwas mit Äpfeln zu tun. Hier liegt ein Übersetzungsfehler oder ein Wortspiel vor, denn das gemeinsame lateinische Wort für "Apfel" und "schlecht" lautet nämlich „malus“. Und so lässt sich der Filmtitel auch mit „Adams Schlechtigkeit“ übersetzen, jener agnostischen Erkenntnissucht, die sich am Ende sogar der Bibel bedient, um den Widersacher zu Strecke zu bringen, den Zuschauer aber ebenfalls mitten hinein in den Diskurs treibt.
Und das ist Jensens anderer Trick: Adam konfrontiert Ivan nach einer eher zufälligen Lektüre des „Buches Hiob“ mit der Erkenntnis, dass nicht der Teufel für Raben, Raupen und das Lebensdesaster des Pfarrers verantwortlich ist, sondern Gott. Mit intelligentem und kalkuliertem Zynismus verweist Adam auf das essentielle Problem der christlichen Ethik: die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Es geht um das alte Problem ganzer Theologen- und Philosophengenerationen, wie denn ein allwissender und allmächtiger Gott mit der Existenz des Bösen zu vereinbaren ist. Adam stellt also die klassische Theodizee-Frage und bedient sich dabei des brutalen Beispiels Hiobs, der von Gott mit grausamen Plagen überzogen wurde. Diese unbequeme Frage wird auch dem weniger bibelfesten Zuschauer um die Ohren gehauen, Ivan erträgt sie indes nicht: er kollabiert.
Ein intelligentes Vexierspiel
Ganz schön starker Tobak für einen Filmemacher, der mit „Adams Äpfel“ einfach nur „gutes Entertainment“ machen wollte und beim Schreiben „nicht nachdenkt“. Jensens relativ flache Interviews erinnern mich streckenweise an andere große Filmemacher, denen nur wenig über ihre eigentlichen Motive zu entlocken war. Allein das ist schon witzig, aber noch witziger ist die erzählerische Eloquenz, mit der Jensen seine Geschichte vorantreibt. Sein Film und die Volten des Plots, die beharrlich zwischen Komödie und Tragödie changieren, sind auf eine im Kino rar gewordene Weise so gut wie nie antizipierbar und umgehen damit intelligent jedes Klischee, das die Story dem Zuschauer scheinbar anbietet.
So gehört die Szene, in der Ivan (von Adam begleitet) einen alten und reuigen Nazi-Kollaborateur, der im KZ Tod und Elend verbreitet hat, an dessen Sterbebett förmlich in den Tod quatscht, zu den Höhepunkten des Films. Die Art und Weise, wie Ivan dem ungläubigen Neo-Nazi die historische Gewissheit über den Genozid in den KZs subversiv aufzwingt, ist fast genauso unmenschlich wie die Dauerprügel, mit der Adam schrittweise Ivans Gesicht in eine zertrümmerte Maske verwandelt. Klare Fronten lösen sich so auf und dem Zuschauer wird einiges abverlangt. Auch die finale Katharsis Adams, die sich ja von Anfang an förmlich als Plot-Ziel anbietet, findet auf eine Weise statt, die einen eher unruhig als fröhlich macht. So recht will man dem Braten nicht trauen.
Das alles funktioniert auch deswegen so gut, weil Jensen sehr souverän und mit feiner Ironie jene Stimmung evoziert, die auch Ingmar Bergmans Figuren und ihre Suche nach Gott und dem Sinn des Lebens beherrscht, das Ganze aber mit einem Schuss Tarantino abschmeckt. Die Frage nach dem Zweck des Leidens in unserer Welt wird mit Szenen cooler Gewalt kombiniert, die jeden Ansatz zur Ernsthaftigkeit sofort wieder auf die Probe stellen. Das wird nicht jedem schmecken, aber dieses brillante Cross-Over-Produkt provoziert eine staunende Nachdenklichkeit, die ernsthafte Regisseure mit gradliniger Message heutzutage offenbar nicht mehr auf den Weg bringen können.
Übrigens: Jensen hat gerade eine Komödie über die „Dogma“-Bewegung und Lars von Trier abgedreht. Wir freuen uns darauf.
Der Filmclub war unisono begeistert. Es hagelte Bestnoten: Klawer: 2,5, Melonie = 2, Mr. Mendez = 2, BigDoc = 1,5.
Tarantino meets Bergman
Man kann davon ausgehen, dass ein Film, der den Kulturpreis dänischer Pastoren gewinnt, beim unvorbereiteten Publikum eine Reihe finsterer Klischees abruft. Als da wären: Prüderie, Langeweile, Belehrung. Wer dann „Adams Äpfel“ sieht, der nun endlich und fast ein Jahr nach dem Kinostart als DVD vorliegt, wird mehr als einen Schock zu verkraften haben. Der Film ist extrem gewalttätig, zynisch, völlig unkorrekt und beschäftigt sich intensiv mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und dem Gegensatz von Gut und Böse. Mit anderen Worten: Quentin Tarantino meets Ingmar Bergman. Upps!
Anders Thomas Jensen gilt als der herausragende dänische Drehbuchautor. Will man dies pointiert auf den Begriff bringen, so fällt einem nur ein Wort ein: Originalität ohne formale Exzentrik. Letzteres ist nicht ganz unwichtig, hat Jensen sich immerhin einmal als Autor am Dogma-Projekt „Mifune“ beteiligt. Das war aber keineswegs eine programmatische Entscheidung. Erinnern wir uns: Die Vermischung einer raffinierten Plotstruktur mit exzessiver Gewalt war bereits im Script für „In China essen sie Hunde“ (1999) erkennbar – kultig, trashig und sicher nichts für das ARD-Vorabendprogramm. Als Regisseur und Autor mit Tarantino-Touch outete sich der Däne dann in „Flickering Lights“ (2000) und dem kannibalistischen „Dänische Delikatessen“ (2003), der einen Keil ins Kritikerlager trieb, obwohl oder vielleicht weil der Film nur begrenzt imstande war, die Sehnsucht nach transzendenten Gewissheiten zu befriedigen.
Ganz anders ticken da „Adams Äpfel“, die im Garten des Provinzpfarrers Ivan (hervorragend Jensens Lieblingsschauspieler Mads Mikkelsen) hängen und im späteren Verlauf noch ihre allegorische Qualität erhalten. Ivan ist so etwas wie der Leiter eines sozialen Rehabilitationsprojektes für Ex-Knackis und mehr oder weniger liebenswerte Psychopathen wie den Kleptomanen und Vergewaltiger Gunnar oder den notorischen Killer und Tankstellenräuber Khalid. In diese Gruppe passt der Neo-Nazi Adam (Ulrich Thomsen) wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Schweigend und innerlich sehr kontrolliert hält er Einzug in die Gemeinschaft der Freaks. Ein Ziel brauche er, mahnt Ivan den weitgehend empathiefreien Rechtsradikalen mit dem Hitlerbildchen über dem Nachttisch. Adam verständigt sich eher sarkastisch mit dem Pfarrer darauf, einen Apfelkuchen zu backen, muss sich aber von nun an um den großen Apfelbaum im Kirchgarten kümmern. Schnell findet Adam heraus, dass Ivan, sein missionarischer Duktus und seine christliche Ethik angreifbar sind und zum Teil voller bizarrer Widersprüche stecken. Das Ergebnis: Adam schlägt Ivan krankenhausreif. Erst danach erfährt er vom ärztlichen Freund der skurrilen Gemeinde, dass der Pfarrer in seiner Kindheit sexuell missbraucht wurde, hochneurotisch ist und aufgrund eines Hirntumors dem Tode geweiht ist. Adam beschließt den labilen Ivan, der von seiner Frau verlassen wurde und ein schwerstbehindertes Kind pflegt, mit gnadenloser Wahrheitsliebe in den Tod oder zumindest den Wahnsinn zu treiben.
Von der gefräßigen Raupe zur Theodizee
Ein klassischer Diskurs zwischen Gut und Böse möchte man meinen. Aber die Fronten sind keineswegs klar, denn Ivans christliche Ethik ist auch das Produkt einer massiven Verdrängungsarbeit, die ihn blind für die Realität macht, und Adams von Ekel über das Gutmenschentum getriebener Aufklärungseifer (der von Peter Uehling in der „Berliner Zeitung“ zu Recht als „alt-testamentarischer Wille zum Wissen“ bezeichnet wurde) hat zumindest im begrenzten Umfang therapeutische Qualitäten. Damit besteht Jensen auch einen sehr schwierigen Drahtseilakt, denn der Neo-Nazi Adam, der im ersten Drittel des Films als einzige Figur erscheint, die trotz ihres Hasses pragmatisch und rational handelt, mutiert weder zum Sympathieträger noch zur meta-pyhsischen Verkörperung des absolut Bösen. Alles fein ausbalanciert.
Jensen gelingt es mit zwei bemerkenswerten Tricks, das Denkorgan des Zuschauers zur Arbeit zu zwingen. Zum einen erhält der Apfelbaum nach kurzer Zeit eine allegorische Bedeutung: zunächst fallen Raben über ihn her, dann bemächtigen sich Raupen der Früchte. Eine Plage biblischen Ausmaßes scheint die Protagonisten auf die Probe zu stellen, zumal Gunnar wieder sexuelle Übergriffe plant und der schwer bewaffnete Khalid erneut einige mörderische Absichten in die Tat umzusetzen versucht.
Also nichts als Ärger mit Adams Äpfeln, aber der „Baum der Erkenntnis“ mit seinen maroden Früchten ist auf mehrfache Weise codiert, denn die Vertreibung von Adam (sic!) und Eva aus dem Paradies hat im Gegensatz zur christlichen Mythologie nicht unbedingt etwas mit Äpfeln zu tun. Hier liegt ein Übersetzungsfehler oder ein Wortspiel vor, denn das gemeinsame lateinische Wort für "Apfel" und "schlecht" lautet nämlich „malus“. Und so lässt sich der Filmtitel auch mit „Adams Schlechtigkeit“ übersetzen, jener agnostischen Erkenntnissucht, die sich am Ende sogar der Bibel bedient, um den Widersacher zu Strecke zu bringen, den Zuschauer aber ebenfalls mitten hinein in den Diskurs treibt.
