Donnerstag, 8. Oktober 2020

Devs - eine Serie am Rande des Machbaren

Alex Garlands Sci-Fi-Serie „Devs“ wurde im deutschsprachigen Raum von den Kritikern erstaunlich einhellig gehypt. Schnell machte das verdächtige Prädikat „Beste Sci-Fi-Serie aller Zeiten“ die Runde, so als hätte es – qualitativ betrachtet - monolithische Serien wie „Battleship Galactica“ oder den komplexen Star Trek-Kosmos nie gegeben.

Ein Teil der Faszination der Serie war einem Thema zu verdanken, das die Philosophie seit Jahrhunderten und die Physik spätestens seit Einstein zu komplexen Debatten angeregt hat: es geht um den Determinismus. „Devs“ geriet dabei mit einer simplen Vereinfachung der komplexen Zusammenhänge schnell auf die falsche Spur, auch wenn die Serie von den metaphysischen sozialen Konsequenzen des Determinismus recht ordentlich erzählt.

Montag, 5. Oktober 2020

The Walking Dead: World Beyond

Noch ein Spin-off. Während die Mutterserie nach der nächsten Staffel beendet wird, sollen weitere Ableger auch in Zukunft dafür sorgen, dass die Untoten im TWD-Serienkosmos ihr Unwesen treiben können. Fans und erst recht Aussteiger fragen sich, ob das sein muss. 

Die Antwort ist einfach.

Montag, 28. September 2020

21 Bridges

Eigentlich ist „21 Bridges“ ein Zombiefilm – man hat den Plot zu oft oder so ähnlich gesehen. Nun sieht man die Darsteller als Verkörperung von unzähligen Genrevorbilder wie Untote durch die Handlung stapfen. Nach knapp der Hälfte der Zeit hat man prompt alle Geheimnisse entschlüsselt und weiß auch, wer der Hauptschurke ist. 

Warum dieser 08/15-Copfilm dann doch einigermaßen sehenswert ist, ist eine andere Geschichte. Und die hat viel mit dem Hauptdarsteller zu tun, denn in Brian Kirks Film sehen wir Chadwick Boseman in einer seiner letzten Rollen. Retten kann er den visuell sehr starken Film aber nicht, auch wenn es spannend ist zu sehen, wie schön man schlechte Drehbücher abfilmen kann.

Sonntag, 6. September 2020

Away - Netflix-Serie zwischen Soap und Science-Fiction

Vertrauen, Loyalität und Freundschaft sind der Kleister, der nicht nur in einem Raumschiff auf dem Weg zum Mars vonnöten ist, sondern auch auf dem Blauen Planeten, wo die Familien der Raumfahrer ihre ziemlich irdischen Probleme bewältigen müssen. „Away“ erzählt davon, aber auch davon, dass man ein Raumschiff nicht einfach wenden kann, um wieder nach Hause zu düsen. 
 
Die Netflix-Serie bemüht sich nicht einmal darum, auf Stereotypien zu verzichten, bringt alles aber so nett rüber, dass ein richtig nettes Stück Familienunterhaltung entstanden ist. Das liegt an einem fabelhaften Cast, angeführt von der Oscar- und Golden Globe-Gewinnerin Hilary Swank in Bestform.

Freitag, 31. Juli 2020

The Collapse

Was würde mit unserer Gesellschaft passieren, wenn das globale System morgen zusammenbrechen würde? Die achtteilige französische Miniserie „The Collapse“ beantwortet diese Frage mit gnadenloser Konsequenz. 
Ohne die Technologien der modernen westlichen Industriegesellschaften sind die Menschen dem Untergang geweiht.
Erst zerfallen die technischen, dann die ökonomischen Strukturen und fast gleichzeitig auch die moralischen. Die Stationen des Zerfalls werden in „The Collapse“ parabelhaft erzählt, die Episoden sind aber trotz oder vielleicht auch wegen ihrer analytischen Schärfe außergewöhnlich spannend erzählte Geschichten.

