Donnerstag, 29. Juni 2017
The Girl With All The Gifts
Puristen werden einwenden, dass Colm McCarthys Verfilmung des gleichnamigen Romans von Mike Carey kein Film über Zombies ist, sondern über Menschen, die an einer Pilzinfektion erkranken und die Gesunden auffressen. Untote gibt es nicht in der britisch-amerikanischen Produktion, dafür greift „The Girl With All The Gifts“ alle bekannten Elemente einer post-apokalyptischen Erzählung auf, die wir aus bekannten Vorbildern wie „The Walking Dead“ kennen: den zivilisatorischen Kollaps, den verzweifelten und hoffnungslosen Kampf einer Gruppe von Überlebenden in einer Welt, die ihnen nicht mehr gehört und die Frage, ob es in so einer Welt überhaupt noch etwas Moralisches zu verhandeln gibt.
Freitag, 23. Juni 2017
Genius: Einstein - National Geographic Channel überzeugt mit guter Serie
Als „Dokutainmant“ kündigte SKY das Renommierprojekt an. Das ist natürlich ziemlicher Blödsinn, denn Dokutainment gehört zu Sendeformaten wie Doku-Soap oder Scripted Reality. Und das sind seichte Geschichtchen, schlimmstenfalls kann man so etwas als Fake Reality bezeichnen, was nicht dadurch besser wird, dass fast 80% der Zuschauer diese Formate für „echt“ halten.
Was in der ersten „Genius“-Staffel echt ist, werden Wissenschaftshistoriker beurteilen können. Die Serie basiert auf Walter Isaacson 2007 erschienenen Buch Einstein: His Life and Universe und wenn man an die über 50.000 Briefe in Einsteins sorgsam gehüteten Nachlass denkt, dürfte auf spätere Biografen noch viel Arbeit warten. Aber Walter Isaacson ist ein renommierter Journalist und Autor, dem man zutrauen darf, dass er einen Schritt in die richtige Richtung gemacht hat. Immerhin hatte der Autor im Jahre 2006 Zugriff auf zuvor unbekannte Dokumente über den Physiker.
Donnerstag, 8. Juni 2017
House of Cards: Season 5
Erinnern wir uns nach einer über einjährigen Pause: Am Ende der 4. Staffel befindet sich US-Präsident Francis Underwood (Kevin Spacey) mitten im Wahlkampf. Sein republikanischer Herausforderer Will Conway (Joel Kinnaman) macht es ihm schwer: er ist jung, smart, ein patriotischer Kriegsteilnehmer – und er versteht mehr von Webcrawlern und Social Media als Underwood. Als Mitglieder der islamistischen Terrororganisation ICO (Islamic Caliphate Organization) vor laufender Kamera dem Familienvater James Miller den Kopf abschneidet, wittert Underwood seine Chance. Und so endet Season 4 mit der unheilvollen Androhung: „Wir beugen uns nicht dem Terror. Wir sorgen selbst für den Terror“.
Mittwoch, 24. Mai 2017
Review: The Path - Season 2
Fazit: „The Path“ ist weiterhin spannend, bombardiert den Zuschauer mit Plot Twists, verliert aber bei der Charakterentwicklung der Figuren trotz exzellenter darstellerischer Leistungen seine Glaubwürdigkeit. Der ersten Staffel hatte ich im letzten Herbst eine originelle und aufmerksame Erzählweise bescheinigt: „The Path“ sei „alles andere als eine Soap Opera“. Die zweite Season ist nun aber mitten im Soap gelandet – allerdings immer noch auf ordentlichem Niveau.
Alien: Covenant
Dabei fängt alles noch vielversprechend an. Im Prolog des Films spielt David (Michael Fassbender), der Android, der sich in „Prometheus“ noch an Peter O’Toole ergötzte, seinem Schöpfer Peter Weyland (Guy Pearce) in einem schnellweißen, lichtdurchfluteten Raum einige Takte Wagner vor. Auf dem Klavier, was doch einigermaßen ernüchternd viel zu wenig vom orchestralen Pomp Wagners erkennen lässt. In dem folgenden Gespräch wird deutlich, dass David ernste Zweifel an Weylands superiorer Rolle hat. Wer ihn denn geschaffen hat, fragt der Android listig, daran erinnernd, dass er selbst unvergänglich ist, Weyland jedoch sterblich sei. Eine Antwort wird ihm verwehrt, stattdessen verlangt Weyland, dass David ihm den Tee anreicht. Am Ende des Films wird David dann „Mutter“, den entzückenden Bordcomputer der Covenant (und später auch der Nostromo), bitten, ihm den „Einzug der Götter in Walhall“ aus dem Rheingold vorzuspielen – er hat gewonnen.
Mittwoch, 17. Mai 2017
Café Society
Woody Allens Film, mit dem im letzten Jahr die Internationalen Filmfestspiele von Cannes eröffnet wurden, erzählt von einer klassischen ménage à trois. Bobby Dorfman zieht es nach Los Angeles, wo sein Onkel Phil Stern (aalglatt: Steve Carrell) eine erfolgreiche Casting-Agentur leitet. Der will zunächst nichts mit seinem Neffen zu tun haben, verschafft ihm dann aber einen Phantom-Job und schickt ihn mit seiner Sekretärin Vonnie (Kristin Stewart) auf eine Who-is-who-Tour durch Hollywood, wo der junge Mann die Schickeria der Filmindustrie kennenlernen soll. Natürlich verliebt sich der von Jesse Eisenberg mit naivem, aber zupackenden Charme gespielte Novize in die hübsche Begleiterin. Die aber ist heimlich liiert mit ihrem Chef, sodass Onkel und Neffe alsbald um die Gunst Vonnies buhlen.