Und das ist Jensens anderer Trick: Adam konfrontiert Ivan nach einer eher zufälligen Lektüre des „Buches Hiob“ mit der Erkenntnis, dass nicht der Teufel für Raben, Raupen und das Lebensdesaster des Pfarrers verantwortlich ist, sondern Gott. Mit intelligentem und kalkuliertem Zynismus verweist Adam auf das essentielle Problem der christlichen Ethik: die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Es geht um das alte Problem ganzer Theologen- und Philosophengenerationen, wie denn ein allwissender und allmächtiger Gott mit der Existenz des Bösen zu vereinbaren ist. Adam stellt also die klassische Theodizee-Frage und bedient sich dabei des brutalen Beispiels Hiobs, der von Gott mit grausamen Plagen überzogen wurde. Diese unbequeme Frage wird auch dem weniger bibelfesten Zuschauer um die Ohren gehauen, Ivan erträgt sie indes nicht: er kollabiert.
Ein intelligentes Vexierspiel
Ganz schön starker Tobak für einen Filmemacher, der mit „Adams Äpfel“ einfach nur „gutes Entertainment“ machen wollte und beim Schreiben „nicht nachdenkt“. Jensens relativ flache Interviews erinnern mich streckenweise an andere große Filmemacher, denen nur wenig über ihre eigentlichen Motive zu entlocken war. Allein das ist schon witzig, aber noch witziger ist die erzählerische Eloquenz, mit der Jensen seine Geschichte vorantreibt. Sein Film und die Volten des Plots, die beharrlich zwischen Komödie und Tragödie changieren, sind auf eine im Kino rar gewordene Weise so gut wie nie antizipierbar und umgehen damit intelligent jedes Klischee, das die Story dem Zuschauer scheinbar anbietet.
So gehört die Szene, in der Ivan (von Adam begleitet) einen alten und reuigen Nazi-Kollaborateur, der im KZ Tod und Elend verbreitet hat, an dessen Sterbebett förmlich in den Tod quatscht, zu den Höhepunkten des Films. Die Art und Weise, wie Ivan dem ungläubigen Neo-Nazi die historische Gewissheit über den Genozid in den KZs subversiv aufzwingt, ist fast genauso unmenschlich wie die Dauerprügel, mit der Adam schrittweise Ivans Gesicht in eine zertrümmerte Maske verwandelt. Klare Fronten lösen sich so auf und dem Zuschauer wird einiges abverlangt. Auch die finale Katharsis Adams, die sich ja von Anfang an förmlich als Plot-Ziel anbietet, findet auf eine Weise statt, die einen eher unruhig als fröhlich macht. So recht will man dem Braten nicht trauen.
Das alles funktioniert auch deswegen so gut, weil Jensen sehr souverän und mit feiner Ironie jene Stimmung evoziert, die auch Ingmar Bergmans Figuren und ihre Suche nach Gott und dem Sinn des Lebens beherrscht, das Ganze aber mit einem Schuss Tarantino abschmeckt. Die Frage nach dem Zweck des Leidens in unserer Welt wird mit Szenen cooler Gewalt kombiniert, die jeden Ansatz zur Ernsthaftigkeit sofort wieder auf die Probe stellen. Das wird nicht jedem schmecken, aber dieses brillante Cross-Over-Produkt provoziert eine staunende Nachdenklichkeit, die ernsthafte Regisseure mit gradliniger Message heutzutage offenbar nicht mehr auf den Weg bringen können.
Übrigens: Jensen hat gerade eine Komödie über die „Dogma“-Bewegung und Lars von Trier abgedreht. Wir freuen uns darauf.
Der Filmclub war unisono begeistert. Es hagelte Bestnoten: Klawer: 2,5, Melonie = 2, Mr. Mendez = 2, BigDoc = 1,5.
Sonntag, 17. Juni 2007
Ocean's 13
USA 2007 - Originaltitel: Ocean's Thirteen - Regie: Steven Soderbergh - Darsteller: George Clooney, Brad Pitt, Matt Damon, Andy Garcia, Don Cheadle, Ellen Barkin, Al Pacino - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 122 min. - Start: 7.6.2007
Lässig und unterfordert: warum Steven Soderbergh sein Sequel vor die Wand fuhr
Danny Ocean und sein Team sind Kinogeschöpfe par excellence: mit der Realität haben sie nichts zu tun und den moralischen Zeigefinger muss man auch im zweiten Sequel der „Heist“-Serie angesichts des völlig sinnfreien Plots nicht fürchten. Und das tut ja im Kino mitunter ganz gut. Vorausgesetzt, es ist gut gemacht.
In die Story wird man robust hineingeworfen: Der bösartige Casino-Besitzer Willy Bank (Al Pacino) hat Danny Oceans Freund Reuben Tishkoff (Elliott Gould) übers Ohr gehauen und diesen schwer depressiv ins Krankenhaus befördert. Aber sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht: „Ocean´s Thirteen“ wollen sich nun intelligent rächen – ausgerechnet an dem Abend, an dem Bank sein neues Casino eröffnen will.
Dass dies trotz obskurer Hindernisse gelingen wird, ist so gewiss wie die Lässigkeit, mit der Clooney und seine Partner ihre Rollen herunterspulen. Unangestrengt eben und genau dies ist auch das Dilemma der ganzen Films: man kann nur selten erkennen, dass sich jemand angestrengt hat. Weder beim Script noch bei der Inszenierung noch bei den darstellerischen Darbietungen. Wenn die Hälfte des Films vergangen ist, hat man einigermaßen verlässlich mitbekommen, wie Oceans Team den Coup umsetzen will. Man ist dabei cool und agiert nicht am oberen Limit, was für ein Heist-Movie in der Regel der entscheidende Kick ist.
In "Ocean´s Thirteen" verblüfft nichts und man erwartet auch keine Panne - und das ist so spannend wie ein Magier, der vor der Show dem Publikum seine Tricks erklärt.
Dass man als Zuschauer folglich dem Höhepunkt des Films völlig teilnahmslos beiwohnt, erscheint fast wie die gewollte Konsequenz eines Films, der die garantiert spannungsfreie Linearität seiner Erzählstruktur offenbar bewusst und gewollt über 120 Minuten durchhält.
Hierzulande waren die meisten Kritiker fast durchgehend auf die „Coolness“ des Films fixiert und haben die konsequente Umsetzung einer „streng formalen Ästhetik“ gelobt. Tatsächlich sieht man nur schöne Jungs in gut sitzenden Anzügen, die scheinbar völlig unterfordert einen Mega-Coup planen und durchführen. Wie schrieb der Kritiker der „Stuttgarter Zeitung“ schließlich doch: „Es geht um nichts, aber es sieht alles gut aus.“
Apropos: in der gut besetzten Vorstellung, die ich besuchte, hat kaum ein Zuschauer gelacht. Nach zwei Stunden verließen alle schweigend das Kino.
Noten: BigDoc = 4, Klawer = 4
Lässig und unterfordert: warum Steven Soderbergh sein Sequel vor die Wand fuhr
Danny Ocean und sein Team sind Kinogeschöpfe par excellence: mit der Realität haben sie nichts zu tun und den moralischen Zeigefinger muss man auch im zweiten Sequel der „Heist“-Serie angesichts des völlig sinnfreien Plots nicht fürchten. Und das tut ja im Kino mitunter ganz gut. Vorausgesetzt, es ist gut gemacht.
In die Story wird man robust hineingeworfen: Der bösartige Casino-Besitzer Willy Bank (Al Pacino) hat Danny Oceans Freund Reuben Tishkoff (Elliott Gould) übers Ohr gehauen und diesen schwer depressiv ins Krankenhaus befördert. Aber sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht: „Ocean´s Thirteen“ wollen sich nun intelligent rächen – ausgerechnet an dem Abend, an dem Bank sein neues Casino eröffnen will.
Dass dies trotz obskurer Hindernisse gelingen wird, ist so gewiss wie die Lässigkeit, mit der Clooney und seine Partner ihre Rollen herunterspulen. Unangestrengt eben und genau dies ist auch das Dilemma der ganzen Films: man kann nur selten erkennen, dass sich jemand angestrengt hat. Weder beim Script noch bei der Inszenierung noch bei den darstellerischen Darbietungen. Wenn die Hälfte des Films vergangen ist, hat man einigermaßen verlässlich mitbekommen, wie Oceans Team den Coup umsetzen will. Man ist dabei cool und agiert nicht am oberen Limit, was für ein Heist-Movie in der Regel der entscheidende Kick ist.
In "Ocean´s Thirteen" verblüfft nichts und man erwartet auch keine Panne - und das ist so spannend wie ein Magier, der vor der Show dem Publikum seine Tricks erklärt.
Dass man als Zuschauer folglich dem Höhepunkt des Films völlig teilnahmslos beiwohnt, erscheint fast wie die gewollte Konsequenz eines Films, der die garantiert spannungsfreie Linearität seiner Erzählstruktur offenbar bewusst und gewollt über 120 Minuten durchhält.
Hierzulande waren die meisten Kritiker fast durchgehend auf die „Coolness“ des Films fixiert und haben die konsequente Umsetzung einer „streng formalen Ästhetik“ gelobt. Tatsächlich sieht man nur schöne Jungs in gut sitzenden Anzügen, die scheinbar völlig unterfordert einen Mega-Coup planen und durchführen. Wie schrieb der Kritiker der „Stuttgarter Zeitung“ schließlich doch: „Es geht um nichts, aber es sieht alles gut aus.“
Apropos: in der gut besetzten Vorstellung, die ich besuchte, hat kaum ein Zuschauer gelacht. Nach zwei Stunden verließen alle schweigend das Kino.