Samstag, 25. Juli 2020

Sløborn – Die ZDFneo-Serie hätte gelingen können

Es war nicht beabsichtigt, aber nun ist die ZDF-Serie „Sløborn“ tatsächlich der erste Corona-Film geworden, obwohl das SARS-CoV-2-Virus gar nicht in der achteiligen Serie vorkommt.
Dafür wütet global und auch auf der Nordseeinsel Sløborn die Taubengrippe. Die Menschen sterben nicht diskret auf Intensivstationen, sondern aus Augen und Nase blutend vor aller Augen. „Sløborn“ ist also nicht zimperlich, hat viele gute und präzise beobachtete Momente, stellt sich am Ende aber durch stereotype Genremuster und ein fragwürdiges politisches Statement ins Abseits.

Sonntag, 21. Juni 2020

The Vast of Night (Die Weite der Nacht)


„The Vast of Night“ ist ein Independent-Film, den niemand zeigen wollte. Erst beim Slamdance Film Festival 2019 konnte Andrew Patterson seinen Debütfilm zeigen. Steven Soderbergh, der auf dem Festival seinen mit dem iPhone gedrehten Film High Flying Bird vorstellte, war hingerissen. Doch erst, als Amazon Pattersons Sci-Fi-Geschichte ins Programm aufgenommen hatte, was sicher, dass diese kleine Perle des Genrekinos nicht in einem schwarzen Loch verschwinden würde.

Donnerstag, 18. Juni 2020

Essay über Sam Peckinpahs „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“

Vor 36 Jahren starb Sam Peckinpah. Der US-Regisseur blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1984 ein Außenseiter im Filmbusiness. Peckinpah war kritisch, rebellisch, eigensinnig. Einige seiner Filme waren blutig, die Gründe dafür nicht immer auf Anhieb nachvollziehbar.
Peckinpah leitete die Ära des Spätwestern ein, veränderte aber auch die Bildsprache des Genres. Vor zwei Jahren erschien eines seiner Spätwerke auf Bluray: „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“ – eine Mischung aus Roadmovie und Spätwestern. Auch diese Verschmelzung zweier Genres soll der Regisseur erfunden haben. Grund genug, sich „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“ noch einmal anzuschauen und darüber nachzudenken, was wir von Sam Peckinpah lernen können.


Freitag, 12. Juni 2020

Deutschstunde - Christian Schwochows gelungene Literaturverfilmung

Schon wieder eine Verfilmung der „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz? Wieder eine Lehrstunde über den Nationalsozialismus? Nicht wenige Zeitgenossen haben die Nase davon voll. Sie wollen frei sein von Belehrung, Pädagogisierung und Zwangserziehung – der Protest ist lauter geworden.
Christian Schwochows Neuverfilmung mit Ulrich Noethen und Tobias Moretti in den Hauptrollen nötigt den Zuschauer tatsächlich zum Nachdenken. Das ist gut so. „Deutschstunde“ setzt sich dabei aber nicht nur mit deutscher Geschichte auseinander. Er ist auch eine bebilderte Psychopathologie der Pflicht. Und derartige Befunde überdauern Jahrzehnte, weil die Zahl der Patienten einfach nicht zurückgehen will.


Mittwoch, 10. Juni 2020

Westworld Staffel 3 – Das Rätsel ist die Botschaft

Die zweite Staffel der HBO-Serie war ein Kampf, den der Zuschauer erst nach etlichen Durchgängen und unter Nutzung einschlägiger Literatur gewinnen konnte. In der ersten Staffel war dies auch so, aber da hatte die Serie von Jonathan Nolan und Lisa Joy noch ein Thema. Die dritte Staffel scheint auch einige zu haben, aber es hat nicht mehr viel mit dem zu tun, was uns „Westworld“ anfangs intelligent und glaubwürdig erklärte: die Bewusstwerdung einer Maschinenintelligenz. Nicht alles war in Season 3 schlecht, aber unterm Strich war es enttäuschend wenig.
Jonathan Nolan und Lisa Joy sind nicht dumm. Im Gegenteil. Sie geben kluge Interviews und scheinen sich in soziologischen und medientheoretischen Debatten wie Fische im Wasser zu bewegen. Ob sich die beiden Showrunner bei Marshall McLuhan bedient haben, weiß ich nicht. Aber die dritte Season erinnert doch sehr an den Medientheoretiker, der einst den enigmatischen Satz „The Medium is the message“ formulierte. 