Dienstag, 16. Mai 2017
Ich, Daniel Blake
Ein Mann im Räderwerk der Bürokratie. Es geht um die Bewilligung von Sozialleistungen, aber der Antragsteller wird nicht als Bedürftiger, sondern als Feind des Systems behandelt. Das hört sich kafkaesk an, ist es aber nicht. Kafka kannte den Neoliberalismus nicht.
Dienstag, 9. Mai 2017
Girl on the Train
Rachel Watson (Emily Blunt) sitzt Tag für Tag im Zug und fährt nach Manhattan. Immer die gleiche Strecke. Mit traurigen Augen blickt sie aus dem Zug. Die Urban Suburbs gleiten an ihr vorbei wie ein Glücksversprechen. Denn sie hat dort, in den Häusern der wohlhabenden Mittelschicht, selbst einmal gewohnt und war glücklich. Das ist vorbei. Trotzdem lässt sie nicht ab vom Schauen, weil sie besessen ist von der Idee, dass die Pärchen in den Gärten und auf den Terrassen allesamt glücklicher sind als sie.
Dienstag, 2. Mai 2017
Train to Busan
Natürlich erinnert „Train to Busan“ an den koreanischen Hit „Snowpiercer“. Dafür sorgen die Settings. Wie in „Snowpiercer“ entwickelt sich die Geschichte von „Train to Busan“ ebenfalls in einem Zug, dem Hochgeschwindigkeitszug KTX, der von Seoul nach Busan fahren soll. Allerdings scheint bereits vor der Abfahrt in Seoul einiges nicht mehr zu stimmen. Als sich der Zug endlich in Bewegung setzt, sieht das kleine Mädchen Su-an von ihrem Fensterplatz aus (Kim Su-an mit berührender Performance), wie auf dem Bahnsteig ein Mitarbeiter der Seoul Station von einem Tollwütigen angegriffen wird. Und von keinem bemerkt, schleppt sich ein schwerverletztes junges Mädchen in den Zug. Als sie kurz danach stirbt und sofort danach eine Zugbegleiterin anfällt, bricht im Zug die Hölle los.
Donnerstag, 20. April 2017
Homeland – Season 6
Näher an der Schaltzentrale der Macht war Carrie Mathison (Claire Danes) noch nie. Einige Monate nach den Ereignissen in Berlin ist die Ex-CIA-Agentin zurück in den Staaten, lebt mit ihrer kleinen Tochter in Brooklyn und arbeitet für eine Bürgerrechtsbewegung, die sich für Muslime einsetzt. Heimlich ist die Spezialistin für heikle Geheimdienstaktionen aber Beraterin der neu gewählten US-Präsidenten Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel), die als President Elect auf ihre Amtseinführung wartet und sich inzwischen mit brisanten Briefings auseinandersetzen muss. Für den Strippenzieher Dar Adal (F. Murray Abraham) ist dieses kleine Zeitfenster die womöglich letzte Chance, die ehemalige New Yorker Senatorin nach seinen Vorstellungen zu manipulieren. Und die sind klar: Dar Adal – und mit ihm der israelische Mossad – wollen der zukünftigen mächtigsten Frau der Welt beweisen, dass sie die Iran-Politik der USA auf den Prüfstand stellen muss.
Samstag, 8. April 2017
Magnus – Mozart des Schachs
Für einen ähnlichen Medienhype sorgte zuvor eigentlich nur Bobby Fischer, aber der galt als unberechenbarer Paranoiker und wollte keine Werbeverträge abschließen. Mit lukrativer Werbung verdient Carlsen mittlerweile mehr als mit seinen Schachkünsten. In einem Werbeclip für den neuen Porsche 911 steigt Muahammad Ali in den Ring und boxt gegen sich selbst. Maria Sharapova haut sich die Tennisbälle um die Ohren und auch Magnus Carlsen begegnet am Schachbrett sich selbst, während zwei Porsche über nassen Asphalt rasen.
Dienstag, 4. April 2017
The Walking Dead Season 7: Viel Lärm um nichts?
Wenn Serienmacher den Punkt erahnen könnten, an dem sie ihre Fans verlieren, würden sie dennoch kein As aus dem Ärmel ziehen können. Horizontal erzählte Serien wie „The Walking Dead“ werden in großen Erzählbögen geplant. Dass man sich von Script zu Script hangelt, wie es teilweise bei „Lost“ der Fall war, ist bei einem Premiumprojekt schlichtweg undenkbar. Während die 7. Staffel von TWD zu Ende gegangen ist, sind die großen Erzähllinien für Staffel 8 und 9 also bereits entworfen. Jedenfalls behauptet dies Showrunner Scott M. Gimple, und man sollte es ihm glauben.
Donnerstag, 30. März 2017
Life
Auf der Internationalen Raumstation ISS kommt es zu einem Zwischenfall, als eine beschädigte Marssonde nicht wie geplant andocken kann. Doch die havarierte Sonde kann nach einem riskanten Einsatz des Flugingenieurs Roy Adams (Ryan Reynolds) an Bord geholt werden. Und tatsächlich scheint sich das riskante Manöver gelohnt zu haben, denn Hugh Derry (Ariyon Bakara), der Exobiologe der ISS, entdeckt in den Proben vom Mars einen scheinbar primitiven Einzeller, dem die Crew den Namen Calvin gibt.
Dienstag, 28. März 2017
Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft
„Genius“ ist in Teilen eine Adaption von A. Scott Bergs Buch „Max Perkins: Editor of Genius“. Bergs Biographie über den berühmten amerikanischen Lektor rückt viele Autoren in den Fokus. In „Genius“ tauchen Perkins Erfolgsautoren Scott F. Fitzgerald und Ernest Hemingway aber nur beiläufig auf. Im Mittelpunkt steht Thomas Wolfe, der Autor von „Schau heimwärts, Engel“.