Noten: BigDoc = 4, Klawer = 4
Sonntag, 10. Juni 2007
Paul Verhoevens Frühwerk: Die ROB HOUWER FILM COLLECTION
Fast zeitgleich zum Start von Paul Verhoevens „Black Book“ brachte EUROVIDEO die „Rob Houwer Film Collection“ auf den Markt, die vier Frühwerke des Regisseurs enthält: "Türkische Früchte" (1973), "Das Mädchen Keetje Tippel" (1975), "Der Soldat von Oranien" (1977) und "Der vierte Mann" (1983).
Mitte der 80er Jahre verließ der 1938 in Holland geborene Regisseur und promovierte Physiker seine Heimat und wurde mit Filmen wie „Robocop“, „Total Recall“, „Basic Instinct“, „Showgirls“ (der allerdings ziemlich floppte), „Starship Troopers“ und „Hollow Man“ zu einem erfolgreichen Baustein der Kinoindustrie und gleichzeitig einer der intelligentesten Provokateure dieser Branche. Verhoeven brachte es zu einigen OSCAR- und GOLDEN GLOBE-Nominierungen, gleichwohl sind einige seiner Filme noch heute in Deutschland indiziert.
Gewalt & Sex bilden die lackierte Vorderseite von Verhoevens Filmen, erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man zentrale Topoi wie jenen der „intelligenten und sexuell aggressiven Frau“ und erst der finale Blick muss sich darauf gefasst machen, dass Verhoeven ein Meister im Aufdecken und Provozieren von Widersprüchen ist, der seine Vexierspiele so komplex konstruiert, dass sowohl Kritiker als auch Kinogänger oft an der lackierten Vorderseite hängen bleiben.
Umso befriedigender ist es, nun einen Blick auf das Frühwerk Verhoevens werfen zu können. Die in den 70er und frühen 80er Jahre entstandenen Filme sind alle für sich genommen kleine Meisterwerke und enthalten bereits den ganzen Verhoeven und seine Themenwelt. Gleichzeitig dokumentieren sie auch Verhoevens Zusammenarbeit mit Rutger Hauer.
Der oskar-nominierte Film „Türkische Früchte“ dürfte hierzulande vielleicht noch am bekanntesten sein. Sehr sehenswert ist allerdings auch der weitgehend unbekannte Erotik-Historienfilm "Das Mädchen Keetje Tippel“, das sich als realistisches Drama in bester Charles Dickens-Manier entpuppt, wenn man zuvor einige Brutalitäten ertragen hat. Etwas manieriert wirkt „Der vierte Mann“, ein Thrilller, natürlich ebenso extrem in seiner erotischen Expliziertheit (gelegentlich wundert man sich schon, wie Verhoeven seine Filme an der Zensur vorbei geschmuggelt hat).
Aber Bestnoten verdient sich die Edition durch die ungekürzte Fassung des berühmten „Soldat von Oranien“ (eingefügte Szenen untertitelt mit holländischer Originalsprache), die wesentlich prägnanter die Charaktere und Ambivalenzen der holländischen Widerstandskämpfer herausarbeitet als die gekürzte Fassung und einen spannenden Vergleich mit "Black Book" anbietet.
So wertvoll die Edition von Eurovideo in cineastischer Hinsicht auch sein mag, so traurig stimmen einige Mängel und Defizite. Das Bildmaterial wurde trotz einiger Schwächen gut abgetastet und dass der Ton in Dolby 1.0 ist, sollte auch keinen Filmfan abhalten. Ärgerlich ist das Fehlen einer holländischen Sprachspur, besonders wenn man weiß, welche gewollten Manipulationen an Verhoevens Filmen in den Synchron-Studios vorgenommen wurden (die deutsche Fassung von „Starship Troopers“ wurde zum Beispiel „politisch korrekt“ übersetzt – mit erheblichen Folgen für die Adaption der Heinlein-Vorlage). Das Fehlen von Making-Ofs ist zu verschmerzen - wenn Interviews mit Verhoeven produziert worden wären! Aber diese fehlen gänzlich, sodass sich das Bonusmaterial in Audio-Kommentaren und Trailern erschöpft.
Fazit: trotz der beschriebenen Mängel ist die DVD-Box ein absolutes Muss für Cineasten.
Mitte der 80er Jahre verließ der 1938 in Holland geborene Regisseur und promovierte Physiker seine Heimat und wurde mit Filmen wie „Robocop“, „Total Recall“, „Basic Instinct“, „Showgirls“ (der allerdings ziemlich floppte), „Starship Troopers“ und „Hollow Man“ zu einem erfolgreichen Baustein der Kinoindustrie und gleichzeitig einer der intelligentesten Provokateure dieser Branche. Verhoeven brachte es zu einigen OSCAR- und GOLDEN GLOBE-Nominierungen, gleichwohl sind einige seiner Filme noch heute in Deutschland indiziert.
Gewalt & Sex bilden die lackierte Vorderseite von Verhoevens Filmen, erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man zentrale Topoi wie jenen der „intelligenten und sexuell aggressiven Frau“ und erst der finale Blick muss sich darauf gefasst machen, dass Verhoeven ein Meister im Aufdecken und Provozieren von Widersprüchen ist, der seine Vexierspiele so komplex konstruiert, dass sowohl Kritiker als auch Kinogänger oft an der lackierten Vorderseite hängen bleiben.
Umso befriedigender ist es, nun einen Blick auf das Frühwerk Verhoevens werfen zu können. Die in den 70er und frühen 80er Jahre entstandenen Filme sind alle für sich genommen kleine Meisterwerke und enthalten bereits den ganzen Verhoeven und seine Themenwelt. Gleichzeitig dokumentieren sie auch Verhoevens Zusammenarbeit mit Rutger Hauer.
Der oskar-nominierte Film „Türkische Früchte“ dürfte hierzulande vielleicht noch am bekanntesten sein. Sehr sehenswert ist allerdings auch der weitgehend unbekannte Erotik-Historienfilm "Das Mädchen Keetje Tippel“, das sich als realistisches Drama in bester Charles Dickens-Manier entpuppt, wenn man zuvor einige Brutalitäten ertragen hat. Etwas manieriert wirkt „Der vierte Mann“, ein Thrilller, natürlich ebenso extrem in seiner erotischen Expliziertheit (gelegentlich wundert man sich schon, wie Verhoeven seine Filme an der Zensur vorbei geschmuggelt hat).
Aber Bestnoten verdient sich die Edition durch die ungekürzte Fassung des berühmten „Soldat von Oranien“ (eingefügte Szenen untertitelt mit holländischer Originalsprache), die wesentlich prägnanter die Charaktere und Ambivalenzen der holländischen Widerstandskämpfer herausarbeitet als die gekürzte Fassung und einen spannenden Vergleich mit "Black Book" anbietet.
So wertvoll die Edition von Eurovideo in cineastischer Hinsicht auch sein mag, so traurig stimmen einige Mängel und Defizite. Das Bildmaterial wurde trotz einiger Schwächen gut abgetastet und dass der Ton in Dolby 1.0 ist, sollte auch keinen Filmfan abhalten. Ärgerlich ist das Fehlen einer holländischen Sprachspur, besonders wenn man weiß, welche gewollten Manipulationen an Verhoevens Filmen in den Synchron-Studios vorgenommen wurden (die deutsche Fassung von „Starship Troopers“ wurde zum Beispiel „politisch korrekt“ übersetzt – mit erheblichen Folgen für die Adaption der Heinlein-Vorlage). Das Fehlen von Making-Ofs ist zu verschmerzen - wenn Interviews mit Verhoeven produziert worden wären! Aber diese fehlen gänzlich, sodass sich das Bonusmaterial in Audio-Kommentaren und Trailern erschöpft.
Fazit: trotz der beschriebenen Mängel ist die DVD-Box ein absolutes Muss für Cineasten.
Spider-Man 3
USA 2007. R: Sam Raimi. B: Stan Lee, Steve Ditko (nach dem Marvel Comic). P: Laura Ziskin, Avi Arad, Grant Curtis. K: Bill Pope. Sch: Bob Murawski. M: Christopher Young. T: Oscar Mitt. A: J. Michael Riva, Neil Spisak, David Swayze. Ko: Katina Le Kerr, James Acheson. Animation: Scott Fritts, Keith Paciello. Sp: J.C. Brotherhood, Daniel P. Rosen, Matt McDonald. Pg: Columbia/Marvel Enterprises. V: Sony. Länge: 139 Min. FSK: ab 12. D: Tobey Maguire (Peter Parker/Spider-Man), Kirsten Dunst (Mary Jane Watson), James Franco (Harry Osborn), Thomas Haden Church (Flint Marko), Topher Grace (Eddie Brock), Rosemary Harris (May Parker).
Es gibt weit über 200 Comicverfilmungen in der Geschichte des Kinos, dabei sind jene, die sich um Superhelden wie Batman oder Superman drehen, in der Minderzahl. Wer weiß schon, dass Sam Mendes´ „Road of Perdition“ auf einem Comic basiert? Gegenwärtig ist es Spider-Man, der sich in einem äußerst erfolgreichen Sequel um die Häuserblöcke schwingt – und der damit droht, erwachsen zu werden. Ein Problem?