Sonntag, 17. Mai 2020

Into the Night

Es gibt Serien, deren Ausgangsidee nicht nur witzig und vielversprechend ist, sondern schlichtweg originell und einmalig. In der Netflix-Serie „Into the Night“ fliegt eine Handvoll Verzweifelter in die Nacht, um den tödlichen Strahlen der Sonne zu entkommen. Immer nach Westen!
Aber schon bald stellt sich nicht nur die Frage, wie man die Maschine auftankt und an Lebensmittel gelangt, sondern ob man seine Reisegefährten überhaupt ertragen kann.  Showrunner Jason George macht aus dieser fragilen Ausgangskonstellation eine solide, durchgehend spannende Geschichte, deren überschaubares Potential in nur sechs Episoden stimmig entfaltet wird.

Donnerstag, 16. April 2020

Westworld – von Corona kalt erwischt

Nach drei Episoden der dritten Staffel von „Westworld“ werden die Zuschauer und Streamer mit unliebsamen Fakten konfrontiert: die HBO-Serie wird es auf SKY und seinen unterschiedlichen Plattformen nicht mehr in synchronisierter Fassung geben.
 

Im Moment kann man die von Jonathan Nolan und Lisa Joy geschaffene Serie in den nächsten Wochen bei Sky Ticket, Sky Q und Sky Go on Demand nur in der Originalfassung sehen, bestenfalls mit Untertiteln. SKY Atlantic HD steigt aus, berichtete QUOTENMETER am 14.4. Im Juni soll alles wieder „normal“ werden, doch mit dem Gebrauch dieses Wortes muss man in Corona-Zeiten vorsichtig umgehen.

Dienstag, 7. April 2020

Yesterday - eine witzige und doch sehr floskelhafte Komödie


In die Vergangenheit zu reisen und die Lottozahlen aus der Zukunft mitzunehmen – wer könnte der Versuchung widerstehen? In Danny Boyles Komödie „Yesterday“ führt ein anderer Weg die Hauptfigur zu unsterblichem Ruhm: sie wacht in einer Parallelwelt auf und kennt als Einzige die Songs der Beatles.
Ganau das widerfährt Jack Malick. Der ist ein erfolgloser Songwriter – kann er der Versuchung widerstehen? Kann er nicht. Der Film ist danach eine Stunde lang witzig und äußerst unterhaltsam, dann rutscht „Yesterday“ ins Floskelhafte ab und bleibt bis zur letzten Minute vorhersehbar.

Freitag, 3. April 2020

Picard - die neue Star Trek-Serie hat starke und schwache Momente

„Great Expectations“ – der Titel eines Romans von Charles Dickens könnte auch die Begeisterung gut auf den Punkt bringen, die recht groß war, als bekannt wurde, dass CBS mit „Picard“ endlich ein richtiges Sequel auf die Reise schicken wollte. Allerdings: Sind die Erwartungen groß, ist es die Fallhöhe auch. 


Dann war es soweit: „Picard“ konnte mit Patrick Stewart als Jean-Luc Picard und anderen bekannten Darstellern aus „Star Trek: The Next Generation“ und „Star Trek: Voyager“ besonders am Anfang kräftig punkten. Danach gab dabei ein paar schöne Momente, jede Menge Nostalgie, aber leider auch ein paar Bruchlandungen zu sehen. Note: Befriedigend.

Montag, 30. März 2020

Das Wunder von Marseille

„Das Wunder von Marseille“ – das ist in jeder Hinsicht ist ein doppelsinniger Filmtitel. 2011 gewann Fahim Mohammad, der 11-jährige Held des Films, als Migrant ohne Papiere die französische U 12-Meisterschaft, an der er nach dem Willen der Verbandsfunktionäre gar nicht hätte teilnehmen dürfen. Später wurde er sogar Schüler-Weltmeister. Ein Wunder.
Dass sein Vater Nura vom französischen Premierminister François Fillon nur dank des Schachtalents seines Sohns eine Aufenthaltserlaubnis erhielt, war angesichts der zu diesem Zeitpunkt deutlich restriktiveren Einwanderungspolitik das zweite Wunder. Vater und Sohn durften danach bis heute in Frankreich bleiben – natürlich auch als öffentlichkeitswirksame Beispiel einer gelungenen Migrationspolitik.

Mittwoch, 18. März 2020

In diesen Corona-Zeiten…

Natürlich hat auch der Filmclub – zumindest vorübergehend – in Zeiten von Corona aufgehört zu existieren. Keine Filme mehr, zumindest nicht mehr gemeinsam. Dafür regelmäßige Kontaktpflege und Austausch von Informationen – was der eine nicht weiß, das weiß der andere. Einige Gedanken dazu, quasi Off-Label verwendet.