Mittwoch, 15. März 2017
The People v O. J. Simpson: American Crime Story
Der mittlerweile 70-jährige O. J. Simpson schmort immer noch in einem Gefängnis in Nevada. In einigen Monaten darf er mit seiner vorzeitigen Entlassung rechnen. Verurteilt wurde er 2008 wegen bewaffnetem Raub. Ziemlich drakonisch, das Strafmaß, 33 Jahre Haft konnte man durchaus als Nachschlag betrachten. 1995 wurde Simpson von einer mehrheitlich schwarzen Jury vom Vorwurf des Doppelmordes an seiner Ex-Frau Nicole Brown Simpson und ihrem Bekannten Ronald Goldman überraschend freigesprochen. Die Öffentlichkeit spaltete sich in zwei Lager: Weiß vs Schwarz. Ein Großteil der Medien hatte dagegen einen Schuldspruch vorformuliert - zu erdrückend waren die Indizien, die gegen den populären NFL-Star sprachen. Eine Blutspur führte vom Tatort in seine Wohnung.
Freitag, 10. März 2017
Logan - The Wolverine
Der Mann ist einfach nicht mehr gut drauf. Als Taxifahrer fährt er in einer Stretch-Limousine bizarre Gäste durch die nächtliche City, der Klamauk hinter seinem Fahrersitz perlt von ihm ab. Dass dieser ungepflegte Typ mit seinem struppigen, grauen Bart einmal der unverwüstliche Wolverine gewesen ist, mag man nicht glauben. Als ihm ein halbes Dutzend mexikanischer Autodiebe eine üble Tracht Prügel verabreicht, muss er seine ganzen Kräfte mobilisieren, um noch einmal seine Adamantium-Klingen auszufahren. Danach steht er schwer atmend zwischen Leichen mit abgetrennten Gliedmaßen. Das sieht nicht gut aus, Wolverine ist am Ende einer langen Reise.
Samstag, 4. März 2017
Welches Geheimnis steckt in „WESTWORLD“?
Der Geist in der Maschine
Träumen Androiden von elektronischen Schafen? Die geistreiche Frage von Philip K. Dick sollten wir sehr ernst nehmen. Denn wenn wir uns mit schlauen Robotern, Mr. Data oder den Androiden in „Westworld“ beschäftigen, wollen wir nicht nur über andere Existenzformen spekulieren. Es geht auch darum, was wir träumen und was wir sind. Und darum, wie wir denken. Das Andere ist der Spiegel unseres Selbst. Doch haben die Androiden überhaupt eins? Und wie sieht es bei uns aus? In den Neurowissenschaften ist das umstritten. Deshalb ist die neue HBO-Serie so spannend. Sie steigt in die Tiefen des Kaninchenbaus und will das Geheimnis entschlüsseln.
„All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die.“ Wenn Rutger Hauer in „Blade Runner“ seine sehr poetischen letzten Worte spricht, bevor er stirbt, berührt uns dies. Eine völlig fremde Erfahrungswelt wird spürbar, Harrison Ford schaut verblüfft seinen Widersacher an, wohl auch weil seine Existenz ein offenes Rätsel ist. Er sucht in den Worten des Replikanten nach einer Bedeutung – für sich selbst natürlich.
Roys letzte Worte (die, so will es der Mythos, Rutger Hauer selbst ins Script geschrieben hat) berichten von kosmischen Orten wie dem Tannhauser Gate, die nur der Replikant gesehen hat. Heute zeigen uns Hubble-Bilder, was er gemeint haben könnte. Wenn wir heute „Blade Runner“ noch einmal sehen, dann haben wir wie vor 35 Jahren das Gefühl, dass den Replikanten Unrecht geschehen ist. Sie werden gejagt und getötet und sie wehren sich dagegen. Wie die künstlichen Geschöpfe in „Westworld“.
Donnerstag, 2. März 2017
Miles Ahead
Zwei Autos rasen über nassem Asphalt durch die Nacht. Miles Davis, der von Don Cheadle gespielt wird, feuert aus dem Fenster auf den Verfolger. Dann trifft ihn selbst ein Schuss in den Oberschenkel. Auf der Flucht verliert ein Tonband. Dann verschwindet er humpelnd in finsteren Nebengassen.
Das Tonband ist mehr als ein McGuffin. Denn angeblich steht Miles Davis, der jahrelang keine Platte gemacht hat, vor einem Comeback. Auf dem Tonband, so vermutet man, sind neue Stücke des Jazzgenius. Das wäre eine Sensation und Geld könnte man sicher auch damit machen.
Aber ist das, was man sieht, wirklich Miles Davis?
Donnerstag, 16. Februar 2017
Die Insel der besonderen Kinder
Jake Portman (Asa Butterfield) gehört zu den Kindern, die von ihren Eltern aufgezogen werden, aber Nähe und Aufmerksamkeit bei Opa und Oma finden. In Jakes Fall ist es Großvater Abraham (Terence Stamp in einer schönen Altersrolle), der viel gereist ist und mysteriöse Geschichten erzählen kann. Etwa die von einer Insel, auf der er als junger Mann einige Kinder mit besonderen Fähigkeiten kennenlernte. Aber plötzlich verschwindet Abraham, Jake findet ihn tot im Wald und entdeckt, dass sein Großvater keine Augäpfel mehr hat. Und plötzlich erscheint schemenhaft eine monströse Kreatur in der Dunkelheit. Jake erzählt seinen Eltern davon und das bringt den Jungen zwar nicht in die Klapse, aber immerhin zum Psychiater. Der ist eine etwas unterkühlte Frau (Allison Janney), die natürlich alles etwas hochnäsig umdeutet. Und prompt stellt sich die Frage, warum Kindern den Erwachsenen überhaupt etwas darüber erzählen sollen, was sie sehen und wovon sie träumen.