Als Kind habe ich gerne die Comics des Walter Lehning-Verlags gelesen: Piccolo-Hefte wie „Akim, der Sohn des Dschungels“ kosteten nur 20 Pfennig und waren preiswertes „Kopfkino“. Als Kind erfuhr ich nichts über die Probleme des Verlags mit der Bundesprüfstelle, natürlich erschienen mir die Geschichten auch nicht als zu gewalttätig. Nur einmal musste ich stutzen, nämlich als Akim einen Bösewicht stellte und ihm den Satz „Nun weiß ich, wes Geistes Kind du bist!“ entgegenschleuderte. Das war Erwachsenensprache, die ich nicht verstand: welcher Geist hatte ein Kind und warum war dies ausgerechnet der verhasste Bösewicht?
Der Einbruch des Erwachsenenjargons in die kindgerechte Welt des Comics war eine Grenzüberschreitung und eine Herausforderung, die ich auch nach Jahrzehnten nicht vergaß. Erst später, als ich mit „richtiger“ Literatur in Berührung kam, erarbeitete ich mir diesen Jargon und der Reiz der Comics war dahin. Ein wenig Freude an meinen infantilen Erinnerungen konnten allerdings die Spider-Man-Filme auslösen und – um es vorwegzunehmen – auch Sam Raimis drittem Teil ist dies gelungen!
In Spider-Man 3 hat es Peter Parker geschafft: er liebt seine Mary Jane und liegt mit ihr im kuscheligen Spinnennetz - und er ist erfolgreich als Superheld. Sam Raimi erzählt also eine Geschichte, die sonst nie im Kino zu sehen ist: Wie geht es eigentlich nach dem Happy-End weiter? Das trägt natürlich keinen Film über volle zwei Stunden und so tauchen Konflikte und mächtige Gegenspieler auf, die Spider-Mans Welt gefährden und zuletzt auch ihn selbst. Da ist sein alter Widersacher Harry Osborn, der den Tod seines Vaters rächen will, da ist der „Sandman“, ein entflohener Verbrecher, der durch ein geheimnisvolles Experiment genetisch so verändert wird, das er willkürlich unterschiedliche Formen annehmen kann, aber letztlich ist dies alles auf Sand gebaut. Ganz übel wird es allerdings, als Peter von einer schwarzen extra-terrestrischen Masse angefallen wird, die tief in seine Psyche eindringt und aus dem biederen Jungen und oft leicht tumben Moralisten einen lasziven, leicht zynischen und sexuell ambivalenten Mann macht (was Toby Maguire sichtlich Spaß gemacht hat).
Das war witzig, leicht ironisch und mit tollen Effekten garniert. Ein pures Kinovergnügen, absolut nicht un-intelligent, nur etwas angestrengt zum Ende hin, als es wieder etwas moralischer wurde.
Spider-Man 3 hat dagegen in den Köpfen anderer Kritiker Probleme ausgelöst. Während der brillant inszenierte erste Teil in psychologischer Hinsicht noch mit einer straighten Pfadfinder-Mentalität auskam, taucht im dritten Teil die (hetero) -sexuelle Konnotation von „straight“ auf, dazu aber auch Themen wie Rache, Aggression und Narzissmus, die man im weitesten Sinne auch als Ingredienzien männlicher Sexualität interpretieren kann. Was durchaus gekonnt und sehr spielerisch von Raimi inszeniert wurde.
Paradoxerweise schlugen sich einige Kritiker auf die Seite der „erwachsenen“ Perspektive, so als wäre die Comicverfilmung mit der Adaption dieser Themen schlichtweg überfordert. Schöner Witz: während der erste Teil noch voller Anerkennung „kindgerecht“ rezipiert wurde, löste ausgerechnet ein Sequel, das exakt dieses Rezeptionsproblem auch zum Problem seiner Figuren machte, bei der schreibenden Zunft eher Unwillen aus. Die ZEIT formulierte dies witzig: „Das Einzige, was den Superhelden umbringen könnte, wäre eine Überdosis Psychologie… Darin liegt die Gefahr einer Überintellektualisierung.“
Persönlich fand ich diese Sorge eher erstaunlich, denn wohl kaum einer der besorgten Kritiker hat sich wohl jemals über unsägliche Comicverfilmungen wie „Spawn“ geärgert, die zu Recht in den Tiefen des B-Picture-Universums verschwunden sind – erst wenn der Held erwachsen wird und das Kino die Schlichheit des Comics anders konnotiert, hört der Spaß offenbar auf. So schreibt der FILM-Dienst staubtrocken: „...erreicht das explosive Vexierspiel mit der Comicwelt nicht das Niveau des Vorgängers. Die Komplexität der Handlungsstränge mutet teilweise beliebig an. Humorvolle, tragische, komödiantische und action-betonte Sequenzen erscheinen als eigenständige Vignetten, deren Bezüge im großen Spider-Man-Universum eher lose sind. Diese Logik der Fortsetzungsstories im Medium Comic erweist sich im abendfüllenden Spielfilm als unbefriedigend.“
Ins komplette Gegenteil verkehrt, würde dieses Kritikerwort in etwa dem entsprechen, was ich im Kino erlebt habe. Womit endgültig feststeht, wes Geistes Kind ich bin.
Im Filmclub erhielt Spider-Man (fast) Bestnoten. Melonie: 2, Klawer: 2, BigDoc: 1
Es gibt weit über 200 Comicverfilmungen in der Geschichte des Kinos, dabei sind jene, die sich um Superhelden wie Batman oder Superman drehen, in der Minderzahl. Wer weiß schon, dass Sam Mendes´ „Road of Perdition“ auf einem Comic basiert? Gegenwärtig ist es Spider-Man, der sich in einem äußerst erfolgreichen Sequel um die Häuserblöcke schwingt – und der damit droht, erwachsen zu werden. Ein Problem?
Als Kind habe ich gerne die Comics des Walter Lehning-Verlags gelesen: Piccolo-Hefte wie „Akim, der Sohn des Dschungels“ kosteten nur 20 Pfennig und waren preiswertes „Kopfkino“. Als Kind erfuhr ich nichts über die Probleme des Verlags mit der Bundesprüfstelle, natürlich erschienen mir die Geschichten auch nicht als zu gewalttätig. Nur einmal musste ich stutzen, nämlich als Akim einen Bösewicht stellte und ihm den Satz „Nun weiß ich, wes Geistes Kind du bist!“ entgegenschleuderte. Das war Erwachsenensprache, die ich nicht verstand: welcher Geist hatte ein Kind und warum war dies ausgerechnet der verhasste Bösewicht?
Der Einbruch des Erwachsenenjargons in die kindgerechte Welt des Comics war eine Grenzüberschreitung und eine Herausforderung, die ich auch nach Jahrzehnten nicht vergaß. Erst später, als ich mit „richtiger“ Literatur in Berührung kam, erarbeitete ich mir diesen Jargon und der Reiz der Comics war dahin. Ein wenig Freude an meinen infantilen Erinnerungen konnten allerdings die Spider-Man-Filme auslösen und – um es vorwegzunehmen – auch Sam Raimis drittem Teil ist dies gelungen!
In Spider-Man 3 hat es Peter Parker geschafft: er liebt seine Mary Jane und liegt mit ihr im kuscheligen Spinnennetz - und er ist erfolgreich als Superheld. Sam Raimi erzählt also eine Geschichte, die sonst nie im Kino zu sehen ist: Wie geht es eigentlich nach dem Happy-End weiter? Das trägt natürlich keinen Film über volle zwei Stunden und so tauchen Konflikte und mächtige Gegenspieler auf, die Spider-Mans Welt gefährden und zuletzt auch ihn selbst. Da ist sein alter Widersacher Harry Osborn, der den Tod seines Vaters rächen will, da ist der „Sandman“, ein entflohener Verbrecher, der durch ein geheimnisvolles Experiment genetisch so verändert wird, das er willkürlich unterschiedliche Formen annehmen kann, aber letztlich ist dies alles auf Sand gebaut. Ganz übel wird es allerdings, als Peter von einer schwarzen extra-terrestrischen Masse angefallen wird, die tief in seine Psyche eindringt und aus dem biederen Jungen und oft leicht tumben Moralisten einen lasziven, leicht zynischen und sexuell ambivalenten Mann macht (was Toby Maguire sichtlich Spaß gemacht hat).
Das war witzig, leicht ironisch und mit tollen Effekten garniert. Ein pures Kinovergnügen, absolut nicht un-intelligent, nur etwas angestrengt zum Ende hin, als es wieder etwas moralischer wurde.
Spider-Man 3 hat dagegen in den Köpfen anderer Kritiker Probleme ausgelöst. Während der brillant inszenierte erste Teil in psychologischer Hinsicht noch mit einer straighten Pfadfinder-Mentalität auskam, taucht im dritten Teil die (hetero) -sexuelle Konnotation von „straight“ auf, dazu aber auch Themen wie Rache, Aggression und Narzissmus, die man im weitesten Sinne auch als Ingredienzien männlicher Sexualität interpretieren kann. Was durchaus gekonnt und sehr spielerisch von Raimi inszeniert wurde.
Paradoxerweise schlugen sich einige Kritiker auf die Seite der „erwachsenen“ Perspektive, so als wäre die Comicverfilmung mit der Adaption dieser Themen schlichtweg überfordert. Schöner Witz: während der erste Teil noch voller Anerkennung „kindgerecht“ rezipiert wurde, löste ausgerechnet ein Sequel, das exakt dieses Rezeptionsproblem auch zum Problem seiner Figuren machte, bei der schreibenden Zunft eher Unwillen aus. Die ZEIT formulierte dies witzig: „Das Einzige, was den Superhelden umbringen könnte, wäre eine Überdosis Psychologie… Darin liegt die Gefahr einer Überintellektualisierung.“
Persönlich fand ich diese Sorge eher erstaunlich, denn wohl kaum einer der besorgten Kritiker hat sich wohl jemals über unsägliche Comicverfilmungen wie „Spawn“ geärgert, die zu Recht in den Tiefen des B-Picture-Universums verschwunden sind – erst wenn der Held erwachsen wird und das Kino die Schlichheit des Comics anders konnotiert, hört der Spaß offenbar auf. So schreibt der FILM-Dienst staubtrocken: „...erreicht das explosive Vexierspiel mit der Comicwelt nicht das Niveau des Vorgängers. Die Komplexität der Handlungsstränge mutet teilweise beliebig an. Humorvolle, tragische, komödiantische und action-betonte Sequenzen erscheinen als eigenständige Vignetten, deren Bezüge im großen Spider-Man-Universum eher lose sind. Diese Logik der Fortsetzungsstories im Medium Comic erweist sich im abendfüllenden Spielfilm als unbefriedigend.“
Ins komplette Gegenteil verkehrt, würde dieses Kritikerwort in etwa dem entsprechen, was ich im Kino erlebt habe. Womit endgültig feststeht, wes Geistes Kind ich bin.