Sonntag, 8. März 2020

Unterleuten - Das zerrissene Dorf

Goldfarbene Felder, aber immer noch ein Land in der Strukturkrise. Matti Geschonneck erzählt in dem ZDF-Dreiteiler von einem Dorf mitten in Brandenburg, das in eine schwere Krise gerät. Erst gab es die Treuhand, nun fallen Investoren in Unterleuten ein, die einen Windpark bauen wollen.
Die Verfilmung von Julie Zehs gleichnamigen Roman wurde als TV-Meilenstein angekündigt. „Unterleuten“ ist tatsächlich ein sehenswerter Dreiteiler geworden, gespielt vom Who is Who der deutschen Schauspielergarde. Ein düsteres Gesellschaftsdrama und ein Spiegelbild der Kleinkariertheit, das allerdings eine Frage nicht beantwortet.


Sonntag, 16. Februar 2020

Aniara

Filme bewegen sich in Grenzbereichen. Einige zerschellen an der Grenzmauer, weil sie halbherzig sind, andere übersteigen sie mutig. Aber nicht immer ist das, was man jenseits der Mauer findet, auch das, was man sich erhoffte. Der SF-Film „Aniara“ von Pella Kågerman und Hugo Lilja gelingt der Aufstieg. Was danach kommt, war nicht zu erwarten, nämlich wenig Sci-Fi, dafür aber eine Meditation über das, was der Mensch nicht kann in der Leere des Weltalls.
„Aniara“ ist die Verfilmung eines Versepos von Harry Martinson und seit Februar auf Bluray und DVD erhältlich. Der Film ist nie in die deutschen Kinos gekommen. Zu Recht, man erträgt ihn kaum. Er ist zu gut.


Montag, 10. Februar 2020

Ad Astra

„Zu den Sternen“ heißt der deutsche Verleihtitel. Er vermittelt sehnsuchtsvoll das Appellative, das Science-Fiction so wunderbar und auch naiv erscheinen lässt. Beyond frontiers könnte man auch sagen, Grenzen überwinden, das Neue als Herausforderung annehmen. Oder Astronomy is looking up, wie man es im Labor der Astronomin Ellie“ Arroway (Jodie Foster) in Robert Zemeckis „Contact” lesen kann.

Der Film von James Gray lässt dagegen nur wenig Raum für Optimismus und Utopien. Er erzählt stattdessen davon, dass der Mensch auf der Reise zu den Sternen auch immer sich selbst mitnimmt. Und dass er deshalb besser zu Hause bleiben sollte. DVD und Bluray liegen seit dem 6. Februar vor.


Sonntag, 26. Januar 2020

Picard – die CBS-Serie ist angenehm konservativ

Das Alte ist das bessere Neue. Gut, Zweifel sind berechtigt, auf jeden Fall steckt in diesem Aphorismus ein Stück ehrlicher Emotion – es ist der Wunsch nach dem Vertrauten, das ein klein wenig neu sein darf. 
Viele Trekkies scheinen nach zwei Staffeln „Discovery“ genau dieses Gefühl herbeigesehnt zu haben. Dies zeigen auch die überdeutlich positiven Stimmen nach der ersten Episode der neuen Star Trek-Serie „Picard“. Aber eins muss am Ende stimmen: das neue Alte muss auch gut sein.

Freitag, 17. Januar 2020

Messiah - die neue Netflix-Serie ist ein Spektakel

Was würde passieren, wenn der Sohn Gottes wiederkehrt? Eine intelligente, aber keineswegs originelle Frage, denn über eine Antwort haben Theologen und Philosophen schon früher nachgedacht. Nicht selten fiel die Antwort düster aus: Man würde Jesus festnehmen, natürlich als Terrorist.
 
Genau das geschieht in der zehnteiligen Serie „Messiah“, als ein Wanderprediger in Damaskus auftaucht und danach querbeet durch alle Religionen Anhänger um sich schart. Ist er der Messias oder ein Scharlatan? Auf der Suche nach einer Antwort begibt sich der Mystery-Thriller von Netflix auf eine Gratwanderung, die fast zwangsläufig eine Antwort schuldig bleiben müsste. Aber Netflix kennt keinen Konjunktiv.


