USA 2006 – Regie, Buch: Rian Johnson - Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Nora Zehetner, Noah Fleiss, Matt O'Leary, Noah Segan, Meagan Good, Emilie de Ravin, Richard Roundtree, Lukas Haas, Brian J. White - FSK: ab 12 - Länge: 110 min.
„Brick“ ist ein intelligentes Crossover-Produkt, das eine ähnliche faszinierende Wirkung erzeugt wie der allerdings deutlich enigmatischere „Donnie Darko“: Rian Johnson hat eine Mischung aus Collegemovie und film noir produziert, einen Film, der nach ersten Irritationen aufs angenehmste unterhält und seine Verschlüsselungen in kleinen Portionen präsentiert und peu à peu auflöst. Nämlich dann, wenn man kapiert hat, dass Sam Spade und Phillip Marlowe herzlich grüßen lassen.
Es ist alles da: der Humphrey Bogart-Typ, die femme fatale, der sarkastische Boss einer brutalen Gang, der Schläger für die Drecksarbeit und das mysteriöse Mordopfer, das natürlich eine schöne Frau ist, zu der unser Held eine zerbrochene Liebesbeziehung „unterhält“. Dass all diese gebrochenen Gestalten noch brav bei Papa und Mama wohnen, macht den skurrilen Reiz dieses Films aus, der nach sechsjähriger Produktionsphase vom Autor und Regisseur am heimischen PC geschnitten wurde, mittlerweile acht Filmpreise in die Tasche gesteckt hat und zum Kultfilm avancierte.
Die Handlung: Brendan Frye (brillant: Joseph Gordon-Levitt) ist eine bebrillter, intellektuell anmutender und dennoch extrem tougher und schlagkräftiger Einzelgänger an einer Highschool in Südkalifornien – hard-boiled wie die die privat eyes aus dem Kinokosmos der 40er Jahre. Ein Anruf seiner Ex-Freundin Emily löst eine Kaskade von Katastrophen aus: Emily stammelt Merkwürdiges in den Hörer– und verschwindet dann spurlos. Zusammen mit seinem Freund Brain, der als multiples Undercover-Informations- und Logistikzentrum fungiert, versucht Brendan das Geheimnis zu lösen und in dem ganzen abscheulichen Sumpf aufzuräumen – äußerst motiviert, denn er findet Emily bald darauf tot in einem Abwasserkanal.
Langsam lernt der Zuschauer die mysteriöse Welt der Highschool kennen, in der alles korrupt und einem allgemeinen Werteverfall ausgesetzt zu sein scheint. Viel zu sehen ist vom Lehrbetrieb an den überwiegend menschenleeren Schauplätzen allerdings nicht. Als es Brendan gelingt, in der Drogengang des geheimnisvollen Pin (Lukas Haas, „Der einzige Zeuge“) aufgenommen zu werden, scheint sich alles zu entwirren.Doch keine Sorge: ähnlich wie in „The Maltese Falcon“ und „The Big Sleep“ versteht man das ganze Ausmaß von Verrat und Heimtücke auch dann nicht vollständig, wenn Brendan in der dramatischen Schlussszene dem Hauptübeltäter, dessen Geschlecht hier nicht verraten werden soll, alles an den Kopf wirft. Dass der Film danach einsam aus dem Bild stiefelt, versteht sich von selbst.
Rian Johnson hat gut daran getan, dem Film einen eigenen Look zu geben und nicht den kalten und expressiven Charme der in schwarz-weiß gedrehten noir-Filme zu kopieren. So ist es weniger der Stil, der den Film prägt als vielmehr der Plot und die streckenweise wahnsinnig witzigen Dialoge. So gut muss man erst einmal schreiben. Hut ab!
Der Filmclub goutierte also nach einigen Rückschlägen wieder einmal einen restlos überzeugenden Film.
Noten: Melonie = 2, BigDoc = 2, Klawer = 2,5, Mr. Mendez = 3.
Mittwoch, 20. Juni 2007
Adams Äpfel
Dänemark 2005 - Originaltitel: Adams Æbler - Regie: Anders Thomas Jensen - Darsteller: Ulrich Thomsen, Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Paprika Steen, Nicolas Bro, Ali Kazim, Gyrd Løfqvist, Lars Ranthe, Ole Thestrup - FSK: ab 16 - Länge: 93 min.
Tarantino meets Bergman
Man kann davon ausgehen, dass ein Film, der den Kulturpreis dänischer Pastoren gewinnt, beim unvorbereiteten Publikum eine Reihe finsterer Klischees abruft. Als da wären: Prüderie, Langeweile, Belehrung. Wer dann „Adams Äpfel“ sieht, der nun endlich und fast ein Jahr nach dem Kinostart als DVD vorliegt, wird mehr als einen Schock zu verkraften haben. Der Film ist extrem gewalttätig, zynisch, völlig unkorrekt und beschäftigt sich intensiv mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und dem Gegensatz von Gut und Böse. Mit anderen Worten: Quentin Tarantino meets Ingmar Bergman. Upps!
Anders Thomas Jensen gilt als der herausragende dänische Drehbuchautor. Will man dies pointiert auf den Begriff bringen, so fällt einem nur ein Wort ein: Originalität ohne formale Exzentrik. Letzteres ist nicht ganz unwichtig, hat Jensen sich immerhin einmal als Autor am Dogma-Projekt „Mifune“ beteiligt. Das war aber keineswegs eine programmatische Entscheidung. Erinnern wir uns: Die Vermischung einer raffinierten Plotstruktur mit exzessiver Gewalt war bereits im Script für „In China essen sie Hunde“ (1999) erkennbar – kultig, trashig und sicher nichts für das ARD-Vorabendprogramm. Als Regisseur und Autor mit Tarantino-Touch outete sich der Däne dann in „Flickering Lights“ (2000) und dem kannibalistischen „Dänische Delikatessen“ (2003), der einen Keil ins Kritikerlager trieb, obwohl oder vielleicht weil der Film nur begrenzt imstande war, die Sehnsucht nach transzendenten Gewissheiten zu befriedigen.
Ganz anders ticken da „Adams Äpfel“, die im Garten des Provinzpfarrers Ivan (hervorragend Jensens Lieblingsschauspieler Mads Mikkelsen) hängen und im späteren Verlauf noch ihre allegorische Qualität erhalten. Ivan ist so etwas wie der Leiter eines sozialen Rehabilitationsprojektes für Ex-Knackis und mehr oder weniger liebenswerte Psychopathen wie den Kleptomanen und Vergewaltiger Gunnar oder den notorischen Killer und Tankstellenräuber Khalid. In diese Gruppe passt der Neo-Nazi Adam (Ulrich Thomsen) wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Schweigend und innerlich sehr kontrolliert hält er Einzug in die Gemeinschaft der Freaks. Ein Ziel brauche er, mahnt Ivan den weitgehend empathiefreien Rechtsradikalen mit dem Hitlerbildchen über dem Nachttisch. Adam verständigt sich eher sarkastisch mit dem Pfarrer darauf, einen Apfelkuchen zu backen, muss sich aber von nun an um den großen Apfelbaum im Kirchgarten kümmern. Schnell findet Adam heraus, dass Ivan, sein missionarischer Duktus und seine christliche Ethik angreifbar sind und zum Teil voller bizarrer Widersprüche stecken. Das Ergebnis: Adam schlägt Ivan krankenhausreif. Erst danach erfährt er vom ärztlichen Freund der skurrilen Gemeinde, dass der Pfarrer in seiner Kindheit sexuell missbraucht wurde, hochneurotisch ist und aufgrund eines Hirntumors dem Tode geweiht ist. Adam beschließt den labilen Ivan, der von seiner Frau verlassen wurde und ein schwerstbehindertes Kind pflegt, mit gnadenloser Wahrheitsliebe in den Tod oder zumindest den Wahnsinn zu treiben.
Von der gefräßigen Raupe zur Theodizee
Ein klassischer Diskurs zwischen Gut und Böse möchte man meinen. Aber die Fronten sind keineswegs klar, denn Ivans christliche Ethik ist auch das Produkt einer massiven Verdrängungsarbeit, die ihn blind für die Realität macht, und Adams von Ekel über das Gutmenschentum getriebener Aufklärungseifer (der von Peter Uehling in der „Berliner Zeitung“ zu Recht als „alt-testamentarischer Wille zum Wissen“ bezeichnet wurde) hat zumindest im begrenzten Umfang therapeutische Qualitäten. Damit besteht Jensen auch einen sehr schwierigen Drahtseilakt, denn der Neo-Nazi Adam, der im ersten Drittel des Films als einzige Figur erscheint, die trotz ihres Hasses pragmatisch und rational handelt, mutiert weder zum Sympathieträger noch zur meta-pyhsischen Verkörperung des absolut Bösen. Alles fein ausbalanciert.
Jensen gelingt es mit zwei bemerkenswerten Tricks, das Denkorgan des Zuschauers zur Arbeit zu zwingen. Zum einen erhält der Apfelbaum nach kurzer Zeit eine allegorische Bedeutung: zunächst fallen Raben über ihn her, dann bemächtigen sich Raupen der Früchte. Eine Plage biblischen Ausmaßes scheint die Protagonisten auf die Probe zu stellen, zumal Gunnar wieder sexuelle Übergriffe plant und der schwer bewaffnete Khalid erneut einige mörderische Absichten in die Tat umzusetzen versucht.
Also nichts als Ärger mit Adams Äpfeln, aber der „Baum der Erkenntnis“ mit seinen maroden Früchten ist auf mehrfache Weise codiert, denn die Vertreibung von Adam (sic!) und Eva aus dem Paradies hat im Gegensatz zur christlichen Mythologie nicht unbedingt etwas mit Äpfeln zu tun. Hier liegt ein Übersetzungsfehler oder ein Wortspiel vor, denn das gemeinsame lateinische Wort für "Apfel" und "schlecht" lautet nämlich „malus“. Und so lässt sich der Filmtitel auch mit „Adams Schlechtigkeit“ übersetzen, jener agnostischen Erkenntnissucht, die sich am Ende sogar der Bibel bedient, um den Widersacher zu Strecke zu bringen, den Zuschauer aber ebenfalls mitten hinein in den Diskurs treibt.
Und das ist Jensens anderer Trick: Adam konfrontiert Ivan nach einer eher zufälligen Lektüre des „Buches Hiob“ mit der Erkenntnis, dass nicht der Teufel für Raben, Raupen und das Lebensdesaster des Pfarrers verantwortlich ist, sondern Gott. Mit intelligentem und kalkuliertem Zynismus verweist Adam auf das essentielle Problem der christlichen Ethik: die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Es geht um das alte Problem ganzer Theologen- und Philosophengenerationen, wie denn ein allwissender und allmächtiger Gott mit der Existenz des Bösen zu vereinbaren ist. Adam stellt also die klassische Theodizee-Frage und bedient sich dabei des brutalen Beispiels Hiobs, der von Gott mit grausamen Plagen überzogen wurde. Diese unbequeme Frage wird auch dem weniger bibelfesten Zuschauer um die Ohren gehauen, Ivan erträgt sie indes nicht: er kollabiert.
Ein intelligentes Vexierspiel
Ganz schön starker Tobak für einen Filmemacher, der mit „Adams Äpfel“ einfach nur „gutes Entertainment“ machen wollte und beim Schreiben „nicht nachdenkt“. Jensens relativ flache Interviews erinnern mich streckenweise an andere große Filmemacher, denen nur wenig über ihre eigentlichen Motive zu entlocken war. Allein das ist schon witzig, aber noch witziger ist die erzählerische Eloquenz, mit der Jensen seine Geschichte vorantreibt. Sein Film und die Volten des Plots, die beharrlich zwischen Komödie und Tragödie changieren, sind auf eine im Kino rar gewordene Weise so gut wie nie antizipierbar und umgehen damit intelligent jedes Klischee, das die Story dem Zuschauer scheinbar anbietet.
So gehört die Szene, in der Ivan (von Adam begleitet) einen alten und reuigen Nazi-Kollaborateur, der im KZ Tod und Elend verbreitet hat, an dessen Sterbebett förmlich in den Tod quatscht, zu den Höhepunkten des Films. Die Art und Weise, wie Ivan dem ungläubigen Neo-Nazi die historische Gewissheit über den Genozid in den KZs subversiv aufzwingt, ist fast genauso unmenschlich wie die Dauerprügel, mit der Adam schrittweise Ivans Gesicht in eine zertrümmerte Maske verwandelt. Klare Fronten lösen sich so auf und dem Zuschauer wird einiges abverlangt. Auch die finale Katharsis Adams, die sich ja von Anfang an förmlich als Plot-Ziel anbietet, findet auf eine Weise statt, die einen eher unruhig als fröhlich macht. So recht will man dem Braten nicht trauen.
Das alles funktioniert auch deswegen so gut, weil Jensen sehr souverän und mit feiner Ironie jene Stimmung evoziert, die auch Ingmar Bergmans Figuren und ihre Suche nach Gott und dem Sinn des Lebens beherrscht, das Ganze aber mit einem Schuss Tarantino abschmeckt. Die Frage nach dem Zweck des Leidens in unserer Welt wird mit Szenen cooler Gewalt kombiniert, die jeden Ansatz zur Ernsthaftigkeit sofort wieder auf die Probe stellen. Das wird nicht jedem schmecken, aber dieses brillante Cross-Over-Produkt provoziert eine staunende Nachdenklichkeit, die ernsthafte Regisseure mit gradliniger Message heutzutage offenbar nicht mehr auf den Weg bringen können.
Übrigens: Jensen hat gerade eine Komödie über die „Dogma“-Bewegung und Lars von Trier abgedreht. Wir freuen uns darauf.
Der Filmclub war unisono begeistert. Es hagelte Bestnoten: Klawer: 2,5, Melonie = 2, Mr. Mendez = 2, BigDoc = 1,5.
Tarantino meets Bergman
Man kann davon ausgehen, dass ein Film, der den Kulturpreis dänischer Pastoren gewinnt, beim unvorbereiteten Publikum eine Reihe finsterer Klischees abruft. Als da wären: Prüderie, Langeweile, Belehrung. Wer dann „Adams Äpfel“ sieht, der nun endlich und fast ein Jahr nach dem Kinostart als DVD vorliegt, wird mehr als einen Schock zu verkraften haben. Der Film ist extrem gewalttätig, zynisch, völlig unkorrekt und beschäftigt sich intensiv mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und dem Gegensatz von Gut und Böse. Mit anderen Worten: Quentin Tarantino meets Ingmar Bergman. Upps!
Anders Thomas Jensen gilt als der herausragende dänische Drehbuchautor. Will man dies pointiert auf den Begriff bringen, so fällt einem nur ein Wort ein: Originalität ohne formale Exzentrik. Letzteres ist nicht ganz unwichtig, hat Jensen sich immerhin einmal als Autor am Dogma-Projekt „Mifune“ beteiligt. Das war aber keineswegs eine programmatische Entscheidung. Erinnern wir uns: Die Vermischung einer raffinierten Plotstruktur mit exzessiver Gewalt war bereits im Script für „In China essen sie Hunde“ (1999) erkennbar – kultig, trashig und sicher nichts für das ARD-Vorabendprogramm. Als Regisseur und Autor mit Tarantino-Touch outete sich der Däne dann in „Flickering Lights“ (2000) und dem kannibalistischen „Dänische Delikatessen“ (2003), der einen Keil ins Kritikerlager trieb, obwohl oder vielleicht weil der Film nur begrenzt imstande war, die Sehnsucht nach transzendenten Gewissheiten zu befriedigen.
Ganz anders ticken da „Adams Äpfel“, die im Garten des Provinzpfarrers Ivan (hervorragend Jensens Lieblingsschauspieler Mads Mikkelsen) hängen und im späteren Verlauf noch ihre allegorische Qualität erhalten. Ivan ist so etwas wie der Leiter eines sozialen Rehabilitationsprojektes für Ex-Knackis und mehr oder weniger liebenswerte Psychopathen wie den Kleptomanen und Vergewaltiger Gunnar oder den notorischen Killer und Tankstellenräuber Khalid. In diese Gruppe passt der Neo-Nazi Adam (Ulrich Thomsen) wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Schweigend und innerlich sehr kontrolliert hält er Einzug in die Gemeinschaft der Freaks. Ein Ziel brauche er, mahnt Ivan den weitgehend empathiefreien Rechtsradikalen mit dem Hitlerbildchen über dem Nachttisch. Adam verständigt sich eher sarkastisch mit dem Pfarrer darauf, einen Apfelkuchen zu backen, muss sich aber von nun an um den großen Apfelbaum im Kirchgarten kümmern. Schnell findet Adam heraus, dass Ivan, sein missionarischer Duktus und seine christliche Ethik angreifbar sind und zum Teil voller bizarrer Widersprüche stecken. Das Ergebnis: Adam schlägt Ivan krankenhausreif. Erst danach erfährt er vom ärztlichen Freund der skurrilen Gemeinde, dass der Pfarrer in seiner Kindheit sexuell missbraucht wurde, hochneurotisch ist und aufgrund eines Hirntumors dem Tode geweiht ist. Adam beschließt den labilen Ivan, der von seiner Frau verlassen wurde und ein schwerstbehindertes Kind pflegt, mit gnadenloser Wahrheitsliebe in den Tod oder zumindest den Wahnsinn zu treiben.
Von der gefräßigen Raupe zur Theodizee
Ein klassischer Diskurs zwischen Gut und Böse möchte man meinen. Aber die Fronten sind keineswegs klar, denn Ivans christliche Ethik ist auch das Produkt einer massiven Verdrängungsarbeit, die ihn blind für die Realität macht, und Adams von Ekel über das Gutmenschentum getriebener Aufklärungseifer (der von Peter Uehling in der „Berliner Zeitung“ zu Recht als „alt-testamentarischer Wille zum Wissen“ bezeichnet wurde) hat zumindest im begrenzten Umfang therapeutische Qualitäten. Damit besteht Jensen auch einen sehr schwierigen Drahtseilakt, denn der Neo-Nazi Adam, der im ersten Drittel des Films als einzige Figur erscheint, die trotz ihres Hasses pragmatisch und rational handelt, mutiert weder zum Sympathieträger noch zur meta-pyhsischen Verkörperung des absolut Bösen. Alles fein ausbalanciert.
Jensen gelingt es mit zwei bemerkenswerten Tricks, das Denkorgan des Zuschauers zur Arbeit zu zwingen. Zum einen erhält der Apfelbaum nach kurzer Zeit eine allegorische Bedeutung: zunächst fallen Raben über ihn her, dann bemächtigen sich Raupen der Früchte. Eine Plage biblischen Ausmaßes scheint die Protagonisten auf die Probe zu stellen, zumal Gunnar wieder sexuelle Übergriffe plant und der schwer bewaffnete Khalid erneut einige mörderische Absichten in die Tat umzusetzen versucht.
Also nichts als Ärger mit Adams Äpfeln, aber der „Baum der Erkenntnis“ mit seinen maroden Früchten ist auf mehrfache Weise codiert, denn die Vertreibung von Adam (sic!) und Eva aus dem Paradies hat im Gegensatz zur christlichen Mythologie nicht unbedingt etwas mit Äpfeln zu tun. Hier liegt ein Übersetzungsfehler oder ein Wortspiel vor, denn das gemeinsame lateinische Wort für "Apfel" und "schlecht" lautet nämlich „malus“. Und so lässt sich der Filmtitel auch mit „Adams Schlechtigkeit“ übersetzen, jener agnostischen Erkenntnissucht, die sich am Ende sogar der Bibel bedient, um den Widersacher zu Strecke zu bringen, den Zuschauer aber ebenfalls mitten hinein in den Diskurs treibt.
Und das ist Jensens anderer Trick: Adam konfrontiert Ivan nach einer eher zufälligen Lektüre des „Buches Hiob“ mit der Erkenntnis, dass nicht der Teufel für Raben, Raupen und das Lebensdesaster des Pfarrers verantwortlich ist, sondern Gott. Mit intelligentem und kalkuliertem Zynismus verweist Adam auf das essentielle Problem der christlichen Ethik: die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Es geht um das alte Problem ganzer Theologen- und Philosophengenerationen, wie denn ein allwissender und allmächtiger Gott mit der Existenz des Bösen zu vereinbaren ist. Adam stellt also die klassische Theodizee-Frage und bedient sich dabei des brutalen Beispiels Hiobs, der von Gott mit grausamen Plagen überzogen wurde. Diese unbequeme Frage wird auch dem weniger bibelfesten Zuschauer um die Ohren gehauen, Ivan erträgt sie indes nicht: er kollabiert.
Ein intelligentes Vexierspiel
Ganz schön starker Tobak für einen Filmemacher, der mit „Adams Äpfel“ einfach nur „gutes Entertainment“ machen wollte und beim Schreiben „nicht nachdenkt“. Jensens relativ flache Interviews erinnern mich streckenweise an andere große Filmemacher, denen nur wenig über ihre eigentlichen Motive zu entlocken war. Allein das ist schon witzig, aber noch witziger ist die erzählerische Eloquenz, mit der Jensen seine Geschichte vorantreibt. Sein Film und die Volten des Plots, die beharrlich zwischen Komödie und Tragödie changieren, sind auf eine im Kino rar gewordene Weise so gut wie nie antizipierbar und umgehen damit intelligent jedes Klischee, das die Story dem Zuschauer scheinbar anbietet.
So gehört die Szene, in der Ivan (von Adam begleitet) einen alten und reuigen Nazi-Kollaborateur, der im KZ Tod und Elend verbreitet hat, an dessen Sterbebett förmlich in den Tod quatscht, zu den Höhepunkten des Films. Die Art und Weise, wie Ivan dem ungläubigen Neo-Nazi die historische Gewissheit über den Genozid in den KZs subversiv aufzwingt, ist fast genauso unmenschlich wie die Dauerprügel, mit der Adam schrittweise Ivans Gesicht in eine zertrümmerte Maske verwandelt. Klare Fronten lösen sich so auf und dem Zuschauer wird einiges abverlangt. Auch die finale Katharsis Adams, die sich ja von Anfang an förmlich als Plot-Ziel anbietet, findet auf eine Weise statt, die einen eher unruhig als fröhlich macht. So recht will man dem Braten nicht trauen.
Das alles funktioniert auch deswegen so gut, weil Jensen sehr souverän und mit feiner Ironie jene Stimmung evoziert, die auch Ingmar Bergmans Figuren und ihre Suche nach Gott und dem Sinn des Lebens beherrscht, das Ganze aber mit einem Schuss Tarantino abschmeckt. Die Frage nach dem Zweck des Leidens in unserer Welt wird mit Szenen cooler Gewalt kombiniert, die jeden Ansatz zur Ernsthaftigkeit sofort wieder auf die Probe stellen. Das wird nicht jedem schmecken, aber dieses brillante Cross-Over-Produkt provoziert eine staunende Nachdenklichkeit, die ernsthafte Regisseure mit gradliniger Message heutzutage offenbar nicht mehr auf den Weg bringen können.
Übrigens: Jensen hat gerade eine Komödie über die „Dogma“-Bewegung und Lars von Trier abgedreht. Wir freuen uns darauf.
Der Filmclub war unisono begeistert. Es hagelte Bestnoten: Klawer: 2,5, Melonie = 2, Mr. Mendez = 2, BigDoc = 1,5.
Sonntag, 17. Juni 2007
Ocean's 13
USA 2007 - Originaltitel: Ocean's Thirteen - Regie: Steven Soderbergh - Darsteller: George Clooney, Brad Pitt, Matt Damon, Andy Garcia, Don Cheadle, Ellen Barkin, Al Pacino - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 122 min. - Start: 7.6.2007
Lässig und unterfordert: warum Steven Soderbergh sein Sequel vor die Wand fuhr
Danny Ocean und sein Team sind Kinogeschöpfe par excellence: mit der Realität haben sie nichts zu tun und den moralischen Zeigefinger muss man auch im zweiten Sequel der „Heist“-Serie angesichts des völlig sinnfreien Plots nicht fürchten. Und das tut ja im Kino mitunter ganz gut. Vorausgesetzt, es ist gut gemacht.
In die Story wird man robust hineingeworfen: Der bösartige Casino-Besitzer Willy Bank (Al Pacino) hat Danny Oceans Freund Reuben Tishkoff (Elliott Gould) übers Ohr gehauen und diesen schwer depressiv ins Krankenhaus befördert. Aber sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht: „Ocean´s Thirteen“ wollen sich nun intelligent rächen – ausgerechnet an dem Abend, an dem Bank sein neues Casino eröffnen will.
Dass dies trotz obskurer Hindernisse gelingen wird, ist so gewiss wie die Lässigkeit, mit der Clooney und seine Partner ihre Rollen herunterspulen. Unangestrengt eben und genau dies ist auch das Dilemma der ganzen Films: man kann nur selten erkennen, dass sich jemand angestrengt hat. Weder beim Script noch bei der Inszenierung noch bei den darstellerischen Darbietungen. Wenn die Hälfte des Films vergangen ist, hat man einigermaßen verlässlich mitbekommen, wie Oceans Team den Coup umsetzen will. Man ist dabei cool und agiert nicht am oberen Limit, was für ein Heist-Movie in der Regel der entscheidende Kick ist.
In "Ocean´s Thirteen" verblüfft nichts und man erwartet auch keine Panne - und das ist so spannend wie ein Magier, der vor der Show dem Publikum seine Tricks erklärt.
Dass man als Zuschauer folglich dem Höhepunkt des Films völlig teilnahmslos beiwohnt, erscheint fast wie die gewollte Konsequenz eines Films, der die garantiert spannungsfreie Linearität seiner Erzählstruktur offenbar bewusst und gewollt über 120 Minuten durchhält.
Hierzulande waren die meisten Kritiker fast durchgehend auf die „Coolness“ des Films fixiert und haben die konsequente Umsetzung einer „streng formalen Ästhetik“ gelobt. Tatsächlich sieht man nur schöne Jungs in gut sitzenden Anzügen, die scheinbar völlig unterfordert einen Mega-Coup planen und durchführen. Wie schrieb der Kritiker der „Stuttgarter Zeitung“ schließlich doch: „Es geht um nichts, aber es sieht alles gut aus.“
Apropos: in der gut besetzten Vorstellung, die ich besuchte, hat kaum ein Zuschauer gelacht. Nach zwei Stunden verließen alle schweigend das Kino.
Noten: BigDoc = 4, Klawer = 4
Lässig und unterfordert: warum Steven Soderbergh sein Sequel vor die Wand fuhr
Danny Ocean und sein Team sind Kinogeschöpfe par excellence: mit der Realität haben sie nichts zu tun und den moralischen Zeigefinger muss man auch im zweiten Sequel der „Heist“-Serie angesichts des völlig sinnfreien Plots nicht fürchten. Und das tut ja im Kino mitunter ganz gut. Vorausgesetzt, es ist gut gemacht.