Im Filmclub erhielt Spider-Man (fast) Bestnoten. Melonie: 2, Klawer: 2, BigDoc: 1
Deutsche Komödien
Auf DVD liegen einige deutsche Komödien vor, die wieder einmal Glanz und Elend dieses Genres vorführen.
Emmas Glück
Deutschland 2006 - Regie: Sven Taddicken - Drehbuch: Ruth Toma, Claudia Schreiber - Darsteller: Jördis Triebel, Jürgen Vogel, Hinnerk Schönemann, Martin Feifel, Karin Neuhäuser, Nina Petri, Arved Birnbaum, Benjamin Blömer, Sebastian Rüger, Christian Kitscha - FSK: ab 12 - Länge: 99 min.
Emma (Jördis Triebel) lebt als Schweinezüchterin auf dem hoffnungslos verschuldeten Hof ihrer Familie. Sie liebt nicht nur ihre Schweine und schlachtet sie einfühlsam und zärtlich, sondern sie hat auch eine intensive Beziehung zu ihrem Moped, das sehr unrund läuft und ihr dadurch bei der Beseitigung sexueller Defizite hilft.
Max (Jürgen Vogel), der Autoverkäufer, erfährt beim Arzt, dass er Krebs hat und nicht mehr lange leben wird. Er klaut das Geld seines Chefs und will seine letzten Tage möglichst weit weg verbringen. Doch die mit einem gestohlenen Jaguar misslingt und der Todgeweihte landet auf Emmas Hof, wo eine tödlich-skurrile Romanze beginnt, die nicht nur mit dem Thema „Sterbehilfe“ zu tun hat, sondern auch mit der Suche nach dem ach so fragilen Glück.
Die Verfilmung des Erfolgsromans von Claudia Schreiber durch Sven Taddicken hat im Filmclub zu großen Kontroversen geführt. Fast alle fanden den Film anrührend und originell – eine romantische Komödie mit Gummistiefel-Flair und hervorragenden Darstellern. Nur der Rezensent war bitterböse, denn er hat es nicht so gerne, wenn die erste Szene eines Films gleich den finalen Twist des Plots verrät. Der Begriff „Twist“ hat in Literatur und Kino nun einmal die Bedeutung „unvorhergesehen“ erhalten und eine Komödie darf als formal gescheitert betrachtet werden, wenn man gleich nach den ersten fünf Minuten ahnt, dass Jürgen Vogel am Ende das Schlachtmesser an den Hals gesetzt bekommt.
Gleichwohl ist trotz dieser einschneidenden Schwäche Taddickens Film über weite Strecken originell und pointiert erzählt, auch wenn das Drehbuchteam Ruth Toma und Claudia Schreiber glaubte, den Film mit einigen Komödientopoi anzureichern, die nicht einmal mehr in ein B-Picture passen: so fand ich den bieder-doofen Dorfpolizisten genauso peinlich wie dessen schrille Mutter, aber wenn man seinem Stoff nicht traut, rutschen einem schon einmal Lachangebote für Einfaltspinsel ins Script. Das ist ja ein Problem der deutschen Komödie: sie möchte intelligent und skurril sein und landet am Ende doch nur bei der Karikatur.
Melonie: 2, Mr. Mendez: 2, Klawer: 2, BigDoc: 4
Die Könige der Nutzholzgewinnung
Deutschland 2006 - Originaltitel: Lumber Kings - Regie: Matthias Keilich - Darsteller: Bjarne Ingmar Mädel, Frank Auerbach, Steven Merting, Peter Sodann, Barbara Phillip, Christina Große, Monika Lennartz, Simon Schwarz - FSK: ab 6 - Länge: 94 min.
Dass es auch weitgehend ohne Karikaturen möglich ist, eine Komödie zu erzählen, zeigt Matthias Keilichs Film über „Lumber Kings“ im Ostharz. Das sind die muskelbepackten Jungs, die wie der Teufel massive Baumstämme in Windeseile durchsägen und auch sonst durch Geschick und Kraft auffallen. Unter vielen Königen ist der Hallodri Krischan der echte „König der Nutzholzgewinnung“, denn sein eigentliches Geschick besteht darin, die Marketingidee eines Wettbewerbs in seinem alten und von Arbeitslosigkeit und Strukturschwächen abgewirtschafteten Waldarbeiterdorf Tanne zu realisieren. Mit seinem auch beim weiblichen Geschlecht nicht ganz unwirksamen Charme heilt er nach jahrelanger Abwesenheit nicht nur alte Wunden, sondern überwindet auch die Skepsis der Dörfler und seiner alten Freunde Ronnie und Bert.
Die unaufdringliche deutsche Sozialkomödie besteht mit seinem derben Humor und dem fein gezeichneten Lokalkolorit durchaus einen Vergleich mit seinen (fast) unnachahmlichen britischen Vorbildern. Peter Sodann (als Kommissar bekannt aus der Tatort-Reihe) spielt als Supporting Actor mit Routine und gedimmtem Witz den Hauptdarsteller Bjarne Ingmar Mädel keineswegs an die Wand.
Melonie: 3, Mr. Mendez: 3, Klawer: 3, BigDoc: 3
Wahrheit oder Pflicht
Deutschland 2005 – Regie, Drehbuch: Jan Martin Scharf, Arne Nolting - Darsteller: Katharina Schüttler, Thomas Feist, Jochen Nickel, Therese Hämer, Thorben Liebrecht, Thorsten Merten, Wanda Perdelwitz, Ingeborg Westphal - FSK: ab 12 - Länge: 89 min.
Hausbacken wie der Titel ist dagegen die Teenie-Komödie der Jungs-Regisseure Scharf / Nolting: erzählt wird von der achtzehnjährige Annika, die die 12. Klasse nicht geschafft hat und ihr Abitur davonschwimmen sieht. Um ihren Eltern ein intaktes Schulleben vorzugaukeln, geht sie jeden Morgen aus dem Haus – allerdings nicht zur Schule. Annika verbringt ihre Tage in einem abgewrackten Reisebus und hängt ab.
Das Script verlangt der zuletzt an der Schaubühne Berlin überaus erfolgreichen Katharina Schüttler einige romantische side-steps und erste sexuelle Erfahrungen ab, bevor sie in Kai einen echten Freund findet und in sich eine Lösung findet, die aus dem Lügengebäude führt, das sie um sich herum aufgebaut hat.
Die Abschlussarbeit an der Filmhochschule Köln verbreitet trotz einer unaufdringlichen und wenig moralisierenden Erzählweise leider nur gepflegte Langeweile, weil der Plot sehr schlicht gestrickt ist und kein echtes dramaturgisches Potential besitzt. Man lacht nicht, man weint nicht, man denkt nicht nach – und den Rest hat man auch bald vergessen.
Melonie: 4, Mr. Mendez: 3,5, Klawer: 4, BigDoc: 4
Emmas Glück
Deutschland 2006 - Regie: Sven Taddicken - Drehbuch: Ruth Toma, Claudia Schreiber - Darsteller: Jördis Triebel, Jürgen Vogel, Hinnerk Schönemann, Martin Feifel, Karin Neuhäuser, Nina Petri, Arved Birnbaum, Benjamin Blömer, Sebastian Rüger, Christian Kitscha - FSK: ab 12 - Länge: 99 min.
Emma (Jördis Triebel) lebt als Schweinezüchterin auf dem hoffnungslos verschuldeten Hof ihrer Familie. Sie liebt nicht nur ihre Schweine und schlachtet sie einfühlsam und zärtlich, sondern sie hat auch eine intensive Beziehung zu ihrem Moped, das sehr unrund läuft und ihr dadurch bei der Beseitigung sexueller Defizite hilft.
Max (Jürgen Vogel), der Autoverkäufer, erfährt beim Arzt, dass er Krebs hat und nicht mehr lange leben wird. Er klaut das Geld seines Chefs und will seine letzten Tage möglichst weit weg verbringen. Doch die mit einem gestohlenen Jaguar misslingt und der Todgeweihte landet auf Emmas Hof, wo eine tödlich-skurrile Romanze beginnt, die nicht nur mit dem Thema „Sterbehilfe“ zu tun hat, sondern auch mit der Suche nach dem ach so fragilen Glück.
Die Verfilmung des Erfolgsromans von Claudia Schreiber durch Sven Taddicken hat im Filmclub zu großen Kontroversen geführt. Fast alle fanden den Film anrührend und originell – eine romantische Komödie mit Gummistiefel-Flair und hervorragenden Darstellern. Nur der Rezensent war bitterböse, denn er hat es nicht so gerne, wenn die erste Szene eines Films gleich den finalen Twist des Plots verrät. Der Begriff „Twist“ hat in Literatur und Kino nun einmal die Bedeutung „unvorhergesehen“ erhalten und eine Komödie darf als formal gescheitert betrachtet werden, wenn man gleich nach den ersten fünf Minuten ahnt, dass Jürgen Vogel am Ende das Schlachtmesser an den Hals gesetzt bekommt.