Montag, 13. Januar 2020

Dracula - NETFLIX-Serie verflacht nach starkem Beginn

Inmitten eines scheinbar sich immerwährend steigernden Peak TVs, das fast wie aus dem Handgelenk jährlich Serien im dreistelligen Bereich auf den Markt wirft, muss man schnell entscheiden, was man sich zumutet und was nicht. Im Falle der BBC-Miniserie „Dracula“ lautet der Rat: bitte die erste Folge anschauen, dann auf den Rest verzichten.

Mittwoch, 1. Januar 2020

Best of 2019

Ca. 65 Filme wurden im vergangenen Jahr gesichtet. Das ist eine gute Bilanz. Die Bedeutung von Serien nahm wie erwartet nicht ab. Dies spiegelte auch die hohe Anzahl von Rezensionen wider. Es wird Zeit, darauf zu reagieren. Der Filmclub wird deshalb in der Jahresbilanz sowohl die besten zehn Filme als auch die besten zehn Serien vorstellen.
Bester Film des Jahres wurde Quentin Tarantinos Once Upon A Time In Hollywood. Beste Serie ist Chernobyl - allerdings als primus inter pares, denn vier weitere Serien entpuppten sich ebenfalls als Highlights des seriellen Erzählens.


Donnerstag, 26. Dezember 2019

Watchmen - HBO und Damon Lindelof riskieren viel

Damon Lindelofs Serie wurde bereits zur „Jahrhundertserie“ erklärt, bevor die letzten Episoden gelaufen waren. Die Kritiker überschlugen sich vor Begeisterung, nicht wenige Fans teilten ihr Urteil. In den USA dümpelte die Serie trotzdem vor sich hin: ca. 0,7 Mio. Zuschauer wollten bei HBO zuschauen, zuletzt zogen die Quoten etwas an. So bescheiden treten Kultserien auf, die erst in einigen Dekaden verstanden werden. Aber auch Flops.
Ist „Watchmen“ ein Flop oder tatsächlich ein Geniestreich? Eher Letzteres, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Man beginnt am besten mit der Aussage: „Watchmen“ ist kein Flop. Diese Aussage halte ich für richtig, alles andere ist ziemlich kompliziert. Man muss zunächst bereit sein, alle Erwartungen an eine Serie über Bord zu werfen. Man braucht Geduld und muss akzeptieren, dass Kugelschreiber und Notizbuch beim Zuschauen in Griffweite sind. Nun, diese Utensilien beschränken die Reichweite bei den Quoten ganz entschieden, sind im praktischen Einsatz aber enorm hilfreich.

Donnerstag, 12. Dezember 2019

The Handmaid’s Tale – Staffel 3 mit starker zweiten Hälfte

In den USA musste man über ein Jahr auf die Fortsetzung der Hulu-Serie warten, in Deutschland war es kaum besser. „The Handmaid’s Tale“ gibt es aber weder bei Netflix noch bei Amazon oder Sky zu sehen. Die Lizenzen haben andere ergattert. Dafür sind DVDs und Blurays seit Anfang Dezember auf dem Markt.

Im Überangebot von neuen Serien und veränderter Genretrends ist die dystopische Hulu-Serie nach wie vor ein Solitär. Auch die dritte Staffel gehört zum besten, was derzeit zu sehen ist. Allerdings muss man etwas Geduld aufbringen. „The Handmaid’s Tale“ nimmt sich zunächst viel Zeit, startet dann aber gewaltig durch.

Mittwoch, 4. Dezember 2019

The Irishman

Männer, die in Erinnerungen schwelgen. Wer bei NETFLIX die dreieinhalb Stunden für Martin Scorseses Alterswerk „The Irishman“ auf sich nimmt, wird gleich nach dem Abspann zu einem Round-Table-Gespräch eingeladen. Scorsese, Robert De Niro, Al Pacino und Jos Pesci sitzen zusammen und sprechen über das Kino und das Leben in der Mafia.

Alte Männer, so lautet die Einsicht des Quartetts, wissen mehr über das Leben und wie es endet. Ohne Glamour. Martin Scorsese, der mit Grandezza einige Meisterwerke über das Leben ohne Gesetz gedreht hat, zeigt, dass am Ende nur Tod oder Leere auf einen Mobster warten.