In die Story wird man robust hineingeworfen: Der bösartige Casino-Besitzer Willy Bank (Al Pacino) hat Danny Oceans Freund Reuben Tishkoff (Elliott Gould) übers Ohr gehauen und diesen schwer depressiv ins Krankenhaus befördert. Aber sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht: „Ocean´s Thirteen“ wollen sich nun intelligent rächen – ausgerechnet an dem Abend, an dem Bank sein neues Casino eröffnen will.
Dass dies trotz obskurer Hindernisse gelingen wird, ist so gewiss wie die Lässigkeit, mit der Clooney und seine Partner ihre Rollen herunterspulen. Unangestrengt eben und genau dies ist auch das Dilemma der ganzen Films: man kann nur selten erkennen, dass sich jemand angestrengt hat. Weder beim Script noch bei der Inszenierung noch bei den darstellerischen Darbietungen. Wenn die Hälfte des Films vergangen ist, hat man einigermaßen verlässlich mitbekommen, wie Oceans Team den Coup umsetzen will. Man ist dabei cool und agiert nicht am oberen Limit, was für ein Heist-Movie in der Regel der entscheidende Kick ist.
In "Ocean´s Thirteen" verblüfft nichts und man erwartet auch keine Panne - und das ist so spannend wie ein Magier, der vor der Show dem Publikum seine Tricks erklärt.
Dass man als Zuschauer folglich dem Höhepunkt des Films völlig teilnahmslos beiwohnt, erscheint fast wie die gewollte Konsequenz eines Films, der die garantiert spannungsfreie Linearität seiner Erzählstruktur offenbar bewusst und gewollt über 120 Minuten durchhält.
Hierzulande waren die meisten Kritiker fast durchgehend auf die „Coolness“ des Films fixiert und haben die konsequente Umsetzung einer „streng formalen Ästhetik“ gelobt. Tatsächlich sieht man nur schöne Jungs in gut sitzenden Anzügen, die scheinbar völlig unterfordert einen Mega-Coup planen und durchführen. Wie schrieb der Kritiker der „Stuttgarter Zeitung“ schließlich doch: „Es geht um nichts, aber es sieht alles gut aus.“
Apropos: in der gut besetzten Vorstellung, die ich besuchte, hat kaum ein Zuschauer gelacht. Nach zwei Stunden verließen alle schweigend das Kino.
Noten: BigDoc = 4, Klawer = 4
Sonntag, 10. Juni 2007
Paul Verhoevens Frühwerk: Die ROB HOUWER FILM COLLECTION
Fast zeitgleich zum Start von Paul Verhoevens „Black Book“ brachte EUROVIDEO die „Rob Houwer Film Collection“ auf den Markt, die vier Frühwerke des Regisseurs enthält: "Türkische Früchte" (1973), "Das Mädchen Keetje Tippel" (1975), "Der Soldat von Oranien" (1977) und "Der vierte Mann" (1983).
Mitte der 80er Jahre verließ der 1938 in Holland geborene Regisseur und promovierte Physiker seine Heimat und wurde mit Filmen wie „Robocop“, „Total Recall“, „Basic Instinct“, „Showgirls“ (der allerdings ziemlich floppte), „Starship Troopers“ und „Hollow Man“ zu einem erfolgreichen Baustein der Kinoindustrie und gleichzeitig einer der intelligentesten Provokateure dieser Branche. Verhoeven brachte es zu einigen OSCAR- und GOLDEN GLOBE-Nominierungen, gleichwohl sind einige seiner Filme noch heute in Deutschland indiziert.
Gewalt & Sex bilden die lackierte Vorderseite von Verhoevens Filmen, erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man zentrale Topoi wie jenen der „intelligenten und sexuell aggressiven Frau“ und erst der finale Blick muss sich darauf gefasst machen, dass Verhoeven ein Meister im Aufdecken und Provozieren von Widersprüchen ist, der seine Vexierspiele so komplex konstruiert, dass sowohl Kritiker als auch Kinogänger oft an der lackierten Vorderseite hängen bleiben.
Umso befriedigender ist es, nun einen Blick auf das Frühwerk Verhoevens werfen zu können. Die in den 70er und frühen 80er Jahre entstandenen Filme sind alle für sich genommen kleine Meisterwerke und enthalten bereits den ganzen Verhoeven und seine Themenwelt. Gleichzeitig dokumentieren sie auch Verhoevens Zusammenarbeit mit Rutger Hauer.
Der oskar-nominierte Film „Türkische Früchte“ dürfte hierzulande vielleicht noch am bekanntesten sein. Sehr sehenswert ist allerdings auch der weitgehend unbekannte Erotik-Historienfilm "Das Mädchen Keetje Tippel“, das sich als realistisches Drama in bester Charles Dickens-Manier entpuppt, wenn man zuvor einige Brutalitäten ertragen hat. Etwas manieriert wirkt „Der vierte Mann“, ein Thrilller, natürlich ebenso extrem in seiner erotischen Expliziertheit (gelegentlich wundert man sich schon, wie Verhoeven seine Filme an der Zensur vorbei geschmuggelt hat).
Aber Bestnoten verdient sich die Edition durch die ungekürzte Fassung des berühmten „Soldat von Oranien“ (eingefügte Szenen untertitelt mit holländischer Originalsprache), die wesentlich prägnanter die Charaktere und Ambivalenzen der holländischen Widerstandskämpfer herausarbeitet als die gekürzte Fassung und einen spannenden Vergleich mit "Black Book" anbietet.
So wertvoll die Edition von Eurovideo in cineastischer Hinsicht auch sein mag, so traurig stimmen einige Mängel und Defizite. Das Bildmaterial wurde trotz einiger Schwächen gut abgetastet und dass der Ton in Dolby 1.0 ist, sollte auch keinen Filmfan abhalten. Ärgerlich ist das Fehlen einer holländischen Sprachspur, besonders wenn man weiß, welche gewollten Manipulationen an Verhoevens Filmen in den Synchron-Studios vorgenommen wurden (die deutsche Fassung von „Starship Troopers“ wurde zum Beispiel „politisch korrekt“ übersetzt – mit erheblichen Folgen für die Adaption der Heinlein-Vorlage). Das Fehlen von Making-Ofs ist zu verschmerzen - wenn Interviews mit Verhoeven produziert worden wären! Aber diese fehlen gänzlich, sodass sich das Bonusmaterial in Audio-Kommentaren und Trailern erschöpft.
Fazit: trotz der beschriebenen Mängel ist die DVD-Box ein absolutes Muss für Cineasten.
Mitte der 80er Jahre verließ der 1938 in Holland geborene Regisseur und promovierte Physiker seine Heimat und wurde mit Filmen wie „Robocop“, „Total Recall“, „Basic Instinct“, „Showgirls“ (der allerdings ziemlich floppte), „Starship Troopers“ und „Hollow Man“ zu einem erfolgreichen Baustein der Kinoindustrie und gleichzeitig einer der intelligentesten Provokateure dieser Branche. Verhoeven brachte es zu einigen OSCAR- und GOLDEN GLOBE-Nominierungen, gleichwohl sind einige seiner Filme noch heute in Deutschland indiziert.
Gewalt & Sex bilden die lackierte Vorderseite von Verhoevens Filmen, erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man zentrale Topoi wie jenen der „intelligenten und sexuell aggressiven Frau“ und erst der finale Blick muss sich darauf gefasst machen, dass Verhoeven ein Meister im Aufdecken und Provozieren von Widersprüchen ist, der seine Vexierspiele so komplex konstruiert, dass sowohl Kritiker als auch Kinogänger oft an der lackierten Vorderseite hängen bleiben.
Umso befriedigender ist es, nun einen Blick auf das Frühwerk Verhoevens werfen zu können. Die in den 70er und frühen 80er Jahre entstandenen Filme sind alle für sich genommen kleine Meisterwerke und enthalten bereits den ganzen Verhoeven und seine Themenwelt. Gleichzeitig dokumentieren sie auch Verhoevens Zusammenarbeit mit Rutger Hauer.
Der oskar-nominierte Film „Türkische Früchte“ dürfte hierzulande vielleicht noch am bekanntesten sein. Sehr sehenswert ist allerdings auch der weitgehend unbekannte Erotik-Historienfilm "Das Mädchen Keetje Tippel“, das sich als realistisches Drama in bester Charles Dickens-Manier entpuppt, wenn man zuvor einige Brutalitäten ertragen hat. Etwas manieriert wirkt „Der vierte Mann“, ein Thrilller, natürlich ebenso extrem in seiner erotischen Expliziertheit (gelegentlich wundert man sich schon, wie Verhoeven seine Filme an der Zensur vorbei geschmuggelt hat).
Aber Bestnoten verdient sich die Edition durch die ungekürzte Fassung des berühmten „Soldat von Oranien“ (eingefügte Szenen untertitelt mit holländischer Originalsprache), die wesentlich prägnanter die Charaktere und Ambivalenzen der holländischen Widerstandskämpfer herausarbeitet als die gekürzte Fassung und einen spannenden Vergleich mit "Black Book" anbietet.
So wertvoll die Edition von Eurovideo in cineastischer Hinsicht auch sein mag, so traurig stimmen einige Mängel und Defizite. Das Bildmaterial wurde trotz einiger Schwächen gut abgetastet und dass der Ton in Dolby 1.0 ist, sollte auch keinen Filmfan abhalten. Ärgerlich ist das Fehlen einer holländischen Sprachspur, besonders wenn man weiß, welche gewollten Manipulationen an Verhoevens Filmen in den Synchron-Studios vorgenommen wurden (die deutsche Fassung von „Starship Troopers“ wurde zum Beispiel „politisch korrekt“ übersetzt – mit erheblichen Folgen für die Adaption der Heinlein-Vorlage). Das Fehlen von Making-Ofs ist zu verschmerzen - wenn Interviews mit Verhoeven produziert worden wären! Aber diese fehlen gänzlich, sodass sich das Bonusmaterial in Audio-Kommentaren und Trailern erschöpft.
Fazit: trotz der beschriebenen Mängel ist die DVD-Box ein absolutes Muss für Cineasten.
Spider-Man 3
USA 2007. R: Sam Raimi. B: Stan Lee, Steve Ditko (nach dem Marvel Comic). P: Laura Ziskin, Avi Arad, Grant Curtis. K: Bill Pope. Sch: Bob Murawski. M: Christopher Young. T: Oscar Mitt. A: J. Michael Riva, Neil Spisak, David Swayze. Ko: Katina Le Kerr, James Acheson. Animation: Scott Fritts, Keith Paciello. Sp: J.C. Brotherhood, Daniel P. Rosen, Matt McDonald. Pg: Columbia/Marvel Enterprises. V: Sony. Länge: 139 Min. FSK: ab 12. D: Tobey Maguire (Peter Parker/Spider-Man), Kirsten Dunst (Mary Jane Watson), James Franco (Harry Osborn), Thomas Haden Church (Flint Marko), Topher Grace (Eddie Brock), Rosemary Harris (May Parker).
Es gibt weit über 200 Comicverfilmungen in der Geschichte des Kinos, dabei sind jene, die sich um Superhelden wie Batman oder Superman drehen, in der Minderzahl. Wer weiß schon, dass Sam Mendes´ „Road of Perdition“ auf einem Comic basiert? Gegenwärtig ist es Spider-Man, der sich in einem äußerst erfolgreichen Sequel um die Häuserblöcke schwingt – und der damit droht, erwachsen zu werden. Ein Problem?
Als Kind habe ich gerne die Comics des Walter Lehning-Verlags gelesen: Piccolo-Hefte wie „Akim, der Sohn des Dschungels“ kosteten nur 20 Pfennig und waren preiswertes „Kopfkino“. Als Kind erfuhr ich nichts über die Probleme des Verlags mit der Bundesprüfstelle, natürlich erschienen mir die Geschichten auch nicht als zu gewalttätig. Nur einmal musste ich stutzen, nämlich als Akim einen Bösewicht stellte und ihm den Satz „Nun weiß ich, wes Geistes Kind du bist!“ entgegenschleuderte. Das war Erwachsenensprache, die ich nicht verstand: welcher Geist hatte ein Kind und warum war dies ausgerechnet der verhasste Bösewicht?
Der Einbruch des Erwachsenenjargons in die kindgerechte Welt des Comics war eine Grenzüberschreitung und eine Herausforderung, die ich auch nach Jahrzehnten nicht vergaß. Erst später, als ich mit „richtiger“ Literatur in Berührung kam, erarbeitete ich mir diesen Jargon und der Reiz der Comics war dahin. Ein wenig Freude an meinen infantilen Erinnerungen konnten allerdings die Spider-Man-Filme auslösen und – um es vorwegzunehmen – auch Sam Raimis drittem Teil ist dies gelungen!
In Spider-Man 3 hat es Peter Parker geschafft: er liebt seine Mary Jane und liegt mit ihr im kuscheligen Spinnennetz - und er ist erfolgreich als Superheld. Sam Raimi erzählt also eine Geschichte, die sonst nie im Kino zu sehen ist: Wie geht es eigentlich nach dem Happy-End weiter? Das trägt natürlich keinen Film über volle zwei Stunden und so tauchen Konflikte und mächtige Gegenspieler auf, die Spider-Mans Welt gefährden und zuletzt auch ihn selbst. Da ist sein alter Widersacher Harry Osborn, der den Tod seines Vaters rächen will, da ist der „Sandman“, ein entflohener Verbrecher, der durch ein geheimnisvolles Experiment genetisch so verändert wird, das er willkürlich unterschiedliche Formen annehmen kann, aber letztlich ist dies alles auf Sand gebaut. Ganz übel wird es allerdings, als Peter von einer schwarzen extra-terrestrischen Masse angefallen wird, die tief in seine Psyche eindringt und aus dem biederen Jungen und oft leicht tumben Moralisten einen lasziven, leicht zynischen und sexuell ambivalenten Mann macht (was Toby Maguire sichtlich Spaß gemacht hat).
Das war witzig, leicht ironisch und mit tollen Effekten garniert. Ein pures Kinovergnügen, absolut nicht un-intelligent, nur etwas angestrengt zum Ende hin, als es wieder etwas moralischer wurde.
Spider-Man 3 hat dagegen in den Köpfen anderer Kritiker Probleme ausgelöst. Während der brillant inszenierte erste Teil in psychologischer Hinsicht noch mit einer straighten Pfadfinder-Mentalität auskam, taucht im dritten Teil die (hetero) -sexuelle Konnotation von „straight“ auf, dazu aber auch Themen wie Rache, Aggression und Narzissmus, die man im weitesten Sinne auch als Ingredienzien männlicher Sexualität interpretieren kann. Was durchaus gekonnt und sehr spielerisch von Raimi inszeniert wurde.
Paradoxerweise schlugen sich einige Kritiker auf die Seite der „erwachsenen“ Perspektive, so als wäre die Comicverfilmung mit der Adaption dieser Themen schlichtweg überfordert. Schöner Witz: während der erste Teil noch voller Anerkennung „kindgerecht“ rezipiert wurde, löste ausgerechnet ein Sequel, das exakt dieses Rezeptionsproblem auch zum Problem seiner Figuren machte, bei der schreibenden Zunft eher Unwillen aus. Die ZEIT formulierte dies witzig: „Das Einzige, was den Superhelden umbringen könnte, wäre eine Überdosis Psychologie… Darin liegt die Gefahr einer Überintellektualisierung.“
Persönlich fand ich diese Sorge eher erstaunlich, denn wohl kaum einer der besorgten Kritiker hat sich wohl jemals über unsägliche Comicverfilmungen wie „Spawn“ geärgert, die zu Recht in den Tiefen des B-Picture-Universums verschwunden sind – erst wenn der Held erwachsen wird und das Kino die Schlichheit des Comics anders konnotiert, hört der Spaß offenbar auf. So schreibt der FILM-Dienst staubtrocken: „...erreicht das explosive Vexierspiel mit der Comicwelt nicht das Niveau des Vorgängers. Die Komplexität der Handlungsstränge mutet teilweise beliebig an. Humorvolle, tragische, komödiantische und action-betonte Sequenzen erscheinen als eigenständige Vignetten, deren Bezüge im großen Spider-Man-Universum eher lose sind. Diese Logik der Fortsetzungsstories im Medium Comic erweist sich im abendfüllenden Spielfilm als unbefriedigend.“
Ins komplette Gegenteil verkehrt, würde dieses Kritikerwort in etwa dem entsprechen, was ich im Kino erlebt habe. Womit endgültig feststeht, wes Geistes Kind ich bin.
Im Filmclub erhielt Spider-Man (fast) Bestnoten. Melonie: 2, Klawer: 2, BigDoc: 1
Es gibt weit über 200 Comicverfilmungen in der Geschichte des Kinos, dabei sind jene, die sich um Superhelden wie Batman oder Superman drehen, in der Minderzahl. Wer weiß schon, dass Sam Mendes´ „Road of Perdition“ auf einem Comic basiert? Gegenwärtig ist es Spider-Man, der sich in einem äußerst erfolgreichen Sequel um die Häuserblöcke schwingt – und der damit droht, erwachsen zu werden. Ein Problem?
Als Kind habe ich gerne die Comics des Walter Lehning-Verlags gelesen: Piccolo-Hefte wie „Akim, der Sohn des Dschungels“ kosteten nur 20 Pfennig und waren preiswertes „Kopfkino“. Als Kind erfuhr ich nichts über die Probleme des Verlags mit der Bundesprüfstelle, natürlich erschienen mir die Geschichten auch nicht als zu gewalttätig. Nur einmal musste ich stutzen, nämlich als Akim einen Bösewicht stellte und ihm den Satz „Nun weiß ich, wes Geistes Kind du bist!“ entgegenschleuderte. Das war Erwachsenensprache, die ich nicht verstand: welcher Geist hatte ein Kind und warum war dies ausgerechnet der verhasste Bösewicht?
Der Einbruch des Erwachsenenjargons in die kindgerechte Welt des Comics war eine Grenzüberschreitung und eine Herausforderung, die ich auch nach Jahrzehnten nicht vergaß. Erst später, als ich mit „richtiger“ Literatur in Berührung kam, erarbeitete ich mir diesen Jargon und der Reiz der Comics war dahin. Ein wenig Freude an meinen infantilen Erinnerungen konnten allerdings die Spider-Man-Filme auslösen und – um es vorwegzunehmen – auch Sam Raimis drittem Teil ist dies gelungen!
In Spider-Man 3 hat es Peter Parker geschafft: er liebt seine Mary Jane und liegt mit ihr im kuscheligen Spinnennetz - und er ist erfolgreich als Superheld. Sam Raimi erzählt also eine Geschichte, die sonst nie im Kino zu sehen ist: Wie geht es eigentlich nach dem Happy-End weiter? Das trägt natürlich keinen Film über volle zwei Stunden und so tauchen Konflikte und mächtige Gegenspieler auf, die Spider-Mans Welt gefährden und zuletzt auch ihn selbst. Da ist sein alter Widersacher Harry Osborn, der den Tod seines Vaters rächen will, da ist der „Sandman“, ein entflohener Verbrecher, der durch ein geheimnisvolles Experiment genetisch so verändert wird, das er willkürlich unterschiedliche Formen annehmen kann, aber letztlich ist dies alles auf Sand gebaut. Ganz übel wird es allerdings, als Peter von einer schwarzen extra-terrestrischen Masse angefallen wird, die tief in seine Psyche eindringt und aus dem biederen Jungen und oft leicht tumben Moralisten einen lasziven, leicht zynischen und sexuell ambivalenten Mann macht (was Toby Maguire sichtlich Spaß gemacht hat).
Das war witzig, leicht ironisch und mit tollen Effekten garniert. Ein pures Kinovergnügen, absolut nicht un-intelligent, nur etwas angestrengt zum Ende hin, als es wieder etwas moralischer wurde.
Spider-Man 3 hat dagegen in den Köpfen anderer Kritiker Probleme ausgelöst. Während der brillant inszenierte erste Teil in psychologischer Hinsicht noch mit einer straighten Pfadfinder-Mentalität auskam, taucht im dritten Teil die (hetero) -sexuelle Konnotation von „straight“ auf, dazu aber auch Themen wie Rache, Aggression und Narzissmus, die man im weitesten Sinne auch als Ingredienzien männlicher Sexualität interpretieren kann. Was durchaus gekonnt und sehr spielerisch von Raimi inszeniert wurde.
Paradoxerweise schlugen sich einige Kritiker auf die Seite der „erwachsenen“ Perspektive, so als wäre die Comicverfilmung mit der Adaption dieser Themen schlichtweg überfordert. Schöner Witz: während der erste Teil noch voller Anerkennung „kindgerecht“ rezipiert wurde, löste ausgerechnet ein Sequel, das exakt dieses Rezeptionsproblem auch zum Problem seiner Figuren machte, bei der schreibenden Zunft eher Unwillen aus. Die ZEIT formulierte dies witzig: „Das Einzige, was den Superhelden umbringen könnte, wäre eine Überdosis Psychologie… Darin liegt die Gefahr einer Überintellektualisierung.“
Persönlich fand ich diese Sorge eher erstaunlich, denn wohl kaum einer der besorgten Kritiker hat sich wohl jemals über unsägliche Comicverfilmungen wie „Spawn“ geärgert, die zu Recht in den Tiefen des B-Picture-Universums verschwunden sind – erst wenn der Held erwachsen wird und das Kino die Schlichheit des Comics anders konnotiert, hört der Spaß offenbar auf. So schreibt der FILM-Dienst staubtrocken: „...erreicht das explosive Vexierspiel mit der Comicwelt nicht das Niveau des Vorgängers. Die Komplexität der Handlungsstränge mutet teilweise beliebig an. Humorvolle, tragische, komödiantische und action-betonte Sequenzen erscheinen als eigenständige Vignetten, deren Bezüge im großen Spider-Man-Universum eher lose sind. Diese Logik der Fortsetzungsstories im Medium Comic erweist sich im abendfüllenden Spielfilm als unbefriedigend.“
Ins komplette Gegenteil verkehrt, würde dieses Kritikerwort in etwa dem entsprechen, was ich im Kino erlebt habe. Womit endgültig feststeht, wes Geistes Kind ich bin.
Im Filmclub erhielt Spider-Man (fast) Bestnoten. Melonie: 2, Klawer: 2, BigDoc: 1
Deutsche Komödien
Auf DVD liegen einige deutsche Komödien vor, die wieder einmal Glanz und Elend dieses Genres vorführen.
Emmas Glück
Deutschland 2006 - Regie: Sven Taddicken - Drehbuch: Ruth Toma, Claudia Schreiber - Darsteller: Jördis Triebel, Jürgen Vogel, Hinnerk Schönemann, Martin Feifel, Karin Neuhäuser, Nina Petri, Arved Birnbaum, Benjamin Blömer, Sebastian Rüger, Christian Kitscha - FSK: ab 12 - Länge: 99 min.
Emma (Jördis Triebel) lebt als Schweinezüchterin auf dem hoffnungslos verschuldeten Hof ihrer Familie. Sie liebt nicht nur ihre Schweine und schlachtet sie einfühlsam und zärtlich, sondern sie hat auch eine intensive Beziehung zu ihrem Moped, das sehr unrund läuft und ihr dadurch bei der Beseitigung sexueller Defizite hilft.
Max (Jürgen Vogel), der Autoverkäufer, erfährt beim Arzt, dass er Krebs hat und nicht mehr lange leben wird. Er klaut das Geld seines Chefs und will seine letzten Tage möglichst weit weg verbringen. Doch die mit einem gestohlenen Jaguar misslingt und der Todgeweihte landet auf Emmas Hof, wo eine tödlich-skurrile Romanze beginnt, die nicht nur mit dem Thema „Sterbehilfe“ zu tun hat, sondern auch mit der Suche nach dem ach so fragilen Glück.
Die Verfilmung des Erfolgsromans von Claudia Schreiber durch Sven Taddicken hat im Filmclub zu großen Kontroversen geführt. Fast alle fanden den Film anrührend und originell – eine romantische Komödie mit Gummistiefel-Flair und hervorragenden Darstellern. Nur der Rezensent war bitterböse, denn er hat es nicht so gerne, wenn die erste Szene eines Films gleich den finalen Twist des Plots verrät. Der Begriff „Twist“ hat in Literatur und Kino nun einmal die Bedeutung „unvorhergesehen“ erhalten und eine Komödie darf als formal gescheitert betrachtet werden, wenn man gleich nach den ersten fünf Minuten ahnt, dass Jürgen Vogel am Ende das Schlachtmesser an den Hals gesetzt bekommt.
Gleichwohl ist trotz dieser einschneidenden Schwäche Taddickens Film über weite Strecken originell und pointiert erzählt, auch wenn das Drehbuchteam Ruth Toma und Claudia Schreiber glaubte, den Film mit einigen Komödientopoi anzureichern, die nicht einmal mehr in ein B-Picture passen: so fand ich den bieder-doofen Dorfpolizisten genauso peinlich wie dessen schrille Mutter, aber wenn man seinem Stoff nicht traut, rutschen einem schon einmal Lachangebote für Einfaltspinsel ins Script. Das ist ja ein Problem der deutschen Komödie: sie möchte intelligent und skurril sein und landet am Ende doch nur bei der Karikatur.
Melonie: 2, Mr. Mendez: 2, Klawer: 2, BigDoc: 4
Die Könige der Nutzholzgewinnung
Deutschland 2006 - Originaltitel: Lumber Kings - Regie: Matthias Keilich - Darsteller: Bjarne Ingmar Mädel, Frank Auerbach, Steven Merting, Peter Sodann, Barbara Phillip, Christina Große, Monika Lennartz, Simon Schwarz - FSK: ab 6 - Länge: 94 min.
Dass es auch weitgehend ohne Karikaturen möglich ist, eine Komödie zu erzählen, zeigt Matthias Keilichs Film über „Lumber Kings“ im Ostharz. Das sind die muskelbepackten Jungs, die wie der Teufel massive Baumstämme in Windeseile durchsägen und auch sonst durch Geschick und Kraft auffallen. Unter vielen Königen ist der Hallodri Krischan der echte „König der Nutzholzgewinnung“, denn sein eigentliches Geschick besteht darin, die Marketingidee eines Wettbewerbs in seinem alten und von Arbeitslosigkeit und Strukturschwächen abgewirtschafteten Waldarbeiterdorf Tanne zu realisieren. Mit seinem auch beim weiblichen Geschlecht nicht ganz unwirksamen Charme heilt er nach jahrelanger Abwesenheit nicht nur alte Wunden, sondern überwindet auch die Skepsis der Dörfler und seiner alten Freunde Ronnie und Bert.