Gleichwohl ist trotz dieser einschneidenden Schwäche Taddickens Film über weite Strecken originell und pointiert erzählt, auch wenn das Drehbuchteam Ruth Toma und Claudia Schreiber glaubte, den Film mit einigen Komödientopoi anzureichern, die nicht einmal mehr in ein B-Picture passen: so fand ich den bieder-doofen Dorfpolizisten genauso peinlich wie dessen schrille Mutter, aber wenn man seinem Stoff nicht traut, rutschen einem schon einmal Lachangebote für Einfaltspinsel ins Script. Das ist ja ein Problem der deutschen Komödie: sie möchte intelligent und skurril sein und landet am Ende doch nur bei der Karikatur.
Melonie: 2, Mr. Mendez: 2, Klawer: 2, BigDoc: 4
Die Könige der Nutzholzgewinnung
Deutschland 2006 - Originaltitel: Lumber Kings - Regie: Matthias Keilich - Darsteller: Bjarne Ingmar Mädel, Frank Auerbach, Steven Merting, Peter Sodann, Barbara Phillip, Christina Große, Monika Lennartz, Simon Schwarz - FSK: ab 6 - Länge: 94 min.
Dass es auch weitgehend ohne Karikaturen möglich ist, eine Komödie zu erzählen, zeigt Matthias Keilichs Film über „Lumber Kings“ im Ostharz. Das sind die muskelbepackten Jungs, die wie der Teufel massive Baumstämme in Windeseile durchsägen und auch sonst durch Geschick und Kraft auffallen. Unter vielen Königen ist der Hallodri Krischan der echte „König der Nutzholzgewinnung“, denn sein eigentliches Geschick besteht darin, die Marketingidee eines Wettbewerbs in seinem alten und von Arbeitslosigkeit und Strukturschwächen abgewirtschafteten Waldarbeiterdorf Tanne zu realisieren. Mit seinem auch beim weiblichen Geschlecht nicht ganz unwirksamen Charme heilt er nach jahrelanger Abwesenheit nicht nur alte Wunden, sondern überwindet auch die Skepsis der Dörfler und seiner alten Freunde Ronnie und Bert.
Die unaufdringliche deutsche Sozialkomödie besteht mit seinem derben Humor und dem fein gezeichneten Lokalkolorit durchaus einen Vergleich mit seinen (fast) unnachahmlichen britischen Vorbildern. Peter Sodann (als Kommissar bekannt aus der Tatort-Reihe) spielt als Supporting Actor mit Routine und gedimmtem Witz den Hauptdarsteller Bjarne Ingmar Mädel keineswegs an die Wand.
Melonie: 3, Mr. Mendez: 3, Klawer: 3, BigDoc: 3
Wahrheit oder Pflicht
Deutschland 2005 – Regie, Drehbuch: Jan Martin Scharf, Arne Nolting - Darsteller: Katharina Schüttler, Thomas Feist, Jochen Nickel, Therese Hämer, Thorben Liebrecht, Thorsten Merten, Wanda Perdelwitz, Ingeborg Westphal - FSK: ab 12 - Länge: 89 min.
Hausbacken wie der Titel ist dagegen die Teenie-Komödie der Jungs-Regisseure Scharf / Nolting: erzählt wird von der achtzehnjährige Annika, die die 12. Klasse nicht geschafft hat und ihr Abitur davonschwimmen sieht. Um ihren Eltern ein intaktes Schulleben vorzugaukeln, geht sie jeden Morgen aus dem Haus – allerdings nicht zur Schule. Annika verbringt ihre Tage in einem abgewrackten Reisebus und hängt ab.
Das Script verlangt der zuletzt an der Schaubühne Berlin überaus erfolgreichen Katharina Schüttler einige romantische side-steps und erste sexuelle Erfahrungen ab, bevor sie in Kai einen echten Freund findet und in sich eine Lösung findet, die aus dem Lügengebäude führt, das sie um sich herum aufgebaut hat.
Die Abschlussarbeit an der Filmhochschule Köln verbreitet trotz einer unaufdringlichen und wenig moralisierenden Erzählweise leider nur gepflegte Langeweile, weil der Plot sehr schlicht gestrickt ist und kein echtes dramaturgisches Potential besitzt. Man lacht nicht, man weint nicht, man denkt nicht nach – und den Rest hat man auch bald vergessen.
Melonie: 4, Mr. Mendez: 3,5, Klawer: 4, BigDoc: 4
Dienstag, 5. Juni 2007
Five Fingers
USA (2006), D: Laurence Fishburne, Ryan Phillippe, Colm Meaney, Touriya Haoud, Isa Hoes, Saïd Taghmaoui, Gina Torres, Drehbuch: Chad Thumann, Laurence Malkin, R: Laurence Malkin. Länge: 80 min.
“Kaum der Rede wert”: eigentlich ist damit schon alles über ein Anti-Terror-Kammerspiel gesagt, das in Deutschland nicht im Kino war und direct-to-video vermarktet wird. Das Cover wirbt reißerisch bei der SAW-Klientel um Beachtung, enttäuscht als Dialogfilm jedoch dieses Konsumentensegment ebenso wie jenen Teil des Publikums, der von Kammerspiel-Thrillern wenigstens ein paar gehaltvollere Dialoge erwartet, erst recht, wenn einem Mann schon fünf (oder waren es vier?) Finger abgesäbelt werden. Ein Diskurs zum Thema Folter bleibt aus und der Film bleibt nach dem finalen Twist erschöpft auf der Stecke.
Martij (Ryan Phillippe), ein scheinbar idealistischer Holländer, reist mit einem Security-Spezialisten Gavin (Colm Meaney) nach Marokko, um dort ein Essenshilfsprogramm ins Leben zu rufen. Beide werden von einer Gruppe Terroristen verschleppt und in einer abgelegenen Lagerhalle eingesperrt. Hier wird Gavin brutal liquidiert und Martij muss sich auf ein bizarres Verhör mit dem mysteriösen Entführer Ahmat (Laurence Fishburne) einlassen, das ihn einen Finger nach dem anderen kostet. Schließlich zeigt sich, dass Martij ein holländischer Terrorist ist, der einen Anschlag mit Biowaffen plant, während Ahmat die Namen von Martijs Terrorzelle aus ihm herausfoltern will.
Der finale Twist: Martij ist längst nicht mehr in Marokko, sondern wird in New York von den Mitgliedern einer unbekannten US-Anti-Terror-Einheit festgehalten. Diese wiederum hat in der europäischen Terroristenszene ein raffiniertes Lockvogel-Angebot platziert, was spätestens dann deutlich wird, wenn man die Geduld aufbringt, auf die after-credits-scene zu warten.
Es lässt sich nicht bestreiten, dass der routiniert inszenierte Film seine stärksten Szenen dort hat, wo der Spannungsbogen langsam aufgebaut wird. Das liegt weniger an dem Drehbuch, sondern an Fishburne, der den mittlerweile an der Business-Peripherie gelandeten ehemaligen Jungstar Ryan Phillippe an die Wand spielt. Ansonsten geht dem Script immer mehr die Luft aus und auch die Flashbacks mit geheimnisvollen Szenen in nettem Ambiente zeigen nur, dass Malkin der tristen Einheit von Raum und Zeit in einer verrotteten Lagerhalle nicht getraut hat.
Mal ganz hart formuliert: der Film ist nur am finalen Twist interessiert, was auch dem Letzten beim Betrachten des überflüssigen Making Of klar werden muss, wo sich alle Beteiligten gemeinsam über die professionelle Zusammenarbeit freuen und sich auch sonst ausreichend Honig um den Bart schmieren. Dass die Crew auch über das „Thema“ hohle Sprechblasen absondert, es aber nicht ein einziges Mal beim Namen nennt, geschweige denn analysiert, führt zwangsläufig zum finalen Urteil: Nichts sagend.
Klawer: 4,5, BigDoc: 4,5, Melonie: 4,5, Mr. Mendez: 3,5
“Kaum der Rede wert”: eigentlich ist damit schon alles über ein Anti-Terror-Kammerspiel gesagt, das in Deutschland nicht im Kino war und direct-to-video vermarktet wird. Das Cover wirbt reißerisch bei der SAW-Klientel um Beachtung, enttäuscht als Dialogfilm jedoch dieses Konsumentensegment ebenso wie jenen Teil des Publikums, der von Kammerspiel-Thrillern wenigstens ein paar gehaltvollere Dialoge erwartet, erst recht, wenn einem Mann schon fünf (oder waren es vier?) Finger abgesäbelt werden. Ein Diskurs zum Thema Folter bleibt aus und der Film bleibt nach dem finalen Twist erschöpft auf der Stecke.
Martij (Ryan Phillippe), ein scheinbar idealistischer Holländer, reist mit einem Security-Spezialisten Gavin (Colm Meaney) nach Marokko, um dort ein Essenshilfsprogramm ins Leben zu rufen. Beide werden von einer Gruppe Terroristen verschleppt und in einer abgelegenen Lagerhalle eingesperrt. Hier wird Gavin brutal liquidiert und Martij muss sich auf ein bizarres Verhör mit dem mysteriösen Entführer Ahmat (Laurence Fishburne) einlassen, das ihn einen Finger nach dem anderen kostet. Schließlich zeigt sich, dass Martij ein holländischer Terrorist ist, der einen Anschlag mit Biowaffen plant, während Ahmat die Namen von Martijs Terrorzelle aus ihm herausfoltern will.
Der finale Twist: Martij ist längst nicht mehr in Marokko, sondern wird in New York von den Mitgliedern einer unbekannten US-Anti-Terror-Einheit festgehalten. Diese wiederum hat in der europäischen Terroristenszene ein raffiniertes Lockvogel-Angebot platziert, was spätestens dann deutlich wird, wenn man die Geduld aufbringt, auf die after-credits-scene zu warten.