Mittwoch, 27. November 2019

The Hate U Give

Amandla Stenberg (u.a. The Hunger Games, 2012) ist als Starr Carter einfach umwerfend. Wenn man wissen will, wie es sich anfühlt, einer rassistisch ausgegrenzten Minderheit anzugehören, muss man sich die 21-jährige Schauspielerin in „The Hate U Give“ anschauen.
 

Sozialisiert in einem Ghetto, besucht sie eine teure private High-School und hat einen weißen Freund. Starr ist cool. Ihre Assimilationsleistungen sind allerdings gewaltig, denn sie muss zwei Sprachen beherrschen: den elaborierten Talk der zum Teil stinkreichen Klassenkameraden und den Slang ihres Milieus, einem Viertel, in dem Gewalt zum Alltag gehört.

Mittwoch, 6. November 2019

Tom Clancy’s Jack Ryan – die zweite Staffel überzeugt nicht restlos

War die ikonische Figur des Erfolgsautoren Tom Clancy in der ersten Staffel noch in den Kampf gegen den islamistischen Terror verwickelt, so führt Jack Ryans Weg ihn nun nach Venezuela, wo er wieder einmal recht starrköpfig den Kampf gegen einen neuen Schurken aufnimmt: den rechtspopulistischen Präsidenten Nicolás Reyes.

Man muss nicht viel Phantasie aufbringen, um die Parallelen zu Nicolás Maduro zu erkennen, dem aktuellen Präsidenten des krisengeschüttelten Landes. Und noch weniger Phantasie ist nötig, um zu erkennen, dass ein Agententhriller, der sich ausgiebig mit den Verhältnissen in Venezuela beschäftigt, auf irgendeine Weise auch eine politische Agenda besitzt. Die Frage ist, welche das ist.


Samstag, 26. Oktober 2019

Joker

The Same As It Ever Was – Todd Phillips Film über die Vorgeschichte des berühmten Gegenspielers des DC-Comic-Helden Batman hat zu einem Rauschen im Blätterwald geführt und auch zu bizarren öffentlichen Debatten über Gewalt und Kunstfreiheit im Kino.
Man kann sich angesichts der ganzen Aufregung also darauf verlassen, dass der Film ziemlich gut sein muss. 
Ist er auch, bloß sollte man im Kino besser kein Prequel der Batman-Filme erwarten. „Joker“ ist eine tiefschwarze und deprimierende Tragödie mit einem Joaquin Phoenix in absoluter Höchstform. Wer allerdings die Origin Story des Joker sucht, sollte dies besser in den Comics tun.

Sonntag, 13. Oktober 2019

„El Camino: A Breaking Bad Movie“ - die Geschichte wird weitererzählt

Im November 2018 fanden in Albuquerque geheimnisvolle Dreharbeiten für einen Film mit einem nichtssagenden Arbeitstitel statt. Als erste Gerüchte über eine Beziehung des Projekts zur Erfolgsserie „Breaking Bad“ in Umlauf kamen, war alles bereits abgedreht.
Tatsächlich hatte sich „Breaking Bad“-Schöpfer Vince Gilligan im Geheimen einen Herzenswunsch erfüllt. Mit „El Camino: A Breaking Bad Movie“ wird pünktlich zum 10. Geburtstag seiner Mega-Serie (2008-2013) die Geschichte weitererzählt. Diesmal für Netflix. Im Mittelpunkt steht die Geschichte von Jesse Pinkman, der rechten Hand des toten Drogenbosses Walter White. Eine rundum überzeugende Geschichte ist dabei nicht entstanden, dafür aber einige schöne „Breaking Bad“-Momente.

Mittwoch, 25. September 2019

The Loudest Voice - Russel Crowe spielt ein Sexmonster

Beim Casting für die Showtime-Serie „The Loudest Voice“ hätte ich bei der Besetzung der Hauptrolle eher an John Goodman gedacht, tatsächlich spielt aber Russell Crowe den Ex-CEO Roger Ailes, der als Macher von Fox News zwanzig Jahre lang nicht nur den Medienmarkt, sondern auch die Politik in den USA aufmischte.

Viele amerikanische Zuschauer werden „The Loudest Voice“ nicht mögen. Dass Russell Crowe für seine Darstellung eines Mannes, der Frauen sexuell ausbeutete und nicht ganz unwesentlich an Donald Traums Aufstieg beteiligt war, einen EMMY verdient hat, ist allerdings nach wenigen Folgen klar.