Die unaufdringliche deutsche Sozialkomödie besteht mit seinem derben Humor und dem fein gezeichneten Lokalkolorit durchaus einen Vergleich mit seinen (fast) unnachahmlichen britischen Vorbildern. Peter Sodann (als Kommissar bekannt aus der Tatort-Reihe) spielt als Supporting Actor mit Routine und gedimmtem Witz den Hauptdarsteller Bjarne Ingmar Mädel keineswegs an die Wand.
Melonie: 3, Mr. Mendez: 3, Klawer: 3, BigDoc: 3
Wahrheit oder Pflicht
Deutschland 2005 – Regie, Drehbuch: Jan Martin Scharf, Arne Nolting - Darsteller: Katharina Schüttler, Thomas Feist, Jochen Nickel, Therese Hämer, Thorben Liebrecht, Thorsten Merten, Wanda Perdelwitz, Ingeborg Westphal - FSK: ab 12 - Länge: 89 min.
Hausbacken wie der Titel ist dagegen die Teenie-Komödie der Jungs-Regisseure Scharf / Nolting: erzählt wird von der achtzehnjährige Annika, die die 12. Klasse nicht geschafft hat und ihr Abitur davonschwimmen sieht. Um ihren Eltern ein intaktes Schulleben vorzugaukeln, geht sie jeden Morgen aus dem Haus – allerdings nicht zur Schule. Annika verbringt ihre Tage in einem abgewrackten Reisebus und hängt ab.
Das Script verlangt der zuletzt an der Schaubühne Berlin überaus erfolgreichen Katharina Schüttler einige romantische side-steps und erste sexuelle Erfahrungen ab, bevor sie in Kai einen echten Freund findet und in sich eine Lösung findet, die aus dem Lügengebäude führt, das sie um sich herum aufgebaut hat.
Die Abschlussarbeit an der Filmhochschule Köln verbreitet trotz einer unaufdringlichen und wenig moralisierenden Erzählweise leider nur gepflegte Langeweile, weil der Plot sehr schlicht gestrickt ist und kein echtes dramaturgisches Potential besitzt. Man lacht nicht, man weint nicht, man denkt nicht nach – und den Rest hat man auch bald vergessen.
Melonie: 4, Mr. Mendez: 3,5, Klawer: 4, BigDoc: 4
Emmas Glück
Deutschland 2006 - Regie: Sven Taddicken - Drehbuch: Ruth Toma, Claudia Schreiber - Darsteller: Jördis Triebel, Jürgen Vogel, Hinnerk Schönemann, Martin Feifel, Karin Neuhäuser, Nina Petri, Arved Birnbaum, Benjamin Blömer, Sebastian Rüger, Christian Kitscha - FSK: ab 12 - Länge: 99 min.
Emma (Jördis Triebel) lebt als Schweinezüchterin auf dem hoffnungslos verschuldeten Hof ihrer Familie. Sie liebt nicht nur ihre Schweine und schlachtet sie einfühlsam und zärtlich, sondern sie hat auch eine intensive Beziehung zu ihrem Moped, das sehr unrund läuft und ihr dadurch bei der Beseitigung sexueller Defizite hilft.
Max (Jürgen Vogel), der Autoverkäufer, erfährt beim Arzt, dass er Krebs hat und nicht mehr lange leben wird. Er klaut das Geld seines Chefs und will seine letzten Tage möglichst weit weg verbringen. Doch die mit einem gestohlenen Jaguar misslingt und der Todgeweihte landet auf Emmas Hof, wo eine tödlich-skurrile Romanze beginnt, die nicht nur mit dem Thema „Sterbehilfe“ zu tun hat, sondern auch mit der Suche nach dem ach so fragilen Glück.
Die Verfilmung des Erfolgsromans von Claudia Schreiber durch Sven Taddicken hat im Filmclub zu großen Kontroversen geführt. Fast alle fanden den Film anrührend und originell – eine romantische Komödie mit Gummistiefel-Flair und hervorragenden Darstellern. Nur der Rezensent war bitterböse, denn er hat es nicht so gerne, wenn die erste Szene eines Films gleich den finalen Twist des Plots verrät. Der Begriff „Twist“ hat in Literatur und Kino nun einmal die Bedeutung „unvorhergesehen“ erhalten und eine Komödie darf als formal gescheitert betrachtet werden, wenn man gleich nach den ersten fünf Minuten ahnt, dass Jürgen Vogel am Ende das Schlachtmesser an den Hals gesetzt bekommt.
Gleichwohl ist trotz dieser einschneidenden Schwäche Taddickens Film über weite Strecken originell und pointiert erzählt, auch wenn das Drehbuchteam Ruth Toma und Claudia Schreiber glaubte, den Film mit einigen Komödientopoi anzureichern, die nicht einmal mehr in ein B-Picture passen: so fand ich den bieder-doofen Dorfpolizisten genauso peinlich wie dessen schrille Mutter, aber wenn man seinem Stoff nicht traut, rutschen einem schon einmal Lachangebote für Einfaltspinsel ins Script. Das ist ja ein Problem der deutschen Komödie: sie möchte intelligent und skurril sein und landet am Ende doch nur bei der Karikatur.
Melonie: 2, Mr. Mendez: 2, Klawer: 2, BigDoc: 4
Die Könige der Nutzholzgewinnung
Deutschland 2006 - Originaltitel: Lumber Kings - Regie: Matthias Keilich - Darsteller: Bjarne Ingmar Mädel, Frank Auerbach, Steven Merting, Peter Sodann, Barbara Phillip, Christina Große, Monika Lennartz, Simon Schwarz - FSK: ab 6 - Länge: 94 min.
Dass es auch weitgehend ohne Karikaturen möglich ist, eine Komödie zu erzählen, zeigt Matthias Keilichs Film über „Lumber Kings“ im Ostharz. Das sind die muskelbepackten Jungs, die wie der Teufel massive Baumstämme in Windeseile durchsägen und auch sonst durch Geschick und Kraft auffallen. Unter vielen Königen ist der Hallodri Krischan der echte „König der Nutzholzgewinnung“, denn sein eigentliches Geschick besteht darin, die Marketingidee eines Wettbewerbs in seinem alten und von Arbeitslosigkeit und Strukturschwächen abgewirtschafteten Waldarbeiterdorf Tanne zu realisieren. Mit seinem auch beim weiblichen Geschlecht nicht ganz unwirksamen Charme heilt er nach jahrelanger Abwesenheit nicht nur alte Wunden, sondern überwindet auch die Skepsis der Dörfler und seiner alten Freunde Ronnie und Bert.
Die unaufdringliche deutsche Sozialkomödie besteht mit seinem derben Humor und dem fein gezeichneten Lokalkolorit durchaus einen Vergleich mit seinen (fast) unnachahmlichen britischen Vorbildern. Peter Sodann (als Kommissar bekannt aus der Tatort-Reihe) spielt als Supporting Actor mit Routine und gedimmtem Witz den Hauptdarsteller Bjarne Ingmar Mädel keineswegs an die Wand.
Melonie: 3, Mr. Mendez: 3, Klawer: 3, BigDoc: 3
Wahrheit oder Pflicht
Deutschland 2005 – Regie, Drehbuch: Jan Martin Scharf, Arne Nolting - Darsteller: Katharina Schüttler, Thomas Feist, Jochen Nickel, Therese Hämer, Thorben Liebrecht, Thorsten Merten, Wanda Perdelwitz, Ingeborg Westphal - FSK: ab 12 - Länge: 89 min.
Hausbacken wie der Titel ist dagegen die Teenie-Komödie der Jungs-Regisseure Scharf / Nolting: erzählt wird von der achtzehnjährige Annika, die die 12. Klasse nicht geschafft hat und ihr Abitur davonschwimmen sieht. Um ihren Eltern ein intaktes Schulleben vorzugaukeln, geht sie jeden Morgen aus dem Haus – allerdings nicht zur Schule. Annika verbringt ihre Tage in einem abgewrackten Reisebus und hängt ab.
Das Script verlangt der zuletzt an der Schaubühne Berlin überaus erfolgreichen Katharina Schüttler einige romantische side-steps und erste sexuelle Erfahrungen ab, bevor sie in Kai einen echten Freund findet und in sich eine Lösung findet, die aus dem Lügengebäude führt, das sie um sich herum aufgebaut hat.
Die Abschlussarbeit an der Filmhochschule Köln verbreitet trotz einer unaufdringlichen und wenig moralisierenden Erzählweise leider nur gepflegte Langeweile, weil der Plot sehr schlicht gestrickt ist und kein echtes dramaturgisches Potential besitzt. Man lacht nicht, man weint nicht, man denkt nicht nach – und den Rest hat man auch bald vergessen.
Melonie: 4, Mr. Mendez: 3,5, Klawer: 4, BigDoc: 4
Dienstag, 5. Juni 2007
Five Fingers
USA (2006), D: Laurence Fishburne, Ryan Phillippe, Colm Meaney, Touriya Haoud, Isa Hoes, Saïd Taghmaoui, Gina Torres, Drehbuch: Chad Thumann, Laurence Malkin, R: Laurence Malkin. Länge: 80 min.
“Kaum der Rede wert”: eigentlich ist damit schon alles über ein Anti-Terror-Kammerspiel gesagt, das in Deutschland nicht im Kino war und direct-to-video vermarktet wird. Das Cover wirbt reißerisch bei der SAW-Klientel um Beachtung, enttäuscht als Dialogfilm jedoch dieses Konsumentensegment ebenso wie jenen Teil des Publikums, der von Kammerspiel-Thrillern wenigstens ein paar gehaltvollere Dialoge erwartet, erst recht, wenn einem Mann schon fünf (oder waren es vier?) Finger abgesäbelt werden. Ein Diskurs zum Thema Folter bleibt aus und der Film bleibt nach dem finalen Twist erschöpft auf der Stecke.
Martij (Ryan Phillippe), ein scheinbar idealistischer Holländer, reist mit einem Security-Spezialisten Gavin (Colm Meaney) nach Marokko, um dort ein Essenshilfsprogramm ins Leben zu rufen. Beide werden von einer Gruppe Terroristen verschleppt und in einer abgelegenen Lagerhalle eingesperrt. Hier wird Gavin brutal liquidiert und Martij muss sich auf ein bizarres Verhör mit dem mysteriösen Entführer Ahmat (Laurence Fishburne) einlassen, das ihn einen Finger nach dem anderen kostet. Schließlich zeigt sich, dass Martij ein holländischer Terrorist ist, der einen Anschlag mit Biowaffen plant, während Ahmat die Namen von Martijs Terrorzelle aus ihm herausfoltern will.
Der finale Twist: Martij ist längst nicht mehr in Marokko, sondern wird in New York von den Mitgliedern einer unbekannten US-Anti-Terror-Einheit festgehalten. Diese wiederum hat in der europäischen Terroristenszene ein raffiniertes Lockvogel-Angebot platziert, was spätestens dann deutlich wird, wenn man die Geduld aufbringt, auf die after-credits-scene zu warten.
Es lässt sich nicht bestreiten, dass der routiniert inszenierte Film seine stärksten Szenen dort hat, wo der Spannungsbogen langsam aufgebaut wird. Das liegt weniger an dem Drehbuch, sondern an Fishburne, der den mittlerweile an der Business-Peripherie gelandeten ehemaligen Jungstar Ryan Phillippe an die Wand spielt. Ansonsten geht dem Script immer mehr die Luft aus und auch die Flashbacks mit geheimnisvollen Szenen in nettem Ambiente zeigen nur, dass Malkin der tristen Einheit von Raum und Zeit in einer verrotteten Lagerhalle nicht getraut hat.
Mal ganz hart formuliert: der Film ist nur am finalen Twist interessiert, was auch dem Letzten beim Betrachten des überflüssigen Making Of klar werden muss, wo sich alle Beteiligten gemeinsam über die professionelle Zusammenarbeit freuen und sich auch sonst ausreichend Honig um den Bart schmieren. Dass die Crew auch über das „Thema“ hohle Sprechblasen absondert, es aber nicht ein einziges Mal beim Namen nennt, geschweige denn analysiert, führt zwangsläufig zum finalen Urteil: Nichts sagend.
Klawer: 4,5, BigDoc: 4,5, Melonie: 4,5, Mr. Mendez: 3,5
“Kaum der Rede wert”: eigentlich ist damit schon alles über ein Anti-Terror-Kammerspiel gesagt, das in Deutschland nicht im Kino war und direct-to-video vermarktet wird. Das Cover wirbt reißerisch bei der SAW-Klientel um Beachtung, enttäuscht als Dialogfilm jedoch dieses Konsumentensegment ebenso wie jenen Teil des Publikums, der von Kammerspiel-Thrillern wenigstens ein paar gehaltvollere Dialoge erwartet, erst recht, wenn einem Mann schon fünf (oder waren es vier?) Finger abgesäbelt werden. Ein Diskurs zum Thema Folter bleibt aus und der Film bleibt nach dem finalen Twist erschöpft auf der Stecke.
Martij (Ryan Phillippe), ein scheinbar idealistischer Holländer, reist mit einem Security-Spezialisten Gavin (Colm Meaney) nach Marokko, um dort ein Essenshilfsprogramm ins Leben zu rufen. Beide werden von einer Gruppe Terroristen verschleppt und in einer abgelegenen Lagerhalle eingesperrt. Hier wird Gavin brutal liquidiert und Martij muss sich auf ein bizarres Verhör mit dem mysteriösen Entführer Ahmat (Laurence Fishburne) einlassen, das ihn einen Finger nach dem anderen kostet. Schließlich zeigt sich, dass Martij ein holländischer Terrorist ist, der einen Anschlag mit Biowaffen plant, während Ahmat die Namen von Martijs Terrorzelle aus ihm herausfoltern will.
Der finale Twist: Martij ist längst nicht mehr in Marokko, sondern wird in New York von den Mitgliedern einer unbekannten US-Anti-Terror-Einheit festgehalten. Diese wiederum hat in der europäischen Terroristenszene ein raffiniertes Lockvogel-Angebot platziert, was spätestens dann deutlich wird, wenn man die Geduld aufbringt, auf die after-credits-scene zu warten.
Es lässt sich nicht bestreiten, dass der routiniert inszenierte Film seine stärksten Szenen dort hat, wo der Spannungsbogen langsam aufgebaut wird. Das liegt weniger an dem Drehbuch, sondern an Fishburne, der den mittlerweile an der Business-Peripherie gelandeten ehemaligen Jungstar Ryan Phillippe an die Wand spielt. Ansonsten geht dem Script immer mehr die Luft aus und auch die Flashbacks mit geheimnisvollen Szenen in nettem Ambiente zeigen nur, dass Malkin der tristen Einheit von Raum und Zeit in einer verrotteten Lagerhalle nicht getraut hat.
Mal ganz hart formuliert: der Film ist nur am finalen Twist interessiert, was auch dem Letzten beim Betrachten des überflüssigen Making Of klar werden muss, wo sich alle Beteiligten gemeinsam über die professionelle Zusammenarbeit freuen und sich auch sonst ausreichend Honig um den Bart schmieren. Dass die Crew auch über das „Thema“ hohle Sprechblasen absondert, es aber nicht ein einziges Mal beim Namen nennt, geschweige denn analysiert, führt zwangsläufig zum finalen Urteil: Nichts sagend.
Klawer: 4,5, BigDoc: 4,5, Melonie: 4,5, Mr. Mendez: 3,5
Dienstag, 15. Mai 2007
Grbavica (Esmas Geheimnis)
Österreich / Bosnien-Herzegowina / Deutschland / Kroatien 2005 - Originaltitel: Grbavica - Regie: Jasmila Zbanic - Darsteller: Mirjana Karanovic, Luna Mijovic, Leon Lucev, Kenan Catic, Jasna Ornela Berry, Bogdan Diklic - FSK: ab 12 - Länge: 90 min.
„Grbavica“ war die Überraschung der Berlinale 2006. So recht hatte niemand damit gerechnet, dass der einfach und ästhetisch eher schlichte Film der Bosnierin Jasmila Zbanic den Goldenen Bären gewinnt. Den hätte sicher auch Michael Winterbottoms THE ROAD TO GUANTANAMO verdient (der bereits in „BigDoc´s Filmclub“ besprochen wurde). Winterbottom erhielt den Regiepreis. Der Sieger „Grbavica“ liegt nun als DVD vor.
In Grbavica, einem Stadtteil Sarajevos, lebt Esma (Mirjana Karanovic) mit ihrer 13-jährigen Tochter Sara. Das Mädchen hat seinen Vater nie kennen gelernt, sie glaubt, er sei als „shaheed“ gefallen, als Kriegsheld. Für wen der Vater gekämpft hat, erklärt Zbanic ebenso wenig wie die Geschichte ihres Landes. Für Mainstream-Konsumenten ohne elementare Kenntnisse der jüngeren europäischen Geschichte eine harte Nuss.
Sara möchte auf einen Schulausflug gehen. Als Tochter eines „shaheed“ wäre dies umsonst. Esma meint allerdings, dass dies bezahlt werden muss. Irritation: Sara versteht ihre Mutter nicht. Bald freundet sich Sara mit Samir an, der ebenfalls keinen Vater hat: hier findet sie etwas Zärtlichkeit. Esma nimmt derweil Arbeit als Bedienung in einem Nachtclub an. Dort lernt sie den Body-Guard Pelda kennen, der ein Auge auf die zurückhaltende Frau geworfen hat. Auch Pelda hat Angehörige im Krieg verloren: er sucht noch in geöffneten Massengräbern nach seinem Vater.
Welche Massengräber? Wer vergessen hat, was nach dem Zerfall Jugoslawiens zwischen Serben und Muslimen und all den anderen Volksgruppen geschehen ist, wird weiterhin einen schweren Stand haben.
Sara, die nicht daran interessiert, die Klassenfahrt „einfach so“ zu bezahlen, fordert ihre Mutter auf, in der Schule die amtlichen Dokumente dafür vorzulegen, dass ihr Vater im Kampf für sein Land gefallen ist. Doch Esma weicht aus. Die Ereignisse spitzen sich zu: Sie verliert ihre Arbeit, weil sie einen Tippschein nicht abgegeben hat, Pelda geht nach Österreich, Sara will endlich wissen, was los ist. Also erfährt Sara sehr brutal Esmas Geheimnis: Ihre Mutter war ein Opfer der Serben und wurde im Lager täglich brutal vergewaltigt. Sara ist also das Kind eines Tschetniks, eines serbischen Milizionärs. Sie zu töten (wie es viele muslimische Frauen getan haben), brachte Esma nicht fertig.
„Esmas Geheimnis“ ist einer jener Filme, deren ethische Botschaft wohl nachdrücklich stärker ist als die Bereitschaft, den unspektakulären Film auf Dauer in seinem kinematografischen Gedächtnis abzuspeichern. Woran dies liegt, kann sich jeder selbst fragen. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass Grbavica den dringenden Appell vermittelt, sich noch einmal gründlich mit einem der düstersten Kapitel der europäischen Geschichte auseinander zu setzen. Ich empfehle die Online-Dokumente von 3SAT. Es gibt einiges zu lernen: Dazu gehört auch die Tatsache, dass die Premiere von Grbavica in Banja Luka, der Hauptstadt des serbischen Landesteils von Bosnien-Herzegowina, abgesagt wurde.
Postskriptum: Im bosnischen Srebrenica wurden im Juli 1995 über 7000 serbische Männer und Jungen unter den Augen der niederländischen UNO-Truppen abgeführt und hingerichtet. 2002 tritt die niederländische Regierung wegen ihrer Mitschuld zurück.
Grbavica heißt der Stadtteil der bosnischen Hauptstadt Sarajewo, den die serbisch-montenegrische Armee während des Krieges besetzte und der von ihr in ein Kriegslager umgewandelt wurde, in dem die Zivilbevölkerung systematisch gefoltert und vergewaltigt wurde.
BigDoc=2, Klawer= 2, Melonie= 2,5, Mr. Mendez= 3.
„Grbavica“ war die Überraschung der Berlinale 2006. So recht hatte niemand damit gerechnet, dass der einfach und ästhetisch eher schlichte Film der Bosnierin Jasmila Zbanic den Goldenen Bären gewinnt. Den hätte sicher auch Michael Winterbottoms THE ROAD TO GUANTANAMO verdient (der bereits in „BigDoc´s Filmclub“ besprochen wurde). Winterbottom erhielt den Regiepreis. Der Sieger „Grbavica“ liegt nun als DVD vor.
In Grbavica, einem Stadtteil Sarajevos, lebt Esma (Mirjana Karanovic) mit ihrer 13-jährigen Tochter Sara. Das Mädchen hat seinen Vater nie kennen gelernt, sie glaubt, er sei als „shaheed“ gefallen, als Kriegsheld. Für wen der Vater gekämpft hat, erklärt Zbanic ebenso wenig wie die Geschichte ihres Landes. Für Mainstream-Konsumenten ohne elementare Kenntnisse der jüngeren europäischen Geschichte eine harte Nuss.
Sara möchte auf einen Schulausflug gehen. Als Tochter eines „shaheed“ wäre dies umsonst. Esma meint allerdings, dass dies bezahlt werden muss. Irritation: Sara versteht ihre Mutter nicht. Bald freundet sich Sara mit Samir an, der ebenfalls keinen Vater hat: hier findet sie etwas Zärtlichkeit. Esma nimmt derweil Arbeit als Bedienung in einem Nachtclub an. Dort lernt sie den Body-Guard Pelda kennen, der ein Auge auf die zurückhaltende Frau geworfen hat. Auch Pelda hat Angehörige im Krieg verloren: er sucht noch in geöffneten Massengräbern nach seinem Vater.
Welche Massengräber? Wer vergessen hat, was nach dem Zerfall Jugoslawiens zwischen Serben und Muslimen und all den anderen Volksgruppen geschehen ist, wird weiterhin einen schweren Stand haben.
Sara, die nicht daran interessiert, die Klassenfahrt „einfach so“ zu bezahlen, fordert ihre Mutter auf, in der Schule die amtlichen Dokumente dafür vorzulegen, dass ihr Vater im Kampf für sein Land gefallen ist. Doch Esma weicht aus. Die Ereignisse spitzen sich zu: Sie verliert ihre Arbeit, weil sie einen Tippschein nicht abgegeben hat, Pelda geht nach Österreich, Sara will endlich wissen, was los ist. Also erfährt Sara sehr brutal Esmas Geheimnis: Ihre Mutter war ein Opfer der Serben und wurde im Lager täglich brutal vergewaltigt. Sara ist also das Kind eines Tschetniks, eines serbischen Milizionärs. Sie zu töten (wie es viele muslimische Frauen getan haben), brachte Esma nicht fertig.
„Esmas Geheimnis“ ist einer jener Filme, deren ethische Botschaft wohl nachdrücklich stärker ist als die Bereitschaft, den unspektakulären Film auf Dauer in seinem kinematografischen Gedächtnis abzuspeichern. Woran dies liegt, kann sich jeder selbst fragen. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass Grbavica den dringenden Appell vermittelt, sich noch einmal gründlich mit einem der düstersten Kapitel der europäischen Geschichte auseinander zu setzen. Ich empfehle die Online-Dokumente von 3SAT. Es gibt einiges zu lernen: Dazu gehört auch die Tatsache, dass die Premiere von Grbavica in Banja Luka, der Hauptstadt des serbischen Landesteils von Bosnien-Herzegowina, abgesagt wurde.
Postskriptum: Im bosnischen Srebrenica wurden im Juli 1995 über 7000 serbische Männer und Jungen unter den Augen der niederländischen UNO-Truppen abgeführt und hingerichtet. 2002 tritt die niederländische Regierung wegen ihrer Mitschuld zurück.
Grbavica heißt der Stadtteil der bosnischen Hauptstadt Sarajewo, den die serbisch-montenegrische Armee während des Krieges besetzte und der von ihr in ein Kriegslager umgewandelt wurde, in dem die Zivilbevölkerung systematisch gefoltert und vergewaltigt wurde.
BigDoc=2, Klawer= 2, Melonie= 2,5, Mr. Mendez= 3.
Spartan
USA, BRD 2004, 106 Minuten, Regie, Drehbuch: David Mamet, Produktion: David Bergstein, Moshe Diamant Elie Samaha, Musik: Mark Isham, Kamera: Juan Ruiz Anchía, Schnitt: Barbara Tulliver. Darsteller: Val Kilmer, William H. Macy, Derek Luke, Ed O'Neill, Tia Texada.
Wenn er Kameradschaft sucht, gehe er zu den Freimaurern. Cool, stoisch und mit unbewegtem Gesicht kontert Robert Scott in einem Ausbildungscamp den Versuch eines Soldaten, ihm seine moralischen Überzeugungen zu erklären. Diese „Rules of War“, die der Ranger Curtis auf eng bedrucktem Papier bei sich trägt, interessieren den Special Agent nicht sonderlich, er findet es leichter, wenn man ihm sagt, wohin er gehen soll und was zu tun ist. Scott (Val Kilmer) nennt sich selbst eine Arbeitsbiene. Er ist hochspezialisiert, ziemlich amoralisch, schnell, tödlich –und dumm genug, mitten in einem politischen Vertuschungsmanöver des eignen Apparates zu landen.
Es geht wieder einmal um Lügen und Belogenwerden, Korruption und Vertuschung, paranoide Schachzüge der Macht: das haben wir von „Three Days of the Condor“ bis zu „The Manchurian Candidate“ alles schon einmal studiert, aber die Varianten sind oft ganz sehenswert. So auch hier: die Tochter des amerikanischen Präsidenten, der kurz vor der Wiederwahl steht, wird entführt und schnell wird deutlich, dass das leichtlebige Mädchen einem Mädchenhändlerring (etwas abstrus) in die Hände gefallen ist. Scott versucht das Mädchen zu finden, bevor die Presse alles aufkocht. Als klar wird, dass die Security von der Entführten abgezogen wurde, um einen erotischen Side-Step des Präsidenten zu sichern, liegt ein politischer Skandal in der Luft. Und als herauskommt, dass das Töchterchen auch gerne öffentlich über Papas amouröse Aktivitäten geplaudert hätte, ahnt jeder, dass sie tot mehr wert ist als lebendig. Als Scott dies herausfindet, wird es selbst zum Gejagten.
„Spartan“ ist in Deutschland nie in die Kinos gekommen. 2004, mitten im amerikanischen Wahlkampf produziert (Kerry-Tochter Alexandra hat eine Nebenrolle in dem Film), hat David Memets Film schnell den Weg der Sekundär-Vermarktung in den Videotheken gefunden: mittlerweile rangiert er fast schon mit Kultstatus auf Platz 1 bei den hiesigen DVD-Verleihern. Etwas Aufmerksamkeit hat „Spartan“ verdient, denn er ist immerhin von David Mamet, hier ausnahmsweise auch einmal als Regisseur aktiv. Mamet ist sicher nicht Amerikas virulentester Drehbuchautor, aber einer, der schon mehr als eine Perle abgeliefert hat: für „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ (1981), Sidney Lumets „The Verdict“ (1982), de Palmas „The Untouchables“ (1987), für die exzellent besetzte American Dream-Satire „Glengarry Glen Ross“ (1992), als Script-Doctor für die sehenswerte Polit-Posse „Wag the Dog“ (1997), für „Ronin“ (1998), „Hannibal“ (2001) und 2001 für „Heist“ (Der letzte Coup), wo er ebenfalls Regie führte. Mehr als zwanzig Filme hat der Pulitzer-Preisträger, Dichter, Dramatiker, Autor und Regisseur „auf dem Gewissen“ – ein mittelgroßes Kapitel der Kinogeschichte.