Es lässt sich nicht bestreiten, dass der routiniert inszenierte Film seine stärksten Szenen dort hat, wo der Spannungsbogen langsam aufgebaut wird. Das liegt weniger an dem Drehbuch, sondern an Fishburne, der den mittlerweile an der Business-Peripherie gelandeten ehemaligen Jungstar Ryan Phillippe an die Wand spielt. Ansonsten geht dem Script immer mehr die Luft aus und auch die Flashbacks mit geheimnisvollen Szenen in nettem Ambiente zeigen nur, dass Malkin der tristen Einheit von Raum und Zeit in einer verrotteten Lagerhalle nicht getraut hat.
Mal ganz hart formuliert: der Film ist nur am finalen Twist interessiert, was auch dem Letzten beim Betrachten des überflüssigen Making Of klar werden muss, wo sich alle Beteiligten gemeinsam über die professionelle Zusammenarbeit freuen und sich auch sonst ausreichend Honig um den Bart schmieren. Dass die Crew auch über das „Thema“ hohle Sprechblasen absondert, es aber nicht ein einziges Mal beim Namen nennt, geschweige denn analysiert, führt zwangsläufig zum finalen Urteil: Nichts sagend.
Klawer: 4,5, BigDoc: 4,5, Melonie: 4,5, Mr. Mendez: 3,5
Dienstag, 15. Mai 2007
Grbavica (Esmas Geheimnis)
Österreich / Bosnien-Herzegowina / Deutschland / Kroatien 2005 - Originaltitel: Grbavica - Regie: Jasmila Zbanic - Darsteller: Mirjana Karanovic, Luna Mijovic, Leon Lucev, Kenan Catic, Jasna Ornela Berry, Bogdan Diklic - FSK: ab 12 - Länge: 90 min.
„Grbavica“ war die Überraschung der Berlinale 2006. So recht hatte niemand damit gerechnet, dass der einfach und ästhetisch eher schlichte Film der Bosnierin Jasmila Zbanic den Goldenen Bären gewinnt. Den hätte sicher auch Michael Winterbottoms THE ROAD TO GUANTANAMO verdient (der bereits in „BigDoc´s Filmclub“ besprochen wurde). Winterbottom erhielt den Regiepreis. Der Sieger „Grbavica“ liegt nun als DVD vor.
In Grbavica, einem Stadtteil Sarajevos, lebt Esma (Mirjana Karanovic) mit ihrer 13-jährigen Tochter Sara. Das Mädchen hat seinen Vater nie kennen gelernt, sie glaubt, er sei als „shaheed“ gefallen, als Kriegsheld. Für wen der Vater gekämpft hat, erklärt Zbanic ebenso wenig wie die Geschichte ihres Landes. Für Mainstream-Konsumenten ohne elementare Kenntnisse der jüngeren europäischen Geschichte eine harte Nuss.
Sara möchte auf einen Schulausflug gehen. Als Tochter eines „shaheed“ wäre dies umsonst. Esma meint allerdings, dass dies bezahlt werden muss. Irritation: Sara versteht ihre Mutter nicht. Bald freundet sich Sara mit Samir an, der ebenfalls keinen Vater hat: hier findet sie etwas Zärtlichkeit. Esma nimmt derweil Arbeit als Bedienung in einem Nachtclub an. Dort lernt sie den Body-Guard Pelda kennen, der ein Auge auf die zurückhaltende Frau geworfen hat. Auch Pelda hat Angehörige im Krieg verloren: er sucht noch in geöffneten Massengräbern nach seinem Vater.
Welche Massengräber? Wer vergessen hat, was nach dem Zerfall Jugoslawiens zwischen Serben und Muslimen und all den anderen Volksgruppen geschehen ist, wird weiterhin einen schweren Stand haben.
Sara, die nicht daran interessiert, die Klassenfahrt „einfach so“ zu bezahlen, fordert ihre Mutter auf, in der Schule die amtlichen Dokumente dafür vorzulegen, dass ihr Vater im Kampf für sein Land gefallen ist. Doch Esma weicht aus. Die Ereignisse spitzen sich zu: Sie verliert ihre Arbeit, weil sie einen Tippschein nicht abgegeben hat, Pelda geht nach Österreich, Sara will endlich wissen, was los ist. Also erfährt Sara sehr brutal Esmas Geheimnis: Ihre Mutter war ein Opfer der Serben und wurde im Lager täglich brutal vergewaltigt. Sara ist also das Kind eines Tschetniks, eines serbischen Milizionärs. Sie zu töten (wie es viele muslimische Frauen getan haben), brachte Esma nicht fertig.
„Esmas Geheimnis“ ist einer jener Filme, deren ethische Botschaft wohl nachdrücklich stärker ist als die Bereitschaft, den unspektakulären Film auf Dauer in seinem kinematografischen Gedächtnis abzuspeichern. Woran dies liegt, kann sich jeder selbst fragen. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass Grbavica den dringenden Appell vermittelt, sich noch einmal gründlich mit einem der düstersten Kapitel der europäischen Geschichte auseinander zu setzen. Ich empfehle die Online-Dokumente von 3SAT. Es gibt einiges zu lernen: Dazu gehört auch die Tatsache, dass die Premiere von Grbavica in Banja Luka, der Hauptstadt des serbischen Landesteils von Bosnien-Herzegowina, abgesagt wurde.
Postskriptum: Im bosnischen Srebrenica wurden im Juli 1995 über 7000 serbische Männer und Jungen unter den Augen der niederländischen UNO-Truppen abgeführt und hingerichtet. 2002 tritt die niederländische Regierung wegen ihrer Mitschuld zurück.
Grbavica heißt der Stadtteil der bosnischen Hauptstadt Sarajewo, den die serbisch-montenegrische Armee während des Krieges besetzte und der von ihr in ein Kriegslager umgewandelt wurde, in dem die Zivilbevölkerung systematisch gefoltert und vergewaltigt wurde.
BigDoc=2, Klawer= 2, Melonie= 2,5, Mr. Mendez= 3.
„Grbavica“ war die Überraschung der Berlinale 2006. So recht hatte niemand damit gerechnet, dass der einfach und ästhetisch eher schlichte Film der Bosnierin Jasmila Zbanic den Goldenen Bären gewinnt. Den hätte sicher auch Michael Winterbottoms THE ROAD TO GUANTANAMO verdient (der bereits in „BigDoc´s Filmclub“ besprochen wurde). Winterbottom erhielt den Regiepreis. Der Sieger „Grbavica“ liegt nun als DVD vor.
In Grbavica, einem Stadtteil Sarajevos, lebt Esma (Mirjana Karanovic) mit ihrer 13-jährigen Tochter Sara. Das Mädchen hat seinen Vater nie kennen gelernt, sie glaubt, er sei als „shaheed“ gefallen, als Kriegsheld. Für wen der Vater gekämpft hat, erklärt Zbanic ebenso wenig wie die Geschichte ihres Landes. Für Mainstream-Konsumenten ohne elementare Kenntnisse der jüngeren europäischen Geschichte eine harte Nuss.
Sara möchte auf einen Schulausflug gehen. Als Tochter eines „shaheed“ wäre dies umsonst. Esma meint allerdings, dass dies bezahlt werden muss. Irritation: Sara versteht ihre Mutter nicht. Bald freundet sich Sara mit Samir an, der ebenfalls keinen Vater hat: hier findet sie etwas Zärtlichkeit. Esma nimmt derweil Arbeit als Bedienung in einem Nachtclub an. Dort lernt sie den Body-Guard Pelda kennen, der ein Auge auf die zurückhaltende Frau geworfen hat. Auch Pelda hat Angehörige im Krieg verloren: er sucht noch in geöffneten Massengräbern nach seinem Vater.
Welche Massengräber? Wer vergessen hat, was nach dem Zerfall Jugoslawiens zwischen Serben und Muslimen und all den anderen Volksgruppen geschehen ist, wird weiterhin einen schweren Stand haben.
Sara, die nicht daran interessiert, die Klassenfahrt „einfach so“ zu bezahlen, fordert ihre Mutter auf, in der Schule die amtlichen Dokumente dafür vorzulegen, dass ihr Vater im Kampf für sein Land gefallen ist. Doch Esma weicht aus. Die Ereignisse spitzen sich zu: Sie verliert ihre Arbeit, weil sie einen Tippschein nicht abgegeben hat, Pelda geht nach Österreich, Sara will endlich wissen, was los ist. Also erfährt Sara sehr brutal Esmas Geheimnis: Ihre Mutter war ein Opfer der Serben und wurde im Lager täglich brutal vergewaltigt. Sara ist also das Kind eines Tschetniks, eines serbischen Milizionärs. Sie zu töten (wie es viele muslimische Frauen getan haben), brachte Esma nicht fertig.
„Esmas Geheimnis“ ist einer jener Filme, deren ethische Botschaft wohl nachdrücklich stärker ist als die Bereitschaft, den unspektakulären Film auf Dauer in seinem kinematografischen Gedächtnis abzuspeichern. Woran dies liegt, kann sich jeder selbst fragen. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass Grbavica den dringenden Appell vermittelt, sich noch einmal gründlich mit einem der düstersten Kapitel der europäischen Geschichte auseinander zu setzen. Ich empfehle die Online-Dokumente von 3SAT. Es gibt einiges zu lernen: Dazu gehört auch die Tatsache, dass die Premiere von Grbavica in Banja Luka, der Hauptstadt des serbischen Landesteils von Bosnien-Herzegowina, abgesagt wurde.
Postskriptum: Im bosnischen Srebrenica wurden im Juli 1995 über 7000 serbische Männer und Jungen unter den Augen der niederländischen UNO-Truppen abgeführt und hingerichtet. 2002 tritt die niederländische Regierung wegen ihrer Mitschuld zurück.