Montag, 13. Februar 2017
Jason Bourne
Jason Bourne muss es richtig schlecht bekommen sein, das letzte Jahrzehnt. Die Jahre im Untergrund hatten nur ein Ziel: zu überleben. Sein Geld verdient der ehemalige CIA-Elitekiller in schäbigen Boxkämpfen, die an schäbigen Orten im griechisch-albanischen Grenzgebiet ausgetragen werden. Wenn Bourne lustlos ist, haut er seine muskelbepackten Gegner gleich mit dem ersten Schlag um. Wenn er den geifernden Zuschauern etwas Show bieten will, lässt er sich vorher ein wenig verprügeln. Ein Leben ist das nicht, aber Paul Greengrass zeigt gleich am Anfang, dass auch die anderen keins haben. Zumindest die Griechen nicht. Die erste längere Action-Sequenz findet daher inmitten einer Straßenschlacht zwischen Griechen und der griechischer Polizei auf dem Syntagma-Platz in Athen statt. Es sind brutale Szenen, die die Kamera von Barry Ackroyd einfängt, und wie immer bei Greengrass sind es die Bildfetzen einer taumelnden Shaky Cam, die am Schnitttisch zu einem Bildgewitter zusammengesetzt werden, bei dem man die Dinge mehr erahnt als das man sie tatsächlich sieht.
Freitag, 3. Februar 2017
„Westworld" - die neue HBO-Serie
Umso mehr die künstlichen Geschöpfe. Sie entdecken am Ende ihr eigenes Bewusstsein. Aber nur, weil nicht nur die Gäste, sondern auch ihre Schöpfer sie systematisch quälen und peinigen. Qual, Verzweifelung und Erniederung als Quellen des „Selbst“: die Menschwerdung stellt man sich anders vor. Aber: Wären die echten Menschen auch bessere Menschen, wäre diese Serie nie entstanden.
Wer es wollte, konnte „Westworld“ vor einigen Monaten in der englischen Originalfassung auf SKY sehen. Dazu gehörte Mut und mehr als nur eine Handvoll Vokabeln, denn der Sci-Fi-Mix aus Western und hypermoderner Bewusstseins-Simulation glänzte nicht nur wegen seiner berauschenden visuellen Qualitäten, sondern auch durch seine metaphernreichen und nuancierten Dialoge, die Autor und Regisseur Jonathan Nolan ("The Dark Knight") und Co-Autorin Lisa Joy den Menschen und den Robotern in den Mund gelegt hatten. Ab 2. Februar läuft nun die deutsche Synchronfassung.
Dienstag, 24. Januar 2017
Sing Street
Gute Künstler beschreiben das, was sie kennen. Und John Carney kennt die Musik der Achtziger und Neunziger, er war Bassist in der irischen Rockband „The Frames“. Carney kennt aber auch Irland. Der Musiker und Filmregisseur wurde 1972 in Dublin geboren, jener Stadt, die nicht nur wegen James Joyce zu einem magischen Ort der Kunst wurde. In seinem neuen Musikfilm „Sing Street“ geht es nicht nur um Rock’n Roll und Pop, sondern auch um Herzschmerz und um Revolte. Beides spielt sich eine von Außenseiter-Kids gegründete Band mit viel Power von der Seele – in einem Film, in dem einfach alles stimmt.
„Can a Song Save Your Life?“ fragte John Carneys 2013 gedrehter Musikfilm. Ja, das kann er. Und das muss er auch, wenn man seine große Liebe erobern will.
Wir sind im Dublin der 1980er Jahre und der 15-jährige Conor (großartiges Leinwanddebüt: Ferdia Walsh-Peelo) hat es auch sonst nicht leicht. Gerade hat er von seinen Eltern (Maria Doyle Kennedy und Aidan Gillan: „Petyr Baelish“ in „Game of Thrones“) erfahren, dass nicht mehr genug Geld für die teure jesuitische Privatschule da ist. Er muss auf eine deutlich günstigere staatliche Schule wechseln. Die ist auch katholisch und es gibt strikte Regeln und ein merkwürdiges Verständnis von Männlichkeit.
Montag, 2. Januar 2017
Best of 2016
Mittwoch, 14. Dezember 2016
Der Absturz einer Erfolgsserie: „The Walking Dead“ im Sinkflug?
Beim Staffelauftakt wurde ein Publikumsliebling mit ausgefeiltem Sadismus geschlachtet. Eine weitere, nicht ganz unwichtige Rolle, musste auch ihr Leben aushauchen. Es war wohl alles zu viel. Die Fans rebellierten, die Quoten fielen. Vielleicht gilt auch für TWD die alte Regel: Der Niedergang beginnt dann, wenn man den Höhepunkt erreicht hat.
Die Zuschauerzahlen waren jahrelang gigantisch, der Zuspruch immens und die launigen Medien konnten sich nicht dem allgegenwärtigen Hype entziehen und feierten enthusiastisch „die beste Serie aller Zeiten“.
Doch dann geschieht etwas, was das fein ausbalancierte Verhältnis zwischen der Geschichte, den Figuren und ihren Fans abrupt beschädigt. Mit Glenn, dem liebenswerten Pizzaboten und kommenden Vater, wird eine Schlüsselfigur des TWD-Universums nicht einfach nur getötet, sondern bestialisch massakriert. Es war wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung.
Freitag, 2. Dezember 2016
Arrival
Es sind zwölf Schiffe. Sie hängen in der Luft wie nach oben weggeklappte Flyling Saucers. Weltraumzigarren, ganz schwarz, was auch gut zu den beinahe farblosen, grauen Bildern von Kameramann Bradford Young („A Most Violent Year“, „Pawn Sacrifice“) passt. Die sind trotz ihrer Tristesse sehr schön, wenn Nebel gezeigt wird, der wie weißes Wasser über die Bergkämme fließt und die schwarzen Zigarren einhüllt. Etwas strange, aber es ist unser Planet, nur hat er plötzlich Besuch bekommen.