Unterm Strich ist „Spartan“ allerdings ein etwas klein geratenes Kapitel dieser facettenreichen Geschichte: Mamet hat sich nicht nur bei den klassischen Paranoia-Klassikern bedient, sondern das Ganze auch mit einem Schuss „24“ (es darf kräftig gefoltert werden) verfeinert. Dass sich einige Dialoge hart am Rande der unfreiwilligen Persiflage befinden, muss man wohl schlucken, wenn man als notorischer Val Kilmer-Fan das Ganze als gut geölte Genrearbeit durchgehen lassen will. Auf dieser Ebene funktioniert der Film allerdings ganz gut.
Val Kilmer, den sie ähnlich wie Enfant terrible Mickey Rourke in Hollywood nicht sonderlich mögen, spielt mit unbewegtem Gesicht und ist daher nicht überfordert. „Al Bundy“ Ed O´Neill ist in einer Nebenrolle zu sehen und der großartige William H. Macy hat wohl nur aus Spaß mitgemacht, denn seinen kleinen Auftritt konnte man an einem Tag abdrehen.
Im Filmclub gab´s gemischte Reaktionen: Klawer= 2,5, BigDoc= 3, Mr. Mendez (“Wenn das ein Kultfilm ist, will ich nie mehr Kultfilme sehen!“)= 4, Melonie= 4.
Wenn er Kameradschaft sucht, gehe er zu den Freimaurern. Cool, stoisch und mit unbewegtem Gesicht kontert Robert Scott in einem Ausbildungscamp den Versuch eines Soldaten, ihm seine moralischen Überzeugungen zu erklären. Diese „Rules of War“, die der Ranger Curtis auf eng bedrucktem Papier bei sich trägt, interessieren den Special Agent nicht sonderlich, er findet es leichter, wenn man ihm sagt, wohin er gehen soll und was zu tun ist. Scott (Val Kilmer) nennt sich selbst eine Arbeitsbiene. Er ist hochspezialisiert, ziemlich amoralisch, schnell, tödlich –und dumm genug, mitten in einem politischen Vertuschungsmanöver des eignen Apparates zu landen.
Es geht wieder einmal um Lügen und Belogenwerden, Korruption und Vertuschung, paranoide Schachzüge der Macht: das haben wir von „Three Days of the Condor“ bis zu „The Manchurian Candidate“ alles schon einmal studiert, aber die Varianten sind oft ganz sehenswert. So auch hier: die Tochter des amerikanischen Präsidenten, der kurz vor der Wiederwahl steht, wird entführt und schnell wird deutlich, dass das leichtlebige Mädchen einem Mädchenhändlerring (etwas abstrus) in die Hände gefallen ist. Scott versucht das Mädchen zu finden, bevor die Presse alles aufkocht. Als klar wird, dass die Security von der Entführten abgezogen wurde, um einen erotischen Side-Step des Präsidenten zu sichern, liegt ein politischer Skandal in der Luft. Und als herauskommt, dass das Töchterchen auch gerne öffentlich über Papas amouröse Aktivitäten geplaudert hätte, ahnt jeder, dass sie tot mehr wert ist als lebendig. Als Scott dies herausfindet, wird es selbst zum Gejagten.
„Spartan“ ist in Deutschland nie in die Kinos gekommen. 2004, mitten im amerikanischen Wahlkampf produziert (Kerry-Tochter Alexandra hat eine Nebenrolle in dem Film), hat David Memets Film schnell den Weg der Sekundär-Vermarktung in den Videotheken gefunden: mittlerweile rangiert er fast schon mit Kultstatus auf Platz 1 bei den hiesigen DVD-Verleihern. Etwas Aufmerksamkeit hat „Spartan“ verdient, denn er ist immerhin von David Mamet, hier ausnahmsweise auch einmal als Regisseur aktiv. Mamet ist sicher nicht Amerikas virulentester Drehbuchautor, aber einer, der schon mehr als eine Perle abgeliefert hat: für „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ (1981), Sidney Lumets „The Verdict“ (1982), de Palmas „The Untouchables“ (1987), für die exzellent besetzte American Dream-Satire „Glengarry Glen Ross“ (1992), als Script-Doctor für die sehenswerte Polit-Posse „Wag the Dog“ (1997), für „Ronin“ (1998), „Hannibal“ (2001) und 2001 für „Heist“ (Der letzte Coup), wo er ebenfalls Regie führte. Mehr als zwanzig Filme hat der Pulitzer-Preisträger, Dichter, Dramatiker, Autor und Regisseur „auf dem Gewissen“ – ein mittelgroßes Kapitel der Kinogeschichte.
Unterm Strich ist „Spartan“ allerdings ein etwas klein geratenes Kapitel dieser facettenreichen Geschichte: Mamet hat sich nicht nur bei den klassischen Paranoia-Klassikern bedient, sondern das Ganze auch mit einem Schuss „24“ (es darf kräftig gefoltert werden) verfeinert. Dass sich einige Dialoge hart am Rande der unfreiwilligen Persiflage befinden, muss man wohl schlucken, wenn man als notorischer Val Kilmer-Fan das Ganze als gut geölte Genrearbeit durchgehen lassen will. Auf dieser Ebene funktioniert der Film allerdings ganz gut.
Val Kilmer, den sie ähnlich wie Enfant terrible Mickey Rourke in Hollywood nicht sonderlich mögen, spielt mit unbewegtem Gesicht und ist daher nicht überfordert. „Al Bundy“ Ed O´Neill ist in einer Nebenrolle zu sehen und der großartige William H. Macy hat wohl nur aus Spaß mitgemacht, denn seinen kleinen Auftritt konnte man an einem Tag abdrehen.
Im Filmclub gab´s gemischte Reaktionen: Klawer= 2,5, BigDoc= 3, Mr. Mendez (“Wenn das ein Kultfilm ist, will ich nie mehr Kultfilme sehen!“)= 4, Melonie= 4.
Mittwoch, 11. April 2007
Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler
Deutschland 2006 - Regie: Dani Levy - Darsteller: Helge Schneider, Ulrich Mühe, Sylvester Groth, Adriana Altaras, Ulrich Noethen, Stefan Kurt, Lambert Hamel - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 95 min.
Ich denke, es gibt viele Arten über Kino zu sprechen. Deshalb gibt es über Dani Levys „Mein Führer“ ausnahmsweise mal keine Kritik. Ich gebe lieber Auszüge aus einem Gespräch mit meinem alten Freund Otto wieder, der aus seiner skeptischen Meinung keinen Hehl machte.
BigDoc: Am Anfang habe ich doch gewisse Schwierigkeiten mit dem Film gehabt. Die Geschichte eines depressiven Hitler, der kurz vor Kriegsende auf Wunsch des Reichspropagandaministers Goebbels eine flammende Neujahrsrede halten soll, aber zuvor mithilfe eines professionellen Schauspieler wieder „in Form“ gebracht werden muss, geht ja noch, aber dass sein Trainer ausgerechnet ein Jude ist, der von Goebbels für diesen Job extra aus dem Konzentrationslager geholt wird, hat mich dann doch heftig schlucken lassen.
Otto: In meiner Jugend, also in den 60er Jahren, wäre so ein Film nicht möglich gewesen. Man lachte nicht über Hitler. Man redete allerdings auch nicht mehr über ihn. Nur die Linken oder Schriftsteller wie Böll taten dies. Und der ganze Bereich des „Hitler-Veräppelns“ war durch Chaplins „The Great Dictator“ abgedeckt. Dieser Film war sakrosankt, gehörte zum heiligen cineastischen Kulturerbe und damit war das Thema durch. Es gab dann später allerdings einige „ernste“ Hitler-Filme, unter anderem auch mit Alec Guinness und Anthony Hopkins, aber die sind soweit ich weiß nie so recht ins kollektive Filmgedächtnis eingedrungen. Ich hätte mir in meiner Schulzeit auf jeden Fall nicht vorstellen können, dass man mit Komödien über Hitler Erfolg in den Kinos gehabt hätte. Sind wir doch mal ehrlich: Dazu ist das Thema doch zu ernst.
BigDoc: Lachen heißt ja nicht, dass man insgeheim einverstanden ist mit dem, worüber man lacht, oder dass man es weniger ernst nimmt. Je länger ich „Mein Führer“ sah, desto mehr musste ich lachen, desto mehr überzeugte mich der Film. Er macht sich über Hitler lustig und nicht etwa über seine Taten und seine Opfer.
Otto:
Im Filmclub war der Film trotzdem sehr umstritten, wie ich hörte?!
BigDoc: Das kann man so nicht sagen. Von mir bekam der Film eine Zwei, Melonie gab ihm sogar eine glatte Eins. Nur Mr. Mendez war wieder einmal sehr bedeckt, konnte sich aber immerhin zu einer 3,5 aufraffen.
Otto: Das ist erklärungsbedürftig!
BigDoc: Finde ich nicht. Noten sind doch häufig sehr subjektiv und wenn man Helge Schneider-Fan ist, geht man garantiert mit anderen Maßstäben an die Sache heran als jemand, der „Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch aus dem eff-eff kennt.
Otto: Mir war Helge Schneider eigentlich egal, weil von ihm ohnehin wenig zu erkennen war. Nach einigen Minuten vergisst man schnell, dass H.S. die Rolle des GröFaz spielt. Was mich so störte, war etwas, was bislang keinem Kritiker aufgefallen ist: der Hitler in Dani Levys Film macht einen bieder-harmlosen Eindruck und scheint überhaupt nichts Böses getan zu haben. Die Schurken befinden in seiner Entourage: Himmler, Goebbels, auch Speer, der sein Fett wegkriegt.
Ich fand es sogar ausgesprochen peinlich, dass ein jüdischer Regisseur in einer Komödie über Hitler den Führer darüber fabulieren lässt, dass er die Juden eigentlich nach Madagaskar schicken wollte. Das erinnert mich ganz schlimm an die oft kolportierte Redewendung „Wenn das der Führer wüsste!“. Das hat sich ja über Generationen gehalten, diese Vermutung, dass Hitler die ganzen Verbrechen nicht zu verantworten hatte, vielleicht sogar nichts darüber wusste.
BigDoc: Ja, diese relative Verharmlosung Hitlers ist mir auch aufgefallen. Aber es gehört zu Levys Konzept, dass man historische „Essentials“ kennt. So kann er durch teilweise absurden Humor zeigen, dass sich hinter dem Jahrhundertverbrecher eine spießige, kleinbürgerliche und durch grausame Kindheitserfahrungen extrem neurotisierte Persönlichkeit verbirgt, über die man bei näherem Hinsehen eigentlich nur lachen kann.
Otto: Immerhin hat dieser „Spießer“ einige Millionen auf dem Gewissen. Soll vor diesem Hintergrund das Lachen über Hitler befreiend sein? Oder soll es der Erkenntnis dienen? Ich wüsste zum einen nicht, wovon sich heutige Kinogänger befreien sollten. Das sind doch überwiegend junge Leute, deren Eltern nicht mal diese Zeit erlebt haben, die zum Teil nicht einmal ausreichende historische Kenntnisse haben. Wie rezipiert diese Generation wohl Hitler im Kino? Wohl kaum auf der Grundlage historischer „Essentials“, wenn man dem Abspann von „Mein Führer“ Glauben schenken darf! Und damit hat sich auch meine zweite Frage erledigt: Erkenntnisse über den Nationalsozialismus und zeitgeschichtliche Erklärungen hat diese Klamotte dieser Zielgruppe doch nun wirklich nicht zu bieten.
BigDoc: Also, erstens gibt es in der rechten Szene einiges, von dem man sich befreien könnte, zweitens kann man sich beim Abspann, wo nicht nur junge Leute krude Kenntnisse über Hitler preisgeben, die Hände vors Gesicht schlagen, aber drittens ist direkte Aufklärung auch nicht die Aufgabe einer Komödie. Zugegeben: Levys Film kann nicht funktionieren ohne die historischen Kenntnisse und die Medienerfahrungen, die man über den Nationalsozialismus hat. Insofern ist jede historische Komödie immer auch in historisches Grundwissen eingebettet. Und das wird nun mal häufig von Medien vermittelt. Ich gehe sogar soweit, dass „Mein Führer“ nur funktionieren kann, wenn man auch Benignis „Das Leben ist schön“ und den aus meiner Sicht völlig misslungenen „Untergang“ von Oliver Hirschbiegel im Kopf hat, der ja zeigt, dass eine realistisch-ernsthafte Perspektive bei diesem Thema wenig Klärendes zu bieten hat und im schlimmsten Fall zur positiven Mythologisierung der Figur Hitlers beitragen kann. Da kann man sich ja besser Guido Knopp angucken als Hirschbiegels Bunkerdrama.
Otto: Immerhin redest Du von einem der erfolgreichsten Filme der deutschen Filmgeschichte!
BigDoc: Das ist doch kein Qualitätsbeweis!
Doc: Aber ich denke auch, dass sich 4,5 Mio. Zuschauer nicht so einfach zum Narren machen ließen oder nur aufgrund von unreflektierter Neugier ins Kino gingen. Der Film muss doch irgendwo den Nerv der Leute getroffen haben.
BigDoc: Aus meiner Sicht ist der so genannte „realistische Film“ zu größerer Genauigkeit verpflichtet, die Komödie hat eher kathartische Funktionen. „Der Untergang“ hat die Verbrechen des NS-Regimes fast unterschlagen und den Untergang der Clique um Hitler zu einer privaten Tragödie umstilisiert!
Otto: Ich muss hier Widerspruch einlegen, denn auch für diesen Film gilt Dein Argument, dass Filme nicht allein für sich stehen, sondern eingebettet sind in die historischen Kenntnisse und die Medienerfahrungen der Zuschauer. Und „Der Untergang“ ist zuverlässig recherchiert worden und wird im rein faktischen Bereich nur schwer anzugreifen sein, während „Mein Führer“ eine Klamotte ist, die mit der historischen Realität nichts zu tun hat.
BigDoc: Das kommt ganz drauf an, wie man das sieht. Ich bin ja nun überhaupt nicht gegen realistische Film mit fundierter Psychologie und ordentlich recherchiertem Drehbuch, aber manchmal bringen einen die Fakten und vor allen Dingen die ständigen Wiederholungen derselben nicht weiter. Und da geht Levys Film ja einen Schritt weiter. Und zwar, weil er es am Ende schafft, die Komödie in eine Tragikomödie umzufunktionieren. Dies erledigt die Figur des Juden Adolf Grünbaum, der das Grauen unmittelbar erlebt hat und nachvollziehbar empfindet und im Film dem Zuschauer auf diese Weise ein Identifikationsangebot macht, zu dem es keine Alternative gibt. Grünbaums Training mit Hitler deckt Schicht für Schicht dessen Banalität auf und Ulrich Mühe spielt diese Rolle mit all ihrer Ambivalenz ganz ausgezeichnet.
Otto: Ich hoffe, dass Du jetzt nicht auf Hannah Arendts „Banalität des Bösen“ anspielst. Das war ja schon damals äußerst umstritten und wurde von ihr in erster Linie aus der Erfahrung des Eichmann-Prozesses abgeleitet. Ich bezweifele doch sehr stark, ob dieser Begriff der geschichtlichen Figur „Adolf Hitler“ gerecht wird.
BigDoc: Aber immerhin zeigt Levy, dass Hitler ein Schmierenkomödiant gewesen ist, über den man besser hätte lachen sollen…
Otto: ..was aber nicht geschehen ist. Man hat ihn nicht ausgelacht, sondern ihm zugejubelt, bis alles in Schutt und Asche lag. Und dafür hat „Der Untergang“ immerhin Bilder gefunden, während es in Levys Film nur dazu reicht, dass Hitler sich und seinen Hund aus dem Fenster abseilt und durchs nächtliche Berlin marschiert, um festzustellen, dass ihn alle belogen haben und dass tatsächlich alles in Trümmern liegt. Und das ist genau das Dilemma, von dem ich bereits sprach: „Wenn das der Führer wüsste!“
BigDoc: Also ist Dani Levy Deiner Meinung nach gescheitert?
Otto: Ja, und zwar vollständig. Man muss es einmal ganz hart formulieren: Levy hat aus Hitler einen Pop-Star gemacht – man bewundert ihn zwar nicht, möchte diesen skurrilen Typ aber vielleicht etwas öfter sehen, weil er in der Badewanne so witzig aussieht. Vielleicht in einer Comedy-Serie mit Helge Schneider. Das Hitler/Schneider-Amalgam ist ein kauziger, aber mediengerechter Spießer à Alfred das Ekel, ein Typ, der nicht mal üble Umgangsformen hat und der vielleicht gar kein böser Kerl geworden wäre, wenn er nicht doll von seinem Vater verhauen worden wäre. Zu diesem Kino-Pop passt ja auch, dass der verantwortliche X-Verleih auf der Film-Homepage schreibt: „Helge Schneider spielt den Diktator mit der Coolness eines Jazz-Musikers“.
BigDoc: In diesem Zusammenhang möchte ich auf etwas anderes verweisen, was Du auch auf der Homepage von X-Film finden kannst und was Deine Kritik vielleicht etwas mildert. Und zwar ist es ein ziemlich interessantes „Schulheft“ zum Film, unter anderem mit einer bemerkenswerten Arbeit von Georg Seeßlen, der ziemlich überzeugend ausführen kann, warum uns Komödien von den alten Gespensterbilder befreien können. „Man muß vor Hitlers Bild auch lachen, um vor Verzweifelung nicht wahnsinnig zu werden“, schreibt Seeßlen und ich bin sicher, dass Levy nicht den schlechtesten Versuch unternommen hat, diesen Job gut zu erledigen.
Über den Rest muss man streiten. Finde ich auch gut so.
Ich denke, es gibt viele Arten über Kino zu sprechen. Deshalb gibt es über Dani Levys „Mein Führer“ ausnahmsweise mal keine Kritik. Ich gebe lieber Auszüge aus einem Gespräch mit meinem alten Freund Otto wieder, der aus seiner skeptischen Meinung keinen Hehl machte.
BigDoc: Am Anfang habe ich doch gewisse Schwierigkeiten mit dem Film gehabt. Die Geschichte eines depressiven Hitler, der kurz vor Kriegsende auf Wunsch des Reichspropagandaministers Goebbels eine flammende Neujahrsrede halten soll, aber zuvor mithilfe eines professionellen Schauspieler wieder „in Form“ gebracht werden muss, geht ja noch, aber dass sein Trainer ausgerechnet ein Jude ist, der von Goebbels für diesen Job extra aus dem Konzentrationslager geholt wird, hat mich dann doch heftig schlucken lassen.
Otto: In meiner Jugend, also in den 60er Jahren, wäre so ein Film nicht möglich gewesen. Man lachte nicht über Hitler. Man redete allerdings auch nicht mehr über ihn. Nur die Linken oder Schriftsteller wie Böll taten dies. Und der ganze Bereich des „Hitler-Veräppelns“ war durch Chaplins „The Great Dictator“ abgedeckt. Dieser Film war sakrosankt, gehörte zum heiligen cineastischen Kulturerbe und damit war das Thema durch. Es gab dann später allerdings einige „ernste“ Hitler-Filme, unter anderem auch mit Alec Guinness und Anthony Hopkins, aber die sind soweit ich weiß nie so recht ins kollektive Filmgedächtnis eingedrungen. Ich hätte mir in meiner Schulzeit auf jeden Fall nicht vorstellen können, dass man mit Komödien über Hitler Erfolg in den Kinos gehabt hätte. Sind wir doch mal ehrlich: Dazu ist das Thema doch zu ernst.
BigDoc: Lachen heißt ja nicht, dass man insgeheim einverstanden ist mit dem, worüber man lacht, oder dass man es weniger ernst nimmt. Je länger ich „Mein Führer“ sah, desto mehr musste ich lachen, desto mehr überzeugte mich der Film. Er macht sich über Hitler lustig und nicht etwa über seine Taten und seine Opfer.
Otto:
Im Filmclub war der Film trotzdem sehr umstritten, wie ich hörte?!
BigDoc: Das kann man so nicht sagen. Von mir bekam der Film eine Zwei, Melonie gab ihm sogar eine glatte Eins. Nur Mr. Mendez war wieder einmal sehr bedeckt, konnte sich aber immerhin zu einer 3,5 aufraffen.
Otto: Das ist erklärungsbedürftig!
BigDoc: Finde ich nicht. Noten sind doch häufig sehr subjektiv und wenn man Helge Schneider-Fan ist, geht man garantiert mit anderen Maßstäben an die Sache heran als jemand, der „Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch aus dem eff-eff kennt.
Otto: Mir war Helge Schneider eigentlich egal, weil von ihm ohnehin wenig zu erkennen war. Nach einigen Minuten vergisst man schnell, dass H.S. die Rolle des GröFaz spielt. Was mich so störte, war etwas, was bislang keinem Kritiker aufgefallen ist: der Hitler in Dani Levys Film macht einen bieder-harmlosen Eindruck und scheint überhaupt nichts Böses getan zu haben. Die Schurken befinden in seiner Entourage: Himmler, Goebbels, auch Speer, der sein Fett wegkriegt.
Ich fand es sogar ausgesprochen peinlich, dass ein jüdischer Regisseur in einer Komödie über Hitler den Führer darüber fabulieren lässt, dass er die Juden eigentlich nach Madagaskar schicken wollte. Das erinnert mich ganz schlimm an die oft kolportierte Redewendung „Wenn das der Führer wüsste!“. Das hat sich ja über Generationen gehalten, diese Vermutung, dass Hitler die ganzen Verbrechen nicht zu verantworten hatte, vielleicht sogar nichts darüber wusste.
BigDoc: Ja, diese relative Verharmlosung Hitlers ist mir auch aufgefallen. Aber es gehört zu Levys Konzept, dass man historische „Essentials“ kennt. So kann er durch teilweise absurden Humor zeigen, dass sich hinter dem Jahrhundertverbrecher eine spießige, kleinbürgerliche und durch grausame Kindheitserfahrungen extrem neurotisierte Persönlichkeit verbirgt, über die man bei näherem Hinsehen eigentlich nur lachen kann.
Otto: Immerhin hat dieser „Spießer“ einige Millionen auf dem Gewissen. Soll vor diesem Hintergrund das Lachen über Hitler befreiend sein? Oder soll es der Erkenntnis dienen? Ich wüsste zum einen nicht, wovon sich heutige Kinogänger befreien sollten. Das sind doch überwiegend junge Leute, deren Eltern nicht mal diese Zeit erlebt haben, die zum Teil nicht einmal ausreichende historische Kenntnisse haben. Wie rezipiert diese Generation wohl Hitler im Kino? Wohl kaum auf der Grundlage historischer „Essentials“, wenn man dem Abspann von „Mein Führer“ Glauben schenken darf! Und damit hat sich auch meine zweite Frage erledigt: Erkenntnisse über den Nationalsozialismus und zeitgeschichtliche Erklärungen hat diese Klamotte dieser Zielgruppe doch nun wirklich nicht zu bieten.
BigDoc: Also, erstens gibt es in der rechten Szene einiges, von dem man sich befreien könnte, zweitens kann man sich beim Abspann, wo nicht nur junge Leute krude Kenntnisse über Hitler preisgeben, die Hände vors Gesicht schlagen, aber drittens ist direkte Aufklärung auch nicht die Aufgabe einer Komödie. Zugegeben: Levys Film kann nicht funktionieren ohne die historischen Kenntnisse und die Medienerfahrungen, die man über den Nationalsozialismus hat. Insofern ist jede historische Komödie immer auch in historisches Grundwissen eingebettet. Und das wird nun mal häufig von Medien vermittelt. Ich gehe sogar soweit, dass „Mein Führer“ nur funktionieren kann, wenn man auch Benignis „Das Leben ist schön“ und den aus meiner Sicht völlig misslungenen „Untergang“ von Oliver Hirschbiegel im Kopf hat, der ja zeigt, dass eine realistisch-ernsthafte Perspektive bei diesem Thema wenig Klärendes zu bieten hat und im schlimmsten Fall zur positiven Mythologisierung der Figur Hitlers beitragen kann. Da kann man sich ja besser Guido Knopp angucken als Hirschbiegels Bunkerdrama.
Otto: Immerhin redest Du von einem der erfolgreichsten Filme der deutschen Filmgeschichte!
BigDoc: Das ist doch kein Qualitätsbeweis!
Doc: Aber ich denke auch, dass sich 4,5 Mio. Zuschauer nicht so einfach zum Narren machen ließen oder nur aufgrund von unreflektierter Neugier ins Kino gingen. Der Film muss doch irgendwo den Nerv der Leute getroffen haben.
BigDoc: Aus meiner Sicht ist der so genannte „realistische Film“ zu größerer Genauigkeit verpflichtet, die Komödie hat eher kathartische Funktionen. „Der Untergang“ hat die Verbrechen des NS-Regimes fast unterschlagen und den Untergang der Clique um Hitler zu einer privaten Tragödie umstilisiert!
Otto: Ich muss hier Widerspruch einlegen, denn auch für diesen Film gilt Dein Argument, dass Filme nicht allein für sich stehen, sondern eingebettet sind in die historischen Kenntnisse und die Medienerfahrungen der Zuschauer. Und „Der Untergang“ ist zuverlässig recherchiert worden und wird im rein faktischen Bereich nur schwer anzugreifen sein, während „Mein Führer“ eine Klamotte ist, die mit der historischen Realität nichts zu tun hat.
BigDoc: Das kommt ganz drauf an, wie man das sieht. Ich bin ja nun überhaupt nicht gegen realistische Film mit fundierter Psychologie und ordentlich recherchiertem Drehbuch, aber manchmal bringen einen die Fakten und vor allen Dingen die ständigen Wiederholungen derselben nicht weiter. Und da geht Levys Film ja einen Schritt weiter. Und zwar, weil er es am Ende schafft, die Komödie in eine Tragikomödie umzufunktionieren. Dies erledigt die Figur des Juden Adolf Grünbaum, der das Grauen unmittelbar erlebt hat und nachvollziehbar empfindet und im Film dem Zuschauer auf diese Weise ein Identifikationsangebot macht, zu dem es keine Alternative gibt. Grünbaums Training mit Hitler deckt Schicht für Schicht dessen Banalität auf und Ulrich Mühe spielt diese Rolle mit all ihrer Ambivalenz ganz ausgezeichnet.