Donnerstag, 12. September 2019

The Sisters Brothers

Der neue Film des französischen Autorenfilmers Jacques Audiard ist ein Spätwestern, vielleicht auch ein Noir Western – möglicherweise auch eine Entzauberung klassischer Westernmythen, die trotzdem respektvoll mit diesem Genre umgeht.
Auf jeden Fall wird von einer existenziellen Selbstfindung in einer unberechenbaren, gewalttätigen Welt erzählt. Aber das hat Audiard bereits in früheren Filmen getan. Auch diesmal ist ein filmisches Juwel entstanden.

Dienstag, 27. August 2019

Mindhunter - die NETFLIX-Serie ist ein Volltreffer

Nach der aufsehenerregenden 1. Staffel der NETFLIX-Serie „Mindhunter“ geht die Analyse von und die Suche nach Serienmördern in neun neuen Episoden auf NETFLIX weiter.
Die zweite Staffel vertieft die Charakterentwicklung der Ermittler Holden Ford und Bill Tench und der Wissenschaftlerin Wendy Carr und stellt einen der spektakulärsten Kriminalfälle der 1970er Jahre in den Mittelpunkt - die Atlanta-Morde, die von 1979 bis 1981 insgesamt 28 farbige Kinder und Jugendliche das Leben kostete. Spannend, vielschichtig und auch ohne blutige Szenen erschreckend realistisch – auch die zweite Staffel ist ein Fall für Binge Viewer.


Sonntag, 18. August 2019

Once Upon a Time in Hollywood

Mit seinem nach eigener Aussage vorletzten Film zeichnet Quentin Tarantino nicht nur ein impressionistisches Bild der Film-und TV-Industrie Hollywoods in den 1960er-Jahren, sondern auch das Ende der Flower Power-Ära, die durch die „Tate-LaBianca-Morde“ ein abruptes Ende fand.
„Once Upon a Time in Hollywood“ erzählt allerdings nicht von den Stars eines recht gnadenlosen Business, sondern von den Profis aus der zweiten Reihe: einem abgehalfterten TV-Westernstar und seinem besten Freund, einem Stuntman. Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen die spannendsten Buddys seit „Pulp Fiction“ und weil Quentin Tarantino nicht nur das Kino liebt, sondern auch an seine Macht glaubt, dürfen seine Helden am Ende wieder einmal die Realität korrigieren. „Once Upon a Time in Hollywood“ ist ein Meisterwerk.

Samstag, 17. August 2019

Widows

Drei Gangsterbräute wollen den Männern endlich ein Schnippchen schlagen und planen im Alleingang einen großen Coup. Es war ein Jugendtraum von Steve McQueen, die 1983 und 1985 von ITV ausgestrahlte britische TV-Serie Widows“ von Lynda La Plante irgendwann zu verfilmen. 
Beim britischen Regisseur hatte die Serie in jungen Jahren einen mächtigen Eindruck hinterlassen. Nun also das Remake, das eigentlich keins ist, da AMC sich bereits 2002 an dem Stoff versuchte. Steve McQueens neuer Film ist sehenswert, kann aufgrund seiner Drehbuchschwächen aber nicht restlos überzeugen.

Sonntag, 4. August 2019

Der Name der Rose - die Serienadaption von Umberto Ecos Roman

Über dreißig Jahre nach Jean-Jacques Annaud Verfilmung des Umberto Eco-Bestsellers „Der Name der Rose“ hat sich nun der Serienmarkt an einer frisch aufgepeppten Version versucht.
Regisseur Giacomo Battiato erfindet das Rad zwar nicht neu, liefert aber eine gediegene Erzählung ab, die besonders in den letzten Episoden Fahrt aufnimmt. Das ist nicht immer stimmig, aber trotz gelegentlich hämischer Kritikerschelte kaum schlechter als Annauds Kultfilm. Dies liegt weniger an der sattsam bekannten Geschichte, sondern an den respektablen Darstellerleistungen.