Samstag, 19. November 2016
Show Me a Hero
Er steht vor dem Spiegel und übt, was er sagen will: für die Medien, für den Stadtrat. Mal sachlich, mal teilnahmslos, dann enthusiastisch. Nick Wasicsko (Oscar Isaac) will als neuer Bürgermeister auch ein guter Politprofi sein. Dabei ist der junge Mann mit dem kurzen Schnauzbart eigentlich der nice guy von nebenan, der mit gerne mit seiner Freundin Nay (Carla Quevedo) knuddelt und sich ein altes Haus auf dem Berg wünscht. Von hier aus könne sie, sagt er, abends das Licht in seinem Büro sehen. Einige Wochen später wird er Todesdrohungen von besorgten Bürgern erhalten. Die schillernde Seifenblase ist geplatzt.
Montag, 14. November 2016
Dr. Strange
Scott Derrickson ist bislang mit Horromätzchen wie „Deliver Us from Evil“ (Erlöse uns von dem Bösen, 2014), „Sinister“ (2012) oder misslungenen Remakes („The Day the Earth stood still“, 2009) aufgefallen – Genreprodukten, deren Markenkern eine penetrante Unoriginalität war. Derrickson Qualitäten bestanden bislang darin, Bekanntes unerbittlich zu wiederholen und sich streng an den Kanon etablierter Genreregeln zu halten. Dass ausgerechnet einem Handwerker des Uninspirierten der 14. Film des Marvel Cinematic Universe (MCU) anvertraut wurde, verblüfft doch einigermaßen.
Dienstag, 8. November 2016
Eye in the Sky
In „Terror“ ging es um die moralische No-Win-Situation eines Bundeswehr-Piloten, der ein von Terroristen entführtes Flugzeug voller Zivilisten abschoss, bevor es in ein mit 70.000 Zuschauern gefülltes Stadion gelenkt werden konnte. Was immer der Pilot tut: es sterben Menschen. Und er muss seine Entscheidung allein treffen.
In „Eye in the Sky“ jagt Colonel Katherine Powell (Hellen Mirren) eine Gruppe somalischer Al-Shabaab-Terroristen, die sich in einem Safe House in Nairobi getroffen hat. Als klar wird, dass die Gruppe unmittelbar vor der Ausführung eines Sprengstoff-Attentats steht, drängt Powell darauf, die Attentäter mit einer Reaper-Drohne auszuschalten. Auch in Hoods Film wissen alle, dass dabei unschuldige Menschen sterben werden. Doch anders als in „Terror“ wird dies von Software-Experten in Prozenten berechnet. Kollateralschaden von 65%: nicht gut. 45%: vertretbar. Am Ende entscheidet in Gavin Hoods Film der, der für die richtigen Zahlen sorgt.
Mittwoch, 2. November 2016
Experimenter – Die Stanley Milgram Story
Das 1961 durchgeführte „Milgram-Experiment“ gehört zu den verstörendsten Experimenten der Sozialpsychologie. Michael Almereyda zeichnet den Laborversuch in seinem kaum weniger verstörenden und betont unkonventionellen Film nach. Geändert hat sich in den letzten Jahrzehnten nur wenig. Die Ergebnisse ließen auch unter veränderten Versuchsbedingungen immer den gleichen Schluss zu: Menschen sind bereit, einem unmoralischen Befehl zu gehorchen, wenn sie ihn von einer Autorität erhalten – erst recht, wenn Befehlshaber die volle Verantwortung für die möglichen Folgen übernehmen. Das Erschreckende: es waren keine Sadisten und Psychopathen, die lustvoll quälten, auch keine devoten Untertanen, sondern völlig normale Bürger aus allen sozialen Schichten, die sich gehorsam unterwarfen und bereit waren, andere Menschen zu bestrafen und notfalls zu töten, falls die Autorität dies verlangte. Nicht etwa wie willfährige Automaten, nein, viele der „Lehrer“ weinten, bettelten und schrien. Und sie flehten den Versuchsleiter an, das grausame Geschehen zu beenden – aber sie machten trotzdem weiter. Die meisten jedenfalls.
Dienstag, 25. Oktober 2016
The Walking Dead: Zu viel des Guten?
Insgesamt zwei Drittel der Twitter-Beiträge fielen negativ aus. Über 22% der Nutzer nannten die Show „crazy“, über 14% äußerten ihr Missfallen, 7% waren aufgebracht und empört. Der Rest empfand Trauer, Hass, nicht wenige mussten weinen, was keineswegs eine bei Canvs häufig verwendete Kategorie ist.
TWD Co-Executive Producer Greg Nicotero reagierte in einem Interview mit „The Hollywood Reporter“ nicht sonderlich überrascht. „If you kill a character and nobody cares, that means we haven't done something to connect our people to the characters. It's a tribute to every actor on our show that has perished“, kommentierte Nicotero die Ankündigung einiger Zuschauer, die Serie nicht länger sehen zu wollen.
Die Gründe liegen auf der Hand. „The Walking Dead“ hatte bereits in der Vergangenheit demonstriert, dass man die Tötung populärer Hauptfiguren als dramaturgische Waffe zu nutzen verstand: es war ein über die expliziten Splatter- und Gore-Effekte hinausgehendes Alleinstellungsmerkmal. Allerdings wich TWD diesmal nicht von Robert Kirkmans Comic-Vorlage ab, sondern setzte seine Programmatik 1:1 um. In der postapokalyptischen Geschichte kann keine Figur sicher sein, den nächsten Tag zu überleben.