Otto: Ich hoffe, dass Du jetzt nicht auf Hannah Arendts „Banalität des Bösen“ anspielst. Das war ja schon damals äußerst umstritten und wurde von ihr in erster Linie aus der Erfahrung des Eichmann-Prozesses abgeleitet. Ich bezweifele doch sehr stark, ob dieser Begriff der geschichtlichen Figur „Adolf Hitler“ gerecht wird.
BigDoc: Aber immerhin zeigt Levy, dass Hitler ein Schmierenkomödiant gewesen ist, über den man besser hätte lachen sollen…
Otto: ..was aber nicht geschehen ist. Man hat ihn nicht ausgelacht, sondern ihm zugejubelt, bis alles in Schutt und Asche lag. Und dafür hat „Der Untergang“ immerhin Bilder gefunden, während es in Levys Film nur dazu reicht, dass Hitler sich und seinen Hund aus dem Fenster abseilt und durchs nächtliche Berlin marschiert, um festzustellen, dass ihn alle belogen haben und dass tatsächlich alles in Trümmern liegt. Und das ist genau das Dilemma, von dem ich bereits sprach: „Wenn das der Führer wüsste!“
BigDoc: Also ist Dani Levy Deiner Meinung nach gescheitert?
Otto: Ja, und zwar vollständig. Man muss es einmal ganz hart formulieren: Levy hat aus Hitler einen Pop-Star gemacht – man bewundert ihn zwar nicht, möchte diesen skurrilen Typ aber vielleicht etwas öfter sehen, weil er in der Badewanne so witzig aussieht. Vielleicht in einer Comedy-Serie mit Helge Schneider. Das Hitler/Schneider-Amalgam ist ein kauziger, aber mediengerechter Spießer à Alfred das Ekel, ein Typ, der nicht mal üble Umgangsformen hat und der vielleicht gar kein böser Kerl geworden wäre, wenn er nicht doll von seinem Vater verhauen worden wäre. Zu diesem Kino-Pop passt ja auch, dass der verantwortliche X-Verleih auf der Film-Homepage schreibt: „Helge Schneider spielt den Diktator mit der Coolness eines Jazz-Musikers“.
BigDoc: In diesem Zusammenhang möchte ich auf etwas anderes verweisen, was Du auch auf der Homepage von X-Film finden kannst und was Deine Kritik vielleicht etwas mildert. Und zwar ist es ein ziemlich interessantes „Schulheft“ zum Film, unter anderem mit einer bemerkenswerten Arbeit von Georg Seeßlen, der ziemlich überzeugend ausführen kann, warum uns Komödien von den alten Gespensterbilder befreien können. „Man muß vor Hitlers Bild auch lachen, um vor Verzweifelung nicht wahnsinnig zu werden“, schreibt Seeßlen und ich bin sicher, dass Levy nicht den schlechtesten Versuch unternommen hat, diesen Job gut zu erledigen.
Über den Rest muss man streiten. Finde ich auch gut so.
Dienstag, 3. April 2007
Volver
Spanien 2006 - Originaltitel: Volver - Regie: Pedro Almodóvar - Darsteller: Penélope Cruz, Carmen Maura, Lola Dueñas, Blanca Portillo, Yohana Cobo, Chus Lampreave, Antonio De La Torre, Carlos Blanco, Isabel Díaz - FSK: ab 12
Männer spielen im Leben der Frauen keine Rolle mehr, sie sind in „Volver“ kaum noch zu sehen oder liegen auf dem Friedhof: da ist zwar der freundliche Restaurantbesitzer, der von Raimunda (Penelope Cruz) einst zurückgewiesen wurde, auch ein netter junger Mann aus einer Filmcrew wirft ein Auge auf die schöne Heldin, aber vergeblich. Dafür bestimmen (Ehe-)Männer die demütigende und traumatisierende Vergangenheit der Frauen: sie schänden und vergewaltigen ihre Töchter. Auch Raimundas Mann, dessen beschränkter Mikrokosmos eigentlich nur aus Dosenbier und Sportkanal besteht, ist ein Schwein, das mit einem Messer im Bauch endet und nun entsorgt werden muss.
Aus diesem Stoff kann man einen Thriller, ein dröges Sozialdrama oder eine feministische Moritat machen. Almodóvar dagegen hat eine charmante und intelligente Komödie vorgelegt, die vor Lebenslust und visueller Intelligenz nur so funkelt.
Im Mittelpunkt von Almodóvars Film stehen die Frauen – wieder einmal könnte man sagen, aber dazu müsste man die Filmvita des spanischen Regisseurs gründlicher aufrollen („Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“, „Alles über meine Mutter“, „Sprich mit ihr“). Raimunda und Sole, die beiden Schwestern, versuchen beide auf ihre eigene Weise das Leben zu meistern: Raimunda schuftet als Putzfrau, Sole (Lola Dueñas) betreibt einen illegalen Friseursalon. Beide leben in der Stadt, aber ihre Heimat ist La Mancha, der Heimatort Almodóvars und (wie symbolträchtig) die literarische Heimat Cervantes, in der er seinen komischen Helden Don Quichotte angesiedelt hat. Dort sind Eltern der Schwestern bei einem Brand ums Leben gekommen und dort lebt ihre etwas verwirrte Tante Paula und ihre Freundin Agustina.
Als Raimundas Mann seine Stieftochter Paula begrapscht, rammt diese ihm ein Küchenmesser in den Bauch. Vor Zorn bebend, aber auch sehr pragmatisch, lagert Raimunda den toten Ehemann in der Tiefkühltruhe eines kurzfristig geschlossenen Restaurants ein, auf das sie aufpassen soll. Als eine Filmcrew, die ganz in der Nähe arbeitet, bewirtet werden will, nimmt Raimunda ihr Schicksal in die Hand und öffnet das Etablissement in eigener Regie.
Sole, die zur Beerdigung der inzwischen verstorbenen Tante Paula reist, begegnet derweil in deren Haus ihrer toten Mutter und flüchtet in heller Panik. Doch das Gespenst ist listig: Irene (Carmen Maura) versteckt sich im Kofferraum der Tochter, was zu einer Reihe nicht sonderlich gespenstischer, dafür aber höchst komödiantischer Verwicklungen führt.
Natürlich hat Almodóvar keinen Mystery-Thriller gedreht, aber bevor sich alles aufklärt, müssen schon mehrere gordische Knoten durchschlagen werden, was Almodóvar mit leichter Hand löst: da macht Raimunda mit geschickter Improvisationskunst und der unerschöpflichen Solidarität ihrer Freundinnen aus dem Restaurant eine Goldgrube und entsorgt en passant die Leiche ihres Mannes zusammen mit der netten Hure von nebenan. Sole dagegen hat ein Gespenst am Hals, das sie vor ihren Kundinnen als russische Hilfskraft ausgibt, während Paula, die Tochter Raimundas, peu à peu hinter das Geheimnis ihrer Herkunft kommt – ihre Mutter ist nämlich auch ihre Schwester. Und schließlich zeigt es sich, dass es für ein altruistisches Gespenst, das keins ist, besser sein kann als Gespenst weiterzuleben.
„Volver“ ist im Gegensatz zu Almodóvars letzten Filmen stilistisch und inhaltlich weniger komplex, was hoffen lässt, dass sich der filmische Kosmos des Spaniers langsam auch einem breiteren Publikum erschließt. Einfach wird dies nicht, aber „Volver“ ist die denkbar beste Eintrittskarte, denn hier stimmt die tragikomische Balance einfach perfekt: allein die Szene, in der Raimunda mit chaotischer Intelligenz ihr erstes Essen für die Filmcrew zusammenstellt, besitzt eine herrliche Nonchalance. Und wenn sie vor ihren Gästen das herzzerreißende Lied „Volver“ singt, so bremst Almodóvar den sentimentalen Überschwang sofort wieder aus. Abgründe und Grausamkeiten werden dagegen mit unterkühlter Beiläufigkeit serviert, ohne dass ihr ernstes Gegengewicht gefährdet wird.
In einer der schönsten Szenen des Films wird dies besonders deutlich: Raimunda hat ihren Mann mitsamt der Kühltruhe an einem stillen Fluss begraben. In einer kurzen Nahaufnahme zeigt Almodóvar, wie Raimunda etwas in den Baumstamm ritzt. Wenn Raimunda später mit ihrer Mutter und ihrer Tochter an diesen Ort zurückkehren wird, zeigt eine erneute Einstellung, dass sie Geburts- und Todesjahr ihres Mannes im Stamm verewigt hat – er ist, und das wird schnell klar, an seinem Lieblingsplatz beerdigt worden.
So viel paradoxe Zärtlichkeit muss man erst einmal verdauen, aber Almodóvars Figuren tun sowieso selten das, was man von ihnen erwartet. Alle sind immer auf der Suche nach Liebe und Selbstachtung, aber dazu gehen sie mitunter seltsame Wege wie der Krankenpfleger Benigno, der eine komatöse Frau liebt („Sprich mit ihr“, 2002).Das gibt Almodóvars Figuren manchmal eine eigentümliche Freiheit jenseits der gesellschaftlichen Konventionen.
Liebe, Selbstachtung und Solidarität gibt es in „Volver“ allerdings nur noch zwischen Frauen, zwischen Großmüttern, Müttern und Töchtern, eine generationenübergreifende Gemeinschaft, die alle Wunden heilt. Dass Pedro Almodóvars Film für Männer schwer zugänglich ist, sie verstört und sogar tief sitzende Aversionen und Ängste freisetzt, ist kein Wunder.
Ein Wort noch über Penelope Cruz: ich habe sie lange nicht mehr so gut gesehen. Obwohl man es ihr erst nicht glauben will, spielt sie die Rolle einer „einfachen Frau“ mit so viel Energie und Chuzpe, dass man ihr die Vitalität, die natürliche Klugheit, aber auch den Zorn und die Entschlossenheit gegen jede Erfahrung jederzeit glaubt. „Volver“ (Rückkehr) ist somit auch darstellerisch eine Rückkehr zu den Wurzeln ihrer spanischen Karriere, die in Almodóvars „Alles über mein Mutter“ (1999) ihren bisherigen Höhepunkt fand. Darüber sollte man nicht vergessen, dass alle Frauenrollen in „Volver“ exzellent besetzt sind.
Ein Extra-Lob verdient auch Kameramann José Luis Alcaine, der mit einigen sehr schönen Tableaus die skurril-ekstatische Farbenwelt Almodóvars diesmal nur andeutet, aber einigen Einstellungen damit ein besonderes Gewicht verleiht.
„Volver“ erhielt den Europäischen Filmpreis 2006 in den Kategorien „Beste Regie“, „Beste Darstellerin“ (Penélope Cruz), „Beste Filmmusik“ und „Beste Kamera“. Er hat es verdient.
Noten: BigDoc und Klawer jeweils 1, Melonie 2 und Mr. Mendez 3,5. Damit ist „Volver“ trotz einer Abwertung mit einer Durchschnittsnote von 1,9 auf dem besten Weg unter die Top Ten der Jahresauswertung.
Männer spielen im Leben der Frauen keine Rolle mehr, sie sind in „Volver“ kaum noch zu sehen oder liegen auf dem Friedhof: da ist zwar der freundliche Restaurantbesitzer, der von Raimunda (Penelope Cruz) einst zurückgewiesen wurde, auch ein netter junger Mann aus einer Filmcrew wirft ein Auge auf die schöne Heldin, aber vergeblich. Dafür bestimmen (Ehe-)Männer die demütigende und traumatisierende Vergangenheit der Frauen: sie schänden und vergewaltigen ihre Töchter. Auch Raimundas Mann, dessen beschränkter Mikrokosmos eigentlich nur aus Dosenbier und Sportkanal besteht, ist ein Schwein, das mit einem Messer im Bauch endet und nun entsorgt werden muss.
Aus diesem Stoff kann man einen Thriller, ein dröges Sozialdrama oder eine feministische Moritat machen. Almodóvar dagegen hat eine charmante und intelligente Komödie vorgelegt, die vor Lebenslust und visueller Intelligenz nur so funkelt.
Im Mittelpunkt von Almodóvars Film stehen die Frauen – wieder einmal könnte man sagen, aber dazu müsste man die Filmvita des spanischen Regisseurs gründlicher aufrollen („Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“, „Alles über meine Mutter“, „Sprich mit ihr“). Raimunda und Sole, die beiden Schwestern, versuchen beide auf ihre eigene Weise das Leben zu meistern: Raimunda schuftet als Putzfrau, Sole (Lola Dueñas) betreibt einen illegalen Friseursalon. Beide leben in der Stadt, aber ihre Heimat ist La Mancha, der Heimatort Almodóvars und (wie symbolträchtig) die literarische Heimat Cervantes, in der er seinen komischen Helden Don Quichotte angesiedelt hat. Dort sind Eltern der Schwestern bei einem Brand ums Leben gekommen und dort lebt ihre etwas verwirrte Tante Paula und ihre Freundin Agustina.
Als Raimundas Mann seine Stieftochter Paula begrapscht, rammt diese ihm ein Küchenmesser in den Bauch. Vor Zorn bebend, aber auch sehr pragmatisch, lagert Raimunda den toten Ehemann in der Tiefkühltruhe eines kurzfristig geschlossenen Restaurants ein, auf das sie aufpassen soll. Als eine Filmcrew, die ganz in der Nähe arbeitet, bewirtet werden will, nimmt Raimunda ihr Schicksal in die Hand und öffnet das Etablissement in eigener Regie.
Sole, die zur Beerdigung der inzwischen verstorbenen Tante Paula reist, begegnet derweil in deren Haus ihrer toten Mutter und flüchtet in heller Panik. Doch das Gespenst ist listig: Irene (Carmen Maura) versteckt sich im Kofferraum der Tochter, was zu einer Reihe nicht sonderlich gespenstischer, dafür aber höchst komödiantischer Verwicklungen führt.
Natürlich hat Almodóvar keinen Mystery-Thriller gedreht, aber bevor sich alles aufklärt, müssen schon mehrere gordische Knoten durchschlagen werden, was Almodóvar mit leichter Hand löst: da macht Raimunda mit geschickter Improvisationskunst und der unerschöpflichen Solidarität ihrer Freundinnen aus dem Restaurant eine Goldgrube und entsorgt en passant die Leiche ihres Mannes zusammen mit der netten Hure von nebenan. Sole dagegen hat ein Gespenst am Hals, das sie vor ihren Kundinnen als russische Hilfskraft ausgibt, während Paula, die Tochter Raimundas, peu à peu hinter das Geheimnis ihrer Herkunft kommt – ihre Mutter ist nämlich auch ihre Schwester. Und schließlich zeigt es sich, dass es für ein altruistisches Gespenst, das keins ist, besser sein kann als Gespenst weiterzuleben.
„Volver“ ist im Gegensatz zu Almodóvars letzten Filmen stilistisch und inhaltlich weniger komplex, was hoffen lässt, dass sich der filmische Kosmos des Spaniers langsam auch einem breiteren Publikum erschließt. Einfach wird dies nicht, aber „Volver“ ist die denkbar beste Eintrittskarte, denn hier stimmt die tragikomische Balance einfach perfekt: allein die Szene, in der Raimunda mit chaotischer Intelligenz ihr erstes Essen für die Filmcrew zusammenstellt, besitzt eine herrliche Nonchalance. Und wenn sie vor ihren Gästen das herzzerreißende Lied „Volver“ singt, so bremst Almodóvar den sentimentalen Überschwang sofort wieder aus. Abgründe und Grausamkeiten werden dagegen mit unterkühlter Beiläufigkeit serviert, ohne dass ihr ernstes Gegengewicht gefährdet wird.
In einer der schönsten Szenen des Films wird dies besonders deutlich: Raimunda hat ihren Mann mitsamt der Kühltruhe an einem stillen Fluss begraben. In einer kurzen Nahaufnahme zeigt Almodóvar, wie Raimunda etwas in den Baumstamm ritzt. Wenn Raimunda später mit ihrer Mutter und ihrer Tochter an diesen Ort zurückkehren wird, zeigt eine erneute Einstellung, dass sie Geburts- und Todesjahr ihres Mannes im Stamm verewigt hat – er ist, und das wird schnell klar, an seinem Lieblingsplatz beerdigt worden.
So viel paradoxe Zärtlichkeit muss man erst einmal verdauen, aber Almodóvars Figuren tun sowieso selten das, was man von ihnen erwartet. Alle sind immer auf der Suche nach Liebe und Selbstachtung, aber dazu gehen sie mitunter seltsame Wege wie der Krankenpfleger Benigno, der eine komatöse Frau liebt („Sprich mit ihr“, 2002).Das gibt Almodóvars Figuren manchmal eine eigentümliche Freiheit jenseits der gesellschaftlichen Konventionen.
Liebe, Selbstachtung und Solidarität gibt es in „Volver“ allerdings nur noch zwischen Frauen, zwischen Großmüttern, Müttern und Töchtern, eine generationenübergreifende Gemeinschaft, die alle Wunden heilt. Dass Pedro Almodóvars Film für Männer schwer zugänglich ist, sie verstört und sogar tief sitzende Aversionen und Ängste freisetzt, ist kein Wunder.
Ein Wort noch über Penelope Cruz: ich habe sie lange nicht mehr so gut gesehen. Obwohl man es ihr erst nicht glauben will, spielt sie die Rolle einer „einfachen Frau“ mit so viel Energie und Chuzpe, dass man ihr die Vitalität, die natürliche Klugheit, aber auch den Zorn und die Entschlossenheit gegen jede Erfahrung jederzeit glaubt. „Volver“ (Rückkehr) ist somit auch darstellerisch eine Rückkehr zu den Wurzeln ihrer spanischen Karriere, die in Almodóvars „Alles über mein Mutter“ (1999) ihren bisherigen Höhepunkt fand. Darüber sollte man nicht vergessen, dass alle Frauenrollen in „Volver“ exzellent besetzt sind.
Ein Extra-Lob verdient auch Kameramann José Luis Alcaine, der mit einigen sehr schönen Tableaus die skurril-ekstatische Farbenwelt Almodóvars diesmal nur andeutet, aber einigen Einstellungen damit ein besonderes Gewicht verleiht.
„Volver“ erhielt den Europäischen Filmpreis 2006 in den Kategorien „Beste Regie“, „Beste Darstellerin“ (Penélope Cruz), „Beste Filmmusik“ und „Beste Kamera“. Er hat es verdient.
Noten: BigDoc und Klawer jeweils 1, Melonie 2 und Mr. Mendez 3,5. Damit ist „Volver“ trotz einer Abwertung mit einer Durchschnittsnote von 1,9 auf dem besten Weg unter die Top Ten der Jahresauswertung.
Donnerstag, 29. März 2007
Wer früher stirbt, ist länger tot
Deutschland 2006 - Regie: Marcus H. Rosenmüller - Darsteller: Markus Krojer, Fritz Karl, Jule Ronstedt, Jürgen Tonkel, Saskia Vester, Franz Xaver Brückner, Johann Schuler, Sepp Schauer - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 6 - Länge: 104 min.
Wer glaubt diesen Film ohne Untertitel sehen zu können, ist entweder Bayer oder völlig ahnungslos. Der Filmclub resignierte bereits nach wenigen Minuten. Unisono wurden die aufklärenden Subtitles verlangt und alle belohnten sich für diese Konsequenz mit einer der witzigsten und intelligentesten Komödien der letzten Monate. So ist das halt mit den Nordlichtern: wollen ihnen die Bayern nicht auf ewig fremd bleiben, müssen sie zur Fernbedienung greifen. Wenn das auch in der Politik klappen würde, gäbe es sicher einen weiteren Anlass zur Freude.
Sebastian ist mit seinen 11 Jahren ein bayerischer Lausbub mit Charme und einem fatalen Hang, permanent Katastrophen auszulösen. Als er nach einem für die Hasen seines Bruders äußerst letalen Streich erfährt, dass seine Mutter bei seiner Geburt gestorben ist und er somit daran schuld sei, beginnt eine tour de force zwischen Schuldgefühlen und den wildesten Versuchen, sich von seinen „Sünden“ rein zu waschen – oder zumindest unsterblich zu werden, damit einem dann doch das Fegefeuer erspart bleibt. Und so beschließt Sebastian, nur noch gute Taten zu vollbringen.
Natürlich geht das alles nicht gut und so werden Hasen bei Wiederbelebungsversuchen gesprengt, Katzen lerneifrig ersäuft und sterbenskranke Greisinnen in eine rasende Talfahrt geschickt – im Bett natürlich. Je aufrichtiger Sebastians Bemühungen sind, desto schlimmer wird alles und in Verdrehung von Goethe bleibt nur das Fazit: er ist der Geist, der stets bejaht und doch nur Katastrophen schafft. Und über allem thront der Radiomoderator Alfred in bergiger Höhe und der hält für den Bub die Erkenntnis bereit, dass nur die Musik unsterblich macht. Doch wie wird man ein zweiter Jim Hendrix?
Eine Million hat der Film von Marcus H. Rosenmüller im vergangenen Sommer in die Kinos gelockt und nun ist zu hoffen, dass die frisch erschienene DVD dem Film zu einer weiteren Verbreitung verhilft und möglichst bald auch die Nordfriesen erreicht, denn nach manch halbidiotischer deutscher Komödie ist „Wer früher stirbt, ist länger tot“ ein funkelnder Stern am Komödienhimmel, über den man einfach nur begeistert sein kann.
Rosenmüller hat das Kunststück fertig gebracht, witzige und (fast) unverbrauchte Gags und originelle Dialoge mit einer nuancierten Handlung zu kombinieren, in der die Seelenpein des Helden im wahrsten Sinne des Wortes todernst genommen wird. Nicht nur dies rettet den Film vor den humoristischen Abgründen schenkelklopfender Klamotten, sondern auch die Glaubwürdigkeit seines Hauptdarstellers Marcus Krojer. Der Humor ist mal derb, dann wieder subtil und der gelegentliche Schuss Traurigkeit ist als Zutat nun mal vonnöten, damit eine Komödie so schmackhaft wird wie ein leckerer Hasenbraten.
Na ja, das mit Hasenbraten hätte ich besser nicht geschrieben, aber das versteht man erst, wenn man den Film gesehen hat.
Klawer 2, BigDoc 2,5, Melonie 2,5 und Mr. Mendez 2,5.
Wer glaubt diesen Film ohne Untertitel sehen zu können, ist entweder Bayer oder völlig ahnungslos. Der Filmclub resignierte bereits nach wenigen Minuten. Unisono wurden die aufklärenden Subtitles verlangt und alle belohnten sich für diese Konsequenz mit einer der witzigsten und intelligentesten Komödien der letzten Monate. So ist das halt mit den Nordlichtern: wollen ihnen die Bayern nicht auf ewig fremd bleiben, müssen sie zur Fernbedienung greifen. Wenn das auch in der Politik klappen würde, gäbe es sicher einen weiteren Anlass zur Freude.
Sebastian ist mit seinen 11 Jahren ein bayerischer Lausbub mit Charme und einem fatalen Hang, permanent Katastrophen auszulösen. Als er nach einem für die Hasen seines Bruders äußerst letalen Streich erfährt, dass seine Mutter bei seiner Geburt gestorben ist und er somit daran schuld sei, beginnt eine tour de force zwischen Schuldgefühlen und den wildesten Versuchen, sich von seinen „Sünden“ rein zu waschen – oder zumindest unsterblich zu werden, damit einem dann doch das Fegefeuer erspart bleibt. Und so beschließt Sebastian, nur noch gute Taten zu vollbringen.
Natürlich geht das alles nicht gut und so werden Hasen bei Wiederbelebungsversuchen gesprengt, Katzen lerneifrig ersäuft und sterbenskranke Greisinnen in eine rasende Talfahrt geschickt – im Bett natürlich. Je aufrichtiger Sebastians Bemühungen sind, desto schlimmer wird alles und in Verdrehung von Goethe bleibt nur das Fazit: er ist der Geist, der stets bejaht und doch nur Katastrophen schafft. Und über allem thront der Radiomoderator Alfred in bergiger Höhe und der hält für den Bub die Erkenntnis bereit, dass nur die Musik unsterblich macht. Doch wie wird man ein zweiter Jim Hendrix?
Eine Million hat der Film von Marcus H. Rosenmüller im vergangenen Sommer in die Kinos gelockt und nun ist zu hoffen, dass die frisch erschienene DVD dem Film zu einer weiteren Verbreitung verhilft und möglichst bald auch die Nordfriesen erreicht, denn nach manch halbidiotischer deutscher Komödie ist „Wer früher stirbt, ist länger tot“ ein funkelnder Stern am Komödienhimmel, über den man einfach nur begeistert sein kann.
Rosenmüller hat das Kunststück fertig gebracht, witzige und (fast) unverbrauchte Gags und originelle Dialoge mit einer nuancierten Handlung zu kombinieren, in der die Seelenpein des Helden im wahrsten Sinne des Wortes todernst genommen wird. Nicht nur dies rettet den Film vor den humoristischen Abgründen schenkelklopfender Klamotten, sondern auch die Glaubwürdigkeit seines Hauptdarstellers Marcus Krojer. Der Humor ist mal derb, dann wieder subtil und der gelegentliche Schuss Traurigkeit ist als Zutat nun mal vonnöten, damit eine Komödie so schmackhaft wird wie ein leckerer Hasenbraten.
Na ja, das mit Hasenbraten hätte ich besser nicht geschrieben, aber das versteht man erst, wenn man den Film gesehen hat.
Klawer 2, BigDoc 2,5, Melonie 2,5 und Mr. Mendez 2,5.
Dienstag, 27. März 2007
Road to Guantánamo
Großbritannien 2006 - Originaltitel: The Road to Guantánamo - Regie: Michael Winterbottom, Mat Whitecross - Darsteller: Rizwan Ahmed, Farhad Harun, Waqar Siddiqui, Arfan Usman, Shahid Iqbal, Adam James, Jason Salkey - FSK: ab 12 - Länge: 95 min.
Dass Guantánamo ein Skandal ist und gegen alles verstößt, was zumindest im humanistisch aufgeklärten Europa partei- und weltanschauungsübergreifend in der politischen Agenda der Parteien und Medien verortet ist, muss nicht gesagt werden. Selbst konservative Gazetten zeigen sich ob der perfiden Rechtsbeugung der Amerikaner gramgebeugt. Und das will einiges heißen. Was in Guantánamo geschieht, zeigt Michael Winterbottom in seinem neuesten Film – und das sogar in entschärfter Form. Für diesen Appellfilm haben er und sein Ko-Regisseur Mat Whitecross auf der Berlinale 2006 den Silbernen Bären für die „Beste Regie“ erhalten. Nun tauchen Zweifel auf und zumindest einiges deutet darauf hin, dass „Road to Guantánamo“ vielleicht doch nur gut gemeintes und etwas naives Agitprop-Kino ist.