Grbavica heißt der Stadtteil der bosnischen Hauptstadt Sarajewo, den die serbisch-montenegrische Armee während des Krieges besetzte und der von ihr in ein Kriegslager umgewandelt wurde, in dem die Zivilbevölkerung systematisch gefoltert und vergewaltigt wurde.
BigDoc=2, Klawer= 2, Melonie= 2,5, Mr. Mendez= 3.
Spartan
USA, BRD 2004, 106 Minuten, Regie, Drehbuch: David Mamet, Produktion: David Bergstein, Moshe Diamant Elie Samaha, Musik: Mark Isham, Kamera: Juan Ruiz Anchía, Schnitt: Barbara Tulliver. Darsteller: Val Kilmer, William H. Macy, Derek Luke, Ed O'Neill, Tia Texada.
Wenn er Kameradschaft sucht, gehe er zu den Freimaurern. Cool, stoisch und mit unbewegtem Gesicht kontert Robert Scott in einem Ausbildungscamp den Versuch eines Soldaten, ihm seine moralischen Überzeugungen zu erklären. Diese „Rules of War“, die der Ranger Curtis auf eng bedrucktem Papier bei sich trägt, interessieren den Special Agent nicht sonderlich, er findet es leichter, wenn man ihm sagt, wohin er gehen soll und was zu tun ist. Scott (Val Kilmer) nennt sich selbst eine Arbeitsbiene. Er ist hochspezialisiert, ziemlich amoralisch, schnell, tödlich –und dumm genug, mitten in einem politischen Vertuschungsmanöver des eignen Apparates zu landen.
Es geht wieder einmal um Lügen und Belogenwerden, Korruption und Vertuschung, paranoide Schachzüge der Macht: das haben wir von „Three Days of the Condor“ bis zu „The Manchurian Candidate“ alles schon einmal studiert, aber die Varianten sind oft ganz sehenswert. So auch hier: die Tochter des amerikanischen Präsidenten, der kurz vor der Wiederwahl steht, wird entführt und schnell wird deutlich, dass das leichtlebige Mädchen einem Mädchenhändlerring (etwas abstrus) in die Hände gefallen ist. Scott versucht das Mädchen zu finden, bevor die Presse alles aufkocht. Als klar wird, dass die Security von der Entführten abgezogen wurde, um einen erotischen Side-Step des Präsidenten zu sichern, liegt ein politischer Skandal in der Luft. Und als herauskommt, dass das Töchterchen auch gerne öffentlich über Papas amouröse Aktivitäten geplaudert hätte, ahnt jeder, dass sie tot mehr wert ist als lebendig. Als Scott dies herausfindet, wird es selbst zum Gejagten.
„Spartan“ ist in Deutschland nie in die Kinos gekommen. 2004, mitten im amerikanischen Wahlkampf produziert (Kerry-Tochter Alexandra hat eine Nebenrolle in dem Film), hat David Memets Film schnell den Weg der Sekundär-Vermarktung in den Videotheken gefunden: mittlerweile rangiert er fast schon mit Kultstatus auf Platz 1 bei den hiesigen DVD-Verleihern. Etwas Aufmerksamkeit hat „Spartan“ verdient, denn er ist immerhin von David Mamet, hier ausnahmsweise auch einmal als Regisseur aktiv. Mamet ist sicher nicht Amerikas virulentester Drehbuchautor, aber einer, der schon mehr als eine Perle abgeliefert hat: für „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ (1981), Sidney Lumets „The Verdict“ (1982), de Palmas „The Untouchables“ (1987), für die exzellent besetzte American Dream-Satire „Glengarry Glen Ross“ (1992), als Script-Doctor für die sehenswerte Polit-Posse „Wag the Dog“ (1997), für „Ronin“ (1998), „Hannibal“ (2001) und 2001 für „Heist“ (Der letzte Coup), wo er ebenfalls Regie führte. Mehr als zwanzig Filme hat der Pulitzer-Preisträger, Dichter, Dramatiker, Autor und Regisseur „auf dem Gewissen“ – ein mittelgroßes Kapitel der Kinogeschichte.
Unterm Strich ist „Spartan“ allerdings ein etwas klein geratenes Kapitel dieser facettenreichen Geschichte: Mamet hat sich nicht nur bei den klassischen Paranoia-Klassikern bedient, sondern das Ganze auch mit einem Schuss „24“ (es darf kräftig gefoltert werden) verfeinert. Dass sich einige Dialoge hart am Rande der unfreiwilligen Persiflage befinden, muss man wohl schlucken, wenn man als notorischer Val Kilmer-Fan das Ganze als gut geölte Genrearbeit durchgehen lassen will. Auf dieser Ebene funktioniert der Film allerdings ganz gut.
Val Kilmer, den sie ähnlich wie Enfant terrible Mickey Rourke in Hollywood nicht sonderlich mögen, spielt mit unbewegtem Gesicht und ist daher nicht überfordert. „Al Bundy“ Ed O´Neill ist in einer Nebenrolle zu sehen und der großartige William H. Macy hat wohl nur aus Spaß mitgemacht, denn seinen kleinen Auftritt konnte man an einem Tag abdrehen.
Im Filmclub gab´s gemischte Reaktionen: Klawer= 2,5, BigDoc= 3, Mr. Mendez (“Wenn das ein Kultfilm ist, will ich nie mehr Kultfilme sehen!“)= 4, Melonie= 4.
Wenn er Kameradschaft sucht, gehe er zu den Freimaurern. Cool, stoisch und mit unbewegtem Gesicht kontert Robert Scott in einem Ausbildungscamp den Versuch eines Soldaten, ihm seine moralischen Überzeugungen zu erklären. Diese „Rules of War“, die der Ranger Curtis auf eng bedrucktem Papier bei sich trägt, interessieren den Special Agent nicht sonderlich, er findet es leichter, wenn man ihm sagt, wohin er gehen soll und was zu tun ist. Scott (Val Kilmer) nennt sich selbst eine Arbeitsbiene. Er ist hochspezialisiert, ziemlich amoralisch, schnell, tödlich –und dumm genug, mitten in einem politischen Vertuschungsmanöver des eignen Apparates zu landen.
Es geht wieder einmal um Lügen und Belogenwerden, Korruption und Vertuschung, paranoide Schachzüge der Macht: das haben wir von „Three Days of the Condor“ bis zu „The Manchurian Candidate“ alles schon einmal studiert, aber die Varianten sind oft ganz sehenswert. So auch hier: die Tochter des amerikanischen Präsidenten, der kurz vor der Wiederwahl steht, wird entführt und schnell wird deutlich, dass das leichtlebige Mädchen einem Mädchenhändlerring (etwas abstrus) in die Hände gefallen ist. Scott versucht das Mädchen zu finden, bevor die Presse alles aufkocht. Als klar wird, dass die Security von der Entführten abgezogen wurde, um einen erotischen Side-Step des Präsidenten zu sichern, liegt ein politischer Skandal in der Luft. Und als herauskommt, dass das Töchterchen auch gerne öffentlich über Papas amouröse Aktivitäten geplaudert hätte, ahnt jeder, dass sie tot mehr wert ist als lebendig. Als Scott dies herausfindet, wird es selbst zum Gejagten.
„Spartan“ ist in Deutschland nie in die Kinos gekommen. 2004, mitten im amerikanischen Wahlkampf produziert (Kerry-Tochter Alexandra hat eine Nebenrolle in dem Film), hat David Memets Film schnell den Weg der Sekundär-Vermarktung in den Videotheken gefunden: mittlerweile rangiert er fast schon mit Kultstatus auf Platz 1 bei den hiesigen DVD-Verleihern. Etwas Aufmerksamkeit hat „Spartan“ verdient, denn er ist immerhin von David Mamet, hier ausnahmsweise auch einmal als Regisseur aktiv. Mamet ist sicher nicht Amerikas virulentester Drehbuchautor, aber einer, der schon mehr als eine Perle abgeliefert hat: für „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ (1981), Sidney Lumets „The Verdict“ (1982), de Palmas „The Untouchables“ (1987), für die exzellent besetzte American Dream-Satire „Glengarry Glen Ross“ (1992), als Script-Doctor für die sehenswerte Polit-Posse „Wag the Dog“ (1997), für „Ronin“ (1998), „Hannibal“ (2001) und 2001 für „Heist“ (Der letzte Coup), wo er ebenfalls Regie führte. Mehr als zwanzig Filme hat der Pulitzer-Preisträger, Dichter, Dramatiker, Autor und Regisseur „auf dem Gewissen“ – ein mittelgroßes Kapitel der Kinogeschichte.
Unterm Strich ist „Spartan“ allerdings ein etwas klein geratenes Kapitel dieser facettenreichen Geschichte: Mamet hat sich nicht nur bei den klassischen Paranoia-Klassikern bedient, sondern das Ganze auch mit einem Schuss „24“ (es darf kräftig gefoltert werden) verfeinert. Dass sich einige Dialoge hart am Rande der unfreiwilligen Persiflage befinden, muss man wohl schlucken, wenn man als notorischer Val Kilmer-Fan das Ganze als gut geölte Genrearbeit durchgehen lassen will. Auf dieser Ebene funktioniert der Film allerdings ganz gut.
Val Kilmer, den sie ähnlich wie Enfant terrible Mickey Rourke in Hollywood nicht sonderlich mögen, spielt mit unbewegtem Gesicht und ist daher nicht überfordert. „Al Bundy“ Ed O´Neill ist in einer Nebenrolle zu sehen und der großartige William H. Macy hat wohl nur aus Spaß mitgemacht, denn seinen kleinen Auftritt konnte man an einem Tag abdrehen.
Im Filmclub gab´s gemischte Reaktionen: Klawer= 2,5, BigDoc= 3, Mr. Mendez (“Wenn das ein Kultfilm ist, will ich nie mehr Kultfilme sehen!“)= 4, Melonie= 4.
Abonnieren
Posts (Atom)