Donnerstag, 6. Oktober 2016
Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten
Saoirse Ronan ist Eilis Lacey. Immer wieder nähert sich die Kamera von Yves Bélanger („Dallas Buyers Club“) der jungen Frau, die an der Reling des Schiffes steht und der neuen Heimat entgegensieht. Eilis’ Mimik drückt nachdenkliche Neugier aus, aber auch eine Verletzlichkeit, die zeigt, dass da jemand ein Wagnis eingeht, der genau weiß, was zurückgeblieben ist. Das sind die Mutter und ihre Schwester Rose.
Für Ellis selbst gab es keine Zukunft mehr in dem kleinen Nest im Südosten Irlands. Also hat sie eingewilligt, als der katholische Priester Father Flood (Jim Broadbent) auf Bitten von Rose die Überfahrt nach New York arrangierte. Und wie bei allen Immigranten, die in mehreren Wellen aus Europa nach Amerika gekommen sind, kommt auch bei Eilis das Prinzip Hoffnung ohne jegliche Kenntnis von dem zurecht, was in der neuen Heimat zu erwarten ist.
Der irische Regisseur Jim Sheridan hat die Konfrontation mit der Realität härter erzählt. „In America“ (2002) spielt im irischen Stadtteil „Hell’s Kitchen“ und erinnert an den sozialen Niedergang der irischen Einwanderer, die Gangkriminalität und die Gewalt. Sheridans Geschichte einer verzweifelten und illegal eingewanderten Familie ist realistisch. „Brooklyn“ ist auch eine Migrationsgeschichte, aber eine ohne politischen Subtext.
Dienstag, 27. September 2016
The Path
Es könnte Soap oder eine beliebige Telenovela sein: ein knapp 40-jähriger Angestellter verliert nach einer umfangreichen Schulung im Ausland den Glauben an die Corporate Identity seines Unternehmens – er entdeckt, dass der legendäre Firmengründer sterbend auf der Intensivstation liegt. Seiner Frau, die im mittleren Management des Unternehmens arbeitet, entgeht nicht, dass sich ihr Mann nach seiner Rückkehr regelmäßig mit einer Anderen trifft: ein Fall von Ehebruch? Ihr gemeinsamer Sohn soll nach der Schulausbildung ebenfalls in das expandierende Unternehmen eintreten – er lernt aber ein attraktives Mädchen kennen. Und die arbeitet für die Konkurrenz. Endgültig kompliziert wird die Sache dadurch, dass der charismatische Regionalchef des Unternehmens einen Machtkampf voller Intrigen anzettelt – er weiß, dass der große Boss bald abtritt und versucht nun, die Führungsrolle als CEO zu übernehmen. Schlimm nur, dass er auch in die Frau der Hauptfigur verliebt ist, dort aber nicht landen kann und auf ziemlich verklemmte Weise seine sexuellen Bedürfnisse bei einer jungen Angestellten befriedigt, die ihrerseits sexuell ziemlich manipulativ ist.
Muss man das sehen?
Montag, 12. September 2016
Stanislaw Lem und ‚seine‘ Filme
Essay und Annotationen zu „Solaris“
Vor 95 Jahren wurde der Philosoph und Schriftsteller Stanislaw Lem am 12. September im polnischen Lemberg geboren. Vielen ist Lem nur als Science Fiction-Autor bekannt, Lem sah sich in späteren Jahren nicht so, 1987 erschien sein letzter Roman. Allerdings nutzte er Fiction als Vehikel, um philosophische Fragen als Gegenstand empirischer Science zu diskutieren. „Solaris“ ist sein bekanntester SF-Roman. Welchen Nachhall dieses Buch hat, zeigen neben Hörspielen, Bühnenfassungen und sogar Opern auch die Verfilmungen: insgesamt dreimal wurde die Geschichte adaptiert, einmal für das russische Fernsehen, zweimal fürs Kino, und zwar von Andrej Tarkowski und Steven Soderbergh. Grund genug, um sich diese beiden Filme (die Lem übrigens verwarf) noch einmal gründlich anzusehen.
Solaris – das Buch
In seinen non-fiktionalen Büchern tauchten statt Kant und Hegel vielmehr Kybernetik, Informations- und Wahrscheinlichkeitstheorie auf. Auch als fiktionaler Autor blieb Lem Wissenschaftler. Auch in „Solaris“ ist das so, in anderen Büchern sogar noch prägnanter. Auf Steven Soderberghs gleichnamige Verfilmung reagierte er empört. Er schaute sich den Film nicht vollständig an. „Alles Interessante an meinem Roman bezog sich auf das Verhältnis der Menschen zu diesem Ozean als einer nicht-humanoiden Intelligenz – nicht auf irgendwelche zwischenmenschlichen Liebesgeschichten. Na, wenigstens haben sie mir ein anständiges Schmerzensgeld gezahlt.“
Da hatte er wohl Recht. Aber eben nicht ganz. Die Liebesgeschichte hat Lem in seiner Geschichte selbst platziert, für den Skeptiker und Pessimisten war sie wohl die beste Möglichkeit, die emotionalen, moralischen und wissenschaftlichen Grenzsituationen, in die seine Figuren geraten, plausibel vor Augen zu führen. Dass sich seine cineastischen Nachahmer keineswegs wie Adepten aufführten, sondern den Stoff für ihre Zwecke überwältigten, ist kaum eine Überraschung – die Textur von „Solaris“ war und ist bis heute einfach zu verführerisch, die epistemischen Fragestellungen sind so unsterblich wie der Planet Solaris. Was die Solaris-Verfilmungen anders gemacht haben, ist eines der Ziele dieser Untersuchung. Eine möglichst genaue Inhaltsangabe des Romans ist daher conditio sine qua non für einen kritischen Abgleich.