Vier junge, britische Muslime reisen im September 2001 aus der Nähe von Tipton (Birmingham) zu einer Hochzeit nach Pakistan. Nach einem Moscheebesuch beschließen sie, mit dem Bus nach Afghanistan zu fahren – sie wollen dort Fladenbrot essen, vielleicht auch helfen und das Land kennen lernen. Als sie in Kandahar ankommen, geraten sie in die Kämpfe der Nord-Allianz und der Amerikaner gegen das Taliban-Regime.
Ruhel, Asif, Shafiq und Monir verlieren sich prompt in den Kriegswirren und werden als potentielle Terrorkämpfer festgenommen. Monir verschwindet spurlos, die anderen drei werden den Amerikanern übergeben, brutal verhört und nach einer ersten Internierung nach Guantánamo auf Kuba ausgeflogen – auf den berüchtigten Stützpunkt der US-Marine. Dort werden sie in einem völlig rechtsfreien Raum zwei Jahre lang unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten, dann aber ohne weitere Erklärungen frei gelassen. Der Vorwurf, sie seien vor dem 11. September Al-Qaida-Kämpfer oder zumindest Sympathisanten gewesen und könnten auf Videos und Fotos identifiziert werden, erweist sich angesichts wasserdichter Alibis als haltlos.
Winterbottom hat das Ganze als gewollt unelegantes, digital produziertes Dokudrama in Szene gesetzt: fiktive Szenen wechseln mit Wochenschau- und Archivmaterialien (ohne Quellenhinweis, was ärgerlich genug ist) ab, die drei überlebenden Muslime, bekannt auch als die „Tipton Three“, kommentieren in kurzen Statements das Geschehen. Als einzige besitzen sie Namen und Gesicht, ihre Peiniger dagegen bleiben weitgehend anonym.
Die tendenziöse Mischung von subjektiver Perspektive und authentisierender Ästhetik verfehlt nicht ihre Wirkung – der Film hinterlässt erzeugt eine suggestiv-realistische Unmittelbarkeit, informiert aber nur vage und hinterlässt zuallererst emotional seine Spuren beim Zuschauer. Zweifelnde Fragen kann der Film schon beim ersten Hinschauen nicht beiseite schieben: Warum wird mit keiner Silbe der Terroranschlag des 11. September erwähnt? Was bewegt vier junge britische Muslime unmittelbar nach dem Anschlag auf das World Trade Center zu einem Trip nach Afghanistan? Das Interesse an super-großen Fladenbroten? Neugier? Der Wunsch zu helfen? Wie denn, im großen Reich der Taliban?
Winterbottom gibt keine Antworten, die „Tipton Three“ auch nicht.
Gut, naiv kann man sein und so rutscht man vielleicht auch einmal völlig unbedarft über die pakistanisch-afghanische Grenze, aber das ist nicht das Problem. Weitaus unangenehmer ist die Frage, ob ein Regisseur die Aussagen seiner Protagonisten 1:1 in eine filmische Fiktion überführen darf und dabei das Risiko eingeht, die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion unscharf zu machen. Denn: Was bei einer frei erfundenen Ausgangssituation weitgehend unproblematisch gewesen wäre, gerät im Kino sofort auf den Prüfstand, wenn der Kern der Geschichte auf einer authentischen Episode basiert.
Die Kritik hat sich nicht grundlos über Winterbottoms filmisches Vorgehen zerstritten. Auch der Vorwurf, im dokumentarischen Teil der Gegenseite nicht den geringsten Raum einer Darstellung der politischen und strategischen Motive gewährt zu haben, ist nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. Allerdings ist es auch nicht das erste Mal, dass radikale und ethisch fundierte Kritik messerscharf und tendenziös ist, ohne dabei die moralische Integrität zu verlieren.
Es blieb aber der liberalen ZEIT vorbehalten, durch gründliche recherchierte Artikel einige Zweifel an den Erklärungsversuchen der „Tipton Three“ entstehen zu lassen. Ich will nicht auf Details eingehen, denn diese Informationen lassen sich recht einfach nachrecherchieren und sind im Grunde auch völlig belanglos für das, was Winterbottom eigentlich im Fokus hat: Das System der Stress- und Beugefolter in Guantánamo und die Ignoranz der Bush-Administration gegenüber dem Internationalen Recht. Dies gelingt auch und dort hat der Film seine stärksten Momente, denn was „Road to Guantánamo“ zeigt, und da sind sich Experten weitgehende einig, liegt noch deutlich unter dem, was in dem Lager tatsächlich passiert.
Aber mal ganz ehrlich: wäre es nicht viel konsequenter gewesen, eine Geschichte über einen echten Al-Qaida-Kämpfer zu erzählen, der in dem Marine-Lager gefoltert wird? Denn in Guantánamo geht es in erster Linie nicht darum, dass Unschuldige (was natürlich schrecklich genug ist) misshandelt werden, sondern dass weitgehend universell anerkannte Rechtsgrundlagen gebeugt werden.
Apropos: beim Schreiben dieser Zeilen legten die Nachrichtenagenturen die Info auf den Ticker, dass zum ersten Mal (sic!) ein Inhaftierter seine Zugehörigkeit zu Al-Qaida gestanden hat. Nach sechs Jahren. Es handelt sich um einen Australier, der nun den heimischen Strafbehörden überstellt wird.
Trotz heftiger Debatten war der Filmclub unisono von der aufklärerischen Qualität des Films überzeugt: Mr. Mendez: 2,5, Melonie 2,5, BigDoc 1,5, Klawer 2.
Dass Guantánamo ein Skandal ist und gegen alles verstößt, was zumindest im humanistisch aufgeklärten Europa partei- und weltanschauungsübergreifend in der politischen Agenda der Parteien und Medien verortet ist, muss nicht gesagt werden. Selbst konservative Gazetten zeigen sich ob der perfiden Rechtsbeugung der Amerikaner gramgebeugt. Und das will einiges heißen. Was in Guantánamo geschieht, zeigt Michael Winterbottom in seinem neuesten Film – und das sogar in entschärfter Form. Für diesen Appellfilm haben er und sein Ko-Regisseur Mat Whitecross auf der Berlinale 2006 den Silbernen Bären für die „Beste Regie“ erhalten. Nun tauchen Zweifel auf und zumindest einiges deutet darauf hin, dass „Road to Guantánamo“ vielleicht doch nur gut gemeintes und etwas naives Agitprop-Kino ist.
Vier junge, britische Muslime reisen im September 2001 aus der Nähe von Tipton (Birmingham) zu einer Hochzeit nach Pakistan. Nach einem Moscheebesuch beschließen sie, mit dem Bus nach Afghanistan zu fahren – sie wollen dort Fladenbrot essen, vielleicht auch helfen und das Land kennen lernen. Als sie in Kandahar ankommen, geraten sie in die Kämpfe der Nord-Allianz und der Amerikaner gegen das Taliban-Regime.
Ruhel, Asif, Shafiq und Monir verlieren sich prompt in den Kriegswirren und werden als potentielle Terrorkämpfer festgenommen. Monir verschwindet spurlos, die anderen drei werden den Amerikanern übergeben, brutal verhört und nach einer ersten Internierung nach Guantánamo auf Kuba ausgeflogen – auf den berüchtigten Stützpunkt der US-Marine. Dort werden sie in einem völlig rechtsfreien Raum zwei Jahre lang unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten, dann aber ohne weitere Erklärungen frei gelassen. Der Vorwurf, sie seien vor dem 11. September Al-Qaida-Kämpfer oder zumindest Sympathisanten gewesen und könnten auf Videos und Fotos identifiziert werden, erweist sich angesichts wasserdichter Alibis als haltlos.
Winterbottom hat das Ganze als gewollt unelegantes, digital produziertes Dokudrama in Szene gesetzt: fiktive Szenen wechseln mit Wochenschau- und Archivmaterialien (ohne Quellenhinweis, was ärgerlich genug ist) ab, die drei überlebenden Muslime, bekannt auch als die „Tipton Three“, kommentieren in kurzen Statements das Geschehen. Als einzige besitzen sie Namen und Gesicht, ihre Peiniger dagegen bleiben weitgehend anonym.
Die tendenziöse Mischung von subjektiver Perspektive und authentisierender Ästhetik verfehlt nicht ihre Wirkung – der Film hinterlässt erzeugt eine suggestiv-realistische Unmittelbarkeit, informiert aber nur vage und hinterlässt zuallererst emotional seine Spuren beim Zuschauer. Zweifelnde Fragen kann der Film schon beim ersten Hinschauen nicht beiseite schieben: Warum wird mit keiner Silbe der Terroranschlag des 11. September erwähnt? Was bewegt vier junge britische Muslime unmittelbar nach dem Anschlag auf das World Trade Center zu einem Trip nach Afghanistan? Das Interesse an super-großen Fladenbroten? Neugier? Der Wunsch zu helfen? Wie denn, im großen Reich der Taliban?
Winterbottom gibt keine Antworten, die „Tipton Three“ auch nicht.
Gut, naiv kann man sein und so rutscht man vielleicht auch einmal völlig unbedarft über die pakistanisch-afghanische Grenze, aber das ist nicht das Problem. Weitaus unangenehmer ist die Frage, ob ein Regisseur die Aussagen seiner Protagonisten 1:1 in eine filmische Fiktion überführen darf und dabei das Risiko eingeht, die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion unscharf zu machen. Denn: Was bei einer frei erfundenen Ausgangssituation weitgehend unproblematisch gewesen wäre, gerät im Kino sofort auf den Prüfstand, wenn der Kern der Geschichte auf einer authentischen Episode basiert.
Die Kritik hat sich nicht grundlos über Winterbottoms filmisches Vorgehen zerstritten. Auch der Vorwurf, im dokumentarischen Teil der Gegenseite nicht den geringsten Raum einer Darstellung der politischen und strategischen Motive gewährt zu haben, ist nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. Allerdings ist es auch nicht das erste Mal, dass radikale und ethisch fundierte Kritik messerscharf und tendenziös ist, ohne dabei die moralische Integrität zu verlieren.
Es blieb aber der liberalen ZEIT vorbehalten, durch gründliche recherchierte Artikel einige Zweifel an den Erklärungsversuchen der „Tipton Three“ entstehen zu lassen. Ich will nicht auf Details eingehen, denn diese Informationen lassen sich recht einfach nachrecherchieren und sind im Grunde auch völlig belanglos für das, was Winterbottom eigentlich im Fokus hat: Das System der Stress- und Beugefolter in Guantánamo und die Ignoranz der Bush-Administration gegenüber dem Internationalen Recht. Dies gelingt auch und dort hat der Film seine stärksten Momente, denn was „Road to Guantánamo“ zeigt, und da sind sich Experten weitgehende einig, liegt noch deutlich unter dem, was in dem Lager tatsächlich passiert.
Aber mal ganz ehrlich: wäre es nicht viel konsequenter gewesen, eine Geschichte über einen echten Al-Qaida-Kämpfer zu erzählen, der in dem Marine-Lager gefoltert wird? Denn in Guantánamo geht es in erster Linie nicht darum, dass Unschuldige (was natürlich schrecklich genug ist) misshandelt werden, sondern dass weitgehend universell anerkannte Rechtsgrundlagen gebeugt werden.
Apropos: beim Schreiben dieser Zeilen legten die Nachrichtenagenturen die Info auf den Ticker, dass zum ersten Mal (sic!) ein Inhaftierter seine Zugehörigkeit zu Al-Qaida gestanden hat. Nach sechs Jahren. Es handelt sich um einen Australier, der nun den heimischen Strafbehörden überstellt wird.
Trotz heftiger Debatten war der Filmclub unisono von der aufklärerischen Qualität des Films überzeugt: Mr. Mendez: 2,5, Melonie 2,5, BigDoc 1,5, Klawer 2.
Freitag, 23. März 2007
Geheime Staatsaffären
Frankreich / Deutschland 2005 - Originaltitel: L'Ivresse du Pouvoir - Regie: Claude Chabrol - Darsteller: Isabelle Huppert, François Berléand, Patrick Bruel - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 110 min.
Man stelle sich einmal vor, dass Volker Schlöndorff einen Film über die Leuna-Affäre macht und eine Million Deutsche laufen ins Kino und schauen sich den Film über einen Korruptionsskandal an, über den nicht einmal deutsche oder europäische Gerichte ermitteln wollen. Undenkbar? Ja. In Deutschland existiert keine politische Filmkultur wie in anderen europäischen Ländern. Vielleicht ist der Bedarf zu hoch.
In Frankreich haben eine Million Menschen Claude Chabrols „L´Ivresse du Puvoir“ gesehen, weil der Skandal um Elf Aquitaine die Nation schwer erschütterte und im Nachbarland immerhin energisch ermittelt wurde. Von Eva Joly, einer unerschütterlichen Untersuchungsrichterin, die Politiker, Manager und Wirtschaftsbosse auf die Anklagebank brachte, weil diese nicht nur über 300 Mio. Euro zur Bestechung ausländischer Regierungen eingesetzt, sondern auch selbst kräftig in die Kasse des Staatsunternehmens gegriffen hatten. Und das gewiss nicht aus edlen Motiven: Mögen die Mächtigen des Öls auch den einen oder anderen faszinieren, so haben die Granden am Ende nichts anderes zu bieten als ihr Verlangen nach einer jungen knackigen Geliebten oder nach Schuhen für 1.500 €. Darauf läuft es am Ende auch in „Geheime Staatsaffären“ hinaus und hierzulande muss man nur nach Wolfsburg schauen. Aber darüber wird man wahrscheinlich keinen Film machen.
„Geheime Staatsaffären“ liegt nun als DVD vor, bei der sich besonders das vorzügliche „Making of“ lohnt, in dem man eine ganze Menge über die spitzbübische Philosophie des Filmemachers erfährt, der sich durchaus bewusst ist, dass filmische Fiktionen nichts an der Realität ändern und keine Revolutionen auslösen. Aber politische Filme verhindern wenigsten, dass sie durch schlechte und nutzlose ersetzt werden, verrät uns Chabrol verschmitzt. Und das ist ja schon mal ein Anfang.
Im Mittelpunkt von Claude Chabrols Film steht die Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman (Isabelle Huppert), die wunderbare rote Handschuhe trägt und schon am Anfang ihrer Ermittlungen einige Bosse zwingt, ihre Hosen runterzulassen. Dies ist buchstäblich zu nehmen. Die Verve, die sie sichtbar genießt und mit der sie unter den Mächtigen aufräumt, wird bald lästig und daher zunehmend erfolgreich. Bedrohungen und Bespitzelungen nehmen zu und auch ihr Privatleben scheint spätestens in dem Moment zu zerbrechen, als zwei Leibwächter im Flur vor ihrem Schlafzimmer Platz nehmen. Aber wie so oft gehen auch in „Geheime Staatsaffären“ Chabrols Heldinnen über Leichen, wenn sie erst einmal Witterung aufgenommen haben. Charmant-Killman scheitert am Ende zwar nicht, aber sie hat auch keinen durchschlagenden Erfolg: innerhalb des Justizministeriums nach oben befördert und zunehmen isoliert, resigniert sie am Ende fast spöttisch. Immerhin hat sie ein paar kleine Fische erledigt und ein paar mittlere dazu. An die großen Hechte kommt sie nicht ran, aber so ganz hat dies auch Eva Joly nicht geschafft, die immerhin Außenminister Roland Dumas auf die Anklagebank beförderte, wo er dann freigesprochen wurde.
Chabrol hat allerdings keinen Film über Elf Aquitaine gemacht, sondern über die Verführung der Macht. Isabelle Huppert als zerbrechliche, aber harte Inquisitorin hat längst an ihrer Macht Gefallen gefunden und präsentiert die entsprechenden Insignien nicht ohne den erforderlichen Schuss Narzissmus. Auch ihre subtil demütigenden Verhöre nehmen die juristische Bestrafung der Delinquenten vorweg. Ihr Lernprozess, und der des Zuschauers, besteht darin zu erfahren, dass sie nur so viel Macht hat, wie man ihr gewährt.
"Der Film hat Bezüge zur Realität, aber er ist viel harmloser als die Wirklichkeit", erzählt Chabrol im „Making of“. "Das habe ich mit Absicht gemacht, denn ich wollte den Mächtigen eins auswischen. Es ist seltsam, aber die meisten Menschen glauben, dass ein Film, der explizit politisch ist, die Mächtigen härter trifft. Doch die Leute, denen man eins auswischen wollte, reden sich dann heraus, indem sie sagen: Das ist doch bloß ein Film. Wenn man aber mit seinem Film ein kleines bisschen unterhalb der Realität bleibt, können sie nichts mehr sagen. Der Film schockiert und jeder weiß: Die Wirklichkeit ist noch viel schockierender."
Allerdings, darüber muss man sich keine Illusionen machen, dürfte ein Normalsterblicher kaum verstehen, wie die Tricks und Machenschaften des Geldverschiebens im Einzelnen funktionieren. Wie Elf Aquitaine international zusammen mit verschiedenen französischen Regierungen Politik gemacht hat, kann man recht schnell via Google erfahren. Und wie immer waren die Beteiligten (natürlich ausnahmslos Männer) fest davon überzeugt, im Interesse der Nation zu handeln. Und etwas Lebensart muss schließlich auch sein, wenn man auf dem Weg nach ganz oben nebenbei zum alten Sack geworden ist: Villen, Frauen, Anzüge, Schuhe und exzentrische Sonnenbrillen. Kein Wunder, dass bei Chabrol die Farce und die Karikatur nicht weit entfernt sind, wenn die Bosse tatsächlich mal im Bild erscheinen. So und nicht anders dürfte sich auch Lieschen Müller die Sache vorstellen und wahrscheinlich ist es auch nicht mehr.
Oder doch? In „Geheime Staatsaffären“ hat sich Chabrol eine Figur ins Buch geschrieben, die ihm wohl als Stichwortgeber dienen sollte: es ist Felix, der Neffe der Richterin, ein Bonvivant, der über allem steht und alles weiß (woher eigentlich?) und letztlich im Namen seines Schöpfers dunkel andeutet, dass es die globalisierte Weltwirtschaft ist, der wir moralisch nicht gewachsen sind. Das sind natürlich keine neuen und auch keine schönen Aussichten. Und etwas Ohnmacht entsteht da auch in den Köpfen, obwohl Isabelle Hupperts Rachefeldzug so manchem Altlinken die Tränen des Glücks in die Augen treiben dürfte.
Eva Joly hat dagegen wenig Freude an Chabrols Film gehabt. Sie ist sogar vor Gericht gezogen. Chabrol, so ihre Quintessenz, verharmlose die realen Vorbilder und entmutige die Menschen. In der Realität hat sich Jolys Mann das Leben genommen, im Film bleibt es bei einem Selbstmordversuch. Und in der Wirklichkeit dürfte die echte Richterin wohl auch keine roten Handschuhe getragen haben.
Wie auch immer: Claude Chabrol hat mit seinem Film wieder einen Volltreffer gelandet, denn gemäß seiner Philosophie soll der Zuschauer intelligent unterhalten werden, wenn er aufgeklärt wird. Zumindest das ist ihm und Isabelle Huppert vorzüglich gelungen: Pikante und messerscharfe Dialoge sorgen für einen sarkastischen Charme, der dem Zuschauer vorgaukelt, man könne doch etwas gegen „die da oben“ machen.
Noten
BigDoc: 1,5
Man stelle sich einmal vor, dass Volker Schlöndorff einen Film über die Leuna-Affäre macht und eine Million Deutsche laufen ins Kino und schauen sich den Film über einen Korruptionsskandal an, über den nicht einmal deutsche oder europäische Gerichte ermitteln wollen. Undenkbar? Ja. In Deutschland existiert keine politische Filmkultur wie in anderen europäischen Ländern. Vielleicht ist der Bedarf zu hoch.
In Frankreich haben eine Million Menschen Claude Chabrols „L´Ivresse du Puvoir“ gesehen, weil der Skandal um Elf Aquitaine die Nation schwer erschütterte und im Nachbarland immerhin energisch ermittelt wurde. Von Eva Joly, einer unerschütterlichen Untersuchungsrichterin, die Politiker, Manager und Wirtschaftsbosse auf die Anklagebank brachte, weil diese nicht nur über 300 Mio. Euro zur Bestechung ausländischer Regierungen eingesetzt, sondern auch selbst kräftig in die Kasse des Staatsunternehmens gegriffen hatten. Und das gewiss nicht aus edlen Motiven: Mögen die Mächtigen des Öls auch den einen oder anderen faszinieren, so haben die Granden am Ende nichts anderes zu bieten als ihr Verlangen nach einer jungen knackigen Geliebten oder nach Schuhen für 1.500 €. Darauf läuft es am Ende auch in „Geheime Staatsaffären“ hinaus und hierzulande muss man nur nach Wolfsburg schauen. Aber darüber wird man wahrscheinlich keinen Film machen.
„Geheime Staatsaffären“ liegt nun als DVD vor, bei der sich besonders das vorzügliche „Making of“ lohnt, in dem man eine ganze Menge über die spitzbübische Philosophie des Filmemachers erfährt, der sich durchaus bewusst ist, dass filmische Fiktionen nichts an der Realität ändern und keine Revolutionen auslösen. Aber politische Filme verhindern wenigsten, dass sie durch schlechte und nutzlose ersetzt werden, verrät uns Chabrol verschmitzt. Und das ist ja schon mal ein Anfang.
Im Mittelpunkt von Claude Chabrols Film steht die Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman (Isabelle Huppert), die wunderbare rote Handschuhe trägt und schon am Anfang ihrer Ermittlungen einige Bosse zwingt, ihre Hosen runterzulassen. Dies ist buchstäblich zu nehmen. Die Verve, die sie sichtbar genießt und mit der sie unter den Mächtigen aufräumt, wird bald lästig und daher zunehmend erfolgreich. Bedrohungen und Bespitzelungen nehmen zu und auch ihr Privatleben scheint spätestens in dem Moment zu zerbrechen, als zwei Leibwächter im Flur vor ihrem Schlafzimmer Platz nehmen. Aber wie so oft gehen auch in „Geheime Staatsaffären“ Chabrols Heldinnen über Leichen, wenn sie erst einmal Witterung aufgenommen haben. Charmant-Killman scheitert am Ende zwar nicht, aber sie hat auch keinen durchschlagenden Erfolg: innerhalb des Justizministeriums nach oben befördert und zunehmen isoliert, resigniert sie am Ende fast spöttisch. Immerhin hat sie ein paar kleine Fische erledigt und ein paar mittlere dazu. An die großen Hechte kommt sie nicht ran, aber so ganz hat dies auch Eva Joly nicht geschafft, die immerhin Außenminister Roland Dumas auf die Anklagebank beförderte, wo er dann freigesprochen wurde.
Chabrol hat allerdings keinen Film über Elf Aquitaine gemacht, sondern über die Verführung der Macht. Isabelle Huppert als zerbrechliche, aber harte Inquisitorin hat längst an ihrer Macht Gefallen gefunden und präsentiert die entsprechenden Insignien nicht ohne den erforderlichen Schuss Narzissmus. Auch ihre subtil demütigenden Verhöre nehmen die juristische Bestrafung der Delinquenten vorweg. Ihr Lernprozess, und der des Zuschauers, besteht darin zu erfahren, dass sie nur so viel Macht hat, wie man ihr gewährt.
"Der Film hat Bezüge zur Realität, aber er ist viel harmloser als die Wirklichkeit", erzählt Chabrol im „Making of“. "Das habe ich mit Absicht gemacht, denn ich wollte den Mächtigen eins auswischen. Es ist seltsam, aber die meisten Menschen glauben, dass ein Film, der explizit politisch ist, die Mächtigen härter trifft. Doch die Leute, denen man eins auswischen wollte, reden sich dann heraus, indem sie sagen: Das ist doch bloß ein Film. Wenn man aber mit seinem Film ein kleines bisschen unterhalb der Realität bleibt, können sie nichts mehr sagen. Der Film schockiert und jeder weiß: Die Wirklichkeit ist noch viel schockierender."
Allerdings, darüber muss man sich keine Illusionen machen, dürfte ein Normalsterblicher kaum verstehen, wie die Tricks und Machenschaften des Geldverschiebens im Einzelnen funktionieren. Wie Elf Aquitaine international zusammen mit verschiedenen französischen Regierungen Politik gemacht hat, kann man recht schnell via Google erfahren. Und wie immer waren die Beteiligten (natürlich ausnahmslos Männer) fest davon überzeugt, im Interesse der Nation zu handeln. Und etwas Lebensart muss schließlich auch sein, wenn man auf dem Weg nach ganz oben nebenbei zum alten Sack geworden ist: Villen, Frauen, Anzüge, Schuhe und exzentrische Sonnenbrillen. Kein Wunder, dass bei Chabrol die Farce und die Karikatur nicht weit entfernt sind, wenn die Bosse tatsächlich mal im Bild erscheinen. So und nicht anders dürfte sich auch Lieschen Müller die Sache vorstellen und wahrscheinlich ist es auch nicht mehr.
Oder doch? In „Geheime Staatsaffären“ hat sich Chabrol eine Figur ins Buch geschrieben, die ihm wohl als Stichwortgeber dienen sollte: es ist Felix, der Neffe der Richterin, ein Bonvivant, der über allem steht und alles weiß (woher eigentlich?) und letztlich im Namen seines Schöpfers dunkel andeutet, dass es die globalisierte Weltwirtschaft ist, der wir moralisch nicht gewachsen sind. Das sind natürlich keine neuen und auch keine schönen Aussichten. Und etwas Ohnmacht entsteht da auch in den Köpfen, obwohl Isabelle Hupperts Rachefeldzug so manchem Altlinken die Tränen des Glücks in die Augen treiben dürfte.
Eva Joly hat dagegen wenig Freude an Chabrols Film gehabt. Sie ist sogar vor Gericht gezogen. Chabrol, so ihre Quintessenz, verharmlose die realen Vorbilder und entmutige die Menschen. In der Realität hat sich Jolys Mann das Leben genommen, im Film bleibt es bei einem Selbstmordversuch. Und in der Wirklichkeit dürfte die echte Richterin wohl auch keine roten Handschuhe getragen haben.
Wie auch immer: Claude Chabrol hat mit seinem Film wieder einen Volltreffer gelandet, denn gemäß seiner Philosophie soll der Zuschauer intelligent unterhalten werden, wenn er aufgeklärt wird. Zumindest das ist ihm und Isabelle Huppert vorzüglich gelungen: Pikante und messerscharfe Dialoge sorgen für einen sarkastischen Charme, der dem Zuschauer vorgaukelt, man könne doch etwas gegen „die da oben“ machen.