Sonntag, 7. Juli 2019

Spider-Man: Far From Home

Nach dem furiosen „Endgame“ schließt Marvel die Phase 3 seines Marvel Cinematic Universe mit einem neuen Solo-Film von Spider-Man ab. Doch der von Tom Holland gespielte Spinnenmann hat es nicht nur mit gefährlichen Widersachern zu tun, sondern auch mit Kräften aus einer Parallelwelt, die an ihm zerren. Es ist unsere Welt und es sind vor allen Dingen die Verwerfungen des Medienmarktes, die darüber entscheiden werden, was aus ihm wird.
„Spider-Man: Far From Home“ ist vor diesem Hintergrund ein spannender Film geworden. In einem kompliziert gewordenen Erzählkosmos, in dem Parallelwelten und Zeitreisen für viele Rätsel sorgen, befindet sich der neue Marvel-Film irgendwo zwischen LSD-Trip und einer netten Coming-of-Age-Geschichte. Ordentliches Popcorn-Kino, aber sicher kein weiterer Höhepunkt des Marvel-Kosmos.


Sonntag, 23. Juni 2019

Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm

Wer sich für deutsche Literatur- und Theatergeschichte interessiert und auch für einen der genialsten Dichter und Denker des 20. Jh., der kommt um Joachim A. Langs Film nicht herum. Schwere Kost? Ja! Aber leicht serviert. Der Film macht Spaß, auch Zuschauern, die zuletzt in der Schule mit Bertolt Brecht zu tun hatten. Lang ist ein ausgezeichneter Brecht-Kenner und so zeigt er in „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt: Denken macht Spaß, ist aber kein Zuckerschlecken.

„Mackie Messer“ ist ein opulentes Stück Kino mit ausgezeichneten Darstellern, aber auch eine Lektion darüber, was Brecht vorschwebte, als er Ende der 1930er Jahre die „Dreigroschenoper“, seinen großen Theaterhit, auch auf die Kinoleinwände der Weimarer Republik bringen wollte. Die Filmproduzenten wollten Unterhaltung, Brecht dagegen mehr Politik. Man zog vor Gericht und Brecht machte aus dem Prozess ein Lehrstück. Der deutsche Regisseur Joachim A. Lang zeigt nun, wie der „Dreigroschenfilm“ hätte aussehen können.

Dienstag, 11. Juni 2019

Chernobyl - der Horror der Fakten

Was hat HBO nach „Game of Thrones“ noch im Köcher? Eine ganze Menge. Mit der Miniserie über den Super-GAU, der sich 1986 im Kernkraftwerk Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat ereignete, katapultierte sich HBO innerhalb weniger Tage in der IMDB auf Platz 1 der „Top Rated TV Shows“.

Mit Showrunner Graig Mazin, der bis lang nicht gerade mit anspruchsvoller Kost glänzen konnte, und dem schwedischen Musiker und Regisseur Johan Renck, der nur vereinzelt in den Regielisten von „Breaking Bad“, „The Walking Dead“ und „Vikings“ aufgetaucht ist, haben zwei wenig prominente Filmemacher nun ein gewaltiges TV-Gewitter inszeniert, das zu den dichtesten und unangenehmsten im aktuellen Serien-Kosmos gehört. „Chernobyl“ geht nicht nur unter die Haut, sondern schlägt auch auf den Magen

Montag, 10. Juni 2019

Designated Survivor - die dritte Staffel hat eine harte Agenda

Wie ein Phönix aus der Asche kam sie zurück, zuvor lieblos ad acta gelegt: „Designated Survivor, die vor anderthalb Jahren von ABC nach zwei Staffeln gecancelte Serie. Jenes Politdrama, das von einem Mann erzählt, der eigentlich kein Politiker sein will, aber plötzlich der mächtigste Mann der westlichen Welt ist.
Hatten nicht viele gesagt, dass diese Geschichte auserzählt ist? Nun ist der von Kiefer Sutherland gespielte Idealist Tom Kirkman, der kein Pragmatiker der Macht sein wollte, wieder da. In der letzten der zehn neuen Folgen holt er sich erneut seinen Therapeuten ins Weiße Haus, weil die Schuld an ihm nagt. Unmittelbar vor dem Finale der Präsidentschaftswahlen hat Kirkman zwar nicht gelogen, aber bewusst geschwiegen, um seinen größten Widersacher politisch zu vernichten. Darf das einer wie er, darf man das überhaupt? 
Das sind nicht die einzigen Fragen, die in einer Serie gestellt werden. „Designated Survivor“ wird sogar im letzten Drittel zu einer bitterbösen Anti-Trump-Brandrede. Überhaupt nicht fair, ausgewogen, objektiv und nett, sondern gallig, parteiisch und wütend.