Der Psychologe Kris Kelvin fliegt zum Planeten „Solaris“, um einige Ungereimtheiten auf der wissenschaftlichen Raumstation zu überprüfen. Nach seinem Eintreffen erfährt er, dass sich sein Freund Gibarian unmittelbar vor seiner Ankunft das Leben genommen hat. Kelvin trifft nur noch den skurrilen Kybernetiker Snaut an, der abweisende Physiker Sartorius schließt sich meistens in seinem Labor ein. Nach kurzer Zeit stellt Kelvin fest, dass Gibarjan, Snaut und Sartorius Besuch von „Gästen“ bekommen haben. Der Gast des toten Gibarjan, eine fettleibige Schwarze, schlurft immer noch durch die Gänge. Über Snauts Nemesis erfährt man so gut wie nichts und Sartorius scheint ein Strohhut zu quälen.
Dass alle Menschen auf der Station sich in der Begegnung mit den „Gästen“ mit Schuldgefühlen auseinandersetzen müssen, wie vielfach in der Lem-Rezeption behauptet wird und was auch bei der Analyse der Verfilmungen meist unwidersprochen unterstellt wird, ist im Text nicht zweifelsfrei zu erkennen. Lem hüllt sich in dieser Sache in Schweigen.
Mittwoch, 24. August 2016
Trumbo
Bryan Cranston für die Rolle des Dalton Trumbo zu casten, war ein gelungener Schachzug. Dem „Breaking Bad“-Star folgt die Aura des moralisch Ambivalenten quasi auf dem Fuße. In Jay Roachs Film wird dieses Versprechen aber nicht restlos eingelöst, denn Cranstons Darstellung des berühmten Drehbuchautors Dalton Trumbo („Papillon“) ist weitgehend widerspruchsfrei und gradlinig. So will es das Script über den Scriptwriter. Das entspricht zwar nicht immer ganz den Fakten, ist aber politisch korrekt. Und zwar in dem Sinne, dass die Erinnerung an eine Ära der politischen Verfolgung durch Filme wie „Trumbo“ nicht verloren geht. Hängt man die Latte also so niedrig auf, dann ist „Trumbo“ eine ordentliche Einführungs-Lektion in die Geschichte der politischen Verfolgung in einem demokratisch verfassten Land. Das bedeutet aber nicht, dass „Trumbo“ ein politischer Film geworden ist.
Dienstag, 16. August 2016
The Eichmann Show (Der Fall Eichmann)
Am 11. April 1961 begann in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann. Angeklagt wurde der ehemaligen SS-Obersturmbannführer nach geltendem Völkerrecht wegen seiner „Verbrechen gegen die Menschheit“. Eichmann war als Referatsleiter im deutschen Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zuständig für die Deportation von ca. sechs Millionen Juden, aber auch Sinti und Roma, und damit auch mitverantwortlich für deren massenhafte Ermordung in den Vernichtungslagern. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gelang es dem 1906 in Solingen geborenen Eichmann in Deutschland und Österreich unterzutauchen, ehe er sich mit Hilfe des Vatikans 1950 über die sogenannte „Rattenlinie“ nach Südamerika absetzen konnte. 1960 wurde Eichmann nach abenteuerlicher Vorgeschichte vom israelischen Mossad aus Argentinien entführt und nach Israel gebracht. Dort wurde er zum Tode verurteilt und am 1. Juni 1962 gehängt.
Dienstag, 9. August 2016
Die Schüler der Madame Anne
Engagierter Trainer übernimmt ein Sportteam voller Loser, impft den Widerspenstigen nach vielen Mühen endlich Courage ein und macht sie zu Siegern.
Das ist die Erfolgsformel vieler US-Sportfilme, zuletzt hat es Niki Caro in „City of McFarland“ (2015) mit ihrem Hauptdarsteller Kevin Costner erstaunlich überzeugend vorgeführt. Und genauso funktioniert auch „Die Schüler der Madame Anne“ über weite Strecken. In dem Film der Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar („Willkommen in der Bretagne“, 2012) steht die Lehrerin Anne Guegen (Arian Ascaride) an vorderster Front. Ihre neue 11. Klasse steht zwei Jahre vor dem Abitur, präsentiert sich aber überwiegend desinteressiert und gehört zu den schwächsten des Leon Blum-Gymnasiums. Zerfallen in disparate Gruppen, mit Schülern aus unterschiedlichen Ethnien und Religionen, sind die Lustlosen nicht ansprechbar, hören Musik oder spielen mit dem Smartphone. Ausgerechnet diesen Verlierern aus einem Pariser Vorort schlägt die neue Klassenlehrerin vor, sich an einem nationalen Schulwettbewerb zu beteiligen. Das Thema lautet: "Les enfants et les adolescents dans le système concentrationnaire nazi" (Kinder und Jugendliche in den Konzentrationslagern der Nazis). Wie soll das gehen?
Samstag, 6. August 2016
Das große Geheimnis (Secrets of War)
An sich ist es ein idyllischer Sommer. Wir sind im Jahre 1943, in Holland. Der freche und abenteuerlustige Tuur (Maas Bronkhuyzen) und sein Freund Lambert (Joes Brauers) sind meistens draußen im Wald unterwegs. Es gibt die üblichen Rangeleien mit älteren Jungs und Lambert greift zur Zwille. Der Schuss sitzt, die beiden Jungen können fliehen und suchen in einer weitläufigen Höhle Schutz. Dort kennen sie jeden Winkel.