Noten
BigDoc: 1,5
Mittwoch, 21. März 2007
Nacho Libre
"Luchadores" heißen die Akteure im mexikanischen Wrestling ("Lucha libre"), das im Gegensatz zu den Schaukämpfen der amerikanischen WWE hierzulande völlig unbekannt ist. Vielleicht zu Unrecht, denn Artistik und Choreographie des mexikanischen Wrestling sind spektakulär und dem Geschehen der US-Profiligen meist überlegen. Jared Hess hat durchaus ein Faible für diese Variante des Profiringens, scheitert aber mit "Nacho Libre" auf geradezu jämmerliche Weise.
Da kann auch Komiker Jack Black ("School of Rock") nicht viel retten, aber vielleicht war dies ohnehin nicht zu erwarten. Black spielt Ignatio, einen Klosterbruder, der heimlich und völlig talentfrei zusammen mit dem potthäßlichen und spindeldürren Esqueleto als Wrestler "Nacho" auftritt, um die Waisenkinder in seinem Kloster mit besserem Essen zu versorgen. Dass er sich in die hübsche Nonne Encarnacion verliebt, soll dem Film einen charmanten und garantiert erotikfreien Touch geben.
Bei aller Liebe, aber die Errettung der amerikanischen Komödie ist dies nicht, wie allen Ernstes ein Kritiker behauptete. Aber wenn sich der Film an durchschnittlich intelligente Achtjährige richtet, die sich über ein harmloses und fast gewaltfreies Ringvergnügen amüsieren wollen, dann ist "Nacho libre" sicher ein Volltreffer. Dialoge und ruppig-infantiler Witz sind perfekt auf diese Zielgruppe abgestimmt.
Wenn etwas an diesem Film in der Erinnerung haften bleibt, dann ist dies der einfache Erzähl- und Kamerastil, mit dem Jared Hess sein Melodram in Szene setzt: bei den Ringkämpfen verzichtet er auf die spektakulären Schnitttechnik, wie man sie aus TV-Wrestling-Shows gewöhnt ist, sondern setzt überwiegend auf eine erhöhte Totale, die nur durch wenige Schnitte aufgelöst wird und das amteurhafte Geschehen seiner ur-eigenen Dynamik überläßt. Wenn der verfettete Jack Black dann am Ende den Superstar des mexikanischen Wrestlings besiegt, kann dies wegen des verschleppten Schnittrhythmus nicht mal besonders Spaß machen. Dass die Schlußszene nicht mal eine witzige Schlußpointe besitzt, sondern bieder wie ein Amateurvideo endet, kann den Zuschauer zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr schockieren.
Noten: BigDoc 6, Klawer 4
USA 2006 - Regie: Jared Hess - Darsteller: Jack Black, Ana de la Reguera, Héctor Jimenez, Richard Montoya, Peter Stormare, Moises Arias, Lauro Chartrand, Troy Gentile, Cesar Gonzalez, Dominick Kurek - FSK: ab 6 - Länge: 92 min.
Da kann auch Komiker Jack Black ("School of Rock") nicht viel retten, aber vielleicht war dies ohnehin nicht zu erwarten. Black spielt Ignatio, einen Klosterbruder, der heimlich und völlig talentfrei zusammen mit dem potthäßlichen und spindeldürren Esqueleto als Wrestler "Nacho" auftritt, um die Waisenkinder in seinem Kloster mit besserem Essen zu versorgen. Dass er sich in die hübsche Nonne Encarnacion verliebt, soll dem Film einen charmanten und garantiert erotikfreien Touch geben.
Bei aller Liebe, aber die Errettung der amerikanischen Komödie ist dies nicht, wie allen Ernstes ein Kritiker behauptete. Aber wenn sich der Film an durchschnittlich intelligente Achtjährige richtet, die sich über ein harmloses und fast gewaltfreies Ringvergnügen amüsieren wollen, dann ist "Nacho libre" sicher ein Volltreffer. Dialoge und ruppig-infantiler Witz sind perfekt auf diese Zielgruppe abgestimmt.
Wenn etwas an diesem Film in der Erinnerung haften bleibt, dann ist dies der einfache Erzähl- und Kamerastil, mit dem Jared Hess sein Melodram in Szene setzt: bei den Ringkämpfen verzichtet er auf die spektakulären Schnitttechnik, wie man sie aus TV-Wrestling-Shows gewöhnt ist, sondern setzt überwiegend auf eine erhöhte Totale, die nur durch wenige Schnitte aufgelöst wird und das amteurhafte Geschehen seiner ur-eigenen Dynamik überläßt. Wenn der verfettete Jack Black dann am Ende den Superstar des mexikanischen Wrestlings besiegt, kann dies wegen des verschleppten Schnittrhythmus nicht mal besonders Spaß machen. Dass die Schlußszene nicht mal eine witzige Schlußpointe besitzt, sondern bieder wie ein Amateurvideo endet, kann den Zuschauer zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr schockieren.
Noten: BigDoc 6, Klawer 4
USA 2006 - Regie: Jared Hess - Darsteller: Jack Black, Ana de la Reguera, Héctor Jimenez, Richard Montoya, Peter Stormare, Moises Arias, Lauro Chartrand, Troy Gentile, Cesar Gonzalez, Dominick Kurek - FSK: ab 6 - Länge: 92 min.
Samstag, 17. März 2007
Vier Minuten
Acht Jahre hat die Arbeit von Chris Kraus ("Scherbentanz") an diesem Projekt gedauert. Das ist viel. Das kann zu viel sein. Auf jeden Fall spiegelt es einen Ehrgeiz wider, der viel über die Kraft und die Ambitionen des Mannes verrät, der nicht nur das Buch geschrieben hat, sondern auch die Regie auf seine Schultern geladen hat. Herausgekommen ist dabei ein Film, der fasziniert, aber auch irritiert. Großes und kleines Kino, zusammengepackt in 111 Minuten, von denen die letzten 4 dem Film seinen Titel gegeben haben.
"Vier Minuten" hatte es nicht leicht. Auf der letzten Berlinale schaffte er es nicht unter die letzten Vier (aha!), war aber zusammen mit "Das Leben der Anderen" in ziemlich guter Gesellschaft. Über derartige Flops waren schon andere Regisseure konsterniert und man könnte durchaus darüber schmunzeln, wenn es für einige sehr gute Filme nicht das Aus auf dem Verleihmarkt bedeuten würde. Gäbe es nicht den beliebten Sendeplatz der Öffentlich-Rechtlichen um 23.00 Uhr oder würde ARTE sich nicht erbarmen, dann könnten viele Filme nicht einmal den Weg ins Fernsehen finden. Bleibt nur noch die DVD. Falls es eine gibt.
Chris Kraus hatte noch Glück: ein unerwarteter Erfolg auf einem Festival in Shanghai war die letzte Rettung und mit Piffl Medien hat sich nun ein kleiner Verleih mit einer arg begrenzten Anzahl von Kopien hoffentlich risikofrei aus dem Fenster gelehnt.
Nun hat der Film aber auch eine Geschichte jenseits der ökonomischen Determinanten, und die beginnt mit einer kontrastreichen Konstellation, einem Prolog, der fast schon programmatisch für den weiteren Filmverlauf ist: die Musiklehrerin Traude Krüger (Monica Bleibtreu) läßt ein neues Klavier in den Frauenknast schaffen und muß erleben, daß alsbald tote Fische auf das Musikgerät regnen. Jenny, die angeblich den Vater ihres Liebhabers geköpft und zersägt hat, wacht morgens auf und sieht als erstes ihre Zellengenossin erhängt neben sich baumeln, was ihr keine auffällige empathische Reaktion entlockt.
Drastisches und Gefühlsirritationen bis hin zur völligen Kälte bestimmen auch zunächst das Verhältnis der beiden Frauen, die eher ein Zufall zusammenführt: die achtzigjährige Traude ist Klavierlehrerin und die Tote war eine von vier zumeist unbegabten Schülerinnen; Jenny (Hannah Herzsprung), deren Akten musikalisches Talent versprechen, wird ihr als neue neue Schülerin zugeführt. Bald stellt sich heraus, daß die Mörderin ein ehemaliges Wunderkind ist und die frostig-reservierte Traude läßt sich mit dem kaum noch als Elevin zu bezeichnenden Problemfall auf ein riskantes Experiment ein: sie will Jenny ins Finale des Bundeswettbewerbs "Jugend musiziert" führen.
Es geht also zunächst nur um Motivationen, weniger um Gefühle. Monica Bleibtreu, die Traude in eine asketisch-harte und rhetorisch bis zum Zynismus schlagfertige Moralistin verwandelt, hat dabei zunächst noch die besten Szenen: der kalte Pragmatismus, mit dem sie Jenny als "niederträchtig" abschreibt, verlangt gleichzeitig von der Schülerin unbedingte Hingabe an das Talent. Sie könne, so Traude, dafür sorgen, daß Jenny besser spielt, aber nicht, daß ein besserer Mensch aus ihr wird. Man ahnt, daß bei dieser knöchernen Frau, die nur die Musik liebt, noch eine Leiche im Keller liegt.
Aber bald ergreift Hannah Herzsprung ("Das wahre Leben") das Ruder: fast über Nacht zum neuen Star des deutschen Kinos geworden, spielt sie die Jenny mit einer anarchisch-verzweifelten Gewalttätigkeit, die den Zuschauern fast schon über die Bereitwilligkeit erstaunen läßt, mit der Jenny ihrer neuen Lehrerin nach einer ersten Krise mit nur leicht gebremster Disziplin folgt. Schon ein kleines Wunder, denn dass, was Jenny am liebsten spielt, ist für Traude "Negermusik" und da Jenny dies selbst mit Handschellen hinter dem Rücken am besten spielt, gibt es eine Ohrfeige. Und so sieht alles nach der Widerspenstigen Zähmung in einer ruppigen Liebesbeziehung aus.
Filme leben von der Phantasie der Zuschauers. Nun gehört zur Phantasie auch die Fähigkeit zur Antizipation. Kein Film entsteht in den Köpfen des Zuschauers, ohne daß er nicht über Genremuster und mögliche Handlungsverläufe spekuliert - wer hier als Autor und Regisseur glaubwürdig für Überraschungen sorgen kann, hat natürlich einen Volltreffer gelandet. Aber Chris Kraus ist nicht Pedro Almodovar und so beginnt man sich schon nach dem ersten Filmdrittel darüber zu ärgern, daß sich die meisten Szenen des Films so entwickeln, wie man es geahnt hat: natürlich gibt es Stress mit dem Aufsichtspersonal der Frauen-JVA (kein Wunder, da Jenny gleich am Anfang einen bulligen Knastaufseher krankenhausreif prügelt, was man nicht näher auf seine Glaubwürdigkeit prüfen muß, weil die Kamera vorher gnädig abschwenkt), jede Menge Steine werden Traude und Jenny in den Weg gelegt, bevor es überhaupt zu ersten Vorausscheidung des Wettbewerbs kommt, natürlich gibt es Zoff mit den Insassinnen und natürlich ist der Anstaltsleiter ein etwas windiger Opportunist, der Jenny erst publicitysüchtig unterstützt, dann aber (natürlich vor dem Finale) fallen läßt.
Geradezu ärgerlich empfand ich die Szene, in der die haßerfüllten Zellenkolleginnen von Jenny versuchen, ihr die rechte Hand abzufackeln. Ich hatte inständig gehofft, daß Kraus dieses Klischee umschiffen würde, aber da seit Corbuccis "Django" allen Virtuosen im Kino die entscheidenden Körperteile vertstümmelt werden, um vor dem großen Finale dramaturgisch Fahrt aufnehmen zu können, konnte sich wohl auch Chris Kraus diesen billigen Spannungseffekt nicht versagen.
Schade, der gute Plot hätte mehr "Weniger" als das ständige "Viel" verdient. Aber das Drehbuch krankt über weite Strecken daran, dass es seiner Geschichte nicht traut. Statt sie schlicht zu erzählen, baut Kraus überflüssige Sub-Plots ein und reichert sie mit zum Teil noch überflüssigeren Nebenfiguren an. Dazu gehören ausdrücklich nicht Traudes Flashbacks, die erklären, warum die alte Frau Unterricht im Knast gibt: sie kann den Ort nicht verlassen, an dem sie ihre große Liebe Hannah verleugnete, bevor diese von den Nazis in den letzten Kriegstagen viehisch als "Volksschädling" ermordet wurde. Dagegen ist Vadim Glowna als Jennys Vater der ärgerliche Vertreter eines inzestuösen Sub-Plots, der Jennys Wut erklären will, aber (sorry!) doch ziemlich überflüssig ist. Erst recht, weil Glowna keine wirklich guten Szenen ins Script geschrieben wurden.
Fast hat man den Eindruck, daß Kraus seinen starken Protagonistinnen nicht zugetraut hat, die Geschichte allein zu tragen. Da mußten "bekannte" Gesichter her und so spielt Richy Müller eine minderwichtige Nebenrolle, die dann (wen überrascht es) entsprechend aufgebläht wird, ebenfalls nicht am Klischee vorbei besetzt wurde Jasmin Tabatabai als "Knastleader of the Gang", während man die Rolle des Gefängnispsychologin auch unauffälliger als mit Nadja Uhl besetzen konnte. Also alles zu dick aufgetragen bis hin zum mopsigen "Mütze", der als bildungssüchtiger Gefängniswärter recht bald zum hasserfüllten Racheengel mutiert.
Doch letztendlich können diese vermeidbaren Schwächen dem wunderbaren Schauspielerinnen-Film nicht das Wasser abgraben, denn Chris Kraus hat dort, wo es darauf ankommt, instinktiv alle Klischees vermieden. Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung spielen so nuancenreich, daß es puren Spaß macht zuzuschauen. Und das Script läßt ihnen ihre widerborstige Individualität: während Jenny irgendwann aus ihren freundschaftlichen Gefühle für Traude keinen Hehl macht, kann diese buchstäblich kaum noch aus ihrer Haut und ringt nach Worten. Daß die Frau, die Jenny für ihre kompromißlose musikalische Talentförderung instrumentalisieren wollte, wenigstens teilweise ihre Gefühle wiederentdeckt, ist grandios gespielt und zum Glück an allen Plotkonventionen vorbeigeschrieben worden.
Chris Kraus hat mit "Vier Minuten" ein sehenswerten Psychodrama geschaffen, das leider in einigen Passagen ziemlich unter einer durchschaubaren Spannungsdramaturgie leiden muß, aber von zwei furiosen Darstellerinnen glücklich gerettet wird. Das Überflüssige und Überbordende an dem Film muß man dafür in Kauf nehmen, denn "Vier Minuten" ist dort, wo er gelingt, ein Kino der Emotionen, das berührt. Wo Chris Kraus seine Sympathien letztlich verortet, zeigt die Schlußszene, die bald die Angst vor einem melodramatischen Finale nimmt. So originell der Film auch endet: mit dem eingefrorenen brutalen und leider uninspirierten Schlußbild zeigte mir der Film noch einmal, daß weniger manchmal mehr ist.
Note: 2,5
Deutschland 2006. R und B: Chris Kraus. P: Meike Kordes, Alexandra Kordes. K: Judith Kaufmann. Verleih: Piffl Medien. L: 111 Min. FSK: 12, ff. D: Monica Bleibtreu (Traude Krüger), Hannah Herzsprung (Jenny von Loeben), Sven Pippig (Mütze), Richy Müller (Kowalski), Jasmin Tabatabai (Ayse), Stefan Kurt (Direktor Meyerbeer), Vadim Glowna (Gerhard von Loeben), Nadja Uhl (Nadine Hoffmann).
"Vier Minuten" hatte es nicht leicht. Auf der letzten Berlinale schaffte er es nicht unter die letzten Vier (aha!), war aber zusammen mit "Das Leben der Anderen" in ziemlich guter Gesellschaft. Über derartige Flops waren schon andere Regisseure konsterniert und man könnte durchaus darüber schmunzeln, wenn es für einige sehr gute Filme nicht das Aus auf dem Verleihmarkt bedeuten würde. Gäbe es nicht den beliebten Sendeplatz der Öffentlich-Rechtlichen um 23.00 Uhr oder würde ARTE sich nicht erbarmen, dann könnten viele Filme nicht einmal den Weg ins Fernsehen finden. Bleibt nur noch die DVD. Falls es eine gibt.
Chris Kraus hatte noch Glück: ein unerwarteter Erfolg auf einem Festival in Shanghai war die letzte Rettung und mit Piffl Medien hat sich nun ein kleiner Verleih mit einer arg begrenzten Anzahl von Kopien hoffentlich risikofrei aus dem Fenster gelehnt.
Nun hat der Film aber auch eine Geschichte jenseits der ökonomischen Determinanten, und die beginnt mit einer kontrastreichen Konstellation, einem Prolog, der fast schon programmatisch für den weiteren Filmverlauf ist: die Musiklehrerin Traude Krüger (Monica Bleibtreu) läßt ein neues Klavier in den Frauenknast schaffen und muß erleben, daß alsbald tote Fische auf das Musikgerät regnen. Jenny, die angeblich den Vater ihres Liebhabers geköpft und zersägt hat, wacht morgens auf und sieht als erstes ihre Zellengenossin erhängt neben sich baumeln, was ihr keine auffällige empathische Reaktion entlockt.
Drastisches und Gefühlsirritationen bis hin zur völligen Kälte bestimmen auch zunächst das Verhältnis der beiden Frauen, die eher ein Zufall zusammenführt: die achtzigjährige Traude ist Klavierlehrerin und die Tote war eine von vier zumeist unbegabten Schülerinnen; Jenny (Hannah Herzsprung), deren Akten musikalisches Talent versprechen, wird ihr als neue neue Schülerin zugeführt. Bald stellt sich heraus, daß die Mörderin ein ehemaliges Wunderkind ist und die frostig-reservierte Traude läßt sich mit dem kaum noch als Elevin zu bezeichnenden Problemfall auf ein riskantes Experiment ein: sie will Jenny ins Finale des Bundeswettbewerbs "Jugend musiziert" führen.
Es geht also zunächst nur um Motivationen, weniger um Gefühle. Monica Bleibtreu, die Traude in eine asketisch-harte und rhetorisch bis zum Zynismus schlagfertige Moralistin verwandelt, hat dabei zunächst noch die besten Szenen: der kalte Pragmatismus, mit dem sie Jenny als "niederträchtig" abschreibt, verlangt gleichzeitig von der Schülerin unbedingte Hingabe an das Talent. Sie könne, so Traude, dafür sorgen, daß Jenny besser spielt, aber nicht, daß ein besserer Mensch aus ihr wird. Man ahnt, daß bei dieser knöchernen Frau, die nur die Musik liebt, noch eine Leiche im Keller liegt.
Aber bald ergreift Hannah Herzsprung ("Das wahre Leben") das Ruder: fast über Nacht zum neuen Star des deutschen Kinos geworden, spielt sie die Jenny mit einer anarchisch-verzweifelten Gewalttätigkeit, die den Zuschauern fast schon über die Bereitwilligkeit erstaunen läßt, mit der Jenny ihrer neuen Lehrerin nach einer ersten Krise mit nur leicht gebremster Disziplin folgt. Schon ein kleines Wunder, denn dass, was Jenny am liebsten spielt, ist für Traude "Negermusik" und da Jenny dies selbst mit Handschellen hinter dem Rücken am besten spielt, gibt es eine Ohrfeige. Und so sieht alles nach der Widerspenstigen Zähmung in einer ruppigen Liebesbeziehung aus.
Filme leben von der Phantasie der Zuschauers. Nun gehört zur Phantasie auch die Fähigkeit zur Antizipation. Kein Film entsteht in den Köpfen des Zuschauers, ohne daß er nicht über Genremuster und mögliche Handlungsverläufe spekuliert - wer hier als Autor und Regisseur glaubwürdig für Überraschungen sorgen kann, hat natürlich einen Volltreffer gelandet. Aber Chris Kraus ist nicht Pedro Almodovar und so beginnt man sich schon nach dem ersten Filmdrittel darüber zu ärgern, daß sich die meisten Szenen des Films so entwickeln, wie man es geahnt hat: natürlich gibt es Stress mit dem Aufsichtspersonal der Frauen-JVA (kein Wunder, da Jenny gleich am Anfang einen bulligen Knastaufseher krankenhausreif prügelt, was man nicht näher auf seine Glaubwürdigkeit prüfen muß, weil die Kamera vorher gnädig abschwenkt), jede Menge Steine werden Traude und Jenny in den Weg gelegt, bevor es überhaupt zu ersten Vorausscheidung des Wettbewerbs kommt, natürlich gibt es Zoff mit den Insassinnen und natürlich ist der Anstaltsleiter ein etwas windiger Opportunist, der Jenny erst publicitysüchtig unterstützt, dann aber (natürlich vor dem Finale) fallen läßt.
Geradezu ärgerlich empfand ich die Szene, in der die haßerfüllten Zellenkolleginnen von Jenny versuchen, ihr die rechte Hand abzufackeln. Ich hatte inständig gehofft, daß Kraus dieses Klischee umschiffen würde, aber da seit Corbuccis "Django" allen Virtuosen im Kino die entscheidenden Körperteile vertstümmelt werden, um vor dem großen Finale dramaturgisch Fahrt aufnehmen zu können, konnte sich wohl auch Chris Kraus diesen billigen Spannungseffekt nicht versagen.
Schade, der gute Plot hätte mehr "Weniger" als das ständige "Viel" verdient. Aber das Drehbuch krankt über weite Strecken daran, dass es seiner Geschichte nicht traut. Statt sie schlicht zu erzählen, baut Kraus überflüssige Sub-Plots ein und reichert sie mit zum Teil noch überflüssigeren Nebenfiguren an. Dazu gehören ausdrücklich nicht Traudes Flashbacks, die erklären, warum die alte Frau Unterricht im Knast gibt: sie kann den Ort nicht verlassen, an dem sie ihre große Liebe Hannah verleugnete, bevor diese von den Nazis in den letzten Kriegstagen viehisch als "Volksschädling" ermordet wurde. Dagegen ist Vadim Glowna als Jennys Vater der ärgerliche Vertreter eines inzestuösen Sub-Plots, der Jennys Wut erklären will, aber (sorry!) doch ziemlich überflüssig ist. Erst recht, weil Glowna keine wirklich guten Szenen ins Script geschrieben wurden.
Fast hat man den Eindruck, daß Kraus seinen starken Protagonistinnen nicht zugetraut hat, die Geschichte allein zu tragen. Da mußten "bekannte" Gesichter her und so spielt Richy Müller eine minderwichtige Nebenrolle, die dann (wen überrascht es) entsprechend aufgebläht wird, ebenfalls nicht am Klischee vorbei besetzt wurde Jasmin Tabatabai als "Knastleader of the Gang", während man die Rolle des Gefängnispsychologin auch unauffälliger als mit Nadja Uhl besetzen konnte. Also alles zu dick aufgetragen bis hin zum mopsigen "Mütze", der als bildungssüchtiger Gefängniswärter recht bald zum hasserfüllten Racheengel mutiert.
Doch letztendlich können diese vermeidbaren Schwächen dem wunderbaren Schauspielerinnen-Film nicht das Wasser abgraben, denn Chris Kraus hat dort, wo es darauf ankommt, instinktiv alle Klischees vermieden. Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung spielen so nuancenreich, daß es puren Spaß macht zuzuschauen. Und das Script läßt ihnen ihre widerborstige Individualität: während Jenny irgendwann aus ihren freundschaftlichen Gefühle für Traude keinen Hehl macht, kann diese buchstäblich kaum noch aus ihrer Haut und ringt nach Worten. Daß die Frau, die Jenny für ihre kompromißlose musikalische Talentförderung instrumentalisieren wollte, wenigstens teilweise ihre Gefühle wiederentdeckt, ist grandios gespielt und zum Glück an allen Plotkonventionen vorbeigeschrieben worden.
Chris Kraus hat mit "Vier Minuten" ein sehenswerten Psychodrama geschaffen, das leider in einigen Passagen ziemlich unter einer durchschaubaren Spannungsdramaturgie leiden muß, aber von zwei furiosen Darstellerinnen glücklich gerettet wird. Das Überflüssige und Überbordende an dem Film muß man dafür in Kauf nehmen, denn "Vier Minuten" ist dort, wo er gelingt, ein Kino der Emotionen, das berührt. Wo Chris Kraus seine Sympathien letztlich verortet, zeigt die Schlußszene, die bald die Angst vor einem melodramatischen Finale nimmt. So originell der Film auch endet: mit dem eingefrorenen brutalen und leider uninspirierten Schlußbild zeigte mir der Film noch einmal, daß weniger manchmal mehr ist.
Note: 2,5
Deutschland 2006. R und B: Chris Kraus. P: Meike Kordes, Alexandra Kordes. K: Judith Kaufmann. Verleih: Piffl Medien. L: 111 Min. FSK: 12, ff. D: Monica Bleibtreu (Traude Krüger), Hannah Herzsprung (Jenny von Loeben), Sven Pippig (Mütze), Richy Müller (Kowalski), Jasmin Tabatabai (Ayse), Stefan Kurt (Direktor Meyerbeer), Vadim Glowna (Gerhard von Loeben), Nadja Uhl (Nadine Hoffmann).
Mittwoch, 14. März 2007
Rocky Balboa
Es ist schon erstaunlich, wie sehr ROCKY geliebt wird. Und wenn man den Blätterwald durchstreift, findet man zumindest im deutschsprachigen Raum kaum Verrisse und ist folglich kaum noch überrascht, wenn Filmpapst Georg Seeßlen zwar die Ideologie des wohl letzten Boxerfilms über Underdog Rocky zerfetzt, dann aber doch einräumen muß, daß er die alte "Knautschfresse" liebt. Irgendwie.
Nun muß man nicht Vermutungen über die Affinität von Intellektuellen und Boxerfilmen anstellen (was durchaus ein interessantes Thema) abgibt, sondern man sollte sich erst einmal darauf einlassen, ob der Film funktioniert. Ja, da tut er und die Frage ist nun, warum ein Film über eine Figur, die im letzten mißlungenen Sequel zugrunde gerichtet wurde, plötzlich eine glanzvolle Wiederaufstehung feiert.
Ganz einfach: Stallone ist als Autor und Regisseur ein beispielhaftes "Back to the roots" gelungen, der sogar völlig glaubwürdig darstellen kann, warum ein 60-jähriger Boxveteran in seinem letzten Fight nicht einfach vom amtierenden Champf totgeprügelt wird, sondern einen Abgang mit Würde hinlegt, wie ihn der Sportlerfilm, der zuletzt mit "Million Dollar Baby" ins depressiv-realistische Meister-Melodram abgedriftet ist, lange nicht mehr gesehen hat. Stallone erzählt einfach die Geschichte des ersten Teils noch einmal, nun ist es aber die Geschichte vom letzten und nicht die des ersten Fights. Aber (fast) alles ist wie in "Rocky I". Und das bedeutet, daß Stallone seine Figur wieder in das Kleine-Leute-Milieu Philadelphias stellt, in die maroden Vorstädte, die Fleischfabriken mit ihren Schweinehälften, auf die man eindrischt.