Komisch sind in diesem Sommer nur die Männer in den grauen Uniformen, die ihnen gelegentlich den Weg versperren: „Sperrgebiet!“. Und Tuur kann auch nicht so richtig verstehen, warum ihm seine Eltern das Spielen in der Höhle verbieten. Und das ohne Erklärung. Sogar Tuurs Bruder scheint mehr zu wissen, sagt aber kein Wort. Und dann werden auch noch Erwachsene von den Männern in Grau in Autos gezerrt, sogar ein Priester ist darunter. Und während der Sonntagspredigt erinnert der Pfarrer an all die verschwundenen Menschen des Dorfes, die nicht vergessen werden dürfen. „Sie gehören zu uns!“ Tuur entgeht nicht, dass der Vater seines besten Freundes Lambert angewidert das Gesicht verzieht. Dabei ist der doch als Bürgermeister der Boss des Dorfes und müsste doch dagegen etwas unternehmen können.
Freitag, 22. Juli 2016
Serien für feuchte Sommertage - Teil 5
Platz 1: 11.22.63 (Der Anschlag) – Serie mit Kinolook
Kein Zweifel: Nicht nur der US-Markt wird mit Serien geflutet, die meisten Produkte landen meist ohne Verspätung auch im deutschen Pay TV und bei Video-on-Demand-Vermarktern. Im dem großen Gedränge die Perlen zu finden, ist nicht einfach. Mit der Adaption von Stephen Kings „11/22/63“ (dts. Der Anschlag) scheint Hulu aber der große Wurf gelungen zu sein: die 8-teilige Mini-Serie bietet neben einer gut erzählten Geschichte auch einen überwältigend tollen Look: „11.22.23“ sieht aus wie opulentes Kino und landet daher auch auf Platz 1 meiner fünfteiligen Rezension "Serien für feuchte Sommertage".
Wie lange der Serien-Boom anhält, kann niemand so richtig einschätzen, aber die US-Networks, das Cable TV oder VoD-Anbieter wie Hulu, die den Durchbruch noch nicht geschafft haben, suchen eigentlich immer händeringend nach Stoffen mit Alleinstellungssmerkmal. Da greift man gerne zum Bewährten und es darf auch ein Remake dabei sein. Mehr als zwei Dutzend Stephen King-Verfilmungen für Kino und TV sind derzeit in Arbeit. Unter anderem plant Cary Fukunaga („True Detective“, Season 1) eine Neuverfilmung des King-Klassikers „Es“.
Produziert wurde „11.22.23“ u.a. von J.J. Abrams Produktionsfirma Bad Robot Productions. Abrams, der auch als Executive Producer an der Umsetzung beteiligt war, holte mit Bridget Carpenter einen Partner für die Scriptentwicklung mit ins Boot. Carpenter ist im Wesentlichen auch Showrunner der Serie, die in Deutschland bei FOX und SKY zu sehen war.
Erzählt wird die Geschichte des High-School-Lehrers Jake Epping (James Franco, u.a. „The Interview“), der im Diner seines Freund Al Templeton (Chris Cooper) eine verblüffenden Entdeckung macht: der Burger-Bruzzler verbirgt in seinem Abstellraum ein Zeitportal und versucht Jake davon zu überzeugen, zurück in die Vergangenheit zu reisen, um dort am 22. November 1963 in Dallas das Attentat auf John F. Kennedy zu verhindern.
Montag, 18. Juli 2016
Serien für feuchte Sommertage - Teil 4
Platz 2: Wayward Pines – atmosphärisch dicht und geheimnisvoll
Wer in Wayward Pines lebt, muss sich an drei Regeln halten: „Sprechen Sie nie über die Vergangenheit. Beantworten Sie stets das Telefon. Arbeiten Sie hart und seien Sie glücklich.“ Das verheißt nichts Gutes, besonders wegen der Sache mit dem Telefon.
„Wayward Pines“ ist die TV-Adaption der „Wayward Pines Trilogy“ von Blake Crouch, der in den Jahren 2012-2014 mit „Pines“, „Wayward“ und „The Last Town“ einen beachtlichen Erfolg im Mystery-Genre verbuchen konnte. Mit FOX sicherte sich ein großes Network die Rechte, und das bedeutete aufgrund der Zensurbestimmungen in den Staaten eine eher familien-kompatible Adaption (1).
Entwickelt wurde die TV-Serie von Chad Hodge und M. Night Shyamalan, dessen temporärer Karriereknick nicht nur durch „The Visit“ (2015), sondern eben auch durch „Wayward Pines“ beendet wurde. Neben Hodge und Shyamalan gehörte u.a. auch Blake Crouch zu den Exekutive Producern der Serie.
„Wayward Pines“ ist ein Genremix: Mystery, Science-Fiction, Dystopie. Also etwas „Twilight Zone“, eine Prise „Twin Peaks“, ein Schuss „Akte X“ und – wie bei den meisten dystopischen Stoffen – deutliche Referenzen zu Aldous Huxleys „Brave New World“, einem Buch, das mittlerweile in jeder Kino-Teenie-Dystopie kräftig ausgeweidet wird.
Samstag, 16. Juli 2016
Toni Erdmann
Die ersten Lacher im Kino gibt es bereits am Anfang. Winfried Conradi (Peter Simonischek) öffnet einem Paketzusteller die Tür und verwickelt den Ärmsten in ein umständliches Gespräch. Der wird, natürlich unter Zeitdruck stehend, immer nervöser. Aber sein Kunde ruft ins Haus hinein nach seinem Bruder, der sei der Empfänger, dann verschwindet er kurz und dann steht tatsächlich ein zotteliger Typ mit Überbiss vor dem ungeduldigen Zusteller und quittiert den Empfang mitsamt einem fetten Trinkgeld.
Natürlich gibt es den Bruder nicht. Winfried, der pensionierte Musiklehrer hat sich mit ein paar Requisiten passend verwandelt und hat einen Heidenspaß an der Sache. Das Gebiss, das ihn zum trotteligen Kauz macht, trägt Conradi in der Brusttasche seines Hemdes herum. Er schiebt es sich immer in den Mund, wenn es notwendig ist. Und das wird oft der Fall sein.