Nur ist die Stadt älter geworden und alles ist auch Stück schlimmer als früher - nur Rocky ist mit seiner hausbackenen Philosophie, die den ganzen Kanon eines Wertkonservativen bereithält, der Alte geblieben. Immer noch geht es um Selbstachtung, Zuverlässigkeit, Freundschaft, Loyalität und wenn Rocky in seinem kleinen Lokal um des Geschäftes willen seinen Gästen alte Anekdoten über sich erzählt, so hat dies den schwerfälligen Charme eines ehrlichen Mannes, dem man verzeihen kann, das er sich ein wenig verkauft. Aber eben nur ein wenig. Und das macht den Film so sympathisch.
Daß man diesen Oldie noch einmal in den Ring zerrt, ist Marketing und pures Geschäft, aber das wissen wir seit Axel Schulz ja alle zur Genüge. Aber es ist auch - und das hat spätestens nach einer halben Stunde auch der letzte Zuschauer kapiert - Traum und Seele eines Mannes, der uns in einer immer komplexer werdenden Welt damit tröstet, dass alles doch im Grunde ganz einfach ist. Und so will Rocky, der den Tod seiner Frau nicht verkraftet und sich Trost nur verschaffen kann, indem er sich noch einmal re-inszeniert, auch wenn ihn dies das Leben kosten kann, einfach nur boxen. Einmal noch, weil dies seine Bestimmung ist.
Diese Einfachheit kann man eigentlich nur in der Fiktion ertragen, im künstlichen Erzählraum des Kinos. Draußen, im Leben, traut man ihr nicht mehr über den Weg. Eigentlich schade.
Drama, USA 2006, 102 Minuten. Originaltitel: Rocky Balboa. Regie: Sylvester Stallone; Produktion: Robert Chartoff, Sylvester Stallone u.a.; Drehbuch: Sylvester Stallone; Musik: Bill Conti; Kamera: J. Clark Mathis; Schnitt: Sean Albertson.
Mit Sylvester Stallone (Rocky Balboa), Burt Young (Paulie), Milo Ventimiglia (Rocky Jr.), Geraldine Hughes (Marie), Antonio Tarver (Mason The Line Dixon) u.a.
Nun muß man nicht Vermutungen über die Affinität von Intellektuellen und Boxerfilmen anstellen (was durchaus ein interessantes Thema) abgibt, sondern man sollte sich erst einmal darauf einlassen, ob der Film funktioniert. Ja, da tut er und die Frage ist nun, warum ein Film über eine Figur, die im letzten mißlungenen Sequel zugrunde gerichtet wurde, plötzlich eine glanzvolle Wiederaufstehung feiert.
Ganz einfach: Stallone ist als Autor und Regisseur ein beispielhaftes "Back to the roots" gelungen, der sogar völlig glaubwürdig darstellen kann, warum ein 60-jähriger Boxveteran in seinem letzten Fight nicht einfach vom amtierenden Champf totgeprügelt wird, sondern einen Abgang mit Würde hinlegt, wie ihn der Sportlerfilm, der zuletzt mit "Million Dollar Baby" ins depressiv-realistische Meister-Melodram abgedriftet ist, lange nicht mehr gesehen hat. Stallone erzählt einfach die Geschichte des ersten Teils noch einmal, nun ist es aber die Geschichte vom letzten und nicht die des ersten Fights. Aber (fast) alles ist wie in "Rocky I". Und das bedeutet, daß Stallone seine Figur wieder in das Kleine-Leute-Milieu Philadelphias stellt, in die maroden Vorstädte, die Fleischfabriken mit ihren Schweinehälften, auf die man eindrischt.
Nur ist die Stadt älter geworden und alles ist auch Stück schlimmer als früher - nur Rocky ist mit seiner hausbackenen Philosophie, die den ganzen Kanon eines Wertkonservativen bereithält, der Alte geblieben. Immer noch geht es um Selbstachtung, Zuverlässigkeit, Freundschaft, Loyalität und wenn Rocky in seinem kleinen Lokal um des Geschäftes willen seinen Gästen alte Anekdoten über sich erzählt, so hat dies den schwerfälligen Charme eines ehrlichen Mannes, dem man verzeihen kann, das er sich ein wenig verkauft. Aber eben nur ein wenig. Und das macht den Film so sympathisch.
Daß man diesen Oldie noch einmal in den Ring zerrt, ist Marketing und pures Geschäft, aber das wissen wir seit Axel Schulz ja alle zur Genüge. Aber es ist auch - und das hat spätestens nach einer halben Stunde auch der letzte Zuschauer kapiert - Traum und Seele eines Mannes, der uns in einer immer komplexer werdenden Welt damit tröstet, dass alles doch im Grunde ganz einfach ist. Und so will Rocky, der den Tod seiner Frau nicht verkraftet und sich Trost nur verschaffen kann, indem er sich noch einmal re-inszeniert, auch wenn ihn dies das Leben kosten kann, einfach nur boxen. Einmal noch, weil dies seine Bestimmung ist.
Diese Einfachheit kann man eigentlich nur in der Fiktion ertragen, im künstlichen Erzählraum des Kinos. Draußen, im Leben, traut man ihr nicht mehr über den Weg. Eigentlich schade.
Drama, USA 2006, 102 Minuten. Originaltitel: Rocky Balboa. Regie: Sylvester Stallone; Produktion: Robert Chartoff, Sylvester Stallone u.a.; Drehbuch: Sylvester Stallone; Musik: Bill Conti; Kamera: J. Clark Mathis; Schnitt: Sean Albertson.
Mit Sylvester Stallone (Rocky Balboa), Burt Young (Paulie), Milo Ventimiglia (Rocky Jr.), Geraldine Hughes (Marie), Antonio Tarver (Mason The Line Dixon) u.a.
Donnerstag, 1. März 2007
Sie sind ein schöner Mann
Französische Erfolgskömödien haben es keineswegs schwer in deutschen Arthouse-Kinos. Sie sind nicht immer klischeefreier als ihre deutsche Konkurrenz, aber deutlich unangestrengter und mit leichter Hand inszeniert. Der eine macht eben einen guten Bienzle, der andere dafür einen herausragenden Wallander.
Die Absichten des kahlköpfigen, rundliche Franzosen Aymé Pigrenet (Michel Blanc), der in Rumänien nach dem Tod seiner Frau einen arbeitswilligen Ersatz sucht, sind zunächst durch keinerlei erotische Neigungen getrübt. Der Mann ist Pragmatiker und gleichzeitig ziemlich abgestumpft.
In Bukarest wird er von diversen Kandidaten mit dem immergleichen „Je vous trouve très beau“ charmant belogen, bis mit Elena eine hübsche, aber handfestere Mittzwanzigerin auftaucht, die Aymé auch prompt nach Frankreich mitnimmt. Das Elena Mutter ist und ganz andere Absichten hat, entgeht unserem griesgrämigen Helden ganz und gar.
Isabelle Mergault hat durchaus ein Gespür für witzige Situationen und drastisch-komische Dialoge. In der zweiten Hälfte wird „Sie sind ein schöner Mann“ aber leicht durchschaubar, denn dass dieses ungleiche Paar allen Widerständen zum Trotz mehr als ein landwirtschaftliches Zweckbündnis werden wird, dürfte auch den naiveren Kinogängern rasch klar sein.
Aber gute Komödien interessiert eben nicht nur das Was, sondern besonders für das Wie, was man schon bei Lubitsch lernen konnte. Und wie nun das Happy End inszeniert wird, sorgt für gepflegte Heiterkeit in einem durchweg gelungenen Schauspielerfilm, dem man sogar das dick aufgetragene Ende augenzwinkernd verzeiht.
Melonie: 2,5, BigDoc: 2,5
Sie sind ein schöner Mann (Je vous trouve très beau); Frankreich 2005; 97 Minuten; Regie: Isabelle Mergault; Drehbuch: Isabelle Mergault; Produzent(en): Jean-Louis Livi; Mit Michel Blanc, Medeea Marinescu, Wladimir Yordanoff, Benoît Turjman, Eva Darlan, Elisabeth Commelin.
Die Absichten des kahlköpfigen, rundliche Franzosen Aymé Pigrenet (Michel Blanc), der in Rumänien nach dem Tod seiner Frau einen arbeitswilligen Ersatz sucht, sind zunächst durch keinerlei erotische Neigungen getrübt. Der Mann ist Pragmatiker und gleichzeitig ziemlich abgestumpft.
In Bukarest wird er von diversen Kandidaten mit dem immergleichen „Je vous trouve très beau“ charmant belogen, bis mit Elena eine hübsche, aber handfestere Mittzwanzigerin auftaucht, die Aymé auch prompt nach Frankreich mitnimmt. Das Elena Mutter ist und ganz andere Absichten hat, entgeht unserem griesgrämigen Helden ganz und gar.
Isabelle Mergault hat durchaus ein Gespür für witzige Situationen und drastisch-komische Dialoge. In der zweiten Hälfte wird „Sie sind ein schöner Mann“ aber leicht durchschaubar, denn dass dieses ungleiche Paar allen Widerständen zum Trotz mehr als ein landwirtschaftliches Zweckbündnis werden wird, dürfte auch den naiveren Kinogängern rasch klar sein.
Aber gute Komödien interessiert eben nicht nur das Was, sondern besonders für das Wie, was man schon bei Lubitsch lernen konnte. Und wie nun das Happy End inszeniert wird, sorgt für gepflegte Heiterkeit in einem durchweg gelungenen Schauspielerfilm, dem man sogar das dick aufgetragene Ende augenzwinkernd verzeiht.
Melonie: 2,5, BigDoc: 2,5
Sie sind ein schöner Mann (Je vous trouve très beau); Frankreich 2005; 97 Minuten; Regie: Isabelle Mergault; Drehbuch: Isabelle Mergault; Produzent(en): Jean-Louis Livi; Mit Michel Blanc, Medeea Marinescu, Wladimir Yordanoff, Benoît Turjman, Eva Darlan, Elisabeth Commelin.
The Sentinel
Ob dieser White House-Thriller jemals in den deutschen Kinos gelaufen ist, wage ich zu bezweifeln. Als DVD-Release bietet der Film solide und kompakte Wegwerf-Spannung, die sich nach einmaligem Sehen erledigt hat. Im Gegensatz zu Wolfgang Petersens In The Line Of Fire wird man sich diesen Film kaum ein zweites Mal ansehen, nicht nur, weil Clint Eastwood und John Malkovich in einer anderen Liga spielen als Michael Douglas und Kiefer Sutherland.
Der Plot: Secret Service-Agent Pete Garrison (Michael Douglas) hat ein Verhältnis mit der First Lady (Kim Basinger) und ist gleichzeitig für den Schutz des Präsidenten (David Rasche) zuständig. Diese ungewöhnliche Anordnung der Prioritäten muss zwangsläufig zu Problemen führen. Als ein anderer Agent ermordet wird, will Agent David Breckinridge (Kiefer Sutherland) herausfinden, wer der böse Maulwurf ist und da Garrison dereinst nicht vor der Gattin seines Kollegen halt machte, ist die Fehde vorprogrammiert.
Regisseur Clark Johnson hat mitten in den „24“-Hype einen Film platziert, der Michael Douglas eine schöne Altersrolle verschafft hat und den Kiefer Sutherland-Fans mindestens ein mittelprächtiges Sehvergnügen beschert.
Der Filmclub bewertete diesen Film keineswegs mittelprächtig.
Mr. Mendez: 4, Klawer: 4, Melonie: 4, BigDoc: 4
Originaltitel: The Sentinel; Regie: Clark Johnson; Produktion: Michael Douglas, Bill Carraro u.a.; Drehbuch: George Nolfi nach dem Roman von Gerald Petievich; Musik: Christophe Beck; Kamera: Gabriel Beristain; Schnitt: Cindy Mollo. D: Michael Douglas (Pete Garrison), Kiefer Sutherland (David Breckinridge), Eva Longoria (Jill Marin), Martin Donovan (William Montrose), Kim Basinger (First Lady) u.a.
Der Plot: Secret Service-Agent Pete Garrison (Michael Douglas) hat ein Verhältnis mit der First Lady (Kim Basinger) und ist gleichzeitig für den Schutz des Präsidenten (David Rasche) zuständig. Diese ungewöhnliche Anordnung der Prioritäten muss zwangsläufig zu Problemen führen. Als ein anderer Agent ermordet wird, will Agent David Breckinridge (Kiefer Sutherland) herausfinden, wer der böse Maulwurf ist und da Garrison dereinst nicht vor der Gattin seines Kollegen halt machte, ist die Fehde vorprogrammiert.
Regisseur Clark Johnson hat mitten in den „24“-Hype einen Film platziert, der Michael Douglas eine schöne Altersrolle verschafft hat und den Kiefer Sutherland-Fans mindestens ein mittelprächtiges Sehvergnügen beschert.
Der Filmclub bewertete diesen Film keineswegs mittelprächtig.
Mr. Mendez: 4, Klawer: 4, Melonie: 4, BigDoc: 4
Originaltitel: The Sentinel; Regie: Clark Johnson; Produktion: Michael Douglas, Bill Carraro u.a.; Drehbuch: George Nolfi nach dem Roman von Gerald Petievich; Musik: Christophe Beck; Kamera: Gabriel Beristain; Schnitt: Cindy Mollo. D: Michael Douglas (Pete Garrison), Kiefer Sutherland (David Breckinridge), Eva Longoria (Jill Marin), Martin Donovan (William Montrose), Kim Basinger (First Lady) u.a.
The Good Shepherd
Bilder eines Liebespaares, zärtliche Umarmungen, geflüsterte Treueschwüre – es geht um die Wahrheit, die man sich sagen soll. In einem Agententhriller traut man seinen genregeschulten Augen und Ohren nicht, wenn man dies sieht. Erst recht nicht, wenn es die Bilder einer Überwachungskamera sind. Und erst recht nicht, wenn dies die ersten Bilder des Films sind. Denn sie können eigentlich nur eins bedeuten: Niedertracht und Verrat. Und man behält Recht. Aber die Bilder bedeuten auch etwas anderes: Liebe und Vertrauen, aber das entdeckt man erst später. Andere entdecken diese Ambivalenz der Gefühle nie. Sie sind gefangen im Käfig der Paranoia.
Bereits in seiner ersten Regiearbeit A Bronx Tale (In den Straßen der Bronx, 1993) zeigte Robert de Niro, dass er sich für ambivalente Charaktere erwärmen konnte: Gangster Sonny (Chazz Palminteri) war gleichzeitig brutaler Killer und fürsorglicher Menschenkenner. Keine einfache Figur. Auch Edward Wilson (Matt Damon), der als CIA-Abteilungsleiter für verdeckte Auslandsoperationen die eher dreckigen Seiten des Geschäfts erledigt, ist keine einfache Figur. Schweigsam und verschlossen scheint der „gute Hirte“ 1961 er auf dem Höhepunkt seiner Macht zu sein. Nur leider bleiben auch ihm die Folgen des Schweinebucht-Desasters nicht erspart – die CIA hat den Zenit ihrer gesellschaftlichen Anerkennung bereits überschritten, die Welt wird bald am Rande des Dritten Weltkrieges stehen. Und Wilson, der seinen eigenen Mitarbeitern nun fast noch weniger trauen kann wie seinem charismatischen und seelenverwandten russischen Gegenspieler Ulysses, steht nicht nur beruflich, sondern auch familiär vor einem Scherbenhaufen.
Robert de Niros „The Good Shepherd“ ist auf den ersten Blick ein Agententhriller. Und das funktioniert ganz gut. In fast epischen und durchweg überschaubaren Rückblenden erzählt de Niro vom Selbstmord des Vaters, der den kleinen Edward völlig traumatisiert, von Wilsons Studentenjahren in Yale und seiner Aufnahme in die elitäre protestantisch-weiße Skull & Bones-Geheimgesellschaft. Erste Schritte der Machterprobung, bei der der Idealismus der Werte immer gleich mit den exklusiven Männerzirkeln verknüpft wird, die später die Spitzenpositionen unter sich aufteilen werden („Keine Neger, keine Juden, keine Kommunisten und möglichst wenig Katholiken!“).
Und der Mann lernt schnell. Die Bespitzelung seines Literaturprofessors scheint nur eine erste patriotische Fingerübung zu sein. Es folgt die Rekrutierung für das Office of Strategic Services, Kriegsjahre in London, rücksichtslose Liquidierungen, bei denen Wilson nur Zuschauer bleibt, später Initiator ist, das langsame Abstumpfen des ersten Entsetzens. Als die CIA nach dem Krieg gegründet wird, ist Wilson dabei und er erlebt die 50er Jahren als Höhepunkt ihrer gesellschaftlichen Anerkennung. Niemanden interessiert, was die CIA in Guatemala oder im Iran treibt. Erst die gescheiterte Schweinbucht-Invasion rückt die Agency in den Mittelpunkt des Interesses. Das ist lästig, besonders, als Wilson herausfindet, dass es einen Verräter in den eigenen Reihen gibt, der den Kubanern entscheidende Informationen gegeben hat.
Irgendwie scheint man sich in „The Good Shepherd“ in der Welt von John le Carré, Graham Greene oder Tom Clancy zu befinden. Aber de Niro ist nicht an einer faktenreichen Abrechnung mit der CIA gelegen, auch wenn Wilson mit der Gemütsbewegung eines Stoikers einen Überläufer foltern lässt und dann auch noch feststellen muss, dass es der Doppelspion ein anderer war. Dies ist nur eine der Episoden, in denen Drehbuchautor Eric Roth die Geschichte sehr eng mit der Biografie James Jesus Angletons (1917-1987), dem berüchtigten Chef der CIA-Gegenspionage verknüpft (dabei handelt es sich um die Golitsyn-Nosenko-Affäre).
In einem Film, in dem die politische Message so offenkundig ist, gewinnt die Dramatisierung nur dann an Kraft, wenn die Geschichte die Ambivalenz der Figuren umso vielschichtiger beschreibt. Das ist nicht nur ein alter Genretrick, sondern auch de Niros Kunstgriff. „The Good Shepherd“ ist daher ein Film, den man in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein „Seelendrama“ genannt hätte. Das Leben des „guten Hirten“ ist die Geschichte eines Mannes, der seine patriotischen Werte und persönlichen Gefühle erst an faule Kompromisse, dann an einen kalten Pragmatismus verrät, der den Zuschauer schaudern lässt.
Wilsons Ehe mit seiner Frau Clover (Angelina Jolie) ist eine kalte Konstruktion, die Beziehung zu seinem Sohn ist gestört. Und als Wilson endlich das Geheimnis des Verräters entdeckt, der eigentlich keiner ist, stimmt er der brutalen Ermordung seiner zukünftigen Schwiegertochter durch die Russen schweigend und auf eine so gefühlskalte Weise zu, dass dies eine der perfidesten Szenen der jüngeren Kinogeschichte ist.
Robert de Niro hat für diesen Film eine herausragende Crew um sich versammelt. Die düstere Atmosphäre verdankt er Robert Richardson (2. Oskar für „Aviator“), dem Leib- und Magen-Kameramann von Oliver Stone, das Drehbuch schrieb Eric Roth („Forrest Gump“, „München“). In Nebenrollen sind de Niro selbst, Alec Baldwin, William Hurt, John Turturro und Joe Pesci zu sehen. Die Filmmusik von Marcelo Carvos und Bruce Fowler verbreitet dagegen nur emotionale Redundanz. Überragend ist dagegen Matt Damon, der auf jede Dämonisierung in der Darstellung verzichtet und mit reduzierter Mimik schleichende Kälte verbreitet (was allerdings einige Kritiker völlig entnervte). Wenn Damon am Ende des Film den zuvor nie geöffneten Brief seines toten Vaters zum ersten Mal liest und anschließend verbrennt, hat man nicht das Gefühl, das sich ein Mann von einem beherrschenden und lebenserdrückenden Trauma befreit hat. Man fühlt man sich sogar ein wenig an Citizen Kane und den Mythos von „Rosebud“ erinnert – und der ist, wie wir wissen, auf den ersten Blick doch ein wenig banal. Nun gut, manchmal muss man zweimal hinschauen.
USA 2006 - Originaltitel: The Good Shepherd - Regie: Robert De Niro - Darsteller: Matt Damon, Angelina Jolie, Robert De Niro, Joe Pesci, William Hurt, John Turturro, Alec Baldwin - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 167 min.
Bereits in seiner ersten Regiearbeit A Bronx Tale (In den Straßen der Bronx, 1993) zeigte Robert de Niro, dass er sich für ambivalente Charaktere erwärmen konnte: Gangster Sonny (Chazz Palminteri) war gleichzeitig brutaler Killer und fürsorglicher Menschenkenner. Keine einfache Figur. Auch Edward Wilson (Matt Damon), der als CIA-Abteilungsleiter für verdeckte Auslandsoperationen die eher dreckigen Seiten des Geschäfts erledigt, ist keine einfache Figur. Schweigsam und verschlossen scheint der „gute Hirte“ 1961 er auf dem Höhepunkt seiner Macht zu sein. Nur leider bleiben auch ihm die Folgen des Schweinebucht-Desasters nicht erspart – die CIA hat den Zenit ihrer gesellschaftlichen Anerkennung bereits überschritten, die Welt wird bald am Rande des Dritten Weltkrieges stehen. Und Wilson, der seinen eigenen Mitarbeitern nun fast noch weniger trauen kann wie seinem charismatischen und seelenverwandten russischen Gegenspieler Ulysses, steht nicht nur beruflich, sondern auch familiär vor einem Scherbenhaufen.
Robert de Niros „The Good Shepherd“ ist auf den ersten Blick ein Agententhriller. Und das funktioniert ganz gut. In fast epischen und durchweg überschaubaren Rückblenden erzählt de Niro vom Selbstmord des Vaters, der den kleinen Edward völlig traumatisiert, von Wilsons Studentenjahren in Yale und seiner Aufnahme in die elitäre protestantisch-weiße Skull & Bones-Geheimgesellschaft. Erste Schritte der Machterprobung, bei der der Idealismus der Werte immer gleich mit den exklusiven Männerzirkeln verknüpft wird, die später die Spitzenpositionen unter sich aufteilen werden („Keine Neger, keine Juden, keine Kommunisten und möglichst wenig Katholiken!“).
Und der Mann lernt schnell. Die Bespitzelung seines Literaturprofessors scheint nur eine erste patriotische Fingerübung zu sein. Es folgt die Rekrutierung für das Office of Strategic Services, Kriegsjahre in London, rücksichtslose Liquidierungen, bei denen Wilson nur Zuschauer bleibt, später Initiator ist, das langsame Abstumpfen des ersten Entsetzens. Als die CIA nach dem Krieg gegründet wird, ist Wilson dabei und er erlebt die 50er Jahren als Höhepunkt ihrer gesellschaftlichen Anerkennung. Niemanden interessiert, was die CIA in Guatemala oder im Iran treibt. Erst die gescheiterte Schweinbucht-Invasion rückt die Agency in den Mittelpunkt des Interesses. Das ist lästig, besonders, als Wilson herausfindet, dass es einen Verräter in den eigenen Reihen gibt, der den Kubanern entscheidende Informationen gegeben hat.
Irgendwie scheint man sich in „The Good Shepherd“ in der Welt von John le Carré, Graham Greene oder Tom Clancy zu befinden. Aber de Niro ist nicht an einer faktenreichen Abrechnung mit der CIA gelegen, auch wenn Wilson mit der Gemütsbewegung eines Stoikers einen Überläufer foltern lässt und dann auch noch feststellen muss, dass es der Doppelspion ein anderer war. Dies ist nur eine der Episoden, in denen Drehbuchautor Eric Roth die Geschichte sehr eng mit der Biografie James Jesus Angletons (1917-1987), dem berüchtigten Chef der CIA-Gegenspionage verknüpft (dabei handelt es sich um die Golitsyn-Nosenko-Affäre).
In einem Film, in dem die politische Message so offenkundig ist, gewinnt die Dramatisierung nur dann an Kraft, wenn die Geschichte die Ambivalenz der Figuren umso vielschichtiger beschreibt. Das ist nicht nur ein alter Genretrick, sondern auch de Niros Kunstgriff. „The Good Shepherd“ ist daher ein Film, den man in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein „Seelendrama“ genannt hätte. Das Leben des „guten Hirten“ ist die Geschichte eines Mannes, der seine patriotischen Werte und persönlichen Gefühle erst an faule Kompromisse, dann an einen kalten Pragmatismus verrät, der den Zuschauer schaudern lässt.
Wilsons Ehe mit seiner Frau Clover (Angelina Jolie) ist eine kalte Konstruktion, die Beziehung zu seinem Sohn ist gestört. Und als Wilson endlich das Geheimnis des Verräters entdeckt, der eigentlich keiner ist, stimmt er der brutalen Ermordung seiner zukünftigen Schwiegertochter durch die Russen schweigend und auf eine so gefühlskalte Weise zu, dass dies eine der perfidesten Szenen der jüngeren Kinogeschichte ist.
Robert de Niro hat für diesen Film eine herausragende Crew um sich versammelt. Die düstere Atmosphäre verdankt er Robert Richardson (2. Oskar für „Aviator“), dem Leib- und Magen-Kameramann von Oliver Stone, das Drehbuch schrieb Eric Roth („Forrest Gump“, „München“). In Nebenrollen sind de Niro selbst, Alec Baldwin, William Hurt, John Turturro und Joe Pesci zu sehen. Die Filmmusik von Marcelo Carvos und Bruce Fowler verbreitet dagegen nur emotionale Redundanz. Überragend ist dagegen Matt Damon, der auf jede Dämonisierung in der Darstellung verzichtet und mit reduzierter Mimik schleichende Kälte verbreitet (was allerdings einige Kritiker völlig entnervte). Wenn Damon am Ende des Film den zuvor nie geöffneten Brief seines toten Vaters zum ersten Mal liest und anschließend verbrennt, hat man nicht das Gefühl, das sich ein Mann von einem beherrschenden und lebenserdrückenden Trauma befreit hat. Man fühlt man sich sogar ein wenig an Citizen Kane und den Mythos von „Rosebud“ erinnert – und der ist, wie wir wissen, auf den ersten Blick doch ein wenig banal. Nun gut, manchmal muss man zweimal hinschauen.
USA 2006 - Originaltitel: The Good Shepherd - Regie: Robert De Niro - Darsteller: Matt Damon, Angelina Jolie, Robert De Niro, Joe Pesci, William Hurt, John Turturro, Alec Baldwin - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 167 min.
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